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Wie bei der Büchergilde ein Buch entsteht

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Podcast · Folge 103

Wie bei der Büchergilde ein Buch entsteht

Corinna Huffman und Cosima Schneider über Lizenzausgaben, Vorzugsausgaben und die Frage, warum sich ein Roman über eine Plattenbausiedlung anfühlen darf wie Beton

17. April 2025 · 50 Minuten · Ganze Folge hören ↓

Der Einstieg ist bei uns immer eine gedankliche Reise: Wo sitzen wir gerade zusammen, und welches Getränk habt ihr uns mitgebracht? Corinna Huffman und Cosima Schneider brauchen sie diesmal gar nicht – die beiden sitzen wirklich nebeneinander, in einem angemieteten Raum im Haus des Buches in der Frankfurter Braubachstraße, wo auch der Börsenverein und die Stiftung Buchkunst sitzen. Dazu ein Wasser, ein Salbeitee und, auf der anderen Seite der Leitung, ein schwarzer Tee mit Milch. Aufgenommen haben wir digital.

Porträt von Corinna Huffman

Corinna Huffman

Programm und Lektorat bei der Büchergilde Gutenberg

Corinna Huffman ist seit 1998 bei der Büchergilde und in dieser Abteilung – zum Zeitpunkt der Aufnahme also seit 27 Jahren. Vorher war sie im Eichborn Verlag. Mit zwei Kolleginnen sichtet sie den Buchmarkt und entscheidet, welche Titel ins Quartalsprogramm kommen.

Porträt von Cosima Schneider

Cosima Schneider

Herstellung bei der Büchergilde Gutenberg

Cosima Schneider arbeitet in der vierköpfigen Herstellung. Sie betreut die illustrierten Bücher, sucht Illustrator*innen und Umschlaggestalter*innen aus und entscheidet mit, aus welchem Material ein Buch am Ende besteht.

Erst das Lektorat, dann die Herstellung

Wie das in einem sehr kleinen Verlag aussieht, der bewusst gar kein Halbjahresprogramm macht, erzählt Lisa Menzel in Folge 109.

Das Kerngeschäft der Büchergilde sind Lizenzausgaben: Bücher, die es schon einmal gegeben hat und die hier in anderer Gestaltung und Ausstattung erscheinen. Daneben gibt es Eigenproduktionen – eigene Übersetzungen, in Auftrag gegebene Projekte. In hundert Jahren ist so eine ganze Reihe von Titeln entstanden, die es nur bei der Büchergilde gibt.

Der Weg beginnt im Lektorat. Corinna Huffman und ihre zwei Kolleginnen bekommen von allen Verlagen die Vorschauen und Kataloge, inzwischen meist online, und wissen dadurch lange im Voraus, was geplant ist. Sie markieren an, was in Frage kommt; bestellt wird daraus die Grundausstattung für die nächste Saison – ein paar hundert Bücher und PDFs.

Dann geht es an die Auswahl. Rund 25 neue Titel kommen pro Quartal ins Programm, entschieden wird in gemeinsamen Gesprächen: Was passt zusammen, wie soll die Mischung aussehen? Im Sommer darf es leichter sein, im Winter dürfen ein paar mehr Klassiker dabei sein, weil dann verschenkt wird.

Erst wenn die Lizenzverhandlungen abgeschlossen sind, kommt die Herstellung ins Spiel. Cosima Schneider bekommt ein Umschlagbriefing von Lektorat und Marketing, sucht Gestalter*innen aus, die Entwürfe werden in einer großen Umschlagrunde besprochen – und erst danach fällt die Materialentscheidung.

Cosima Schneiders Satz dazu: Ein Buch werde immer von innen heraus gestaltet – der Inhalt wird visuell dargestellt, und dann ist die Frage, welches Material das noch unterstützt.

Warum es kaum Fotos auf den Umschlägen gibt

Eine Grundsatzentscheidung: möglichst wenig Fotos, dafür Illustration und Typografie. Ausnahmen gibt es, wenn das Motiv es verlangt – beim Buch über Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque müssen die beiden aufs Cover, weil es genau um sie geht.

Was den Weg dahin unterscheidet, benennt Corinna Huffman aus eigener Erfahrung: Andere Verlage haben die großen Vertreterkonferenzen, auf denen Umschläge der Reihe nach abgeschossen werden, weil die Frage lautet, was im Buchhandel gut ankommt. Diese Hürde hat die Büchergilde nicht.

Fallschirmseide, Beton und Zigarettenpapier

Der Teil der Folge, bei dem am meisten Bilder entstehen. Helens Quartalskauf war Zur See von Dörte Hansen – ausgepackt fühlt sich der Einband an wie Kacheln. Cosima Schneider bringt das auf eine Formel: Bei uns fühlt man, was man sieht.

Die Beispiele, die Corinna Huffman nennt, gehen noch weiter. Ein Roman mit einem Fallschirmspringer wurde nicht in Leinen gebunden, sondern in Fallschirmseide. Ein Buch, das in einer Plattenbausiedlung spielt, fühlt sich von außen an wie Beton – das erkennt man mit geschlossenen Augen. Und bei einem Chandler, in dessen Detektivbüros fürchterlich viel geraucht wird, besteht das Vorsatzpapier aus jener Silberfolie, die früher in Zigarettenschachteln lag. Die Buchbinderei hatte das noch nie verarbeitet und hielt sie für verrückt – hatte aber Lust darauf. Am Trocknungsvorgang wurde es schwierig; funktioniert hat es trotzdem.

Möglich ist das, weil die Büchergilde kleiner ist, weniger Bücher macht und experimentierfreudige Partner hat. Cosima Schneider nennt die Materialsammlung ihren heiligen Ort; sie geht auf Möbelmessen, um Trendfarben zu sehen, und bekommt Muster von Leinenherstellern zugeschickt, wenn die etwas Recyceltes neu entwickelt haben.

Was weg ist, ist weg

Ein Punkt, der für Mitglieder praktisch ist zu wissen: Die Büchergilde druckt nur in großen Ausnahmefällen nach. Das hängt am Geschäftsmodell – keine Backlist, kein Autorenprogramm, bei dem jeder Titel gemacht wird. Wenn das erste Buch überzeugt und das zweite nicht, wird das zweite nicht gemacht; vielleicht aber das dritte wieder.

Bei rund 25 neuen Titeln pro Quartal sind entsprechend viele auch wieder vergriffen. Wer etwas unbedingt haben möchte, sollte also nicht zu lange warten. Bei den Vorzugsausgaben gilt das erst recht: Die werden definitiv nicht nachproduziert.

Vorzugsausgaben, Sonderausgaben, Künstlerdrucke

Die Begriffe sind leicht zu verwechseln, deshalb hier sortiert:

Vorzugsausgabe: dasselbe Buch, dazu eine Originalgrafik der Illustratorin oder des Illustrators – Radierung, Linolschnitt, Holzschnitt, Siebdruck, Risodruck. Beides signiert und nummeriert, meist in einer Auflage von 99 Exemplaren, zum Zeitpunkt der Aufnahme für 148 Euro, im bezogenen Schuber. Es gibt Mitglieder, die sich bei jeder Vorzugsausgabe dieselbe Nummer reservieren lassen.

Sonderausgabe: die Ausnahme vom Nachdruck-Verzicht. Die rätselhaften Honjin-Morde von Seishi Yokomizo war so schnell vergriffen, dass es davon eine Sonderausgabe im Letterpress gab – einfarbig auf grobes Büttenpapier gedruckt, mit gerissenen Kanten. Illustriert hat die Ausgabe Ann-Kathrin Peuthen, auf die Cosima Schneider über den Gestalterpreis aufmerksam geworden war. Dazu ist eine ganze kleine japanische Welt im Programm entstanden, mit einem 1.000-Teile-Puzzle und einem schmalen Kalender.

