Buecherstapel der Maedels, die lesen.

Die 3 Bücher, die unsere Community gerade am meisten liebt – kostenlos für dich.

Verrate uns dein Lieblingsbuch, und wir schicken dir die aktuelle Top 3 der Mädels 🤝 – dazu drei Herzensbücher von Helen.

Was wäre, wenn alle Frauen sich verweigern?

StartseitePodcast › Was wäre, wenn alle Frauen sich verweigern?

Podcast · Folge 65

Was wäre, wenn alle Frauen sich verweigern?

Mareike Fallwickl über die Wut von Frauen, über den Unterschied zwischen Schreiben und Veröffentlichen – und über den stillen Streik in »Und alle so still«

22. April 2024 · 63 Minuten · Ganze Folge hören ↓

Stand heute

Diese Folge ist vom April 2024, aufgenommen Ende März – also kurz bevor Und alle so still am 16. April 2024 erschien. Inzwischen gibt es den Roman auch als Taschenbuch, und im Oktober 2026 erscheint bei Rowohlt Mareike Fallwickls nächstes Buch, Haltet euch fest.

Diesmal gibt es kein Einstiegsritual mit Getränk. Die Folge fängt direkt beim Thema an – und das ist Wut. Helen sagt gleich zu Beginn, dass sie selbst nur sehr schwer an ihre Wut herankommt, und fragt die Frau, die ein Buch darüber geschrieben hat, wie das geht.

Mareike Fallwickl

Autorin

Mareike Fallwickl lebt in Österreich und schreibt Romane, die sich mit Ungerechtigkeit, Sorgearbeit und Gewalt beschäftigen. Bei »Mädels, die lesen.« haben wir zwei ihrer Bücher gelesen: Dunkelgrün fast schwarz im November 2020 und Die Wut, die bleibt im September 2022. Auf ihrem Autorinnenfoto trägt sie ein T-Shirt mit der Aufschrift »If you’re not outraged, you’re not paying attention«.

Warum Frauen so schwer an ihre Wut kommen

Mareike Fallwickls Antwort setzt nicht bei den einzelnen Frauen an, sondern bei dem, was ihnen zugestanden wird. Frauen sagen ausgesprochen oft: Ich bin gar nicht wütend, ich bin eher enttäuscht. Und sie weinen, wenn sie wütend sind.

Das sind so Kanalisierungswege, die wir Frauen gesellschaftlich gestatten. Dass sie weinen, dass sie enttäuscht sind – das ist in Ordnung, das ist genehmigt.Mareike Fallwickl

Wut dagegen nicht. Frauen, die sie zeigen und danach handeln, müssen mit gesellschaftlichen Sanktionen rechnen: Was bildet die sich ein, wie schnell gilt sie als hysterisch, als zu emotional. Deshalb hält sie das verbreitete Empowerment allein für zu wenig. Mädchen und jungen Frauen zu sagen, ihr dürft auch mal laut sein, sei richtig – aber es reicht nicht, solange sich die Strukturen drumherum nicht ändern.

Einen Gedanken hat sie kurz zuvor in einem Buch von Alexandra Zykunov gelesen, und der hat sie nicht mehr losgelassen: Die Wut ist der Teil von dir, der dich am meisten liebt. Denn wütend sind wir ja nur dann, wenn wir spüren, dass etwas unfair ist – die Wut ist der Teil, der sich für uns einsetzen will. Aus dieser Perspektive, sagt sie, lasse sie sich leichter annehmen: weniger als Störung, mehr als Verbündete.

Wie »Die Wut, die bleibt« entstanden ist

Das Buch war nicht geplant. Im Lockdown 2021 hatte Mareike Fallwickl gerade ein ganz anderes, nettes Buch fertig und ging es noch einmal durch. Es war ein düsterer Lockdown – ohne zu wissen, ob es Impfungen oder Lockerungen geben würde. Und fast jeden Tag schrieben ihr Freundinnen, die Mütter sind: Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich spring jetzt einfach vom Balkon.

Ein Satz, der im Idealfall hypothetisch ist. Sie saß am Küchentisch, schaute auf ihren eigenen Balkon und dachte: Aber was, wenn eine das wirklich macht?

Dann habe ich im größten Homeschooling-Halligalli meinen Laptop herangezogen und diese erste Seite geschrieben – und mir dann gedacht: verdammt, das ist viel besser als das ganze nette Buch, das du gerade geschrieben hast.Mareike Fallwickl

Niemand habe sie damals gefragt, ob sie eines Morgens aufgewacht sei und etwas Feministisches, Empowerndes schreiben wollte – so sei es nicht gewesen. Es war eine Blitzidee, aus den äußeren Umständen geboren, aus dem Verstummen von Frauen und Müttern. In Österreich, sagt sie, waren 85 Prozent aller Corona-Arbeitslosen Frauen.

Beim neuen Buch war es umgekehrt. Die Bühne stand schon.

Alle diese Kameras und Mikros, die in mein Gesicht gehalten werden, sind da. Die Aufmerksamkeit ist da. Ich nutze das jetzt aus. Daran ist jetzt überhaupt nichts mehr subtil.Mareike Fallwickl

Das Easter Egg ist diesmal ziemlich groß

Helen war beim Ankündigungstext des Verlags an einer Stelle hängen geblieben: In Die Wut, die bleibt fragt Lola an einer Stelle, was wäre, wenn alle Frauen sich verweigern würden. Genau dieser Frage geht der neue Roman nach. In früheren Büchern hatte Mareike Fallwickl kleine Easter Eggs versteckt – einzelne Figuren, einzelne Aspekte, die man wiederfinden konnte, wenn man die anderen gelesen hatte. Diesmal ist es kein Detail, sondern die ganze Idee.

Schreiben und Veröffentlichen sind zwei verschiedene Dinge

Auf die Hörerinnenfrage, ob das Schreiben leichter oder schwerer wird, je mehr man veröffentlicht hat, kommt eine Antwort, die die Frage erst einmal auseinandernimmt: In ihrem Gefühl hängen Schreiben und Veröffentlichen nicht einmal zusammen. An dem Tag, an dem Und alle so still in Druck ging, hätte sie sich am liebsten gewünscht, dass das Buch einfach raus in die Welt geht und sie sich zu nichts davon verhalten muss – keine Bühne, keine Interviews, keine Fragen. Am liebsten hätte sie sich sofort die nächste Geschichte ausgedacht.

Das klinge undankbar, sagt sie selbst, und sie ist auch dankbar dafür, dass die Themen dadurch in viele Zeitungen kommen. Aber der Rattenschwanz, der mit dem Veröffentlichen losgeht, hat mit dem Schreiben nichts zu tun – und lässt vor allem keine Zeit dafür.

Und der Druck, ein erfolgreiches Buch zu toppen?

Das ist so eine wahnsinnig kapitalistische Sichtweise auf Erfolg, weil wir gelernt haben, wir müssen immer besser sein, noch mehr, noch weiter, noch größer. Und ich denke immer: Warum sollte ich es überhaupt toppen müssen?Mareike Fallwickl

Als Beispiel nennt sie ihr eigenes Buch Das Licht ist hier viel heller. Aus der Perspektive von Geld und Sichtbarkeit sei das ein totaler Flop gewesen. Trotzdem hat es bei vielen Menschen etwas ausgelöst, es gab Feedback, und ihr bedeutet es viel. Jedes Buch stehe für sich – und wie Menschen auf einen Roman reagieren, habe ohnehin mehr mit ihnen selbst zu tun als mit der Autorin.

Der unromantische Teil des Schreibens

Helen will wissen, wie so ein Buch mit drei Perspektiven entsteht: Wand voller Post-its? Programm? Mareike Fallwickl lacht das weg – sie hat weder noch. Ein einziges Mal, bei Dunkelgrün fast schwarz, gab es ein großes Blatt Papier mit Jahren, Zeiten und Chronologie, handgeschrieben in wilden Farben. Sonst: eine Word-Datei. Sie schreibt die Bücher genau so, wie sie am Ende dastehen, chronologisch durch alle Perspektiven, und freut sich jedes Mal, wenn sie zur nächsten Figur darf.

Manches bringen die Figuren einfach mit. Moritz in Dunkelgrün fast schwarz dachte von Anfang an in Farben, was sie genervt und was sie immer wieder gelöscht hat – bis sie es akzeptierte, sich nachträglich über Synästhesie informierte und ihren Bruder anrief, der damals noch Zugang zur Uni-Bibliothek hatte.

Disziplin hat sie viel, und sie führt sie aufs Kinderhaben zurück: ein Tag Sorgearbeit, am nächsten Tag wieder Büro – und nur dieser eine Tag zum Schreiben, an dem Vertagen keine Option war. Ihr Gehirn sei darauf trainiert, auf Knopfdruck etwas auszuspucken. Dem romantischen Bild vom Schreiben kann sie darum wenig abgewinnen.

Das ist so der klassische Thomas Mann: Er schreibt, und hinter ihm ist die Tür zu, weil Katia Mann ihm alle Kinder und alles, was sonst so anfällt, von ihm fernhält. Das haben schreibende Mütter einfach nicht.Mareike Fallwickl

Weder den Raum, noch den Tisch, noch die Ruhe. Und das sei auch okay: Schreiben funktioniere dankenswerterweise orts- und zeitunabhängig, an der Bushaltestelle, unter der Dusche, an der Supermarktkasse. Über die Qualität einer Idee sage der Ort nichts. Notiert wird in einem Notizbuch – pro Buch eines, und am Ende sind die ersten Seiten oft komisch zu lesen, weil dort etwas ganz anderes steht als das, was daraus geworden ist.

Tagebuch oder Morning Pages schreibt sie nicht. »Da bin ich immer total schlecht, scheitere wirklich kläglich.« Als Therapie funktioniere Schreiben für sie nicht – sie würde sich sofort lieber etwas ausdenken.

Was Literatur kann – und was nicht

Eine Botschaft im Sinne von »lies dieses Buch, dann ändert sich alles« traut sie der Literatur nicht zu, und sie findet die Erwartung auch zu groß. Die Wut, die bleibt stelle mehr Fragen, als es Antworten gebe – Fragen, an denen man sich abarbeiten darf. Ein Denkanstoß sei schon genug.

Was daraus geworden ist, lässt sich an den Nachrichten ablesen, die sie bekommen hat. Männer, die schrieben, sie hätten geglaubt, gleichberechtigt zu leben, und sich jetzt mit ihrer Frau hinsetzen und alles neu organisieren müssten. Ein älterer Mann, der traurig war, dass seine Frau schon gestorben ist, weil er nach dem Buch vieles anders sieht – und wenigstens noch mit seinen Töchtern darüber reden kann. Frauen, die angefangen haben zu boxen, die sich die Haare abrasiert haben, die im eigenen Leben mehr Schwesternschaft suchen.

