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Lesementorin werden: ein Kind, eine Stunde, ein Schuljahr lang

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Podcast · Folge 104

Lesementorin werden: ein Kind, eine Stunde, ein Schuljahr lang

Julia Danner über das Ehrenamt bei MENTOR, den Büchertauschschrank zum 40. Geburtstag – und warum sie ihre Lesestunden inzwischen mit ChatGPT vorbereitet

24. April 2025 · 52 Minuten · Ganze Folge hören ↓

Der Einstieg ist bei uns immer eine gedankliche Reise: Wo sitzen wir gerade zusammen, und welches Getränk hast du uns mitgebracht? Julia Danner wählt einen Platz unter dem blühenden Kirschbaum – und dazu unseren eigenen Signature Drink, den sie schon auf ihrer Geburtstagsparty ausgeschenkt hat. Aufgenommen haben wir digital.

Porträt von Julia Danner

Julia Danner

Bloggerin bei »Jules kleine Freuden« und ehrenamtliche Lesementorin

Julia bloggt seit 2009 – anfangs unter einem anderen Namen, seit einigen Jahren als »Jules kleine Freuden«. Sie beschreibt sich selbst als »lebensfrohe Kommunikationswirtin aus der Nähe von Köln« und sammelt auf ihrem Blog die kleinen Alltagsfreuden: Literatur, DIY, Florales, Familienthemen. Sie lebt in Leichlingen, engagiert sich im Förderverein der Stadtbücherei und ist seit gut einem Jahr ehrenamtliche Lesementorin. Bei »Mädels, die lesen.« ist sie Teil der Community.

Ein Büchertauschschrank zum 40. Geburtstag

Der Anlass für dieses Gespräch war Julias Geburtstagsparty – genauer: das, was mitten im Wohnzimmer stand. Sie hatte sich ein drehbares Bücherregal besorgt und in die Einladung geschrieben, dass jeder gern Bücher mitbringen und sich dafür etwas anderes mitnehmen darf.

Es hat funktioniert: Etliche der rund 60 Gäste brachten Bücher mit, eine Cousine kam gleich mit zehn und nahm fünf wieder mit. Julia selbst hat sich zwei, drei herausgeholt, die sie noch nicht kannte. Der Schrank ist bis heute gut gefüllt – auch mit Titeln aus unseren letzten Leserunden, gekennzeichnet mit unseren Aufklebern.

Wichtig ist ihr dabei nur eins: Es ist kein Eins-zu-eins-Tausch. Wer fünf Bücher mitnehmen möchte, darf das, ohne etwas dazulassen.

Ihr Satz dazu: Sie sei total froh, wenn die Bücher in gute Hände kommen – zurück brauche sie keins davon. Beschenkt wurde sie trotzdem: Sie hatte vorher eine digitale Wünschliste an alle Gäste geschickt und rund 30 Bücher davon bekommen.

Warum kein Schrank am Gartenzaun steht

Ihr eigentlicher Wunsch ist ein öffentlicher Büchertauschschrank auf dem eigenen Grundstück – frei zugänglich, am Weg. Dass er nicht dort steht, hat einen sehr praktischen Grund: Ihr Haus liegt an einem Wander- und Schulweg, und mit Vandalismus und Müll im Vorgarten haben sie schon Erfahrung. Die Sorge, dass so ein Schrank vollgestellt oder zerstört wird, war größer als die Lust darauf.

Die öffentlichen Schränke in ihrer Stadt werden deshalb vom Förderverein der Bücherei betreut – inklusive Aussortieren, weil regelmäßig hineingestellt wird, was da nicht hingehört. Was in einem Bücherschrank liegen bleibt und was verschwindet, ist übrigens ein Thema, das wir an anderer Stelle noch einmal genauer angeschaut haben.

Wie man Lesementorin wird

Der zweite Teil des Gesprächs führt in ein Ehrenamt, das viele noch nie gehört haben. Julia ist Lesementorin – im Verband heißt die Rolle Leselernhelferin. Getragen wird das vom LESEMENTOR Bundesverband e. V. mit Sitz in Köln, zu dessen Schirmherr*innen unter anderem der Philosoph Richard David Precht gehört. Der Verband beziffert das Problem, um das es geht, deutlich: 25 Prozent der Kinder können nicht ausreichend lesen.

Julia nennt die Struktur so, wie sie sie zur Aufnahme kannte: über 300 Mentorvereine in Deutschland, davon 120 im Bundesverband organisiert, allein 47 in Nordrhein-Westfalen. Wer mitmachen will, findet über die Postleitzahlensuche auf der Verbandsseite den nächstgelegenen Verein.

Ihr eigener Weg dorthin war unspektakulär: Sie hatte im Radio davon gehört, gesehen, dass eine andere Bloggerin das macht, und wollte – jetzt, wo ihre Kinder größer sind – noch einmal ein sinnstiftendes Ehrenamt. Die Postleitzahlensuche spuckte einen Verein direkt vor der Haustür aus.

Die Hürde, sagt sie, ist gering: eine Infoveranstaltung, dann ein eintägiger Qualifizierungskurs, die Grundqualifizierung. Danach hat man einen ganzen Packen Material, einen Mentorenausweis für die Bücherei mit längeren Ausleihfristen und Zugriff auf ein eigenes Regal – mit ukrainisch-deutschen und arabischen Bilderbüchern, Bildkarten, Handpuppen, Schleichtieren, Minecraft- und Legofiguren.

Ein Kind, eine Stunde, ein Schuljahr lang

Das Prinzip ist streng eins zu eins: ein Kind, eine Stunde pro Woche, mindestens ein Schuljahr lang, aus dem Regelunterricht heraus. Der Verein übernimmt Organisation, Ausbildung und den Kontakt zu den Schulen, die Bedarf anmelden.

Julia grenzt das ausdrücklich ab: Es ist keine Nachhilfe, und es ist auch nicht die Aufgabe der Mentor*innen, Kinder zu alphabetisieren – dafür gibt es eigene Ausbildungen. Es geht darum, Kindern, die unser Alphabet schon kennen, die Freude am Lesen zurückzubringen. Und es ist etwas anderes als die Aktionen zum Vorlesetag oder die Lese-Omas: Dort geht es ums Vorlesen in der Gruppe, hier um eine Beziehung, die über ein Schuljahr wächst.

In ihrem Kreis sind es rund 70 Mentor*innen, verteilt auf mehrere Städte. Viele davon sind gerade in Rente gegangen und kommen aus dem pädagogischen Bereich; manche betreuen zwei oder drei Kinder – aber immer nacheinander, nie zwei in derselben Stunde.

Wenn der Text zum Kind kommt

Julias Lesekind ist in der dritten Klasse und Minecraft-Experte. Am Anfang haben die beiden einen kleinen Fragebogen gegenseitig ausgefüllt; seitdem sucht sie Material, das zu seinen Interessen passt. Erstlesebücher funktionieren gut, weil Bildanteil und Textstruktur schnellere Erfolge erlauben.

