Startseite › Podcast › Was macht eigentlich eine Lektorin?

Podcast · Folge 64
Was macht eigentlich eine Lektorin?
Julia Heinen hat »Marschlande« lektoriert. Ein Blick hinter die Kulissen: wie Bücher gefunden werden, wie weit man in einen fremden Text eingreifen darf – und warum eine einzige Szene neu geschrieben wurde
Stand heute
Diese Folge ist vom April 2024. Marschlande war damals ein gutes halbes Jahr alt und gibt es inzwischen auch als Taschenbuch. Das neue Buch von Jarka Kubsova, über das Julia Heinen in der Folge nur andeutet, dass sie schon mit ihr darüber spricht, ist im August 2026 bei S. FISCHER erschienen: Im Licht des neuen Tages.
Aus der Community kam der Wunsch, mal mit einer Person zu sprechen, die eines unserer Leserundenbücher lektoriert hat. Julia Heinen arbeitet als Lektorin bei S. FISCHER und hat Marschlande von Jarka Kubsova betreut – das Buch, das wir gerade gemeinsam gelesen hatten. Es ist ihre erste Podcastfolge überhaupt.
Julia Heinen
Lektorin bei S. FISCHER
Julia Heinen hat Literaturwissenschaften studiert und ein Volontariat im Lektorat gemacht. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war sie gut zwei Jahre bei S. FISCHER, in der Literaturabteilung – also bei Romanen und Erzählungen. Ein großer Teil ihrer Arbeit ist internationale Literatur. Sie hat länger in Hamburg gelebt, was, sagt sie selbst, mit Sicherheit etwas mit ihrer Liebe zu Marschlande zu tun hat.
Lektorat ist zum größten Teil nicht das, was man denkt
Die klassische Textarbeit, bei der man sich mit einem Manuskript einschließt, ist nur ein kleiner Teil des Jobs. Der Bogen geht vom Finden der Bücher über das Erscheinen bis weit danach – und ein sehr großer Teil der Arbeit ist die Akquise: Bücher überhaupt erst zu finden und sie dann auch zu bekommen, weil andere Verlage sie ja ebenfalls gut finden können.
Helen fragt, ob das so etwas wie Headhunting für gute Texte ist. Ein bisschen schon. Im internationalen Bereich arbeitet der Verlag mit Scouts, die in verschiedenen Ländern den Markt beobachten. Dazu kommen Gespräche mit Agent*innen aus der ganzen Welt, mit Übersetzer*innen, mit Autor*innen – und Buchmessen.
Es ist manchmal nicht so leicht, vom Lektorat zu erzählen. Ich finde das natürlich ganz spektakulär, was wir machen, es ist aber krass unspektakulär, weil es ja alles in irgendwelchen Word-Dokumenten stattfindet oder im Gespräch.Julia Heinen
Woran sie merkt, dass ein Text gut ist
Die Entscheidung fällt nicht allein – es gibt eine Programmleitung, einen Verleger, Kolleg*innen. Aber der erste Filter ist sie selbst, und der ist zu einem großen Teil Bauchgefühl. Zum Text kommt immer ein Pitch der Agentur; wenn der schon nicht neugierig macht, fängt es schwer an.
Dann gibt es eine Regel, die sie für sich gefunden hat: 30 Seiten lesen. Wenn danach kein Grund da ist weiterzulesen, wird es nichts. Und wenn doch etwas da ist, merkt sie das körperlich.
Es springt dann einfach so eine Art Jagdinstinkt an, und man liest immer schneller und schneller und merkt: oh, das ist wirklich richtig gut – und fragt sich dann, warum.Julia Heinen
Dazu kommen die nüchternen Fragen: Was brauchen wir gerade, was ist schon akquiriert, was passt überhaupt ins Programm? Bei den internationalen Titeln liest sie englische Texte im Original; bei Sprachen, die sie nicht kann, gibt es eine Sample Translation von 30 bis 40 Seiten und, wenn nötig, ein Gutachten von jemandem, der die Originalsprache liest.
Warum sie Bücher ohne schlechtes Gewissen abbricht
Die vielleicht praktischste Erkenntnis der Folge stammt aus Julia Heinens allererstem Seminar im Studium. Eine Professorin rechnete den Studierenden vor, wie viele Bücher ein Mensch im Leben lesen kann. Selbst bei einem Buch pro Woche ist die Zahl überschaubar – und die Zahl der Bücher, die es gibt, ist es nicht.
Die Entscheidung ist ja immer auch die Entscheidung, irgendwas anderes gerade nicht zu lesen. Also ich bin nicht bereit, mich zu langweilen, ehrlich gesagt.Julia Heinen
Helen hält dagegen, dass Abbrechen ihr immer noch schwerfällt – Unterbrechen geht, Abbrechen kaum. Julia Heinen gibt solche Bücher schnell weiter oder stellt sie in den Bücherschrank, dann sind sie weg. Und wer in der Buchbranche arbeitet, hat es dabei naturgemäß leichter als jemand, der das Hardcover selbst gekauft hat.
So wenig wie möglich
Eine Frage aus der Community war, wie stark ein Lektorat einen Roman eigentlich verändern darf. Julia Heinens Devise für die Literatur – in der Unterhaltung wird deutlich mehr eingegriffen – ist eindeutig: so wenig wie möglich. Äußere Regeln gibt es nicht; die Regeln gibt jeder Text neu vor.
Am Schluss geht sie ihr eigenes Lektorat noch einmal durch und nimmt Änderungen wieder heraus, bei denen sie merkt: Das war nur mein Geschmack. Denn die Sprache hätte unendlich viele Varianten, aber jemand hat sich entschieden – und das gilt.
Man ist als Lektorin ja keine Urheberin, sondern man hilft nur, dass der Text so gut wird, wie er werden kann. Wenn man da etwas anderes will, dann sollte man selber schreiben.Julia Heinen
Dazu gehört für sie ein Grundrespekt: Menschen setzen sich hin und schreiben einen 400-Seiten-Roman. Diese Bewunderung nicht zu verlieren und nie mit Arroganz heranzugehen, findet sie wichtig.
Lektorat ist nicht Korrektorat
Helen gesteht, dass sie die beiden lange verwechselt hat. Rechtschreibfehler lässt Julia Heinen natürlich nicht stehen, aber sie kann beides nicht gleichzeitig: Beim Lektorat arbeitet man auf einer ganz anderen Ebene, baut um – und dabei entstehen wieder neue Fehler. Am Ende lesen deshalb sehr aufmerksame Korrektor*innen, bei den meisten Büchern sogar zwei, noch einmal alles. Buchstabe für Buchstabe.
Ausbildung gibt es dafür keine im engeren Sinne: in 99 Prozent der Fälle Literaturwissenschaften plus ein Volontariat im Lektorat. Und selbst dort kann niemand eine Volontärin komplett mit in diese Arbeitsbeziehung nehmen, weil sie so eng und so privat ist. Vieles muss man für sich selbst herausfinden.
Wie viel Recherche bei »Marschlande« im Lektorat lag
Marschlande erzählt von Abelke Bleken, einer Bäuerin in den Hamburger Marschlanden um 1580, die als Hexe verurteilt wurde – und in einer zweiten Ebene von einer Frau in der Gegenwart. Man könnte annehmen, dass ein historischer Stoff besonders viel Prüfarbeit bedeutet. Tat er nicht.
Jarka Kubsova hatte so gründlich recherchiert, dass diese Arbeit im Wesentlichen erledigt war, bevor sie überhaupt losschrieb. Quellen zum Gegenchecken bekam das Lektorat nicht – das ist auch nicht die Aufgabe. Was übrig blieb, waren kleine Dinge: ob ein bestimmter Baum dort wirklich wächst zum Beispiel. Und selbst dann entgeht einem etwas.
Nach dem Erscheinen meldete sich jemand mit dem Hinweis, dass bestimmte Blumenarten, die in den Vier- und Marschlanden angebaut werden, es zu jener Zeit in Norddeutschland noch gar nicht gab. So etwas ändert man in der nächsten Auflage – und ist im Prinzip dankbar dafür.
Die Szene, die noch einmal neu geschrieben wurde
Der konkreteste Einblick der Folge betrifft das Ende des Romans. In einer früheren Fassung war die Folterszene anders erzählt, näher dran. Die Autorin selbst war damit nicht zufrieden. Die beiden trafen sich in Hamburg und überlegten lange.
Herausgekommen ist eine Perspektive, die Julia Heinen für die drastischere hält: Man geht in die Köpfe der Täter.
Das ist eigentlich noch viel unangenehmer, weil wir uns damit ja nicht identifizieren wollen. Aber vielleicht müssen wir das auch. Es geht nicht nur um das Opfer, sondern auch darum, wie so etwas passieren kann. Und es ist halt krass banal in dem Fall.Julia Heinen
Der zweite Grund war handwerklich: Detaillierte Folterszenen seien abgenudelt und würden schnell fast gewaltpornografisch – die Bilder aus historischen Unterhaltungsromanen. Genau dagegen arbeitet das Buch ja an, weil es das Narrativ von der gefährlichen, verführerischen Hexe zurechtrücken will.
Ihr Argument für das Weglassen ist eines, das man sich merken kann.