Künstlerdruck: stark vergrößerte Motive im Giclée-Verfahren, das bis zu 16 Farben druckt.

Nebenbei beantwortet die Folge auch eine Frage, die uns oft gestellt wird: Wer nicht Mitglied ist, darf bei der Büchergilde die Non-Books kaufen – also zum Beispiel das Puzzle oder den Kalender.

Kollektive statt künstlicher Intelligenz

Der Büchergilde Gestalterpreis ist seit dem Jahr 2000 die Nachwuchsförderung des Hauses: Alle zwei Jahre wird eine Hochschule ausgewählt, bekommt einen Text vorgeschlagen, und die Studierenden haben ein Semester Zeit, das Buch zu illustrieren. Eine unabhängige Jury wählt aus. Cosima Schneiders Anspruch daran ist klar: Sie will nicht die Handschrift der Professorin in den Illustrationen sehen, sondern die radikal subjektive Interpretation der Studierenden.

Aus dem Preis werden Karrieren. Martin Stark, Gewinner 2014, hat für die Büchergilde anschließend Heinrich Manns Professor Unrat illustriert, später Mary Shelleys Frankenstein und einen Bilderbogen zu Wagner.

2024, im hundertsten Jahr, lief es anders. Die Büchergilde ging in die Illustrationsklasse von Professor Georg Barber, besser bekannt als ATAK, an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle – und stellte statt eines Wettbewerbs ein Gemeinschaftsprojekt: Virginia Woolfs Mrs. Dalloway, illustriert von 26 Studierenden. Dazu die Frage, wie sie es mit KI halten wollen.

Die Antwort fiel deutlich aus. Zur Textanalyse fanden die Studierenden KI hilfreich; von den generierten Bildern waren sie durchweg enttäuscht. Ihr Fazit wurde zum Titel des Projekts: kollektive Intelligenz statt künstlicher.

Es ist ein Rundum-Kunstwerk geworden, bei dem es keine Gewinnerin gibt – es gewinnt die Gemeinschaft.Cosima Schneider

Illustriert wurde im Wechselspiel: Die Studierenden zeigten sich gegenseitig ihre Lieblingsstellen, und die anderen gingen darauf ein. Die Typografieklasse nahm sich der Textgestaltung an – und weil Big Ben in dem Roman eine große Rolle spielt, wechselt die Schrift jedes Mal, wenn er schlägt, von einer Serifenschrift in eine serifenlose. Seitenzahlen gibt es nicht; stattdessen läuft die Uhrzeit dieses einen Tages durch das Buch.

Wie es ist, beruflich zu lesen

Die Frage, die uns bei so einem Pensum am meisten interessiert hat: Bleibt da noch Spaß am Lesen? Corinna Huffmans Antwort fällt zweigeteilt aus. Die Vorfreude ist geblieben – fast täglich kommt eine Büchersendung, und sie öffnet die Pakete immer noch wie beim ersten Mal.

Der Unterschied liegt im Wie: Sie liest auf eine Entscheidung hin. Nach 20, 30 Seiten muss klar sein, ob ein Buch Büchergilde-Potenzial hat, und danach läuft die Frage bei jeder Seite im Hintergrund mit. Sich einen Roman zu nehmen, einen Abschnitt noch einmal zu lesen, weil er so schön war, sich eine Formulierung herauszuschreiben – das kommt fast nie vor.

Ihr Ausgleich: Manchmal im Urlaub gönnt sie sich ein Buch, von dem sie genau weiß, dass es im Leben nicht bei der Büchergilde erscheinen wird – oder einfach eine Zeitschrift, bei der kein Mensch sie je fragen würde, ob sie das ins Programm nehmen will.

Cosima Schneider beschreibt einen anderen Zugang: Sie freut sich über Comics – und mag an den illustrierten Büchern, dass das Lektorat Texte auswählt, die sie selbst nie gelesen hätte, die ihr aber über die Illustration zugänglich werden.

Restleinen, Makulatur und Mäppchen

Zum Schluss ein Thema, das den beiden von sich aus wichtig war. Seit rund 14 Jahren produziert die Büchergilde nicht mehr in China, sondern überwiegend in Deutschland und Europa. Folienkaschierte Schutzumschläge gibt es nicht – die sind Sondermüll, weil sich Folie und Papier nicht trennen lassen. Umschläge und Einbände sind offene Papiere oder Leinen.

Am konkretesten wird es bei den Resten. Papierhersteller und Leinenlieferanten melden, was sie noch haben; die Herstellung schaut, zu welchem Titel es passt. Ist eine Lizenzausgabe zwei Millimeter zu groß für das ausgesuchte Leinen, wird eben das Buch ein bisschen geschrumpft. Und aus der Makulatur – den bedruckten Leineneinbänden, die anfallen, bis die Druckmaschine sauber läuft – werden Mäppchen genäht, bei einem Sozialunternehmen in Frankfurt. Auch die sind limitiert: so viele, wie Reste da sind.

Buchgemeinschaft und Genossenschaft

Ein Punkt, den Corinna Huffman ausdrücklich nachträgt: Die Büchergilde ist beides. Als Buchgemeinschaft ist sie 100 Jahre alt – 1924 in Leipzig vom Bildungsverband der deutschen Buchdrucker gegründet, mit der Idee, Bücher für ein breites Publikum zu einem günstigeren Preis zu machen, aber eben nicht in billigerer Ausstattung, sondern in besonderer.

Seit 2014 ist sie zusätzlich eine Verlagsgenossenschaft, und die ist die Muttergesellschaft der Buchgemeinschaft. Was eine Genossenschaft in der Buchbranche leisten kann, haben wir später noch einmal an einem anderen Beispiel angeschaut. Man muss nicht Mitglied sein, um Anteile zu zeichnen; wer das tut, ist Miteigentümerin. Einmal im Jahr gibt es eine Generalversammlung, auf der berichtet und diskutiert wird – und aus der regelmäßig Ideen kommen, die dann umgesetzt werden.

Was das sichert, sagt sie ohne Beschönigung: die Unabhängigkeit. Mehr Mitglieder werden gebraucht, und leicht ist es nicht.

Werbung

Mit der Büchergilde arbeiten wir inzwischen zusammen: Helen empfiehlt dort jedes Quartal drei Titel. Wenn du neu Mitglied wirst und im Anmeldeformular »Mädels, die lesen.« als Empfehlung auswählst, bekommen wir dafür eine Provision. Die Mitgliedschaft selbst kostet nichts, und für dich ändert sich am Preis nichts. Wie das genau läuft und welche Titel Helen bisher empfohlen hat, steht auf unserer Seite zur Büchergilde.

Die Bücher aus dem Gespräch

Sechs dieser Titel gibt es als Büchergilde-Ausgabe – also in der besonderen Ausstattung, um die es in dieser Folge geht. Die Cover zeigen genau diese Ausgaben, und die Links führen direkt dorthin. »Rot ist doch schön« kam als Beispiel für illustrierte Bücher zur Sprache, es ist keine Büchergilde-Ausgabe – deshalb führt der Link dort als einziger woanders hin. Nachgedruckt wird dort nicht: Ist eine Auflage weg, ist sie weg.

