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Podcast · Folge 71
Wenn die Recherche die Geschichte umschreibt
Rebekka Frank über ein Schiffswrack, einen Beginenkonvent und zwei Fläschchen Frauengold – und darüber, wie man vom Schreiben lebt
Stand heute
Diese Folge ist vom Juni 2024, kurz nach dem Erscheinen von »Das Echo der Gezeiten«. Seitdem sind weitere Titel dazugekommen – ein Überblick steht auf ihrer eigenen Website. Alles, was im Gespräch über Termine und laufende Projekte gesagt wird, ist der Stand von damals.
Diesmal sitzen wir in einem Strandkorb an der Nordsee und stoßen mit zwei Fläschchen Frauengold an – einem Mittel, das in den 60er Jahren als Wundermittel für Frauen verkauft wurde und, wie man heute weiß, größtenteils aus Alkohol bestand. Es ist ein Detail aus Rebekka Franks Roman, und es steht ziemlich genau für das, worum es in dieser Folge geht: wie aus Recherche eine Geschichte wird.
Rebekka Frank
Autorin · schreibt auch als Rebekka Eder und Rebekka Knoll
Rebekka Frank veröffentlicht seit 2013. Nach ersten Romanen kam eine Zeit, in der sie Vollzeit arbeitete und kaum zum Schreiben kam; 2020 hat sie sich mit dem Schreiben selbstständig gemacht. Historische Stoffe erscheinen unter dem Pseudonym Rebekka Eder, darunter die dreibändige Stollwerck-Saga; als Rebekka Knoll hat sie zusammen mit einer befreundeten Psychologin ein Sachbuch über Freundschaft geschrieben. Sie taucht, plottet mit Scrivener und gibt Schreibwerkstätten.
Am Anfang stand ein Wrack, nicht das Frauengold
Die Idee zu »Das Echo der Gezeiten« begann mit einem Schiffswrack – und mit der Frage, wie man davon aus zwei Zeiten gleichzeitig erzählt: einmal, als das Schiff noch fährt und man damit überall hinreisen kann, und einmal, als es längst am Meeresboden liegt. Dort sollten sich zwei Geschichten treffen, die durch Jahrhunderte getrennt und durch das Meer verbunden sind.
Das Frauengold kam erst bei der Recherche dazu. Genau wie die Beginen – und die haben die Geschichte dann von innen verändert.
Beginen: eine frühe Frauen-WG
In der älteren Zeitebene, im Jahr 1633, flieht die Heldin mit ihrer Mutter auf eine Nordseeinsel und findet Unterschlupf bei einem Beginenkonvent. Rebekka Frank hatte vorher noch nie von Beginen gehört – gefunden hat sie sie beim Springen von einem Wikipedia-Artikel zum nächsten, oder im Gespräch mit ihrer Agentin; sie weiß es selbst nicht mehr genau.
Was sie fand: eine Glaubensgemeinschaft von Frauen mit ihrer Blütezeit im Mittelalter, die anders als Nonnen nicht an die Kirche gebunden war – und damit auch nicht an Männer, die Entscheidungen für sie trafen. Sie lebten eigenständig zusammen und entschieden selbst, wie sie ihr Geld verdienten. Aus heutiger Sicht, sagt sie, klingt das fast feministisch.
Und sie wurden angefeindet: von Handwerkern, die Konkurrenz fürchteten, aus ihren Jobs gedrängt, und die Vorwürfe in Richtung Hexerei wurden lauter. Genau daraus wurde ein Strang des Romans – die Beginen stehen im Verdacht, schuld daran zu sein, dass Kinder auf der Insel verschwinden.
Ohne die Recherche, sagt sie, hätte es das Buch so gar nicht gegeben.
»Für all die Frauen, an die sich niemand erinnert«
So lautet die Widmung des Buches – und sie beschreibt den Kern beider Zeitebenen. Auch in der neueren geht es um eine junge Taucherin, die ein Wrack findet, Archäologie studiert und deren wissenschaftliche Erfolge immer wieder infrage gestellt und unter den Teppich gekehrt werden.
Bei der Recherche stieß Rebekka Frank auf viele solcher Geschichten. Dafür gibt es einen Namen: den Matilda-Effekt – dass Errungenschaften von Frauen am Ende oft den Männern zugeschrieben werden, mit denen sie zusammengearbeitet haben.
Helen ist das Thema kurz zuvor schon einmal begegnet: bei der Leserunde zu »Marschlande« von Jarka Kubsová.
Erst grob plotten, dann sehr genau
Vor dem Schreiben hat sie die beiden Geschichten und das Finale, in dem sie zusammenfinden, grob entworfen – für Leute, die gar nicht plotten, sagt sie, immer noch sehr detailliert, für sie selbst eher grob. Die erste Hälfte entstand dann ohne Kapitelplan.
Irgendwann kam der Hinweis ihrer Lektorin, dass jetzt ein Kapitelplan gut wäre, sonst ufere das Ganze aus. Es war, sagt sie, genau der richtige Zeitpunkt: Die zweite Hälfte hat sie sehr detailliert durchgeplottet, damit das Ende in einem gemeinsamen Höhepunkt funktioniert.
Notizen sammelt sie komplett digital, im Recherchebereich von Scrivener – irgendwann so viel, dass eine externe Festplatte nötig wird. Pinnwände hätte sie gern, hat sie aber nicht.
Vom Schreiben leben: die Rechnung dahinter
2013 erschien ihr erster Roman. Dann kam eine Phase mit Vollzeitjob und kaum Schreibzeit. 2020 hat sie sich selbstständig gemacht – nach einem Agenturwechsel und dem Satz an ihre neue Agentin, dass sie wahnsinnig gern vom Schreiben leben würde. Seitdem erscheinen deutlich mehr Bücher.
Parallel schreibt sie nie. Bis zum Jahr vor der Aufnahme waren es zwei Bücher pro Jahr, immer hintereinander; für das nächste hat sie sich neun Monate genommen. Wie viel Zeit ein Roman braucht, ist individuell: Sie kennt Kolleginnen, die vier bis fünf Bücher im Jahr schreiben, und welche, die mindestens zwei Jahre für eins brauchen.
Der Tag ist geteilt: Schreiben vormittags, weil sie da am produktivsten ist. Das Recherchieren – also das, wobei man sich ablenken lässt und irgendwo landet, wo man gar nicht hinwollte – liegt eher am Nachmittag.
Ich habe ein Programm, das meine Wörter zählt. Beim Überarbeiten geht das nicht – der Text wird ja nicht länger oder kürzer. Das finde ich schwieriger auszuhalten.Rebekka Frank
Recherchereisen: St. Peter-Ording und Elba
Zwei kleine Reisen gehörten zu diesem Buch. Einmal an die Nordsee nach St. Peter-Ording, für die Zeitebene der 1960er Jahre – nicht wegen der Fakten, sondern wegen der Entfernungen, der Stimmung, wie die Luft schmeckt und wie das Meer von dort aussieht.
Und einmal nach Elba, zum Tauchen: Ihre Hauptfigur lernt es in den 60er Jahren in einer der ersten deutschen Tauchschulen dort. Tauchen konnte sie schon vorher, hatte es aber ein paar Jahre nicht gemacht.
Dabei kommt ein Thema auf, das im Roman mitschwingt: Wer in den 50er und 60er Jahren tauchte, hatte weniger Wissen und schlechtere Ausrüstung – und war trotzdem unbedarfter. Es sind damals viele Menschen verunglückt. Heute ist das Wissen größer, die Ausrüstung besser, und Unfälle sind seltener, obwohl viel mehr Menschen tauchen.
Historisch schreiben als Rebekka Eder
Die historischen Romane erscheinen unter Pseudonym, weil das Schreiben und Arbeiten daran anders ist. Bei der Stollwerck-Saga hat sie sich sehr eng an die Begebenheiten der Familie gehalten – alles, was diese Familie erreicht hat, ist real. Bei »Das Echo der Gezeiten« ist der Rahmen wahr, die Frauen und ihre Geschichten sind erfunden.
Interessant wird es bei den Leerstellen. Über die Frauen der Familie Stollwerck ließ sich in den frühen Generationen fast nichts finden. Sophia Stollwerck etwa, die Mutter der späteren Gebrüder, taucht in den Unterlagen genau dann auf, wenn ihr Mann pleite war oder etwas nicht geklappt hatte – dann steht sie plötzlich in den Verträgen. Die Frauen waren eingebunden und wichtig; überliefert ist es nicht.
Für eine Romanautorin, sagt sie, ist das nicht das Schlechteste: Da, wo nichts zu finden war, sind ihre Figuren eingestiegen.