Was wäre davon die Message? Ich habe keine Ahnung. Aber viele kleine Dinge ergeben auch was Großes.Mareike Fallwickl

Warum bei über siebzig Lesungen nie diskutiert wurde

Bei den Veranstaltungen zu Die Wut, die bleibt – irgendwann haben sie bei siebzig aufgehört zu zählen – war es jedes Mal dasselbe: Vorher hieß es, danach sei Zeit für Diskussion, das Publikum sei sehr diskussionsfreudig. Und dann kam nichts.

Ihre Erklärung: Im Saal sitzen größtenteils Frauen, und alle wissen, dass es so ist. Es sei fast unnötig, darüber noch zu reden – und gleichzeitig war ein großer, geteilter Schmerz im Raum, der manchmal wie in Wellen nach vorne geschwappt ist.

Helen vermutet, dass es bei Und alle so still anders werden könnte, weil es da etwas zu verhandeln gibt: Wie würde das eigentlich ablaufen, wenn wir alle die Arbeit niederlegen? Mareike Fallwickl nimmt es gelassen. Wenn niemand fragt, muss sie nach dem Lesen nicht noch länger arbeiten.

Die Flyer mit den Büchern anderer Frauen

Zu den Lesungen gab es Flyer, im Design des Buches, vom Verlag gedruckt – darauf ausschließlich Buchtipps von Autorinnen, Romane und Sachbücher. Die letzte Viertelstunde jeder Lesung hat sie für Solidarität unter Frauen genutzt; über tausend Flyer sind so verteilt worden.

Diese anderen Autorinnen sind nicht meine Konkurrentinnen, das sind meine Schwestern. Die gehören zu mir auf jede einzelne Bühne.Mareike Fallwickl

Auf die Frage, ob sie damit nicht riskiere, dass die Leute die anderen Bücher kaufen und ihres nicht, antwortet sie: Das sei das Beste, was passieren kann. Erstens sei das Ungleichgewicht auf dem Literaturmarkt wahnsinnig ausgeprägt. Zweitens weite es den Horizont und zeige die Welt aus Frauenaugen, während wir gelernt haben, alles aus Männersicht anzuschauen.

Und noch ein dritter Grund: In jedem Saal sitzen mindestens hundert Frauen, die sehen, dass eine Autorin andere Autorinnen vehement empfehlen kann, ohne dabei etwas zu verlieren. Vielleicht reichen ein paar von ihnen danach im eigenen Umfeld öfter anderen Frauen die Hand, statt sie in den Abgrund zu schubsen. Wenn von hundert nur zwei oder drei etwas mitnehmen, sei das schon viel. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war ein dritter Flyer in Arbeit – und der Verlag baute eine Landingpage, auf der alle Leselisten zum Download stehen.

Das findet sie besonders schön, weil ihr Verlag Rowohlt ist, die empfohlenen Bücher aber nicht.

Mehr dazu, warum das Ungleichgewicht auf dem Buchmarkt so hartnäckig ist, gibt es in unserer Folge über die feministische Buchwoche.

Der Streik, der keiner sein will

Was sie an der Verweigerung fasziniert, erklärt sie über den Aufbau unserer Systeme: immer pyramidal, oben wenige mit viel Macht, unten viele mit keiner. Nur – wer macht denn die ganze Zeit alles? Wer hält das Räderwerk am Laufen?

Streik kennen wir, sagt sie, aber in einer bestimmten Form: Lokführer, Bauern – männlich konnotiert, mit Unannehmlichkeiten verbunden und trotzdem mit viel Verständnis in der Bevölkerung. Die Abhängigkeitsverhältnisse, in denen Frauen stecken, seien dagegen kaum bestreikbar, weil es sehr schnell sehr krasse moralische Konsequenzen hat. Literatur kann so etwas durchdeklinieren, weil es in Anführungszeichen nur Papier ist.

Spannend wird eigentlich sein, wer dieses Buch als utopisch und wer es als dystopisch empfinden wird.Mareike Fallwickl

Unrealistisch sei es jedenfalls nicht. Der Personalmangel im Gesundheitswesen ist bekannt, die Ausbeutung von Frauen in der Sorgearbeit auch. Es gebe kein Wissensdefizit, sondern ein Handlungsdefizit – eine Formulierung, die sie bei Patricia Cammarata gelesen hat. In Schulworkshops fragt sie Jugendliche, wie groß die kritische Masse sein muss, damit sich etwas bewegt. Alle schätzen mehr als die Hälfte. Nach ihrer Angabe sind es 3,5 Prozent.

Das Bild im Roman ist trotzdem kein organisierter Protest. Keine Schilder, keine Forderungen, niemand schreit.

Es ist mehr so ein kollektives Ende aller Ressourcen, die bis zum bitteren letzten Punkt ausgebeutet wurden. Und es ist nichts mehr übrig.Mareike Fallwickl

Helen bringt an dieser Stelle eine eigene Erinnerung ein: Sie war für ein Auslandssemester an einer staatlichen Universität in Kolumbien, wo in der Einführungswoche erklärt wurde, wie man sich bei Streiks zu verhalten hat – mit Bildern von vermummten Menschen und Pyrotechnik. Streik kann eben sehr unterschiedlich aussehen. Der in diesem Roman ist das genaue Gegenteil.

Dass Romane genauso viel über die Welt erklären können wie Sachbücher, haben wir in einer eigenen Folge besprochen: Warum Romane so viel bringen wie Sachbücher.

Drei Perspektiven: Elin, Ruth und Nuri

Der Roman wird aus drei Perspektiven erzählt, dazwischen kommen Objekte zu Wort. Mareike Fallwickl mag diesmal alle drei Figuren gern, was sie selbst ungewöhnlich findet.

Nuri ist ein junger Mann, der unter prekären Bedingungen arbeitet und arm ist in einer Wohlstandsgesellschaft, in der so getan wird, als wären arme Menschen faul. Für ihn hat sie mit Essenslieferanten gesprochen. Dabei ist sie auf ein Wort gestoßen, das sie so heftig fand, dass es im Buch vorkommt: Wegwerfmenschen.

Ich finde es schlimm, dass wir in einer Welt leben, in der ein solcher Begriff überhaupt existieren kann.Mareike Fallwickl

Warum es überhaupt eine männliche Perspektive gibt, erklärt sie über die Position: Als marginalisierter Mann ist Nuri bestimmten Erkenntnisschritten näher als jemand, der von der patriarchalen Dividende profitiert. Dasselbe erlebt sie in Schulworkshops – oft sind es die Jungs, die selbst Diskriminierung erfahren haben, die am meisten Verständnis für die Nachteile von Frauen, trans und nicht-binären Menschen haben.

Helen sagt, ihr sei genau diese Perspektive am nächsten gegangen – die Schicht nach der Schicht, der Schlaf im Park, die Energydrinks, der Schokoriegel, von dem er nicht weiß, was danach noch kommt.

Ruths Geschichten aus dem Krankenhaus sind echt

Am Ende der Folge kommt Mareike Fallwickl noch einmal auf Ruth zurück, deren Kapitel größtenteils im Krankenhaus spielen. Das, was dort passiert, hat sie sich nicht ausgedacht: Es sind Geschichten, die ihr echte Frauen aus dem Gesundheitswesen erzählt haben. Als sie sie hörte, war klar, dass Ruth dort arbeiten muss.

Eine Frau hat diesen Satz gesagt, deswegen kommt er auch im Buch vor: Das Gesundheitswesen ist wie ein 30-stöckiges Hochhaus, das wir schon längst gesprengt haben. Aber weil wir ganz oben sind, merken wir nicht, dass wir uns die ganze Zeit im freien Fall befinden.Mareike Fallwickl

Darauf hätte sie selbst mit ihrer gesamten Fantasie nicht kommen können. Was sie sich vom Buch erhofft: mehr Bewusstsein für einen Bereich, der ausgelagert und an den Rand gedrängt wird, obwohl er das Zentrum unseres Miteinanders sein sollte. Dafür nutzt sie die Bühne.

Es gibt kein System ohne uns

Zum Schluss kommen die beiden auf die Frage, die im Raum steht: Lesen und darüber sprechen ist ein erster Schritt – aber reicht das? Mareike Fallwickls Antwort setzt am Framing an. Wir reden über die Gesellschaft und das System, als wäre das etwas von uns Unabhängiges.

Wir sind die Gesellschaft, und wir gestalten das alles jeden einzelnen Tag mit. Nichts daran ist naturgegeben, sondern es ist alles menschengemacht.Mareike Fallwickl

Daraus folge nicht nur mehr Handlungsmöglichkeit, sondern auch eine größere Verantwortung, es tatsächlich zu tun.

Wenn du dich schon mal gefragt hast, warum deine Wut nie als Wut herauskommt – hör rein.

Die ganze Folge hören

Die Bücher aus dieser Folge

Alle vier Romane von Mareike Fallwickl, über die in dieser Folge gesprochen wird. Zwei davon haben wir im Buchclub gelesen.

Buchcover »Und alle so still« von Mareike Fallwickl

Und alle so still

Mareike Fallwickl · Rowohlt · Taschenbuch, 368 Seiten

Der Roman, um den es in dieser Folge geht: erschienen am 16. April 2024. Drei Perspektiven – Elin, Ruth und Nuri – und die Frage, was passiert, wenn Frauen sich einfach hinlegen und nicht mehr aufstehen.

Bei Thalia ansehen

Buchcover »Die Wut, die bleibt« von Mareike Fallwickl

Die Wut, die bleibt

Mareike Fallwickl · Rowohlt · Taschenbuch, 384 Seiten

Im Lockdown aus einer Blitzidee entstanden. In der Schmökerrunde haben wir den Roman im September 2022 gelesen. Hier stellt Lola die Frage, aus der das nächste Buch geworden ist.

Bei Thalia ansehen

Buchcover »Dunkelgrün fast schwarz« von Mareike Fallwickl

Dunkelgrün fast schwarz

Mareike Fallwickl · Penguin · Taschenbuch, 480 Seiten

Ihr Roman von 2018 und unsere erste gemeinsame Leserunde mit ihr, im November 2020. Das einzige Buch, für das sie je einen Zeitstrahl aufgemalt hat – und das mit der Figur, die in Farben denkt.