Buchcover »Zur See« von Dörte Hansen (Büchergilde-Ausgabe)

Zur See

Dörte Hansen

Helens Quartalskauf, der das Gespräch ins Rollen gebracht hat: Der Einband der Büchergilde-Ausgabe fühlt sich an wie Kacheln – man fühlt, was man sieht.

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Buchcover »Man lebt sein Leben nur einmal« von Thomas Hüetlin (Büchergilde-Ausgabe)

Man lebt sein Leben nur einmal

Thomas Hüetlin

Die Ausnahme von der Regel: Hier durfte ein Foto aufs Cover, weil es um Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque geht – um genau diese beiden.

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Buchcover »Die rätselhaften Honjin-Morde« von Seishi Yokomizo (Büchergilde-Ausgabe)

Die rätselhaften Honjin-Morde

Seishi Yokomizo

Das Buch, das so schnell vergriffen war, dass es eine Sonderausgabe im Letterpress bekam – einfarbig auf Büttenpapier, mit gerissenen Kanten. Der Anfang einer kleinen japanischen Welt im Programm.

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Buchcover »Rot ist doch schön« von Lucia Zamolo

Rot ist doch schön

Lucia Zamolo

Der Comic über die Periode, an den Helen sich sofort erinnert hat – ein Beispiel dafür, was ein illustriertes Buch zugänglich machen kann.

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Buchcover »Professor Unrat« von Heinrich Mann (Büchergilde-Ausgabe)

Professor Unrat

Heinrich Mann

Der erste große Auftrag für Martin Stark, den Gewinner des Gestalterpreises 2014. Seine Illustrationen haben im Haus alle so begeistert, dass weitere Aufträge folgten.

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Buchcover »Frankenstein« von Mary Shelley (Büchergilde-Ausgabe)

Frankenstein

Mary Shelley

Der zweite Stark-Titel und laut Cosima Schneider eine sehr aufwendige Buchgestaltung – ein Beispiel dafür, dass aus dem Gestalterpreis Folgeaufträge werden.

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Buchcover »Mrs. Dalloway« von Virginia Woolf (Büchergilde-Ausgabe)

Mrs. Dalloway

Virginia Woolf

Das Jubiläumsbuch zum hundertsten Geburtstag: von 26 Studierenden gemeinsam illustriert, mit wechselnder Typografie bei jedem Schlag von Big Ben und der Uhrzeit statt Seitenzahlen.

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Die Links zur Büchergilde sind keine Affiliate-Links. Wir verdienen dort nur dann etwas, wenn jemand neu Mitglied wird und uns im Anmeldeformular als Empfehlung angibt – für dich ändert sich am Preis nichts. *Der eine Link mit Sternchen führt zu Thalia und ist ein Affiliate-Link: Kaufst du darüber, erhalten wir eine kleine Provision, ohne dass sich für dich am Preis etwas ändert.

Wenn du dich schon mal gefragt hast, warum manche Bücher sich anders anfühlen als andere: In dieser Folge erzählen zwei, die es entscheiden, wie so ein Buch zustande kommt – vom Katalog im Januar bis zur Fallschirmseide auf dem Einband.

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Häufige Fragen

Was ist die Büchergilde Gutenberg?

Eine Buchgemeinschaft, 1924 in Leipzig vom Bildungsverband der deutschen Buchdrucker gegründet. Die Idee: Bücher für ein breites Publikum zu einem günstigeren Preis – aber nicht in billigerer, sondern in besonderer Ausstattung. Seit 2014 ist sie zusätzlich eine Verlagsgenossenschaft, die als Muttergesellschaft die Unabhängigkeit sichert.

Wie wählt die Büchergilde ihre Bücher aus?

Das Lektorat bekommt von allen Verlagen die Vorschauen und Kataloge, markiert an, was in Frage kommt, und bestellt daraus ein paar hundert Titel und PDFs. Auf den ersten 20 bis 30 Seiten entscheidet sich, ob weitergelesen wird. Dazu kommen Empfehlungen von Verlagen, Partnerbuchhandlungen und Mitgliedern. Pro Quartal kommen rund 25 Titel ins Programm.

Was ist der Unterschied zwischen Vorzugsausgabe und Sonderausgabe?

Eine Vorzugsausgabe ist dasselbe Buch plus eine Originalgrafik der Illustratorin oder des Illustrators – signiert, nummeriert, meist 99 Exemplare, im bezogenen Schuber, zum Zeitpunkt der Aufnahme für 148 Euro. Eine Sonderausgabe ist eine gesonderte Neuauflage eines vergriffenen Titels, etwa im Letterpress-Verfahren.

Warum druckt die Büchergilde nicht nach?

Weil das Geschäftsmodell ein anderes ist: Es gibt keine Backlist und kein Autorenprogramm, von dem jeder Titel gemacht wird. Pro Quartal kommen rund 25 neue Titel, entsprechend viele sind wieder vergriffen. Nachdrucke gibt es nur in Ausnahmefällen, Vorzugsausgaben gar nicht.

Kann man bei der Büchergilde kaufen, ohne Mitglied zu sein?

Ja, allerdings nur die Non-Books – also zum Beispiel Puzzles oder Kalender. Für die Bücher selbst braucht es die Mitgliedschaft; wer Mitglied ist, sucht sich einmal pro Quartal einen Titel aus.

Was ist der Büchergilde Gestalterpreis?

Die Nachwuchsförderung des Hauses, seit dem Jahr 2000, alle zwei Jahre. Eine Hochschule wird ausgewählt, bekommt einen Text vorgeschlagen, und die Studierenden haben ein Semester Zeit, das Buch zu illustrieren. Eine unabhängige Jury entscheidet; das Gewinnerbuch erscheint bei der Büchergilde, inklusive Vorzugsausgabe. 2024 wurde daraus ausnahmsweise ein Gemeinschaftsprojekt: 26 Studierende illustrierten Mrs. Dalloway zusammen.

Die ganze Folge zum Nachlesen

Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme. Corinna Huffman und Cosima Schneider haben im Gespräch mehrfach Bücher in die Kamera gehalten; im Text steht deshalb an manchen Stellen ein Verweis auf etwas, das man nur sehen kann.

Helen
Herzlich willkommen, Corinna und Cosima. Ich freue mich sehr, heute mit euch über die Büchergilde zu sprechen: wie Bücher bei euch ausgewählt werden und wie sie entstehen – weil sie ja immer anders aussehen als die Ausgaben, die vorher erschienen sind. Aber bevor wir damit starten, habe ich zwei Fragen an euch. Wo sind wir gerade und welches Getränk habt ihr uns mitgebracht?

Corinna Huffman
Guten Morgen, hallo, wir freuen uns auch, dass wir da sind. Ich bin Corinna, ich habe ganz profan ein Wasser dabei, und wir befinden uns im Haus des Buches. Das ist wirklich im Herzen von Frankfurt in der Braubachstraße. Das Haus des Buches beherbergt unter anderem den Börsenverein, die Stiftung Buchkunst und bis vor Kurzem noch eine weitere Stiftung – ganz unterschiedliche Räume. Und dort ist auch unser Verlag, die Büchergilde, auf einer Ebene. Wir sitzen jetzt in einem kleinen Extraraum, den wir für dieses Gespräch anmieten durften.

Helen
Das freut mich sehr. Cosima, magst du dich auch kurz vorstellen – und welches Getränk hast du dabei?

Cosima Schneider
Ich habe einen Salbeitee dabei. Oh, für die Stimme. Ich sitze neben Corinna im selben Raum und freue mich drauf. Das klingt sehr gut.