Es ist viel schlimmer zu lesen, dass sie festgebunden wird, weil sie nicht mehr stehen kann – und sich dann zu überlegen, was passieren muss, damit ein Mensch nicht mehr aufrecht stehen kann – als im Detail zu erfahren, was diesem Körper angetan wurde.Julia Heinen
Wichtig ist ihr dabei: Das war ein Gespräch, kein Streit. Das letzte Wort haben immer die Autor*innen. Hätte Jarka Kubsova gesagt, es muss so bleiben, wäre es so geblieben.
Wie viel Recherche in einem historischen Roman steckt, haben wir auch mit einer Autorin besprochen: Rebekka Frank über das Schreiben historischer Romane. Und unsere Leserunde zu Marschlande gibt es hier.
Plattdeutsch als Akzent, nicht als Kulisse
Eine weitere Frage aus der Community war, ob ein Glossar überlegt wurde. Kurz – und dann verworfen, weil das Plattdeutsche im Buch immer eingebettet ist. Was Julia Heinen stattdessen hervorhebt: das Nachwort, das die Funktion des Verstehens viel besser erfülle.
Ein Glossar, vermutet sie, trüge eher dazu bei, dass man weniger aufmerksam liest.
Und noch eine Präzisierung: Plattdeutsch ist kein Dialekt, sondern eine eigene Sprache. Jarka Kubsova spricht es nicht, deshalb wäre ein durchgehend plattdeutscher Roman albern gewesen – anders als etwa bei Dörte Hansen, die Platt spricht. Also wurde es als Akzent gesetzt: genau das, was in diesen Orten gesprochen wird, denn drei Orte weiter klingt es schon wieder anders.
Uns war beiden wichtig, dass es so durchscheint und dass man gleich das Gefühl hat, man stünde jetzt auf dem Deich und die Leute schnacken halt Platt.Julia Heinen
Sensitivity Reading, ganz unaufgeregt
Mit Sensitivity Readern im engeren Sinne hat sie noch nicht gearbeitet – von der Debatte darüber ist sie trotzdem genervt, weil sie ihrer Ansicht nach grauenvoll geführt und überpolitisiert wird. Ihre Erklärung, warum sie gerade an Marschlande zeigen kann, worum es eigentlich geht:
Sensitivity Reading bedeutet im Prinzip nur, dass wir Lektor*innen uns bewusst sind, dass wir nicht in allem Expert*innen sind, und uns manchmal jemanden dazuholen.Julia Heinen
Bei Marschlande hat Jarka Kubsova den Text jemandem aus den Marschlanden gegeben, der die plattdeutschen Stellen gegengelesen hat, weil weder sie noch das Lektorat das können. Darüber regt sich niemand auf. Sobald es aber um etwas geht, was als politischer gilt, werde daraus ein Riesending – obwohl es im Prinzip dasselbe sei.
Das hat nichts mit Zensur zu tun. Sonst wäre ja das gesamte Lektorat auch eine Zensur. Es geht ja immer darum, es besser zu machen, sonst können wir es lassen.Julia Heinen
Triggerwarnungen: keine feste Meinung, aber gute Fragen
Das Thema kommt bei uns immer wieder auf, zuletzt bei Wie rote Erde von Tara June Winch, wo der Hinweis ganz hinten im Buch stand – was Helen gut fand, weil sie chronologisch liest und sich vorne gespoilert hätte.
Julia Heinen hat dazu bewusst keine fertige Meinung. Sie versteht, dass es für manche Menschen wichtig ist, findet aber das Spoilern im Buch problematisch und könnte sich eher Webseiten vorstellen, auf denen man nachschlagen kann, welche Themen vorkommen. Bei den großen Themen, sagt sie, werde ohnehin mehr darüber nachgedacht, wie etwas beschrieben wird.
Beide sind sich einig, dass die Schwierigkeit vor allem im Definieren liegt – und dass sich das Thema gerade noch bewegt.
Wie oft liest man ein Buch, das man lektoriert?
Die Antwort ist schwerer, als man denkt, weil man selten am Stück liest. Einmal beim ersten Mal, als es von der Agentin kam – ein großes Sichverlieben, wobei das nur die ersten hundert Seiten waren. Dann immer wieder, wenn neues Material kommt. Dann der ganze Text, dann das Lektorat, dann die Fahnen. Ungefähr vier Mal.
Und das alles gleichzeitig: Zum Zeitpunkt der Aufnahme lektorierte sie ein Buch für den Herbst, überlegte für eines im Frühjahr, sprach mit Jarka Kubsova über ein Buch in weiter Zukunft – und mit Helen über eines, das im Herbst davor erschienen war.
Es ist so eine krasse Gleichzeitigkeit, und man muss ziemlich cool bleiben können. Und man darf nicht verzweifeln angesichts von 500 Seiten Text, wo man weiß: Das muss jetzt durchgeackert werden.Julia Heinen
Die Angst, dabei das Lesen zum Vergnügen zu verlieren, hatte sie am Anfang. Sie ist nicht eingetreten – dafür sei sie viel zu sehr Fan. Manchmal liest sie privat absichtlich auf Englisch, damit ein anderer Teil des Hirns arbeitet.
Wenn du dich schon mal gefragt hast, was zwischen Manuskript und fertigem Buch eigentlich passiert – hör rein.
Die ganze Folge hören
Die Bücher aus dieser Folge
Das Buch, an dem die Folge alles festmacht – und der Titel, an dem wir zuletzt über Triggerwarnungen gesprochen haben.
Marschlande
Jarka Kubsova · Fischer Taschenbuch · 320 Seiten
Abelke Bleken führt um 1580 allein einen Hof in den Hamburger Marschlanden – und wird als Hexe verurteilt. Daneben läuft eine zweite Ebene in der Gegenwart. Das Buch, das Julia Heinen lektoriert hat und das wir in der Schmökerrunde gelesen haben.
Wie rote Erde
Tara June Winch · aus dem Englischen von Juliane Lochner · Haymon · 400 Seiten
Unsere Leserunde, bei der der Hinweis auf schwierige Inhalte ganz hinten im Buch stand – und die in dieser Folge das Beispiel für die Frage nach Triggerwarnungen liefert.
Die mit »Bei Thalia ansehen« gekennzeichneten Links sind Affiliate-Links. Kaufst du darüber, bekommen wir eine kleine Provision – für dich ändert sich am Preis nichts. Verlinkt sind die aktuell lieferbaren Taschenbuchausgaben.
Häufige Fragen
Was macht eine Lektorin eigentlich den ganzen Tag?
Weit mehr als Textarbeit. Ein sehr großer Teil ist Akquise: Bücher finden, über Scouts, Agenturen, Übersetzer*innen und Buchmessen – und sie dann auch für den Verlag bekommen. Dazu kommt die Betreuung der Bücher und der Autor*innen vom Manuskript bis weit nach dem Erscheinen. Und nebenher, wie Julia Heinen sagt, 500 E-Mails und Meetings.
Was ist der Unterschied zwischen Lektorat und Korrektorat?
Das Lektorat arbeitet am Text selbst: Sound, innere Logik, Anschlüsse, Spannungsbögen. Das Korrektorat liest am Ende Buchstabe für Buchstabe auf Fehler – bei den meisten Büchern gleich zweimal von zwei Personen. Beides gleichzeitig geht nicht, weil man beim Umbauen selbst wieder Fehler erzeugt.
Wie wird man Lektor*in?
Eine feste Ausbildung gibt es nicht. In 99 Prozent der Fälle hat man Literaturwissenschaften studiert und danach ein Volontariat im Lektorat gemacht. Dort schaut man Lektor*innen über die Schulter, lektoriert denselben Text und vergleicht. Weil die Beziehung zu Autor*innen sehr eng und privat ist, kann man Volontär*innen aber nicht komplett mit hineinnehmen – vieles muss man selbst herausfinden.
Wie stark greift ein Lektorat in einen Roman ein?
In der Literatur so wenig wie möglich, sagt Julia Heinen – in der Unterhaltung deutlich mehr. Die Regeln gibt jeder Text neu vor. Sie geht ihr eigenes Lektorat am Schluss noch einmal durch und nimmt Änderungen heraus, die nur ihrem persönlichen Geschmack entsprangen. Das letzte Wort haben immer die Autor*innen.
Was ist ein Sensitivity Reader?
Jemand, der einen Text unter einem bestimmten Blickwinkel gegenliest, weil das Lektorat nicht in allem Expertise hat – und der dafür bezahlt wird. Bei Marschlande war das jemand aus den Marschlanden, der die plattdeutschen Stellen geprüft hat. Mit Zensur hat das nach Julia Heinens Ansicht nichts zu tun: Die Urheber*innen sind immer die Autor*innen.
Was ist eine Fahne?
Der gesetzte Text im Buchlayout, der vor dem Druck noch einmal gelesen wird. In Julia Heinens Rechnung liest sie ein Buch dadurch insgesamt etwa vier Mal komplett – plus alle Teilfassungen während des Schreibens.
Worum geht es in »Marschlande«?
Um Abelke Bleken, die um 1580 allein einen Hof in den Hamburger Marschlanden führte und als Hexe verurteilt wurde, und um eine zweite Erzählebene in der Gegenwart. Der Roman von Jarka Kubsova ist 2023 bei S. FISCHER erschienen und inzwischen als Taschenbuch erhältlich.