Ein ganzes Buch findet sie für eine Stunde pro Woche schwierig – nach sieben Tagen weiß niemand mehr, worum es im letzten Kapitel ging. Deshalb bereitet sie die Stunde inzwischen mit ChatGPT vor: eine Geschichte mit dem Namen des Kindes, mit Minecraft, Obsidian und einem Eisengolem; Anweisung, alle Nebensätze wegzulassen und Schachtelsätze zu vermeiden; dazu zehn Verständnisfragen. Das Ganze in ein Word-Dokument, Schriftgröße anpassen, zwei, drei Minecraft-Bilder dazu.

Das Ergebnis ist an den Fortschritten ablesbar: Aus abgehacktem Silbenlesen ist flüssiges Lesen geworden. Ihr Ritual sind eine Wortschatzkiste für schwierige Wörter und zum Schluss ein Rätsel. Und irgendwann fragte das Kind, ob sie seine Geschichte unterschreiben könne – so wie Autor*innen das bei Lesungen tun. Die hat es dann stolz dem Lehrer und den Eltern gezeigt.

Mehr als Leseförderung

Was Julia am meisten daran liegt, ist gar nicht die Lesekompetenz allein. Ihr Lesekind ist eher introvertiert und bekommt einmal pro Woche eine Stunde, in der jemand nur für es da ist – und in der es mit seinem Wissen glänzen darf.

Mit jemandem über ein Thema zu diskutieren, für das man brennt – das findet im normalen Schulalltag kaum statt.Julia Danner

Helen knüpft daran eine eigene Erfahrung: Sie hatte selbst lange Schwierigkeiten in der Schule, über einen so langen Zeitraum, dass sie heute manchmal noch in dieses Gefühl zurückfällt. Genau deshalb, sagt sie, könne sie sich gut vorstellen, was so ein wöchentliches Erfolgserlebnis mit einem Kind macht.

Wann liest man, wenn der Tag voll ist?

Die Frage drängt sich auf: Blog, Ehrenamt, Förderverein, Familie – wann bleibt Zeit fürs eigene Lesen? Julias Antwort ist eindeutig: jeden Abend im Bett. Es gibt vielleicht eine Handvoll Tage im Jahr, an denen sie das nicht macht. Sie kann inzwischen sogar bei laufendem Fernseher lesen, ohne Kopfhörer.

Dazu kommt die zweite Hälfte ihrer Strategie: immer ein Buch dabei. Im Auto vor dem Training, beim Arzt, in der Kaffeelänge. Wenn sie ihr Kind zum Training bringt, fährt sie gar nicht erst nach Hause, sondern setzt sich mit dem Buch in die Sonne.

Genau daraus wird der praktische Tipp der Folge: Wer wieder ins Lesen kommen will, muss keinen großen Rahmen schaffen. Fünf Minuten, die sonst am Handy verschwinden, reichen als Anfang. Und wenn ein Buch nach 30 Seiten nicht packt, bricht Julia ab – ähnlich wie wir es später noch einmal ausführlicher besprochen haben.

Bücher weitergeben statt sammeln

Julia hat kein Bücherregal mehr. Sie behält vielleicht zehn Bücher – absolute Lieblinge und signierte Exemplare von Lesungen. Alles andere geht weiter, sobald sie es gelesen hat. Ihr Argument: Wenn man die Entscheidung einmal grundsätzlich trifft, muss man nicht bei jedem einzelnen Buch neu überlegen.

Vieles davon liest sie ohnehin in der Bücherei, die sie als sehr gut sortiert und aktuell beschreibt – deshalb kauft sie gar nicht so viele neue Bücher selbst.

Und dann gibt es noch den kleinen Unterschied, an dem sich in unserer Community regelmäßig die Geister scheiden: Julias Bücher sehen aus wie neu, Helens sieht man an, dass sie gelesen wurden. Beides ist in Ordnung – nur weitergeben lässt sich das eine leichter als das andere.

Das Buch aus der Folge

In dieser Folge geht es weniger um Titel als um das Lesen selbst. Ein Buch kommt trotzdem vor: das, über das wir am Abend vorher in der Buchbesprechung gesprochen haben.

Buchcover »Nie, nie, nie« von Linn Strømsborg

Nie, nie, nie

Linn Strømsborg

Unser gemeinsames Buch zur Zeit der Aufnahme – die Buchbesprechung war am Abend zuvor. Julia hatte es schon ein Jahr vorher gelesen und für den Termin bewusst nicht noch einmal.

Bei Thalia ansehen *

*Mit Sternchen markierte Links sind Affiliate-Links: Kaufst du darüber, erhalten wir eine kleine Provision. Für dich ändert sich am Preis nichts.

Wenn du schon mal überlegt hast, ob du etwas mit Büchern ehrenamtlich machen könntest, aber nicht wusstest, wie so etwas aussieht: In dieser Folge erzählt Julia genau das – von der eintägigen Qualifizierung bis zu der Stunde, auf die sich ihr Lesekind jede Woche freut.

Die ganze Folge hören

Häufige Fragen

Was macht eine Lesementorin?

Sie liest einmal pro Woche eine Stunde lang mit einem einzelnen Kind – in der Schule oder direkt danach, mindestens ein Schuljahr lang. Es ist keine Nachhilfe und keine Alphabetisierung, sondern soll Kindern, die lesen können, die Freude daran zurückbringen. Der örtliche Verein organisiert die Zuordnung und hält den Kontakt zur Schule.

Wie wird man Lesementor*in?

Über die Postleitzahlensuche auf der Seite des LESEMENTOR Bundesverbands findet man den nächstgelegenen Verein. Dort gibt es Infoveranstaltungen und einen eintägigen Qualifizierungskurs, die Grundqualifizierung. Danach bekommt man Material, einen Mentorenausweis für die Bücherei und die Vermittlung an eine Schule. Julia beschreibt die Hürde als gering.

Was ist der Unterschied zu Vorlesepat*innen und Lese-Omas?

Vorlese-Aktionen, etwa zum Vorlesetag im November, richten sich an Gruppen und sind einmalig oder unregelmäßig. Lese-Omas lesen ebenfalls vor, meist in kleinen Gruppen. Beim Mentor-Programm liest das Kind selbst, es ist immer dieselbe Person, immer eins zu eins – und es ist auf mindestens ein Schuljahr angelegt.

Wie viel Zeit kostet das Ehrenamt?

Eine feste Stunde pro Woche während der Schulzeit, dazu Vor- und Nachbereitung. Julia legt sich die Stunde in die Mittagspause. Wer flexibler ist, betreut manchmal zwei oder drei Kinder – dann aber nacheinander, nie mehrere gleichzeitig.

Darf man privat einen Büchertauschschrank aufstellen?