Helen
Ich habe mir heute einen schwarzen Tee mit Milch mitgebracht. Ich würde sagen, das ist eine bunte Mischung. Dann stoßen wir einmal damit an. Der Kontakt kam über eine Kollegin von euch, mit der ich häufig im Austausch bin. Ich hatte gesagt, dass ich es total spannend fände, im Podcast darüber zu sprechen, wie bei euch die Bücher entstehen. Und sie meinte, Corinna und Cosima seien die perfekten Ansprechpartnerinnen – weil ihr Programm und Herstellung abbildet. Vielleicht könnt ihr einmal beschreiben, wie so ein Prozess aussieht. Wie wird überhaupt entschieden, dass ein Buch bei euch noch einmal neu aufgelegt wird? Es sind ja immer Bücher, die schon in einem anderen Verlag erschienen sind – korrigiert mich gerne, wenn ich falsch liege. Und ihr entscheidet dann, sie in einer besonderen Ausgabe noch einmal neu aufzulegen – oder gebe ich das falsch wieder?

Corinna Huffman
Nein, das gibst du richtig wieder. Ich steige mal mit der Antwort ein. Wir machen zum größten Teil Lizenzausgaben – Bücher, die es schon einmal gegeben hat. Das ist als Buchgemeinschaft unser Kerngeschäft; bei uns erscheinen sie dann in einer anderen Gestaltung und Ausstattung. Dazu möchte ich sagen: Wir machen durchaus auch Eigenproduktionen – Bücher, die es nur bei der Büchergilde gibt. Wir lassen zum Beispiel Texte übersetzen, die dann bei uns im Original erscheinen, oder wir geben Themen in Auftrag und entwickeln eigene Ideen und Projekte. Es gibt eine ganze Reihe von Büchern, die in unserer hundertjährigen Geschichte nur bei uns erschienen sind. Aber das Kerngeschäft sind die Lizenzausgaben. Unser Lektoratsteam sichtet dafür den Buchmarkt. Hunderte von Neuerscheinungen, über alle Kanäle, die es gibt: Gespräche, Messen, Kataloge, Rezensionen. Und dann schauen wir, was wir uns für unsere Zielgruppe am besten vorstellen können. Das sind dann immer noch sehr viele Bücher. Und die lesen wir. Dann entscheiden wir in gemeinsamen Gesprächen, was am besten zusammenpasst und wie die Mischung im Sommerquartal aussehen könnte – die ist eine andere als zu Weihnachten. Und dann gehen wir in die Verhandlungen mit den Verlagen. Und wenn das abgeschlossen ist, kommt die Herstellung ins Spiel – Cosima?

Cosima Schneider
Genau. Dann werden uns die Titel für das Quartal vorgestellt, und wir bekommen ein Umschlagbriefing vom Lektorat und vom Marketing. Dann überlegen wir, welche Umschlaggestalter*innen die richtigen dafür sind – oder ob wir es selbst im Haus machen. In der Herstellung sind wir zu viert, plus eine Kollegin. Dann kommt die Umschlaggestaltung: Es gibt verschiedene Entwürfe, die besprechen wir in einer großen Umschlagrunde. Wenn klar ist, welches Motiv es wird, überlegen wir, welches Material optimal dazu passt. Ein Buch wird ja immer von innen heraus gestaltet: Der Inhalt wird visuell dargestellt – und welches Material unterstützt das noch?

Helen
Ich finde das total spannend. Ich vermute, weil es ein Lizenzgeschäft ist, muss sich das Cover auch unterscheiden. Meiner Meinung nach habt ihr einfach wunderschöne Cover. Habt ihr da andere Möglichkeiten? Ich habe euch das gerade gezeigt: Mein Quartalskauf ist Zur See von Dörte Hansen. Ich fand das Cover ohnehin schon so schön, deswegen habe ich es ausgewählt – ich bin ein Cover-Käufer. Aber dann habe ich es ausgepackt, und es fühlt sich wirklich an wie Kacheln. Das ist total verrückt. Das ist richtig. Man kann das ja auch fühlen. Ich finde das wie kleine Wunderwerke. Habt ihr da andere Möglichkeiten – oder tobt ihr euch einfach lieber kreativ aus? Was macht den Unterschied, und wie entscheidet ihr das?

Cosima Schneider
Was du eben beschrieben hast, ist ein ganz tolles Beispiel: Bei uns fühlt man, was man sieht. Wir versuchen immer, das Motiv durch eine besondere Haptik zu unterstützen, durch eine Veredelung – nicht zu viel, sondern das, was passt. Wir sind ja eine Buchgemeinschaft und haben uns irgendwann entschieden: möglichst wenig Fotos auf den Umschlägen. Wir wollen Illustration und Typografie. Wenn es besonders passt, nehmen wir auch mal ein Foto – zum Beispiel beim neuen Hüetlin, Man lebt sein Leben nur einmal. Da müssen Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque drauf, weil es genau um die beiden geht, um diese große Liebesgeschichte. Wir haben ausgewählte Umschlaggestalter*innen und Illustrator*innen – einen Pool, der sich regelmäßig erneuert. Und dann wählen wir aus: Wer passt zu uns, wer hat einen besonderen Strich, eine besondere Linie?

Corinna Huffman
Und wir haben eine Hürde nicht, die andere Verlage haben: die großen Vertreterkonferenzen. Vor denen bibbert eigentlich jeder. Dort werden die Umschläge gezeigt, und dann werden sie der Reihe nach abgeschossen und müssen zurück – weil die Frage ist: Was kommt im Buchhandel gut an? Ich war früher im Eichborn Verlag und kenne das noch. Es war Wahnsinn, wie viel da abgeschossen wurde und wie viele Entwürfe es vorher schon gab. Da ist bei uns der Entscheidungsweg ein anderer. Die Büchergilde ist 100 Jahre alt, und die Gründungsidee war genau diese: schöne Bücher von gutem Inhalt und schöner Gestalt. Es war die erste Buchgemeinschaft. Die Idee dahinter: Bücher für ein breites Publikum zu einem günstigeren Preis. Aber eben nicht in billigerer Ausstattung, sondern im Gegenteil: in ganz besonderer. Das war die Gründungsidee der Büchergilde und ist bis heute ja das Programm, das wir verfolgen. Die Bücher sind nicht in jeder einzelnen Ausgabe günstiger, aber wir wollen uns unterscheiden – und wir haben den Ehrgeiz, uns positiv zu unterscheiden. Andere Verlage machen auch schöne Bücher. Und da geht viel über Materialität, da wird wie Kurs im Marsch schon gesagt, da Da hat ein ganz großer Augenmerk drauf gelegt. Mein Lieblingsbeispiel: Es gab einen Roman mit einem Fallschirmspringer – und wir haben ihn nicht etwa in Leinen gebunden, was ohnehin nur wenige Verlage machen, sondern in Fallschirmseide. Oder ein Buch, das in einer Plattenbausiedlung spielt – das fühlte sich von außen wirklich an wie Beton. Man kann das mit geschlossenen Augen unterscheiden. Und das sind wirklich so tolle Sachen, die die Herstellung dann wirklich ganz finch realisiert. Und das ist das, was, wo wir mal sagen, das macht ein Buch zum Büchergildepuch. Das ist der Sales Point, das Markenzeichen, das Aushängeschild – das, was die Büchergilde seit ihrer Gründung ausmacht.

Helen
Das ist super cool. Andere Verlage machen auch ihre Hausaufgaben, deswegen bleiben wir da immer dran. Ja.