Bei Thalia ansehen

Buchcover »Das Licht ist hier viel heller« von Mareike Fallwickl

Das Licht ist hier viel heller

Mareike Fallwickl · Penguin · Taschenbuch, 384 Seiten

Das Buch, das sie in der Folge selbst als »totalen Flop« bezeichnet – gemessen an Geld und Sichtbarkeit. Ausgelöst hat es trotzdem eine Menge.

Bei Thalia ansehen

Die mit »Bei Thalia ansehen« gekennzeichneten Links sind Affiliate-Links. Kaufst du darüber, bekommen wir eine kleine Provision – für dich ändert sich am Preis nichts. Verlinkt sind die aktuell lieferbaren Taschenbuchausgaben.

Häufige Fragen

Worum geht es in »Und alle so still«?

Um die Frage, was passiert, wenn Frauen sich verweigern. Kein organisierter Protest mit Schildern und Forderungen, sondern ein kollektives Ende aller Ressourcen: Die Frauen legen sich hin und stehen nicht mehr auf. Erzählt wird aus drei Perspektiven – Elin, die Krankenpflegerin Ruth und der junge Nuri, der unter prekären Bedingungen arbeitet – dazwischen kommen Objekte zu Wort.

Muss man »Die Wut, die bleibt« vorher gelesen haben?

Nein. Es gibt aber eine Verbindung: In »Die Wut, die bleibt« fragt Lola an einer Stelle, was wäre, wenn alle Frauen sich verweigern würden. Genau dieser Frage geht der neue Roman nach. Mareike Fallwickl nennt es im Gespräch selbst ein Easter Egg – nur ein besonders großes.

Was ist der Angry Female Book Club?

Keine Leserunde, sondern eine Leseliste. Zu den Lesungen von »Die Wut, die bleibt« gab es Flyer im Design des Buches, auf denen ausschließlich Romane und Sachbücher von Autorinnen empfohlen wurden. Über tausend Exemplare hat Mareike Fallwickl verteilt. Inzwischen stehen die Leselisten beim Verlag zum Download bereit.

Woher kommt die Zahl von 3,5 Prozent?

Mareike Fallwickl fragt in Schulworkshops, wie viel Prozent der Bevölkerung an einer Veränderung beteiligt sein müssen, damit sich etwas bewegt. Die Jugendlichen schätzen meist mehr als die Hälfte; sie nennt 3,5 Prozent als kritische Masse. Sie fügt selbst hinzu: Je nach Land sind das trotzdem sehr viele Menschen, und es heißt auch nicht, dass es dann erfolgreich ist.

Welche Bücher von Mareike Fallwickl haben wir im Buchclub gelesen?

Zwei: »Dunkelgrün fast schwarz« im November 2020 und »Die Wut, die bleibt« im September 2022.

Schreibt Mareike Fallwickl mit einem Plan?

Kaum. Keine Post-it-Wand, kein Schreibprogramm, nur eine Word-Datei. Sie schreibt chronologisch durch alle Perspektiven, genau so, wie das Buch am Ende dasteht. Ein einziges Mal, bei »Dunkelgrün fast schwarz«, gab es ein großes handgeschriebenes Blatt mit Jahren und Chronologie. Pro Buch führt sie außerdem ein Notizbuch.

Die ganze Folge zum Nachlesen

Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme.

Helen
Herzlich willkommen, Mareike, ich freue mich sehr, dass du heute die Zeit gefunden hast, gerade aus dem Urlaub zurückgekommen, um mit mir über dein neues Buch Und alle so still zu sprechen. Wir haben ja in der Vergangenheit bei Mädels, die lesen. schon Dunkelgrün fast schwarz und Die Wut, die bleibt gelesen und alle sind jetzt ganz aufgeregt, dass es Nachschub gibt von dir. Deswegen vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst.

Mareike
Ich sag' Danke.

Helen
Also, wir haben erst vor gefühlt gar nicht so langer Zeit Die Wut, die bleibt gelesen. Wir sind ja oft nicht so direkt zum Erscheinen dann dran und da hattest du auch Fragen per E-Mail beantwortet. Ich hab aber tatsächlich auch noch zu dem Buch Fragen bekommen. Und was ich mich beim Lesen jetzt so gefragt habe: dein Autorinnenfoto mit so einem T-Shirt, If you're not outraged, you're not paying attention. Und man merkt so ein bisschen: Dieses ganze Thema Wut spiegelt sich natürlich in Die Wut, die bleibt, aber auch jetzt hier wieder.

Mareike
Nicht so subtil, ja.

Helen
Und ich finde das irgendwie persönlich so spannend, weil ich das oft ganz, ganz, ganz schwer finde, an meine Wut heranzukommen. Und ich glaube, du hast ja sogar eben erst in der Story geteilt, dass sich bei Frauen Wut oft eher in Trauer oder Traurigkeit widerspiegelt. Das merke ich auf jeden Fall bei mir auch. Ich finde das oft ganz schwer und ich frage mich, ob du da Tipps hast. Also wie kommst du an deine Wut heran? Oder was könnten wir tun, um unsere Wut vielleicht mehr zuzulassen oder uns auch zu trauen, Wut zu äußern?

Mareike
Tatsächlich sind Frauen ja oft, das kennst du bestimmt auch oder vielleicht sagst du es sogar selber. Ich bin gar nicht wütend, ich bin eher enttäuscht. Frauen weinen ganz oft, wenn sie wütend sind, weil das so Kanalisierungswege sind, die wir Frauen gesellschaftlich gestatten. Also, dass sie weinen, dass sie enttäuscht sind, das ist in Ordnung, das ist genehmigt. Und ich finde auch oft dieses ganze Empowerment, das jetzt so stattfindet, wenn man so grad Mädchen und jungen Frauen oft sagt, hey, ihr dürft da irgendwie auch ein bisschen tough sein und selbstbewusst und so weiter. Das ist prinzipiell sehr wichtig, sehr richtig, sehr gut. Aber ich finde, man muss schon auch sehen, dass Frauen, die wütend sind, also Frauen, die das zeigen können, die danach agieren können, immer mit gesellschaftlichen Sanktionen rechnen müssen. Also man wird da sofort abgestraft. Deswegen ist es total schwierig einerseits Frauen dazu zu ermuntern, aber gleichzeitig die Strukturen nicht zu ändern. Das heißt, dass sie das gar nicht dann so leben können. Und ich habe auch gerade das neue Buch von Alexandra Zykunov gelesen. Da geht sie relativ weit vorne auch auf die Wut ein und hat geschrieben, dass sie einen Satz gelesen hat, der ihr in der Hinsicht so viel bedeutet hat. Und ich habe mir dann auch gedacht, was ist das für eine gute Formulierung, nämlich die Wut ist der Teil von dir, der dich am meisten liebt. Und ich finde, mit dem kann man auch so ein bisschen sitzen bleiben und nachdenken, weil es stimmt natürlich, dass wir ja immer nur dann wütend sind, wenn wir spüren, irgendwas ist unfair, irgendwas ist ungerecht, ich wurde gerade schlecht behandelt oder jemand anderer. Also man ist ja nicht einfach wütend aus Spaß, sondern es gibt ja einen Grund dafür, und dass die Wut sozusagen eigentlich der Teil von uns ist, der uns beschützen will, der sich für uns einsetzen will und dass man vielleicht aus diesem Denkanstoß heraus sich der Wut anders nähern kann, dass man die auch ein bisschen so etwas Verbündetes sieht oder als, weiß ich nicht, vielleicht Schwester oder gute Freundin, die sagt, hey, Moment mal, hör mal da genauer hin oder schau mal da genauer hin. Da ist gerade was passiert, was nicht in Ordnung ist. Und ich glaube, aus der Perspektive ist es vielleicht nicht mehr so schwer, die Wut zu akzeptieren. Oder sie eben auch vielleicht ein bisschen positiver umzudeuten. Aber gleichzeitig, wie gesagt, ich weiß oder ich finde, es ist nicht damit getan, nur den Frauen mitzugeben. Hey, ihr dürft auch wütend sein und so, auch wenn ich das in das Buch reingeschrieben habe. Weil eben gleichzeitig, allein dieses: Was bildet die sich ein, wie sind Frauen dann irgendwie drauf, wie schnell gelten sie als hysterisch, als zu emotional und so weiter und so fort. Das ist wahnsinnig schwierig. Deswegen, wir können drüber reden und darauf aufmerksam machen. Ich finde, das ist immer so der wichtigste und erste Schritt. Aber es muss sich dann schon auch das Rundherum ändern, die Reaktionen auf wütende Frauen.

Helen
Ja, das stimmt. Aber ich mag die Vorstellung, dass sie so ein bisschen wie eine Beschützerin ist, wenn man die Wut für sich selber umdeutet. Und alle so still wurde in der E-Mail vom Verlag so angekündigt. Also es war natürlich ein längerer Text, aber ich fand vor allem diesen Absatz spannend, dass Bezug genommen wurde auf Die Wut, die bleibt und dass Lola an einer Stelle sagt, ich habe mich gefragt, was wäre, wenn alle Frauen sich verweigern würden und dass du in deinem neuen Roman Und alle so still, der dann am 16. April erscheint, genau dieser Frage eben nachgehst, was wäre, wenn alle Frauen sich verweigern und in einen Care-Streik treten würden. Und ich fand das irgendwie auch so spannend, weil du bei deinen vorigen Büchern ja auch manchmal so, ich weiß nicht, so Easter Eggs versteckt hast. Also dann konnte man zumindest vielleicht einzelne Figuren oder einzelne Aspekte da wiederfinden, wenn man die vorigen Bücher gelesen hat. Und hier war es aber ja fast wie so eine Weiterentwicklung einer Idee. Ist dir das dann schon beim Schreiben von Die Wut, die bleibt gekommen? Oder wie entstehen überhaupt so Ideen? Hast du vielleicht ein Ideenblatt und denkst, darüber schreibe ich als Nächstes, oder wie entwickelt sich so was?