Ein Sachbuch über Freundschaft – freitags, mit Kaffee
Als Rebekka Knoll hat sie zusammen mit einer befreundeten Psychologin ein Sachbuch über Freundschaft geschrieben. Der Ablauf: jeden Freitag treffen, Kaffee, Apfelschnitze, diskutieren – und im zweiten Schritt daraus Kapitel machen. Jede schrieb einen Teil, sie hat sie zusammengefügt.
Die Thesen des Buches sind aus diesen Gesprächen entstanden. Bei einem fiktiven Text, sagt sie, wüsste sie nicht, ob das ginge – außer vielleicht, wenn jede für eine Perspektive zuständig ist.
Lesen: abbrechen ist erlaubt
Sie liest vor allem abends und vorm Einschlafen. Parallel läuft trotzdem einiges: ein Hörbuch, ein gedrucktes Buch, ein E-Book für die letzten Seiten vor dem Einschlafen. Sachbücher hört sie lieber, als sie zu lesen.
Und sie bricht inzwischen ab, wenn ein Buch gerade nicht passt. Das heißt nicht, dass es schlecht ist – nur, dass es nicht das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt ist. Mehr Spaß hat sie, wenn sie nur eins gleichzeitig liest.
Ein Schreibtipp für alle, die noch nicht angefangen haben
Helen bringt einen Ort mit, über den sie gerne ein Buch lesen würde: die Beelitz-Heilstätten. Rebekka Franks Rat aus der Schreibwerkstatt fällt nicht so aus, wie man denkt – nicht erst recherchieren, sondern mit den eigenen Fotos anfangen.
Man guckt ein Foto an, bei dem es kribbelt, und fragt sich: Was war da? Was hat sich hinter dieser Tür verborgen? In der Schreibwerkstatt geht es nicht darum, etwas Brillantes zu schreiben, sondern überhaupt ins Schreiben zu kommen.
Sich sagen: Das ist total egal, ich muss das niemandem zeigen. Dann kann es viel schneller fließen und macht viel mehr Spaß.Rebekka Frank
Wenn du wissen willst, wie aus einem Wikipedia-Rabbit-Hole ein Roman wird – und wie ein Schreiballtag aussieht, von dem man leben kann –, dann hör rein.
Die ganze Folge hören
Das Buch aus der Folge
Der Roman, wegen dem wir uns kennengelernt haben.
Das Echo der Gezeiten
Rebekka Frank · FISCHER Krüger
Zwei Zeitebenen, verbunden durch ein Schiffswrack: 1633 flieht eine junge Frau mit ihrer Mutter auf eine Nordseeinsel und findet Unterschlupf bei einem Beginenkonvent. In den 1960er Jahren findet eine Taucherin ein Wrack und will herausfinden, was dahintersteckt. Beide Geschichten handeln davon, dass die Leistungen von Frauen vergessen werden.
Bücher, über die wir gesprochen haben
Eigene Titel, gegenseitige Empfehlungen – und ein Buch, das bei uns schon Leserunde war.
Die Schokoladenfabrik – Die Tochter des Apothekers
Rebekka Eder · Aufbau Taschenbuch
Der Auftakt der dreibändigen Stollwerck-Saga, an der sich im Gespräch zeigt, wie eng ein historischer Roman an den überlieferten Fakten liegen kann – und wo die Leerstellen anfangen.
Freunde fürs Leben?
Rebekka Knoll und Rebecca Sophie Schild · Edition Michael Fischer
Das Sachbuch über Freundschaft, das freitags bei Kaffee und Apfelschnitzen entstanden ist – geschrieben von einer Autorin und einer Psychologin.
Matrix
Lauren Groff · aus dem Englischen von Stefanie Jacobs · Ullstein
Beide haben es gelesen: ein Roman über eine Klostergemeinschaft im 12. Jahrhundert, die sich ein eigenes Reich schafft, an das niemand herankommt. Rebekka Frank hat es auf Englisch gelesen – und sagt, auf Deutsch hätte sie mehr davon gehabt.
Marschlande
Jarka Kubsová · S. FISCHER
Unsere Leserunde kurz vor dieser Folge – und der Grund, warum Helen beim Stichwort Hexenvorwurf sofort hellhörig wird.
Die geheime Geschichte
Donna Tartt · aus dem Englischen von Rainer Schmidt · btb
Rebekka Franks Empfehlung zum Schluss: eine Gruppe Studierender, ein Mord gleich zu Beginn – und danach die Frage, warum und was daraus folgt. Sie war vollkommen hin und weg von der düsteren Stimmung.
Der Distelfink
Donna Tartt · aus dem Englischen von Rainer Schmidt u. a. · btb
Helens Gegenempfehlung: ein sehr umfangreiches Buch, das sie wie einen Rausch gelesen hat. Rebekka Frank hatte es sich zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade gekauft.
Im Grunde gut
Rutger Bregman · aus dem Niederländischen von Ulrich Faure u. a. · Rowohlt
Ihr Hörbuch-Highlight: der Versuch, die Menschheitsgeschichte neu zu erzählen – mit einem sehr positiven Menschenbild.
Die mit »Bei Thalia ansehen« gekennzeichneten Links sind Affiliate-Links. Kaufst du darüber, bekommen wir eine kleine Provision – für dich ändert sich am Preis nichts. »Freunde fürs Leben?« führt zur Website der Autorin, weil der Titel bei unserem Partner nur noch als E-Book gelistet ist.
Häufige Fragen
Wer waren die Beginen?
Eine Glaubensgemeinschaft von Frauen mit ihrer Blütezeit im Mittelalter. Anders als Nonnen waren sie nicht an die Kirche gebunden und damit auch nicht an Männer, die Entscheidungen für sie trafen: Sie lebten eigenständig zusammen und entschieden selbst, wie sie ihr Geld verdienten. Später wurden sie von Handwerkern aus ihren Jobs gedrängt, und die Vorwürfe in Richtung Hexerei wurden lauter.
Was war Frauengold?
Ein Mittel, das in den 60er Jahren als Medikament für Frauen verkauft wurde: mehr Schwung, bessere Entspannung, Haushalt trotzdem gut geschafft. Heute weiß man, dass es zu einem großen Teil aus Alkohol bestand. Ob es noch produziert wird, wissen beide im Gespräch nicht.
Was ist der Matilda-Effekt?
Dass Errungenschaften von Frauen am Ende oft den Männern zugeschrieben werden, mit denen sie zusammengearbeitet haben oder die in ihrem Umfeld waren. Rebekka Frank ist bei der Recherche auf viele solcher Fälle gestoßen; das Motiv trägt beide Zeitebenen des Romans.
Plottet Rebekka Frank ihre Romane vorher komplett durch?
Bei diesem Buch nur zur Hälfte. Die Grundidee und das Finale standen grob fest, die erste Hälfte entstand ohne Kapitelplan. Erst auf Rat ihrer Lektorin hat sie die zweite Hälfte sehr detailliert durchgeplottet, damit das Ende in einem gemeinsamen Höhepunkt aufgeht.
Wie viele Bücher schreibt sie im Jahr?
Nie zwei parallel. Bis zum Jahr vor der Aufnahme waren es zwei pro Jahr, immer hintereinander; für das nächste Buch hat sie sich neun Monate genommen. Wie viel Zeit ein Roman braucht, ist sehr individuell – sie kennt Kolleginnen mit vier bis fünf Büchern im Jahr und welche, die mindestens zwei Jahre für eins brauchen.
Warum schreibt sie unter mehreren Namen?
Weil die Arbeit sich unterscheidet. Historische Romane erscheinen als Rebekka Eder, weil das Schreiben und Recherchieren daran ein anderes ist; das Sachbuch über Freundschaft ist als Rebekka Knoll erschienen.
Wie fängt man mit dem Schreiben an?
Ihr Rat aus der Schreibwerkstatt: nicht mit Recherche, sondern mit einem eigenen Foto, bei dem es kribbelt. Anschauen, fragen, was da war – und die eigenen Ansprüche runterschrauben. Es geht erst mal nur darum, ins Schreiben zu kommen.
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Kennengelernt haben wir uns bei einem Blogger*innen-Treffen in Leipzig – wie solche Abende entstehen, erzählt die Folge über Buchmarketing-Events.
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Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme.
Helen
Herzlich willkommen, Rebekka. Ich freue mich sehr, heute mit dir über viele Themen zu sprechen. Ursprünglich hatte ich dich wegen der Schreibwerkstätten angefragt, aber je mehr ich recherchiert habe, wurde meine Liste immer länger, und ich dachte: Das muss ich auch noch fragen. Wir sprechen heute also über viele Themen. Aber bevor wir starten, habe ich zwei Fragen an dich. Wo sind wir gerade und welches Getränk hast du uns mitgebracht?