Mehr zum Verlag und zum Buch
Die ganze Folge zum Nachlesen
Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme.
Helen
Herzlich willkommen, Julia. Ich freue mich total, dass ich heute mal mit dir im Podcast sprechen kann. So ein bisschen haben wir vorab schon so über die Themen gesprochen. Ich glaube, es ist auch deine Podcast-Premiere.
Julia
Ja, es ist tatsächlich voll aufregend.
Helen
Du bist ja aus einem ganz besonderen Grund hier. Ich habe dich extra angefragt, weil du Lektorin bist und vor allen Dingen Lektorin von Marschlande, was wir gerade erst beendet haben, und weil sich die Mädels aus der Community gewünscht haben, dass wir mal mit einem Lektor oder einer Lektorin sprechen, die eben auch eines der Bücher, die wir lesen, lektoriert hat. Und da bin ich total froh, dass das geklappt hat. Deswegen vielen, vielen Dank, dass du das überhaupt machst und dass du dir heute die Zeit genommen hast.
Julia
Ja, hallo, ich freue mich total, dass ihr mich eingeladen habt und dass wir sprechen und ich habe natürlich vor allen Dingen auf Instagram beobachtet, eure Leserunde und wie ausführlich ihr Marschlande besprochen habt und das war irgendwie einfach so schön, das mitzubekommen und es ist einfach so schön zu sehen, dass das, woran man irgendwie so lange arbeitet, dass das dann auch so im Detail gelesen wird. Und deshalb finde ich es besonders cool, dass wir heute irgendwie noch mal so ein bisschen sprechen können. Und ich bin ganz gespannt.
Helen
Ja, ich finde es halt irgendwie auch etwas total besonderes, weil, das hatte ich dir ja im Vorfeld auch gesagt: Ich habe es bei der Buchbesprechung schon angekündigt, dass wir wahrscheinlich sprechen werden. Und ich hatte auch noch mal in der Story Fragen abgefragt. Bei den Fragen, die zu mir kamen, hat man, finde ich, ein bisschen gemerkt, dass nicht nur ich nicht so richtig weiß, was so die Aufgaben einer Lektorin oder eines Lektors sind. Deswegen habe ich das Gefühl, wir dürfen heute mal so ein bisschen hinter die Kulissen blicken. Ganz, ganz aufregend. Und ich glaube, gerade jetzt auch bei Marschlande ist das total spannend, weil da gab es wahrscheinlich auch super viel, was wahrscheinlich irgendwie entschieden werden musste, was beachtet werden musste, weil es eben auch ein historischer Stoff war. Deswegen, ja, ich habe ganz viele Fragen eingesammelt und bin richtig gespannt auf deine Antworten.
Julia
Ja, schieß los mit deinen Fragen. Ich hoffe, dass ich irgendwie einen guten Einblick geben kann. Es ist manchmal nicht so leicht, vom Lektorat zu erzählen, von dem, was wir machen. Also ich finde das natürlich ganz spektakulär, was wir machen, es ist aber krass unspektakulär, weil es ja alles in irgendwelchen Word-Dokumenten stattfindet oder im Gespräch. Dadurch ist es manchmal so ein bisschen schwer, davon zu erzählen, aber ich gebe mein Bestes, uns irgendwie ein bisschen lebendig zu machen.
Helen
Aber irgendwie kann ich mir das fast nicht vorstellen. Also ich lese für mein Leben gern Danksagungen. Ich war jetzt auf der Leipziger Buchmesse bei einer Veranstaltung von Mona Ameziane, und sie hatte, glaube ich, gesagt, dass sie die immer vorab liest. Das mag ich für mich gar nicht, ich lese die am Ende, weil ich dann das Gefühl habe, dann verstehe ich besser, worauf man hinauswollte. Aber ich lese die immer, ich finde, das total spannend. Und da wird ja ganz häufig dem Lektor oder der Lektorin gedankt. Und ich finde, es macht sehr den Eindruck, als wäre das super spektakulär, was ihr macht. Vielleicht fangen wir einfach mit der Frage an: Was sind deine Aufgaben, was machst du als Lektorin?
Julia
Also das ist im Prinzip ein ganz großer Bereich und das, was man immer als Lektorat bezeichnet, so klassisch ist natürlich nur ein kleiner Teil davon, also so Lektorat als die typische Textarbeit, wo man sich dann wirklich irgendwie einschließt. Tatsächlich geht es darum, dass man vom Finden der Bücher bis zum Erscheinen der Bücher und auch bis danach – ich meine, wir sprechen jetzt auch nach dem Erscheinen über Marschlande – die Bücher betreut, die Autorin betreut und einfach an diesen Büchern und mit diesen Büchern arbeitet. Aber es beginnt natürlich damit, und das ist auch einfach ein sehr, sehr großer Teil der Arbeit, erst mal die Bücher zu finden und zu akquirieren und dann auch zu bekommen. Manchmal ist es ja auch gar nicht gesagt, wenn man was Gutes findet, dass man es dann auch verlegen kann, weil es vielleicht noch andere gut finden.
Helen
Also bist du so eine Art Headhunterin für gute Texte und hältst Ausschau, was sich eignen würde? Oder macht das wieder jemand anders?
Julia
Headhunterin – vielleicht ein bisschen, wobei wir im internationalen Bereich auch mit Scouts arbeiten. Man muss dazu sagen, dass ein großer Teil meiner Arbeit internationale Literatur ist, was noch mal ein bisschen anders funktioniert als bei deutschsprachigen Autor*innen. Da gibt es Scouts, die in verschiedenen Märkten, in verschiedenen Ländern den Markt beobachten: Was gibt es gerade an Manuskripten, was sind vielleicht Trends – und die uns dann berichten und für uns die Fühler ganz offen haben, die Ohren ganz offen haben und gleichzeitig ist es aber auch so, dass ich mit wahnsinnig vielen Menschen spreche, hauptsächlich mit Agent*innen aus der ganzen Welt, natürlich auch aus Deutschland, aber auch zum Beispiel mit Übersetzer*innen, mit allen möglichen Leuten, die vielleicht wissen, was gerade irgendwo im Entstehen ist, natürlich auch mit Autor*innen oder auch mit unseren Autor*innen. Ich rede auch jetzt schon mit Jarka Kubsova über ihr neues Buch. Also das sind so verschiedene Ebenen sozusagen. Buchmessen sind wahnsinnig wichtig dafür, um zu erfahren, was es einfach so gibt gerade und was gerade sich so tut.
Helen
Voll spannend. Irgendwie stell ich es mir dann so vor, du kriegst verschiedene Vorschläge auch auf den Tisch aus verschiedensten Quellen. Und entscheidest du dann, das ist ein guter Vorschlag? Und wenn ja, wie? Also hast du da vielleicht auch so ein Bauchgefühl und sagst, ja doch, ich glaube, das könnte was werden? Man merkt, ich habe wirklich keine Ahnung, wie das geht.
Julia
Nee, aber das kann niemand so richtig beantworten. Das sind die großen Fragen: Was ist ein guter Text? Natürlich entscheide ich das nicht alleine. Ich bin ja Lektorin, es gibt im Verlag aber noch eine Programmleitung, es gibt einen Verleger, es gibt da verschiedene Menschen, andere Kolleg*innen, die mitsprechen und mit denen man sich bespricht. Aber erst mal entscheide ich natürlich beim Lesen: Ist das etwas, was ich in den Verlag hineintrage und hier vorschlagen möchte, oder nicht? Und das ist eine Mischung aus, würde ich sagen, Bauchgefühl, will ich das lesen. Man bekommt den Text immer und dazu so einen Pitch von der Agentur: Genau darum geht es, das ist der Punkt, und deshalb ist es vielleicht auch einzigartig – im besten Fall. Wenn es das nicht ist, bin ich erst mal nicht so mega neugierig. Und auch das entscheidet ja schon mit, wie man liest und wie schnell man liest. Ich habe immer so ein Ding, ich lese erst mal 30 Seiten und dann brauche ich einen Grund, warum ich weiter lese. Wenn ich nach 30 Seiten nicht denke, es macht Sinn weiterzulesen, dann werde ich es eher nicht machen. Manches legt man auch noch viel schneller weg natürlich. Und dann kommt natürlich dazu: Was brauchen wir gerade, was haben wir schon akquiriert im Verlag, was suchen wir überhaupt nicht? S. FISCHER hat eine bestimmte Art von Programm, wir machen literarische Bücher, da hat man schon mal eine bestimmte Brille, mit der man liest. Und dann natürlich: Was verkauft sich, was wollen Menschen wirklich lesen, was sind Themen, die gerade relevant sind? Das sind ganz viele Sachen und das ist jetzt nicht so, dass man da so sitzt mit so einer Checkbox und das irgendwie so abfrühstückt oder so, sondern das passiert alles auf einmal im Gehirn und manchmal. Es springt dann einfach so eine Art Jagdinstinkt an und man merkt einfach, okay, da ist jetzt was, da muss ich jetzt lesen und dann liest man immer schneller und schneller und merkt: oh, das ist wirklich richtig gut – und fragt sich dann, warum. Und dann trägt man es in den Verlag und versucht es hoffentlich zu bekommen und dann auch zu verlegen. Aber das kann man nicht – es ist nicht so rational, jedenfalls bei mir nicht.