Mareike
Du wirst überrascht, wie groß das Easter Egg diesmal ist. Also tatsächlich bei Die Wut, die bleibt, ich hab das ja dann auch irgendwie oft erzählt, ist es mir wirklich passiert. Ich hatte ein ganz anderes, nettes Buch geschrieben, das war auch schon fertig und ich war eigentlich dabei, das nochmal durchzugehen, im Lockdown 2021, und ich habe keine Ahnung mehr, wievielte Lockdown es war, aber es war so ein ganz düsterer Lockdown, weil hinterher oder jetzt in der Rückschau wissen wir immer, okay ab dann gab es Impfungen, ab dann gab es die sogenannten Lockerungen, aber zu dem Zeitpunkt war völlig unklar, bleibt es jetzt so, wie geht es weiter? Und da haben mir dann eben fast jeden Tag Frauen, Freundinnen, die Mütter sind geschrieben. Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich spring jetzt einfach vom Balkon. Und dieser Satz ist ja im Idealfall hypothetisch, um einfach Verzweiflung auszudrücken. Und ich habe mich am Küchentisch gesetzt und auf meinen Balkon geschaut und mir gedacht: Moment, aber was ist, wenn eine das wirklich macht, was für eine Geschichte kann dann entstehen? Und dann habe ich im größten Homeschooling-Halligalli meinen Laptop herangezogen und habe diese erste Seite geschrieben, wie sie jetzt im Buch steht und diese erste Seite, die seitdem so oft als radikal bezeichnet worden ist und hab mir dann gedacht, verdammt, das ist viel besser als das ganze nette Buch, das du gerade geschrieben hast. Und sprich, nichts an diesem Roman wäre irgendwie planbar gewesen. Später haben mich oft Leute gefragt, ja, bist du irgendwie aufgewacht und wolltest was Feministisches, Empowerndes? Aber so ist es nicht gewesen und niemand von uns hätte ahnen können, in welcher Situation wir uns befinden werden. Sprich, das war komplett von diesen äußeren Umständen inspiriert und auch von diesem Gefühl oder im Lockdown, diese Sprachlosigkeit, dieses Verstummen auch irgendwie aller Frauen und Mütter. In Österreich waren 85 Prozent aller Corona-Arbeitslosen Frauen. Und wie schnell das ging und wie alles so verdrängt wurde. Also es war so eine Blitzidee. Ich hatte nicht, wie du gerade meintest, irgendeinen Plan. Ich hatte gar keinen Plan. Es war so eine völlig aus der Not geborene Sache. Und das ist jetzt anders. Also beim jetzigen Buch habe ich mir dann gedacht, gut, die ganze Bühne ist schon da. Alle diese Kameras und Mikros, die in mein Gesicht gehalten werden, sind da. Die Aufmerksamkeit ist da. Ich nutze das jetzt aus. Daran ist jetzt überhaupt nichts mehr subtil und insofern geht es einfach noch eine Stufe weiter.

Helen
Ja, total spannend. Ich habe dazu, glaube ich, eine ganz gute Frage auch bekommen und zwar, ob das Schreiben schwieriger oder leichter wird, je mehr du veröffentlicht hast. Also ich habe gerade das Gefühl, nur weil du sagst, du nutzt die Gelegenheit, dass es leichter wird. Aber verspürst du auch dann, weil gerade auch Die Wut, die bleibt so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, auch dann manchmal Druck?

Mareike
Interessanterweise sind Schreiben und Veröffentlichen zwei vollkommen verschiedene Dinge. In meinem Gefühl hängen die nicht einmal miteinander zusammen. Also zum Beispiel jetzt bei Und alle so still, an dem Tag, an dem es dann endlich in Druck ging, als es fertig war, habe ich mir gedacht: Am allerallerliebsten geht dieses Buch einfach raus in die Welt, und was damit passiert, hat nichts mit mir zu tun. Und ich muss mich nicht dazu verhalten, ich muss auf keine Bühne gehen, ich muss keine Interviews führen, ich muss keine Fragen beantworten. Ich würde am allerliebsten jetzt mir eine neue Geschichte ausdenken. Also alles was Veröffentlichen bedeutet, dieses, es klingt auch irgendwie undankbar, ja, ich weiß, dass natürlich viele Autorinnen sich das wünschen, dass große Aufmerksamkeit passiert und ich bin dafür ja auch sehr dankbar vor allem, weil es die Themen einfach in viele Zeitungen bringt. Aber ich will ja in erster Linie Geschichten schreiben und mit Schreiben hat dann dieser ganze Rattenschwanz, der dann losgeht, nichts zu tun bzw. durch diesen ganzen Rattenschwanz hat man keine Zeit zum Schreiben. Aber gleichzeitig, ja, es ist natürlich schön, dass Dinge passieren und dass die Bücher Aufmerksamkeit bekommen. Aber was den Druck angeht, ich finde, das ist so eine wahnsinnig kapitalistische Sichtweise auf Erfolg, weil wir gelernt haben, wir müssen immer besser sein, noch mehr, noch weiter, noch größer. Das heißt, wenn sozusagen jetzt dieses Buch, weiß ich nicht, XY erreicht hat, die Festspiele und ein Theaterstück: Was kannst du jetzt tun, um das noch zu toppen? Und ich denke immer, warum sollte ich es überhaupt toppen müssen, beziehungsweise toppen wollen? Was soll das denn auch heißen? Und warum muss es immer höher sein, warum kann nicht jedes Buch für sich stehen und was auch immer damit passiert. Also zum Beispiel, Das Licht ist hier viel heller ist aus dieser Sicht, wenn man irgendwie denkt, es geht um Geld und um Sichtbarkeit, ein totaler Flop. Aber dieses Buch hat trotzdem bei ganz vielen Menschen was ausgelöst und bewirkt und das weiß ich und es gab Feedback drauf und mir bedeutet das Buch auch viel und deswegen ist das alles egal. Also dass dieses Buch jetzt sozusagen nicht diese Art von wie auch immer definiertem Erfolg hatte, das macht nichts. Es steht ja trotzdem für sich und ich habe was daraus gelernt, andere Menschen haben was daraus gelernt und auch das neue Buch jetzt auch, wenn es irgendwie aus der Wut heraus kommt oder damit zusammenhängt, was auch immer damit passiert oder ob es andere Dinge erreichen wird oder nichts davon, das macht nichts und diese Bücher sind auch einfach voneinander unabhängig und sie sind auch viel unabhängiger von mir, als alle denken. Beziehungsweise: Wie Menschen auf diese Romane reagieren, hat immer viel mehr mit ihnen selber zu tun als mit mir.

Helen
Ja, das merke ich immer so bei mir, dass ich das irgendwie immer total spannend finde, dass es mir trotzdem immer so schwer fällt, wenn ich die Person gefühlt kenne. So, ich seh dich dann bei Instagram, ich habe das Gefühl – oder wir haben ja auch schon mal gesprochen – ich kenne dich. Dann merke ich es ja beim Lesen. Also weil du jetzt grad von Das Licht ist hier viel heller sprichst, da hab ich jetzt gerade wieder bei der Messevorbereitung dran denken müssen. Ich hab grad den Namen des Protagonisten vergessen, aber wie er über die Buchmesse gesprochen hat, daran musste ich die Tage wieder denken. Und ich weiß noch, dass ich damals auch so dachte, ob du die einfach auch blöd findest, ob das auch so deine Meinung ist. Und irgendwie, ich merke das generell, dass ich das voll schwer finde, so zu trennen. Und ich glaube, manchmal würde mich das dann vielleicht hemmen beim Schreiben. Du schreibst ja unverblümt, und du sagst auch bei Social Media, nicht nur in deinen Büchern, deine Meinung halt sehr direkt und ich glaube ich hätte dann manchmal Sorge, dass gerade so bei den Büchern, dass jemand denkt, ist das wirklich meine Meinung. Aber wahrscheinlich kümmert das dann vielleicht auch weniger. Ich glaube, ich mache mir immer viel zu viel im Kopf.

Mareike
Beziehungsweise Menschen denken, glaube ich, viel mehr, dass man als Schreibender sich irgendwie mit irgendeiner Figur identifiziert. Oder: Bist du eher Sarah oder bist du eher Lola? Und ich denke, ich bin keine von denen. Und natürlich bin ich alle, weil alle sind wir Frauen in dieser Gesellschaft. Und auch wenn ich mir diese Figuren ausdenke, führen die ja trotzdem ein bisschen ein Eigenleben. Also diese Geschichte hat ja dann auch immer so eine Dynamik. Das heißt, das ist so eine Mischung aus: die Kontrolle irgendwie behalten und gleichzeitig go with the flow und so schauen, wo die Geschichte hinführt. Und gerade jetzt bei diesen Themen, also klar, wenn das so gesellschaftskritisch ist und es da eben auch um Gewalt geht und um Ungerechtigkeiten, dann hat jeder und jede Lesende ja so seine eigenen und ihre eigenen Erfahrungen und reagiert anders und wird anders getriggert. Das heißt, das müsste ich alles mitdenken. Also du weißt es ja selber, zeig ein Ding zehn verschiedenen Leuten, du kriegst zehn verschiedene Meinungen. Das heißt, ich weiß nicht, wie andere das machen, aber ich könnte das weder in meinem Schreibprozess einbauen. Und noch dazu ist das eher so was, was dann viel später und viel unabhängiger von der Geschichte passiert, wie es rezipiert wird und wie Leute darauf reagieren. Und ich kann das nicht mitdenken, ich möchte das nicht mitdenken und ich bin vielleicht auch weich gebettet, weil im Endeffekt gab es immer auf alle Bücher sehr, sehr viel sehr gute Reaktionen und selbst wenn nicht, das ist ja auch legitim, wir lesen auch Bücher, die wir nicht mögen, Insofern, ich habe damit kein Problem. Viele Leute können es auch nicht oder sagen, sie haben es abgebrochen, ist zu krass, das verstehe ich auch. Und letztlich, ich weiß es nicht, du musst es mir sagen: Kann man das so schwer trennen, dass man die Person, die es geschrieben hat, nicht doch irgendwie in der Geschichte sucht?

Helen
Ich glaube, dass das auch bei Lesenden Typsache ist. Je nachdem, ob ich das Gefühl habe, die Person, die es geschrieben hat, in irgendeiner Form zu kennen, auch wenn es nur entfernt ist, suche ich, glaube ich, viel mehr so nach Spuren. Dann frag ich mich, so denkt sie das? Aber das habe ich auch nicht bei jedem Buch und ich könnte mir vorstellen, dass das nicht jede lesende Person hat in dem gleichen Ausmaß.

Mareike
Ich denke, das ist auch unterschiedlich.

Helen
Aber ich versuche immer, mich davon frei zu machen. Ich finde es nicht so leicht. Aber ich finde auf jeden Fall, dass du auch extrem spannend schreibst. Es ist ja vielleicht nicht im klassischen Sinne so ein… Es ist ja kein Krimi oder so. Aber es entsteht so eine Spannung, dass ich unbedingt wissen will, das war jetzt bei all deinen Büchern, dass ich unbedingt wissen will, wie geht das aus? Und ich finde es jetzt total spannend, dass wir aus drei Perspektiven lesen, also von drei Personen, die ja schon auch sehr unterschiedlich sind. Und ja, ich weiß nicht, wie machst du das, wenn du jetzt, ne, du hast irgendwie diese Idee, du weißt, du wirst was schreiben, du weißt vielleicht auch schon, dass du aus diesen drei Perspektiven schreibst. Malst du dir deren Leben an die Wand, oder ist das eher so, dass sich das entwickelt, während du schreibst?

