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Wie arbeiten Übersetzer*innen? Drei Übersetzerinnen über ein gemeinsames Buch

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Podcast · Folge 96

Wie arbeiten Übersetzer*innen?

Drei Übersetzerinnen haben einen Roman gemeinsam ins Deutsche gebracht. Ein Gespräch über Arbeitsteilung, den Titel als Marketing, Fehler im Original – und warum KI für sie nicht infrage kommt

27. Februar 2025 · 52 Minuten · Ganze Folge hören ↓

»So ist das nie passiert« von Sarah Easter Collins war unser Buch im Februar 2025 – und auf dem Cover standen gleich drei Namen für die Übersetzung. Das hatten wir vorher noch nie. Also haben wir gefragt, wie so etwas eigentlich funktioniert. Ute Brammertz, Beate Brammertz und Carola Fischer haben sich für die Aufnahme in Carolas Wohnung getroffen; wir waren digital dazugeschaltet. Auf dem Tisch: zwei Kaffee und ein grüner Tee – letzterer zu Ehren der Yoga-Begeisterten aus dem Roman.

Porträt von Carola Fischer, Beate Brammertz und Ute Brammertz

Ute Brammertz, Beate Brammertz und Carola Fischer

Literaturübersetzerinnen, München

Ute Brammertz hat Anglistik und Germanistik in München und Manchester studiert und übersetzt aus dem Englischen. Beate Brammertz – ihre Schwester – hat Anglistik und Germanistik in München und Dijon studiert und arbeitet seit 2005 als Literaturübersetzerin, mit einem Schwerpunkt auf Jugendliteratur. Carola Fischer hat Romanistik und Theaterwissenschaft in München, Madrid und Montpellier studiert und einen Master im Literarischen Übersetzen gemacht; nach Jahren im Verlag – zuletzt als leitende Lektorin – ist sie seit 2014 freiberuflich tätig und übersetzt aus dem Spanischen, Englischen und Französischen. Kennen tun sich die drei seit rund 25 Jahren.

Warum ein Buch drei Übersetzerinnen bekommt

Die Anfrage kam bei Carola Fischer an. Der Verlag wollte das Buch so schnell wie möglich auf dem Markt haben, und es war sehr wenig Zeit – und selbst wenn ein Verlag nur wenige Wochen ansetzt, kann man ja nicht sofort anfangen: Ein laufender Text muss erst an einen Punkt kommen, an dem man ihn unterbrechen kann. Also hat sie ungefähr die Hälfte selbst übernommen und die beiden Schwestern dazugeholt.

Zu zweit hatten sie schon oft gearbeitet, in verschiedenen Kombinationen. Zu dritt war es das erste Mal – und bis heute das einzige.

Wie man einen Roman aufteilt

Nicht nach Seitenzahl, sondern nach Figuren: Beate und Ute Brammertz haben Willa übernommen, Carola Fischer Robyn und Claudette. Innerhalb von Willa haben die Schwestern noch einmal geteilt – und sagen, das merke man nicht, weil ihr Stil sich sehr ähnelt.

Danach ist alles zwei- bis dreimal durchgegangen worden, jede auch die Teile der anderen. Das Ziel: ein Text aus einem Guss, dem man nicht ansieht, dass mehrere daran gesessen haben. Es hat funktioniert – in unserer Community hat niemand kommentiert, dass ihm eine Naht aufgefallen wäre.

Es gibt wirklich unzählige Möglichkeiten, einen Text zu übersetzen. Und das ist auch das, was es so individuell macht.Aus dem Gespräch

Eine Anekdote, die zeigt, wie eng das verwoben ist: Eine von ihnen hat sich vor der Aufnahme noch einmal ins Buch eingelesen – und lag bei ein paar Kapiteln daneben, als sie sich erinnern wollte, was sie selbst übersetzt hat. Eine andere hat eine Freundin, die beim Lesen zu erraten versucht, welche Kapitel von wem sind. Sie kommt nicht drauf.

Was das Zusammenarbeiten bringt

Der Punkt, den alle drei machen: Man wird dem eigenen Text gegenüber irgendwann blind. Dinge, die einem in einem fremden Text sofort ins Auge springen würden, sieht man bei sich selbst nicht mehr. Zu zweit oder zu dritt fällt das auf – und aus zwei Vorschlägen wird oft ein dritter, der besser ist als beide.

Dazu die schönste Zahl der Folge: Eine Dozentin aus einem Übersetzerseminar sagte, allein zu Hause komme sie auf drei Varianten, maximal vier – in der Gruppe auf dreißig.

Der Preis dafür ist Zeit: Man liest die Texte der anderen mit, man redet darüber, man macht sich Extra-Arbeit. Streit gab es trotzdem nie.

Die Übersetzer-WG ist eigentlich ein Container

Übersetzen ist ein Beruf, den man viel allein macht. Die drei haben sich dagegen etwas gebaut, das sich über die Jahre so ergeben hat: ein kleines Büro für fünf Leute im Münchner Kreativquartier, zwischen Künstlerateliers und Aufführungsstätten. Spartanisch, ehrlich gesagt: ein Container, im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt. Diesen Roman haben sie im Sommer übersetzt – da war niemandem kalt.

Der Titel gehört nicht zur Übersetzung

Die Frage, die aus der Community am häufigsten kam: Warum heißt das Buch auf Deutsch anders? Im Original »Things Don’t Break on Their Own«, auf Deutsch »So ist das nie passiert«.

Die Antwort war für Helen überraschend: Übersetzer*innen übersetzen den Titel nicht. Der Titel ist Teil des Marketings und liegt beim Verlag – er gehört zum Cover, zur Schrift, zur Wirkung im Buchhandelsregal. Es kommt vor, dass das Lektorat einen Vorschlag zur Meinung vorlegt; gefragt, ob sie Titelideen hätten, wurde bisher keine von ihnen.

Der zweite Grund ist rechtlich: In Deutschland gibt es Titelschutz, in England und den USA nicht. Dort kann derselbe Titel auf zehn verschiedenen Büchern stehen. Wer wissen will, ob ein Titel schon vergeben ist, schaut in den Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Früher konnte man beim Verlag anfragen, wenn ein Titel Jahre nicht mehr am Markt war – das ist mit E-Books schwieriger geworden, weil die nie ganz verschwinden.

Kurz eingeordnet: Das stimmt im Kern, ist aber etwas beweglicher, als es klingt. Werktitelschutz entsteht in Deutschland automatisch mit der Veröffentlichung, nicht durch Eintragung – ein amtliches Register gibt es nicht, auch die Deutsche Nationalbibliothek ist keins, sondern ein Nachschlagewerk. Entscheidend ist die Verwechslungsgefahr: je origineller der Titel und je näher die Bücher beieinanderliegen, desto eher greift der Schutz. Zwei Bücher mit demselben Titel sind deshalb nicht ausgeschlossen, aber riskant – und genau deshalb weichen Verlage aus.

Wenn ein »Fehler« im Original Absicht ist

Ein Teil ihrer Arbeit, an den man als Leserin nicht denkt: Übersetzerinnen lesen mit einer Korrektorinnen-Brille. Manchmal übersetzt man aus einem Manuskript, das im Original noch gar nicht fertig ist, und merzt dabei kleinere Fehler aus.

Bei diesem Buch fiel ihnen auf, dass verschiedene Figuren dieselben Ereignisse unterschiedlich erinnern. Sie haben es dem Verlag gemeldet – mit der Bitte, es auf keinen Fall zu ändern: Genau das ist das Thema des Romans.

Ähnlich bei den französischen Passagen: Die bleiben französisch, weil sie Claudettes Fremdheit markieren. An einer Stelle hat Carola Fischer das Französische im Original sogar korrigiert.

Lyrik ist ein anderer Beruf

Auf die Frage, ob manche Gattungen schwieriger sind, kommt eine klare Antwort: Lyrik, Graphic Novel und Theater sind eigene Spezialisierungen. In Band zwei der Rebecca-West-Trilogie, die Carola Fischer und Ute Brammertz gerade übersetzen, kommt ein Gedicht vor. Eine von ihnen hat es inhaltlich übertragen und ist an ihre Grenzen gestoßen – am Ende haben sie den Verlag gebeten, dafür eine Lyrikübersetzerin anzufragen. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil sie dem Text sonst nicht gerecht geworden wären.

Der Alltag dagegen besteht aus Nachschlagen – nicht nur Englisch-Deutsch, sondern vor allem deutschen Synonymen. Eine von ihnen sagt, sie habe das Gefühl, mehr nachzuschlagen als zu übersetzen. Und manchmal reicht das nicht: Für einen kanadischen Roman über eine spezielle Art zu fischen hat der Vater einer Freundin aushelfen müssen – Hochseefischerei ist in München dünn gesät.

Und was ist mit KI?

Die Frage kam aus der Community, und die erste Reaktion war ein Lachen: »KI? Nee, davon haben wir noch nie gehört, oder?« Dann wurde es ernst. Beim Münchner Übersetzerforum ging es zuletzt genau darum, auch um die Gefahren für die Branche.