Julia hat sich bewusst dagegen entschieden, obwohl sie es sich lange gewünscht hat: Ihr Grundstück liegt an einem Wander- und Schulweg, und die Erfahrung mit Vandalismus und Müll war abschreckend. Die öffentlichen Schränke in ihrer Stadt werden vom Förderverein der Bücherei betreut und regelmäßig aussortiert – ohne Pflege füllt sich so ein Schrank schnell mit Dingen, die niemand mehr lesen will.

Wie funktioniert eine Buchtauschbörse auf einer Feier?

In die Einladung schreiben, dass jede*r gern gelesene Bücher mitbringen darf, und ein Regal oder einen Tisch dafür bereitstellen. Kein Zwang zum Eins-zu-eins-Tausch: Wer mehr mitnehmen möchte, als er gebracht hat, darf das. Bei Julia kamen so von rund 60 Gästen etliche Bücher zusammen – der Schrank ist Monate später noch gut gefüllt.

Die ganze Folge zum Nachlesen

Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme.

Helen
Herzlich willkommen Julia. Ich freue mich sehr, heute mit dir über Gott und die Welt zu sprechen. Wir haben uns gerade schon gut verquatscht. Wir haben das vor allen Dingen überlegt, weil du bei deinem Geburtstag im Grunde eine Buchtauschparty gemacht hast und weil du Lesementorin bist. Und ich habe immer das Gefühl, man könnte dir einfach folgen für alle möglichen Literaturveranstaltungen – du kennst dich hier aus. Wir sprechen also wahrscheinlich über alles Mögliche. Aber bevor wir damit starten, habe ich zwei Fragen an dich. Wo sind wir gerade und welches Getränk hast du uns mitgebracht?

Julia
Heute ist herrlicher Sonnenschein und es blühen hier die Kirschen. Deshalb sitzen wir gerade unter dem Kirschblütenbaum und stoßen mit unserem Signature Drink von Mädels, die lesen, an.

Helen
Ich finde das richtig schön, dass du den mitgebracht hast. Farblich passt er auch zur Blüte. Hattest du den gestern Abend auch?

Julia
Nein, und dann habe ich vergessen, das zu sagen.

Helen
Wie blöd. Aber es freut mich umso mehr.

Julia
Ich hatte ihn auf meiner Party, und er ist sehr gut angekommen.

Helen
Oh, das ist ja cool. Ich habe noch die Tage gedacht, wir brauchen eigentlich Rezeptkarten dafür. Ja. Aber sehr schön, dann stoßen wir mit dem Signature Drink unterm Kirschbaum an.

Julia
Bei dir in Bonn ist ja gerade auch Kirschblüte, oder?

Helen
Das ist gerade das Happening in Bonn. Es war wirklich voll am Wochenende.

Julia
Ich habe es auch gehört.

Helen
Ich wohne jetzt nicht mehr in der Ecke, aber es wurde, glaube ich, sogar gesperrt – zumindest für Autos. Also es wird immer mehr. Aber ja, ich liebe halt Kirschbäume. Ich kann schon verstehen, warum alle da hinkommen. Für alle, die es nicht kennen: Das ist gefühlt das Highlight in Bonn. Zwei Straßen, die wirklich krass blühen. Man muss einfach mal Kirschblüte in Bonn eingeben. Das ist wie so ein Tunnel in Pink, durch den man dann läuft. Das ist auch eine andere Sorte, die blüht ein bisschen später als viele andere Kirschbäume – und eben pink. Ja, und es zieht Touristen an ohne Ende. Und viele Influencer, glaube ich. Genau, die dann mit drei Outfits kommen, wahrscheinlich noch mehr, und dort ihre Shots machen. Aber ja, kann ich auf jeden Fall nachvollziehen.

Julia
Ich habe einen geheimen Tipp für dich. Es ist oben nicht ganz so geschlossen wie in Bonn – aber dafür ist da einfach niemand. Oberwinter heißt das, glaube ich. Da fahren wir manchmal lang, wenn wir Richtung Koblenz unterwegs sind.

Helen
Ich habe ja keine Orientierung – Königswinter sagt mir was, Oberwinter?

Julia
Nee, ich glaube, es heißt Oberwinter. Und es gibt, glaube ich, sonst nichts, was einen dahin ziehen würde. Ein bisschen weiter kommt dann Remagen. Man fährt da am Rhein entlang. Und da ist auch so eine Allee aus Kirschblüten – aber da ist gar nichts los. Wenn du die Shots für Instagram brauchst, fahr vielleicht besser dahin. Wir sind ja hier sehr verwöhnt, weil wir in der Blütenstadt leben und die heißt tatsächlich so, weil es ja hier ganz viele Obstbauern und Obstwiesen und Plantagen gibt. Deshalb leben wir gerade mitten in der Obstbaumblüte. Den Bergischen Obstweg laufe ich im Moment morgens sehr gerne, so eine Fünf-Kilometer-Runde. Durchs Bergische, durch die Felder, zwischen den Streuobstwiesen vorbei – und die blühen jetzt natürlich auch alle. Das ist keine Allee, nicht so instagrammable – aber schön. Deshalb sind wir hier sehr verwöhnt.

Helen
Irgendwie habe ich das Gefühl, wir sind ein bisschen seelenverwandt. Zu der Zeit, als ich noch Kleinstadtliebe hatte – den Blog betreibe ich schon seit Jahren nicht mehr –, habe ich auch immer nach Sachen geschaut, die man hier machen kann. Wir hatten vor Kurzem unsere Tea Time, und was du da alles erzählt hast – und eben auch schon im kurzen Vorgespräch –, finde ich unglaublich. Und so bin ich auch: Ich liebe es, Neues zu entdecken und auszuprobieren. Wir wohnen ja beide in der Nähe und kriegen mit, was hier in der Gegend passiert. Aber wenn ihr wissen wollt, was es an Literaturveranstaltungen gibt, kann ich Julias Instagram-Account nur empfehlen. Vielleicht sagst du jetzt einfach schon mal kurz, wie der heißt, damit man es nachschauen kann.

Julia
Sehr gerne. Ich blogge tatsächlich seit 2009, also schon richtig lange – unter Jules kleine Freuden, bei Instagram alles zusammengeschrieben. Und ich zeige auf meinem Blog immer kleine Schnipsel von dem, was mein Herz zum Tanzen bringt. Das sind natürlich viele Literaturthemen, aber auch Florales, Familienthemen, Produkte, Sachen, die mich begeistern. Im Grunde war Kleinstadtliebe auch einfach alles, was ich gerne mag – so ist das bei mir auch entstanden. Mal mehr, mal weniger, wie das eben so ist, je nach Zeit, Lust und Contentproduktion. Über so einen langen Zeitraum ist das aber Wahnsinn.