Rebekka Frank
Wir befinden uns in einem Strandkorb an der Nordsee und stoßen an mit zwei Fläschchen Frauengold.
Helen
Ich finde das richtig gut. Ich muss gleich noch mal erklären, was das genau ist. Im Buch klang das teilweise so, als hätte es eine sehr beschwingende Wirkung. Dann erzähl mal, was hat es mit Frauengold auf sich?
Rebekka Frank
Ich muss ehrlich sagen, dass ich es selber bis jetzt noch nicht getrunken habe. Ich weiß gar nicht, ob es noch erhältlich ist. Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Das müsste ich mal rausfinden, das wäre wirklich spannend. Aber ich glaube nicht, dass es noch produziert wird. Falls jemand noch eine Flasche zu Hause stehen hat, kann sich gerne bei uns melden.
Helen
Ist das nicht ein bisschen wie dieses Klosterfrau Melissengeist? Ich habe mal mitbekommen – meine Mutter arbeitet im Altenheim –, dass das eher an ältere Frauen gerichtet ist. Und es hört sich ein bisschen ähnlich an. Aber erzähl erst mal – ich habe dich direkt am Anfang unterbrochen: Was hat es mit Frauengold auf sich?
Rebekka Frank
Also ich bin darauf gestoßen, als ich meinen Roman recherchiert habe. Es wurde, glaube ich, auf jeden Fall in den 60ern – ich weiß nicht genau, wann es losging – als Medikament für Frauen verkauft, um Frauen mehr Schwung zu geben, damit sie sich besser entspannen können und trotzdem den Haushalt gut schaffen. Es war so ein bisschen das Wundermittel für die Frau, um all ihre emotionalen und energetischen Probleme zu lösen. Es gibt dazu wirklich viel, wenn man das noch nicht kennt und mal googelt, es gibt so lustige Werbung aus dieser Zeit für Frauengold. Eigentlich war das so das Mittel, um die Frau ruhig zu stellen, wenn sie zu viel an ihrer Situation in dieser Gesellschaft bemängelt hat. So kann man das vielleicht im Großen und Ganzen auch zusammenfassen. Und heute weiß man, dass es zu einem großen Teil einfach Alkohol gewesen ist. Die Frauen haben sich einfach nur ein bisschen abgeschossen mit dem Mittel.
Helen
Perfekt jetzt für unsere Aufnahme. Ich habe das Gefühl – das muss ich im Nachhinein nochmal nachschauen –, dass das beim Melissengeist ähnlich ist, weil da glaube ich auch einfach viel Alkohol drin ist. Aber vielleicht entsteht daraus eine neue Geschichte. Ich merke mir das mal. Wir sind mit dem Frauengold auf jeden Fall direkt in deinem neuen Roman. Das Echo der Gezeiten. Du hast letzte Woche Buchgeburtstag gefeiert. Und wir haben uns wegen dieses Buchs ja auch kennengelernt bei einem Blogger*innen-Treffen in Leipzig. Da war das gerade aus der Druckerei gekommen.
Rebekka Frank
Ja, das waren die allerersten Exemplare.
Helen
Ja, und du hast das, glaube ich, auch zum ersten Mal so richtig in der Hand.
Rebekka Frank
Höchstens ein, zwei Tage vorher – ich hatte es auch noch nicht lange.
Helen
Also richtig cool und es ist ja wirklich wunderschön geworden. Das muss man einfach mal sagen. Da gibt es so viele Details zu entdecken. Ohne das Treffen wäre ich wahrscheinlich gar nicht darauf aufmerksam geworden, dass sich das hier so spiegelt. Das fand ich total cool, aber ich finde vor allem vorne und hinten diese Karte total klasse. Es spielt ja auch auf zwei Zeitebenen – und was kam bei dir zuerst? Du hast, glaube ich, gesagt, dass das Thema Schiffswrack am Anfang stand, weil du selber gerne tauchst – und nicht das Frauengold.
Rebekka Frank
Nee, Frauengold war eher ein Detail, das bei meiner Recherche dazugekommen ist. Im Zentrum meiner Idee stand am Anfang wirklich das Schiffswrack. Ich hatte die Idee, von einem Schiffswrack aus zwei Zeitpunkten heraus zu erzählen. Einmal in der Zeit, in der dieses Schiff noch auf dem Meer unterwegs ist, noch bestiegen werden kann und man damit noch überall hinreisen kann. Und dann die andere Zeit, in der es schon als Wrack am Meeresboden liegt. Und dort wollte ich, dass sich zwei Geschichten treffen, die zwar durch die Jahrhunderte getrennt sind, aber eben durch das Meer in diesem Moment auch wieder verbunden werden. Ja.
Helen
Und du hattest, wenn ich mich richtig erinnere, in Leipzig Bilder mitgebracht, und hast uns erzählt, wie du recherchiert hast. Das fand ich allein schon total cool. Es ist ja immer was Besonderes, wenn man mit der Person, die das Buch geschrieben hat, auch zusammensitzt und Fragen stellen kann. Und generell war der Abend einfach total schön. Aber du hattest, meine ich, erzählt, dass du das vorher schon komplett durchplottest, bevor du anfängst zu schreiben, oder? Habe ich mir das richtig gemerkt? Das finde ich schon faszinierend – wie kann ich mir das vorstellen? Wie läuft das bei dir ab? Du hast ja auch schon so wahnsinnig viele Bücher geschrieben.
Rebekka Frank
Bei diesem Buch war es so: Ich hatte diese Idee mit dem Schiffswrack und den zwei Zeitebenen. Ich wollte gerne die Geschichten von zwei Frauen erzählen, deren Geschichten sich in diesem Schiff treffen. Das war die Grundidee. Und dann habe ich mir erst mal relativ grob die beiden Geschichten ausgedacht und das Finale, in dem sie zusammenfinden. Für Leute, die gar nicht plotten, war das immer noch sehr detailliert, aber für mich war es relativ grob. Und dann habe ich die erste Hälfte geschrieben, ohne mir genau einen Kapitelplan zu machen – ich habe es erst mal entstehen lassen, bis irgendwann meine Lektorin gesagt hat, es wäre jetzt vielleicht ganz gut, einen Kapitelplan zu machen, sonst ufert das Ganze ein bisschen aus. Und es war tatsächlich auch genau der richtige Zeitpunkt, das zu machen. Ich habe dann die zweite Hälfte sehr detailliert durchgeplottet, damit auch das Ende gut funktioniert und das wirklich in einem gemeinsamen Höhepunkt endet. Und dann musste ich mir wirklich ganz genau alles überlegen und habe weitergeschrieben. Diesmal also zwei Phasen, würde ich sagen.
Helen
Super spannend. Aber du schreibst wirklich nur – in Anführungszeichen – ein Buch parallel? Auf deiner Website habe ich erst mal so neun gezählt, aber da sind noch viel mehr
Rebekka Frank
2013 ist mein erster Roman rausgekommen. Geschrieben habe ich früher auch schon immer, ab da habe ich veröffentlicht. Aber die ersten Bücher waren noch ganz anders als das, was ich heute mache – und da war ich auch noch relativ jung. Und dann kam auch eine Zeit, in der ich lange keine Bücher veröffentlicht habe. Da habe ich Vollzeit gearbeitet und hatte fürs Schreiben eigentlich kaum Zeit. Ich habe nebenher schon weitergeschrieben, aber eben keine Romane. Und dann habe ich mich 2020 selbstständig gemacht mit dem Schreiben. In der Zeit hatte ich meine Agentur gewechselt und habe jetzt eine ganz, ganz fantastische Agentin. Zu ihr habe ich gesagt, dass ich wahnsinnig gerne vom Schreiben leben würde, und dann haben wir gemeinsam überlegt, wie ich das organisatorisch am besten mache und seit 2020 sind dann also sehr viel mehr Bücher erschienen als vorher, was daran liegt, dass ich mich seitdem nur noch aufs Schreiben konzentrieren konnte. Aber um deine Frage zu beantworten: Ich habe nie Bücher parallel geschrieben, das kann ich gar nicht. Bis letztes Jahr hatte ich zwei Bücher im Jahr geschrieben, aber immer hintereinander – erst wenn ich eines abgeschlossen habe, habe ich mit dem nächsten angefangen. Und gerade beginne ich, mir noch mehr Raum zu geben: Für das nächste Buch habe ich jetzt neun Monate. Wenn man sich erst mal eine Selbstständigkeit aufbaut – mir ging es so, dass ich erst mal ziemlich ranklotzen musste. Jetzt hoffe ich, dass ich in den nächsten Jahren nicht mehr ganz so intensive Schreibphasen habe.