Mareike
Ich sehe immer bei so anderen Schreibenden oder wenn die dann so große Wände haben mit Post-its und Verbindungen oder das ist digitalisiert und haben dann so so Programme, die auch teilweise total cool sind und dann denke ich mir immer so: Oh Gott, was sind das für Profis, weil ich habe weder noch und eigentlich gar nichts. Das Einzige, was ich ein einziges mal hatte, war bei Dunkelgrün fast schwarz, ein großes Blatt Papier, auf dem so die Jahre, die Zeiten und auch das Wer-Wann, welche Chronologie und so. Das war handgeschrieben und in wilden Farben. Und das war das Einzige. Ansonsten habe ich nur diese Word-Datei und ich schreibe auch tatsächlich alle Bücher so, wie sie sind. Also sprich, ich wechsel immer komplett durch. Und ich finde das witzigerweise auch immer dann irgendwie total gut, weil ich freue mich dann immer so, dass ich jetzt zur nächsten Figur wieder kann. Ich könnte auch einen ganzen Handlungsstrang schreiben und den dann mischen. Aber ich schreibe es so, wie es im Buch steht und auch die ganze Chronologie, die ganze Handlung. Und ich finde es dann auch leichter, wieder Bezug zu nehmen auf das, was vorher passiert ist. Und es hat schon immer so etwas minimal Schräges, weil diese Figuren fast ein bisschen anwesend sind. Man denkt sich ja dann oft, was hat die geraucht, wenn Leute sagen, ja dann höre ich so deren Stimme und wie die so erzählen. Das stimmt schon und die haben dann also Lola zum Beispiel war da irgendwie ganz typisch sehr laut. Die haben dann auch so eine eigene Art. Zum Beispiel bei Moritz bei Dunkelgrün fast schwarz, da waren am Anfang immer Farben und mich hat das total genervt. Ich wollte das zuerst nicht, ich habe das dann immer wieder gelöscht, und irgendwann habe ich mir gedacht: Okay, der bringt das offenbar einfach mit. Und dann habe ich erst angefangen, mich über Synästhesie zu informieren, also so rückwirkend. Ich habe dann meinen Bruder angerufen, der damals noch studiert hat: Du hast doch Zugang zur Uni-Bibliothek, bring mir irgendwie alles über Farben und so, was du finden kannst, weil ich brauche das jetzt und ich habe keine Ahnung. Sprich manchmal sind es schon Dinge, die ich mir gar nicht so überlege oder gar nicht so ausdenke, die dann aus der Dynamik, aus den Figuren heraus entstehen und wo ich dann auch einfach bereit sein muss, mitzugehen.

Helen
Ja, das ist sowas, was ich noch gar nicht richtig greifen kann, aber das habe ich jetzt schon öfter gehört. Ich finde es hört sich auf jeden Fall total spannend an, wenn man sich so vorstellt, dass das vielleicht auch so aus dir herausfließt und du gar nicht die Kontrolle darüber hast. Weil du das gerade angesprochen hast: Ist das dann auch so was, wo du dich beim Schreiben irgendwie ablenken lässt, dass du denkst, oh, da sollte ich jetzt googeln, und dann so irgendwie im Rabbit Hole versinkst oder bist du da sehr diszipliniert und denkst, ich habe jetzt nur eine Stunde und die nutze ich jetzt?

Mareike
Ja, also ich bin tatsächlich sehr diszipliniert. Ich glaube, das kommt durchs Kinderhaben. Also dieses Wissen, es gibt nur gewisse Zeitfenster und ich habe ja schon lange und sehr viel immer getextet und da hatte ich dann teilweise schon Kinder und dann haben wir, also wir haben uns von Anfang an abgewechselt. Das heißt, ich hatte so einen Tag Sorgearbeit, Kinder am nächsten Tag wieder Erwerbstätigkeit im Büro und es gab halt nur diesen einen Tag. Und wenn der dran war, dann ging es nicht, dass ich mir überlegt hätte, so, oh, jetzt fällt mir nichts ein, keine Ahnung, ich vertage das, weil es gab keine Möglichkeit, das zu vertagen. Sprich, mein Gehirn ist wirklich sehr drauf trainiert, auf Knopfdruck so Dinge auszuspucken. Und insofern mache ich das dann – natürlich nicht immer, ich bin jetzt nicht immer bei 100 Prozent Disziplin, aber zum Großteil schon und auch eigentlich sehr schnell und zuverlässig und das hängt jetzt sicher nicht ausschließlich damit zusammen, dass man Mutter ist, kinderlose Menschen können das auch, aber man weiß ja auch aus dem Arbeitsbereich oder das oft Mütter die Teilzeit arbeiten, fast genauso viel schaffen wie andere die Vollzeit arbeiten, weil sie eben erstens unter Zeitdruck das können und auch sehr effizient sind, ob das jetzt gut ist oder ob wir dadurch alle noch mal überlastet sind, sei mal dahingestellt. Aber generell und das ist so was, was so ein bisschen unromantisch ist. Wir haben da immer so eine sehr romantisierte Vorstellung vom Schreiben, dieses – ich weiß auch nicht – dieses Setting, der sehr schöne, wahrscheinlich auch sehr leere Schreibtisch mit einer guten Umgebung, Atmosphäre, es soll irgendwie, weiß ich nicht, duften und ruhig sein. Und dann kommt der Musenkuss. Ich glaube, das ist erstens was total weltfremdes, das überhaupt nicht existiert und es ist zweitens was sehr männliches. Ich glaube, das ist so der klassische Thomas Mann: Er schreibt, und hinter ihm ist die Tür zu, weil Katia Mann ihm alle Kinder und alles, was sonst so anfällt, von ihm fernhält. Das haben schreibende Mütter einfach nicht. Also weder den Raum, noch den Tisch, noch die Ruhe. Und das ist auch okay. Ich finde, man darf das auch entromantisieren und auch sagen: Schreiben funktioniert doch dankenswerterweise komplett orts- und zeitunabhängig. Ich meine, du kannst an der Bushaltestelle sitzen und dir fällt was ein oder ganz klassisch, wie es immer heißt, unter der Dusche. Sogar an der Supermarktkasse. Es ist komplett egal und entscheidet ja auch nicht über die Qualität der Idee oder der Formulierungen.

Helen
Ja, meistens ist es ja eher, wenn der Kopf kurz mal Leerlauf hat, dass man dann auf Ideen kommt. Hältst du dann inne und schreibst das irgendwie ins Handy auf oder auf einen Block oder so?

Mareike
Es wäre gut, würde ich es tun. Und tatsächlich habe ich noch so ganz old school ein Notizbuch. Es gibt für jedes Buch ein Notizbuch. Das sieht dann auch oft wild aus, und manchmal ist es sehr lustig. Ganz am Ende, wenn der Roman fertig ist, die ersten Seiten im Notizbuch anzuschauen, weil die waren oft ganz anders. Also die ersten Ideen oder wo kann das hingehen oder so die ersten Überlegungen, wo es losgestartet ist und was sozusagen am Ende dabei rausgekommen ist.

Helen
Ja, irgendwie voll spannend. Da würde man manchmal gerne wahrscheinlich einfach mal bei dir so über die Schulter schauen, wie du das machst. Ich habe noch die Frage bekommen, ob das Schreiben – außer mittlerweile ja ein Job – auch etwas ist, was dir hilft, um dir was so von der Seele zu schreiben. Also, ich weiß nicht, ob man das so sagen kann, hat das auch was Therapeutisches, dass du das loswerden kannst, oder ist es für dich eher eine Art, eine Message zu vermitteln? Also wie siehst du das Schreiben so für dich? Naja, also du hattest jetzt zum Beispiel auch diese Kurzgeschichte bei DAS GRAMM, also wahrscheinlich Geschichten zu schreiben, denke ich. Weil, viele schreiben dann auch Tagebuch oder so Morning Pages oder so. Machst du das?

Mareike
Nein, da bin ich immer total schlecht, scheitere wirklich kläglich. Also insofern, therapeutisch für mich: Das funktioniert irgendwie nicht. Ich würde mir dann immer sofort lieber was ausdenken. Machst du das? Tagebuch oder so was?

Helen
Das habe ich mir immer so ganz toll vorgestellt.

Mareike
Ja, oder? Ich sehe das dann bei anderen, wenn die so auf Instagram posten, und dann sieht man, sie schreiben, schreiben, schreiben, sieht aus, als würden sie es stundenlang machen und fühlen sich dann irgendwie befreit. Aber was schreibt man da? Ist ja lustig, dass ich das frage, ich habe keine Ahnung.

Helen
Ich glaube, manchmal kann man sich so diese Prompts oder wie das heißt, also so eine Frage, entweder selber stellen oder irgendwo raussuchen und dann halt einfach fließen lassen. Ich habe das mal gelesen mit diesen Morning Pages. Ich weiß gar nicht mehr genau, was das Prinzip ist. Ich glaube, wirklich einfach erstmal so rauszuschreiben, was dir in den Sinn kommt. Aber ich glaube, hier ging es jetzt tatsächlich um deine, also das, was du für die Außenwelt schreibst, sag ich mal.