Helen
Warum ich dachte, darüber müssen wir unbedingt im Podcast sprechen: Du hast Geburtstag gefeiert und dabei etwas gemacht, das ich vorher nur einmal gesehen hatte. Eine Buchtauschbörse: Alle sollten Bücher mitbringen, und dann wurde getauscht. Du hattest auf jeden Fall auch noch ein richtiges Drehregal – du hast das auf ein neues Level gehoben.

Julia
Richtig. Mein großer Wunsch ist ja schon immer, auf unserem Grundstück einen kleinen Büchertauschschrank aufzustellen. Ich sehe das tatsächlich hier oft im Bergischen, dass es Leute privat machen. Wir haben natürlich auch öffentliche in der Stadt und an der Bücherei, die vom Förderverein der Bücherei gepflegt werden und zentral erreichbar sind. Aber auf kleineren, abgelegenen Grundstücken oder an Wanderwegen sehe ich das öfter – oder dass sonntags ein Tisch vor die Tür gestellt wird, auf dem „zu verschenken“ steht und Bücher liegen. Das finde ich total toll, und ich kann an keinem privaten Büchertausch vorbeigehen – da muss ich erst mal durchschauen. Ich hätte mir das sehr gewünscht. Wir wohnen an einem Wanderweg – aber leider auch an einem Schulweg. Das bedeutet, dass wir immer wieder ein Problem mit Vandalismus und Müll im Vorgarten haben – und die Sorge, dass so ein Schrank nicht gepflegt, sondern vollgestellt oder zerstört wird. Dann habe ich mir gedacht, ich erfülle mir diesen Wunsch selber zum Geburtstag. Ich habe ein drehbares Büchertauschregal ins Wohnzimmer gestellt. Dann in der Einladung geschrieben, dass jeder, der Bücher hat, die gerne mitbringt, und sie in den Büchertauschschrank stellt – und sich natürlich auch etwas mitnehmen darf. Fazit: Es hat echt gut geklappt. Das haben echt einige von den 60 Gästen Bücher mitgebracht und da reingestellt. Zwei, drei habe ich mir auch rausgeholt, die ich noch nicht kannte und gerne lesen wollte. Andere trafen nicht so meinen Lesegeschmack oder kannte ich schon. Und einige Bücher sind auch wieder mitgenommen worden, aber es sind auch noch mehr als die Lesenbücher da drin, aus den Lastenläserunden, die euch natürlich alle mit einem Mädels, die lesen, Aufkleber gekennzeichnet. Sehr gut. Und es warten noch einige Bücher auf neue Leser*innen. Das ist echt cool.

Helen
Also im Grunde stand in der Einladung bringen ein Buch mit, das getauscht wird.

Julia
Oder mehrere Bücher, genau. Das war sehr unterschiedlich. Meine Cousine kam mit zehn Büchern. Ich glaube, die hat auch wieder fünf mitgenommen. Die eine oder andere Freundin kam mit einem oder zwei Büchern, die sie gerade gelesen hatte, und hat sie reingestellt. Ja, Klassiker, aber auch Bücher, die ich auch nicht kannte. Richtig spannend, da in den Austausch zu gehen. Der Schrank ist aber immer noch gut gefüllt. Und ich werde mir mal was für unsere Schmökerrunde überlegen.

Helen
Wir haben ja in der WhatsApp-Community auch eine Gruppe zum Büchertauschen. Aber ich weiß nicht, ob du für jedes Buch eines zurückhaben willst – wahrscheinlich nicht.

Julia
Das muss kein eins-zu-eins-Tausch sein. Ich bin total froh, wenn die Bücher in gute Hände kommen. Wenn jemand fünf davon lesen möchte, ist das völlig in Ordnung. Ich brauche auch keins davon zurück. Ich hatte eine digitale Bücher-Wunschliste erstellt und die an alle Gäste geschickt. Ich habe, glaube ich, 30 neue Bücher davon bekommen – ich bin also gut versorgt. Ja krass, voll gut. Deshalb bin ich überhaupt nicht auf einen Eins-zu-eins-Tausch aus. Im Sinne der Nachhaltigkeit finde ich es einfach schön, wenn die Bücher in gute Hände kommen und genossen werden.

Helen
Wir hatten das ja auch schon ein paarmal – bei einer Haushaltsauflösung ging es auch nicht ums Tauschen, sondern einfach darum: Ich habe Bücher, wenn jemand möchte.

Julia
Beim Büchertauschschrank ist das genauso: Wenn mich zwei Bücher interessieren, nehme ich zwei mit, oder fünf. Heute Mittag habe ich noch ein Kinderbuch für meinen Sohn gefunden. Es kommt eben immer darauf an, ob es gerade passt. Ja voll gut. Genau.

Helen
Und die Party war ein voller Erfolg – wahrscheinlich nicht nur wegen des Büchertauschschranks.

Julia
Es gab natürlich nicht nur den Büchertauschschrank, sondern noch ganz viele andere Überraschungen. Ich habe eine 90er-Jahre-Party gemacht und ein Jahr lang 90er-Sachen gesammelt: alte Skateboards, Gameboys. Keine Lavalampe, sondern diese Leuchten mit den Drähten, an denen kleine Lichtpunkte sitzen. Meine alten Beverly-Hills-90210-Sammelkarten habe ich gefunden, alte Diddl-Mäuse, Stickeralben, Freundebücher – alles, was unser Herz in den 90ern höher schlagen ließ. Dazu eine Candybar mit Lutschern und Brauseketten. Man konnte sich eine Tüte füllen – eine kleine Zeitreise. Und eine 90er-Jahre-Rede habe ich für meine Gäste geschrieben. Es gab eine Fotoecke, für die ich selbst einen Gameboy gebastelt und das Display ausgeschnitten habe, sodass man sich damit fotografieren konnte. Dazu Fotoprops, alles in Neon – ich hatte Schwarzlicht, das heißt, alles leuchtete richtig im dunklen Wohnzimmer. Wir haben alle Möbel aus dem Haus geräumt und bei der Stadt unterstellen dürfen. Das nenne ich Commitment – das ist wirklich Partyplanung. Mein absolutes Highlight und die größte Überraschung hat mir mein Mann bereitet. Ich kenne ihn seit etwa zwei Jahren: einen Singer-Songwriter aus Köln, Ben Randerath. Er spielt oft als Vorband für kölsche Bands und war hier auch schon auf dem Stadtfest und auf dem Weihnachtsmarkt. Er kommt mit seiner Gitarre und macht Coverversionen von 90er-Liedern und kölscher Musik. Und den hatte mein Mann für ein Wohnzimmerkonzert beauftragt. Er hat dann wirklich 30 Minuten für uns gesungen und alle haben mitgesungen. Ich musste am Ende auch noch ein Duett mit ihm singen, ganz unvorbereitet. Aber es war richtig, richtig schön. Ich war ganz, ganz glücklich über diese Überraschung.

Helen
Boah, wenn man dir zuhört, kriegt man richtig Lust – ich habe so lange keinen Geburtstag mehr gefeiert.

