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Podcast · Folge 44
Geschichten über Identität, Rassismus und Aktivismus: Sharon Dodua Otoo über »Adas Raum«
Der Livestream zum Buchclub-Monat September 2021 – im fünften Anlauf: über zwei Ich-Stimmen, Humor als Widerstand, eine erfundene Affäre von Ada Lovelace und die Entscheidung, auf Deutsch zu schreiben
Stand heute
Diese Folge ist die Audiofassung eines Livestreams vom 29. September 2021, dem Ende der Leserunde zu »Adas Raum« – Monatsbuch 09/21, die Leserunde lässt sich hier nachholen. Der Stream brach mehrfach ab; was hier zu hören ist, ist der fünfte Anlauf, die ersten Fragen fehlen deshalb. Als Podcast erschienen ist das Gespräch am 11. September 2023. Der neue Roman, von dem Sharon Dodua Otoo am Ende spricht und den sie für Ende 2023 erhoffte, ist 2026 erschienen: »So, in etwa, ist es geschehen« (S. Fischer). Achtung: Die Folge spoilert, auch das Ende.
Ein Schatz aus dem Archiv, sagt Helen in der Anmoderation – ein Gespräch, das bei Instagram ganz weit hinten versauern würde. Im September 2021 hat der Buchclub »Adas Raum« gelesen, und am Ende des Monats stellte sich Sharon Dodua Otoo im Livestream den Fragen der Mädels, obwohl die Verbindung vier Mal abbrach und sie jedes Mal wieder von vorn begann. Das Buch, so Helen, war „nicht ohne“: komplex, mit Jahrhunderten und Kontinenten, mit Frauen, die alle Ada heißen, und einem Wesen, das mit Gott hadert. Umso spannender, von der Autorin selbst zu hören, was sie damit wollte – vom Humor, den nicht alle verstanden haben, bis zu der Frage, warum ein Roman über Geschichte kein historischer Roman sein muss.
Sharon Dodua Otoo
Schriftstellerin, Herausgeberin und Kuratorin, Berlin
Sharon Dodua Otoo, geboren 1972 in London, ist Schriftstellerin, Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe »Witnessed« und Kuratorin des Schwarzen Literaturfestivals »Resonanzen«. Mit dem Text »Herr Gröttrup setzt sich hin« gewann sie 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis; 2020 hielt sie die Klagenfurter Rede zur Literatur »Dürfen Schwarze Blumen Malen?«. Ihr erster Roman »Adas Raum« erschien 2021 bei S. Fischer und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. 2025 hielt sie die Zürcher Poetikvorlesung, 2026 erschien ihr zweiter Roman »So, in etwa, ist es geschehen«. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.
Zwei Ich-Stimmen und die Frage der Zeugenschaft
Die erste Frage, die es in den fünften Anlauf schafft, war im Buchclub oft gestellt worden: Warum wird so viel aus der Perspektive der Gegenstände erzählt und die Adas kommen weniger zu Wort? Sharon Dodua Otoo setzt noch einmal an, auch für alle, die gerade erst dazukommen: Der Roman hat zwei Ich-Stimmen. Die eine gehört den Frauen, die alle Ada heißen. Die andere gehört einem Wesen, das geboren werden möchte und im Jenseits verweilt – dort, wo wir alle sind, bevor wir geboren werden –, das Zwiegespräche mit Gott führt und sich fragt, warum es immer wieder als Gegenstand auf die Erde verdonnert wird. Ja, sie wollte dramatischen Ereignissen Platz geben; es ging aber nicht darum, sie einfach zu erzählen, sondern darum, wie wir als Individuen und als Gesellschaft damit umgehen, ob wir diese Geschichten würdigen. Ihr Wunsch war, dass Ada nicht ausschließlich als Opfer gelesen wird: Sie erlebt die Geschichten und findet Strategien, sie leistet Widerstand – und sei es, in den Kapiteln im KZ, ein imaginierter Ort, an dem sie auf dem Mond wohnt. Ihre Menschlichkeit kann man ihr nicht nehmen. Das Wesen wiederum schafft Distanz, damit es beim Lesen nicht zu unmittelbar wird, und steht für die Perspektive derer, die weder Opfer noch Täter sind, aber mitbekommen, was passiert: eine Position der Zeugenschaft. Wie kann man Zeugenschaft ablegen?
Humor als Strategie
Helen fand gerade die Zwiegespräche mit Gott stellenweise richtig lustig – wenn das Wesen sich ärgert, schon wieder als Gegenstand zur Welt zu kommen. Da hakt die Autorin ein: Sie hat den Eindruck, dass Humor in der deutschsprachigen Literatur selten ist und extra betont wird, wenn ihn jemand verwendet. In Großbritannien, wo sie sozialisiert wurde, werde viel mehr gelacht, auch über Dinge, die ziemlich fies sind. Für sie ist Humor eine Möglichkeit, mit Diskriminierungserfahrungen und mit Dramatischem umzugehen – nicht der richtige Weg für alle, aber einer:
Also wir haben nicht viel Macht, Menschen, die von Rassismus betroffen sind. In gewissen Situationen können wir nicht viel machen, aber wir können hinterher uns darüber lustig machen, dass diese Leute sich so komisch verhalten haben.Sharon Dodua Otoo
Deshalb hat der Humor beim Schreiben für sie gestimmt – auch wenn sie von einem Literaturkritiker weiß, der das sehr kritisch sah. Für Helen lockert er die schweren Themen auf, die einen oft schlucken lassen: eine kurze Atempause, ohne dass das Buch aufhört zu berühren. Aus dem Chat kommt der Hinweis, dass deshalb auch das Hörbuch so gut funktioniert, weil man die Stimmen so gut unterscheiden kann. Zwei Personen haben es eingesprochen: Sharon Dodua Otoo die Ada-Stimmen, ihre Freundin, die Schauspielerin Dela Dabulamanzi, das Wesen. Wie anstrengend es ist, ein Hörbuch einzusprechen, hatte sie sich vorher nicht vorgestellt.
Ada Lovelace, Charles Dickens und ein Kapitel auf Seite 111
Warum stirbt Ada Lovelace im Roman eines gewaltsamen Todes, und warum muss sie ein Verhältnis mit Charles Dickens haben? Helen hatte vermutet, das beruhe auf wahren Begebenheiten – leider nicht, sagt die Autorin, und blättert live nach dem Kapitel, in dem die drei historischen Adas zum ersten Mal zusammenfließen: Seite 111, ein kurzes, heftiges Kapitel, in dem sie stirbt und ins Jenseits geht, wo erklärt wird, wie das alles funktioniert; danach kommt Ada 2019 nach Berlin. Sie hat dieses Kapitel geschrieben, bevor sie die Todesszenen der historischen Teile schrieb, und brauchte etwas, das alle drei hätten erleben können – Regentropfen im Gesicht, Stimmen. Deshalb werden alle drei erschossen. Sie betont: Das ist kein historischer Roman. Manches ist plausibel oder tatsächlich passiert, aber vor allem ging es um Emotionen – wie es sich anfühlte, 1848 als Frau und mathematisches Genie zu leben. Die historische Ada Lovelace kannte Dickens, der sie in ihren letzten Monaten besuchte; sie starb mit 36. Beide waren verheiratet und hatten Affären, und die Frage der Autorin war: Was wird überliefert, was erscheint wichtig genug, um aufgeschrieben zu werden? Hätten die beiden etwas miteinander gehabt, wüssten wir es überhaupt? Dazu wollte sie mit Geschlechterrollen spielen – sie die Kalte, Rationale, er der Emotionale – und Dickens, den ernst zu nehmenden Mann und engagierten Autor gegen die Armut, aus einer anderen Perspektive zeigen. Auch ihr selbst wird gesagt, sie schreibe engagierte Literatur; daraus hat sie ein Spiel gemacht.