Helen
Ja, aber ich kann das irgendwie gut nachvollziehen. Du entwickelst ja wahrscheinlich auch so ein Bauchgefühl, deinen Jagdinstinkt, und bekommst ein Gefühl dafür, was funktioniert. Liest du dann diese Manuskripte oder diese Pitches auf Englisch, wenn die international sind? Oder sind die dann schon übersetzt?
Julia
Nee, die sind noch nicht übersetzt. Also das Englische lese ich auf Englisch. Es gibt natürlich Sprachen, die ich nicht kann. Zum Beispiel habe ich neulich etwas aus dem Japanischen eingekauft. Da hatte ich eine englische Sample Translation, so heißt das, also 30, 40 Seiten, die ins Englische übersetzt sind und dann habe ich das in dem Fall noch jemandem gegeben, der Japanisch liest und mir so eine Art Gutachten darüber geschrieben hat oder unsere Scouts lesen dann, weil die in dem Fall Japanisch können. Aber englische Texte lese ich auf Englisch. Und dann sind wir ja erst diejenigen, die die Übersetzung beauftragen sozusagen.
Helen
Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass du gezwungenermaßen auch Meisterin im Bücherabbrechen wirst, weil du sagst, 30 Seiten und dann musst du überzeugt sein. Kannst du das auch privat?
Julia
Ja, total. Also das ist ganz einfach. Ich habe ja Literaturwissenschaften studiert und in meinem allerersten Seminar in der allerersten Stunde hat eine sehr tolle Professorin uns vorgerechnet, wie viele Bücher man im Leben lesen kann. Also selbst wenn man jede Woche eins liest, kann man sich ausrechnen, wie alt man wird. Und es ist ziemlich begrenzt und dann kann man sich ausrechnen, wie viele Bücher es gibt. Und dann denkt man sich, okay, ich werde nie wieder eine Minute mit einem schlechten Buch verschwenden, weil die Entscheidung ist ja immer auch die Entscheidung, irgendwas anderes gerade nicht zu lesen, wenn man sich quält und denkt, man müsste jetzt irgendwas fertiglesen. Also ich bin nicht bereit, mich zu langweilen, ehrlich gesagt.
Helen
Oh, das finde ich aber eine richtig gute Perspektive. Weil ich merke zum Beispiel, wenn ich Bücher lese, die mich nicht direkt begeistern, dass ich ganz schnell in so eine richtige Leseflaute rutsche und dann gar nichts mehr mag. Das sollte man sich ja nicht zerstören lassen. Aber ich finde es trotzdem richtig schwer. Also unterbrechen kann ich voll gut. Abbrechen finde ich immer noch schwierig.
Julia
Und du nimmst sie dann wirklich irgendwann nochmal wieder, obwohl du die nicht gut fandest?
Helen
Tendenziell, glaube ich, eigentlich nicht. Ich kann sie nur nicht richtig loslassen – aber vielleicht hilft mir der Gedanke.
Julia
Also ich gebe dann Bücher zum Beispiel, die ich mir gekauft habe und ich fange an zu lesen und merk so, okay überhaupt nicht. Ich gebe die dann auch ganz schnell weiter oder stelle sie in den Bücherschrank, dann sind sie weg und ich muss mich nicht mehr ärgern. Und dann geht es mit etwas Neuem weiter.
Helen
Aber ich meine, man muss auch dazu sagen, wenn man in der Buchbranche arbeitet, bekommt man natürlich auch eher mal Bücher geschenkt. Wenn man sich wirklich ein Hardcover gekauft hat, ist das noch mal was anderes, als wenn man in einem Umfeld ist, wo man viele Bücher zur Verfügung hat.
Julia
Das verstehe ich dann total. Das stimmt.
Helen
Da hilft mir mittlerweile ein Gedanke, den mir mein Freund ein bisschen eingetrichtert hat: Das Geld ist halt schon ausgegeben, du kriegst es sowieso nicht zurück. Du wirst ja nicht fürs Lesen bezahlt.
Julia
Ja, noch nicht.
Helen
Ich kann auf jeden Fall besser aussortieren, wenn ich noch nicht angefangen habe, und warum auch immer nicht so gut, wenn ich schon angefangen habe. Aber ich arbeite dran. Was dazu passen könnte: Kannst du dir aussuchen, mit welchen Autor*innen du zusammenarbeitest? Wahrscheinlich schon, weil du sie ja selbst aussuchst.
Julia
Im Prinzip ja sozusagen, weil man ja die Bücher selbst finden muss. Und insofern hat man sich das dann ja sozusagen meist auch ausgesucht. Natürlich gibt es auch Autor*innen, die schon lange im Verlag sind. Ich bin jetzt zum Beispiel erst seit ein bisschen über zwei Jahren bei S. FISCHER und betreue auch Autor*innen, die ich nicht selbst akquiriert habe, die aber jetzt neue Bücher schreiben. Aber das sind in dem Fall immer welche, über die ich mich wahnsinnig freue und wo ich total froh bin, dass ich jetzt mit denen arbeiten darf. Ich glaube jetzt, wenn es irgendwie irgendein massives Problem gäbe mit jemandem, dann würde man darüber sprechen und dann würde man das Buch nicht betreuen, weil das so eine persönliche Arbeit ist, das muss funktionieren. Aber ich habe ehrlich gesagt noch nie von so was gehört, dass es da einen totalen Streit gäbe oder sich jemand geweigert hätte, mit jemandem zusammenzuarbeiten oder so was. Aber ja, dadurch, dass man die Bücher selbst akquiriert, ist das ein bisschen in der eigenen Hand.
Helen
Du hattest mir ja im Vorfeld schon erzählt, dass das im Grunde eine intime Beziehung ist, weil man so nah dran ist am Text und ihn auch in so einer frühen Phase sieht. Ist das eine Ausbildung oder eine Weiterbildung oder Teil des Studiums, wo du lernst, wie du nicht nur den Text behandelst, sondern auch den Menschen dahinter?
Julia
Nein. Also ich glaube, in 99 Prozent der Fälle hat man Literaturwissenschaften studiert und dann in den allermeisten Fällen ein Volontariat im Lektorat gemacht. Und in dem Volontariat wird man mehr oder weniger intensiv von einer Lektorin an die Hand genommen und guckt ihr sozusagen über die Schulter, während sie lektoriert – was natürlich so nicht wirklich geht, man sitzt ja nicht daneben und guckt zusammen in die Datei. Aber man spricht darüber, oder man lektoriert vielleicht beide denselben Text und vergleicht und redet über die Dinge, die man ändern würde oder geändert hat oder man bekommt irgendwie mit, wenn damit Autorin gesprochen wird und erzählt und berichtet. Auch da ist es aber so, dass diese Beziehung so eng und so privat und so fein ist: Kein Lektor kann da eine Volontärin oder einen Volontär komplett mit reinnehmen. Dadurch ist es immer ein bisschen was, das man selber für sich rausfinden muss, und ich glaube, wir machen es auch alle unterschiedlich. Es ist nichts, was man wie eine richtige Ausbildung einfach so lernen kann Und natürlich gibt es trotzdem auch Handwerkszeug. Man merkt das manchmal, wenn zum Beispiel der Anfang von einem Roman da ist und ich schicke das einer Kollegin und sage, guck mal, voll aufregend, hier ist was – dann finden meistens mehrere Lektor*innen genau dieselben Stellen. Und dann merkt man: Okay, was wir hier machen, ist schon auch irgendwie objektiv. Aber es ist nichts, was man an der Uni so ganz konkret lernen würde.
Helen
Interessant. Aber das passt auch gut zu der Frage, die aus der Community kam: Wie stark kann, darf, will, muss man als Lektorin den Roman oder generell das Buch verändern?
Julia
Das ist super spannend. Ich muss dazu sagen, ich kann natürlich immer nur von mir sprechen. Und es gibt unterschiedliche Bereiche, zum Beispiel in der Unterhaltung wird viel mehr eingegriffen. Da ist es oft auch so, dass man sich viel mehr zusammen einen Plot überlegt, Themen überlegt. Das ist ganz anders, dazu kann ich aber eigentlich nichts sagen. Ich kann immer nur von der Literatur sozusagen sprechen und da ist meine ganz starke Devise immer so wenig wie möglich. Wenn ich nicht einen richtig guten Grund habe, dann veränder ich nicht. Es ist generell so, dass es keine äußeren Regeln gibt. Beim Sachbuch ist das vielleicht noch mal anders, wobei ich da auch nicht für die Kolleginnen sprechen will. Aber die Regeln, nach denen man lektoriert, gibt der Text sozusagen jedes Mal neu vor Man liest ihn, und da muss man so offen und empathisch sein, so die Ohren aufsperren, dass man selber versteht: Nach welchen Regeln funktioniert das, was ist hier der Sound, wie hört sich das an? und wenn man das verstanden hat, dann merkt man auch, wo es hakt oder wo Punkte sind, die noch nicht so ganz aufgehen oder was könnte man besser machen oder manchmal oder oft ist es auch, wo vertraut sich der Text vielleicht noch nicht selber genug oder verlässt sich nicht genug auf sich selbst und fügt vielleicht Unnötiges ein und das muss man dann rausfinden. Das heißt, man bringt nie selber den Maßstab mit. Ich gehe am Schluss immer noch mal mein Lektorat durch und nehme wieder Änderungen raus, wo ich merke: Okay, das ist nur mein persönlicher Geschmack. So Sachen, wo man denkt, das könnte man aber auch so sagen – ja, könnte man. Die Sprache hat unendlich viele Variationen, aber es hat sich halt schon jemand entschieden. Und das gilt dann erst mal. Also mein Geschmack zählt eigentlich nicht, den versuche ich ganz stark rauszunehmen.