Für die eigene Arbeit nutzen sie es nicht. Der Grund ist nicht in erster Linie Prinzip, sondern das Urheberrecht: Ein ganzes Kapitel in ein Tool einzugeben hieße, einen fremden, geschützten Text zum Data-Mining freizugeben. Nachschlagewerke, in denen mittlerweile ohnehin KI steckt, sind etwas anderes – zwei Wörter nachschlagen ist nicht gemeint.

Lesen sie noch zum Vergnügen?

Ja – aber wie bei den meisten Erwachsenen weniger, als sie gerne würden. Eine sagt, sie sei nicht mehr vierzehn und setze sich nachmittags mit einem Buch hin, bis es abends durch ist; spät in der Nacht seien es bei ihr zehn Minuten, egal wie gut das Buch ist. Was bleibt, ist eine berühmte Berufskrankheit: Bei einem englischen Buch fragt man sich alle drei Seiten, wie eine Stelle wohl übersetzt wurde.

Aber ein Leben ohne Sprache und ohne Literatur – und damit meine ich jetzt nicht nur die Bücher, die man selber übersetzt – geht auch nicht.Aus dem Gespräch

Zum Schluss ein Satz, der uns gefreut hat: Dass eine Buch-Community überhaupt darauf schaut, wer ein Buch übersetzt hat, ist nicht selbstverständlich – und war für die drei ein Grund, zuzusagen.

Die Bücher aus dem Gespräch

Das übersetzte Buch, die drei Lesetipps der Übersetzerinnen und zwei Titel, die im Gespräch eine Rolle spielen. Wo wir gemeinsam gelesen haben, kommst du über die Buchseite zur ganzen Leserunde und kannst sie in deinem Tempo nachholen.

Buchcover »So ist das nie passiert« von Sarah Easter Collins

So ist das nie passiert

Sarah Easter Collins

Das Buch, um das es geht – im Original »Things Don’t Break on Their Own«, erschienen bei Heyne. Die drei haben es gemeinsam übersetzt: Beate und Ute Brammertz die Kapitel von Willa, Carola Fischer die von Robyn und Claudette.

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Leserunde nachholenMonatsbuch Februar 2025

Buchcover »Die schönste Version« von Ruth-Maria Thomas

Die schönste Version

Ruth-Maria Thomas

Carola Fischers Tipp – sie hat es zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade gelesen und nennt die Sprache »Sprachmagie«. Bei uns war es kurz davor Monatsbuch.

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Leserunde nachholenMonatsbuch September 2024

Buchcover »Umlaufbahnen« von Samantha Harvey

Umlaufbahnen

Samantha Harvey

Ute Brammertz’ Tipp, im Gespräch unter dem Originaltitel »Orbital«: der Booker-Prize-Roman von 2024. Langsam lesen, sagt sie – es steckt viel drin. Ins Deutsche übertragen hat ihn Julia Wolf.

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Buchcover »Die Zufällige« von Ali Smith

Die Zufällige

Ali Smith

Ihr zweiter Tipp, den sie gerade auf Englisch liest – und bei dem sie ständig denkt: Wie hat die Übersetzerin das gemacht? Auf Deutsch stammt der Roman von Silvia Morawetz.

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Buchcover »22 Bahnen« von Caroline Wahl

22 Bahnen

Caroline Wahl

Beate Brammertz’ Tipp – mit der Einschränkung, dass es vermutlich schon alle kennen. Helen hatte es zum Zeitpunkt der Aufnahme noch ungelesen im Regal stehen.

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Buchcover »Die Familie Aubrey« von Rebecca West

Die Familie Aubrey

Rebecca West

Kein Tipp aus der Folge, sondern ihre eigene Arbeit: die Neuübersetzung von Carola Fischer und Ute Brammertz, im Gespräch gerade erschienen. Hier steckt das Gedicht drin, an dem sie an ihre Grenzen kam.

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Buchcover »Anna Karenina« von Leo N. Tolstoi in der Übersetzung von Rosemarie Tietze

Anna Karenina

Leo N. Tolstoi

Der Klassiker, den wir 2021 gelesen haben – in der Neuübersetzung von Rosemarie Tietze, die uns damals Fragen per Mail beantwortet hat. Der Titel taucht in dieser Folge als Beispiel auf: Ein Roman, der nie vom Markt verschwindet.

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Leserunde nachholenFerienlager 2021

*Mit Sternchen markierte Links sind Affiliate-Links: Kaufst du darüber, erhalten wir eine kleine Provision. Für dich ändert sich am Preis nichts.

52 Minuten Blick hinter die Kulissen – auf einen Beruf, der im Buch meistens nur als Zeile im Impressum vorkommt.

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Häufige Fragen

Wie übersetzen mehrere Personen ein Buch gemeinsam?

In diesem Fall nach Figuren: Beate und Ute Brammertz haben die Kapitel von Willa übernommen, Carola Fischer die von Robyn und Claudette. Danach wurde alles zwei- bis dreimal durchgearbeitet, jede auch die Teile der anderen, damit ein Text aus einem Guss entsteht. Wichtig ist, sich früh auf Stil und feste Begriffe zu einigen.

Warum heißt ein Buch auf Deutsch oft anders als im Original?

Weil der Titel Marketing ist und beim Verlag liegt, nicht bei der Übersetzung. Dazu kommt der deutsche Werktitelschutz: Gibt es einen Titel hierzulande schon, wird es riskant, ihn noch einmal zu verwenden – im englischsprachigen Raum ist das anders. Und manchmal klingt die wortgetreue Fassung im Deutschen einfach nicht gut.

Dürfen Übersetzer*innen den Titel vorschlagen?

Vorschlagen dürfen sie immer – entscheiden nicht. Alle drei berichten, dass ihnen das Lektorat gelegentlich einen Titel zur Meinung vorlegt, aber keine von ihnen wurde bisher aktiv um Vorschläge gebeten.

Was passiert, wenn im Original ein Fehler steht?

Übersetzerinnen bemerken so etwas oft als Erste und melden es. Manchmal ist der vermeintliche Fehler aber Absicht: Bei »So ist das nie passiert« erinnern verschiedene Figuren dieselben Ereignisse unterschiedlich – das ist das Thema des Romans. Die drei haben dem Verlag ausdrücklich geschrieben, das bitte nicht zu ändern.

Nutzen Literaturübersetzer*innen KI?

Für die eigentliche Übersetzung nicht – und zwar aus urheberrechtlichen Gründen: Wer einen fremden, geschützten Text in ein Tool eingibt, gibt ihn zum Data-Mining frei. Nachschlagewerke, in denen ohnehin KI steckt, sind davon nicht gemeint. In der Branche wird das Thema intensiv diskutiert, auch mit Blick auf die Gefahren für den Beruf.

Ist Lyrik schwieriger zu übersetzen als Prosa?

Es ist vor allem etwas anderes. Lyrik, Graphic Novel und Theatertexte gelten als eigene Spezialisierungen – bei Lyrik kommen Metrum, Klang und Form dazu. Als in einem ihrer Projekte ein Gedicht auftauchte, haben die drei den Verlag gebeten, dafür eine Lyrikübersetzerin anzufragen.

Die ganze Folge zum Nachlesen

Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten. Die drei saßen bei der Aufnahme gemeinsam an einem Mikrofon; wer von ihnen genau spricht, lässt sich nachträglich nicht sicher zuordnen. Deshalb steht hier »Die Übersetzerinnen«, wo eine von ihnen spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme.

Helen
Herzlich willkommen, Ute, Beate und Carola. Ich freue mich sehr, heute mit euch über »So ist das nie passiert« und über eure Übersetzung zu sprechen. Aber bevor wir damit starten, habe ich zwei Fragen an euch. Wo sind wir gerade und welches Getränk habt ihr uns mitgebracht?

Die Übersetzerinnen
Ja, also erst mal herzlichen Dank für die Einladung. Wir freuen uns auch sehr, über das Buch zu sprechen, das wir zu dritt übersetzt haben. Und mein Getränk wäre – wenn ich an die Yoga-Begeisterte aus unserem Roman denke – grüner Tee. Also für mich wäre es ein Kaffee, weil ich gerade Kaffee getrunken habe. Und bei mir, bei Ute, ist es ähnlich wie bei meiner Schwester Beate: ein Kaffee, den uns gerade Carola gemacht hat. Wir sitzen nämlich in Carolas Wohnung, zum Teil in verschiedenen Zimmern.

Helen
Das ist echt richtig cool und irgendwie direkt auch schon so im Thema drin. Ich habe es eben schon so eure Übersetzer-WG genannt, weil ich im Vorfeld so ein bisschen mitbekommen habe, als wir nach einem Foto gefragt haben, dass ihr zumindest wahrscheinlich nicht so weit auseinander wohnt, aber es ist ja total spannend überhaupt zu sehen, dass für ein Buch drei Übersetzerinnen angefragt werden und drei Übersetzerinnen an einem Buch arbeiten. Aber ihr scheint euch ja auch irgendwie zu kennen, was so ein bisschen die Frage aufwirft, macht ihr das öfter zu dritt? Ist das ein übliches Vorgehen auch?