Helen
Das ist ja schon schnell, oder? So ein halbes Jahr für ein Buch ist gar nicht so viel.
Rebekka Frank
Ich habe auch viele Autorinnen-Freundinnen, die schreiben vier bis fünf Bücher im Jahr. Ich kenne aber auch welche, die sagen: Ich brauche mindestens zwei Jahre für eins. Es ist sehr individuell, wie viel Zeit man für einen Roman braucht. Es kommt sehr auf das Genre an und auf die persönlichen Umstände. Jemand, der mehrere Kinder zu Hause hat und die betreuen muss, schafft wahrscheinlich nicht ganz so viel wie jemand, der ganz, ganz viel Zeit für sich hat. Es ist ja auch ganz unterschiedlich.
Helen
Und dann teilst du dir deine Tage jetzt, wo du Vollzeit schreibst, auch klar ein? Du hattest gesagt, du machst Recherche nicht parallel zum Schreiben, sondern es ist dann wirklich reine Schreibzeit.
Rebekka Frank
Doch, ein bisschen parallel schon. Ich beginne erst mal mit der Recherche, recherchiere ein paar Wochen nur und fange dann an zu plotten und zu schreiben. Aber gerade wenn es historische Anteile in Romanen gibt, höre ich eigentlich nicht auf mit der Recherche – meistens merke ich nebenher: Ach, was ist denn dieses Frauengold, da muss ich erst mal ein bisschen recherchieren. Und dann steige ich da noch mal ein. Die Recherche läuft eigentlich bis zum Schluss mit.
Helen
Aber ich würde wahrscheinlich anfangen, Frauengold zu googeln, und drei Stunden später bei irgendeinem Werbevideo landen und merken: Oh, die Schreibzeit ist vorbei.
Rebekka Frank
Kenne ich, absolut. Ich versuche es momentan so zu machen, dass ich meine feste Schreibzeit vormittags habe, weil ich da am produktivsten bin – und das Recherchieren – mich ablenken lassen und irgendwo landen, wo ich gar nicht hinwollte – versuche ich eher auf den Nachmittag zu legen. Es klappt aber auch nicht immer.
Helen
Sehr schlau. Das habe ich vor Kurzem auch angefangen, dass ich versuche, die unangenehmen und die wichtigen Dinge auf den Vormittag zu legen, weil ich das dann eher hinbekomme. Und irgendwas Administratives kann ich dann eher nachmittags machen. Aber es braucht trotzdem ein bisschen Disziplin. Ich habe dir eben erzählt: Wenn es unangenehm wird und ich prokrastiniere, dann mache ich gerne irgendwas im Haus. Da ist das Ergebnis wenigstens sichtbar. Aber wenn man was schreibt, hat man am Ende ja auch ein sichtbares Ergebnis. Vielleicht ist das sehr klug – vielleicht sollte ich anfangen zu schreiben, weil man dann auch messen kann, was man getan hat.
Rebekka Frank
Gerade in der richtigen Schreibphase – ich habe ein Programm, das immer meine Wörter zählt und es fühlt sich einfach gut an, wenn ich weiß, am Ende des Tages, ich habe so viele Wörter heute geschafft. Über dieses Gefühl von "war ich heute unproduktiv" kann mir diese Zahl schon ein bisschen hinweghelfen. Schwierig ist es für mich in Phasen wie gerade, wo ich viel an einem Roman überarbeite – das kann man gar nicht messen. Klar, ich habe ein paar To-dos von meiner Liste abgehakt, wo ich noch Sachen ändern wollte, aber der Text ist ja nicht länger oder kürzer geworden und das finde ich dann schwieriger auszuhalten. Das glaube ich.
Helen
Aber ich finde es mega inspirierend, vor allen Dingen: Das hier hat ja, wie soll man sagen, wahre Elemente. Es gibt Frauengold – beziehungsweise es gab Frauengold. Und es gab auch solche Beginenkonvente. Und es gab dieses Tauchen und so was. Ist es so, dass du über etwas stolperst und dir denkst – hier war es ja so, dass du selber tauchen warst und das Gefühl hattest, das Meer will dir eine Geschichte erzählen. Aber gibt es trotzdem Details, über die du stolperst und dir denkst, dazu würde ich gerne mal was schreiben oder hast du so eine Frauengold-Ideenliste, wo das dann landet – ah, das Detail kommt in den nächsten Roman.
Rebekka Frank
Es ist genau so, wie du es zuerst gesagt hast, dass mir dann Sachen begegnen und das verändert die Geschichte in meinem Kopf total, also zum Beispiel die Beginen. Das war genau so ein Punkt. Ich kann noch mal kurz von der älteren Zeitebene erzählen: Die spielt im Jahr 1633 und da flieht die Heldin dieser Zeit mit ihrer Mutter vor ihrer Vergangenheit auf eine Nordsee-Insel und findet dort Unterschlupf bei einem Beginenkonvent. Und ich hatte vorher noch gar nichts von Beginen gehört, echt gar keine Ahnung davon. Zur Erklärung: Die Beginen sind eine Glaubensgemeinschaft von Frauen, die ihre Blütezeit im Mittelalter hatten, die aber anders als Nonnen nicht an die Kirche gebunden waren und damit auch nicht an irgendwelche Männer, die Entscheidungen für sie getroffen haben, sondern die wirklich vollkommen eigenständig zusammengelebt haben, selbst entschieden haben, wie sie ihr Geld verdienen und wie sie leben wollen. Ich finde, es klingt aus heutiger Sicht schon fast feministisch und wie so eine frühe Frauen-WG. Und das hat mich total fasziniert und inspiriert und dann habe ich auch gehört, dass die Beginen aber auch sehr viel angefeindet wurden, dass sie gerade auch von Handwerkern, die ihre Konkurrenz gefürchtet haben, aus ihren Jobs gedrängt wurden und dass auch die Vorwürfe in Richtung Hexerei dann auch immer lauter wurden. Und das hat auch meine Geschichte sehr geprägt, weil es in meiner Geschichte so ist, dass die Heldin der Vergangenheit dann feststellt, dass diese Beginen in Verdacht stehen daran schuld zu sein, dass Kinder auf der Insel verschwinden. Und sie will dann versuchen, diesen Verdacht auszuräumen. Das ist einfach durch diese Recherche entstanden. Also das Buch hätte es so gar nicht gegeben, wenn ich nicht recherchiert hätte, weil genau diese ganzen Impulse und Ideen kamen wirklich aus der Recherche raus.
Helen
Und wo ist dir der Begriff das erste Mal begegnet? Also wo hast du von Beginen gehört?
Rebekka Frank
Tja, keine Ahnung. Irgendwo bin ich von einem Wikipedia-Artikel zum nächsten gesprungen.
Helen
Das Rabbit Hole. Genau.
Rebekka Frank
Irgendwo muss es passiert sein. Oder vielleicht war es auch meine Agentin, mit der ich irgendwie über diese Zeit gesprochen habe und dann hat sie mir vielleicht davon erzählt, das kann auch gut sein. Also irgendwo ist es mir begegnet und dann habe ich mir Bücher zu dem Thema bestellt und mich da reingearbeitet und ja, kam lange nicht mehr raus.
Helen
Ich muss gerade sagen: Du hast im Fragebogen vorab angegeben, dass du die Bücher von Lauren Groff magst und ich glaube, ich habe von ihr nur eins gelesen, aber das ist noch nicht so lange her. Matrix.
Rebekka Frank
Das kenne ich auch, das fand ich auch toll. Ich fand es auch krass. Ich habe es leider auf Englisch gelesen. Ich glaube, ich hätte mehr verstanden. Ich hätte es auf Deutsch lesen sollen, weil es schon sehr anspruchsvoll war. Ich dachte vorhin schon: das verrückte Gedankenexperiment, das wäre ja irgendwie krass. Und das war ja aber kirchlich – das waren ja wirklich Nonnen. Aber auch da schaffen sie sich ein eigenes Reich, an das im Grunde keiner rankommt. Und ja, ich finde das irgendwie auch total faszinierend.
Helen
Ich fand vor allen Dingen – weil wir gerade erst bei Mädels, die lesen. Marschlande gelesen hatten – das ist von Jarka Kubsová, und da geht es um Hexen. Und dann hat man plötzlich so einen Zoom auf das Thema. Und wenn dann direkt am Anfang auch dieser Vorwurf im Raum steht. Ich finde das schon krass, wenn man einmal anfängt, darüber nachzudenken, wo Frauen überall unterdrückt wurden. Und da fand ich deine Widmung auch so cool. Ich schlage sie gerade mal auf, damit ich sie nicht falsch zitiere. Für all die Frauen, an die sich niemand erinnert. Hast du so ein bisschen das Gefühl, das ist vielleicht auch so der Antrieb bei der Geschichte gewesen, dass du diese Geschichte erzählen möchtest?