Helen
Oh, ich glaube das finde ich voll schwer.
Julia
Ja, da muss man sich wirklich rausnehmen. Man ist als Lektorin ja keine Urheberin, sondern man hilft nur, dass der Text so gut wird, wie er werden kann. Man ist nicht die Schöpferin dieses Textes. Das ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig für das Selbstverständnis. Ich glaube, wenn man da was anderes will, dann sollte man das nicht machen. Dann sollte man selber schreiben.
Helen
Ja, ja, das ist ein guter Punkt.
Julia
Und das könnte ich zum Beispiel nicht, und das weiß ich auch. Das sollte man, glaube ich, immer als so einen Grundrespekt den Autor*innen gegenüber haben: Die machen da etwas unfassbar Krasses, die setzen sich hin und schreiben einen 400-Seiten-Roman. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man diese Bewunderung dafür nicht verliert und niemals mit irgendeiner Arroganz rangeht, sondern immer auch ein bisschen mit Demut. Also das klingt jetzt so irgendwie überdramatisch, aber ich finde das schon sehr wichtig.
Helen
Ja, verstehe ich. Ich habe mich gerade gefragt – gerade auch, weil du sagst, du bist mehr im internationalen Bereich, und korrigier mich, wenn ich da einen Denkfehler habe: Bei einem Manuskript, das in einer anderen Sprache vorliegt, gab es ja wahrscheinlich schon einen Lektor oder eine Lektorin. Und dann kaufst du das ein und beauftragst einen Übersetzer oder eine Übersetzerin – und dann arbeitest du in dem Fall wahrscheinlich mehr mit den Übersetzer*innen zusammen als mit den Autor*innen.
Julia
Auf jeden Fall. Das, was ich eben erzählt habe, war eher auf das deutschsprachige Lektorat bezogen, auf das Lektorat in der Originalsprache. Wenn man mit Übersetzer*innen arbeitet, ist das echt noch mal ganz anders. Da geht es wieder um das, was ich mit dem Ton erzählt habe, dass das stimmt. Aber es geht nicht mehr um innere Logiken oder Anschlüsse oder Spannungsbögen – all das macht man ja im Lektorat der Originalsprache, das wurde dann hoffentlich schon gemacht. Da geht es mehr darum: Ist der Ton an allen Stellen richtig? Es passieren ja immer irgendwelche kleinen Fehler, die man dann aufspürt.
Helen
Ja, ich finde das total spannend, weil es sich extrem abwechslungsreich anhört, als wäre kein Tag wie der vorige.
Julia
Ist es auch nicht. Jedes Buch ist so anders, jedes Buch hat so andere Themen. Mit Marschlande war ich monatelang in den Marschlanden der frühen Neuzeit unterwegs. Jetzt liegt bei mir gerade etwas, das zwischen Italien und Somalia spielt, und ich bin in ganz anderen Themen. Man taucht aber immer so tief ein, dass die eigene Berufswelt für eine Weile davon geprägt ist – und dann ist es wieder was Neues. Echt abwechslungsreich. Also es ist richtig schön. Natürlich schreibt man zwischendurch auch 500 E-Mails und sitzt in Meetings, so ist es auch nicht immer – aber es ist schon schön.
Helen
Richtig spannend. Ich hoffe ein bisschen, dass wir mit der Folge auch Lust auf den Job machen, weil ich finde, es klingt richtig gut und abwechslungsreich. Und vor allen Dingen verstehe ich jetzt auch langsam erst mal so ein bisschen besser, wie das aussieht, weil ich glaube, ich habe es auch lange vielleicht verwechselt mit Korrektorat. Im Studium habe ich immer gedacht, oh, ich glaube, das könnte mir gefallen. Und ich fand es auch schwer, das zu unterscheiden. Rein logisch verstehe ich natürlich, dass es einen Unterschied geben muss, und ich verstehe auch, wo der liegt – aber ich habe das, glaube ich, oft im Kopf zusammengeworfen. Aber das ist ja im Grunde gar nicht das, was du machst.
Julia
Nee, nee. Also natürlich, wenn ich einen Rechtschreibfehler sehe, lasse ich den nicht stehen – nicht so nach dem Motto, das macht jemand anders, not my problem. Den korrigiere ich dann. Aber ich kann das gar nicht gleichzeitig, auch weil man irgendwie blind wird. Gerade beim Deutschsprachigen muss man auf ganz andere Sachen achten und auf einer ganz anderen Ebene arbeiten, und man baut ja auch noch um, und dabei passieren wieder Fehler. Man gräbt da ja noch drin rum. Und dann gibt es sehr, sehr kluge, sehr, sehr ordentliche und aufmerksame Leser*innen – bei den meisten Büchern sogar noch zwei davon –, die am Ende noch mal alles lesen. Und die lesen wirklich ganz anders, Buchstabe für Buchstabe. Das ist wahnsinnig. Ich habe das natürlich auch schon gemacht, es ist unglaublich anstrengend. Ich bin da zum Beispiel gar nicht für geeignet, weil ich immer sofort in so eine andere Ebene rutsche. Aber das ist das was anderes.
Helen
Ich glaube, ich bin da genau andersrum. Mir wurden manchmal Abschlussarbeiten oder sowas vorgelegt, und es ging mehr um den Inhalt – und ich fange dann bei den Rechtschreibfehlern an. Ich find's ganz schwer, dann noch drauf zu achten, worum es eigentlich geht in einem Text. Ich bin schon so in den einzelnen Worten. Ich glaube, mir würde der Teil tatsächlich besser liegen.
Julia
Ja, dann wärst du vielleicht eine gute Korrektorin.
Helen
Vielleicht überlege ich das noch mal. Aber ich finde es auf jeden Fall richtig cool, das mal so ein bisschen mitzubekommen. Und vor allen Dingen, weil wir es jetzt ja auch an einem Beispiel irgendwie so ein bisschen festmachen mit Marschlande.
Julia
Ja, können wir das machen.
Helen
Bei Marschlande gab es ja historische Hintergründe, die da mit reingespielt haben und die man wahrscheinlich beachten muss. Vermutlich läuft das noch mal anders ab, als wenn du einen rein fiktiven Text vorliegen hast – oder inwiefern unterscheidet sich das?
Julia
Wobei ich mich gerade frage, ob es überhaupt rein fiktive Texte gibt, weil ja immer Realität in Bücher fließt und man immer Dinge überprüfen muss. Es gibt immer irgendwelche Fakten oder Hintergründe und Recherchen, die man macht, oder Sachen, die man noch mal abklopft. Aber jetzt bei Marschlande war es so, dass ich da gar nicht so viel extra Arbeit dadurch hatte, weil Jarka Kubsova einfach so unfassbar gründlich und gut recherchiert und diese Arbeit sehr, sehr stark übernommen hat. Und das hat sie eigentlich schon gemacht, bevor sie losgeschrieben hat. Das muss ja die Grundlage sein. Und dann haben wir aber natürlich nochmal über ja über verschiedene Sachen auch gesprochen, ob das plausibel ist. Wir haben auch darüber gesprochen – ich glaube, davon hat sie in eurem Instagram-Live ja auch erzählt –, was das heißt, über jemanden zu sprechen, die ermordet wurde, ein Opfer eines Femizids, den es wirklich gab, und ob man da in einer bestimmten Art und Weise drüber schreibt. Und natürlich auch: Eignet man sich da eine Geschichte an? Das sind immer Überlegungen. In dem Fall ist es, glaube ich, glasklar, dass es nicht so ist. Aber auf dieser Überlegungsebene spielt es eine Rolle. Und hier gab es auch noch Menschen, die Jarka geholfen haben, die sich einfach sehr gut auskennen.
Helen
Im Livestream hatte ich auch Fragen eingesammelt, und da war eine Frage dabei, warum am Ende nicht mehr aus Abelkes Sicht geschrieben wurde. Weil man da ja eher von außen liest und nicht mehr aus ihrer Perspektive. Und da hatte sie erzählt, dass das ursprünglich anders war und sie das auch schon fertig hatte und ihr darüber diskutiert habt. Und sie hatte auch gesagt, dass sie total dankbar ist für den Impuls – ich überlege gerade, ob ich das richtig zusammenbekomme: Es ging ihr um die Zurschaustellung dieser schlimmen Tat. Das war dann ja wahrscheinlich schon eine größere Veränderung, weil der Text schon fertig war und noch mal neu geschrieben wurde. Aber so, wie ich das verstanden habe, wäre es drin geblieben, wenn sie gesagt hätte: Nein, mir ist das so wichtig.