Julia
Ich bin jetzt auch durch, das kann kein Geburtstag mehr toppen. Das war der letzte, den ich gefeiert habe, sage ich dir.

Helen
Aber du könntest das ganze Equipment, das du über ein Jahr gesammelt hast, jetzt eigentlich als 90er-Party-Props vermieten. Oder bist du jetzt Partyplanerin?

Julia
Steht auch noch auf meiner To-do-Liste. Irgendwann sind meine Kapazitäten aber erschöpft. Ich mache stattdessen Tauschpartys. Ich habe direkt in die Gruppe geschrieben, ob jemand eine 90er-Party macht – da hat sich eine gemeldet, im Mai ist wieder eine Tauschparty, und dann bekommt sie die ganze Tasche. Es bleibt also alles im Kreislauf.

Helen
Also das ist ja echt eine coole Idee.

Julia
Ja, das war gut.

Helen
Aber gerade den Aspekt mit der Buchtauschbörse kann man ja total leicht integrieren. Also vielleicht probieren das einfach auch mal ein paar Leute aus. Weil, wie du sagst, Leute ganz andere Sachen mitbringen als das, was einem selbst gefällt – so kommt man auf neue Ideen. Ja.

Julia
Vielleicht mache ich das auch nochmal. Ja.

Helen
Ich könnte mir auch vorstellen, wenn ich das hier alles ausmiste mal irgendwann.

Julia
Ich habe tatsächlich kein Bücherregal mehr – ich behalte nur ganz wenige Bücher. Ich lese nie ein Buch doppelt, genau wie du. Wir hatten gestern die Buchbesprechung zu Nie, nie, nie. Ich hatte es vor einem Jahr gelesen und habe es für den Termin nicht noch einmal gelesen. Ich habe ganz wenige Bücher, die wirklich meine absoluten Lieblingsbücher sind – oder die signiert sind, weil ich auf einer Lesung war. Die behalte ich natürlich. Aber das sind vielleicht zehn, im Nachtschrankregal. Alle anderen gebe ich weiter, sobald ich sie gelesen habe. Ja.

Helen
Es erleichtert alles, wenn man die Entscheidung einmal getroffen hat: Wenn ich es gelesen habe, gebe ich es weg. Dann muss ich nicht bei jedem Buch einzeln überlegen.

Julia
Grundsätzlich geht jedes Buch weiter, wenn ich es gelesen habe.

Helen
Aber da habe ich immer das Gefühl, ganz viele denken: Oh mein Gott, wie kann man das machen?

Julia
Aber meine Bücher sehen wirklich aus wie neu. Darüber hatten wir auf der Messe auch eine spannende Diskussion. Ich lese gerne Bücher mit Kommentaren oder Zetteln darin – so etwas mache ich selbst aber nicht.

Helen
Ich bin halt auch total schusselig: Wenn ich nicht aufpasse, gehe ich mit Fettfingern ran oder verschütte den Tee, den ich dabei trinke. Und der Buchrücken leidet bei mir schnell – ich muss das Buch ja auch richtig aufschlagen können.

Julia
Bei deinem Geburtstag fand ich das so faszinierend – gefühlt öffnet man das Buch dann ja gar nicht richtig. So sieht ein Buch bei mir eben aus. Reinschreiben tue ich auch nichts.

Helen
Das hat mich bei der Podcast-Folge richtig schockiert. Ich hatte das Gefühl, der Saal war sich da einig: Schlagt die Bücher auf!

Julia
Bei mir sieht man, dass ich sie gelesen habe – das ist auch völlig okay. Meine kann man dagegen weiterverschenken oder verkaufen, sie sehen aus wie neu. Wobei ich sie oft gar nicht mehr verkaufe, sondern einfach weitergebe. Wir haben eine unheimlich tolle Bücherei, die ist up to date und hat wirklich fast alle neuen Titel. Ich lese sehr viele Bücher aus der Bücherei oder leihe sie mir, sobald sie verfügbar sind – deshalb kaufe ich mir gar nicht so viele neue Bücher selbst. Ich bekomme natürlich auch Rezensionsexemplare von Verlagen, die ich auf meinem Blog oder auf Instagram vorstellen darf.

Helen
Oder du bekommst 30 neue Bücher zum Geburtstag. Ich lasse mich gerne mit Büchern beschenken. Ich hatte dir ja auch Werbematerial geschickt. Wir haben eigentlich gar nicht so viel davon, weil ich immer unsicher bin, was man damit machen soll – aber für unseren Geburtstag hatten wir relativ viel. Ich hatte dir ein bisschen was geschickt, weil du meintest: Ich kann das hier überall verteilen, in der Bücherei aufhängen, ich bin Lesementorin und mache alles Mögliche. Und ich dachte: okay, richtig cool. Du hattest geschrieben: So machen wir deinen Start in die Vollzeit-Selbstständigkeit mit, ich verteile das hier. Und ich dachte nur: Wie süß ist das denn. Wirklich toll, danke dir. Und ich glaube, ich hatte da auch die Sticker mit reingelegt.

Julia
Die müsste ich vielleicht noch mal nachdrucken lassen – die mit „In der Auswahl“ und „Gelesen bei“. Wenn ich ein Buch von Mädels, die lesen, weitergebe, klebe ich den Aufkleber drauf und stelle es in den Büchertauschschrank. Die öffentlichen Büchertauschschränke werden hier von unserer Bücherei beziehungsweise vom Förderverein betreut, gepflegt und auch aussortiert – weil natürlich auch viel hineingestellt wird, was da nicht hingehört. Und laut Satzung dürfen die dort keine Werbung oder Flyer hineinlegen. Ein Sticker klebt aber eben auf dem Buch. Oder eine Postkarte war eben mein Lesezeichen, das ich leider im Buch vergessen hatte. Beschwerden habe ich bis jetzt keine bekommen – hoffentlich nur neue Anmeldungen für die Schmökerrunde. Zu Hause habe ich in jedes Buch im Bücherschrank eine Postkarte gelegt. Und in der Bücherei – ich bin ja im Förderverein – wird es bald einen eigenen Tisch von Mädels, die lesen, geben.

Helen
Da muss ich aber mal vorbeikommen, das ist ja cool.

Julia
Zur laufenden Runde wird es wahrscheinlich zu kurzfristig – in den Osterferien gibt es dort viele Aktionen für Kinder, und der Platz wird gebraucht. Also entweder zur nächsten Runde oder zwischendurch. Das ist ja cool. Dann werden wir dir nochmal bescheiden.

Helen
Außer bei unserem Geburtstag hatten wir noch nie einen Büchertisch. Und unsere Bücherei hat wirklich ganz viele Bücher aus den letzten Leserunden. Vielleicht lasse ich die Sticker dann wirklich noch mal nachdrucken – das wäre ein guter Anlass.

Julia
Die Flyer und Postkarten werden dann dazugelegt, dazu die Bücher aus dem Bestand, die man sich ausleihen kann – und dann wird ein bisschen Werbung für dich gemacht, Helen.