Rebekka Frank
Ja, auf jeden Fall. Ich kann das nicht mehr so genau rekonstruieren, wann was kam, aber sehr, sehr früh beim Schreiben habe ich gemerkt, dass das irgendwie so der Kern ist. Es geht in beiden Zeitebenen genau darum, dass die Geschichte der Frau ja im Grunde immer wieder vergessen worden ist. Auch in der neueren Zeitebene geht es ja um eine junge Taucherin, die ein Schiffswrack findet und herausfinden möchte, was für Geheimnisse sich dahinter verbergen – dafür muss sie Archäologie studieren und all ihre wissenschaftlichen Erfolge, die sie feiert, werden immer wieder in Frage gestellt und unter den Teppich gekehrt. Und als ich auch dazu recherchiert habe, sind mir sehr viele genau dieser Geschichten aufgefallen. Das nennt man, glaube ich, den Matilda-Effekt. Okay, das kenne ich gar nicht. Dass die Errungenschaften von Frauen ganz oft am Ende doch den Männern, mit denen sie zusammengearbeitet haben oder die irgendwie in ihrem Umfeld waren, zugeschrieben wurden. Dieses Motiv ist in beiden Zeitebenen sehr wichtig, die Frau, die eigentlich was sehr, sehr Tolles geschafft hat, an die sich später aber wahrscheinlich niemand erinnert – obwohl, ich will jetzt hier nicht zu viel verraten. Es könnte im Verlauf der Geschichte, gerade in der neueren Zeitebene, auch anders ablaufen, das lasse ich jetzt mal offen. Ja, müsst ihr selber lesen: Das Echo der Gezeiten.
Helen
Ich habe den Eindruck von den Titeln und was ich zu den Büchern gelesen habe, dass gerade in den letzten Jahren eher der historische Kontext für dich wichtig ist. Könntest du dir auch vorstellen, mal irgendwie so eine, wie nennt man das, eine Zukunftsvision zu schreiben? Du hast ja schon ziemlich viele Genres ausprobiert. Ich habe das Gefühl, du experimentierst da auch gerne. Wäre das etwas für dich, oder hast du das schon geschrieben?
Rebekka Frank
Nee, in die Zukunft habe ich mich noch nie gewagt und ich kann es mir auch aktuell nicht vorstellen. Also wer weiß, was die Zukunft bringt. Aber ich habe in der Vergangenheit ja Liebesromane beziehungsweise belletristische Romane geschrieben und danach eben vor allem historisch, aber in die Richtung Zukunft oder Dystopie – ich weiß nicht, das ist noch nicht so weit. Aber ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, dass es mich wieder in die Gegenwart ziehen wird. Du arbeitest gerade an etwas, das du schon geschrieben hast und jetzt überarbeitest, ne? Ja, genau. Aber ich darf dazu noch nichts sagen. Alles gut. Dann steht also noch gar keine neue Idee im Raum, sondern du schließt gerade noch ein anderes Projekt ab.
Helen
Aber ich hatte gesehen, dass du auch etwas zur Stollwerck-Familie geschrieben hast, eine dreibändige Saga. Und das fand ich irgendwie total krass, weil das ist ja, glaube ich, viel näher an realen Fakten. Also hast du wahrscheinlich auch sehr viel recherchiert. Und das finde ich total cool. So etwas ist mir in letzter Zeit häufiger begegnet, und ich hätte im ersten Moment gar nicht gedacht, dass es was für mich wäre. Aber ich mag wahre Geschichten, und ich habe gedacht: Das könnte was für mich sein. Weil ich muss tatsächlich gestehen, ich bin manchmal einfach eine Cover-Käuferin, obwohl ich meinen würde, dass ich das nicht bin. Man lässt sich ja schnell von etwas Visuellem locken und die von der Stollwerck-Reihe hätte ich wahrscheinlich aufgrund des Covers nicht unbedingt genommen, aber ich finde, dass der Inhalt mega spannend klingt. Ich meine: gut, drei Teile – da denke ich noch ein bisschen, oh je, ob ich das schaffe, aber das wäre so cool. Und da frage ich mich: Ist das anders für dich, so was zu schreiben? Also ist das überhaupt viel näher an der Realität oder hast du da auch einfach dir was überlegt, aber recherchierst und schreibst du da anders als zum Beispiel bei Das Echo der Gezeiten?
Rebekka Frank
Schon. Ich versuche gerade – wie fasse ich das in Worte? Also auf jeden Fall sind die historischen Romane genau deswegen auch unter Rebekka Eder erschienen, unter meinem Pseudonym, weil es schon eine andere Art für mich ist zu schreiben und zu arbeiten. Also bei der Schokoladenfabrik war das so, da habe ich mich sehr sehr eng an die Begebenheiten der Familie gehalten. Bei Das Echo der Gezeiten ist der ganze Rahmen wahr, aber die Frauen gab es so nicht und die Geschichten sind fiktiv. Und bei der Schokoladenfabrik war alles, was diese Familie erreicht hat und alles, in das die eingebunden waren – das ist alles real. Aber da war es auch so, dass ich über die Frauen der Familie ja so gut wie nichts, also gerade über die früheren Generationen so gut wie nichts rausfinden konnte, da gab es im Recherchematerial einfach große Leerstellen. Und das ist natürlich für mich als Romanautorin gar nicht so schlecht, weil ich habe dann immer versucht Fakten mit Fiktionen zu verbinden und da wo ich nichts rausgefunden habe, sind meine Frauenfiguren auch eingestiegen, was auch glaube ich gar nicht so weit weg ist von der Wahrheit, weil es gab immer mal so kleine Hinweise, zum Beispiel bei Sophia Stollwerck, der Mutter der späteren Gebrüder Stollwerck: Die taucht in den Unterlagen immer dann auf, wenn ihr Mann mal wieder pleite war oder irgendetwas mal wieder nicht geklappt hat, was er sich vorgenommen hatte, dann taucht plötzlich sie in den Verträgen auf und dann ist sie eingesprungen. An solchen kleinen Hinweisen sieht man, die Frauen waren total eingebunden, die waren sehr, sehr wichtig für das Unternehmen und haben sicherlich auch wichtige Impulse gesetzt, aber es ist einfach nicht überliefert. Und natürlich braucht man auch für einen historischen Roman immer einen Spannungsbogen und eine Geschichte. Und das ist halt kein Sachbuch, es ist keine Biografie, die sich wirklich ganz streng an alles hält und ich habe aus den Fakten, die ich kannte, und aus meinen Ideen und meiner Fiktion Romane gemacht.
Helen
Ja voll cool. Ich denke gerade so, ich bin gerade nicht hundertprozentig sicher, aber ich glaube es gibt auch für Bridgerton oder so was Buchvorlagen, meine ich, oder schreiben die dann immer noch Bücher.
Rebekka Frank
Im Nachhinein, ich glaube es gab eine Buchvorlage. Ich meine auch, das basiert auf einer Buchreihe. Und das ist ja auch eher ein bisschen freier. Ich denke so, ob sich das nicht auch total gut für eine Verfilmung eignen würde, diese Stollwerck-Saga, also als Serie. Vielleicht hört ja jemand zu. Ja genau. Dann gerne eine Nachricht an mich. Ja genau. Wir können hier gerne vermitteln. Also ich finde es voll cool.
Helen
Und ich gebe dir einfach was mit als Wunsch, weil ich war letztens in… Wie heißen die jetzt nochmal? Beelitz-Heilstätten. Ah, ja. Warst du da schon mal?
Rebekka Frank
Da war ich schon mal.
Helen
Ich fand das so beeindruckend. Es hat mich völlig fasziniert. Und ich habe so gedacht, ich würde so gern ein Buch darüber lesen. Das war das erste Mal, dass ich ganz kurz dachte, vielleicht musst du so was dann selbst machen, aber ich sehe mich da nicht. Ich halte mich da einfach raus. Ich finde nur den Ort cool – deswegen gebe ich dir den Ort jetzt einfach mit.
Rebekka Frank
Das ist total lieb.
Helen
Wir geben ihn auch gerne in die große Runde: Wer eine Idee hat, legt los.
Rebekka Frank
Aber ich finde es auch toll. Das wäre cool.
Helen
Ich glaube, da lauern so viele Geschichten. Ich glaube, das ist wirklich, ja ich fand es auch sehr, sehr spannend. Es ist schon einige Jahre her, dass ich da mal durchgelaufen bin. Ich war auch total fasziniert. Ja, fand ich auch. Aber wenn ich jetzt bei dir in der Schreibwerkstatt wäre –
Rebekka Frank
Ja, genau.