Julia
Auf jeden Fall, natürlich. Das letzte Wort haben immer die Autor*innen: Wenn sie gesagt hätte, das muss so sein, wäre das drin geblieben. Sie hat mir während des Schreibens auch immer schon Versionen geschickt, bevor ich dann wirklich lektoriert habe. Das habe ich erst gemacht, als alles beisammen war. Und sie hatte mir irgendwann mal eine frühere Version geschickt – es geht dabei vor allem um die Folter- und Hinrichtungsszenen, beziehungsweise vor allem um die Folterszene –, in der das noch anders erzählt war. Sie war aber selber schon nicht zufrieden, sie hat gesagt, es sei unglaublich schwer gewesen und sie habe nicht das Gefühl, dass das schon ganz stimmt. Wir haben uns dann, glaube ich, in Hamburg getroffen und lange überlegt, und die Überlegung war, dass es eigentlich viel drastischer ist, wie es jetzt ist. Jetzt gehen wir ja in die Köpfe derer, die die Täter sind, was eigentlich noch viel unangenehmer ist, weil wir uns damit ja nicht identifizieren wollen – aber vielleicht müssen wir das auch. Das ist ja eigentlich das Spannende daran: Es geht nicht nur um das Opfer, sondern auch darum, wie so etwas passieren kann. Und es ist halt krass banal in dem Fall. Das hat sie, glaube ich, auch erzählt: dass es um Karriere ging und um Angst und um Mitläufertum. Und das ist eigentlich viel unangenehmer da sozusagen diese Perspektive einzunehmen Und diese Foltersachen sind auch so abgenudelt. Das wird schnell fast ein bisschen gewaltpornografisch, finde ich. Man hat da so diese Bilder von historischen Romanen aus dem Unterhaltungsbereich: sensationslüsterne Folterszenen, schöne nackte Frauen, denen irgendwas abgesäbelt wird. Das wollten wir einfach nicht, weil es dem ganzen Buch ja darum geht, dieses Narrativ zurechtzurücken – von der gefährlichen Hexe und der verführerischen Frau. Genau darum geht es ja nicht.
Helen
Ja, ich fand das auch krass zu hören, dass es im Grunde noch viel schlimmer geplant war. Weil ich mich dann erinnert habe: Wir haben so eine Chatgruppe für die Schmökerrunde, und da hatte jemand geschrieben, nur damit ihr vorbereitet seid, das Ende wird ganz schön heftig. Wir hatten im Dezember einen Weihnachtskrimi gelesen – ich hatte früher so eine Thriller-Phase, ich fand den wirklich nicht so schlimm, aber manche hatten schon gesagt, das kann ich nicht lesen. Und dann hieß es in der Chatgruppe: An diejenigen, die den Weihnachtskrimi schon schlimm fanden – lest das vielleicht nicht abends. Und dann im Livestream von Jarka zu hören, dass es vorher sogar noch drastischer war, noch näher dran.
Julia
Ja, aber das ist auch die Frage. Das war furchtbar, und es gibt ja auch diese Gerichtsprotokolle – wenn man das lesen will, kann man das lesen. Was da passiert ist, ist nicht geheim, das hat Jarka sich nicht ausgedacht. Aber eine Sache, die ich fand – das klingt jetzt wie ein Argument, als hätten wir gestritten, wir haben darüber einfach nur geredet –: Es ist viel drastischer, wenn man das nicht weiß. Man hat es jetzt so, dass sie auf diesem Wagen hingekarrt wird und nicht mehr stehen kann, und dass sie festgebunden wird, weil sie nicht mehr stehen kann. Und das ist viel schlimmer zu lesen und sich dann zu überlegen: Okay, was muss passieren, damit ein Mensch nicht mehr aufrecht stehen kann? – als im Detail zu erfahren, was diesem Körper angetan wurde. Also ich glaube, dass es oft drastischer so rum ist.
Helen
Ja, das stimmt wahrscheinlich.
Julia
Es war aber auch sehr erschreckend, natürlich.
Helen
Du hast auch gesagt, Jarka hatte selber viel recherchiert. Das hat sie auch im Instagram-Livestream erzählt.
Julia
Ja, unglaublich viel.
Helen
Und auch, dass sie das im Vorfeld gemacht hat, bevor sie angefangen hat zu schreiben. Und jetzt habe ich mich gefragt: War das in dem Fall so, dass du einen Text bekommen hast und dann noch eine Datei mit Quellen?
Julia
Nee, so war das nicht. Ganz am Anfang, als das Buch zu uns gekommen ist, hatte sie uns noch so eine kleine Hintergrundinfo über Abelke und ihr Schicksal gemacht. Aber ich muss da ja keine Quellen abchecken. Ich weiß einfach, dass Jarka unglaublich gut recherchiert, und ich könnte auch gar nicht hingehen und das alles noch mal gegenprüfen. Nee, ich hab da keine Quellen bekommen. Das ist dann auch nicht die Aufgabe.
Helen
Ja, okay. Weil du eben meintest, dass du gewisse Dinge überprüfst.
Julia
Ach so, ja, so kleine Sachen – das ist aber gar nicht so das Historische, sondern zum Beispiel: Kann der und der Baum da wirklich wachsen, ist das realistisch? Also kleinere Sachen, die man noch mal googelt, oder wie sieht das da wirklich aus. So diese Dinge.
Helen
Ja, aber da muss man ja auch schon total viel auf dem Schirm haben, was überhaupt etwas sein könnte, das man überprüfen muss, oder?
Julia
Ja, klar. Es ist in dem Fall zum Beispiel so, dass sich jemand gemeldet und gesagt hat: Sie haben ja so wahnsinnig viele Blumen angebaut in den Vier- und Marschlanden – aber bestimmte Blumenarten gab es zu der Zeit in Norddeutschland wohl noch nicht. Da gibt es immer Dinge, gerade bei so was, die jemandem auffallen, die mir nicht aufgefallen sind. Das ist dann schade, aber es passiert – und man ändert es in der nächsten Auflage.
Helen
Bekommst du dann eigentlich E-Mails von Leser*innen, so von wegen: Ich habe gemerkt, das kann gar nicht sein?
Julia
Ja, ja, so was gibt es auf jeden Fall. Es gibt immer welche, die ganz gründlich lesen und im Prinzip ist man dann da auch total dankbar, weil das ist ja immer die Möglichkeit, das nochmal besser, nochmal zu verbessern. Manches ist natürlich aber auch Quatsch. Also es ist unterschiedlich.
Helen
Ja, klar, wie immer wahrscheinlich. Lektorierst du eigentlich nur Romane? Jarka hat zum Beispiel auch Sachbücher geschrieben – lektorierst du auch Sachbücher, oder legt man sich da fest?
Julia
Bei uns sind das wirklich getrennte Abteilungen, und ich bin in der Literaturabteilung, also hauptsächlich Romane und Erzählungen, eben das Erzählerische. Und es ist schon auch so, dass es einfach nochmal ein anderes Handwerkszeug ist und man jetzt als Sachbuchlektorin nochmal andere Dinge auch können und wissen muss, zum Beispiel, wie macht man ein Index hinten oder also diese ganzen Dinge, die ich gar nicht kann, die ich auch nicht gelernt habe und umgekehrt natürlich auch nochmal irgendwie anderes. Es ist ja auch ein anderer Markt und es sind andere Kontakte, die man braucht und es ist schon ein bisschen anders. Es gibt aber auch Verlage – ich habe früher in einem kleinen Verlag gearbeitet –, da habe ich im Prinzip auch ein bisschen Sachbuch gemacht, weil es gar niemand anderes gab.
Helen
Aber das ist dann im Grunde wie eine Nische, die man sich als Lektorin sucht – dass du sagst, du hast dich eher auf Romane festgelegt.
Julia
Ja. Ich habe aber eben auch mein Volontariat schon so gemacht und das schon von Anfang an so gelernt.
Helen
Du hattest gerade vom Index gesprochen, da fällt mir ein: Es gab auch die Frage, ob es die Überlegung gab, ein Glossar anzulegen. Gab es diese Überlegung?
Julia
Wir hatten kurz überlegt. Hättet ihr euch denn ein Glossar gewünscht?
Helen
Ja, gute Frage. Das hätte ich vielleicht auch nochmal abfragen sollen. Mir hat jetzt keins gefehlt, aber wahrscheinlich hat es irgendwie mal gefehlt.
Julia
Mir hat es auch gar nicht gefehlt und ich wüsste jetzt auch gar nicht so genau, was man da reinnehmen würde.
Helen
Ja, wie du gerade überlegst.
Julia
Ich glaube, wir haben das nicht lange überlegt.
Helen
Vielleicht gibt es ja die Sache mit dem Plattdeutschen.
Julia
Ja, genau, daran habe ich auch gerade gedacht. Aber das ist ja immer so eingebettet, es ist ja so ein Sprachenmix. Ich hatte nie das Gefühl, dass ein Glossar da noch etwas beitragen müsste. Was ich unglaublich mag, ist das Nachwort, in dem sie noch mal erklärt. Ich glaube, dass das die Funktion, noch mehr zu verstehen, viel besser erfüllt als ein Glossar.