Helen
Oh, das ist ja richtig süß, danke. Ein eigener Büchertisch für uns – voll cool.

Julia
Ich sage auf jeden Fall früh genug Bescheid.

Helen
Nach Leichlingen komme ich ja wahrscheinlich relativ zügig – von Bonn fährt der Zug direkt durch, oder? Du musst nur in den Zug steigen und hier wieder aussteigen. Dann gucke ich mir den Büchertauschschrank an.

Julia
Wir machen da einen ganzen Tag draus – da zeigst du mir die Blütenstadt. Genau: Obstweg, wir können auch eine Lesewanderung machen.

Helen
Du zeigst mir die ganzen Highlights. Ich habe bei jeder Podcastfolge ein Date, ne – die Wattwanderung, das Retreat, jetzt deine Lieblingsstadt. Richtig gut. Ich freue mich, das ist eine schöne Überraschung. Worüber wir eigentlich sprechen wollten: Du warst als Lesementorin unterwegs. Erzähl mal, was das war. Ich konnte das wegen der Messe nur halb mitverfolgen. Aber ich habe gesehen, dass du unsere Folge mit der Stiftung Lesen aufgegriffen hast. Ich habe Thomas auf der Messe getroffen und ihm davon erzählt – er hat sich gefreut. Ja, das passt dann nämlich total gut. Ich glaube, das war auch relativ zeitgleich.

Julia
Die Folge mit Thomas kam raus, und ich hatte zum zweiten Mal einen Gastvortrag in der Ausbildung unserer neuen Lesementor*innen. Ich weiß gar nicht, ob das alle kennen. Es gibt einen Bundesverband, MENTOR e. V., mit prominenten Schirmherr*innen – zum Beispiel Professor Richard David Precht, den man vielleicht über seine Bücher kennt. Und dann gibt es viele Ortsverbände – über 300 Mentorvereine in Deutschland, davon 120 im Bundesverband organisiert. Hier in NRW sind es 47. Wenn man Interesse hat, selbst Lesementor*in – Leselernhelfer*in heißt das – zu werden, kann man sich auf der Seite des Bundesverbands informieren und über die Postleitzahlensuche den nächsten Verein finden. Ich hatte davon zuerst im Radio gehört, da wurde über das Mentor-Programm berichtet – und ich hatte gesehen, dass eine andere Bloggerin aus Köln das auch macht. Und dann dachte ich, jetzt, wo meine Jungs etwas größer sind: Und ich hatte noch mal Lust und ein bisschen Kapazität für ein sinnstiftendes Ehrenamt. Ich habe mich dann über die Postleitzahlensuche informiert und dachte: Das ist ja direkt hier in Leichlingen, in meiner Blütenstadt, vor der Haustür. Hier gibt es einen Kurs, die Grundqualifizierung, und Infoveranstaltungen – für den ganzen Großraum ist das hier sozusagen die Ausbildungsstelle für die Leselernhelfer*innen. Das ist ja cool. MENTOR ist nicht als Nachhilfe gedacht, sondern folgt wirklich dem Eins-zu-eins-Prinzip. Also ein Kind, ein Schuljahr lang, eine Stunde die Woche im Eins-zu-eins-Leseunterricht. Der Lesementor-Verein macht die ganze Organisation, die Abstimmung und die Ausbildung der Lesementor*innen und ist das Bindeglied zu den Schulen, die Bedarf anmelden. Natürlich, wie wir uns denken können oder wie wir in deiner Podcast-Programme gelernt haben, ist der Bedarf sehr, sehr hoch – nicht nur an Grundschulen, sondern auch an weiterführenden Schulen, gerade in der Unterstufe und bei Kindern mit Flucht- oder Migrationsgeschichte, die in eine sechste, siebte oder achte Klasse gesetzt werden, die Sprache nicht verstehen und teilweise nur kyrillische oder arabische Schriftzeichen kennen. Dafür gibt es spezielle Ausbildungen. Ausdrücklich nicht unsere Aufgabe als Mentor*in ist es, Kinder zu alphabetisieren – es geht darum, Kinder, die unser Alphabet schon kennen, zum Lesen zu animieren und ihnen die Freude am Lesen zurückzubringen. Eine Stunde pro Woche, eins zu eins, aus dem Regelunterricht heraus.

Helen
Das war mir gar nicht so bewusst. Das ist ja noch mal ein ganz anderes Commitment als das, was Thomas vorgeschlagen hatte – hier rechnet man damit, dass du das langfristig machst, gerade für das Kind.

Julia
Auf jeden Fall. Es ist wirklich eine Eins-zu-eins-Betreuung: einmal wöchentlich eine Stunde, ein Kind, in der Schule oder nach dem Unterricht – und das mindestens ein Schuljahr lang. Man lernt sich intensiv kennen und baut eine Verbindung zu dem Kind auf. Das ist anders als die Aktionen zum Vorlesetag im November, die Thomas beschrieben hat – die habe ich auch im Kindergarten und in der Grundschule gemacht. Da kommen ganz viele Kinder, das ist ein ganz anderes Konzept. Es gibt hier auch die Lese-Omas. Da geht es aber wirklich ums Vorlesen, um eine kleine Auszeit in der Gruppe – man kennt sich untereinander meistens nicht. Beim Mentor-Programm ist es wirklich das Eins-zu-eins-Prinzip. Man kann auch mehrere Kinder betreuen, dann aber nacheinander – niemals mehr als ein Kind in derselben Stunde. Wir sind im Moment um die 70 Mentor*innen hier – verteilt auf verschiedene Städte im Umkreis. Manche haben auch zwei oder drei Lesekinder – oft Menschen, die gerade in Rente gegangen sind und eine neue Aufgabe suchen, viele aus dem pädagogischen Bereich, die früher Lehrer*in oder Erzieher*in waren. Die sind flexibler. Es ist aber immer auch ein bisschen Vorbereitungszeit dabei – die Stunde vor- und nachzubereiten. In der Stunde selbst will man sich ja voll auf das Kind einlassen.

Helen
Das finde ich voll krass. Ich frage mich, wie du das alles machst – und dann noch Zeit für uns und Lust aufs eigene Lesen hast.