Helen
Weil das bietest du ja an. Wenn ich da jetzt sitze und dir sage, ich möchte was über die Beelitz-Heilstätten schreiben, was würdest du mir raten?
Rebekka Frank
Erst mal recherchieren, Helen? Nicht unbedingt. Also, du warst ja dort, ne? Du hast bestimmt viele Fotos gemacht.
Helen
Ja, natürlich. Das hätte ich nämlich auch so getan.
Rebekka Frank
Und ich finde schon mit diesen Fotos kann man einsteigen. Gerade in der Schreibwerkstatt, wo es erst mal nur darum geht, ins Schreiben zu kommen. Das ist ja so der Ansatz. Es geht dann noch gar nicht darum, jetzt etwas richtig Brillantes zu schreiben, was dann ganz groß verlegt wird. Sondern es geht erst mal nur darum, ins Schreiben hineinzukommen, Spaß daran zu haben und es fließen zu lassen. Und da kann man schon einfach mit einem Foto anfangen, bei dem es kribbelt: Man guckt es an und denkt, was war da? Was hat sich hinter dieser Tür verborgen? Welche Szenen hätte man beobachten können, wenn man da vor vierzig Jahren die Tür geöffnet hätte? Man kann die Gedanken einfach losrennen lassen und das aufschreiben – und sich vor allem davon verabschieden, dass das sofort eine runde, super recherchierte Geschichte sein muss. Man muss erst mal nur schauen: Wo treibt mich das hin, was fasziniert mich daran?
Helen
Irgendwie finde ich, also ich stelle mir das gerade fast vor wie einen meditativen Zustand. Ich habe das Foto, und im Film wäre das dann auf jeden Fall so, dass ich irgendwie so reingezogen wäre.
Rebekka Frank
Ja, genau.
Helen
Und dann stehe ich plötzlich in dieser Eingangshalle und sehe meine Figur durch die Tür treten. Es hört sich auf jeden Fall so an, als würde es auch Spaß machen. Ich fühle mich manchmal so unkreativ bei so was. Aber vielleicht blockiere ich im Kopf einfach zu schnell und denke, so kann ich eh nicht. Ich teste das morgen mal. Ich suche nochmal die Fotos raus.
Rebekka Frank
Das finde ich gut, weil ich wirklich glaube, dass das Wichtigste ist, so ein bisschen die eigenen Ansprüche runterzuschrauben. Weil man denkt ja so oft, ah okay, der erste Satz muss jetzt sitzen, der muss jetzt toll sein und es muss jetzt, es darf jetzt auf keinen Fall peinlich werden und keine Ahnung. Und wenn man sich sagt: Das ist total egal, ich muss das niemandem zeigen, es ist nur jetzt einfach für mich, um mal meine Gedanken auf eine Reise zu schicken und das zu genießen, dann kann das viel schneller fließen und viel mehr Spaß machen und wenn man dann merkt: Oh cool, das ist ja doch ganz gut geworden, kann man sich immer noch mal dran setzen und das noch mal überarbeiten, ein bisschen schleifen und mal gucken, ob das vielleicht zu einem anderen Text führt, der noch cooler ist oder so. Es geht immer erst mal darum, sich selbst diese ganzen Erwartungen zu nehmen und einfach loszulassen. Ja. Der Anfang ist natürlich nie ganz so einfach. Easy peasy. Easy peasy, einfach mal machen.
Helen
Aber ist das so, dass du erst mal einer Idee nachgehst und sie dann auch wieder verwirfst – oder bleibst du eher dabei?
Rebekka Frank
Es gibt sehr, sehr viele Ideen, die ich auch wieder verworfen hab, die dann in irgendein Notizbuch oder in meiner Notizen-App liegen und die auch wahrscheinlich für immer bleiben werden. Also das ist auch okay. Also manche tauchen auch irgendwie wieder auf und melden sich dann später nochmal wieder und vielleicht ist dann der richtige Zeitpunkt dafür. Und ganz oft habe ich Ideen, die mich wieder zu ganz anderen Ideen bringen. Wenn ich mir am Ende des Prozesses meine Stichpunkte zu einer Romanidee angucke – ich habe mir jetzt zum Beispiel noch mal angeschaut, womit alles angefangen hat. Da sind so viele Ideen dabei, die etwas ganz anderes gewesen wären, die völlig woandershin geführt hätten und die habe ich verworfen und bin dann irgendwann Schritt für Schritt zu dem gekommen, was es jetzt geworden ist. Aber es ist auch spannend, sich noch mal die allerersten Notizen anzugucken, die man verworfen hat und das gehört auch glaube ich dazu.
Helen
Sind das bei dir dann alles digitale Notizen oder hängt bei dir auch irgendwas an der Wand und dekoriert dein Arbeitszimmer?
Rebekka Frank
Ich wäre so gern jemand, der das macht. Ich finde das immer so schön, wenn Leute sich Pinnwände machen oder so. Aber ich habe selber leider alles digital. Ich schreibe mit Scrivener. Und im Recherchebereich von Scrivener kann ich mir total toll Ordner anlegen und alles da reinwerfen, wo ich es später wiederfinde. Das ist dann irgendwann so viel, dass ich eine externe Festplatte brauche.
Helen
Ach klar, ja, okay. Wow.
Rebekka Frank
Es ist leider alles immer digital. Es sieht dann auch nicht schön aus – wenn ich das aufmache, ist das ein Wust. Aber das hilft mir.
Helen
Aber du kannst ortsunabhängig schreiben.
Rebekka Frank
Das stimmt. Wenn ich die externe Festplatte dabeihabe, kann ich eigentlich überall in meine Recherchen gucken. Das Programm kann ich total empfehlen. Find ich richtig super.
Helen
Davon habe ich noch nie gehört, klingt aber gut. Vielleicht starte ich da auch mein Projekt.
Rebekka Frank
Ja, genau, mit den Beelitz-Heilstätten. Das find ich toll.
Helen
Hast du für das Buch – oder machst du das generell – so eine Recherchereise gemacht? Bist du an die Nordsee gefahren? Oder wie kann man sich das vorstellen?
Rebekka Frank
Ich habe zwei kleine Recherchereisen gemacht. Einmal an die Nordsee nach St. Peter-Ording und habe dort für die Zeitebene recherchiert, die in den 1960er Jahren spielt. Und natürlich hat sich da seitdem viel verändert. Aber die Landschaft ist ja eine ähnliche geblieben. Aber auch, um zu gucken: Wie sind die Entfernungen, wie ist die Stimmung, wie schmeckt die Luft, wie sieht das Meer von hier aus und so. Ich war so begeistert von St. Peter-Ording – das ist einfach ein wunderschöner Ort. Mit dieser unfassbar weiten weißen Sandbank, so was habe ich echt noch nie gesehen. Das habe ich einmal gemacht, und dann war ich noch auf Elba und war da tauchen, weil meine Hauptfigur in den 60er Jahren das Tauchen gelernt hat auch auf Elba in einer der ersten deutschen Tauchschulen und deswegen musste ich natürlich auch mal tauchen gehen.
Helen
Aber du tauchst generell, ne? Konntest du das vorher schon, hast du das regelmäßig gemacht oder hast du für das Buch Tauchen gelernt?
Rebekka Frank
Ich konnte vorher schon tauchen, aber ich tauche seltener als ich gerne würde. Ich hab's auch ein paar Jahre gar nicht gemacht. Jetzt habe ich mit dem Buch wieder öfter getaucht, aber ich würde gerne viel öfter tauchen. Es ist einfach wirklich so wundervoll.
Helen
Ich habe das in Leipzig schon gesagt: Ich hatte mal so einen Einführungskurs. Danach hätte ich einen richtigen Tauchkurs machen können – der Einführungskurs war wohl dafür da, dass man ein Gefühl dafür bekommt. Und ich fand es richtig beängstigend. Es war eben etwas ganz anderes als Schnorcheln, weil man wirklich unter Wasser ist. Wir hatten, glaube ich, auch schon diese Geräte und Anzüge an. Es war erst mal nur in einem Schwimmbad, nur runtergehen. Da dachte ich schon: Boah, ich weiß nicht, ob ich das packe. Aber auf Videoaufnahmen sieht das immer total toll aus. Aber es ist wahrscheinlich schon was, wo man Ängste überwinden muss. Und du hattest erzählt, dass sich das ganze Equipment wahnsinnig verändert und verbessert hat – dass Tauchen früher wirklich etwas anderes war und die Ängste vielleicht berechtigt waren.