Cosima Schneider
Und es liegt am engen Austausch mit unseren Druckereien und Buchbindereien, die vieles möglich machen – weil wir kleiner sind und weniger Bücher machen. Wir haben experimentierfreudige Partner, und darauf kommt es an: auf diesen sehr lebendigen Austausch. Wir sind auch anstrengend, wir kommen mit Ideen um die Ecke. Dann heißt es: Das haben wir bisher noch nicht gemacht – aber wir können es mal ausprobieren. Und dann profitieren beide Seiten davon.

Helen
Das ist echt richtig cool. Gerade bei der Fallschirmseide: Hatten die das schon im Programm, oder mussten sie das erst auftreiben?

Corinna Huffman
Das sind oft Ideen, die hier dann entstanden sind. Wenn du das spannend findest, könnten wir zwei Stunden lang Beispiele aufzählen. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist der Chandler: dieses alte Zigarettenschachtel-Papier, diese Silberfolie – wer eine Schachtel aufmachte, hatte die Silberfolie darin. Das kennt man heute vielleicht nicht mehr. Bei Chandler wird in den Detektivbüros fürchterlich viel gequalmt – und das Vorsatzpapier, also die erste Seite, wenn man das Buch aufschlägt, bestand aus genau diesem Papier. Das hatte die Buchbinderei noch nie verarbeitet. Die haben natürlich gedacht, wir hätten sie nicht mehr alle. Auf der anderen Seite hatten sie Lust darauf. Einfach war es nicht, gerade beim Trocknungsvorgang – aber es hat funktioniert.

Cosima Schneider
Das A und O ist, dass wir unsere Materialien kennen. Unsere Materialsammlung ist für mich der heilige Ort in der Herstellung. Wir sind auch auf Möbelmessen unterwegs und lassen uns Anregungen geben: Was sind gerade Trendfarben, welche Materialien kommen? Wir bekommen auch viele Muster zugeschickt, etwa von unseren Leinenherstellern – wenn sie etwas Recyceltes neu entwickeln und fragen: Wollt ihr damit ein Buch machen? Die Materialien zu kennen, ist sehr wichtig, um sie entsprechend einsetzen zu können.

Helen
Ich muss gerade daran denken, dass Kinder alles anfassen wollen. Bei euch geht es ja genau darum: Wie fühlt sich das an? Ist es rau, ist es weich, fühlt es sich an wie Beton, wenn man die Augen schließt? Wie kann man sich bei euch bewerben?

Corinna Huffman
Wir bestehen aus den Abteilungen, aus denen jeder Verlag besteht: Programm, Herstellung, Marketing, Vertrieb, Online, Kundenservice und so weiter. Wir bekommen regelmäßig Bewerbungen, und wenn Stellen frei werden oder neu geschaffen werden, werden die berücksichtigt. Das ist bei uns nicht anders als in anderen Verlagen. Wenn es zusammenpasst – wir suchen gerade jemanden, und jemand bewirbt sich, der genau passt –, dann ist man drin. Also glaube ich auch im Moment für unseren Vertrieb, Menschen, oder? Also die jenigen, die die Bücher dann an den Mann bringen wahrscheinlich, und irgendwie sagen hier, gucken wir mal, was wir im Programm haben.

Helen
Was ich mich gefragt habe: Es gibt doch bestimmt langjährige Mitglieder, die eure Ausgaben wie Sammlerstücke im Regal stehen haben. Gibt es manchmal einen Run darauf, sodass sie direkt ausverkauft sind? Muss man bei manchen Ausgaben besonders schnell sein?

Corinna Huffman
Bei manchen empfiehlt es sich. Manchmal werden wir selbst überrascht, wenn ein Buch auf besonders großes Interesse stößt – dann ist es in wenigen Wochen weg. Wenn man etwas wirklich möchte, sollte man schnell sein – weil wir nur in großen Ausnahmefällen nachdrucken. Das hat mit unserem Geschäftsmodell zu tun: Wir arbeiten nicht wie ein Verlag, der eine Backlist vorhält und ein Autorenprogramm hat, von dem jeder Titel gemacht wird. Wenn wir das erste Buch gut finden und das zweite nicht, dann machen wir das zweite nicht – vielleicht aber das dritte wieder. Diese Art von Autor*innentreue, die andere Verlage haben müssen, brauchen wir nicht. Unser Versprechen gegenüber den Mitgliedern ist ja, dass wir uns wirklich jedes einzelne Buch genau anschauen. Und weil wir nicht nachdrucken – sonst wäre unser Katalog irgendwann dick wie ein Telefonbuch – kommen pro Quartal plus minus 25 neue Titel ins Programm, und ungefähr genauso viele sind dann vergriffen. Wir haben natürlich das Internet, wo wir Titel länger anzeigen können. Aber es ergibt keinen Sinn, wenn ein Titel bei uns viele Jahre lieferbar ist. Also: Was weg ist, ist weg. Es gibt Ausnahmefälle, in denen wir nachdrucken. Vielleicht ist ein Buch ein, zwei Jahre vergriffen, und dann legen wir es doch noch einmal auf – aber die Regel ist das nicht. Das heißt, wenn man einen Buch ganz unbedingt haben möchte, dann empfiehlt es sich nicht zu lange zu warten. Was die Sammlerstücke angeht: Zu unseren illustrierten Büchern machen wir Vorzugsausgaben – limitiert, nummeriert und signiert. Und es gibt eine ganze Reihe von Mitgliedern, die von jeder Vorzugsausgabe eine ganz bestimmte Nummer wollen – die haben dann zum Beispiel die Nummer 19 reserviert, und zwar bei jeder. Warum auch immer. Ich würde, glaube ich, die Nummer 11 nehmen – aber die ist wahrscheinlich schon weg.

Helen
Das ist ja total spannend. Weil du gerade 25 Titel pro Quartal genannt hast – auf den deutschen Markt kommen doch wahrscheinlich Hunderte pro Quartal. Ich weiß das gar nicht genau. Tausende? Wie wählt ihr das aus? Ich weiß gar nicht, wie man das bewerkstelligen soll. Geht ihr nach den Bestsellern, und der Rest ist sowieso raus? Wie wählt man das aus?