Julia
Die Hürde war halt relativ gering. Es gibt hier eine Infoveranstaltung – bei mir hat das zeitlich nicht gepasst. Auf der Seite des Bundesverbands findet man aber ganz viele Infos, man weiß also schon, was einen erwartet. Und dann macht man einen eintägigen Qualifizierungskurs und bekommt einen ganzen Packen Material mit. Nach diesem Tag ist man, finde ich, schon gut auf den Einstieg vorbereitet. Man bekommt super viel Material an die Hand – und einen Mentorenausweis für die Bücherei – das heißt längere Ausleihfristen für Bücher und Materialien. Es gibt ein Mentor-Regal, in dem zum Beispiel ukrainisch-deutsche oder arabische Bilderbücher stehen, dazu Bildkarten für Kinder, die noch sehr wenig Deutsch sprechen. Dazu ganz viel eigenes Material: Handpuppen, Schleichtiere, Minecraft- und Legofiguren, was man sich alles ausleihen kann. Man wird also gut vorbereitet und hat viel Material. Aber es kommt natürlich total auf das Kind an. Am Anfang haben wir einen kleinen Fragebogen gegenseitig ausgefüllt. Da war sehr schnell klar: Er steht total auf Lego Ninjago und ist da der Experte. Vorbereitung bedeutet für mich dann: Ich habe das Glück, selbst einen Jungen im gleichen Alter zu haben – also gehe ich an unser Bücherregal oder in die gut sortierte Bücherei und suche dort Material. Ich betreue ihn jetzt genau ein Jahr, und es ist einfach total schön, was man für Fortschritte sieht. Am Anfang hat er jede Silbe abgehackt gelesen – und jetzt ist daraus wirklich ein flüssiges Lesen geworden. Er genießt das total und freut sich auf die Stunde. Wir haben unsere Rituale: eine kleine Wortschatzkiste, in die er schwierige Wörter aufschreiben darf – am Ende hat er eine ganze Schatzkiste voller Wörter. Und zum Schluss möchte er immer ein Labyrinth oder ein Rätsel knobeln, das machen wir jedes Mal. Im Moment ist er der Minecraft-Experte, und wir lesen einiges über Minecraft. So eine Stunde geht schnell um.

Helen
Allein schon zu sehen: Es gibt für jedes Interesse Bücher, und darüber kannst du Lust aufs Lesen machen. Total.

Julia
Ich sage auch: Das ist unsere Spaßstunde in der Woche. Sie liegt dienstags, ich lege sie mir in die Mittagspause; für ihn ist es die fünfte Stunde, in der die Klasse Lernzeit hat. Er kommt aus der Pause, ist also schon ausgepowert. Dann haben wir einen Klassenraum für uns allein. Er freut sich da immer total drauf, weil er ein bisschen introvertiert ist und einfach eine eigene Zeit bekommt – jemand, der einmal in der Woche nur für ihn kommt und mit ihm liest. Und er verliert dabei die Hemmung, vielleicht auch mal in der Klasse vorzulesen. Genau, oder so ein paar im Moment. Mit der Zeit habe ich in der Vorbereitung nicht mehr das passende Buch gefunden. Ein ganzes Buch finde ich für eine Stunde pro Woche ohnehin schwierig – man weiß nach einer Woche kaum noch, worum es im letzten Kapitel ging. Er ist in der dritten Klasse, wir lesen eher Erstlesebücher, weil das von Bild, Textmenge und Textstruktur einfacher ist – so hat er schneller Erfolge und wir kommen mehr zum Lesen. Derzeit bereite ich die Stunde meist mit ChatGPT vor. Das heißt, ich gebe ein: Erstelle mir eine Geschichte mit dem Namen des Kindes, mit Minecraft, dem besonderen Stein Obsidian und einem Eisengolem. Dann lasse ich mir die Texte vorschlagen und vereinfachen: mehr Hauptsätze. Bitte lass alle Nebensätze raus, vermeide Schachtelsätze – und dann mach mir noch zehn Verständnisfragen zum Text. Und dann habe ich ein, zwei Seiten, kopiere mir das in ein Word-Dokument, passe die Schriftgröße an und setze zwei, drei Minecraft-Bilder dazu, damit es optisch ansprechend ist. Dann liest er den Text, und bei den Verständnisfragen entsteht eine Diskussion. Er ist ein wandelndes Lexikon und erzählt mir total viel. Im Klassenverband ist das, glaube ich, nicht so – hier hat er eine Zeit, in der er aufblüht, mit seinem Wissen glänzen kann und Erfolge hat, weil er einem Erwachsenen etwas erzählen darf. Am Anfang hatte er kaum Leseverständnis: Wir mussten jeden Satz zweimal lesen oder nach jedem Satz stoppen, und ich habe mir erklären lassen, was er verstanden hat. Es waren keine schwierigen Sätze – aber durch das abgehackte Lesen fehlte ihm das Verständnis. Das hat sich sehr verbessert. Heute hat er mich gefragt: Hast du wieder eine Geschichte über mich dabei?

Helen
Das ist ja eine starke Idee. Er freut sich richtig. Ich hatte ihm mal von einer Lesung erzählt und davon, dass Autor*innen ihre Texte signieren – und dann hat er gefragt, ob ich ihm seine Geschichte auch unterschreiben könnte.

Julia
Und dann hat er das ganz stolz seinem Lehrer und seinen Eltern gezeigt. Heute habe ich gefragt, ob er die Geschichte von letzter Woche noch mal gelesen hat. Er sagte: Ja, ich habe sie Mama und Papa vorgelesen, und die haben gesagt, sie sind ganz erstaunt, wie gut ich jetzt vorlesen kann.

Helen
Auch cool.

Julia
Das Prinzip ist eigentlich, dass man keinen Kontakt zum Elternhaus hat, sondern dass der Kontakt über die Lehrkraft läuft. Mein Vorteil ist, dass mein eigener Sohn auf derselben Schule ist – über Ferien, Brückentage und Ausflüge bin ich also gut informiert. Heute habe ich noch mal mit dem Klassenlehrer gesprochen, weil wir sonst wenig Austausch haben – er sagte, alles total gut. Auch wenn es jetzt schon ein Jahr ist – bis zu den Sommerferien würde ich mich freuen, wenn wir weitermachen. Für ihn ist das nicht nur Leseförderung, sondern auch Selbstbewusstsein. Mit jemandem über ein Thema zu diskutieren, für das man brennt – das findet im normalen Schulalltag kaum statt.

Helen
Und ich glaube, man braucht dieses Gefühl, in etwas gut zu sein.

Julia
Ja. Und das ist echt so wertvoll. Ich habe erst heute mit meiner Mutter darüber gesprochen: Ich hatte echt Schwierigkeiten in der Schule, und das war so ein langer Zeitraum, dass ich manchmal heute noch dahin zurückfalle.

Helen
Und ich kann mir richtig vorstellen, was es macht, wenn man diese Erfolgserlebnisse hat und das Gefühl: Ich kann hier was. Ja. Richtig toll. Ja. Wir verlinken die Seite einfach mal, dann kann man sich das anschauen. In NRW scheint es gut vertreten zu sein – und sonst kann man so etwas mit deren Unterstützung vielleicht auch selbst aufbauen, wenn es das vor Ort noch nicht gibt.

Julia
Oder man macht die Qualifizierung in einer anderen Stadt und organisiert es dann über eine Schule – vielleicht die, an der die eigenen Kinder sind. Toll, echt. Ja.