Rebekka Frank
Das Lustige – eigentlich eher das Tragische – ist: Die Menschen, die in den 50er und 60er Jahren getaucht sind, hatten viel weniger Wissen über das Tauchen als wir heute und eine viel schlechtere Ausrüstung – und waren trotzdem unbedarfter. In der damaligen Zeit sind wirklich viele Menschen verunglückt. Viele sind einfach nicht mehr aufgetaucht. Natürlich gibt es heute auch noch Tauchunfälle, aber deutlich seltener, obwohl viel mehr Menschen tauchen. Und da hat sich einfach das Wissen absolut gesteigert und die Ausrüstung ist so viel besser geworden. Damals war das wirklich noch etwas sehr Risikobehaftetes. Und mir geht es heute noch so, dass ich beim Tauchen den Gedanken wegschieben muss, dass ich absolut abhängig von meiner Ausrüstung bin und dass das alles funktionieren muss. Und wenn ich darüber zu viel nachdenke, dann blockiert auch mein Kopf und ich atme zu flach und so was, das muss ich wegschieben, um mich auf die Welt um mich herum zu konzentrieren und auf das was ich einfach in dem Moment auch tun kann und dann ist es wirklich wunderbar schön.
Helen
Vielleicht probiere ich es noch mal.
Rebekka Frank
Ich kann es wirklich empfehlen. Die Zeit vergeht anders, es ist alles so ruhig und man muss sich ja auch ganz ganz langsam bewegen, alles um einen herum ist sehr langsam und ruhig und je nachdem wo man taucht, kann es auch so eine wunderschöne bunte Welt sein, die so anders ist als alles, was wir über Wasser so kennen. Also unsere Welt ist ja vollkommen unterschiedlich von der unter Wasser, die ja einfach so riesig ist. Und wir wissen so wenig. Und wir haben so wenig Ahnung von dieser anderen Welt in unserer. Und das ist für mich so faszinierend.
Helen
Du machst auf jeden Fall Lust darauf. Manchmal muss man eben Ängste überwinden und über den eigenen Schatten springen. Was ich gerade noch dachte: Du hast ja verschiedene Genres ausprobiert – und ich fand das total cool, dass du ein Buch zum Thema Freundschaft geschrieben hast, mit deiner Freundin, mit der du auch einen eigenen Podcast hast. Da gibt es gerade keine aktuellen Folgen, aber fünfzig, die man sich schon mal anhören kann. Wie war der Schreibprozess zu zweit – und dann auch noch ein Sachbuch?
Rebekka Frank
Mir hat das wahnsinnig viel Spaß gemacht. Das war eine richtig tolle Zeit. Wir haben uns in der Zeit jeden Freitag getroffen, haben zusammen Kaffee getrunken, Apfelschnitze gegessen und über verschiedene Themen rund um Freundschaft gesprochen. Erst haben wir immer ganz viel diskutiert und geredet, und im zweiten Schritt haben wir versucht, das in Kapitel zu bringen. Jede hat einen Teil geschrieben, und dann habe ich versucht, das zusammenzufügen. Es hat wirklich viel Spaß gemacht. Ich weiß nicht, ob ich das bei einem fiktiven Text auch so könnte. Vielleicht, wenn man zwei Perspektiven hat, das finde ich auch immer noch eine ganz schöne Sache, wenn jeder für eine Perspektive zuständig ist. Sonst stelle ich mir das total schwierig vor, ohne dass man ständig in Diskussionen gerät. Im Sachbuch hat es wirklich von den Diskussionen gelebt und dadurch haben wir überhaupt auch ganz viele unserer Thesen entwickelt. Dieses Buch ist eigentlich durch unsere Gespräche entstanden.
Helen
Das klingt richtig cool, ein Buch so zu schreiben, dass man da mit jemand anders drüber spricht. Ich habe das, glaube ich, mal bei Brené Brown gehört: Bei einem Buch wusste sie nicht, wie sie es machen soll. Dann hat sie ihre Freundinnen übers Wochenende eingeladen und ihnen erzählt, was sie hineinschreiben will – und jemand hat mitgeschrieben. Das finde ich eine voll schöne Vorstellung. Das ist eigentlich auch sinnvoll, bei dem Thema Freundschaft, das mit einer Freundin zusammenzuschreiben. Das klingt auch sehr, sehr spannend. Aber wie war das Genre Sachbuch für dich? Hättest du da nochmal Lust drauf?
Rebekka Frank
Zusammen mit meiner Freundin schon – sie ist Psychologin, muss man dazu sagen und das ist immer ein sehr spannender Austausch, mich mit ihr über psychologische Themen zu unterhalten und wir kommen dann von zwei unterschiedlichen Perspektiven da zusammen. Sie von ihrer psychologischen und ich von meiner schriftstellerischen Seite – und das finde ich sehr schön. Alleine zieht es mich aktuell nicht dahin, aber wer weiß, was kommt.
Helen
Da kann man gespannt bleiben, weil du schon wirklich viele verschiedene Sachen ausprobiert hast. Eigentlich auch cool, wenn man sich gar nicht hundertprozentig festlegt, sondern einfach offen bleibt, dass was so kommt. Was mich noch interessieren würde: Wenn du so viel schreibst – hast du dann überhaupt noch Lust, selber zu lesen oder liest du nicht, während du schreibst, um dich nicht abzulenken? Wie sieht dein Alltag mit Büchern aus?
Rebekka Frank
Ich lese total gerne und könnte mir nicht vorstellen, das fürs Schreiben wegzulassen – ich glaube eher andersherum, dass es fürs Schreiben wichtig ist zu lesen. Und ja, ich brauche das auch total. Natürlich, wenn eine richtig stressige Schreibphase ist und die Deadline vor der Tür steht und ich muss einfach bis Nachts spät schreiben, dann gibt es auch Phasen, in denen ich weniger lese, als ich gern würde. Aber im Grunde versuche ich schon, mir meine Leseinsel immer zu schaffen.
Helen
Und liest du dann vorm Einschlafen, oder auch mal in der Mittagspause oder morgens? Wie sieht das bei dir aus?
Rebekka Frank
Auf jeden Fall immer vorm Einschlafen und oft dann auch so in den Abendstunden und wenn ich es irgendwie zwischendurch noch einrichten kann, auch zwischendurch, aber es ist dann doch im Alltag manchmal schwieriger und dann ist der Abend leichter zu bewerkstelligen.
Helen
Und man bewertet das ja oft so, dass nur zählt, wenn man ein tatsächliches Buch gelesen hat. Aber wenn man überlegt, was du in deiner Recherche alles an Wikipedia- und sonstigen Artikeln liest – das sind zusammengepackt wahrscheinlich auch noch mal einige Bücher.
Rebekka Frank
Das sind ja oft tatsächlich Bücher, manchmal auch antiquarische, oder viele Sachbücher. Aber ich brauche trotzdem noch meine Romane, die mich begleiten. Das finde ich immer total wichtig, wenn es irgendwie geht.
Helen
Und die dann vielleicht nichts mit dem Thema zu tun haben, die einen woanders hin entführen? Ja, mal so, mal so.
Rebekka Frank
Ich habe auch manchmal Phasen, in denen ich Dinge lese, die mich mit einer Stimmung umgeben, die ich auch in meinem Roman haben möchte, oder die in ein Setting führen, das für mich wichtig ist. Das habe ich schon auch manchmal – aber manchmal tut es auch total gut, was ganz anderes zu lesen, das einen entspannt und da rausholt.
Helen
Ja, wechselst du da auch die Genres?
Rebekka Frank
Manchmal schon, ja. Ich lese relativ querbeet – nicht so ganz krass in einem Genre unterwegs.
Helen
Hast du einen Tipp – was machst du, wenn du eine Leseflaute hast? Hast du überhaupt Leseflauten?
Rebekka Frank
Wenn, dann habe ich so viel anderes auf der Tagesordnung und merke dann, dass ich weniger lese, als ich gerne möchte. Ich bin auf jeden Fall dazu übergegangen, ein Buch abzubrechen, wenn ich gerade keine Lust darauf habe – weil es dann oft einfach am Buch liegt, das heißt ja nicht, dass das Buch schlecht sein muss, sondern dass es nicht das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt ist. Und ich merke, dass ich mehr Spaß am Lesen habe, wenn ich immer nur ein Buch gleichzeitig lese, aber das ist ja auch sehr individuell.
Helen
Manche hüpfen ja total gerne hin und her – das kann ich nicht so gut. Bei mir passiert das einfach, gar nicht mit Absicht. Ich glaube, weil ich ein Buch dann doch nach Stimmung auswähle. Ja. Es gibt auch Bücher, die lese ich in einem Rutsch durch, aber häufig wechsle ich einfach.