Corinna Huffman
Das ist eine knifflige Frage, weil sie nicht eindeutig zu beantworten ist. Ganz wichtig ist, dass wir den Buchmarkt scannen: Wir bekommen von allen Verlagen die Vorschauen und Kataloge zugesandt, inzwischen meist online. Das ist ganz ähnlich wie bei den Buchhandlungen. Es gibt eine Frühjahrs- und eine Herbstproduktion. Aktuell liegen uns die Vorschauen für den Herbst auf dem Tisch, teilweise schon fürs kommende Frühjahr. Wir wissen sehr lange im Voraus, was die Verlage planen. Das gehen wir durch – ich und zwei Kolleginnen im Lektorat – und markieren an, was wir uns vorstellen können. Das wird dann bestellt, und damit haben wir die Grundausstattung dessen, was in der nächsten Saison interessant sein könnte. Das sind dann unzählige Bücher und vor allem sehr viele PDFs – sicherlich ein paar Hundert. Da stecken wir so schnell wie möglich unsere Nasen hinein und müssen relativ schnell entscheiden: Taugt das oder nicht? Und was wir dann überhaupt bestellen oder wo wir sagen, das könnte in Frage kommen. Das kann sein, weil wir von einer bestimmten Autorin wissen, dass sie eigentlich immer wirklich gut schreibt. Wir hatten schon das eine oder andere Buch im Programm, und deswegen gibt es eine gewisse Erwartungshaltung unter unseren Mitgliedern. Also das ist dann ein Kandidat oder eine Kandidatin, die wir uns auf jeden Fall angucken. Dann sind wir mit den Verlagen in Kontakt, die uns ihr Programm vorstellen – telefonisch, viel auf Messen, oder wir besuchen uns gegenseitig. Die gehen ihr Programm durch und sagen: Das können wir vernachlässigen, das verkaufen wir gut, aber für die Büchergilde passt es nicht – dafür müsst ihr euch das und das unbedingt anschauen. Die denken in unserem Interesse mit, insofern sind das Empfehlungen, von denen wir uns viel versprechen können. Und dann gibt es Bücher, bei denen man denkt: Was für ein verrückter Plot, so etwas habe ich noch nie gelesen. Oder eine besonders junge Stimme. Manchmal gibt es aus dem Ausland schon Presse – wochenlang gute Rezensionen in den Niederlanden oder in Frankreich, oder der Titel hat Preise abgeräumt. Da gucken wir auf jeden Fall hin. Und dann schauen wir: Worüber reden die Leute? Was hört man in Podcasts, welche Empfehlungen gibt es, was steht in der Presse, was erzählt die beste Freundin? All das nehmen wir auf. Und es kommen auch viele Mitglieder und Buchhändler*innen auf uns zu und sagen: Das habe ich neulich gelesen, das müsst ihr euch anschauen. Genauso die Kolleg*innen im Haus. Es kommt von allen Seiten. Und beim Lesen merken wir dann – hoffen wir jedenfalls –, dass etwas ein sprachliches Niveau oder einen sprachlichen Reiz hat, bei dem wir sagen: Das ist wirklich etwas Besonderes. Wir haben ältere und jüngere Mitglieder – es soll für alle etwas dabei sein. Deswegen soll die Mischung stimmen: Im Sommer brauchen wir vielleicht eine leichtere Lektüre, im Winter dürfen es ein paar mehr Klassiker sein, da möchte man etwas verschenken. All das fließt in die Entscheidung ein. Aber es sollte nie im Getriebe knirschen – im Sinne von: Die Struktur knarzt, etwas ist nicht ganz plausibel, oder der Stil ermüdet. Solche Kriterien legen wir an, das besprechen wir gegenseitig – und dann fällt eine Entscheidung.

Helen
Das hört sich ziemlich aufwendig an – viel Arbeit, die schon in die Auswahl fließt. Ist das genreübergreifend? Ich war mir nicht sicher, ob ihr auch Thriller im Angebot habt – oder ob so etwas eher direkt rausfällt.

Corinna Huffman
Wir haben regelmäßig Krimis im Angebot, manche mit Thriller-Charakter. Das Genre Thriller im engeren Sinn bedienen wir nicht regelmäßig – es sind meistens Kriminalgeschichten, Spannungsromane oder klassische Whodunits. Und wir reagieren auf das, was uns gespiegelt wird. Wenn uns aus unseren Buchläden gesagt wird, heute habe schon das dritte Mitglied nach einem bestimmten Titel gefragt, dann wissen wir: Den wollen alle lesen. Trotzdem muss das Buch die Hürde nehmen, dass wir wirklich alle der Meinung sind: Es ist gut – und nicht nur gut verkäuflich. Als die Nachfrage nach Krimis groß war – es gab vor ein paar Jahren so eine Welle –, hatten wir auch mehr Krimis im Programm. Irgendwann ebbte das ab, und darauf reagieren wir: Dann sind es vielleicht nur noch ein oder zwei.

Helen
Ich habe ein bisschen den Eindruck, als wärt ihr näher an eurer Zielgruppe oder anders im Austausch. Passiert das anders über die Partnerbuchhandlungen – oder liegt es an den Mitgliedern?

Corinna Huffman
Sowohl als auch. Die Buchhändler*innen in den Partnerbuchhandlungen haben vor Ort den sehr intensiven, direkten Austausch mit den Mitgliedern – über diese Schiene bekommen wir viel mitgeteilt und gespiegelt. Aber unsere Mitglieder melden sich auch bei uns direkt. Natürlich im Kundenservice mit Fragen und Anmerkungen jeder Art – aber auch im Lektorat, mit Buchwünschen. Es gibt ein paar Mitglieder, die mir regelmäßig schreiben: Es gibt gerade ein neues Buch von Dörte Hansen oder Arno Geiger – kommt das bei der Büchergilde? Dann warte ich auf eure Ausgabe. Und wenn nicht, kaufe ich es mir gleich. Und das haben wir gar nicht so selten. Oder Leute, die auch so Entdeckungen, dann haben sie irgendwie in alten Klassiker entdeckt bei der Oma im Schrank und haben sich gedacht, oh Mensch, das wäre doch ein Buch, das könnte die Büchergilde mal schön machen. Über solche Tipps freuen wir uns immer – daraus sind tatsächlich schon Projekte entstanden. Die Nähe zu unserer Zielgruppe ist, da bin ich mir sicher, noch viel enger als in anderen Verlagen – es ist ja eine Gemeinschaft, es gibt Veranstaltungen vor Ort. Das ist ja auch etwas, was uns sehr wichtig ist.

Helen
Ja, das finde ich irgendwie voll schön. Ihr hattet eben diese Sonderausgaben erwähnt. Ich weiß gar nicht genau, worum es sich handelt – aber ich finde den Ansatz spannend, dass man sogar eine Nummer reservieren kann. Was ist das genau? Genau, das sind…

Cosima Schneider
Wir haben auch Sonderausgaben – aber was Corinna vorhin meinte, sind die Vorzugsausgaben. Eine Vorzugsausgabe ist im Grunde dasselbe Buch, zu dem die Illustratorin oder der Illustrator noch eine Grafik anfertigt. Das kann eine Radierung sein, ein Linolschnitt, ein Holzschnitt, ein Siebdruck, ein Risodruck – ganz verschiedene Drucktechniken. Das wird dem Buch beigelegt, beides wird signiert und nummeriert, meistens in einer Auflage von 99 Exemplaren, und kostet dann 148 Euro. Das Ganze kommt in einen sehr schön bezogenen Schuber. Bei den Vorzugsausgaben muss man sich tatsächlich ranhalten, weil die definitiv nicht mehr nachproduziert werden. Und dann haben wir noch Sonderausgaben. Ein Buch haben wir tatsächlich nachgelegt: Yokomizo, Die rätselhaften Honjin-Morde. Wir haben es aufgelegt, weil wir das zweite Buch mit derselben Illustratorin gemacht haben – und die hat uns mit ihren Illustrationen umgehauen. Das war ihr erster Auftrag, und sie war Feuer und Flamme, weil Japan ihr Lieblingsthema ist – sie hatte bis dahin vor allem Mangas gelesen und sich intensiv in das Thema eingearbeitet. Sie hat Storyboards gemacht, Analysen zur Kleidung, zur Fotografie der damaligen Zeit. Das erste Buch war so erfolgreich und ganz schnell weg – deshalb haben wir eine Sonderausgabe gemacht. Das war ein Letterpress: Auf grobes Büttenpapier wurde wie früher im Buchdruck einfarbig das Motiv gedruckt. Dazu gerissene Kanten – man hat wirklich etwas ganz Besonderes in der Hand. Und jetzt haben wir das neue auch gemacht – ich zeige es dir mal. Sie hat wieder ganz toll gearbeitet. Und weil wir von ihr und von dieser ganzen Welt so begeistert sind, haben wir uns eine kleine japanische Welt im Programm aufgetan: Es gibt ein Puzzle mit 1.000 Teilen dazu. Und einen ganz abgefahrenen schmalen Kalender, ein bisschen an japanische Wandbilder angelehnt. Und genau das sind die Vorzugsausgaben und Sonderausgaben. Und manchmal gibt es noch sogenannte Künstlerdrucke: stark vergrößerte Drucke im Giclée-Verfahren, das bis zu 16 Farben drucken kann – ausgewählte, große Motive.