Die Übersetzerinnen
Ja, also zu dritt, das war jetzt das erste und bisher auch letzte Mal, was aber nichts irgendwie heißen soll. Das hat ganz großen Spaß gemacht. Wir hatten vorher auch schon jeweils als Duo gearbeitet, also ich und meine Schwester Beate und auch ich und Carola. Aber zu dritt, das hatten wir alle, glaube ich, davor noch nicht gehabt, oder? Nein und es lag einfach daran. Also ich habe ursprünglich die Anfrage für die Übersetzung dieses Romans bekommen und es war einfach so, dass der Verlag das Buch halt so schnell wie möglich auf den Markt bringen wollte und es war wirklich sehr, sehr, sehr wenig Zeit. Und es ist natürlich auch so, dass auch wenn ein Verlag wenige Wochen für die Übersetzung in Aussicht stellt, dann kann ich ja auch nicht sofort anfangen, sondern irgendwas muss man ja immer noch mal zumindest irgendwie bis in einen Punkt führen, wo man mal unterbrechen kann oder mit einem anderen Verlag verhandeln, dass man später abgibt, weil es da nicht so dringend ist und so. Das macht man ja alles. Und hier war es aber wirklich schwierig und auf der anderen Seite der Verlag hat aber sehr auf das Buch gesetzt und deshalb kam wirklich daraus, dass wir das dann in wenigen Wochen gemacht haben. Also ich ungefähr die Hälfte und dann habe ich halt vorgeschlagen meine Kolleginnen und Freundinnen mit ins Boot zu holen und die haben dann zusammen die andere Hälfte übernommen und so haben wir das, glaube ich, auch irgendwie super hinbekommen und der Verlag war natürlich dann schon auch glücklich. Also mit der WG – das ist jetzt nur für heute –, aber wir haben auch ein kleines Büro zusammen mit noch zwei weiteren Kolleg*innen und ja und außerdem kennen wir uns schon sehr, sehr lange. Ja, wir haben vorhin gerade noch überlegt, dass wir uns wahrscheinlich so um die 25 Jahre mindestens kennen – und Beate und ich natürlich deutlich länger, weil wir Geschwister sind. Aber insgesamt sind da schon einige Jahre ins Land gezogen.

Helen
Ja, wow. Ich glaube tatsächlich, dass wir das noch nicht so hatten, wenn ich mich jetzt nicht total irre. Bisher war es wirklich immer so, dass eine Person das übersetzt hat. Und ich habe schon im Livestream, also ich stelle mir alle Bücher in einem Livestream auch vor, damit alle so einen Eindruck bekommen, weil wir es ja gemeinsam abstimmen. Und da, als ich das vorgelesen habe, war ich schon so, wow, das habe ich glaube ich noch nie gesehen, das ist total spannend. Deswegen total cool, dass wir jetzt die Gelegenheit haben, auch mal so ein bisschen mit euch zu sprechen. Ich habe vorher Fragen eingesammelt, ihr hattet es auch schon so ein bisschen gesehen, gerade diese Frage, warum zu dritt und wie funktioniert das kam im Vorfeld viel. Aber ich habe auch noch weitere bekommen. Aber vielleicht, also weil du jetzt gesagt hast, Carola, ihr habt es quasi euch so aufgeteilt. Das war nämlich eine der Fragen. Ich schaue gerade nochmal rein: wie man das aufteilt und ob das zum Beispiel nach den einzelnen Stimmen übersetzt wird. Aber das war ja dann nicht so, ne? Ihr habt es irgendwie in der ersten Hälfte und in der zweiten Hälfte.

Die Übersetzerinnen
Wir haben wirklich versucht, es auch so zu machen. Im Grunde ging es auch darum: Carola hat ja die Hälfte ungefähr übersetzt. Und wir haben es dann so gemacht, dass meine Schwester und ich, wir haben uns vor allem die, also wir haben die Willa übernommen, weil es auch einfach von den Seiten her ganz gut gepasst hat. Und Carola dann Robyn und Claudette. Und ich finde, das hat auch wirklich ganz gut gepasst, weil auch die Figuren ja so anders sind. Und wie gesagt natürlich dann die Willa haben wir uns nochmal aufgeteilt, wobei ich auch sagen muss, meine Schwester und ich arbeiten sehr viel zusammen. Ich glaube, wir haben auch einen sehr ähnlichen Übersetzer-Stil und dass man bei uns auf gar keinen Fall gemerkt hat, dass da manchmal mitten im Kapitel oder auch nach einem Kapitel dann wir uns abgewechselt haben. Zumal man eh sagen muss, wir haben das alles ja dann zweimal oder dreimal durchgearbeitet. Jeweils dann eben auch die Übersetzung, die Teile der anderen. Also wir schauen schon, wenn wir was zusammen machen, sei es jetzt zur zweiten Übersetzung oder eben in dem Fall zu dritt, dass das dann im Endeffekt aus einem Guss ist. Das soll man von außen nicht merken, dass da mehrere Leute dran gesessen haben. Wobei wir uns bei dem Buch eigentlich, also irgendwann kam ja das dann mal, es geht ja auch so viel um Dinge, die kaputt gehen und zerbrechen, diese Bilder mit den Dingen, die zerbrechen – also eigentlich hätte es ja zu dem Roman auf einer Meta-Ebene ganz gut gepasst, dass dann da irgendwie auch Brüche drin sind. Aber also wir hatten zumindest nicht das Gefühl, dass es da großartig was zu kitten gab, sondern wir schauen schon, dass das dann ein Text ist, der wie gesagt aus einem Guss daherkommt.

Helen
Ich hätte das vielleicht mal im Vorfeld abfragen sollen. Ich habe aber keine Kommentare dazu gesehen, dass es irgendwie aufgefallen wäre oder dass jemand überhaupt darauf eingegangen wäre, dass das von… Also natürlich so in dem Kontext, gerade weil wir euch ja auch als Übersetzerinnen vorgestellt haben, aber nicht dass jemand gesagt hat, ah, das hat man gemerkt an einer Stelle.

Die Übersetzerinnen
Na, das nehmen wir jetzt einfach mal als positives Zeichen. Ja, würde ich auch sagen.

Helen
Ist das denn für euch dann herausfordernder, als alleine etwas zu übersetzen? Oder ist es vielleicht sogar einfacher, weil man dann direkt jemand hat, mit dem man Rücksprache halten kann?

Die Übersetzerinnen
Also für mich, ich muss sagen, ich finde es viel angenehmer, es mit jemandem zu machen, einfach, weil man den Austausch hat. Man hat einfach noch jemanden, mit dem man reden kann und sagen kann, jetzt, wenn es einfach eine Stelle ist, wie siehst du das? Oder wie könnte man das machen? Also ich meine, es ist natürlich viel, viel, viel einfacher, wenn noch jemand drauf schaut auf deine Stelle und dann sagt, nee, ich würde es aber anders machen. Und zusammen kommt man dann vielleicht auf eine dritte Lösung, die noch viel besser ist. Ich mag es wahnsinnig gerne. Es ist natürlich ein bisschen mehr Zeit, die man braucht. Weil wie gesagt, einfach, weil man die anderen Sachen natürlich auch lesen muss und will und man über Dinge redet, über den Text, und dadurch natürlich der eigenen Übersetzung hilft es sehr. Ich denke auch, das ist wirklich sehr positiv, weil man sich halt einfach ergänzt, so nach dem alten Spruch: Vier Augen – oder in dem Fall sechs – sehen mehr als zwei. Also man muss natürlich auf einer Welle sein, man muss sich gut verstehen und man muss dann sozusagen auch die Sachen annehmen können oder so. Aber das ist bei uns halt einfach der Fall, das funktioniert halt. Und bei uns ist es, glaube ich, wirklich immer, egal in welcher Kombination, eine positive Ergänzung und letztlich ist es auch so, dass wir uns schon nochmal extra Arbeit machen, weil wir wirklich alles gegenlesen und dann nochmal zusammen überarbeiten und wirklich darauf achten, dass das halt ein fließender Text ist und es kommt auch bisher in den Verlagen sehr gut an, wenn wir zusammenarbeiten. Ich finde es unter anderem deswegen gut – so, wie Ute es auch schon meinte –, dass man da noch jemand anders hat, der da wirklich drüber schaut, das tut einem auch gut. Also wenn man ja selber auch dem eigenen Text gegenüber dann irgendwann auch blind wird. Also viele Dinge gar nicht mehr wahrnimmt, die einem in einem fremden Text sofort ins Auge springen würden. Und bei uns ist es jetzt auch so, also wir verstehen uns wirklich gut, sind insgesamt auf einer Wellenlänge, würde ich mal sagen. Ich kann nur für mich sprechen, aber wenn Ute etwas an einem Text von mir kritisiert oder Carola korrigiert, freue ich mich eigentlich immer drauf, zu lesen, was sie gefunden haben und was sie anders machen würden oder wo wir reden können, es ist immer so wertschätzend und tut dem Text so gut und das macht Spaß. Das kann man halt normalerweise nicht machen, wenn man nicht mit Leuten zusammen arbeitet. Also ich bin ja schon so, wenn ich bei irgendwas Probleme habe, einen Text, den ich allein mache, kann ich Carola fragen, kannst du hier mal das Kapitel lesen oder ich kann es Ute geben oder über einzelne Stellen sprechen. Aber das kann natürlich nicht ausufern, wir müssen ja alle unseren Lebensunterhalt bestreiten. Außerdem kennt die andere Person dann den Roman natürlich nicht, an dem man gerade sitzt. Und jetzt so zu dritt, wenn alle das Buch kennen, das macht schon Spaß und ist schon auch ein Mehrwert für die Übersetzung, würde ich sagen.