Rebekka Frank
Sachbücher lese ich ein bisschen weniger, die höre ich eher. Ich wechsle schon relativ viel zwischendurch, und dann habe ich plötzlich wieder so einen Stapel. Wie konnte das passieren? Parallel lese ich schon: Ich habe immer ein Hörbuch, das ich gerade höre, ein Printbuch, das ich lese, und zum Einschlafen noch ein E-Book – immer nur ein paar Seiten. Ein bisschen parallel mache ich das also schon, aber das ist eher den Medien geschuldet.
Helen
Okay – dann hast du vielleicht noch ein Buch, das dich in letzter Zeit total begeistert hat oder ein Hörbuch, was du richtig klasse fandst, das du zum Abschluss empfehlen kannst?
Rebekka Frank
Ich muss ganz kurz überlegen, welches ich nehme. Ich hatte in letzter Zeit ein paar, die ich so toll fand. Das letzte – ich weiß nicht, ob ich davon in Leipzig schon erzählt hatte. Die geheime Geschichte hatte ich jetzt gelesen von Donna Tartt.
Helen
Hatten wir nicht darüber gesprochen? Das kommt mir gerade bekannt vor.
Rebekka Frank
Genau, oder? Entweder war ich gerade dabei oder gerade fertig. Auf jeden Fall hatte ich vorher noch nichts von Donna Tartt gelesen und war vollkommen hin und weg.
Helen
Aber ich überlege gerade: Ist das das mit dieser Studentenverbindung oder irgendwie so was?
Rebekka Frank
Es geht um eine Gruppe von Studenten, die gemeinsam einen Mord begehen.
Helen
Das passiert gleich am Anfang, genau.
Rebekka Frank
Und dann geht es darum, warum sie den begehen und was danach mit ihnen passiert. Das ist total spannend.
Helen
Dir hat das richtig gut gefallen, ne? Ich habe das wirklich geliebt.
Rebekka Frank
Ja, ich glaube, wir sind darauf gekommen, weil ich es auch gerade angefangen hatte. Und bei mir liegt das nämlich jetzt seitdem.
Helen
Und ich bin gerade erst bei den ersten Seiten, deswegen: Es passiert wirklich am Anfang. Ja. Aber ich hadere echt noch ein bisschen damit, ob ich es doch abbreche. Also, ich komme einfach gar nicht weiter und ich hab gar keine Lust, es in die Hand zu nehmen. Ich habe schon gedacht, vielleicht kommt dieser Wendepunkt noch. Ich habe den Distelfink gelesen und das war auch ein sehr, sehr umfangreiches Buch. Aber das fand ich ganz, ganz toll. Ich fand generell den Stil von Donna Tartt toll. Deswegen denke ich jetzt gerade, vielleicht gebe ich dem Buch doch noch mal eine Chance, wenn du das so gut fandest.
Rebekka Frank
Vielleicht war es noch nicht der richtige Zeitpunkt.
Helen
Ja, vielleicht. Also Distelfink habe ich mir jetzt erst gekauft, den kenne ich nämlich noch nicht.
Rebekka Frank
Ich habe jetzt mit der geheimen Geschichte gestartet, und mich hat das völlig umgehauen, diese ganze düstere Stimmung und die Dynamik, die zwischen denen entsteht und wie es dazu kommen konnte. Ich fand das wirklich genial gemacht. Aber der Stil ist natürlich ein bisschen langsam – ihre Sätze nehmen sich Zeit und Raum und ich könnte mir vorstellen, dass es vielleicht wirklich so eine Stimmung ist, ob man sich gerade darauf einlassen kann oder ob man gerade vielleicht irgendwie was anderes schnelleres braucht. Beim Distelfink war das wie so ein Rausch. Da war es zwischendurch auch mal länger, aber ich war total drin.
Helen
Da hatte ich auch den Film geguckt, den fand ich auch gut – das habe ich selten.
Rebekka Frank
Da wäre ich mal gespannt, was du dazu sagst.
Helen
Ich probiere es noch mal, noch mal ein paar Seiten. Ich wollte das unbedingt mögen.
Rebekka Frank
Das ist dann natürlich ein Zeichen, dass es gerade nicht passt. Wenn man es eigentlich unbedingt mögen will und dann tut man es nicht – das ist immer schade. Ja. Muss ich vielleicht auch einfach akzeptieren. Ich finde das Thema Abbrechen immer noch schwierig, aber ich arbeite dran.
Helen
Und beim Hörbuch: Das eben hattest du ja als gedrucktes Buch gelesen. Hörst du dann etwas komplett anderes, zum Beispiel Sachbücher, oder einfach eine bunte Mischung?
Rebekka Frank
Ich höre tatsächlich voll gerne Sachbücher oder ich höre Bücher, die ich für meine Recherche brauche und die ich dann relativ schnell durchhören möchte und ja, dann höre ich die oft. Manche Romane möchte ich einfach kennen, um zu gucken: Grenzt sich mein Stoff genügend ab, überschneidet sich das thematisch nicht zu sehr. Und dann höre ich das gerne als Hörbuch. Ich überlege gerade, was für mich ein Highlight war. Das ist schon länger her, dass ich das gehört habe, aber das fand ich toll als Hörbuch: Im Grunde gut. Ist das ein Sachbuch? Ja.
Helen
Von – oh Gott, das weiß ich gerade gar nicht.
Rebekka Frank
Es hat so ein ganz zurückgenommenes Cover, aber ich weiß den Autor gerade leider nicht.
Helen
Ah, Rutger Bregman. Ja.
Rebekka Frank
Er versucht, die Menschheitsgeschichte neu zu erzählen – anders als viele Historiendarstellungen. Ich hoffe, ich fasse das richtig zusammen: dass der Mensch im Grunde gut ist. Das ist eine ganz, ganz positive Weltanschauung und ein ganz positives Menschenbild, das mich sehr begeistert hat.
Helen
Voll cool, ich schaue mir das noch mal an. Ich habe überlegt, ob ich das vielleicht mit dem anderen Buch von ihm verwechsle, Utopien für Realisten. Ich bin mir gerade nicht ganz sicher, aber ich habe was in der Richtung gehört, was ich auch sehr gut fand. Ich habe es mir jetzt mal auf meinen Merkzettel gesetzt.
Rebekka Frank
Ich mag nämlich super gerne Sachbücher zum Hören. Da kann ich auch gar nicht so viel Podcast hören.
Helen
Und dann hat man Wissen komprimiert, habe ich das Gefühl. Ja, voll.
Rebekka Frank
Ich liebe das auch total. Sachbücher sind als Hörbuch besser, finde ich. Und dann mag ich es auch gerne, wenn das von der Autorin selbst gelesen wurde.
Helen
Da fällt mir gerade ein: Gibt es auch Hörbuchfassungen von deinen Büchern, und liest du die selbst ein?
Rebekka Frank
Von allen Rebekka-Eder-Büchern und jetzt auch von Das Echo der Gezeiten gibt es Hörbücher, aber das sprechen professionelle Sprecherinnen ein. Ich selber mache zwar gerne Lesungen, aber ich bin keine professionelle Sprecherin. Also da bin ich total glücklich, dass das die großartigen Sprecherinnen machen.
Helen
Was ich auf deiner Seite gesehen habe: Du machst auch musikalische Lesungen. Das ist richtig cool. Ich verlinke die Lesungstermine auch noch in den Show Notes. Gern mal vorbeischauen – ich hatte gesehen, es stehen noch ein paar an.
Rebekka Frank
Ein paar stehen noch an, und es kommen auch noch welche dazu, die noch nicht auf der Homepage sind – das werde ich dann aktualisieren.
Helen
Da kann man sich selbst davon überzeugen. Ich fand es einen echten Glücksfall, dass wir uns in Leipzig kennengelernt haben, weil ich nicht weiß, ob ich sonst über das Buch gestolpert wäre. Ich fand es richtig cool, eine richtig gute Geschichte und ich fand es total toll, dich kennenzulernen. Ich finde es völlig faszinierend, was du alles schon gemacht hast, und hatte sehr viel Spaß an dem Gespräch. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast.
Rebekka Frank
Mir hat es auch total viel Spaß gemacht. Danke dir für die Einladung.
Helen
Dann würde ich sagen: Wir trinken unser Frauengold. Ja, unbedingt. Dann lassen wir beschwipst den Sonnenuntergang im Strandkorb ausklingen. Ich weiß gar nicht: Klappt man den am Ende so zu? Irgendwas macht man doch mit so einem Strandkorb.
Rebekka Frank
Ja genau, man klappt das so runter, dieses Dach und da kann man das noch abschließen.
Helen
Ist das nicht bei Mordlust im Podcast immer so am Ende?
Rebekka Frank
Also: Wir schließen den Strandkorb ab.