Helen
Das ist ja richtig cool. Ich stelle mir vor, dass es total viel Spaß macht, sich so etwas auszudenken. Wer bei euch Mitglied ist, sucht sich einmal im Quartal ein Buch aus. Laufen solche Sachen separat davon, also würde ich die zusätzlich bestellen?

Cosima Schneider
Wenn du eine Vorzugsausgabe kaufst, ist das genau der Quartalskauf. Und auch das Puzzle – im Prinzip alles aus unserem Programm.

Corinna Huffman
Falls man nicht Mitglied ist, darf man bei der Büchergilde auch einkaufen – allerdings nur die Non-Books, also zum Beispiel das Puzzle oder den Kalender. Ja, okay. Es spricht ja nichts dagegen. Das ist richtig cool.

Helen
Ich habe mich bei dieser ganzen Auswahl gefragt: Habt ihr selbst noch Spaß am Lesen? Corinna, wenn du so viele auf dem Tisch liegen hast – denkst du manchmal: Bleib mir weg mit Büchern, ich habe heute genug gelesen?

Corinna Huffman
Ja, total. Und manchmal überrasche ich mich selbst: Ich bin seit 1998 bei der Büchergilde und in dieser Abteilung und lese seit – wenn ich richtig rechne – 27 Jahren wie verrückt. Und es ist immer noch so, dass ich die Pakete mit Vorfreude öffne, wenn eine Büchersendung gekommen ist – was fast täglich passiert. Ich denke immer: Auf das hier hast du dich gefreut. Es ist immer noch wie beim ersten Mal. Der Unterschied ist, dass wir auf eine Entscheidung hin lesen müssen. Sich einen neuen Roman zu nehmen und zu sagen: Jetzt setze ich mich gemütlich hin und habe alle Zeit der Welt, die Sätze auf mich wirken zu lassen – lese vielleicht einen Abschnitt noch einmal, weil er mir so gut gefallen hat, schreibe mir sogar eine Formulierung heraus – das kommt fast nie vor. Wegen des Pensums müssen wir uns auf den ersten 20, 30 Seiten einen Eindruck verschaffen, ob es sich lohnt weiterzulesen. Hat das Buch Büchergilde-Potenzial oder nicht? Von da an geht im Prinzip jede Seite auf eine Entscheidung zu. Jedes Mal, wenn ich eine Seite umblättere, läuft im Hintergrund mit: Lohnt es sich weiterzulesen oder nicht? Oder kommt es auf den Stapel „schauen wir mal"? Wenn wir es für die Büchergilde wirklich in Betracht ziehen, lesen wir es natürlich durch – man muss ja auch wissen, ob es am Schluss kippt. Das kann ja alle. Aber so ist es was anderes. Es hat so was von Urlaub, wenn ich vielleicht einfach mal eine Zeitschrift lese. Irgendwie ein Eospial oder irgendwie so etwas, wo ich genau weiß. Kein Mensch in dieser Welt würde mich jemals fragen, ob ich das, was ich da gelesen habe, für die Büchergilde, betracht sie hier oder nicht und wie das zu verhandeln ist. Das ist ein anderes Lesen. Und manchmal im Urlaub gönne ich mir ein Buch, von dem ich genau weiß: Das wird im Leben nicht bei der Büchergilde erscheinen. Aber es bleibt die Tatsache, dass ich sehr viele Bücher lesen muss, die ich auch mit einem völlig anderen Job gern lesen würde. Und das ist… Ja. Und von wo?

Cosima Schneider
Ich lese auch gern Bücher, freue mich aber wahnsinnig über Comics – das ist dann eine Alternative. Ich mag unsere illustrierten Bücher, und ich finde es so toll, dass das Lektorat Texte auswählt, die ich selbst vielleicht nie gelesen hätte. Weil ich die illustrierten Bücher betreue und die Illustrator*innen dafür aussuche, lese ich den Text und schlage dann in unserer Runde eine Auswahl vor. Das macht Spaß – so begegne ich Dingen, die ich sonst nicht gelesen hätte. Oder die durch die Illustration zugänglicher werden.

Helen
Da fällt mir direkt ein: Bei der Büchergilde gab es doch Rot ist doch schön, dieses Comic über die Periode. Das fand ich total toll. Gehst du mit einem anderen Blick durch Buchhandlungen und schaust nach besonders schönen Covern oder danach, ob jemand ein anderes Papier oder einen anderen Einband verwendet?

Cosima Schneider
Auf jeden Fall. Ich gehe schon nach dem Äußeren und schaue dann nach Materialien: Wer hat den Umschlag gestaltet, und wer hat es gedruckt? Das gehört dazu.

Helen
Wie entdeckt ihr Illustrator*innen? Dadurch, dass du ein Buch siehst und schön findest – oder gibt es noch andere Wege, Instagram zum Beispiel?

Cosima Schneider
Es gibt ganz unterschiedliche Wege. Sehr gern – und das steht diese Woche an – die Buchmesse in Leipzig: Dort sind die Hochschulen vertreten, das ist wirklich informativ. Da gehe ich durch, schaue mir alles an, sammle Postkarten und komme mit den Leuten ins Gespräch. Wir haben eine Zeit lang auf der Frankfurter Buchmesse ein Mappen-Speeddating gemacht, zu dem Studierende gekommen sind. Dazu Rundgänge an den Hochschulen und Initiativbewerbungen, die uns erreichen. Und dann gibt es die Nachwuchsförderung – ich glaube, das unterscheidet uns auch. Den Gestalterpreis machen wir seit über zwanzig Jahren. Alle zwei Jahre wählen wir eine Hochschule aus, schlagen ihr einen Text vor, und die Studierenden haben dann ein Semester Zeit, das Buch zu illustrieren. Anschließend legen sie uns die Illustrationen vor. Wir haben eine unabhängige Jury, in der unterschiedliche fachkundige Menschen zusammenkommen. Daraus wählen wir eine Gewinnerin oder einen Gewinner aus – seit einer Weile tatsächlich immer einstimmig. Wir erwarten von den jungen Menschen, dass sie ihre ganz eigene Sprache finden. Ich will nicht den Professor oder die Professorin in den Illustrationen sehen, sondern ihre radikal subjektive Interpretation des Textes – die kann nah am Text sein oder zwischen den Zeilen. Dann machen wir einen Vertrag, und das Buch erscheint bei der Büchergilde – wie ein normales illustriertes Buch, mit Vorzugsausgabe im Schuber und allem Drum und Dran. Und das Tolle ist: Martin Stark zum Beispiel war Gewinner 2014. Er hat für uns Heinrich Manns Professor Unrat illustriert, was uns alle so begeistert hat, später Mary Shelleys Frankenstein – auch eine sehr aufwendige Buchgestaltung – und den Bilderbogen zu Wagner. Es gibt also auch Folgeaufträge. Und selbst bei denen, die nicht gewinnen, sind so tolle Leute dabei – die merken wir uns und kommen bei passender Gelegenheit wieder auf sie zu. Zweimal haben wir es sogar so gemacht, dass wir wegen der vielen tollen Illustrationen ein Magazin gemacht haben, in dem alle Arbeiten gezeigt wurden. Denn jede*r von uns liest ein Buch und hat andere Bilder im Kopf. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch, das ist ganz subjektiv. Deswegen scheiden sich bei den illustrierten Büchern oft die Geister: Gefällt mir, gefällt mir nicht – weil ich mit der Farbwelt oder dem Strich etwas anfangen kann oder eben nicht. Das illustrierte Buch gehört von Anfang an zur Büchergilde, wie Corinna schon sagte. Aber diese Nachwuchsförderung ist ein Highlight. Das letzte war 2024 mit der Burg Giebichenstein in Halle, zusammen mit Professor Georg Barber, alias ATAK. Da haben wir Virginia Woolfs Mrs. Dalloway illustrieren lassen. Und wir haben überlegt: Wir könnten immer so weitermachen, alle zwei Jahre Gestalterpreis. Und dann haben wir gesagt: Nein, wir wollen uns mal selbst überraschen. Das Thema KI ist gerade in aller Munde und auch für uns wichtig – wie gehen wir als Auftraggeberinnen damit um? Also haben wir die Studierenden gefragt, ob sie sich mit dem Thema auseinandersetzen und es integrieren wollen. Das war total interessant. Sie haben zuerst die KI befragt: Machen wir eine Textanalyse, welche Personen kommen vor – sehr hilfreich. Und dann haben sie es in Bildern umsetzen lassen, und da waren sie alle total enttäuscht. Wir wussten ja nicht, was dabei herauskommt – für uns war das das Überraschungsgeschenk zum Hundertsten. Und dann haben sie sich entschieden: lieber kollektive Intelligenz statt künstlicher Intelligenz. Das war ihr Fazit, und das fand ich so krass. Sie haben das Buch dann gemeinsam illustriert: Sie haben sich gegenseitig ihre Lieblingsstellen gezeigt, die sie illustriert hatten, und die anderen sind jeweils wieder darauf eingegangen. So ist ein durchillustriertes Buch entstanden. Es gibt dort auch eine Typografie- und Gestaltungsklasse, die sich der Textgestaltung angenommen hat. Und weil Big Ben in der Geschichte eine große Rolle spielt, wechselt die Typografie immer dann, wenn er schlägt, von einer Serifenschrift in eine serifenlose. Und es gibt keine Seitenzahlen, sondern die Uhrzeit dieses einen Tages, an dem alles spielt, läuft durch. Es ist ein Rundum-Kunstwerk geworden, bei dem es keine Gewinnerin gibt – es gewinnt die Gemeinschaft.