Helen
Richtig cool. Ich denke auch gerade so irgendwie geballte Frauenpower: Es ist eine Autorin, es sind weibliche Hauptfiguren, drei Übersetzerinnen, die an dem Buch arbeiten, ist irgendwie richtig schon auch cool. Was ich gerade auch dachte: Ich weiß nicht, ob es so einsam ist, aber ich stelle mir das schon eher als einsamen Beruf vor, wo man natürlich viel für sich arbeitet. Und gerade da stelle ich es mir besonders schön vor, wenn man wie so ein Team hat und Dinge wirklich in Ruhe durchsprechen kann. Also irgendwie cool. Ich kann mir das richtig gut vorstellen. Ich finde, es macht auch so ein bisschen Lust Auf das Gemeinsame übersetzen, wenn ihr davon erzählt.

Die Übersetzerinnen
Ja, es macht uns auch Spaß. Und wie gesagt, also wenn man sich zu einsam fühlt, Dann haben wir noch so ein echt kleines Büro Für fünf Leute. Aber das ist auch ganz cool in München hier im Kreativquartier. Das ist ein sehr, sehr nettes, kleines Quartier, so mit Künstlerateliers und Aufführungsstätten und so weiter. Und da kann man dann einfach auch hingehen. Das ist zwar sehr, sehr spartanisch sozusagen. Aber da trifft man sich sozusagen auch gegenseitig oder wenn man was zusammen zu besprechen hat. Das ist auch noch ein netter Nebeneffekt. Also was wir uns irgendwie mit den Jahren einfach so aufgebaut haben, hat sich so ein bisschen so ergeben. Also es war jetzt glaube ich kein konkreter Plan, aber hat sich so entwickelt.

Helen
Ja, echt schön. Also irgendwie, ich hatte das tatsächlich auch mal überlegt, Übersetzerin zu werden. Der Studiengang hieß Mehrsprachige Kommunikation, da war das Englisch und Spanisch und man hat im Bachelor erst mal so einen Rundumblick. Es ging auch ein bisschen in Richtung Dolmetschen, und Kulturraumstudien fand ich ganz toll. Also dieses Kennenlernen, was Menschen in dem Land als Grundwissen so haben, damit man irgendwie das einbeziehen kann in die Übersetzung. Und ich habe das dann auch irgendwie überlegt. Aber ich habe mich letztendlich dagegen entschieden und wenn ich aber jetzt so etwas höre, denke ich so, oh Mann, eigentlich war es schade. Ich glaube, das wäre voll was für mich gewesen. Wenn da noch ein kleiner Schreibtisch reinpasst. Aber ich glaube jetzt bin ich so raus.

Die Übersetzerinnen
Jetzt kann man immer noch reden. Komm mal auf jeden Fall mal vorbei.

Helen
Das ist dann wie so ein Coworking Space, kann ich mir das so vorstellen?

Die Übersetzerinnen
Ja, ja. Wie ein Coworking Space, der im Winter sehr kalt ist. Ja, also es ist halt ein Container, im wahrsten Sinne. Das heißt, wir nennen es im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt. Aber zumindest hat man einen Ort. Man hat ein Büro, was ganz gut ist. Ja. Diesen Roman haben wir im Sommer übersetzt. Da war niemandem kalt.

Helen
Ah, okay. Also es ist für euch jetzt so ein halb bis dreiviertel Jahr dann her. Das ist schon eine Weile her. Ja, okay, krass. Also ich vergesse auch immer ein bisschen, wie lange das dann doch auch alles dauert bis so ein Buch bei mir in der Hand liegt. Und wir lesen ja meistens nicht die ganz, ganz neue Erscheinung. So ein bisschen brauchen wir meistens, bis es bei uns landet. Aber wow, okay, dann ist es für euch natürlich und wahrscheinlich dazwischen tausend andere Bücher und wir können froh sein, wenn ihr euch noch gut dran erinnert.

Die Übersetzerinnen
Ich habe tatsächlich mal geguckt, ich habe seitdem an acht Texten gearbeitet. Nicht alle allein übersetzt, zum Teil eben auch mit Carola oder Beate. An jedes Detail aus diesem wirklich schönen Roman erinnere ich mich nicht mehr alleine.

Helen
Nee, das glaube ich. Ja, umso besonderer, dass ihr euch die Zeit nehmt. Vielen Dank. Ich schaue mal ganz kurz, was hier noch so für Fragen waren. Also hier wird zum Beispiel auch die Frage, wie geht es, zu dritt ein Buch zu übersetzen, ohne sich im Buch zu verlieren. Ich weiß gar nicht so genau, wie das gemeint ist. Aber vielleicht habt ihr so ein… Also vielleicht kommt euch da direkt was in den Sinn. Also ich weiß nicht, ob es darum geht, dieses gegenseitige Redigieren auch. Oder ich weiß nicht, habt ihr da irgendwie eine Idee zu?

Die Übersetzerinnen
Also ich glaube, es ist genau das, dass wir natürlich zwar jetzt in dem Fall eben zu dritt das Ganze gemacht haben, aber wie natürlich jeder den Roman natürlich im Ganzen gelesen haben, im Ganzen besprochen haben, dann die Teile von den anderen auch gelesen haben und dann das Ganze nochmal zusammen. Also ich meine, bei mir war es zum Beispiel jetzt auch, weil ich mir jetzt für den Podcast nochmal so ein bisschen reinlesen wollte Und ich muss gestehen, ich konnte mich nicht mehr ganz genau erinnern, welche Stellen ich übersetzt habe. Bei ein paar Kapiteln lag ich falsch. Weil man einfach so viel Zeit auch in den Text der anderen gesteckt hat, und klar ist es jetzt irgendwie ein Dreivierteljahr her, dass wir es übersetzt haben, aber dass es mir nicht so vorkommt. Witzig, dass man denkt, das trägt ganz klar meine Handschrift und dann, ach nee doch nicht. Ganz sicher – und dann dachte ich mir, ah nee, das war doch nicht mein Kapitel. Ich habe eine Freundin, die manchmal wirklich auch die Romane darauf hinliest und gucken möchte, ob sie rausfindet, was ich übersetzt habe und was meine Schwester übersetzt hat. Und die kommt da nicht drauf und meistens weiß ich es dann auch gar nicht. Ich muss dann auch jedes Mal nachschauen, wenn sie mit irgendwas kommt. Hier, das Kapitel, das warst aber du, oder? Muss ich erst mal nachgucken, ob ich das war, weil man das gegenseitig so intensiv durcharbeitet und bespricht. Und bei uns ist ja auch so jetzt auch bei dem Text, dass wir eben wie schon gesagt besprechen, wer macht was und man sich auch nach ein paar Kapiteln dann zusammensetzt und sich gegenseitig dann auch schon korrigiert hat und bespricht, wollen wir das irgendwie, hat jemand das Gefühl, das müsste umgangssprachlicher werden oder ist ist die Figur, ist die richtig ausgearbeitet oder bestimmte Begrifflichkeiten und gerade in dem Roman gab es da einige, auf die man achten muss, dass die dann in den Teilen auch jeweils, dass da keine Verwirrung von uns, von unserer Seite noch gestiftet wird. Das machen wir dann schon auch relativ früh, um uns da irgendwo auch auf einen Stil einzugrooven und zu wissen, wo wir insgesamt hin wollen mit dem Buch, mit der Übersetzung. Ja.

Helen
Also ganz viel Kommunikation, glaube ich, ist auch die Antwort auf die Frage. Und würdet ihr sagen, dass es dann schon wichtig ist, dass man auch sich mal live treffen kann und nicht nur jetzt zum Beispiel digital. Also ist es da auch von Vorteil, dass ihr nah beieinander wohnt und euch treffen könnt oder ist das nicht so relevant?