2019, Halle und ein Satz über weiße Männer
Eigentlich wollte Sharon Dodua Otoo einen Roman über das Jahr 2019 schreiben – auch, weil sie 2019 ein Stipendium einer Hamburger Stiftung bekam, das alle zwei Jahre vergeben wird, um den „Roman des Jahres“ zu schreiben. Vieles war da schon geschrieben, eine Gegenwartsebene ohnehin geplant, und in der Überarbeitung baute sie kleine Hinweise auf 2019 ein. In den Dickens-Teil von 1848 kam ein Satz, sinngemäß: Mit den Schwarzen auf der einen und den Frauen auf der anderen Seite wusste er nicht mehr, woher die nächste Anfechtung seiner gottgegebenen Autorität kommen würde – ein Kommentar auf die Zeit der Abolitionsbewegung und des Kampfs ums Frauenwahlrecht, aber natürlich auch auf 2019, in dem sich so viele weiße Männer von Feminismus und Rassismuskritik bedroht fühlen und sich um Cancel Culture sorgen. Helen erinnert an den aktuellen Bezug zum Anschlag von Halle 2019 – und wundert sich, wie wenig Zeit zwischen Abgabe und Erscheinen gelegen haben muss, um so Aktuelles noch einzubringen. Dazu kam Corona: Sie schrieb, und plötzlich funktionierte die Welt nicht mehr – eine große Herausforderung.
Warum auf Deutsch?
Helen gesteht, sie habe anfangs gedacht, das Buch sei auf Englisch erschienen und dies die deutsche Ausgabe – bis sie verstand, dass es auf Deutsch geschrieben ist, was im Buchclub viele beeindruckt hat. Wie kam es dazu? Sharon Dodua Otoo hält die Kurzgeschichte »Herr Gröttrup setzt sich hin« in die Kamera, in einer Ausgabe mit Übersetzungen ins amerikanische und ins britische Englisch. Sie hatte sie als Auftragstext über Privilegien geschrieben – eigentlich war ein Essay gewünscht, sie fragte, ob es Belletristik sein dürfe. Die Publikation kam nicht zustande, die Geschichte lag zwei Jahre in ihrer Dropbox. Dann meldete sich Sandra Kegel, damals Jurorin beim Bachmann-Wettbewerb, die wusste, dass sie schreibt, aber nicht, ob sie überhaupt Deutsch spricht: Ihre Geschichten waren bis dahin auf Englisch entstanden und von Mirjam Nuenning übersetzt worden. Sie schickte die eine Geschichte, die passen könnte – hätte sie gewusst, wie der Wettbewerb funktioniert, hätte sie ein „sprechendes Frühstück“ nie eingereicht. Es kam zum Wettbewerb, und danach war klar: Der Roman, der aus der Geschichte entsteht, muss konsequenterweise auf Deutsch geschrieben werden. Sprache ist für sie auch eine Frage von Macht und Diskriminierung; sie hat im Roman lange an Formulierungen geschliffen und bewusst auf behindertenfeindliche Beleidigungen verzichtet – Arbeit, die kaum jemand bemerkt, die aber nötig ist, wenn man niemanden ausschließen will. Den Anspruch, es richtig zu machen, hat sie nicht, sagt sie – nur den, einen Versuch in die richtige Richtung zu gehen und aus dem Feedback zu lernen, mit ihrem Lektor und den Zugängen, die sie hat. Helen ergänzt, dass ihr über den Instagram-Account viel direkt gespiegelt wird, wenn sie Fehler macht – und dass Bücher ein Raum sind, in dem man so etwas entdecken kann.
Welche Ada war zuerst da – und warum Geschichte sich wiederholt
Die erste Ada war die Putzfrau am Schluss der Kurzgeschichte, die im Roman gar nicht mehr vorkommt; beim Schreiben des Romans war es dann die allererste, in Westafrika, ganz weit zurück in der Geschichte. Helen mochte die Parallelen, die sich durch die Zeiten ziehen – immer eine Freundin oder Begleiterin, immer der Tod am Ende, immer ein Wilhelm oder Guillaume –, weil sie Ankerpunkte geben, wenn das Buch schwer zu fassen ist. Das hat mit dem Geschichtsbild der Autorin zu tun: Die Vorstellung, Geschichte sei linear und werde immer besser, alles Frühere primitiv, alles Spätere glänzend, gefällt ihr weniger als die, dass Geschichte sich wiederholt – dass wir vor ähnlichen Herausforderungen stehen und immer wieder die Chance haben, es anders zu machen. Es hilft ihr, zu denken, dass das, was sie erlebt, nicht neu ist, dass Menschen vor ihr Lösungen für ähnliche Konstellationen gefunden haben – und dass die nächste Generation in fünfzig Jahren vielleicht andere Möglichkeiten hat, auch wenn das Patriarchat ziemlich hartnäckig ist.
Buchtipps: Witnessed, Bazyar, Gyasi
Zum Schluss die Buchtipps, zuerst, wie sie sagt, nicht ganz passend: die englischsprachige Buchreihe »Witnessed«, die sie herausgibt – Publikationen, die im deutschsprachigen Kontext entstanden sind, etwa ein Fotobuch über Schwarze Frauen in Deutschland mit Texten über Erfahrungen des Schwarzseins, ein Theaterstück, eine Anthologie über Kunst. Auf Deutsch hat sie zuletzt »Drei Kameradinnen« von Shida Bazyar sehr genossen: wie Bazyar mit der Struktur spielt, mit Zeiten und Reihenfolgen, und schreibt, dass Menschen mit Diskriminierungserfahrungen ihre Geschichte nicht sauber erzählen können, weil das Leben nicht sauber ist. Helen bedauert, dass das Buch nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gekommen ist – für November hatte der Buchclub einen Platz für das Gewinnerbuch reserviert. Und »Heimkehren« von Yaa Gyasi, ein ähnlicher Gedanke darüber, wie die Vergangenheit auf die Gegenwart fortwirkt: zwei Schwestern, eine wird versklavt, die andere mit einem Mann verheiratet, der mit versklavten Menschen handelt, und sechs Generationen ihrer Nachkommen. Das Buch lag bereits in der Buchclub-Auswahl und liegt gerade auf Helens Nachttisch. Dann ist es spät – Helens erster so später Livestream –, am nächsten Tag steht das Buchclub-Treffen an, und Sharon Dodua Otoo verrät noch, dass sie einen neuen Vertrag unterschrieben hat: Wenn alles rechtzeitig fertig wird, erscheint das nächste Buch Ende 2023. Es wäre ihr eine Ehre, dann wieder dabei zu sein.
Was es mit dem sprechenden Frühstück auf sich hat, welche Seite die Autorin live sucht und wie man einen Livestream im fünften Anlauf rettet – das hörst du in der ganzen Folge.
Die ganze Folge hören
Die Bücher aus der Folge
Das Monatsbuch, die Kurzgeschichte, aus der es entstand, und die beiden Tipps der Autorin.
Adas Raum
Sharon Dodua Otoo · Fischer Taschenbuch · 320 Seiten
Das Monatsbuch 09/21, hier als Taschenbuch: Adas Leben in Schleifen durch Jahrhunderte und Kontinente, erzählt von den Adas und einem Wesen im Jenseits.
Leserunde nachholenMonatsbuch 09/21
Herr Gröttrup setzt sich hin
Sharon Dodua Otoo · S. Fischer · 64 Seiten
Die Bachmannpreis-Geschichte von 2016, aus der der Roman entstand – hier in der Ausgabe mit drei Texten und Zeichnungen der Autorin.
Drei Kameradinnen
Shida Bazyar · Kiepenheuer & Witsch · 352 Seiten
Sharon Dodua Otoos deutschsprachiger Tipp: ein Roman, der mit Struktur und Reihenfolge spielt.
Heimkehren
Yaa Gyasi · übersetzt von Anette Grube · DuMont · 416 Seiten
Zwei Schwestern in Ghana, sechs Generationen – ihr zweiter Tipp, falls »Adas Raum« für dich funktioniert hat.
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Häufige Fragen
Worum geht es in »Adas Raum« von Sharon Dodua Otoo?
Der Roman erzählt aus zwei Ich-Stimmen, wie die Autorin in der Folge erklärt: aus der Perspektive mehrerer Frauen, die alle Ada heißen und in verschiedenen Jahrhunderten und auf verschiedenen Kontinenten leben, und aus der Perspektive eines „Wesens“, das im Jenseits darauf wartet, als Mensch geboren zu werden, Zwiegespräche mit Gott führt und immer wieder als Gegenstand auf die Erde geschickt wird. Die Adas erleben Gewalt und Diskriminierung, sind aber nicht nur Opfer: Sie finden Strategien und leisten Widerstand. Das Wesen schafft Distanz und stellt die Frage nach Zeugenschaft – wie Menschen, die weder Täter noch Opfer sind, mit dem umgehen, was sie mitbekommen.
Warum schreibt Sharon Dodua Otoo auf Deutsch, obwohl Englisch ihre Muttersprache ist?
Wegen der Kurzgeschichte »Herr Gröttrup setzt sich hin«, erzählt sie: ein Auftragstext über Privilegien, der nie erschien und zwei Jahre in ihrer Dropbox lag – bis Sandra Kegel, damals Jurorin beim Bachmann-Wettbewerb, sie ansprach, ohne zu wissen, ob sie überhaupt auf Deutsch schreibt. Ihre früheren Geschichten waren auf Englisch entstanden und von Mirjam Nuenning übersetzt worden. Mit dem Text gewann sie 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis, und der Roman, der aus der Geschichte entstand, musste konsequenterweise auf Deutsch geschrieben werden. Sprache ist für sie auch eine Frage von Macht: Im Roman hat sie bewusst auf behindertenfeindliche Beleidigungen verzichtet.
Hatten Ada Lovelace und Charles Dickens wirklich eine Affäre?
Nein. Sharon Dodua Otoo betont in der Folge, dass »Adas Raum« kein historischer Roman ist. Die historische Ada Lovelace kannte Dickens, der sie in ihren letzten Lebensmonaten besuchte; beide waren verheiratet und hatten Affären. Die Frage der Autorin war, was von Geschichte überliefert wird – hätten wir überhaupt davon erfahren? Dazu wollte sie mit Geschlechterrollen spielen und Dickens, den engagierten Autor gegen Armut, einmal anders zeigen. Der gewaltsame Tod der Adas ist ebenfalls erfunden: Die Autorin brauchte ein Ereignis, das alle drei historischen Adas hätten erleben können, um sie in einem Kapitel zusammenzuführen.
Welche Bücher empfiehlt Sharon Dodua Otoo in der Folge?
Ihre eigene englischsprachige Buchreihe »Witnessed« mit Publikationen aus dem deutschsprachigen Kontext, darunter ein Fotobuch über Schwarze Frauen in Deutschland, ein Theaterstück und eine Anthologie über Kunst. Außerdem »Drei Kameradinnen« von Shida Bazyar, deren Spiel mit der Struktur sie fasziniert hat – und »Heimkehren« von Yaa Gyasi, das über sechs Generationen erzählt, wie die Vergangenheit auf die Gegenwart fortwirkt.
Wer ist Sharon Dodua Otoo?
Geboren 1972 in London, Schriftstellerin, Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe »Witnessed« und Kuratorin des Schwarzen Literaturfestivals »Resonanzen«. 2016 gewann sie mit »Herr Gröttrup setzt sich hin« den Ingeborg-Bachmann-Preis, 2020 hielt sie die Klagenfurter Rede zur Literatur »Dürfen Schwarze Blumen Malen?«. Ihr erster Roman »Adas Raum« erschien 2021 bei S. Fischer; 2025 hielt sie die Zürcher Poetikvorlesung, 2026 erschien ihr zweiter Roman »So, in etwa, ist es geschehen«. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.
Mehr zu Sharon Dodua Otoo
Die ganze Folge zum Nachlesen
Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme. Helens An- und Abmoderation des Podcasts und der eingesprochene Hinweis auf die Schmökerrunde stehen nicht hier. Der Livestream ist der fünfte Anlauf des Abends – die ersten Fragen fehlen deshalb.
Helen
Bevor wir jetzt mit der Folge beginnen, wollte ich hier ganz kurz erzählen, was dich hier heute erwartet. Wir haben nämlich wieder ein Schatz aus dem Archiv gehoben. Ein Gespräch, das wir schon vor einer ganzen Weile geführt haben und was einfach zu schade wäre, wenn es bei Instagram ganz, ganz weit hinten irgendwo versauert. Und zwar mit Sharon Dodua Otoo zu »Adas Raum«. Das Buch haben wir im September 2021 gelesen und eben auch dann Ende des Monats das Gespräch geführt. Also du müsstest wirklich eine Weile nach hinten scrollen, um das wiederzufinden. Es ist aber ein wirklich spannendes Gespräch. Und ja, deswegen wollte ich das einfach nochmal hervorholen. Aber wie immer der Hinweis, du könntest gespoilert werden, wenn du das Buch noch nicht gelesen hast. Ist ein super spannendes Gespräch. Damals war es allerdings super schade, weil wir ein paar mal neu ansetzen mussten, wie das eben so ist oft bei den Instagram Lives oder mittlerweile ist es ein bisschen besser, aber es gab eine Zeit, da war das super frustrierend, weil immer wieder diese Livestreams abgebrochen sind und wir haben, glaube ich, viermal neu angesetzt. Also es war ja etwas frustrierend, aber ich habe mich sehr gefreut, dass Sharon Dodua Otoo die ganze Zeit geblieben ist, es auch immer wieder neu angesetzt hat, die die eine Frage immer wieder neu beantwortet hat. Und das Buch an sich war gar nicht mal so ohne. Also insofern, ich fand’s ja komplex auf jeden Fall. Und gerade bei solchen Büchern finde ich es einfach mega spannend, auch so ein bisschen die Intention des Autors oder der Autorin zu erfahren. Und ja, Ja, da gibt uns Sharon Dodua Otoo echt einen super Einblick und ich finde, das Gespräch lohnt sich total, auch wenn du das Buch noch nicht gelesen hast oder vielleicht gar nicht vorhast zu lesen, weil vielleicht können wir dich mit diesem Gespräch ja überzeugen. Und wenn du es nachholen möchtest, ist das möglich, dann geh einfach über den Link in den Show Notes auf die Webseite von Mädels, die lesen, kannst du auch sonst direkt machen. Und wenn du auf das Buch klickst bei den Büchern, die wir gelesen haben, dann findest du die Möglichkeit, die Leserunde nachzuholen. Jetzt wünsche dir auf jeden Fall viel Spaß mit dem Gespräch mit Sharon Dodua Otoo. Sollen wir vielleicht einfach jetzt mal eine neue Frage einstreuen?
Sharon Dodua Otoo
Ja.
Helen
Okay, ich finde es ein bisschen schade, weil wir jetzt natürlich das, was vorher in den ersten vier Versuchen gesagt wurde, nicht mit drin haben.
Sharon Dodua Otoo
Aber vielleicht kann ich versuchen, Sachen zu wiederholen.
Helen
Ja, okay. Ich wollte eigentlich eben anknüpfen, weil Sie das schon gesagt haben. Weil es gab die Frage, warum zum Beispiel so viel aus der Perspektive der Gegenstände gesprochen wurde und die Adas aber nicht so sehr zu Wort kamen. Und ich habe so ein bisschen das Gefühl, da haben Sie schon eine Antwort drauf gegeben, weil das mehr Distanz schafft. Aber vielleicht ist das jetzt eine gute Gelegenheit, das nochmal aufzugreifen.
Sharon Dodua Otoo
Ja, sehr, sehr gerne. Ich versuche nochmal, damit Leute, die jetzt gerade dazu kommen, noch ein bisschen Anschluss finden. Ja, der Roman wird aus zwei Ich-Stimmen erzählt. Es gibt die Ich-Perspektive, die diversen Frauen, die alle Ada heißen oder Ada. Und dann gibt es diese Ich-Perspektive. Ich nenne das ein Wesen, das ist ein Wesen, das geboren werden möchte, das verweilt im Jenseits, in einem Ort, wo wir alle zurück und wo wir alle verweilen, bevor wir überhaupt geboren werden. Dort finden diese Zwiegespräche mit Gott statt und die ganzen Überlegungen, warum dieses Wesen noch nicht Mensch auf die Erde kommen kann, warum es immer wieder als Gegenstand, immer wieder dazu verdonnert wird, auf der Erde zu leben. Und ja, das ist so, dass ich auf jeden Fall dramatische Sachen Platz geben wollte in meinem Roman. Aber es war nicht so, dass ich, es ging nicht darum, dramatische Sachen einfach so zu erzählen, sondern es ging darum zu schauen, wie wir als Individuen und wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Also geben wir diesen Geschichten Platz und würdigen wir sie. Und wie können wir das machen? Das war die eine Seite. Also es gibt die Perspektive von der Frau, die Ada heißt, die das erzählt. Und mein Wunsch und mein Versuch war, dass Ada nicht so wahrgenommen wird, dass es keine Person ist, die ausschließlich als Opfer zu lesen ist. Sondern sie erlebt halt diese Geschichten und findet eine Strategie, um damit umzugehen. Also sie leistet auch Widerstand. Und sei es auch, also in den Teilen im KZ, sei es ein Ort, imaginiert in ihrem Kopf, wo sie ganz, wo sie auf dem Mond wohnt. Das ist etwas, was man ihr nicht nehmen kann, ihre Menschlichkeit. Dann gibt es ein Teil, was aus der Ich-Perspektive von diesem Wesen erzählt wird. Und das ist so, um eine gewisse Distanz zu bringen, damit es nicht so unmittelbar, ja, es soll nicht dramatisch wirken beim Lesen. Aber auch geht es um diese Perspektive von Menschen, die nicht involviert sind, die sind weder als Opfer oder Täter zu lesen in den jeweiligen Situationen, kriegen das aber trotzdem mit, dass diese Sachen passieren. Und das ist eine Position von Zeugenschaft? Und wie können wir Zeugenschaft ablegen? Und das ist auch ein Grund, warum es diese andere Erzählperspektive gibt.
Helen
Ja, ich fand es auf jeden Fall eine sehr erfrischende Abwechslung. Ich hatte es auch eben schon gesagt, ich fand auch gerade die Aspekte sehr, ja, teilweise wirklich lustig zu lesen, besonders so die Zwiegespräche mit Gott und wo sie sich dann irgendwie ärgert, weil sie immer noch als Gegenstand wieder zur Welt kommt.
Sharon Dodua Otoo
Genau. Kann ich kurz einhaken, was zu diesem Humor sagen? Ich habe das Gefühl, und ich weiß nicht genau warum, aber ich habe das Gefühl, in der deutschsprachigen Literatur ist Humor etwas eher Seltenes, was verwendet wird. Zumindest, ich merke immer wieder, wenn ein Autor oder eine Autorin Humor verwendet, dass das nochmal extra betont wird. Man kann auch lachen. Und ich glaube, Humor ist für mich, da ich in Großbritannien sozialisiert worden bin, das ist etwas, also ich habe das Gefühl, es wird, wenn ich mal pauschal sagen darf, Es wird viel mehr gelacht, in London oder in England, auch über Sachen, die ziemlich fies sind. Und ich denke, Humor ist eine Möglichkeit, um mit Diskriminierungserfahrung umzugehen und mit Dramatischem umzugehen. Das muss nicht heißen, dass alle das so machen sollen. Das ist nicht der richtige Weg. Aber das ist in jedem Fall eine Möglichkeit. Also wir haben nicht viel Macht, Menschen, die von Rassismus betroffen sind. In gewissen Situationen können wir nicht viel machen, aber wir können hinterher uns darüber lustig machen, dass diese Leute sich so komisch verhalten haben. Das ist eine Möglichkeit, um damit, um mit diesen Verletzungen und so umzugehen. Und das ist der Grund, warum für mich Humor gestimmt hat beim Schreiben. Das hat für mich Sinn ergeben. Aber es ist nicht bei allen angekommen, also ich weiß von einem Literaturkritiker, der das sehr, sehr kritisch gesehen hat.
Helen
Okay, wo das dann nicht so gut ankam oder… Ich fand das irgendwie nett, weil es das einfach tatsächlich zwischendurch nochmal auflockert, sind eben einfach sehr ernste, schwere Themen und man muss oft schlucken, weil man trotz allem, finde ich, ja doch auch nah dran ist. Ja. [unverständlich]
Sharon Dodua Otoo
Ja, es wäre auch nicht gut, wenn das einfach auch, egal, das soll auch berühren, stimmt schon.
Helen
Ja, absolut und ich denke, das schafft es auf jeden Fall. Aber dann eben diese kurzen, das ist wie so kurz mal irgendwie Luft holen und einfach so eine kurze Atempause zwischendurch. Ich hatte gerade kurz gesehen, dass hier jemand geschrieben hat, dass das Hörbuch deswegen auch so toll war. Das war so schön am Hörbuch, dass man die Stimmen so gut unterscheiden konnte. Das haben Sie doch auch tatsächlich selbst auch eingesprochen, ne?
Sharon Dodua Otoo
Wir waren zwei Personen. Also ich habe die Ada-Stimmen vorgelesen und meine gute Schauspielerfreundin Dela Dabulamanzi hat ja das mit dem Wesen vorgelesen. Ich bin sehr dankbar, dass sie das gemacht hat, weil ich habe mir nicht vorgestellt, wie anstrengend es ist, ein Hörbuch einzusprechen. Es war sehr viel Arbeit.
Helen
Das glaube ich sofort, ja. Aber ich finde es immer total klasse, wenn es auch die Optionen gibt. Und ich bin immer sehr begeistert tatsächlich, wenn das vom Autor oder der Autorin eingesprochen wird. Irgendwie finde ich das einfach immer nochmal so ein bisschen so einen besonderen Twist. Deswegen schön. Das hatten, glaube ich, tatsächlich auch einige genutzt, dass es die Optionen gibt. Zu den Adas. Ich habe dann irgendwie im Kopf immer direkt Ada, aber…
Sharon Dodua Otoo
Ja, alles richtig.
Helen
Da gab es eine Frage. Ich habe das Gefühl, irgendwie selber schon eine Antwort zu haben, aber ich versuche natürlich so ein bisschen die Fragen auch weiterzugeben. Es war die Frage, warum Ada oder Ada Lovelace eines gewaltsamen Todes stirbt und warum sie ein Verhältnis mit Charles Dickens haben muss, stand da sogar. Und ich habe so gedacht, ich glaube, das ist tatsächlich wahr oder nicht. Also ich hatte das Gefühl, dass das auf wahren Begebenheiten beruht oder stimmt das nicht?
Sharon Dodua Otoo
Nein, nein, leider nicht.
Helen
Schade.
Sharon Dodua Otoo
Also, ja, okay, das, okay, mit dem gewaltsamen Tod erstens. Es gibt einen Teil [unverständlich], ich versuche schnell zu gucken, welche Seite das sein mag. Ich sehe das nicht sofort. Aber das ist am Ende vor dem ersten Teil. Das ist ein Kapitel, das heißt auch Ada, das ist am Ende, so ungefähr Seite 80, meine ich, oder so, und das fängt an mit diesem Wort hier. Soll ich einfach weiter erzählen? Ja, ich glaube, wahrscheinlich haben wir so eine kurze Differenz hier, dass das vielleicht später ankommt oder so. Ja, das kann gut sein. Ich habe es gefunden, es ist viel später, Seite 111 ist das. Ok, ja. Seite 111 ist ein relativ kurzes Kapitel und es führt alle drei historischen Adas zum ersten Mal zusammen in einem. Und diese Szene ist eine heftige Szene, sie stirbt. Und es erzählt, wie diese drei Figuren zusammenfließen und dann eigentlich gehen sie zum Jenseits, wo es eine Erklärung gibt, wie das alles funktioniert. [unverständlich] können wir ein andermal besprechen. Und dann kommt sie 2019 nach Berlin. Und ich habe versucht, einen Moment zu finden. Also ich glaube, ich habe diese Kapitel geschrieben, bevor ich die Todesszenen von den historischen Teilen geschrieben habe. Ich habe versucht, etwas zu finden, was nicht festzulegen war auf eine Person, sondern dass alle drei das hätten erleben können. Und deswegen wird erzählt, dass sie Regen, ich glaube auf ihr Gesicht gibt es Regen-Tropfen und sie hört Stimmen und diese Sachen hätten in alle drei Zeitepisoden stattfinden können, so wie ich die Todesszenen geschrieben habe. Das war der Grund, warum Ada 1848, also einfach von der Handlung her, warum sie erschossen wurde. Alle drei werden erschossen. Ja. Das ist nicht im echten Leben passiert. Also ich möchte hier an dieser Stelle betonen, das ist kein historischer Roman. Es gibt so ein paar Sachen, wo ich geguckt habe, okay, das ist plausibel, das hätte vielleicht passieren können oder das ist passiert. Aber es gab viele Sachen, wo es mehr um was anderes ging. Es ging mehr um eine Beschreibung von Emotionen. Also wie hat sich das angefühlt, zum Beispiel als Frau, mathematisches Genie sogar, 1848 zu leben. Und von dieser Frage aus habe ich dann über diese weiteren Sachen nachgedacht. Die historische Figur Ada Lovelace hat Charles Dickens gekannt, also die waren irgendwie befreundet, glaube ich. Zumindest hatte sie zum Beispiel besucht, als sie krank war. Sie starb sehr früh, nicht so früh wie ich das geschrieben habe, sondern sie war irgendwie, glaube ich, 36 Jahre alt und hatte eine Art von Gebärmutterkrebs oder so. Hat sehr gelitten, weil ihre Mutter auch nicht so freundlich zu ihr war. Und ich meine, Charles Dickens hat sie auch besucht in den letzten Monaten oder so. Und so viel ich weiß, wie ich das recherchiert habe, hat Ada Lovelace tatsächlich. Sie war verheiratet, hatte aber Affären gehabt. Charles Dickens war verheiratet, hatte aber auch Affären gehabt. Und eine meiner Fragen war, was wird in der Geschichte überliefert? Was kriegen wir mit? Was erscheint wichtig genug, dass wir das aufschreiben? Und was ist nicht so wichtig und das wird ignoriert? Und da war die Frage, was, wenn Ada Lovelace und Charles Dickens was zusammen gehabt hätten, würden wir das überhaupt wissen? Aber das war eine Nebensächlichkeit. Ich habe auch ein bisschen mit diesen Gender-Rollen spielen wollen, besonders in der ersten Szene, wo wir die beiden erst kennenlernen. Sie, diese kalte, rationale und eher so emotional, das war einfach so ein Spiel einfach. Und Charles Dickens aus einer anderen Perspektive zu zeigen, also sonst ist er immer, you know, ein ernst zu nehmender Mann. Und ein weiterer Aspekt ist Charles Dickens, das ist auch ein Autor, der sich positioniert hat, als er wollte gegen Armut sozusagen schreiben. Der war auch irgendwie, man würde das, glaube ich, engagierte Literatur nennen. Also diese ganzen Geschichten, Oliver Twist und so weiter. Das war sein Beitrag dazu, Aufmerksamkeit darauf zu bringen, dass es dieses Problem in England gab und ich habe über mich nachgedacht als Autorin und mir wird gesagt, ich schreibe engagierte Literatur. Da so ein Spiel draus gemacht.
Helen
Ja, ich könnte mir vorstellen, dass das dann schon auch Spaß macht, irgendwie in diese Rolle einzutauchen und sich zu überlegen, so wie war das Leben dann 1848?
Sharon Dodua Otoo
Ganz genau, ja. Und ich kann das weiter… Ich habe ja eigentlich ein Roman über 2019 schreiben wollen. Zum Teil auch, weil ich ein Stipendium bekommen habe, das ist ein Stipendium, das heißt [unverständlich]-Stipendium, ausgelobt von einer Stiftung in Hamburg. Und das wird alle zwei Jahre ausgelobt. Und in dem Jahr, also ich habe das 2019 bekommen, alle zwei Jahre bekommt ein Autor oder eine Autorin die Chance, der Roman des Jahres zu schreiben. Also das soll irgendwie die Stimmung einfangen von dem Jahr, in dem es geschrieben wird. Ich hatte nun vieles schon geschrieben, als ich dieses Stipendium bekommen hatte. Ich wusste aber, dass ich sowieso eine Gegenwartsebene einbauen wollte. Und in der Revision, also als ich immer wieder über diese älteren Teile nochmal gelesen, geschrieben, gelesen, geschrieben, habe ich dann so kleine Hinweise eingebaut auf 2019. Und in diesem Charles-Dickens-Teil 1848 habe ich einen Satz geschrieben, so ungefähr wie mit den Schwarzen auf der einen Seite und den Frauen auf der anderen wusste er nicht mehr, woher die nächste Anfechtung seiner gottgegebenen Autorität kommen würde und deswegen voraus eilend auf allen Fronten kämpften. Und das war auf jeden Fall ein Kommentar auf diese Zeit. Die Schwarzen, das waren Menschen, die versklavt wurden, und es gab eine große Bewegung für Abolition. Es gab die Frauen, die für Wahlrecht gekämpft haben. Aber of course, es ist auch ein Kommentar auf 2019, wo so viele weiße Männer sich bedroht fühlen. Entschuldigung, ich lache, aber das ist nicht als Witz gemeint. So viele Männer sich bedroht fühlen von Feminismus und rassismuskritischen Themen und sich auch, ja, sich Sorgen um Cancel Culture und so weiter machen. Das ist das, was ich mit kommentieren wollte.
Helen
Ja und in 2019 war ja auch dieser ganz aktuelle Bezug dann zu Halle. Ja. Das Buch ist aber doch jetzt glaube ich ist das dieses Jahr ja sogar erst rausgekommen. Also da ist ja wahrscheinlich gar nicht so viel Zeit zwischen irgendwie Abgabe, irgendwie also dass man tatsächlich noch diese ganz aktuellen Sachen irgendwie mit einbringen kann.
Sharon Dodua Otoo
Ja das war manchmal und es gab ja diese Corona-Geschichte obendrauf. Also ich hab geschrieben, dann plötzlich funktioniert die Welt nicht mehr. Das war eine große Herausforderung.
Helen
Glaub ich sofort. [Helens eingesprochener Hinweis auf die Schmökerrunde – hier nicht im Wortlaut.] Ich muss auch tatsächlich gestehen, dass ich am Anfang immer irgendwie überlegt hatte, ob das Buch eigentlich auf Englisch erschienen ist und das jetzt dann die deutsche Ausgabe ist, bis ich dann verstanden habe, dass es auf Deutsch erschienen. Und das war auch was, was häufiger genannt wurde, wie toll diese Sprache ist. Und das ist aber ja nicht ihre Muttersprache und da war irgendwie eine Frage gekommen, also wie kam es zu der Entscheidung das auf Deutsch dann zu schreiben, weil das bestimmt ja auch nicht immer so einfach dann ist oder sich, also wenn man Gedanken im Kopf hat, den auch dann zu Papier zu bringen. Besonders die Szenen in England zu schreiben, das auch, eine Sprache dafür zu finden, was irgendwie auf Deutsch englisch klingt, I don’t know.
Sharon Dodua Otoo
Das war nicht leicht. Aber das hat mit dieser Kurzgeschichte, ich halte das nochmal hoch, weil das war in dem anderen Video. Das ist diese Kurzgeschichte, »Herr Gröttrup setzt sich hin«. In dieser Ausgabe gibt es die Übersetzungen in US, amerikanisches Englisch hier und britisches Englisch da. Ich habe diese Kurzgeschichte geschrieben aus einem ganz anderen Impuls. Das war ein Auftragstext. Ich sollte ein Text über Privilegien schreiben und dann habe ich gefragt, ob ich das mit Belletristik machen darf, weil es war eigentlich ein Essay angefragt. Und dann kam es nicht zu der Publikation und deswegen lag diese Kurzgeschichte tatsächlich zwei Jahre lang oder so in meiner Dropbox. Und dann hat Sandra Kegel, damals Jurorin beim Bachmannwettbewerb, sich bei mir gemeldet, weil sie wusste, dass ich schreibe. Was sie aber nicht wusste, ist, ob ich überhaupt Deutsch spreche, weil meine Geschichten waren damals auf Englisch und dann ins Deutsch übersetzt worden von Mirjam Nuenning. Und ich habe sonst nichts auf Deutsch geschrieben, also nichts Kreatives. Ich habe gesagt, okay, es gibt diese eine Geschichte, das könnte passen. Ich schicke Ihnen das. Mal schauen. Hätte ich gewusst, wie das funktioniert mit dem Wettbewerb. Ich hätte diese Geschichte nie eingeschickt, weil das ist so ein, also ein sprechendes Frühstück. Wer schreibt so was? Anyway. Dann kam es zu dem Wettbewerb und so weiter und so fort. Und dann wusste ich, okay, dieses Romanprojekt, das aus der Geschichte entsteht, konsequenterweise muss das auf Deutsch geschrieben werden. Ich bin auch eine Person, die immer wieder sich dazu äußert, dass Sprache eine Möglichkeit ist, um Macht auszudrücken oder es kann Diskriminierung enthalten und wie können wir als kreative Menschen anders mit Sprache umgehen, damit Menschen nicht diskriminiert werden und so weiter und dann war das, also ich habe sehr viel an bestimmte Formulierungen geschliffen im Roman damit. Also ich habe zum Beispiel, das werden kaum Menschen merken, glaube ich, aber ich habe mir Mühe gegeben, keine Beleidigungen zu verwenden, die irgendwie behindertenfeindlich sind. Also ich habe zum Beispiel, [unverständlich] benutzt. Das sind Sachen, wo ich, wo ich dachte, es muss möglich sein, dass wir, dass wir Literatur produzieren, wo es, wo wir uns Gedanken darüber machen, was die Sprache auslösen kann und irgendwie Lösungen finden damit, dass, also wenn es unabsichtlich ist, ja, wenn ich Menschen, die behindert werden, nicht beleidigen möchte oder ausschließen möchte mit meiner Literatur, dann muss ich ein bisschen Arbeit machen, um darüber nachzudenken, wie das gehen kann.
Helen
Ja, absolut. Ich finde auch, da muss man sich auch immer wieder das Neue vor Augen führen, wo man vielleicht einfach auch immer noch Fehler macht und diese ständige bewusst machen auch. Gerade wenn man selber ja nicht betroffen ist, ich verliere es dann auch manchmal aus dem Blick und dann muss man es immer wieder nochmal sich selber vor Augen führen, vor Augen geführt bekommen. Ich kriege natürlich jetzt durch den Instagram-Account auch super viel einfach direkt gespiegelt, wenn ich Fehler mache, aber auch als ganz normalsterblicher, sag ich mal, hilft es gerade eben, ja, ich finde gerade, dass Bücher sowas eben einfach gut können. Man hat irgendwie so einen Raum, in dem man ein bisschen eintauchen kann und man kann vieles darüber entdecken.
Sharon Dodua Otoo
Ja, also ich glaube auch, dass viele Menschen auch einfach aktiv sind in diversen Kontexten und Literatur ist halt mein Bereich. Und dann habe ich geguckt, okay, was kann ich mit diesen Mitteln, die ich habe, diese Möglichkeiten, diese Menschen. Also ich habe einen wunderbaren Lektor, Hans-Jürgen Balmes und diese Zugänge, die ich habe, was kann ich machen? Und ich glaube, es ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Aber ich ich habe gemerkt, dass ich nicht den Anspruch habe, es richtig zu machen. Das wird kaum gehen, sondern ich habe den Anspruch, einen Versuch in die richtige Richtung zu gehen und hoffe auf Feedback, damit das nächste Projekt besser wird. So sehe ich das.
Helen
Ja, absolut. Hier wurde jetzt geschrieben, dass solche Themen nicht in der deutschsprachigen Literatur, also nicht oft behandelt werden, macht das Ganze noch toller, dass es auf Deutsch geschrieben ist. Ja, absolut. Ich gucke gerade nochmal hier auf meine Fragen. Da bin ich jetzt gar nicht so sicher, ob das eben beantwortet wurde und ich es nur nicht gehört habe. Ja, aber wir können, ja. Weil wir über die Reihenfolge und so gesprochen haben, aber es wurde auch gefragt, welche Ada war zuerst da?
Sharon Dodua Otoo
Ja, das ist wieder die Kurzgeschichte. »Herr Gröttrup setzt sich hin«, die erste Ada erscheint gar nicht mehr in dem Roman. Das ist die Putzfrau, die in der Kurzgeschichte ganz am Schluss erscheint. Aber dann, als ich den Roman geschrieben habe, ich glaube tatsächlich, es war die allererste in Westafrika [unverständlich]. Also direkt ganz, ganz weit zurückgegangen auch in der Geschichte.
Helen
Ja. Ich mochte halt auch, dass es ja viele Parallelen gab und man hat dann immer das Gefühl, oh, das erkenne ich wieder. Also zum Beispiel, das ist ja immer eine weibliche, Also Freundin oder irgendwie auf jeden Fall so eine Begleiterin irgendwie gab. Natürlich der Tod am Ende. Wilhelm oder Guillaume oder…
Sharon Dodua Otoo
Guillaume.
Helen
Ja, genau. Also man erkennt immer wieder Sachen wieder und hat dadurch irgendwie, glaube ich, auch so ein Gefühl, ein bisschen sich zurechtzufinden. Also so ging es mir. Also so oft ich auch gedacht habe, boah, das ist gar nicht so leicht zu fassen, gab es dann eben sowieso Ankerpunkte, an denen ich mich dann auch wieder festhalten konnte. Das hat mir sehr, sehr gut gefallen.
Sharon Dodua Otoo
Danke. Das hat damit zu tun. Ich habe versucht, darüber nachzudenken, wie. Wie empfinde ich Geschichte? Und für mich ist die Vorstellung, dass Geschichte linear ist oder so, also progressiv immer besser wird, alles was vorher kam ist primitiv und schlecht und alles was danach kommt ist glänzend und toll. Ich glaube mir gefällt besser die Vorstellung, dass Geschichte sich wiederholt, oder, ich glaube, ich habe mal gehört, [unverständlich], also dass Sachen sich wiederholen. Oder dass wir von ähnlichen Herausforderungen gestellt werden und immer wieder eine neue Chance haben zu gucken, wie können wir das anders machen oder besser machen. Und das war ein Teil der Grund, warum diese Struktur und warum es diese Elemente gab mit den Namen, die wiederkommen und so. Damit, ja, in meiner Vorstellung, es hilft mir zu denken, dass das, was ich mache, also das, was ich erlebe, gar nicht so neu ist. Und es gab Menschen, die vor mir gelebt haben, die Lösungen gefunden haben, für genau diese Situation, sehr ähnliche Konstellationen. Und ich habe eine Möglichkeit, irgendwas zu machen. Und vielleicht in der Zukunft wird das nicht gelöst sein. Also das Problem mit, keine Ahnung, dieses Patriarchat ist ziemlich hartnäckig, nicht? Aber vielleicht in 50 Jahren haben die nächste Generationen eine andere Möglichkeit, um damit umzugehen oder so.
Helen
Ich habe gerade irgendwie schon mit Schreck auf die Uhr geguckt, weil ich jetzt ihre Zeit schon so ewig in Anspruch genommen habe, dadurch, dass wir jetzt hier fünf Versuche brauchten, um das auszuspielen.
Sharon Dodua Otoo
Ja, das war so, ja.
Helen
Das tut mir echt leid. Aber ich fände es auf jeden Fall ganz spannend, falls Sie noch welche haben zum Abschluss. Vielleicht Buchtipps für uns als Buchclub natürlich immer spannend. Irgendwie was, gerade wenn man jetzt vielleicht sagt, das Thema, also ich weiß nicht, kann man jetzt auch vielleicht nicht ein Thema nur greifen, aber wenn man jetzt Blut geleckt hat und mehr haben möchte. Was, was könnten Sie da empfehlen?
Sharon Dodua Otoo
Alright, also firstly, aber das passt nicht so genau, aber ich sag’s trotzdem. Ich habe eine Buchreihe, die ich herausgebe.
Helen
Ja, genau.
Sharon Dodua Otoo
Das ist eine englischsprachige Buchreihe, das heißt Witnessed, also das sind alles englischsprachige Publikationen, aber die sind alle in deutschsprachigem Kontext entstanden.
Helen
Okay.
Sharon Dodua Otoo
Die haben, also das ist zum Beispiel ein Fotobuch über Schwarze Frauen in Deutschland und es gibt wunderschöne Fotos und dann ein Text von der Frau geschrieben. Und es geht um Erfahrungen mit dem Schwarzsein in Deutschland. Das ist ein Theaterstück und das ist auch ein Buch. Eine Anthologie über Kunst. Dann deutschsprachige Lesenempfehlungen. Was ich zuletzt richtig genossen habe, ist das in meinem … ach, das ist ganz woanders. Ich habe »Drei Kameradinnen« sehr genossen. Ich weiß nicht, habt ihr das schon gelesen?
Helen
Leider nicht. Es ist auch total schade, weil wir jetzt für November quasi einfach einen Platz gesichert haben für den oder die Gewinner*innen von dem Deutschen Buchpreis und das ist ja leider nicht auf die Shortlist gekommen.
Sharon Dodua Otoo
[unverständlich] Sehr, sehr schade.
Helen
Super schade.
Sharon Dodua Otoo
Das habe ich mit großem [unverständlich] gelesen. Ich finde, Shida Bazyar schafft es auch mit einer Struktur zu spielen, wo die Zeiten ineinander und also es geht sehr viel darum, wie kann man sich etwas vorstellen, wie es hätte sein können und sie schreibt auch etwas über Reihenfolgen und dass es quasi sehr schwer ist für Menschen, die Diskriminierungserfahrungen machen, ganz sauber erzählte Geschichte zu beschreiben, weil unser Leben ist nicht so sauber. Und das fand ich sehr, sehr faszinierend. Es gibt ein Buch, was auch in meiner Instagram-Liste, also Liste von Büchern, die ich gelesen habe, ich glaube, falls »Adas Raum« funktioniert hat, ist ein anderes Buch von Yaa Gyasi, »Heimkehren«, »Homegoing«. Und das ist richtig schön, sehr faszinierend. Ein ähnlicher Gedanke über, wie die Vergangenheit auf die Gegenwart fortwirkt. Es wird über zwei Schwestern erzählt und eine Schwester wird versklavt und dann werden so sechs Generationen, glaube ich, erzählt von deren Geschichte und eine Schwester wird verheiratet mit einem Mann, der mit versklavten Menschen handelt und diese Generationen werden erzählt. Das ist auch ein sehr herausforderndes Buch, glaube ich, aber ich habe das auch [unverständlich] gelesen.
Helen
Ja, das hatten wir auf jeden Fall irgendwie vor ein, zwei Monaten in der Auswahl, bin gerade gar nicht mehr sicher, so, es hat irgendwie nicht gewonnen. Aber es war, also ich kann gar nicht mehr sagen, welches Buch stattdessen gewonnen hatte. War auf jeden Fall in der Auswahl, aber das liegt jetzt tatsächlich gerade auf meinem Nachttisch. Ja. Also habe ich noch nicht mitbekommen, aber das werde ich jetzt erleben.
Sharon Dodua Otoo
Ich kann nicht viel sagen zu der Übersetzung, ich weiß es nicht. Die englische Sprache ist echt schön.
Helen
Ja, klingt gut. Werde ich teilen, vor allen Dingen auch die Magazine. Vielleicht schaue ich da auch noch mal Bilder raus.
Sharon Dodua Otoo
Ja, würde ich einen Link schicken, wo man sie findet.
Helen
Super gerne, ja, super gerne. Aber dann würde ich wahrscheinlich sagen, dass wir jetzt dann doch auch zum Ende kommen.
Sharon Dodua Otoo
Ja, klar.
Helen
Super schade, dass wir einen großen Teil jetzt vielleicht nicht aufnehmen konnten, aber es fand trotzdem sehr, sehr spannend. Und ich sage auch auf jeden Fall ein großes Danke, dass Sie auch nach dem oder beim fünften Versuch sich noch hier dazu geschaltet haben.
Sharon Dodua Otoo
Ja, es hat sehr viel Spaß gemacht.
Helen
Ich zeige es gerade noch mal an die Kamera. Wir haben über dieses Buch gesprochen. Sehr, sehr lesenswert, sehr spannend und eröffnet auch einfach noch mal neue Perspektiven. Ich glaube, wir werden halt morgen auf jeden Fall nochmal darüber sprechen. Haben wir unser Buchclub-Treffen. Und das ist dann auch immer spannend, weil dann werden nochmal Details auseinandergenommen, die man selber vielleicht überlesen hat und so. Das ist immer eine große Bereicherung dann auch nochmal.
Sharon Dodua Otoo
Also ich glaube, das ist ein Buch. Vieles passiert und dadurch, also deswegen finde ich das so toll, dass das im Buchclub gelesen wird. Weil ich glaube, das lohnt sich auch mit anderen Menschen über die Leseeindrücke sich auszutauschen und ich bin sehr gespannt. Vielen, vielen Dank. Es ist sehr schön, dass das so gemacht wurde und dass ich diese Möglichkeit hatte, die Fragen zu stellen.
Helen
Also da haben, glaube ich, wir zu danken. Das ist ja doch immer so ein bisschen, als hätte man die Möglichkeit, noch mal hinter die Kulissen so ein bisschen zu gucken. Vielen, vielen Dank. Eine Frage, die ich gar nicht gestellt habe, die ja meistens gefragt wird, gibt es irgendwie schon in Aussicht ein neues Buch, auf das wir uns freuen können.
Sharon Dodua Otoo
Das habe ich ganz vergessen. Tatsächlich habe ich einen neuen Vertrag unterschrieben und wenn ich gut bin und alles rechtzeitig abgebe, dann sollte das Ende 23 erscheinen.
Helen
Okay, ist schon mal vorgemerkt. Sehr schön, da freuen wir uns drauf. Werde ich dann auch noch mal teilen, wenn das dann spruchreif ist, sage ich mal. Ja, ich sage jetzt wahrscheinlich einfach auch schon mal gute Nacht. Das ist für mich das erste Mal, dass wir so einen späten Livestream haben. Aber ja, ansonsten noch einen schönen Abend. Hat mich sehr, sehr gefreut. Und vielleicht sprechen wir uns dann 2023 nochmal für den neuen Roman.
Sharon Dodua Otoo
Ja, das wäre schön. Wäre mir eine Ehre.
Helen
Okay, bis dann.
Sharon Dodua Otoo
Bis dann, ciao. Tschüss.