Mareike
Also das ist wieder so ein bisschen der Punkt: Was ist die Message, oder wer liest welche Message raus? Und wer glaubt dann, was ich überhaupt reingelegt hätte? Ich finde ja zum Beispiel, dass Die Wut, die bleibt wirklich sehr offen ist und dass das Buch eigentlich viel mehr Fragen stellt, als Antworten gibt. Und dass es Fragen sind, an denen man sich abarbeiten darf. Und wer auch immer sich welche Botschaft daraus ziehen will – das ist dann okay und gut so. Aber meiner Meinung nach kann Literatur, das ist auch das, was das neue Buch jetzt tut, eher vielmehr so einen Denkanstoß geben. Es kann dir ja keine Lösung vermitteln, es kann keine Botschaft so – hey, lies dieses Buch, das ist die Botschaft, und jetzt ändert sich alles. Das wird dann doch, finde ich, ein bisschen krass, was man so von Literatur erwarten darf, aber es ist ja schon gut genug oder schön genug, wenn es überhaupt Menschen zum Nachdenken bringt. Und da gab es dann Nachrichten, keine Ahnung, Männer, die geschrieben haben, hey, ich hab eigentlich geglaubt, ich lebe schon gleichberechtigt mit meiner Frau, aber jetzt muss ich mich mit ihr hinsetzen und das alles nochmal neu organisieren. Oder andere Männer, die geschrieben haben, die schon wesentlich älter waren. Ich bin so traurig, dass meine Frau schon gestorben ist, weil jetzt, wo ich dieses Buch gelesen habe, sehe ich viele Dinge in unserem Leben ganz anders und kann aber wenigstens noch mit meinen Töchtern drüber reden. Oder eben auch viele Frauen, Frauen, die angefangen haben zu boxen, Frauen, die sich die Haare abrasiert haben, Frauen, die versucht haben, im eigenen Leben mehr so Schwesternschaft auszudrücken, sich zu verbünden und so weiter und so fort. Und was wäre davon die Message? Ich habe keine Ahnung, aber wenn Menschen sich das da rausziehen und das sind natürlich kleine Dinge, wenn man sagt, okay, das ist jetzt ein Familien- oder Freundinnenverband, aber das macht nichts, weil viele kleine Dinge ergeben auch was Großes.

Helen
Ist das auch so, dass du dann so mit deinen Freundinnen oder mit deinem Umfeld über deine Bücher sprichst und ihr darüber diskutiert? Oder bei den Lesungen, die du gehalten hast, dass dann eine Diskussion zu den Themen aufkommt?

Mareike
Also interessanterweise, nein, ich weiß nicht, wir haben bei 70 aufgehört zu zählen. Es gab unglaublich viele Veranstaltungen zu dem Buch. Und jedes einzelne Mal haben die Buchhändlerinnen oder wo das eben war vorher gesagt: Ja, und dann haben wir Zeit für Diskussion, da kommen ja ganz viele Fragen, weil unser Publikum ist sehr diskussionsfreudig. Und es kam nie irgendwas. Und ich habe aufgehört zu lesen, ganz wirksam natürlich mit einem super schönen Satz aus dem Buch, und dann waren alle so geplättet und ich glaube man hat dann jedes mal gemerkt, zum Großteil sind natürlich Frauen bei diesen Lesungen anwesend. Das liegt daran, dass Frauen generell mehr zu lesen gehen und daran natürlich, dass ich selber eine Frau bin. Das heißt, es ist schon schwierig für Männer, wissen wir ja. Aber das Gefühl oder das vorherrschende Gefühl im Raum war dann immer, alle Frauen wissen, dass es so ist. Und haben aber auch einen großen, geteilten Schmerz, der wirklich manchmal wie in Wellen zu mir nach vorne geschwappt ist. Und es ist sozusagen fast unnötig, darüber noch zu reden, weil wir ja alle wissen, dass es stimmt. Also das ist jetzt so meine Erklärung, warum dann eigentlich fast nie… Manchmal hat dann irgendeine Moderatorin so: Ja, ich hab mir aber so zwei, drei Fragen überlegt. Aber eigentlich war das immer so ein bisschen in sich geschlossen oder vielleicht hab ich auch alle so zugetextet mit meinem Vortrag, dass es dann eher meistens ruhig war.

Helen
Vielleicht hat es dann auch noch so ein bisschen gearbeitet. Aber ich kann mir das auf jeden Fall ganz gut vorstellen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass das jetzt bei Und alle so still anders wäre, weil da gibt es ja dann vielleicht eher was, worüber man mal diskutieren könnte. Wie könnte das ablaufen, wenn wir das jetzt einfach entscheiden würden, dass wir alle die Arbeit niederlegen?

Mareike
Also vielleicht werden die Lesungen dann diskussionsfreudiger. Schauen wir mal. Ich war da immer auch gar nicht so böse, weil es ist sowieso anstrengend genug, zu lesen, zu reden und im Rampenlicht. Und dann, wenn halt niemand mehr Fragen stellt, muss ich einfach nicht mehr so lange arbeiten. Und 70 Lesungen sind auch echt nicht ohne.

Helen
Ich hatte bei dir bei Instagram gesehen, dass du so Postkarten vorbereitet hattest für Die Wut, die bleibt, den Angry Female Book Club, glaube ich, mit Buchempfehlung. Hast du so was jetzt auch für deine, weil es wird ja wahrscheinlich auch wieder Lesung dann ab Mitte April oder so geben zu dem neuen Buch, hast du da auch irgendwie so was in der Art vorbereitet?

Mareike
Ja, also das waren Flyer, die waren auch tatsächlich im Design vom Buch und so vom Verlag gedruckt. Und da waren ausschließlich Buchtipps von weiblichen Schreibenden drauf, Romane und Sachbücher. Und ich habe dann immer das Ende sozusagen jeder Lesung so gestaltet, dass ich die letzte Viertelstunde einfach ganz viel über diese Solidarität unter Frauen gesprochen habe. Die ja schon auch, wenn wir so wollen, eine Kernbotschaft von Die Wut, die bleibt ist: dass eben diese vier Mädchen da zusammenhalten und dass Sani auch an einer Stelle sagt, das Grundgefühl zwischen Frauen ist Liebe. Und erstens ist alles, was ich weiß oder was ich dann da abgeliefert habe, nur deswegen so gut, weil andere Frauen schon die Arbeit gemacht haben. Und ich habe dann auch jedes Mal gesagt, diese anderen Autorinnen sind nicht meine Konkurrentinnen, das sind meine Schwestern, die gehören zu mir auf jede einzelne Bühne. Und deswegen ist es so wichtig und wenn Leute mich dann fragen: Wie kannst du nur, du hältst immer Bücher von anderen Frauen in die Kamera und verteilst – das waren über 1000 Flyer – was ist, wenn die Leute jetzt die Bücher der anderen Frauen kaufen und deins nicht? Und ich sage dann immer, das Beste, was uns passieren kann. Wenn Leute anfangen, mehr Bücher von Frauen zu kaufen, zu lesen, zu verschenken. Erstens, das wisst ihr ja alle bestens, ist dieses Ungleichgewicht auf dem Literaturmarkt wahnsinnig ausgeprägt. Und zweitens weitet es den Horizont und macht uns alle empathischer und klüger und zeigt uns die Welt aus Frauenaugen, während wir ja immer nur lernen, alles aus Männersicht anzuschauen. Und außerdem habe ich mir gedacht, es sitzen eben jedes einzelne Mal mindestens 100 Frauen in diesem Saal und es geht nicht nur darum, dass sie hoffentlich den Flyer mitnehmen und hoffentlich eines dieser Bücher kaufen und lesen, sondern auch, wenn die sehen, dass ich das kann, da als Autorin zu sitzen und andere Autorinnen so vehement zu empfehlen und dass ich dabei nichts verliere, sondern alle gemeinsam gewinnen, dass sie dann vielleicht inspiriert sind und sich denken, ach so, vielleicht kann ich ja doch auch in meinem eigenen Umfeld privat oder beruflich anderen Frauen öfter die Hand reichen, statt sie in den Abgrund zu schubsen. Und wenn wir ehrlich sind, wenn es von 100 dann jeweils nur zwei oder drei mitnehmen, dann sind es trotzdem viele und dann ist da trotzdem auch schon wieder was Kleines passiert, was vielleicht zu mehr weiblichem Zusammenhalt führt. Ach so, du hast eigentlich gefragt, ob es das auch schon gibt. Tatsächlich ja, und zwar gibt es jetzt eben einen dritten Flyer, der ist dann, glaube ich, im neuen Design. Der kommt in diese Buchbox rein und ich kriege die wieder auch gedruckt für die Veranstaltungen plus der Verlag programmiert jetzt eine eigene Landingpage, wo dann alle Flyer, die es sozusagen bis dahin oder in Zukunft gibt, zum Download bereitstehen. Was ich auch total schön finde, weil also mein Verlag ist Rowohlt, aber alle diese Bücher sind nicht von Rowohlt und es ist aber total schön und gut und wichtig, dass auch Rowohlt sagen kann: Hey, diese Bücher sind super, kauft euch die, und wir verlieren dadurch nichts, sondern dass das auch so ein bisschen das, was sozusagen diese Bücher erzählen, diese Solidarität, dass die dann auch da ein bisschen stattfindet. Das ist echt richtig schön.

Helen
Da bin ich auf jeden Fall gespannt drauf. Ich bin gespannt darauf, ob du vielleicht hier auch in die Gegend kommst, da muss ich auch mal schauen. Stehen anstehende Termine jetzt schon fest? Also ich meine, wir nehmen es jetzt Ende März auf.

Mareike
Ja, so die meisten.

Helen
Dann gucke ich gleich mal durch. Was ich eben auch noch dachte: Ich halte es jetzt mal in die Kamera, die Hörenden sehen das dann nicht – es ist ein anderer Rot-Ton, aber es ist auf jeden Fall auch wieder Rot. Und ich weiß nicht, Rot kann man ja auch irgendwie als Farbe von Wut deuten, ist das wahrscheinlich auch beabsichtigt, dass das auf beiden Buchcovern ist?

Mareike
Ja, ich finde sie fast wieder ein bisschen pinkisch.

Helen
Ja, ich habe das auch gerade gedacht, wo ich näher dran gegangen bin, weil da auch noch ein Lila-Ton drunter liegt.

Mareike
Was ich eigentlich am neuen Cover irgendwie gut finde, ist diese Diskrepanz. Weil es ja einfach Und alle so still heißt und die Typo da so, das Cover ist überhaupt nicht still.

Helen
Ja, das stimmt.

Mareike
Es ist sehr so BAM. Und was ich gut fand, als ich das Cover zum ersten Mal gesehen habe, war, dass ich mir gedacht habe: Wow, mir fallen nicht sofort fünf Cover ein, die auch so ausschauen. Und das finde ich ist ja schon was Besonderes, weil ihr lest ja alle wahnsinnig viel und seid auch viel in Buchhandlungen, und dann gibt es ja oft auch so Trends, wo man weiß, jetzt schauen gerade alle Titel so aus und man verwechselt die fast schon ein bisschen.