Die Übersetzerinnen
Also ich finde, es ist schon ein Vorteil. Also wenn man bestimmte Sachen durchsprechen kann und man sitzt nebeneinander, geht es oft schneller. Wir müssen dann ja zum Beispiel auch die Übersetzung wird ja redigiert von der Redakteurin in diesem Fall, war das. Und dann müssen wir ja sozusagen das wieder durchgucken, ob wir mit diesen Korrekturen, die vorgenommen wurden, einverstanden sind oder ob wir das anders haben wollen. Und da will man natürlich dann auch wieder mit den Kolleginnen Rücksprache halten. Und dann ist es schon einfacher, man setzt sich einmal zusammen und macht das beim Kaffee. Also es geht natürlich online alles, kein Problem, wenn mal einer nicht da ist, am anderen Ort arbeitet oder krank ist oder sonst irgendwas, aber es ist schon nett, finde ich, wenn man sich sehen kann. Ja, ich habe ganz lange in England gewohnt und da habe ich auch schon mit meiner Schwester zusammen gearbeitet. Und da haben wir uns natürlich dann nicht immer zusammensetzen können, aber das ist damals, das war völlig in Ordnung einfach, weil wir kennen uns einfach. Aber jetzt so hier, dass wir uns in unserem Container oder hier bei Carola treffen können, das ist schon gold wert.

Helen
Richtig gut. Weil ihr das gerade auch mit den verschiedenen Passagen, also ob man dann irgendwie umgangssprachlicher oder so werden muss, das gab jetzt so eine Frage, die auch nicht so ganz eindeutig war, weil es ist im Grunde keine Frage, da steht einfach nur bezüglich der französischen Passagen. Aber ich habe da jetzt gerade auch so überlegt, Die wurden doch wahrscheinlich einfach eins zu eins übernommen, oder? Habt ihr da was verändert? Weil ihr seid ja wahrscheinlich Übersetzerin für aus dem Englischen ins Deutsche. Ich meine, das französische sollte wahrscheinlich auch gar nicht übersetzt werden, aber ich weiß gar nicht, was da wäre. Würde da noch jemand dazugeschaltet werden? Wie würde das gemacht werden? Aber ich glaube, hier in dem Fall ist es gar nicht so relevant gewesen. Aber korrigiert mich gerne.

Die Übersetzerinnen
Also kommt darauf an, hier sollte es natürlich Französisch sein und auch in der deutschen Übersetzung dann Französisch bleiben, weil das sollte ja die Fremdartigkeit von Claudette darstellen. Und ganz generell, ich habe schon aus dem Französischen übersetzt, weil ich das auch studiert habe, jetzt weniger. Ich bin ursprünglich eigentlich spanische Übersetzerin. Also darin habe ich meinen Master im Übersetzen gemacht. Englisch ist die Verkehrssprache schlechthin und auch für Belletristik und Romane. Da ich lange im Verlag gearbeitet habe und da war es schwerpunktmäßig alles Englischsprachig, hat sich das beim Übersetzen so ergeben. Vielleicht muss ich mich korrigieren, Carola: Ich glaube, die französischen Stellen hattest schon auch du und ich weiß noch so ganz vage, dass du auch also eine Stelle sogar, glaube ich, verbessert hast, weil da im Französischen was nicht gestimmt hat. Das macht man mal, weil das kommt halt mal vor. Ja, natürlich. Aber die französischen Stellen sollten dann zumindest auch französisch bleiben. Ja, genau. Und bei den spanischen kommt es auch öfter mal vor, dass da was nicht stimmt. Aber das macht man dann nebenbei.

Helen
Oder es war ein Hinweis darauf… Ich habe am Anfang gar nicht gesagt, dass wir hier spoilern, deswegen kommt jetzt der Hinweis, dass wir vielleicht auch eventuell spoilern, weil wenn die Folge rauskommt, sind wir zumindest mit der Leserunde fertig. Aber ich dachte gerade so, vielleicht war es auch ein versteckter Hinweis der Autorin, so ein Hinweis darauf, dass Willa, wie das dann, ne, nicht Willa, Claudette vielleicht gar nicht wirklich Französin ist. Vielleicht sollte das genau darauf hindeuten.

Die Übersetzerinnen
Da hatten wir so einiges, wo wir der Redakteurin im Vorfeld schon sagen mussten, da gibt es Brüche in dem Text, die sind aber gewollt. Weil man als Übersetzerin ja auch immer mal wieder Romane hat, wo einfach, wo im englischsprachigen Lektorat einfach Fehler unterlaufen sind, wo man dann gucken muss, dass man da aufpasst – weil, was irgendwie so in Richtung Krimi oder Thriller geht, das muss ja trotzdem Hand und Fuß haben. Also da hat man auch immer so eine Korrektorinnen-Brille mit auf und bei diesem Buch haben wir dann sehr schnell gemerkt, das funktioniert nicht. Es geht ja auch dann um was anderes und eben um so Dinge wie die Korrumpierbarkeit des Gedächtnisses und alles Mögliche. Das macht den Text ja umso spannender.

Helen
Ich fand es so spannend. Ich hatte irgendwie, das hatte ab dem ersten Wort so eine Sogwirkung. Ich war da in einem Rutsch durch, das habe ich sehr, sehr gemocht. Also das war echt krass. Und das finde ich dann auch so spannend, weil das ist jetzt nicht das erste Buch bei uns, wo Roman draufsteht, aber es ist irgendwie so, weiß ich nicht, ob es das ist, was so krimiartig wirkt. Also auf jeden Fall so total spannend. Und bei dem Genre Roman kann ja alles Mögliche dabei sein. Das finde ich immer wieder sehr interessant, was da drunter alles zusammengefasst wird. Was hier auch gefragt wurde, ist, ob es, wenn wir schon über Genre sprechen, ob es irgendwie was gibt, was schwieriger zu übersetzen ist, also so etwas wie Lyrik, Roman, Graphic Novel oder so, oder ich weiß auch gar nicht so ganz genau, ob ihr verschiedenes dann auch schon übersetzt habt, aber vielleicht habt ihr das eine oder andere schon mal ausprobiert. Ist das schwieriger oder ist das eigentlich egal, weil es um die Sprache geht und vielleicht die Sprache unterschiedlich kompliziert in den Büchern ist?

Die Übersetzerinnen
Also ich habe bisher keine Lyrik gemacht oder auch kein Graphic Novel. Ich kann mir vorstellen, dass das beides schwieriger ist. Also einfach, weil es bei der Lyrik ja auch noch um andere Ebenen geht. Also ich glaube schon, dass es deswegen auch so ist, dass ich das noch nie gemacht habe, dass man da schon spezialisiert sein muss. Oder auch dann Graphic Novel natürlich, dass man genau diese Sprache einfach finden muss. Und für mich, also ich kann es mir nicht vorstellen, also ich fühle mich gut aufgehoben in der Belletristik. Carola und ich übersetzen eine ganz tolle Autorin: Rebecca West. Eine Trilogie von ihr, da sind wir jetzt gerade, der erste Teil ist gerade rausgekommen und im zweiten, den wir auch schon übersetzt haben, kommt ein Gedicht vor. Das habe ich inhaltlich ins Deutsche übersetzt, bin da aber total an meine Grenzen gestoßen. Ich könnte keine Lyrik übersetzen. Da gibt es einfach noch, wie Beate schon sagt, ganz andere Gesichtspunkte, Metrum und ich weiß nicht, was alles. Das ist eine andere Art von Übersetzen. Und damit muss man sich wirklich auseinandergesetzt haben. Ansonsten stümpert man da so vor sich hin. Und deswegen haben wir dann auch entschieden, dass wir dann über den Verlag eine Lyrikübersetzerin anfragen lassen, weil man dem Text sonst nicht gerecht werden könnte. Das macht Spaß, aber ist was völlig anderes als einen Roman zu übersetzen, als etwas Lyrisches zu übersetzen. Also es wäre dann wie so eine eigene Spezialisierung nochmal, dass man sagt, ich bin Lyrikübersetzerin, und fertig. Genau wie Theater. Also das ist ja auch schon eine eigene Gattung, und ein Theatertext ist halt einfach anders als ein Roman, als Prosa und da muss man sich halt darauf einstellen. Also man muss dann halt schon sich mit der Gattung gut auskennen und wissen worauf man achten muss. Also das ist… Und Roman hat halt doch normalerweise viele Seiten und da wird halt viel erzählt und das macht es fürs Übersetzen vielleicht ein Tick leichter. Irgendwie total spannend, weil das oft ja so was ist, worüber man gar nicht so richtig nachdenkt.

Helen
Hier war die Frage, kommt es vor, dass alle drei einen Satz, eine Passage anders übersetzen würden? Und ich setze noch hinzu, gibt es dann Streit oder eine Diskussion?

Die Übersetzerinnen
Also ich würde eher fragen, ob es wirklich vorkommt, wenn wir an einer Passage sitzen würden, dass wir alle drei die gleich übersetzen würden. Das käme wahrscheinlich nicht vor. Also wenn es jetzt nicht völlig ein simpler Satz ist, glaube ich, das macht es ja auch so spannend zu dritt, da dranzusitzen, weil man dann nochmal auf andere Varianten gebracht wird, an die man selber nie gedacht hätte. Aber also ich kann mich jetzt, es ist zwar schon eine Weile her, aber ich kann mich an keinen Streit erinnern. Wie sieht es bei euch aus? Wir reden noch miteinander. Ja, wir mögen uns noch. Ich hatte früher im Übersetzerseminar so eine ganz tolle Dozentin, die immer so begeistert war von den ganzen Ideen und worauf man kommt, wenn man halt irgendwie zu acht, zu zehn, zu zwölf da sitzt und an einem Text arbeitet und alle die gleiche Passage übersetzen und dann hat sie immer gesagt, wenn ich alleine zu Hause sitze, dann habe ich wahrscheinlich drei Varianten, maximal vier. Und auf einmal, wenn ich hier sitze mit euch allen zusammen, dann habe ich dreißig. Also ich meine, es gibt wirklich unzählige Möglichkeiten, einen Text zu übersetzen. Und das ist auch natürlich schon das, was es so individuell macht. Und gleichzeitig ist es dann auch wieder halt unsere Aufgabe, das bei einer Übersetzung zu dritt wieder aus einem Guss zu machen und ja und ich glaube und so zwischen diesen Polen bewegt sich irgendwie auch das Spannungsfeld.

Helen
Ich finde es irgendwie super spannend. Ich wäre da gerne mal dabei. Ich muss so ein bisschen hier schauen, weil vieles hat sich wirklich wiederholt. Ich glaube, das Spannendste – wie läuft das genau ab – haben wir ganz gut abgeklärt, aber vielleicht, weil wir über dieses Dinge-Zerbrechen ja auch kurz gesprochen haben, das ist ja auch der Originaltitel, irgendwie »Things Don't Break on Their Own« und es war die Frage, habt ihr, also ich weiß gar nicht ganz genau, wie das abläuft, aber habt ihr an dem deutschen Titel mitarbeiten dürfen oder entscheidet das wer anders. Weil der ist ja doch anders – und passt trotzdem. Also ich weiß nicht, ob ihr diese Diskussion gesehen habt, aber es war dann, wir haben immer auch einen Post zu Cover und Titel und beides unterscheidet sich ja. Und da hatten viele, glaube ich, gesagt: Ich fand eigentlich den Originaltitel besser. Aber am Ende ergibt der deutsche Titel Sinn und passt dann auch sehr gut. Wie läuft das? Habt ihr da Mitspracherecht? Übersetzt ihr den? Entscheidet ihr das? Ihr schüttelt schon mit dem Kopf.

Die Übersetzerinnen
Nein, wir übersetzen den Titel nicht, weil der Titel Teil des Marketings ist und das liegt vollkommen in der Hand des Verlags und ich finde, das haben sie auch gut gelöst hier. Man hat so ein bisschen das Problem, dass wir im Deutschen anders als im englischsprachigen Raum einen Titelschutz haben. Das heißt, wenn es den Titel schon einmal auf dem Markt gibt, darf man ihn eigentlich nicht noch mal verwenden und das ist in England und Amerika nicht der Fall. Also da kann man den gleichen Titel irgendwie auf zehn verschiedene Romane oder Bücher verwenden Und in Deutschland ist das halt nicht erlaubt. Deshalb, das ist schon ein Grund, warum sehr häufig der deutsche Titel anders lautet als der Englische. Oder es ist halt so, dass sich die wortgetreue Übersetzung im Deutschen nicht so gut anhört.

Helen
Das kann ja auch sein. Ich finde das total spannend, weil das mit dem Titelschutz, das wusste ich überhaupt nicht. Aber es macht Sinn, weil ich jetzt schon öfter gemerkt habe, dass es also wirklich auch exakt dieser Titel im englischsprachigen Raum gibt. Und ich denke mir dann, das wäre doch super verwirrend. Aber hätte es »Dinge zerbrechen nicht einfach so« geben können? Kann man das in so eine Datenbank eingeben und schauen?

Die Übersetzerinnen
Ja, es gibt die DNB, die Deutsche Nationalbibliothek und da kann man nachschauen, ob der Titel schon vergeben ist und ob der jetzt gerade aktiv irgendwo verwendet wird. Früher gab es immer noch so ein Usus-Recht, dass, wenn ein Titel drei, vier, fünf Jahre nicht mehr auf dem Markt ist und das Buch nicht mehr verkauft wird, dann kann man bei dem Verlag, der den Titelschutz dafür hatte, anfragen und sagen, ihr braucht das doch nicht mehr irgendwie kann ich das jetzt irgendwie bitte für meinen nächsten tollen Roman verwenden. Das ist ein bisschen schwieriger geworden in Zeiten von ebooks, weil ebooks ja irgendwie sozusagen nicht mehr vom Markt verschwinden, anders als früher die gebundenen Bücher aus echtem Papier. Und ja, insofern hat sich das ein bisschen gewandelt. Also man kann immer Anfragen bei dem Verlag, der den Titel schon verwendet oder man kann noch Untertitel machen oder einen Serientitel dazu tun, dann gibt es schon sehr ähnliche Formulierungen. Aber grundsätzlich ist das halt einfach noch so. Und ich dürfte jetzt nie »Anna Karenina« veröffentlichen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das je vom Markt verschwindet. Ja, okay.

Helen
Also das ist total interessant, weil das war mir nicht so bewusst. Aber macht ihr einen Vorschlag für einen Titel, oder ist es wirklich, weil ich finde es auch total spannend, dass du sagst, dass das ins Marketing gehört. Aber damit hätte ich nicht gerechnet – ich dachte, der Titel ist Teil des Textes.

Die Übersetzerinnen
Na ja, ein Cover ist natürlich schon auch wichtig – Entschuldigung, der Titel, wie er auf dem Cover steht. Es ist einfach auch, wie die Schrift sich da platziert, irgendwie wie das mit dem Bild einhergeht, mit dem Autorenname, der in dem Fall ja ein bisschen länger ist als jetzt bei anderen Autoren. Also, das sind schon viele einfach so grafische bildliche Fragen. Und die erste Aufmerksamkeit muss ja sein, dass das Buch irgendwo in der Buchhandlung liegt und jemand, der es nicht kennt, einfach mal dahingreift, die Hand nimmt und guckt, was ist das eigentlich? Also insofern finde ich schon, dass die Titelformulierung Hand in Hand mit dem Cover geht und das ist Marketing. Ja, ich könnte mich jetzt auch nicht dran erinnern. Also es kam schon mal vor, dass man vom Lektorat irgendwie das mitgeteilt bekommen hat und gesagt wurde, was hältst du davon? Aber ich glaube nicht, dass ich jemals gefragt wurde, für einen Titel hast du ein paar Vorschläge.

Helen
Aber das war mir wirklich gar nicht bewusst. Also ich habe eher gedacht, ihr liefert quasi das komplett mit Titel. Und malt dann noch das Cover.

Die Übersetzerinnen
Nein, das machen wir nicht. – Aber irgendwie hatte ich gedacht, dass das dazugehört.

Helen
Voll spannend. Hier war auch die Frage, also ich meine, das finde ich würde auch zum Titel passen, ob ihr mit dem Titel glücklich seid, war nicht die Frage, aber wie ihr das Buch fandet, war die Frage. Wie hat es euch gefallen?

Die Übersetzerinnen
Also mir hat es sehr, sehr gut gefallen. Ich fand diesen Aufbau wahnsinnig clever gemacht mit diesem Rückwärtserzählen, dass es vom Prinzip her ein Abend ist, an dem das ganze Leben von den Protagonistinnen aufgedröselt wird. Und das fand ich wahnsinnig, wie gesagt, clever gemacht. Und ich glaube auch, dass dadurch auch dieser Sog reinkam, dass man unbedingt wissen wollte, wie funktioniert das jetzt, wie ist das jetzt. Und plötzlich hat man die Leute natürlich viel, viel besser kennengelernt. Und ja, also ich fand es oder finde es immer noch gut, weil jetzt habe ich es eben am Wochenende nochmal so ein bisschen eben durchgeblättert und dachte mir, doch ist gut, gefällt mir. Ich fand auch den Aspekt mit den Erinnerungen und dass das Gedächtnis einen halt einfach betrügt, das fand ich sehr spannend und ich fand, das hat sie auch einfach sehr gut erzählt, die Autorin. Also uns ist auch irgendwann aufgegangen, weil, wie Ute schon sagte, man manchmal auch aus einem Manuskript übersetzt, das noch gar nicht fertig ist, also auch in der Originalsprache nicht, im Englischen dann und merzt dann beim Übersetzen noch kleinere Fehler aus. Und hier ist uns irgendwann aufgefallen, dass die verschiedenen Figuren bestimmte Ereignisse halt unterschiedlich erinnern und dass das aber natürlich totale Absicht ist und dann haben wir auch irgendwie gleich zum Verlag dahingeschrieben. Hey, bloß nicht ändern, denn dass es hier Brüche in der Erinnerung gibt, ist Thema dieses Romans. Und das ist wirklich schön. Also das hat mir gut gefallen. Ja, ich habe jetzt nochmal gemerkt, ich habe es auch, wie Ute übers Wochenende jetzt nochmal durchgeblättert, weil es ja wirklich auch schon länger her ist. Und da habe ich festgestellt, dass mir jetzt – und damals auch schon – klar war, dass es ein echt cooler Text ist, wirklich ein schöner Roman. Aber jetzt am Wochenende kam mir immer mal wieder, ach, es ist schön und auch diese verschiedenen Ebenen und die Bilder, mit denen gearbeitet wird und die Figuren, die unterschiedlichen, aber auch eben so viele, mit denen man mitfiebert. Da kam mir in den Sinn, dass wir zu der Zeit, als wir es übersetzt haben, gar nicht die Zeit hatten, das so richtig zu genießen, Weil wir in relativ wenigen Wochen eine gute deutsche Entsprechung finden mussten. Und also ich werde dieses Buch jetzt auch nochmal lesen, so völlig ohne diesen Arbeitsdruck dahinter. Mir hat es jetzt eigentlich nochmal besser gefallen als damals. Und wie gesagt, schon damals war uns klar, der Text hat was.

Helen
Und lest ihr dann jetzt die deutsche Version oder die englische?

Die Übersetzerinnen
Also ich werde das Deutsche lesen. Mir sind zwar am Wochenende zwei, drei Stellen untergekommen, wo ich mir dachte, oh nein, wieso denn, das hätte man doch auch anders machen können. Aber das ist eigentlich das Schicksal dieser Arbeit, könnte man ja alles nochmal überarbeiten. Nee, das Deutsche.

Helen
Lest ihr auch so gerne in der Freizeit oder geht es ein bisschen dann verloren, wenn man auch berufstechnisch viel lesen muss? Und wie du auch sagst unter Zeitdruck dann?

Die Übersetzerinnen
Also Bücher, glaube ich, wahrscheinlich kann ich da für uns alle drei sprechen, sind ein wichtiger Teil unseres Lebens. Drum arbeiten wir ja auch in der Branche. Aber wie wahrscheinlich die meisten erwachsenen Menschen, also bei mir ist es jedenfalls so, komme ich nicht so viel zum Lesen, wie ich gerne möchte. Ich versuche da so viel Literatur wie möglich in mein Leben zu packen, aber also ich bin nicht mehr 14 und setze mich am Nachmittag mit einem Buch hin, dass ich dann bis zum Abend ausgelesen habe. Ja. Oh ja. Oder so auch bis spät in die Nacht. Ja. Das spät in der Nacht, das sind bei mir zehn Minuten, dann bin ich eingeschlafen, und ganz egal, wie gut das Buch ist. Aber ein Leben ohne Sprache und ohne Literatur, und damit meine ich jetzt nicht nur die Bücher, die man selber übersetzt, geht auch nicht. Ja.

Helen
Irgendwie finde ich das auch schön, wenn es auch nicht verloren geht da drüber, also dass man trotzdem noch Spaß dann auch da dran hat.

Die Übersetzerinnen
Also was ich für meinen Teil gemerkt habe, ist, dass da aber schon so eine déformation professionnelle stattfindet im Sinne von, dass ich ein Buch dann auf Englisch lese und mich schon auf jeder dritten Seite frage, da muss ich ja mal gucken, wie das übersetzt wurde. Das ist sehr spannend. Manchmal hat man dann auch einen anderen Blick auf die Literatur, was einerseits schade ist und andererseits auch interessant.

Helen
Und seid ihr, also das frage ich jetzt einfach aus persönlichen Interessen, seid ihr so tief drin, dass ihr das automatisch übersetzen könnt oder gibt es dann schon auch Wörter, wo ihr noch mal nachschlagen müsst oder keine Ahnung, ich weiß nicht, ist das eine naive Frage, wahrscheinlich muss man was nachschlagen, aber irgendwie stell ich mir jetzt gerade so vor, dass ihr da gar keine Probleme mit habt und einfach alles so aus dem Stegreif übersetzen könnt.

Die Übersetzerinnen
Nein, also ich weiß nicht, wie es den anderen so geht. Aber ich kann nicht alle aus dem Stegreif übersetzen. Natürlich hat man Satzmuster, wo es dann geht. Aber man denkt auch öfter mal: Da muss es doch noch eine andere Nuance geben. Ich weiß auch nicht, bei manchen Wörtern denke ich mir, ey man, das hast du jetzt schon irgendwie zum 780. Mal irgendwie angeschaut und trotzdem braucht man manchmal so ein bisschen so eine Stütze. Genau, also ich würde auch sagen: dieses Nachgucken. Ich gucke auch sehr viel nach deutschen Synonymen. Also gar nicht mal unbedingt das Englisch-Deutsche, und dieses Recherchieren im Internet ist dann so ein bisschen mein Denkprozess, weil ich dann halt einfach gucke, wie übersetze ich das am besten in diesem Kontext, weil die Sprachen sind schon unterschiedlich und Deutsch hat sehr viel mehr verschiedene Verben zum Beispiel als das Englische. Das heißt, im Englischen hat man ein sehr eingängiges einfaches Verb, dessen… Drei bis fünf bis sieben Grundbedeutungen auch jeder kennt. Aber in dem konkreten Kontext, den ich hier übersetzen will, muss ich auf ein anderes Wort kommen. Da komme ich nicht sofort drauf, sondern muss ich kurz drüber nachdenken. Während dieses Nachdenkens, gucke ich auch irgendwo nach, oder nach Synonymen, oder weiß ich nicht. Aber es ist natürlich unterschiedlich. Es gibt Texte, die sehr viel leichter sind als andere. Richtig literarische Texte im klassischen Sinne – die mache ich zwar auch, aber nicht hauptsächlich – sind dann schon komplizierter. Oder wenn man zum Beispiel einfach Romane hat, die in einer anderen Zeit spielen, wo man sehr viel recherchieren muss zu den Hintergründen, ist das natürlich was anderes, als wenn man jetzt irgendwas aus der Gegenwart hat, wo alles vertraut ist. Ja, man ist ja auch irgendwo ständig dabei, sich das Fachwissen anzulesen oder Experten zu befragen. Also ich hatte einmal einen kanadischen Roman, da ging es dann plötzlich ums Fischen, um so eine ganz spezielle Art. Und hier in München komme ich damit nicht viel in Berührung. Also Hochseefischerei wird da nicht betrieben. Da hat mir dann netterweise der Vater von einer guten Freundin, der sich da richtig gut auskennt, geholfen. Also das gibt immer wieder Dinge. Nicht nur auf Vokabelebene. Ich habe immer das Gefühl, ich schlage mehr nach, als ich übersetze.

Helen
Total spannend. Ich hatte da, ich weiß gar nicht mehr, ob das vielleicht, ich glaube, wir hatten die Fragen sogar per Mail beantwortet bekommen oder ich habe einen Text von ihr vielleicht dazu gelesen. Wir hatten tatsächlich Anna Karenina mal gelesen und haben vor allen Dingen halt dann auch Werbung, sag ich mal, für die Übersetzung von Rosemarie Tietze gemacht und dann mit ihr auch, also nicht jetzt so direkt gesprochen, so wie hier, aber ich meine, wir haben die Fragen per Email beantwortet bekommen und da hatte sie auch gesagt, das war auch noch die Schwierigkeit, dass es dann manche Tierarten, glaube ich, gar nicht mehr gab und auch so eine bestimmte Art zu jagen, macht halt niemand mehr. Also konnte sie auch niemanden mehr fragen.

Die Übersetzerinnen
Und das sind natürlich auch Dinge, also als Leserin mache ich mir darüber echt oft keine Gedanken. Ich nehme das dann glaube ich einfach so hin und deswegen finde ich es total spannend, also das sage ich so oft, aber ich finde es einfach immer so spannend, so einen Blick hinter die Kulissen nochmal zu bekommen, weil es dann doch nochmal auch wie so eine andere Welt eröffnet und ein bisschen sensibler vielleicht auch dafür macht und auch nochmal eine ganz andere Wertschätzung dafür. Dass da einfach nochmal, dass das nochmal eine ganz eigene Arbeit ist. Da hat jemand das Buch geschrieben, aber das Buch zu übersetzen ist auch noch mal etwas ganz Besonderes.

Helen
Ich finde das voll schön, dass wir das hier nochmal unterstreichen können. Ich habe vielleicht auch ein bisschen passend dazu auch noch eine Frage, die vielleicht auch nicht so beliebt ist. Ich weiß nicht, die kriegt ihr bestimmt im Moment auch häufig. Aber hier war die Frage irgendwie, sie hatte im Radio von einem Übersetzer gehört, der KI verteufelt – und hat sich gefragt, ob Übersetzer*innen das nicht auch selbst nutzen. Das ist bestimmt gerade bei euch in Fachkreisen Thema Nummer eins, könnte ich mir vorstellen. Wie steht ihr so generell dazu? Verteufelt ihr es? Seht ihr auch Vorteile? Wie ist so euer Gefühl dazu?

Die Übersetzerinnen
KI? Nee, davon haben wir noch nie gehört, oder? Ja, sehr zwiegespalten, würde ich sagen, oder? Wie seht ihr beide das? Also wir waren ja auch schon bei Veranstaltungen jetzt auch hier in München, Münchner Übersetzerforum. Da ging es dann auch um KI-Übersetzungen beziehungsweise die Gefahren für die Branche. Also ich nutze es bisher nicht. Also in dem Sinne, dass man sich zum Teil im Internet einzelne Satzteile anschaut, wenn man bei einer Vokabel überhaupt nicht weiterkommt. Also da ist ja viel jetzt mittlerweile auch einfach KI, was man dann automatisch benutzt. Also in dem Sinne schon, aber für meine Arbeit. Auf jeden Fall – bei den meisten Verlagen ist es, oder jedenfalls für die ich jetzt übersetze, ist im Vertrag noch nicht geregelt, dass wir es nicht benutzen dürfen. Ich meine, sobald das eingespeist würde, ist es frei veröffentlicht. Das heißt, noch ist einfach diese gesamte Rechtelage so unklar. Also: Ich darf es nicht benutzen. Natürlich ist was anderes, wenn man jetzt auf Übersetzungstools geht, die ja zum Teil auch schon mit KI arbeiten. Also, wenn ich da zwei Wörter reingebe, das ist damit nicht gemeint. Aber ich darf jetzt nicht einfach mal ein Kapitel da einspeisen.

Helen
Ach, okay, aber das finde ich auch noch mal ein spannender Aspekt. Also quasi – das ist ja wahrscheinlich nicht ChatGPT oder so, sondern etwas anderes. Aber wenn ihr da einen Absatz reingeben würdet, dann würdet ihr auch gegen einen Vertrag verstoßen, weil es dann in der KI steckt und…

Die Übersetzerinnen
In dem Moment, wo man das macht, kann damit auch Data-Mining betrieben werden. Also der Text wird ja dann auch ausgewertet und da weiter eingespeist. Und das dürfen wir als Übersetzerin natürlich nicht. Uns wurde ein Text zur Verfügung gestellt, aber der Text hat ja ein Copyright.

Helen
Ja klar. Okay, das macht total Sinn. Irgendwie richtig spannend. Ich glaube, wenn wir das jetzt als Livestream gemacht hätten, wären da wahrscheinlich noch 30.000 weitere Fragen gekommen. Aber auch so ein bisschen mit Blick auf die Zeit. Ich finde es zum Abschluss immer ganz schön – weil wir jetzt erfahren haben, ihr seid Leserinnen – habt ihr für uns als Buchclub Buchtipps? Gibt es irgendwas, was ihr in letzter Zeit gelesen habt und gedacht habt, wow, das ist richtig toll, das sollten viel mehr Menschen kennen. Ich habe euch leider nicht vorgewarnt. Ich habe jetzt nur gesehen, dass ihr auch »Die schönste Version« von Ruth-Maria Thomas dahabt.

Die Übersetzerinnen
Das ist das, was ich gerade lese und bin auch tief beeindruckt von dem Buch und finde diese Sprache einfach überwältigend. Also ich bin wirklich, also dass jemand so eine Sprachmagie besitzt, finde ich ganz toll.

Helen
Sprachmagie ist auch ein schönes Wort. Ja, das war sehr bewegend, wir haben auch mit der Autorin einen Livestream gehabt, der wurde dann am Ende nicht gespeichert, Aber es ist natürlich auch so ein sehr bewegendes Thema und das sind immer so Sachen, wo ich dann auch richtig auf die Buchbesprechung hinfiebere, weil es zum Teil dann auch wirklich sehr intim wird und dann wird sich irgendwie dazu ausgetauscht. Da bin ich jetzt auch schon gespannt auf »So ist das nie passiert«. Könnte ich mir vorstellen, dass wir da auch total in neue Bereiche abschweifen, vielleicht irgendwas mit Gedächtnislücken oder irgendwie verschiedenen Erinnerungen oder so. Aber ja, »Die schönste Version« ist auf eine andere Art auch krass. Was ist mit euch, Ute und Beate? Ja, ich überlege gerade. Habe ich dich jetzt unterbrochen, Ute? Alles gut.

Die Übersetzerinnen
Bei dem Buch weiß ich gar nicht, ob ich ihm noch viele Leserinnen wünschen muss – hoffentlich nicht. »Orbital« von Samantha Harvey, das letztes Jahr den Booker Prize gewonnen hat. Das ist richtig toll. Das muss man eigentlich sehr langsam lesen, weil da wahnsinnig viel drin steckt, aber es ist nicht sehr dick. Das kann man auch in relativ kurzer Zeit lesen. Das fand ich wirklich ganz, ganz toll. Das hat auch eine Magie. Die unbeschreiblich ist. Muss man gelesen haben, ein toller Text. Und jetzt im Moment lese ich gerade ein älteres Buch von Ali Smith, von der schottischen Autorin »The Accidental«. Ich glaube, auf Deutsch heißt das »Die Zufällige«. Weil ich habe jetzt schon mal geschaut, wer das übersetzt hat, weil das ist eines von diesen Büchern, ich lese das, ich finde es wahnsinnig toll, das ist auch aus ganz unterschiedlichen Perspektiven geschrieben. Und mit einem Sprachwitz und mit einer Lust an Sprache – ich sage jetzt nicht Neuschöpfungen, aber es ist ein wahnsinnig tolles Buch und ich frage mich da ständig. Wie hat das die Übersetzerin gemacht? Da muss ich mal reinschauen. Also das ist so ein Text. Mir fehlen zwar noch 20 Seiten, aber ich glaube nicht, dass es zum Ende hin schlechter wird. Also, quasi noch nicht zu Ende gelesen – aber auf jeden Fall schon mal ganz, ganz doll empfehlen.

Helen
Richtig cool, schreibt ihr dann manchmal auch den anderen Übersetzer*innen: Hey, ich habe es gelesen, fand's voll gut?

Die Übersetzerinnen
Ich lese es ja gerade auf Englisch. In dem Fall dann nicht. Ja, ich muss gestehen. Ich habe als Letztes »22 Bahnen« gelesen.

Helen
Oh, das hab ich auch immer noch bei mir stehen.

Die Übersetzerinnen
Ich habe jetzt gar nicht nachgeschaut, um keine Werbung zu machen. Aber ich meine, das hat mir wahnsinnig gut gefallen. Aber ich glaube, das ist jetzt nichts, wo die Zuhörerinnen sagen würden: Ach, davon habe ich ja noch nie gehört. Aber ich kann es gut empfehlen.

Helen
Oh ja, das nehme ich mir jetzt schon so lange vor. Vor allem weil ich sie irgendwie total cool finde. Wenn ich zu Hause bin, fange ich damit an.

Die Übersetzerinnen
Und es ist auch schön schmal. Das saugt man einmal durch. Ja, das zieht dann auch so rein, ne? Ja.

Helen
Gibt es irgendwas, was ich gar nicht aufgegriffen habe, wo ihr gedacht habt, das wäre gut gewesen, wenn wir darüber gesprochen hätten? Oder was euch wichtig wäre oder irgendwas, was ihr noch loswerden wollt?

Die Übersetzerinnen
Also generell gar nichts, was nicht zur Sprache gekommen wäre. Es freut uns, dass ihr in eurer Buch-Community ein Auge darauf habt, dass ein Buch übersetzt worden ist und wer das übersetzt hat und euch darüber Gedanken macht und das auch ein bisschen sichtbar macht. Das hat uns sehr gefreut.

Helen
Ja voll schön. Wenn wir da ein bisschen was beitragen können, freut uns das natürlich. Aber ich glaube, da muss auch irgendwie generell einfach noch ein bisschen mehr passieren. Aber für uns war es jetzt auch besonders, weil Übersetzer*innen wirklich nicht immer leicht zu finden sind. Da gibt es nicht so viele Infos meistens online. Der Verlagskontakt bemüht sich immer sehr, aber es ist natürlich trotzdem nicht so leicht. Und dass wir jetzt direkt einen Zugang zu euch hatten, das war natürlich für uns auch total besonders. Deswegen vielen, vielen Dank nochmal, dass ihr euch die Zeit genommen habt, euch in der Übersetzer-WG getroffen habt. Ich würde sagen, wir trinken Kaffee und grünen Tee, glaube ich, zu Ende und verabschieden uns an der Stelle von den Mädels. Danke auf jeden Fall für eure Zeit und für euren Einblick in die Arbeit.

Die Übersetzerinnen
Dir vielen Dank für die Einladung. Ja, danke schön. Tschüss. Tschüss.

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