Helen
Ich frage mich trotzdem, wann du überhaupt noch die Ruhe zum Lesen findest – du bist ja auch viel unterwegs. Liest du abends vor dem Einschlafen oder immer, wenn eine Lücke ist?

Julia
Tatsächlich immer abends vor dem Einschlafen. Es gibt vielleicht eine Handvoll Tage im Jahr, an denen ich das nicht mache. Sonst brauche ich das wirklich, um vom vollen Alltag Abstand zu bekommen und in die Nachtruhe zu finden – ich bin eine Bett-Leseratte. Ich muss jeden Abend im Bett lesen, und mittlerweile kann ich alles andere gut ausblenden – oder ich lese auf der Couch, wenn es noch zu früh fürs Bett ist. Mittlerweile kann ich sogar bei laufendem Fernsehen lesen – ohne Kopfhörer oder Ohrstöpsel.

Helen
Boah, das kann ich, glaube ich, nicht. Es kommt vielleicht aufs Buch an.

Julia
Wenn die Kinder am Wochenende herumtoben oder mein Mann Nachrichten guckt, kann ich mich mittlerweile daneben legen und mich ins Buch vertiefen. Ja. Das ist echt gut.

Helen
Das erinnert mich mal wieder an Rory Gilmore, die auch nichts mehr von ihrer Außenwelt mitbekommt. Ja. Ich lese auch, zumindest die letzten Minuten vor dem Schlafengehen. Aber ich habe oft Abende, an denen ich nach einer Stunde denke: Was habe ich die ganze Zeit am Handy gemacht? Spätestens wenn ich mir die Zähne geputzt habe, zieht das Handy um – ich habe es nicht mehr am Bett. Und dann lese ich. War es ein guter Abend, habe ich davor auch schon gelesen. Ich schlafe einfach besser ein – man wird dadurch müde, und für mich ist das Teil des Einschlafrituals.

Julia
Bei mir ist es genauso: dieser Übergang von Tag auf Nacht. Ich brauche abends meine 20, 30 Seiten und eine gute Geschichte. Ich bin immer noch die analoge, haptische Leserin. Ich denke zwar ständig darüber nach umzusteigen und habe auch schon einen E-Reader – aber ich mag das eben.

Helen
Ja, auf jeden Fall. Und

Julia
Und im Strandurlaub lese ich wirklich jeden Tag ein ganzes Buch. Oder zwischendurch in den Pausen. Im Sommer gehen wir wandern, dann lese ich morgens früh im Bett oder beim Frühstück und abends nach der Wanderung noch ein paar Seiten.

Helen
Ich glaube, der Unterschied ist, dass das für dich ein Selbstverständnis ist. Du bist jemand, der viel liest – es ist eine Priorität, und deswegen baust du es überall mit ein.

Julia
Auf jeden Fall. Es ist auch eine Auszeit am Tag. Ja. Wenn es nur fünf Minuten sind oder eine Kaffeelänge – oder ich warte im Auto auf das Kind, das ich vom Training abhole. Ich habe immer ein Buch dabei. Genau. Diese Stunde fahre ich gar nicht erst nach Hause oder einkaufen. Ich bringe das Kind zum Training, setze mich in die Sonne, lese – und nehme das Kind wieder mit. Ja. Oder auch beim Arzt. Ich habe immer ein Buch dabei.

Helen
Das ist ein guter Reminder. Wir hatten das schon mal aufgegriffen: Viele nehmen sich vor, wieder mehr zu lesen, fangen dann aber mit einem Großprojekt an – oder mit einem Buch, das sie gar nicht packt. Gerade am Anfang ist das Wiederreinkommen wichtig. Und die wenigsten würden sagen: Ich fange einfach mal für eine Kaffeelänge an zu lesen. Bei vielen ist es im Kopf so: Ich brauche dafür Zeit, es muss alles stimmen, damit ich wieder anfangen kann. Dabei muss man einfach klein anfangen. Eine Kaffeelänge, die man sonst in der Sonne am Handy verdaddelt. Wahrscheinlich ist es häufig das Handy – das passiert mir natürlich auch.

Julia
Aber da würde ich lieber fünf Minuten lesen – und man wird ja auch schneller. Ich bin wirklich eine Schnellleserin, bei mir lohnt sich eine Kaffeelänge. Und selbst wenn nicht: Das ist ja kein Wettbewerb. Und es gibt nichts Schlimmeres als ein Buch, das mich nach den ersten 30 Seiten nicht gepackt hat – das breche ich auch ab und gebe es zurück oder weiter. Und alles ab 400 Seiten stresst mich auch. Ich kann das noch nicht so gut, aber ich komme da auch hin. Dafür gibt es einfach viel zu viele Bücher. Irgendjemand hat mal erzählt, wie viele Neuerscheinungen es im Jahr gibt – irgendwie extrem viele.

Helen
Ich finde dicke Bücher auch echt schwierig. Ich lese lieber drei Bücher mit 200 Seiten, als eines mit 600 anzufangen – faktisch ist es dasselbe, aber es stresst mich.

Julia
Ich denke, man kann eine Geschichte auch auf 200 Seiten gut erzählen, ohne dass etwas fehlt. Challenge an alle Autor*innen – das muss doch drin sein. Ja.

Helen
Ich fand es echt schön, noch mal ganz andere Einblicke zu bekommen. Vor allem war mir nicht bewusst, dass du uns hier ein ganzes Programm vorstellst, das ich noch gar nicht kannte – neu ist es ja offensichtlich nicht, es gibt das schon länger. Und jetzt, wo ich schon wieder „echt cool“ sage: Mir wurde bei der letzten Reading Party erzählt, dass ich das so oft sage, dass eine regelmäßige Hörerin es inzwischen selbst in ihren Sprachgebrauch übernommen hat. Und ich dachte: Wie unangenehm, das ist mir gar nicht bewusst. Ich muss mir was Neues überlegen. Jetzt wird es wahrscheinlich allen auffallen. Jetzt achten alle drauf. So etwas darf man eigentlich nie sagen. Ich versuche mir auf jeden Fall etwas Neues einfallen zu lassen. Danke, dass du uns das ein bisschen nähergebracht und aus deiner Erfahrung erzählt hast.

Julia
Ja, gerne.

Helen
Ich stelle mir gerade vor, dass um uns herum schon die Kirschblüten herunterrieseln. Vielleicht ist auch schon das eine oder andere Blütenblatt in den Drink gefallen. Wir trinken den jetzt gemütlich zu Ende und verabschieden uns von den Mädels. Wer noch weitergehende Fragen hat: Alles ist in den Show Notes verlinkt – und meldet euch gerne direkt bei Julia. Ja, gerne.

Julia
Ich freue mich auf die nächste Buchbesprechung – gestern Abend war es richtig schön. Und diese Aufnahme hat mir auch sehr viel Spaß gemacht. Ich freue mich auf unseren Leichlingen-Tag. Vielen Dank für deine Zeit.

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