Helen
Ich weiß nicht, woran mich das erinnert. Vielleicht eher wie Tonausschläge. Bei Die Wut, die bleibt war das ja wie so eine Explosion auf dem Cover. Ich finde, man könnte zumindest vielleicht eine Verbindung zu dir herstellen und nicht unbedingt zu anderen Büchern. Und das ist vielleicht ganz gut, weil Die Wut, die bleibt ja auch sehr viel Aufmerksamkeit bekommen hat und hoffentlich Und alle so still genauso. Ich finde das einen total spannenden Gedanken: Was wäre, wenn wir das alle machen? Das hat mich auch ein bisschen an die Idee hinter Tamina Blue erinnert, so hieß die Kurzgeschichte, wo Frauen sich im Grunde ja gewehrt haben, sag ich mal, und auf eine relativ brutale Art. Auf das Gedankenspiel kann man sich ja auch einfach mal einlassen. Was wäre, wenn wir das tun würden? Deswegen ja, total spannend. Und ich find's auch cool, dass man's aus verschiedenen Perspektiven liest. Ich find auch Ruth irgendwie sehr spannend, weil sie eben schon älter ist und vielleicht einfach noch mal eine andere Perspektive als jetzt Elin mit reinbringt. Ja, deswegen auf jeden Fall lesen. Ich guck mal ganz kurz, ob ich hier noch Fragen hatte, die ich jetzt vergessen habe. Ach so, ich hatte mir aber noch ein Zitat von Ruth notiert, weil ich sie bisher ziemlich gerne mag.

Mareike
Ich mag diesmal alle drei, das ist total ungewöhnlich.

Helen
Magst du sonst nicht alle drei?

Mareike
Ja, ich mochte noch nie alle Figuren. Und diesmal mag ich die alle drei so gerne. Und mochte es auch voll, die zu schreiben und mit denen Zeit zu verbringen, also alle auf unterschiedliche Art. Und ich finde halt Verweigerung wahnsinnig faszinierend, weil alle Wirtschaftssysteme und alles, was wir so aktuell haben, immer pyramidal aufgebaut ist. Wir wissen genau, ganz oben sitzen wenige, die sehr viel Macht haben und unten sind ganz viele, die keine Macht haben. Und da denke ich mir dann schon immer: Ist das so? Weil wer macht denn alles die ganze Zeit? Also wer hält dieses unglaubliche Räderwerk am Laufen? Und ich finde Streik an sich wahnsinnig faszinierend, aber gleichzeitig, Streik, wie wir ihn im Alltag wahrnehmen – der Lokführerstreik, das sind immer sehr männlich konnotierte Streiks oder auch jetzt mit den Bauern. Und das ist immer mit Unannehmlichkeiten für uns verbunden, aber generell herrscht schon sehr viel Verständnis dafür in der Bevölkerung, während diese Abhängigkeitsverhältnisse, in denen Frauen sich befinden, nicht bestreikbar sind oder nicht so leicht bestreikbar, weil es immer sehr schnell sehr krasse moralische Konsequenzen hat. Und da finde ich halt, Literatur ist natürlich was, was das ausprobieren und durchdeklinieren kann, weil es sozusagen in Anführungszeichen nur Papier ist, was in der Realität nicht oder noch nicht passiert. Und spannend wird eigentlich sein, wer dieses Buch als utopisch und wer es als dystopisch empfinden wird. Aber so unrealistisch sind diese Dinge gar nicht. Wir wissen ganz genau, was für ein riesiger Personalmangel im Gesundheitswesen herrscht. Wir wissen auch ganz genau, wie sehr wir Frauen in Sachen Sorgearbeit ausbeuten. Es gibt kein Wissensdefizit, sondern ein Handlungsdefizit, wie Patricia Cammarata auch so schön schreibt. Und ich frage die Jugendlichen in den ganzen Schulworkshops oft, was sie denn glauben, was so die kritische Masse ist: Wie viel Prozent der Bevölkerung müssen an irgendeiner Art von Streik oder Veränderungsbereitschaft beteiligt sein, damit sich was bewegen kann? Und alle sagen dann immer, ja, bestimmt mehr als die Hälfte, 70 Prozent oder so. Und es sind ja nur 3,5. Und es klingt dann eben zuerst so wenig, wobei natürlich alle, die rechnen können, wissen: Je nachdem, wie groß das Land ist, sind es schon sehr viele Menschen. Das heißt auch nicht immer, dass es dann erfolgreich ist. Aber generell finde ich das unglaublich interessant, dass es eigentlich nur so wenige sind, dass wir aber nie ins Handeln kommen. Weil überleg dir doch mal, wie wir alle immer irgendwie so gestresst sind und am Burnout entlangschrammen und uns immer denken, aber wir müssen, das müssen wir und nichts geht sich jemals aus und trotzdem gibt es so eine, man nennt es auch freiwillige Selbstausbeutung, so eine große Bereitschaft dazu, das immer mitzutragen. Ich finde das als Ausgangsbild für einen Roman auch unglaublich spannend, dieses Bild, dass diese Frauen einfach liegen, sie liegen da und machen nichts mehr. Aber sie haben ja auch eben keine Schilder, keine Forderungen, sie schreien nichts herum. Es ist kein organisierter Protest. Es ist mehr so ein kollektives Ende aller Ressourcen, die sozusagen bis zum bitteren letzten Punkt ausgebeutet wurden. Und es ist nichts mehr übrig, so ähnlich wie bei diesem – wie nennt man diesen Earth Overshoot Day – wo wir eigentlich jedes Jahr sagen: Heute sind alle Ressourcen des Planeten zu Ende, aber wir marschieren einfach weiter. Und so wollte ich das erzählen, diese große generelle Erschöpfung, die wir ja auch alle spüren.

Helen
Ja, das passt auch zu dem Zitat von Ruth, weil Ruth im Grunde Zeugin einer Situation wird, wo ein Mann irgendwie unmögliche Dinge sagt, und ihre Freundin wird laut und ärgert sich sehr drüber, und sie reagiert aber relativ gefasst und wird dann nachher gefragt: Wie konntest du dabei so ruhig bleiben? Und dann sagt sie, einmal ist die Kraft zu Ende und der Mensch irgendwie auch. Und das, fand ich, passt ja ganz gut dazu, zu dem Ende der Energie. Und weil du das jetzt gerade auch so beschrieben hast mit dem klassischen Streik: Wir haben, glaube ich, einfach ein festes Bild davon, wie Streik aussieht. Und ich musste da gerade dran denken: Ich war in Kolumbien im Auslandssemester, an einer staatlichen Uni, und das läuft ein bisschen anders ab als an den privaten Unis – also vielleicht ist es jetzt auch schon wieder ein bisschen her. Und da wurde uns auch direkt in der Einführungswoche gesagt, hier wird oft gestreikt, und so habt ihr euch dann zu verhalten. Ich habe gedacht, naja, gut, Streik, kein Problem, kenne ich. Und dann wurden aber Bilder gezeigt von vermummten Menschen, die irgendwie wie im Stadion diese Pyrotechnik und alles Mögliche dabei hatten. Und ich bin auch mal dabei gewesen, wie solche sogenannten Kartoffelbomben oder sowas geworfen wurden. Die sind einfach sehr, sehr laut und man erschreckt sich zu Tode. Aber es passiert jetzt im Grunde nichts weiter. Aber dann dachte ich so, okay, es gibt auch ganz andere Formen von Streik. Also sowas kann auch ganz ganz anders aussehen. Ich finde es spannend, dass du aber ja auch nicht so eine Form gewählt hast. Also hast du jetzt auch nicht wie bei Tamina Blue alle mit Gewalt zurückschlagen lassen, sondern es ist ja im Grunde eine ruhige Art.

Mareike
Und eben so ein Völliges, also dieses Liegenbleiben im Sinne von gar nicht mehr aufstehen können. Also sprich, diese Erschöpfung ist so groß. Und das ist natürlich dadurch auch ein sehr körperliches Buch, weil es geht ja immer um diese Körper, um unsere Körper, was wir geben können, was wir leisten können, für wen überhaupt, also wer profitiert dann von unserer Körperkraft. Und zum Beispiel eben auch Nuri, der junge Mann, der unter so prekären Umständen arbeitet und der auch einfach arm ist sozusagen in einer Wohlstandsgesellschaft, wo wir oft so tun, als wären arme Menschen einfach faul. Das ist so ein ganz krasses Vorurteil, oder sie strengen sich ja nicht genug an und in Wirklichkeit arbeiten die ja oft ganz, ganz viel, aber es ist so eine entwertete Arbeit, weil wir entschieden haben, keine Ahnung, völlig random, der eine, der jetzt da in diesem Büro sitzt und Excel-Tabellen ausfüllt, bekommt für diese Art von Arbeit wesentlich mehr bezahlt als der andere, der gerade die Straße teert, wie auch immer, und das haben ja nur wir komplett willkürlich festgelegt. Ich habe auch sehr viel recherchiert und auch mit so Essenslieferanten gesprochen und auch mit Menschen aus dem Gesundheitswesen. Es gab dann ein Wort, das fand ich so heftig, deswegen kommt es auch im Buch vor: Man nennt solche Arbeitskräfte Wegwerfmenschen. Es ist ein Begriff, der existiert. Ich finde es schlimm, dass wir in einer Welt leben, in der ein solcher Begriff überhaupt existieren kann. Also Wegwerfmenschen, die sozusagen so eine Art von entwerteter Arbeit machen und die ständig nachkommen in großer Fülle. Und die man deswegen ja auch so gut ausbeuten kann, weil sie in einer Situation sind, in der sie sich gar nicht leisten können zu streiken, in der sie auch keinen Zusammenhalt erfahren, in der sie eventuell, weiß ich nicht, keine Papiere haben, keinen Status, alle diese Dinge, die wir als selbstverständlich ansehen. Und es bedeutet auch oft einfach, dass die zwar arbeiten, arbeiten und sich wirklich richtig kaputt schuften, aber Dinge, die wir, wie wir gelernt haben im kapitalistischen System, sozusagen dafür bekommen, dass wir Arbeitskraft geben, nämlich Sicherheit, ein Dach über dem Kopf, Nahrung, Kleidung und so weiter, diese Grundbedürfnisse, dass sie die gar nicht erreichen können. Und dass du sozusagen arbeitest, aber eigentlich nicht davon leben kannst. Und was bedeutet das in der Konsequenz, wenn du nicht davon leben kannst. Und Nuris Vater zum Beispiel ist auch eben so ein Mann, der sich da jahrzehntelang in den Fabriken niedergeschuftet hat. Und was dann so dieses große Ganze angeht, das Patriarchat, oder eben, warum es Nuri als männliche Perspektive überhaupt gibt: Das ist logischerweise natürlich so, dass er als marginalisierter Mann viel näher dran ist an gewissen Erkenntnisschritten, weil wenn du einfach ein weißer Hetero-Cis-Mann bist mit vielen Privilegien, profitierst du so sehr von dieser patriarchalen Dividende, dass du ja gar nicht auf die Idee kommst, da könnte eventuell alles ein bisschen unfair sein. Während, wenn du selber aber Diskriminierungserfahrungen machst, aus welchen Gründen auch immer, dann, und das erlebe ich zum Beispiel sogar schon bei den Schulworkshops, dann sind das nämlich oft die Jungs vielleicht mit Migrationshintergrund oder einer, der dann erzählt, meine Mama ist aus Ungarn gekommen und wie sie hier behandelt wurde und was mit ihr passiert ist und so oder die vielleicht so sind, dass sie nicht diesem Männlichkeitsbild, das wir aktuell irgendwie so gern leben, entsprechen und die dadurch schon die Erfahrung gemacht haben, wenn ich nicht zu 100 Prozent so bin, wie es das Patriarchat will, dann merke ich plötzlich, was für krasse Dynamiken da dahinterstecken. Und ganz oft sind eben auch diese Männer, diejenigen, die dann viel mehr Verständnis haben für die Nachteile, die Frauen und Trans-Menschen, nicht binäre Menschen erleben. Und so befindet sich Nuri eben sozusagen in dieser Lage und auch in dieser emotionalen Nähe, sag ich jetzt mal, zu den weiblichen Figuren. Und in seiner Perspektive geht es dann eben auch mehr darum, dass das nicht nur Sorgearbeit betrifft oder eben auch das Gesundheitswesen, sondern – man nennt das auch digitale Unterschichtung – dass Menschen halt zum Beispiel nur so stundenweise über Apps arbeiten, was für heftige Folgen das hat. Das sind einfach so Dinge, die wir für selbstverständlich annehmen, keine Ahnung, Feierabend, Krankenversicherung und so, dass es das nicht gibt.