Helen
Ich finde das so cool. Was ich daran so mag: Es macht Bücher erlebbar. Es ist auch ein anderes Lesen. Mitmachen kann man da aber nicht einfach, das läuft nur über die ausgewählte Hochschule. Ich könnte mir vorstellen, dass manche daran Interesse hätten. Vielleicht müsstet ihr so einen Wettbewerb auch mal in eurer Community machen. Ich sage das mal so in den Raum. Ich finde es total schön, weil ich mehr und mehr das Gefühl habe: Wir passen gut zusammen. Und ich finde es jedes Mal total spannend, einen Einblick hinter die Kulissen zu bekommen. Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Trotz der technischen Schwierigkeiten vor der Aufnahme, und obwohl ihr Termine verschoben habt – tausend Dank dafür.

Cosima Schneider
Eine Sache ist uns noch wichtig: das Thema Nachhaltigkeit. Ich glaube, wir waren da unter den Verlagen ein bisschen Vorreiter. Wir haben seit ungefähr 14 Jahren keine Produktion mehr in China. Wir produzieren überwiegend in Deutschland oder Europa. Und wir haben keine folienkaschierten Umschläge. Wir schweißen unsere Bücher noch ein, weil manche empfindlich sind, länger im Lager liegen und versendet werden müssen. Aber wir sind dazu immer wieder mit unseren Buchbindereien im Kontakt und haben schon Papierbanderolen ausprobiert – das hat noch nicht so gefruchtet. Aber folienkaschierte Schutzumschläge sind echt Sondermüll: Die kann man nicht mehr recyceln, weil sich Folie und Papier nicht trennen lassen. Bei uns sind Umschläge und Einbandmaterialien immer offene Papiere oder Leinen. Und wir verwenden mit Vorliebe Restmaterialien: Unsere Papierhersteller oder Leinenlieferanten sagen, sie hätten nur noch so viel von einem Material, wir bekommen eine kleine Übersicht – und dann schauen wir, ob das zu einem Titel passt. Oder wenn wir Überschuss von bedruckten Leineneinbänden haben, nähen wir daraus Mäppchen – unsere sogenannten Makulaturen. Bis die Druckmaschine richtig läuft und die Farbe richtig auf dem Leinen sitzt, wird eben Ausschuss produziert. Der wird normalerweise recycelt. Aber wir fanden ihn so schön, dass wir daraus kleine Mäppchen nähen lassen – bei Stitch by Stitch hier in Frankfurt, einem Sozialunternehmen. Auch die sind limitiert. Je nachdem, wie viele Reste da sind, können wir eben so viele produzieren. Oder wenn eine Lizenzausgabe zwei Millimeter zu groß ist und das ausgesuchte Leinen dafür nicht reichen würde, dann schrumpfen wir das Buch einfach ein bisschen – dann können wir das Leinen verwenden. Das ist uns in der Büchergilde total wichtig.

Helen
Das finde ich super spannend. Das finde ich auch super spannend – gut, dass du das noch angebracht hast. Haben wir sonst etwas außer Acht gelassen, was ihr gerne erwähnen möchtet?

Corinna Huffman
Eine Sache finde ich noch ganz wichtig, wenn wir über die Büchergilde sprechen: dass wir auch eine Genossenschaft sind. Wir haben bislang davon erzählt, wie wir als Buchgemeinschaft aufgestellt sind und dass wir als solche 100 Jahre alt sind. Eine Genossenschaft sind wir seit zehn Jahren. Und auch das ist uns sehr, sehr wichtig. Man muss nicht Mitglied sein, um Genossin oder Genosse zu werden. Wer einen Anteil oder mehrere zeichnet, ist im Prinzip Miteigentümerin der Büchergilde. Die Genossenschaft ist die Muttergesellschaft der Buchgemeinschaft, und das sichert uns nicht zuletzt unsere Unabhängigkeit. Wir wollen und brauchen mehr Mitglieder, um weiterarbeiten zu können. Leicht ist es nicht. Die Genossenschaft war einerseits eine Idee, um die Weiterexistenz und Unabhängigkeit des Unternehmens zu sichern – und andererseits eine Konsequenz aus der Idee der Gemeinschaft: Sie liegt in den Händen der Mitglieder. Einmal im Jahr gibt es eine Generalversammlung, zu der alle Genossinnen und Genossen eingeladen werden. Dort berichten wir, was wir im Laufe des Jahres getan haben und was wir vorhaben – und darüber wird diskutiert. Und nicht selten kommen daraus Vorschläge, Ideen und Nachfragen, die wir dann umzusetzen versuchen – eine rege Beteiligung, die auch gewünscht ist und den Gemeinschaftsgedanken verstärkt.

Helen
Das ist in der Buchwelt ja auch wirklich etwas Besonderes. Danke euch für den Einblick. Jetzt müsst ihr wahrscheinlich wirklich in andere Termine. Deswegen trinken wir schwarzen Tee, Salbeitee und Wasser zu Ende und verabschieden uns an dieser Stelle von den Mädels. Ich danke euch sehr für die Zeit, die ihr euch genommen habt.

Corinna Huffman
Vielen lieben Dank. Danke für die Einladung.

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