Helen
Ja, da würde ich mir jetzt wünschen, dass man das auswerten kann – das ginge wahrscheinlich nur bei E-Readern: ob Menschen ein Buch beenden, bevor sie Danksagungen und Co. gelesen haben. Es wäre ja extrem schade, wenn man sich denkt, ach, ein Nachwort. Ganz viele haben auch gesagt, dass sie besonders das Nachwort mochten.
Julia
Ja, ich höre das auch viel. Ich habe das Gefühl, dass es in dem Fall die meisten lesen – vielleicht auch, weil: Als ich das das erste Mal komplett gelesen habe, war ich ganz schön fertig, als es vorbei war. Und man hat dann ja so einen Bedürfnis, das noch ein bisschen mehr zu verstehen. Und wenn man dann sieht, da ist noch was – ich kann mir nicht vorstellen, dass man es nicht liest. Klar, wenn das eine total trockene literaturwissenschaftliche Einordnung ist, dann denkt man sich vielleicht: oh Gott. Aber das merkt man ja auch in den ersten Sätzen. Ich könnte mir eher vorstellen, dass ein Glossar dazu beiträgt, dass man nicht mehr so aufmerksam liest.
Helen
Vielleicht wirklich, ja. Es wäre natürlich die Idee gewesen, vorher abzufragen, wie viele sich eines gewünscht hätten – das habe ich versäumt. Aber weil wir jetzt über den Dialekt gesprochen haben: Das war ja, glaube ich, schon ein bisschen speziell, den so wiederzufinden und ihn so einzubauen, dass es verständlich ist. Wie habt ihr das gemacht?
Julia
Also man muss dazu sagen, das ist ja gar kein Dialekt, sondern das ist … also, Plattdeutsch ist eine eigene Sprache, ne? Das ist wirklich viel mehr als ein Dialekt. Und das wird ja noch gesprochen. Ich habe zum Beispiel eine Freundin, die nicht weit von der Gegend aufgewachsen ist, in der das spielt, und deren Großeltern noch so sprechen. Ich habe auch länger in Hamburg gelebt – weshalb ich vielleicht von Anfang an so eine extreme Liebe zu diesem Buch hatte, mit Sicherheit deswegen. Und auch in Hamburg gibt es ja noch Menschen, die Platt sprechen, das ist ja schon noch sehr lebendig und es gibt auch Stiftungen, die sich darum kümmern, und eine Bibliothek, und auch Dichter*innen, die nur auf Plattdeutsch schreiben. Wir haben das hier aber nicht volle Kanne reingenommen, zum einen, weil Jarka Kubsova gesagt hat, sie spricht ja kein Plattdeutsch – es wäre ja auch albern, dann einen plattdeutschen Roman zu schreiben. Es gibt ja zum Beispiel Dörte Hansen, Altes Land, ich weiß nicht, es haben bestimmt viele gelesen, Dörte Hansen spricht Plattdeutsch. Ich glaube, sie ist auch Sprachwissenschaftlerin – ich bin mir gerade nicht ganz sicher –, aber auf jeden Fall ist das noch mal anders. Hier haben wir das genommen, um sozusagen diese Landschaft und die Gesellschaft und diese Wirklichkeit nochmal lebendiger zu machen und haben das wie so Akzente gesetzt. Und es ist tatsächlich alles das Richtige und auch das, was genau in diesen Orten gesprochen wird – drei Orte weiter ist es schon wieder anders. Das ist total krass. Ich finde das so schön, und wenn man da ist und mit Leuten redet, ist das einfach etwas extrem Besonderes. Deshalb war uns das, glaube ich, beiden wichtig, dass es so durchscheint und dass man gleich das Gefühl hat, man stünde jetzt auf dem Deich und die Leute schnacken halt Platt.
Helen
Aber ich finde das irgendwie total cool, weil ich erst in solchen Momenten dann wieder merke, ich befinde mich vielleicht woanders. Das spielt ja nicht hier bei mir in Bonn. In solchen Momenten, wenn ich ein Wort lese, das sich nicht direkt vertraut anfühlt, merke ich erst: Das ist woanders. Und das ist auch noch mal eine andere Sinnesebene. Und auch total schöne Details, ehrlich gesagt.
Julia
Ja, es sind zum Teil auch so schöne Worte. Und Plattdeutsch ist ja auch sehr bedroht. Es gibt zum Beispiel vom NDR so etwas wie einen Podcast, ich glaube, es läuft auch im Radio, wo die Nachrichten auf Plattdeutsch vorgelesen werden. Ich glaube, das ist auch sehr für alte Menschen, die vielleicht wirklich nur so sprechen. Und ich weiß noch, als ich da gewohnt habe, dass ich das mal gehört habe, weil ich das einfach so wunderschön finde. Also es ist wirklich ganz besonders.
Helen
Ja, ich hab gerade das Gefühl, du könntest die Botschafterin für diese Sprache werden, du bist so richtig begeistert.
Julia
Nee, das sollte vielleicht jemand machen, der das auch spricht und der da auch herkommt.
Helen
Aber du machst Lust drauf.
Julia
Ja, ich find das schon sehr besonders.
Helen
Wir sprechen doch viel länger, als ich vorher gedacht habe, aber ich find das einfach so spannend. Ich mein, wenn wir dich jetzt schon mal hier haben.
Julia
Ja, gerne, sehr gerne.
Helen
Aber es gab eine Sache, wo du gesagt hast, da kannst du in Bezug auf Marschlande was erzählen. Das Thema kam bei Mädels, die lesen. auch schon mal in anderen Kontexten auf: Sensitivity Reader. Die Frage war im Grunde, ob das generell bei euch im Verlag Thema ist – und ob man sich als Lektor*in dazu weiterbilden kann, wie man das überhaupt wird.
Julia
Ich weiß nicht so viel, und ich habe im engeren Sinne noch gar nicht mit Sensitivity Readern gearbeitet. Ich finde aber, dass das im Grunde eine total spannende Debatte ist und ich finde vor allen Dingen, dass das so eine Debatte ist, die so ganz, ganz grauenvoll geführt wird und so total übertrieben und überpolitisiert wird. Und deshalb habe ich gesagt, ich kann dazu etwas über Marschlande erzählen. Denn Sensitivity Reading bedeutet im Prinzip nur, dass wir Lektor*innen uns bewusst sind, dass wir nicht in allem Expert*innen sind, und uns manchmal jemanden dazuholen. Und natürlich auch nur dann, wenn die Autorin einverstanden ist und vielleicht selber sagt: Da bin ich mir nicht so ganz sicher, vielleicht wäre es cool, wenn da noch mal jemand guckt. Und das ist im Prinzip nichts anderes, als dass Jarka Kubsova den Text noch mal jemandem aus den Marschlanden gegeben hat, die sich die plattdeutschen Stellen angeguckt hat, weil weder sie noch ich das können. Die hat noch mal geguckt, dass alles stimmt, weil es irgendwie einfach natürlich unendlich doof wäre, wenn das jemand gerade aus der Gegend liest und sich da irgendwie stört. In so einem Fall würde sich, glaube ich, niemand drüber aufregen. Sobald es aber um irgendwas geht, was ein bisschen politischer ist oder so gedeutet wird, weil es um die Darstellung von Schwarzen Menschen oder irgendetwas anderem geht, wird daraus ein Riesending gemacht. Im Prinzip ist es aber genau dasselbe. Und ich fände es schön, wenn man da nicht gleich mit so einem Cancel-Culture-Kampf um die Ecke käme, sondern einfach sagen würde, okay, manchmal braucht man halt nochmal einen Rat oder nochmal jemand, der liest, der dann bitte auch dafür natürlich bezahlt wird. Aber das hat nichts mit Zensur zu tun. Sonst wäre ja das gesamte Lektorat auch eine Zensur, wenn man so absurd denken würde. Es geht ja immer darum, es besser zu machen, sonst können wir es ja lassen. Also ich bin da so ein bisschen genervt von dieser Debatte ehrlich gesagt.
Helen
Hör ich so raus – und merke dabei, dass ich anscheinend nicht so viel mitbekomme. Manchmal schon, aber ich bin nicht so tief drin. Ich merke, dass das wahrscheinlich ein Thema ist, das bei dir mehr aufschlägt.
Julia
Ja, es ist so ein großes Ding, dass manche sagen, das grenze an Zensur und man dürfe ja nichts mehr sagen. Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Fall gibt, in dem irgendjemand jetzt an irgendeinem Verlag irgendwas nicht mehr sagen durfte, Das habe ich ja auch schon gesagt: Die Urheber*innen sind immer die Autor*innen. Die entscheiden immer, wie es dastehen soll und da wird sich nie irgendjemand darüber hinwegsetzen.
Helen
Ja, wirklich spannend. Wenn wir schon bei den polarisierenden Sachen sind – ein Punkt, über den wir auch schon mal gesprochen haben und der immer wieder aufkommt: Zuletzt haben wir Wie rote Erde von Tara June Winch gelesen, und da stand, wenn ich mich richtig erinnere, hinten, dass es eine Triggerwarnung gibt und dass man die auf Seite sowieso findet. Und die war vor allem ganz hinten, weil – ich lese ja total chronologisch, ich werde direkt gespoilert, wenn das ganz vorne stünde. Und dann konnte man selber entscheiden, weil es da eben um den Umgang mit den Aborigines ging. Aber generell kommt das Thema Triggerwarnung immer wieder auf, und das wird wahrscheinlich auch bei euch diskutiert. Hast du da eine Meinung zu? Ich mein, hier könnte man ja überlegen, ob man die Szene am Ende vorher ankündigt. Aber ich finde, es hat immer auch die Gefahr, dass man spoilert.
Julia
Und da muss ich dann jetzt auch ganz ehrlich sagen, also wenn man jetzt irgendwie einmal in seinem Leben in ein Geschichtsbuch geguckt hat, dann weiß man ja, wie diese Geschichte endet. In dem Fall würde ich sagen: Man weiß wahrscheinlich, worauf man sich einlässt, und muss vielleicht ein bisschen damit rechnen. Aber ich habe keine so richtige Meinung zu Triggerwarnung. Ich habe es, glaube ich, noch nicht gemacht. Ich habe darüber natürlich schon irgendwie nachgedacht. Vielleicht ist es eher etwas, was im Jugendbuch mehr vorkommt, ich weiß nicht. Ich hab das Gefühl, es ist gerade noch so auf der Kippe, ob das jetzt üblich wird oder nicht. Ich verstehe total, dass es für manche Menschen irgendwie ganz wichtig ist. Ich finde es aber auch echt nicht so gut, wenn man dann im Buch gespoilert wird. Vielleicht wäre es cooler, wenn es zum Beispiel Webseiten gäbe, auf denen man nachgucken kann, ob bestimmte Themen in dem Buch vorkommen – irgendeine andere Lösung, als es im Buch zu machen. Ich bin da nicht so ganz Fan davon, glaube ich. Aber ich bin da auch nicht die Betroffene.
Helen
Ja, ich glaube, das Schwierigste ist vor allem, das zu definieren.
Julia
Genau, es gibt ja auch so viel.
Helen
Weil das wäre halt auch echt eine Schwierigkeit zu entscheiden, wo macht man das. Aber ich meine, dass ich gehört hätte, es gäbe so Websites. Also vielleicht wäre das einfach nochmal was, was man mal googeln kann. So was fände ich praktisch, aber das ist vielleicht auch Faulheit, dass ich das damit auslagere. Ich kann mir jetzt nicht so richtig vorstellen, dass man vorne reinschreibt, auf Seite sowieso passiert das und das. Also das könnte man machen, aber es gibt dann sicherlich noch viele andere Themen, an denen jemand getriggert wird.
Julia
Es gibt natürlich die großen Themen, wo man mehr drüber nachdenkt, weil man auch denkt: Okay, was löst man aus? Das ist noch mal was anderes, und da gibt es, finde ich, schon auch Überlegungen, wie so etwas beschrieben wird. Aber einfach finde ich es nicht.
Helen
Nee, stell ich mir auch echt nicht einfach vor.
Julia
Es ist ein schwieriges Thema. Wahrscheinlich etwas, wozu ich in den nächsten Jahren noch eine Haltung entwickeln werde.
Helen
Ich habe auch das Gefühl, dass sich das noch bewegt. Es war eine Zeit lang etwas, das man mehr debattiert hat, jetzt habe ich länger nicht mehr so viel dazu gehört, ehrlich gesagt. Ich bin gespannt, ob das in zehn Jahren ganz selbstverständlich ist oder gar nicht mehr.
Julia
Ja. Aber wird die Zeit zeigen.
Helen
Ich finde es total spannend. Und danke dir, dass du da so offen darüber sprichst, weil es ja ein Thema ist, wo es viele verschiedene Meinungen gibt und manche auch sehr laut mit ihrer Meinung sind. Ich gucke noch mal zur Sicherheit, aber ich glaube, wir haben alle Punkte. Mir ist nur zwischendurch eine Sache durch den Kopf gegangen, ehrlich gesagt sogar zwei: Wie oft hast du Marschlande zum Beispiel gelesen, wie oft liest du so einen Text in dem Prozess?
Julia
Das ist eine krass gute Frage, und sie ist sehr schwer zu beantworten.
Helen
Weil du ja so Teile dann immer liest.
Julia
Genau. Einmal gelesen, als ich es von der Agentin geschickt bekommen habe – und das werde ich auch nie vergessen, das war ein großes Sichverlieben, wobei das tatsächlich nur die ersten 100 Seiten waren. Und dann natürlich immer wieder, wenn ein neues Material gekommen ist oder wenn Jarka noch mal eine Frage hatte oder wir uns besprochen haben und dann natürlich noch mal den ganzen Text, und dann lektoriert man den ganzen Text, dann kommt die Fahne – wahrscheinlich so vier Mal, aber dann auch nicht ganz. Also ist es ein bisschen schwer zu sagen.
Helen
Ja, weil es wahrscheinlich selten wirklich am Stück ist. Zwischendurch hört sich das ja fast romantisch an, du begleitest diesen Text über so lange Zeit – aber wahrscheinlich hast du einfach mehrere Projekte in verschiedenen Stadien auf dem Tisch.
Julia
Ich kann mal ein Beispiel sagen: Jetzt gerade lektoriere ich ein Buch, das im Herbst erscheint. Da bin ich gerade so ganz intensiv drin. Ich fange an zu überlegen für ein Buch, das im Frühjahr erscheint. Ich rede mit Jarka zum Beispiel über ihr Buch, was in weiter Zukunft erscheinen wird. Ich rede jetzt mit dir über ein Buch, was schon letzten Herbst erschienen ist. Das passiert halt alles gleichzeitig. Das klingt wie ein Prozess, der so abläuft und bei dem man die einzelnen Stationen macht – im Prinzip ist es das auch, aber es passiert immer parallel, und ich habe ja auch nicht nur ein Buch pro Programm. Man muss sich schon sehr, sehr gut eine Übersicht machen, wann was dran ist. Manchmal hat man auch das Gefühl, es ist hoffnungslos. Man rennt einfach nur gegen Windmühlen. Nein, ganz so schlimm ist es nicht, aber es ist so eine krasse Gleichzeitigkeit und man muss ziemlich cool bleiben können, glaube ich. Und man darf nicht verzweifeln angesichts von 500 Seiten Text, wo man weiß: Das muss jetzt durchgeackert werden.
Helen
Die lese ich jetzt viermal.
Julia
Genau, viel Spaß und parallel dazu habe ich noch fünf andere.
Helen
Okay, doch noch eine Frage: Du liest in deiner Freizeit trotzdem noch gerne? Also es ist nicht so, dass du denkst, ich habe jetzt diesen 500-Seiten-Text gelesen und jetzt reicht es.
Julia
Ich lese wahnsinnig gerne. Also so traurig, dass man nichts anderes hat im Leben, ist es natürlich nicht. Und manchmal muss ich auch eine dumme Serie gucken oder einfach mal nicht. Aber insgesamt lese ich wahnsinnig gerne, ich gehe unendlich gerne in Buchhandlungen. Ich hab wahrscheinlich wenige Tage im Jahr, die ich nicht mit Büchern verbringe. Also, ja, das muss sein. Ich hatte am Anfang Sorge, dass ich das verliere, dass ich nicht mehr zum Spaß lesen kann oder immer nur noch innerlich mitlektoriere. Aber dafür bin ich, glaube ich, viel zu sehr Fan und viel zu begeistert – das geht total gut. Manchmal lese ich dann vielleicht absichtlich auf Englisch damit es so ein anderer Teil vom Hirn ist oder so, aber nee, lesen ist halt das Beste.
Helen
Was für ein Schlusswort. Ich glaube, besser wird es nicht. Das fand ich jetzt einfach noch mal spannend zu hören, weil ich manchmal merke, dass es mich unter Druck setzt, dass ich das Gefühl habe, ich muss Dinge lesen. Und dann muss ich mich noch mal zentrieren und denken: Worauf habe ich jetzt Lust, welches Buch würde mich jetzt begeistern? Und warum mache ich das eigentlich? Ja, nicht für andere.
Julia
Ja, in dem Fall, wenn man jetzt privat liest.
Helen
Ja, aber ich glaube, ich muss mir vor allem öfter vorsagen, dass ich nur so und so viele Bücher lesen kann.
Julia
Ja, rechne es mal aus. Ganz morbide, aber ich finde es sehr heilsam, sich das mal auszurechnen – und dann denkt man: Ach so. Nee, okay, dann lege ich das jetzt beiseite.
Helen
Ich weiß gar nicht, ob ich all die ungelesenen Bücher bei mir überhaupt noch in diesem Leben lesen kann. Ja, darüber darf man nicht nachdenken.
Julia
Nee. Immer einfach aus dem Bauch heraus das Nächste auswählen, worauf man gerade neugierig ist.
Helen
Ja, voll. Ich fand das so cool, danke. Das hat total Spaß gemacht.
Julia
Ja, es hat wirklich viel Spaß gemacht.
Helen
Ich mein, das ist mal so ein Einblick, den hat man so selten. Deswegen echt, tausend Dank, dass du dir die Zeit genommen hast.
Julia
Supergerne. Ich freue mich, dass ihr euch dafür interessiert. Und ja, es hat sehr Spaß gemacht.
Helen
Dann sage ich danke dir.