Helen
Ja. Also das hat mich auch ziemlich mitgenommen. Allein schon irgendwie so: Er gibt seinen Schokoriegel raus und weiß ehrlich gesagt nicht mehr, was er jetzt noch essen kann bis zu seiner nächsten Schicht. Das ist schon ziemlich heftig und fühlt sich, glaube ich, dadurch auch einfach neuer für mich an, weil ich die Perspektive viel weniger kenne. Ich kenne ja auch Elins Perspektive nicht, aber sie fühlt sich vielleicht vertrauter an. Also ich hab das Gefühl, damit kann ich mich eher irgendwie identifizieren – vielleicht das falsche Wort. Da kann ich mich eher reindenken. Und vielleicht sogar auch eher noch in Ruth. Aber das, wie er irgendwie eine Schicht nach der anderen schiebt… Also er schläft dann mal kurz irgendwie im Park und trinkt diese Energydrinks. Aber das kann ich mir im Grunde gar nicht richtig vorstellen. So, und das fand ich halt krass. Und deswegen, ich finde es eine total wichtige Perspektive. Und ja, ich bin auch für ihn super gespannt, wie es sich noch weiter entwickelt. Ich meine, Wegwerfmenschen ist natürlich ein superheftiges Wort. Ein Wort, das ich aber irgendwie ganz nett fand, obwohl man es wahrscheinlich auch unterschiedlich deuten kann, waren diese Blätterteig-Wahrheiten. Also ich mochte irgendwie auch die Vorstellung, dass sich das so aufblättert, was du alles so verbirgst und was alles so zu deinem Leben irgendwie gehört. So habe ich es jetzt erst mal gedeutet. Also bisher wurde ich sehr reingezogen in das Buch. Ich bin total gespannt drauf. Ich freue mich auch wirklich sehr, dass wir da ein bisschen mehr darüber sprechen konnten, auch über die Bücher, die wir schon gelesen haben und irgendwie einfach auch zu sehen, wie sich das so bei dir weiterentwickelt, finde ich, voll spannend. Wir haben zuletzt, glaube ich, vor vier Jahren gesprochen, das ist jetzt schon ein bisschen her.

Mareike
So lange her? Gott, okay.

Helen
Ich glaube schon? Oder drei? Vielleicht drei Jahre. Also es ist auf jeden Fall schon ein bisschen her. Da waren wir, glaube ich, auch beide im Lockdown. Du durftest, glaube ich, wirklich gar nicht… Das war irgendwie eine ganz andere Situation als jetzt. Deswegen, ja, ich wünsche dir auf jeden Fall ganz, ganz viel Erfolg. Ich weiß jetzt gar nicht, ob ich dir wünschen soll, dass ganz viel gefragt wird bei den Lesungen, aber ich könnte mir vorstellen, dass mehr gefragt oder mehr diskutiert wird. Aber ich wünsche dir jetzt viel Erfolg auf jeden Fall damit.

Mareike
Es kommt jetzt am 16. April raus, Und alle so still. Also du gehörst zu den Ersten, die schon reingelesen haben.

Helen
Ja, ich fühle mich sehr privilegiert. Und ich freue mich auf das Gedankenexperiment. Was ist, wenn wir alle einfach mal aufhören, immer weiter zu machen und immer noch mehr zu machen?

Mareike
Ja, danke dir.

Helen
Wolltest du noch irgendwas loswerden zum Buch? Irgendwas, was wir nicht aufgegriffen haben, wo du denkst, das sollten alle gehört haben.

Mareike
Also vielleicht eine Sache tatsächlich, weil du Ruth erwähnt hast und auch kurz von ihr zitiert hast. Es geht in Ruths Kapiteln, die zum Großteil im Krankenhaus spielen, ganz viel eben um die Überlastung von pflegenden Menschen. Und interessanterweise sind das so die Sachen, die ich mir gar nicht ausgedacht habe. Also Ruths Erlebnisse im Krankenhaus sind echte Geschichten, die mir echte Frauen aus dem Gesundheitswesen erzählt haben. Und als sie mir die erzählt haben, habe ich mir umgekehrt gedacht, okay, das muss in diesem Roman, ich muss das eben so, also Ruth muss da arbeiten, das muss erzählt werden, das muss einfach irgendwie Platz und Aufmerksamkeit im Raum finden. Und eine Frau zum Beispiel hat diesen schönen Satz gesagt, deswegen kommt der auch im Buch vor: Das Gesundheitswesen ist wie ein 30-stöckiges Hochhaus, das wir schon längst gesprengt haben. Aber weil wir ganz oben sind, merken wir nicht, dass wir uns die ganze Zeit so im freien Fall befinden. Und alle diese Dinge hätte ich mir bei meiner gesamten Fantasie gar nicht ausdenken können, weil ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass solche Dinge in unseren Krankenhäusern passieren. Und ich hoffe, also das ist schon was, was ich mir vom Buch erhoffe, ein bisschen mehr Bewusstsein für diesen ganzen Bereich, weil eben das ganze Gesundheitswesen und alles, was mit Care zu tun hat, so ausgelagert und an den Rand gedrängt wird. Dabei sollte das das Zentrum unseres menschlichen Miteinanders sein. Und drum, wie ich eben vorhin gemeint habe, ich nutze diese Bühne dafür: Es ist mir in der Hinsicht schon sehr wichtig, hoffentlich Aufmerksamkeit für den Pflegesektor zu generieren.

Helen
Ja, das ist super wichtig. Also auch nicht nur dafür, aber super wichtig, dass wir darüber auch mehr sprechen. Und wir haben jetzt auch gerade so, was können wir tun? Aber ich meine, wir können es im ersten Schritt lesen und darüber sprechen. Aber man fühlt sich auch so ein bisschen: Das reicht nicht. Wir müssen irgendwie mehr machen.

Mareike
Ja, beziehungsweise eben dann auch vielleicht in Folge sich zusammenschließen.

Helen
Und ein bisschen mehr dagegenhalten.

Mareike
Ja. Es ist auch so was, weil wir ganz oft denken – und natürlich auch, weil so ein großes Framing passiert – dass wir ja gar nichts bewirken können. Wir reden auch immer so über die Gesellschaft und das System, als wäre das etwas von uns Unabhängiges, als ob wir so drauf schauen und denken: Naja, was soll ich machen? Aber das existiert nicht, es gibt kein System ohne uns. Also wir sind die Gesellschaft und wir gestalten das alles ja jeden einzelnen Tag mit und allein wenn wir uns ein bisschen in der Menschheitsgeschichte umschauen, sehen wir ja sofort, dass wir immer schon anders gelebt haben. Wir hatten schon ganz viele verschiedene Gesellschaftsformen, die haben sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert. Nichts daran ist irgendwie naturgegeben, sondern es ist alles menschengemacht. Und diese Handlungsunfähigkeit oder diese Hilflosigkeit, die wir da eigentlich spüren, die ist eigentlich schon sehr scheinheilig, weil wir können viel mehr mitgestalten, als wir glauben. Und daraus resultiert einerseits viel mehr Handlungsmöglichkeit, aber meiner Meinung nach auch eine viel größere Verantwortung, es tatsächlich zu tun.

Helen
Ja. Also das ist auf jeden Fall, glaube ich, was man dann auch noch mal gut mitnehmen kann. Und sich mal überlegen kann: Wo kann ich was tun, einfach jetzt heute schon, direkt während ich das höre?

Mareike
Ein Aufruf am Ende.

Helen
Ja, wirklich. Aber ich glaube, so ein bisschen sind deine Bücher auch Aufrufe oder zwingen einen irgendwie zumindest mal zum Nachdenken und auch zum Handeln. Das war wieder super spannend. Danke dir sehr.

Mareike
Danke dir.

Helen
Und ja, ich wünsche dir jetzt noch ein gutes Ankommen nach dem Urlaub.

Mareike
Danke. Und dir natürlich ein spannendes Weiterlesen.

Helen
Ja, danke dir. Es ist wirklich richtig spannend. Gerade auch, weil die Perspektiven wechseln und dazwischen die Objekte kommen, wird man die ganze Zeit so weitergetrieben. Ja, aber ich drücke auf jeden Fall die Daumen für in einem Monat. Da wird ja wahrscheinlich bei dir ein bisschen mehr los sein, mehr unterwegs sein und vielleicht klappt das, dass wir uns dann irgendwo auch sehen.

Mareike
Ja, also in Köln ist, glaube ich, momentan noch nichts. In Düsseldorf bin ich, das weiß ich.

Helen
Ja, das ist ja auch nicht ganz so weit. Dann schau ich da mal nach. Findet man wahrscheinlich alle bei dir auf der Website, aber bei Rowohlt auch.

Mareike
Ja, beziehungsweise bis Sommer sind, glaube ich, schon online.

Helen
Ja, super. Kann ich nochmal verlinken. Vielen, vielen Dank.

Mareike
Danke auf jeden Fall. Und wir hören uns einfach.

Alle 153 Folgen im Archiv

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner