Buecherstapel der Maedels, die lesen.

Die 3 Bücher, die unsere Community gerade am meisten liebt – kostenlos für dich.

Verrate uns dein Lieblingsbuch, und wir schicken dir die aktuelle Top 3 der Mädels 🤝 – dazu drei Herzensbücher von Helen.

#NameTheTranslator: Marieke Heimburger über das Übersetzen von »Überwintern«

Startseite › Podcast › Marieke Heimburger über das Übersetzen

Podcast · Folge 53

#NameTheTranslator: Marieke Heimburger über das Übersetzen von »Überwintern«

100 Seiten im Monat, ein Satz, der an fünf Stellen funktionieren muss, ein Englischlehrer, der nach der Erbschaft fragt – und was jede Leserin tun kann, damit Übersetzer*innen sichtbar werden

11. Dezember 2023 · 63 Minuten · Ganze Folge hören ↓

Werbung

Diese Folge wurde von Suhrkamp / Insel gesponsert – mit einem eingesprochenen Hinweis auf Katherine Mays Buch »Der Zauber der Welt« und einem Gewinnspiel, das inzwischen abgelaufen ist. Auf das Gespräch selbst, das schon im Januar 2023 als Livestream stattgefunden hat, hatte der Verlag keinen Einfluss. Diese Seite gibt wieder, was in der Folge gesagt wurde.

Stand heute

Das Gespräch ist vom 3. Januar 2023. Das „nächste Buch von Katherine May“, an dem Marieke Heimburger damals saß, ist inzwischen als »Der Zauber der Welt« erschienen, später folgte »Auf wilden Pfaden« – beide ebenfalls in ihrer Übersetzung. Marieke Heimburger ist seit 2021 Erste Vorsitzende des Übersetzerverbands VdÜ und wurde im September 2026 im Amt bestätigt. Und die Zusage, die Helen am Ende gibt, haben wir gehalten: Seit diesem Gespräch nennen wir zu jedem übersetzten Buch die Übersetzerin oder den Übersetzer – mehr dazu in Folge 114.

Zwei Monate lang haben wir »Überwintern« von Katherine May gelesen – und dann, am 3. Januar 2023, zum ersten Mal überhaupt eine Übersetzerin in den Livestream geholt. Marieke Heimburger hat das Buch ins Deutsche gebracht, und sie tut das seit 25 Jahren: aus dem Englischen und Dänischen, für 15 verschiedene Verlage. Sie erklärt, wie aus einer Verlagsanfrage in elf Monaten ein Buch wird, warum ein einzelner Satz sie tagelang beschäftigt hat, wie sie ohne Beziehungen an ihren ersten Auftrag kam und was sie sich von uns wünscht, die wir über Bücher sprechen. Dazu die Community-Fragen zu KI, Stipendien und Kontakt zur Autorin – und der Grund, warum sie an diesem Morgen im Meer war.

Marieke Heimburger

Literaturübersetzerin (Englisch, Dänisch), Vorsitzende des VdÜ · Tønder, Dänemark

Marieke Heimburger wurde 1972 in Tokio geboren und studierte von 1992 bis 1997 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Literaturübersetzen (Diplom, Englisch und Spanisch). Seit 1998 übersetzt sie freiberuflich englischsprachige und dänische Literatur, darunter Bücher von Sophie Kinsella, Marie Benedict, Maya Angelou, Jussi Adler-Olsen und Sara Blædel. Im Übersetzerverband VdÜ arbeitete sie ab 2013 in der Honorarkommission mit, wurde 2017 Schatzmeisterin und ist seit Juni 2021 Erste Vorsitzende. 2022 erhielt sie das Barthold-Heinrich-Brockes-Stipendium. Sie ist Mitgründerin des PEN Berlin und lebt in Tønder an der deutsch-dänischen Grenze.

Das Buch dazu

»Überwintern« war von Anfang Dezember 2022 bis Ende Januar 2023 unser Buch – die Hüttengaudi-Leserunde, mit 160 Mädels gelesen. Auf der Buchseite kannst du die Leserunde nachholen und siehst, wo es das Buch und das Hörbuch gibt.

Buchcover »Überwintern« von Katherine May

Elf Monate für 266 Seiten

Helens erste Frage ist die, die sich alle stellen: Wie lange dauert das? Marieke Heimburgers kurze Antwort nach 25 Jahren im Beruf: im Schnitt 100 Seiten im Monat, ein Wert, der sich mit dem vieler Kolleginnen deckt. Die lange Antwort ist der Weg von »Überwintern«. Im November 2020 fragte der Insel Verlag an, ob sie Zeit und Interesse hätte. Im Dezember las sie das englische Manuskript – unbezahlte Arbeit, sagt sie, aber sie hat es verschlungen. Es sind die Glücksfälle des Berufs: Es passt zeitlich, es ist ein toller Verlag, und das Projekt spricht einen an. Im Januar 2021 übersetzte sie ein paar Seiten für eine Stipendienbewerbung, weil sie schon ahnte, dass dieses Buch mehr Zeit kosten würde als andere; Ende Januar begann sie richtig, Mitte Mai lieferte sie ab. Zwei Wochen später kam der Text vom Lektorat zurück, als Word-Datei mit Anmerkungen, die sie annehmen oder ablehnen konnte. Mitte Juli die Umbruchkorrektur, im Oktober 2021 das Hardcover. Von der Anfrage bis zum Erscheinen: elf Monate.

Warum ausgerechnet dieses Buch aufwendiger war: »Überwintern« ist kein Roman, sondern ein erzählendes literarisches Sachbuch, fast ein Essay, und Katherine May hat sich in unglaublich viele Bereiche eingelesen. Wer übersetzt, übersetzt keine Wörter, sondern Zusammenhänge – Stil und Atmosphäre noch gar nicht mitgerechnet. An das Stonehenge-Kapitel mit den neuen Druiden erinnert sie sich mit gemischten Gefühlen. Und dann war da ein einziger kurzer Satz: „we have turned the year“. Er kommt an mehreren Stellen in verschiedenen Kontexten vor und muss jedes Mal funktionieren – eine ziemlich harte Nuss. Haselmaus, Bäume, das Laub, das abgeworfen wird: Ihr Partner ist Förster und wurde mitbelästigt, bis er selbst an Katherine Mays Wortwahl zu zweifeln begann. Das ganze Umfeld wird einbezogen, sagt sie, es ufert aus und nimmt das ganze Leben in Anspruch.

Kontakt zur Autorin? Meistens nicht nötig

Die Frage, die bei jeder Übersetzerin kommt, kam auch hier aus den Kommentaren: Gab es Austausch mit Katherine May? Nein. Marieke Heimburger folgt ihr inzwischen auf Instagram und hält sie für offen, aber nach 25 Jahren hat sie die Routine, um zu erkennen, wo wirklich etwas geklärt werden muss. Was sie durch Recherche, Knobeln und Nachfragen in ihrer Bubble nicht herausfindet, wird ein Kommentar ans Lektorat, manchmal mit dem Vorschlag, die Autorin zu fragen. Kolleginnen sammeln stattdessen drei oder dreißig Fragen und schicken sie gegen Ende gebündelt. Und es gibt einen Aspekt, den Leser*innen leicht vergessen: Während das Buch für die Übersetzerin gerade die ganze Welt ist, ist die Autorin längst beim nächsten – und »Überwintern« wurde binnen drei Jahren in viele Sprachen übersetzt. Bei jemandem wie Jussi Adler-Olsen, dessen Bände in unzähligen Ländern zeitversetzt erscheinen, könne man nicht erwarten, dass er ständig Übersetzungsfragen beantwortet.

Abba, Düsseldorf und die Frage nach der Erbschaft

Ihr Weg begann mit Eltern, die Englisch sprachen, wenn die Kinder etwas nicht verstehen sollten. Challenge accepted: Ihre ersten Übersetzungsübungen waren Abba-Texte. Latein war mühselig, Deutsch und Englisch Leistungskurs, und bei Schnupperwochen an der Uni, während die anderen Abitur schrieben, entdeckte sie den damals neuen Diplomstudiengang Literaturübersetzen in Düsseldorf – und wusste: Das ist es. Bis dahin hatte sie sich nie klargemacht, dass die Bücher, die sie las, überhaupt jemand übersetzt hatte.

Und dann hat er mir ziemlich tief in die Augen geguckt und gefragt, aber sagen Sie, haben Sie eine größere Erbschaft zu erwarten?Marieke Heimburger über ihren Englischlehrer

Vorgewarnt war sie also. Nach dem Studium (1992 bis 1997) stellte sich die Frage, wie man an den ersten Auftrag kommt, denn aus der Praxis hieß es: Nur weil du das studiert hast, kannst du es noch nicht. Ihre Antwort, die sie bis heute allen empfiehlt: vernetzen. Sie wurde sofort Mitglied bei den BücherFrauen, ging in Hamburg zu deren Veranstaltungen, lernte dort eine feste freie Lektorin von Rowohlt kennen, mit der sie zum Übersetzertreffen ging – und diese Kollegin brachte sie bei Rowohlt ins Spiel. Der Verlag war zufrieden genug, sie mehrfach zu beauftragen; über die Kontakte des Hamburger Übersetzertreffens rief eines Tages der Goldmann Verlag an. Von da an lief es, über inzwischen 15 Verlage. Aber man müsse am Ball bleiben und Durststrecken aushalten: Vor fünf Jahren hatte sie fast ein ganzes Jahr Flaute. Die Krise brachte etwas Gutes hervor – sie ließ sich beim Oberlandesgericht ermächtigen und verdient seitdem hin und wieder mit Dolmetschen bei Gericht oder Standesamt und mit beglaubigten Übersetzungen dazu. Verschiedene Einkommensströme, um abgesichert zu sein.

Zu den Stipendien, nach denen Helen fragt: Sie sind eine tolle Sache, und seit dem Programm Neustart Kultur waren die Töpfe prall gefüllt, aber ein Einkommen, mit dem man rechnen kann, sind sie nicht. Bevor sie ihr erstes bekam, hatte sie sich wohl zehnmal vergeblich beworben. Für »Überwintern« hat es geklappt; das Arbeitsstipendium steht vorne im Buch.

Was wir tun können: nennen, nennen, nennen

Helen hatte im Vorfeld gefragt, was der Buchclub besser machen kann, und Marieke Heimburger – die, wie sie nebenbei erwähnt, Erste Vorsitzende des Berufsverbands ist und sonst eher in Richtung Berlin und Bundesregierung denkt – hat eine Antwort für ganz normale Leserinnen: immer und überall darauf achten und nachfragen, wer ein Buch übersetzt hat. Das Argument „das interessiert doch keinen“ kennt sie; ihr Vergleich: Wen interessiert der Proteingehalt von Brot? Es muss trotzdem auf der Packung stehen. Wer wie Helen Buchclubs oder Blogs betreibt, ist eine Stufe intensiver dabei – und sollte kenntlich machen, dass es eine Übersetzung ist, und beim Reden über die Sprache bewusst machen, dass der deutsche Text nicht von der Autorin stammt. Komposition, Figuren, Inhalte gehören der Autorin, keine Frage. Der deutsche Text aber ist ein eigenes Sprachkunstwerk, urheberrechtlich geschützt, und gehört als Minimum zur bibliografischen Angabe – erst recht bei Zitat-Slides, denn das ist dann ihr Text, der zitiert wird.

Als Leserin will sie es selbst wissen: In der Buchhandlung, bei eingeschweißten Büchern, sieht man von außen nicht, ob es eine Übersetzung ist, und am Namen lässt sich das heute zum Glück auch nicht mehr ablesen. Deshalb wünscht sich der Verband die Nennung vorne auf dem Cover, der U1 – ein Kompromiss wäre die Rückseite. Der Mare Verlag aus Hamburg macht es vor, und wo die Übersetzerin vorne steht, wird die Übersetzung in Besprechungen überproportional häufiger gewürdigt. Zum Hieronymustag am 30. September hatte sie eine Grafikerin gebeten, einige ihrer Cover probehalber mit ihrem Namen zu versehen – sie sieht das Problem nicht. Platz sei ja da: Auf dem Taschenbuch von »Überwintern« steht in der Sonne ein Zitat von Elizabeth Gilbert, das Hardcover trug an derselben Stelle einen runden Aufkleber. Für die zweite Urheberin reichte es nicht. Und für den Vertrag zum nächsten Buch hat sie es gerade versucht, mit ausführlicher, freundlicher Absage aus der Vertragsabteilung. Helens Reaktion: Da müsse man ein bisschen Druck machen – über 5.000 Menschen, die eine E-Mail schreiben, könnten etwas bewegen.

KI kann keine Kunst

Ob Verlage Übersetzer*innen mittelfristig durch KI ersetzen, fragt jemand aus dem Chat. Marieke Heimburger dreht die Frage um: Neulich habe sich eine Lektorin hilfesuchend an sie als Vorsitzende gewandt, weil sie eine Übersetzung erhalten hatte, die eindeutig nicht von einem Menschen stammte. Seriöse Verlage wollen das nicht. Übersetzen sei ein künstlerischer Prozess, und KI könne keine Kunst – als Hilfsmittel nutzt sie DeepL trotzdem gelegentlich, wenn sie einen Absatz nicht durchschaut; heraus kommen bei Englisch weitgehend sinnvolle Sätze, verstanden hat sie den Absatz danach meist trotzdem nicht, und schön ist der Text nie. Bei formalisierten Texten wie Zeugnissen komme sie mit KI dagegen weit; ihre Aufgabe als ermächtigte Übersetzerin sei dann, alles gegen das Original zu prüfen. Was sie aus der Kollegenschaft hört: Verlage fragen bereits an, was es kosten würde, ein maschinell übersetztes Buch zu überarbeiten. Ein neues Tätigkeitsfeld vielleicht – nur wer hat dann die Urheberschaft? Und Kunst lebe von Regelverstößen, wofür KI nach ihrem Wissen nicht taugt. Wer entwickle überhaupt eine KI für Kisuaheli und Hindi? Wenn wir über KI reden, seien wir meist sehr eurozentristisch unterwegs. Die Kommentare dazu waren geteilt, von „damit unterschätzt ihr AI-Systeme“ bis zu einer Übersetzerin, die für maschinell vorübersetzte Texte grundsätzlich Aufschlag verlangt.

Was KI kaum einschätzen kann, zeigt sie an einem aktuellen Projekt: eine Romanbiografie einer Österreicherin aus den 1930er-Jahren, geschrieben von einer amerikanischen Autorin für ein amerikanisches Publikum. Vieles, was dort erklärt wird, muss man einer deutschen Leserin nicht erklären – und manches braucht hier mehr Information, als das Original hergibt. Da greift sie ein, in Absprache mit dem Lektorat. Ein persönliches Kunstwerk, sagt sie, und Helen mag genau dieses Wort: Es gibt der Arbeit eine andere Wertigkeit.

Was sie aus »Überwintern« mitgenommen hat

Die Antwort kommt sofort: Sie war an diesem Morgen winterbaden. Seit Jahren hatte sie Anlauf genommen, immer mit der Taktik, im Sommer anzufangen und dabeizubleiben. Anfang 2021, mitten im Übersetzen, waren die Umkleiden geschlossen und Treffen in Gruppen verboten; sie folgte einer Winterbadegruppe in ihrer Nähe auf Facebook, dachte „ist ja sonst nichts los“ und sprang im Januar buchstäblich ins kalte Wasser. An Silvester war sie baden, heute außer der Reihe: Wasser sieben Grad, Luft fünf. Dass im Buch eine dänische Winterbaderin vorkommt und vieles in Skandinavien anknüpft, war übrigens einer der Gründe, warum die Lektorin auf sie kam – sie lebt in Dänemark. Mitgenommen hat sie außerdem den zyklischen Gedanken, sich Ruhephasen einzugestehen, und ein Detail, das sie fasziniert: dass Menschen vor dem elektrischen Licht offenbar in zwei Runden schliefen, nachts ein paar Stunden wach waren, und dass das aus literarischen Texten mühsam hergeleitet werden musste, weil es nie jemand aufgeschrieben hat. Wenn sie heute nachts aufwacht, denkt sie: Mal gucken, was passiert. Eine gewisse Gelassenheit. Helen arbeitet noch daran.

Zwei Buchtipps und ein Gelöbnis

Übersetzen, sagt man, ist die genaueste Art des Lesens – während sie an einem Buch arbeitet, liest Marieke Heimburger deshalb wenig, und war doch erstaunt, dass es etwa 25 Bücher im Jahr nebenbei sind. Für 2022 hatte sie keinen Favoriten, also geht sie ein Jahr zurück: »Mädchen, Frau, etc.« von Bernardine Evaristo in der großartigen Übersetzung von Tanja Handels – selbst in der Buchhandlung gekauft, anfangs skeptisch wegen der fehlenden Punkte und Großbuchstaben, dann so begeistert, dass sie es einer Freundin schenkte, die als Deutschlehrerin damit nicht zurechtkam. Und als Sachbuch »Frauen Literatur« von Nicole Seifert: informativ, sachlich und trotzdem unterhaltsam, ohne polemisch zu sein. Helen hat »Girl, Woman, Other« im Original gelesen und die ungewöhnliche Form ebenfalls gemocht.

Am Ende steht ein Versprechen. Helen gelobt Besserung für alles, worauf sie Einfluss hat – durch das Gespräch habe sie gesehen, dass noch viel Luft nach oben ist. Und Marieke Heimburger, die die Leserunde ein bisschen verfolgt hat und die kritischen Stimmen zum Stonehenge-Kapitel versteht, sagt einen Satz, den Helen sich aufschreibt: Sie ist niemand, der sich zwingt, ein Buch fertig zu lesen. An Neujahr hatte sie gerade eins weggelegt, das eigentlich alle Voraussetzungen erfüllte.

Wie Marieke Heimburger erklärt, warum ein Buch mit ihrem Namen vorne drauf sich irgendwann vielleicht genauso gut verkauft wie eins mit Harry Rowohlt – und wie das Wasser an diesem Morgen war –, hörst du in der ganzen Folge.

Die ganze Folge hören

Die Bücher aus dieser Folge

Das Buch der Leserunde, das nächste von Katherine May – und die beiden Tipps, die Marieke Heimburger mitgebracht hat.

Buchcover »Überwintern« von Katherine May

Überwintern. Wenn das Leben innehält

Katherine May · Insel · 272 Seiten

Das Buch dieser Folge: ein erzählendes Sachbuch über die Kraft des Innehaltens, von September bis März. Aus dem Englischen übersetzt von Marieke Heimburger.

Bei Thalia ansehen*

Leserunde nachholenMit 160 Mädels gelesen

Buchcover »Der Zauber der Welt« von Katherine May

Der Zauber der Welt

Katherine May · Insel · 222 Seiten

Das „nächste Buch“, an dem Marieke Heimburger im Gespräch gerade sitzt – heilige Quellen, Moore, Meer und Sternenhimmel. Aus dem Englischen übersetzt von Marieke Heimburger.

Bei Thalia ansehen*

Buchcover »Mädchen, Frau, etc.« von Bernardine Evaristo

Mädchen, Frau, etc.

Bernardine Evaristo · btb · 560 Seiten

Ihr Roman-Tipp: zwölf Frauenleben, ohne Punkte und Großbuchstaben am Satzanfang – anfangs skeptisch, am Ende verschenkt. Aus dem Englischen übersetzt von Tanja Handels.

Bei Thalia ansehen*

Buchcover »Frauen Literatur« von Nicole Seifert

Frauen Literatur

Nicole Seifert · Kiepenheuer & Witsch · 224 Seiten

Ihr Sachbuch-Tipp: informativ, sachlich und gut zu lesen – wie Literatur von Frauen abgewertet, vergessen und wiederentdeckt wurde.

Bei Thalia ansehen*

Die mit Sternchen markierten Links sind Affiliate-Links: Kaufst du darüber, erhalten wir eine kleine Provision. Für dich ändert sich am Preis nichts.

Häufige Fragen

Wie lange dauert es, ein Buch zu übersetzen?

Marieke Heimburgers Durchschnittswert nach 25 Jahren: rund 100 Seiten im Monat. Bei »Überwintern« kam die Anfrage des Insel Verlags im November 2020, sie las das Manuskript im Dezember – unbezahlt –, übersetzte von Ende Januar bis Mitte Mai 2021, bekam zwei Wochen später das Lektorat zurück, machte im Juli die Umbruchkorrektur, und im Oktober 2021 erschien das Buch. Von der Anfrage bis zum fertigen Buch: elf Monate.

Was können Leser*innen für Übersetzer*innen tun?

Immer nachfragen und nennen, wer ein Buch übersetzt hat – als Minimum in jeder bibliografischen Angabe, und erst recht, wenn Zitate aus dem Buch geteilt werden, denn der deutsche Text stammt von der Übersetzerin. Wer einen Buchclub oder Blog betreibt, sollte außerdem kenntlich machen, dass es sich um eine Übersetzung handelt, und beim Sprechen über die Sprache bewusst machen, dass es nicht die Sprache der Autorin ist. Der VdÜ wünscht sich zudem, dass Verlage die Übersetzer*innen vorne auf dem Cover nennen.

Wird KI Übersetzer*innen ersetzen?

Marieke Heimburger sieht das für Literatur nicht: Übersetzen sei ein künstlerischer Prozess, und KI könne keine Kunst. Als Hilfsmittel nutzt sie DeepL gelegentlich, um einen unverständlichen Absatz zu prüfen – ein schöner Text entsteht dabei nicht. Bei formalisierten Texten wie Zeugnissen komme man mit KI dagegen weit. Sie berichtet aber auch, dass Verlage bereits anfragen, ob Übersetzer*innen maschinell übersetzte Bücher überarbeiten würden – und dann stellt sich die Frage, wer die Urheberschaft am Ergebnis hat.

Wie wird man Literaturübersetzerin?

Marieke Heimburger hat in Düsseldorf den Diplomstudiengang Literaturübersetzen studiert (1992 bis 1997). Den ersten Auftrag brachte nicht das Diplom, sondern das Netzwerk: Sie wurde Mitglied bei den BücherFrauen, ging zum Hamburger Übersetzertreffen und wurde von einer Lektorin bei Rowohlt ins Spiel gebracht. Ihr Rat an alle, die den Beruf anstreben: vernetzen, am Ball bleiben und Durststrecken aushalten können.

Was ist die Leserunde zu »Überwintern«?

Von Anfang Dezember 2022 bis Ende Januar 2023 haben 160 Mädels »Überwintern« von Katherine May gemeinsam gelesen, in der Übersetzung von Marieke Heimburger. Der Livestream vom 3. Januar 2023 ist diese Folge. Auf der Buchseite lässt sich die Leserunde jederzeit nachholen.

Die ganze Folge zum Nachlesen

Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme. Das Gespräch ist ein Instagram-Livestream vom 3. Januar 2023; Helens An- und Abmoderation der Podcastfolge, der eingesprochene Hinweis auf die Schmökerrunde und der Werbehinweis von Suhrkamp / Insel sind nicht Teil des Gesprächs und stehen deshalb nicht hier. Der Name einer Person aus dem Chat ist weggelassen.

Helen
Hallo! Vielen, vielen Dank, dass du dir heute die Zeit nimmst. Ich habe es gerade schon in die Kamera gehalten, vielleicht noch ein bisschen näher noch. Wir sprechen nicht nur, aber auch »Überwintern« von Katherine May, aber du hast es ins Deutsche übersetzt. Und ich habe gerade schon gesagt, ich glaube, dass das eine Premiere ist. Ich glaube, wir hatten noch keinen Livestream mit Übersetzerin. Deswegen freuen wir uns sehr darüber. Danke, dass du das machst. Und ja, ich habe so ein paar Fragen halt mitgebracht. Ich habe aber schon gesagt, man kann auch gerne in die Kommentare schreiben. Ich versuche, ich habe irgendwie das Handy viel weiter weg, als sonst, aber ich versuche es im Blick zu behalten, ob da irgendwas kommt.

Marieke Heimburger
Vielen Dank für die Einladung. Also ich habe mich auch sehr drüber gefreut, weil ich mache das jetzt zum ersten Mal. Also seht es nach, wenn ich irgendwie da noch unbeholfen bin oder so. Alles gut. Ich habe mich super gefreut, dass die Übersetzerin wahrgenommen wurde und dass ich jetzt so eine Bühne bekomme und einfach auch mal was über unseren Beruf erzählen kann. Das freut mich sehr.

Helen
Ja, ist ja für uns total spannend. Wir haben das auch erst letztes Jahr eingeführt, dass wir die Post haben zu den ÜbersetzerInnen auch. Also immer dann, wenn es halt auch relevant war, weil wir natürlich häufig jetzt auch im letzten Jahr deutschsprachige, also original Bücher hatten. Der kommt aber tatsächlich erst noch. Also die Infos zu dir kommen ich glaube in zwei Wochen. Also dann kommt noch mal eine Bühne. Aber für uns natürlich super spannend einfach zu sehen, wer hat sich super intensiv ja auch mit dem Text beschäftigt, also ähnlich wahrscheinlich, auch wie wir wahrscheinlich noch mal intensiver, aber ja, ich habe wie gesagt so ein paar Fragen mitgebracht, ich überlege halt, was am sinnvollsten ist. Vielleicht, wenn wir ja jetzt im Moment, also Dezember, Januar »Überwintern« lesen, Vielleicht erstmal wirklich konkret über diese Übersetzung. Ich habe mich so gefragt, es sind ja irgendwie 200, noch was Seiten, habe ich gerade 266. Wie lange hast du da dran gearbeitet? Wie lange dauert so was, so ein Buch zu übersetzen?

Marieke Heimburger
Also ich habe es, ich dachte, es zuckte eben schon so ein bisschen, als du sagtest, ich habe mich wahrscheinlich noch intensiver damit beschäftigt, als ihr, die ihr jetzt zwei Monate damit verbringt. Denn ich habe noch mehr Monate damit verbracht und wahrscheinlich auch mehr Stunden am Tag. Aber also

Helen
Uns auch mal so ein bisschen, weil dadurch lernt man auch schon mal direkt was ein bisschen darüber, wie sowas überhaupt läuft.

Marieke Heimburger
Ich kann dir jetzt einerseits antworten, nach 25 Jahren ist der Durchschnittswert 100 Seiten pro Monat. Das ist jetzt die kurze Antwort. Und es gibt bestimmt Leute, die mehr machen, und es gibt Leute, die auch weniger schaffen. Aber das ist mein persönlicher Durchschnittswert und der deckt sich auch mit vielen anderen Kolleginnen, was ich so höre. Aber jetzt konkret zum Beispiel auf das Projekt bezogen, damit man mal so einen Eindruck kriegt, wie sich diese Arbeitszeit verteilt und wie überhaupt so ein Prozess abläuft. Da kam im November 2020 die Anfrage vom Insel Verlag, ob ich Interesse hätte, das Buch zu übersetzen. Oder erst einmal überhaupt Zeit und Interesse. Und dann konnte ich grundsätzlich beides mit Ja beantworten. Und dann wurde mir das Manuskript geschickt, das Englische. Und das habe ich dann im Dezember irgendwann mal zwischendurch, das ist ja unbezahlte Arbeit, gelesen. Lesen und war total geflasht davon. Also ich habe es echt verschlungen. Und das sind natürlich auch so Glücksfälle für eine Übersetzerin, dass es zeitlich passt, dass es ein toller Verlag ist und dass das Projekt auch einen wirklich anspricht. Und dann haben wir einen Vertrag gemacht und dann habe ich im Januar schon mal ein paar Seiten übersetzt, weil ich mich auch für ein Stipendium beworben habe, weil ich schon sehen konnte, dass es mir mehr Zeit Kosten als andere Güter und ich hoffe, hoffe, mit einem Stipendium komme ich trotzdem auf meine Kosten. Und dann habe ich Ende Januar richtig angefangen mit der Übersetzung und habe sie abgeliefert Mitte Mai.

Helen
Ja, das ist ja doch auch noch mal ganz schön viel Zeit, was da so reinfließt.

Marieke Heimburger
Also man muss aber dazu sagen, es laufen ja viele Prozesse parallel. Also ich arbeite ja dann exklusiv nur an diesem Buch in der Zeit, sondern vielleicht habe ich das Vorgängerprojekt dann zum Korrekturlesen gerade auf dem Tisch auch noch und muss das einbauen. Oder es ist eine Buchmesse und ich verreise und kann dann in der Zeit gar nicht weitergehen und so. Aber das müsste eigentlich auch alles abgegolten werden mit unseren Seitenhonoraren. Und das ist nicht der Fall, aber dazu kommen wir später vielleicht noch. Und dann ist es, also ich habe es Mitte Mai abgegeben und dann habe ich in dem Fall tatsächlich ziemlich schnell, nämlich schon zwei Wochen später, von der Lektorin, also das ist ja nun so, ich schicke es ans Lektorat und dann sitzt da jemand und liest alles durch und guckt, ob da irgendwas nicht stimmig ist oder ob ich Fehler gemacht habe oder so, und ob der Text läuft und dann bekomme ich das zurück als Word-Datei und dann habe ich nochmal Zeit das wieder durchzugucken und Änderungen anzunehmen oder abzulehnen oder so und dann ist am Schluss ziemlich wenig nur noch übrig eigentlich und dann kriegt das wieder die Lektorin und die schickt das dann in die Herstellung, das heißt dann wird das irgendwie gesetzt und Korrektur gelesen und so weiter. Und dann, in diesem konkreten Fall, war es dann Mitte Juli, dass ich noch diese Umbruchkorrektur gemacht habe. Und dann ist es im Herbst 2021 als Hardcover erschienen. Das war dann im Oktober. Also von Anfrage bis Erscheinen, 11 Monate.

Helen
Ja, schon einige Monate.

Marieke Heimburger
Also das ist jetzt mal so ein Beispiel für so ein Projekt, wie das abläuft.

Helen
Ja, aber du hattest ja auch schon gesagt, dass du irgendwie abschätzen konntest, dass es umfangreicher wird. Woran konntest du, also was, woran lag das, also woran hast du das erkannt?

Marieke Heimburger
Es ist ja jetzt, es handelt sich hier jetzt nicht um einen Roman. Also auch Romane können natürlich es in sich haben. Aber wie ihr ja alle schon jetzt mitgekriegt habt. Katherine May, also das ist ja ein sogenanntes erzählendes literarisches Sachbuch und sie hat sich ja in unglaublich viele Bereiche eingelesen. Das ist ja eigentlich eher ein Essay und in diese Bereiche, naja, ich meine ich konnte mich natürlich nicht in der selben Tiefe einlesen, ich muss ja verstehen, teilweise was sie da beschreibt und einfach nur, wir übersetzen ja nicht einfach nur Wörter, also wir übersetzen Zusammenhänge und Sinnen und von Stil und Atmosphäre jetzt noch mal ganz abgesehen, aber also ich erinnere mich mit gemischten Gefühlen sagen wir mal an das Stonehenge Kapitel. Also wo es dann um diese neuen Druiden ging und so weiter. Und da habe ich wirklich sehr viel Zeit darauf verwendet. Also auch diesen einen kurzen Satz, we have turned the year. Wie bringen wir den jetzt ins Deutsche? Weil wenn der nur einmal auftauchen würde im Buch, wäre das nicht so dramatisch. Aber da er eben an mehreren Stellen auftaucht und in verschiedenen Kontexten und jedes Mal funktionieren muss, war das echt. Das war eine ziemlich harte Nuss zu knacken. Naja, aber eben auch diese ganzen, was sie dann da historisch über Stonehenge und sowas erzählt, das muss ich halt zumindest irgendwie in groben Zügen mir dann auch versuchen anzulesen.

Helen
Ja, ja krass.

Marieke Heimburger
Ob es jetzt die Haselmaus ist oder ob es die Bäume sind, ja, und nun ist mein Liebster tatsächlich Förster und dann wird der da mitbelästigt noch, ja. Und der teilweise aber auch dann schon sich fragte, das Wort habe ich noch nie gehört, also für diesen Prozess, das Laub abzuwerfen oder irgendwie sowas.

Helen
Okay, ja.

Marieke Heimburger
Dann begann ich gleich an zu zweifeln, ob sie das wirklich richtig gemacht hat. Das ganze Umfeld wird einbezogen. Ja. Oft sitzt man zusammen mit Freunden und plötzlich so, ah danke, das Wort habe ich gesucht. In einem völlig normalen Gespräch. Und ja, so, das ufert aus, es nimmt das ganze Leben in Anspruch.

Helen
Ja, das kann ich mir vorstellen. Und vor allem denkt man so als Leserin irgendwie selten wirklich so mit den Gedanken. Ich muss sagen, ich manchmal schon so ein bisschen, weil ich Übersetzen tatsächlich auch studiert habe. Deswegen, und wir hatten so Kulturraumstudien, damit man so ein bisschen versteht, wo kommen die Leute her und was. Aber trotzdem vergesse ich das auch total häufig und man nimmt es einfach so an, wie es kommt. Man macht meistens ja gar nicht so Gedanken über die ganzen Hintergründe. Es ist total spannend, dass du uns da mal so ein bisschen mit reinlässt. Hier kam gerade die Frage, die hatten wir auch im Vorfeld, ob es auch Austausch mit der Autorin gab, ob Fragen an sie gestellt werden konnten während der Übersetzung.

Marieke Heimburger
Ich habe es nicht gemacht. Ich glaube grundsätzlich, also jetzt folgen wir uns ja auch schon länger gegenseitig auf Instagram, aber das haben wir ja nicht von Anfang an gemacht und eigentlich erlebe ich sie so, ich glaube schon, dass sie dafür offen wäre. Aber ich bin jetzt eben seit 25 Jahren dabei und ich habe ich habe ja auch eine gewisse Routine und Souveränität inzwischen entwickelt, also dass ich merke, wo muss jetzt wirklich noch was mit der Autorin geklärt werden und abgesehen davon bin ich aber ja auch nicht die einzige Instanz, denn wie ich gesagt habe, da ist ja auch noch ein Lektorat und wenn etwas ist, was ich durch Recherche oder durch Knobeln oder durch sehr viel eigenes Nachdenken und andere Leute fragen und die Bubble fragen und so weiter nicht rausfinden kann, dann schreibe ich das in einen Kommentar ans Lektorat. Manchmal dann mit der Frage versehen, wollen wir dass die Autorinnen fragen. Also so ist es bei mir. Ich weiß aber auch, dass es Kolleginnen gibt, die wirklich so eine Fragensammlung im Prinzip zusammenstellen und dann gegen Ende der Übersetzungsphase eben so einen ganzen, also das können drei Fragen sein, aber es können ja vielleicht auch 30 Fragen sein, an die Autorinnen schicken. Aber das kommt halt auch den Text an. Aber in diesem Fall, also mit Katherine May, war das nicht und ich mache es eben tatsächlich auch nur noch sehr selten.

Helen
Ja, ich weiß auf jeden Fall, weil wir hatten generell ja schon Kontakt zu Übersetzern, aber immer per E-Mail. Aber da weiß ich auf jeden Fall, dass die Frage fast immer mit dabei war. Ich glaube, das fasziniert einfach viele irgendwie, ob man da sich vielleicht dann abspricht oder so. Aber kann ich mir schon vorstellen, dass das auch vom Text.

Marieke Heimburger
Und ein Aspekt, den man auch nicht vergessen darf dabei, also natürlich in dem Moment, wo ich dieses Buch übersetze, ist das meine Welt. Darum dreht sich dann bei mir alles. Die Autorin ist im Zweifel aber schon beim nächsten Buch. Erstens das, also sie ist wahrscheinlich schon weiter und müsste dann halt wieder zurückspulen, sozusagen. Und das würde sie bestimmt gerne machen, wenn das Buch tatsächlich nur ins Deutsche übersetzt würde. Aber wie ihr vielleicht mitgekriegt habt, ist es ja auch in diverse andere Sprachen übersetzt worden. Jetzt tatsächlich in einem ziemlich engen Zeitfenster. Also es ist ja vor drei Jahren auf Englisch erschienen und es ist jetzt schon in ziemlich vielen Übersetzungen. Ich habe aber zum Beispiel, wenn man an jemanden denkt wie Jussi Adler-Olsen, der in so viele Sprachen übersetzt ist und jedes Land hat irgendwann anders angefangen damit und es gibt irgendwie inzwischen acht Bände von seinem von seinem Sonderdezernat Q oder so der verliert da den Überblick, ich mein der Mann ist ja hat ja was anderes zu tun als ständig Übersetzungsanfragen zu beantworten also das ist ich meine das ist ein Extrembeispiel vielleicht aber trotzdem also die meisten sind tatsächlich auch gerne dazu bereit. Also gerade Autoren, die nicht so groß sind. Also da gibt es auch richtig schöne Geschichten und dann gibt es Leute, die sich auch oder Übersetzerinnen und Autorinnen, die sich anfreunden. Klingt natürlich auch schick, aber kann natürlich zum Beispiel auch, kann auch schwierig werden, wenn dann halt die Autorin das nächste Buch abliefert und das irgendwie nicht wirklich gut ist oder sowas. Ja, was macht man dann? Also wie redet man da so und so. Also es gibt viele Facetten, was das angeht.

Helen
Ja total spannend, kann ich mir gut vorstellen. Ich gucke gerade nochmal, weil wir hatten ja auf jeden Fall so eine ähnliche Frage, ob es ein Gespräch gab. Nee, aber das hast du jetzt gerade beantwortet. Vielleicht magst du mal kurz erzählen, wie du generell so zum Übersetzen gekommen bist. Wie war dein Weg zum Übersetzen?

Marieke Heimburger
Ich erzähl mal gerne. Meine Eltern, als wir klein waren, haben immer Englisch geredet, wenn wir was nicht verstehen sollten. Und ich so, hm, das finde ich jetzt doof. Challenge accepted. Hab dann also schon ziemlich früh irgendwie gemerkt, hm, das ist schon ein Vorteil, wenn man mehr darüber sprechen kann. Und dann hatte ich zum Glück auch so ein Talent dafür. Also tatsächlich meine allerersten Übungen ganz privater Natur waren die Versuche, Abba-Texte zu verstehen. Großer Abba-Fan damals und genau, so hat es angefangen. Dann habe ich ja im Lateinunterricht, haben wir auch übersetzt, aber da war das mir mühselig und hat nicht viel Spaß gemacht und so. Also Sprache war mein Schwerpunkt, also Deutschleistungskurs, Englisch Leistungskurs und dann ging es dran zu überlegen, was ich studieren will und dann, weiß ich, also die einzigen zwei Sachen, die mir erstmal einfielen, waren entweder Journalismus oder Fremdsprachenkorrespondenz sozusagen und dann war mir das aber jeweils zu eingleisig irgendwie und nicht schöngeistig genug und dann bei solchen Schnupperwochen an der Uni als die anderen Abi geschrieben haben, da habe ich dann diesen Diplomstudiengang, Literaturübersetzen in Düsseldorf entdeckt. Und das war plötzlich so, ja genau, das ist es. Das ist das, was ich machen wollte. Also es ist wirklich überhaupt nicht so, dass ich irgendjemanden gekannt hätte, der das machen kann. Ich hatte mir das glaube ich auch bis zu dem Zeitpunkt selber noch nicht wirklich klar gemacht, wo das eben diese Bücher immer übersetzt sind und so, ja?

Helen
Ja.

Marieke Heimburger
Und, ähm, also von da an war ich dann sehr zielstrebig. Also, als ich das dann wusste, es war in der 12. Klasse, dann habe ich irgendwann noch meinen Englischlehrer mal gefragt, ob er meint, dass ich Talent hätte. Und er hat mir das bestätigt, doch findet er schon. Und dann hat er mir ziemlich tief in die Augen geguckt und gefragt, aber sagen sie, haben sie eine größere Erbschaft zu erwarten? Also ich war, ich kann nicht sagen, dass ich nicht vorgewarnt war, was die Verdienstmöglichkeiten angeht. Naja, und dann habe ich eben da in Düsseldorf das studiert, 92 bis 97 und dann, genau. Und dann geht es halt darum natürlich, okay, wie komme ich jetzt an den ersten Auftrag? Weil einerseits dient ja so die Einrichtung eines solchen Studiengangs, der war da ja noch recht frisch, dazu diesen ganzen Beruf aufzuwerten und zu professionalisieren. Gleichzeitig sagen aber natürlich Leute aus der Praxis, nur weil du das studiert hast, kannst du das ja noch nicht. Und überhaupt erst mal reinkommen. Und da habe ich das gemacht, was dann auch funktioniert hat. Und was ich allen empfehle, die diesen Beruf anstreben, vernetzen. Und konkret heißt das, ich bin also bin sofort Mitglied bei den Bücherfrauen geworden und war dann in Hamburg regelmäßig bei Veranstaltungen von den Bücherfrauen. Da habe ich dann wiederum eine freie Lektorin kennengelernt, die für Rowohlt, also feste freie Lektorin bei Rowohlt war, die auch gerne zum Übersetzen wechseln wollte. Und dann haben wir zusammen beschlossen, jetzt gehen wir mal zum Übersetzertreffen. Diese Kollegin hat mir dann meinen ersten Auftrag bei Rowohlt vermittelt, also nicht beschafft in dem Sinne, sondern sie hat mich da ins Spiel gebracht und das hat dann geklappt und die waren immerhin so zufrieden, dass sie mich auch wieder beauftragt haben, mehrfach und dann durch die Kontakte im Hamburger Übersetzer-Treffen kam dann der nächste Verlagskontakt zustande, also dann rief mich aus heiterem Himmel der Goldmann Verlag an und meinte, ja, wie sie sind uns empfohlen worden. Und dann lief’s eigentlich. Also dann von da an. Und dann wechseln manchmal eben die Kontakte, also sowohl die Lektorinnen wechseln den Verlag als auch Autorinnen wechseln auch manchmal den Verlag oder so. So blick ich jetzt zurück auf, ich weiß nicht, insgesamt 15 verschiedene Verlage, mit denen ich bisher gearbeitet habe. Aber man muss halt am Ball bleiben immer und man muss auch Durststrecken aushalten können. Also jetzt bin ich gerade schon für das ganze nächste Jahr ausgebucht wieder. Aber also lange dabei sein ist nicht unbedingt ein Garant dafür, dass man ausgebucht ist. Also ich hatte vor fünf Jahren halt zum Beispiel fast das ganze Jahr eine Flaute. Und dann kann man halt gucken, wo kann man das aushalten, also sowohl psychisch als auch finanziell. Und ja, das ist natürlich nicht so lustig. Also ich habe es überstanden. Also Krisen bringen ja manchmal dann auch Gutes hervor. Also ich habe dann einfach wirklich noch mal überlegt, wie ich mein Einkommen stabilisieren kann. Und da war dann das Fazit, dass ich mich ermächtigen lasse beim Oberlandesgericht. Also das ist so was, womit ich hin und wieder mir noch was dazu verdiene. Dolmetschen bei Gericht oder bei Standesämtern oder so. Oder eben keine Ahnung, Scheidungsurkunden übersetzen, Jagdscheine übersetzen, solche Sachen. Ja, dass man so ein bisschen verschiedene Einkommensströme da auch hat, um irgendwie abgesichert zu sein.

Helen
Kann ich mir das vorstellen. Das war auch tatsächlich so ein bisschen das, was… Also ich hatte da auch… Ich hatte großes Interesse daran, aber irgendwie hatte ich dann, glaube ich, zu viel Angst auch so ein bisschen vor dem Schritt. Deswegen bewundere ich das total, dass du das gemacht hast und auch sagst, so kann man schon machen, aber man muss dran bleiben, man muss einen Fuß in die Tür bekommen. Und so, also finde ich echt, finde ich echt toll. Was ich gerade so gedacht habe, weil du ja eben meintest, du hast dich für Überwintern auf ein Stipendium beworben. Das ist wahrscheinlich was, da muss man schon ein konkretes Projekt für haben. Also man kann jetzt nicht wahrscheinlich in einem schlechten Jahr irgendwie ein Stipendium. Also man braucht schon ein konkretes Projekt dafür.

Marieke Heimburger
Ja leider. Also Stipendien sind eine tolle Sache. Und durch dieses Neustart Kulturprogramm der Bundesregierung waren dann plötzlich auch unsere Stipendientöpfe echt prall gefüllt. Aber trotzdem ist das kein Einkommen, womit wir rechnen können. Also ich meine, bevor ich das erste Mal ein Stipendium bekam für ein konkretes Projekt, hatte ich mich wahrscheinlich zehnmal beworben, ohne eins zu bekommen. Und das ist auch jedes Mal ein ziemlicher Aufwand und natürlich auch jedes Mal eine Enttäuschung dann, wenn man es nicht bekommt. Und dadurch, dass jetzt mehr Geld im Topf ist, können eben doch mehr Stipendien auch gegeben werden. Und das hat sich schon bemerkbar gemacht in unserer Blase. Aber es bedeutet immer noch, dass ganz viele das nicht bekommen. Ja, klar. Also ich habe tatsächlich für dieses Buch ein Stipendium. Es steht ja auch vorne irgendwo auf der Seite, wo das Impressum ist, dass ich ein Arbeitsstipendium bekommen habe.

Helen
Ja, ja, ich lese das dann immer. Also ich finde immer vor allen Dingen halt so diesen Teil auf der ersten Seite irgendwie sehr spannend. Ich weiß gar nicht warum. Aber bei sowas, ich hab ja immer irgendwie schon gefragt, wie das eigentlich genau funktioniert und wofür, weil auch AutorInnen werden ja manchmal so gefördert. Und ich finde es aber super interessant, wie sowas zustande kommt. Ich meine, jetzt haben wir ja schon so ein bisschen auch darüber gesprochen, dass das nicht immer alles ganz rosig ist, sag ich mal. Und wir hatten uns im Vorfeld ja auch schon dazu ausgetauscht, wo du mir auch nochmal gesagt hast, wo ich auch jetzt mit dem Buchclub nochmal viel mehr auch auf die Arbeit von ÜbersetzerInnen hinweisen kann. Also im Grunde ja, also so hab ich mir das jetzt gemerkt, dass du es gesagt im Grunde eigentlich immer, wenn die Autorin genannt wird, dass auch du genannt wirst. Jetzt im speziellen Fall von Überwintern zum Beispiel. Aber ich bin jetzt gefühlt immer noch relativ neu in dieser ganzen Buchbubble, durch den Buchclub halt seit zwei Jahren und da nehme ich es auf jeden Fall wahr, Ich weiß nicht, ob sich das generell jetzt einfach noch mal verändert hat, aber ich denke, dein Blick ist ja auf jeden Fall geschärft dafür. Wo hast du das Gefühl, wird halt noch nicht genug getan oder was müsste sich ändern für ÜbersetzerInnen? Was können wir vielleicht auch tun? Was muss generell verändert werden?

Marieke Heimburger
Genau, genau diese Frage habe ich mir selber gestellt. Ich habe gesagt, ich glaube es wäre gut, wenn ihr und euch sage, was könnt ihr konkret tun? Ja, weil dadurch, dass ich bin ja übrigens, hatte ich noch nicht erwähnt, die Erste Vorsitzende von unserem Berufsverband. Ja, genau, stimmt. Da habe ich ja, also da gucke ich ja auch in ganz andere Richtungen und in Berlin und was kann die Bundesregierung und was weiß ich, aber was können ganz normale Leserinnen tun oder ihr eben, die ihr diese Blogs und diese Buchklubs betreibt und so weiter. Und da ist mir eingefallen, also erstmal jetzt ganz normale Leserin. Es wäre echt toll, wenn ihr einfach immer und überall darauf achten würdet, beziehungsweise dann eben nachfragen würdet, wer ein Buch übersetzt hat. Ganz oft kommt nämlich das Argument, das interessiert doch eh keinen. Ja, und das ist natürlich, es ist ja nur so eine Wechselwirkung. Also Ich kann ein bisschen platt gesagt, wem interessiert, wie viel Proteingehalt ein Brot hat. Ja, es muss trotzdem auf der Packung stehen, weil es halt einfach Regeln dafür gibt. Ich wäre sehr eigentlich für eine Hashtag-Kennzeichnungspflicht für Bücher oder so. Aber das ist halt nicht mehr drin. Allein das wäre schon eine Hilfe. Und dann die nächste Stufe, also wer dann eben wirklich so wie du solche Buchclubs betreibt oder so Blogs oder so, das ist dann ja schon, es ist nicht jetzt dein, glaube ich, nicht, dass du dir damit dein Brot verdienst, aber es ist eben schon eine andere Stufe, du bist schon intensiver dabei und deswegen wäre es da halt total schön, wenn auch ihr da immer drauf achten würdet, die Übersetzung also erstmal überhaupt kenntlich zu machen irgendwo, dass es eine Übersetzung ist. Und dass, wenn man sprachlich über den Text spricht, da eben dann auch gesagt wird, oder bewusst gemacht wird, das hier ist ja nicht die Sprache der Autorin. Also alles ausgedachte, also die ganze Komposition und die Figuren und die Inhalte an sich sind natürlich natürlich von der Autorin. Also das wollen wir auch niemandem nehmen. Aber der deutsche Text, den ihr lest, ich weiß, manche von euch, ihr habt es auch auf Englisch gelesen, aber der stammt eben von einem anderen Menschen und das ist ein Sprachkunstwerk und das ist halt ein eigenes Kunstwerk und deswegen ist es urheberrechtlich geschützt und deswegen, naja, also ich würde mal sagen, es gehört sich ganz einfach auch so das anzuerkennen. Und die Übersetzerin dann zu nennen. Ja, absolut. Also wenigstens. Und damit meine ich nicht, dass ihr das dann, ja, jetzt, aha, und die Übersetzung von so und so ist toll oder hat mir überhaupt nicht gefallen oder irgendwas, also das muss jetzt gar nicht in euren Text eingebaut sein, aber es gehört als Minimum zur bibliografischen Angabe dazu. Oder was eben auch öfter passiert ist, dass diese Slides gemacht werden mit Zitaten aus dem Buch. Und wenn zitiert wird, dann ist das dann in diesem Fall mein Text, der da zitiert wird. Und darum möchte ich dann schon auch gerne genannt werden. Aber andererseits, ehrlich gesagt, ich finde auch, also ich als Leserin, ich möchte das auch gerne wissen, ob es eine Übersetzung ist. Und wenn ich in der Buchhandlung stehe, also ich kaufe noch Bücher in der Buchhandlung, und manchmal sind die ja auch noch eingeschweißt, das lässt auch nach, aber dann kann ich den Buch von außen nicht ansehen, ob es übersetzt ist. Also am Namen allein kann man das heutzutage ja zum Glück auch nicht mehr ablesen. Es ist so eine bunte Gesellschaft geworden, zum Glück. Und deswegen, also ganz ehrlich, also der Übersetzerverband möchte gerne, dass dass die Übersetzerinnen und Übersetzer auf der sogenannten U1 genannt werden. U1 ist also wirklich vorne drauf auf dem Buch, weil es gibt Verlage, die das machen.

Helen
Ja, mir noch gar nicht so aufgefallen.

Marieke Heimburger
Da fällt mir als allererstes der Mare Verlag aus Hamburg ein. Die gehören da wirklich zu den Visionären. Und es ist zu beobachten, dass in Buchbesprechungen von Büchern, wo die Übersetzerin auf der U1 steht, auch überproportional häufiger die Übersetzung gewürdigt wird in der Buchbesprechung. Und weil einer normalen Leserin kann ich gar keinen Vorwurf machen, dass die uns nicht wahrnimmt, weil wie? Wir sind unsichtbar. Ich weiß nicht, wie viele wirklich dann eben auf die Titelseite blättern, wo das steht. Wenn man dann erst mal das Buch anfängt zu lesen, dann blättert man einfach vielleicht zur ersten Textseite. So also deswegen für uns wäre es schon also ein großer fortschritt wenn mehr verlage uns auf der u1 nennen würden kompromiss könnte sein auch auf der u4 also das heißt hinten drauf auf dem buch aber auf jeden fall eben so dass man wenn man in der buchhandlung steht und das buch womöglich eingeschweißt ist noch vor dem kauf sehen kann wer hier die zweite urheberin ist beziehungsweise Ehrlich gesagt, auch dass es überhaupt eine zweite Urheberin gibt. Also. Ich finde, also es ist ja eine. Schon eine Information, dass es sich bei diesem Text um eine bearbeitete Version handelt.

Helen
Ja, absolut.

Marieke Heimburger
Ich meine, es interessiert vielleicht nicht jeden. Aber aber es gibt Menschen, die das interessiert, so wie manche Menschen sich dafür interessieren, wie hoch der Proteingehalt im Brot ist.

Helen
Ja. Ja, also auf jeden Fall spannend. Ich habe mir das mal aufgeschrieben mit dem Mare Verlag auch. Und hier kam gerade auch der Insel Verlag. Da wäre das auch schon so gewesen. Ich dachte, dass ich mal nachher vielleicht so ein Beispiel teile, dass man irgendwie schon mal sieht, wie das aussehen könnte.

Marieke Heimburger
Es ist ja auch platt. Also es ist ja nicht so, als wäre das hier komplett zu. Es ist ein weites Feld. Interessante Argumente dagegen. Aber der Mare Verlag, finde ich unter anderem, macht es wirklich vor, dass es geht. Und ich habe letztes Jahr, also am 30. September ist immer der internationale Übersetzertag oder 30. September. Oder auch Hieronymus-Tag nach dem ersten Bibelübersetzer. Und da geht immer sowohl im echten Leben als auch in den sozialen Medien irgendwelche Aktionen. Und ich hatte dann so einen Traum von einer Kampagne, die dann leider zu kurzfristig war, also es hat dann nicht hingehauen. Aber dafür vorbereitend hatte ich eine Grafikerin gebeten, mal ein paar von meinen Buchcover zu bearbeiten, indem sie eben meinen Namen da noch irgendwo einfügt usw. Und ich sehe das Problem nicht, wenn ich die Ergebnisse mir angucke. Also von wegen, das wird zu voll oder es ist eine Werbefläche, die muss ganz pur sein oder so. Also jetzt hast du gerade die die Taschenbuchversion in die Kamera gehalten. Beim Hardcover, falls ihr die vor Augen habt, ich hab’s jetzt leider nicht hier, da ist die Sonne, also jetzt beim Taschenbuch ist ja in der Sonne ein Zitat von Elizabeth Gilbert.

Helen
Ja, genau, also ich kann da auch mal näher dran halten.

Marieke Heimburger
Also so ein sogenannter Blurb oder so. Ich glaub Blurb heißt das, glaub ich. Und als ich den Coverentwurf bekam vom Insel Verlag, da war da ja kein Zitat drin, weil in der Hardcover-Version ist da kein Zitat. Das war meine einzige Anmerkung. Ich habe gesagt, ich finde das total, aber warum ist die Sonne so flächig und so, kann man da nicht so ein paar Schattierungen oder sowas einbringen? Und dann hieß es, nein, da kommt das Zitat rein. Und das Hardcover wurde in Folie verschweißt verkauft und dann war genau da, wo die Sonne ist, also ein runder Aufkleber mit, keine Ahnung, diesem Zitat oder mit irgendwas anderem oder so und dafür ist dann immer noch Platz. Aber nicht dafür noch die zweite Urheberin zu nennen. Das ist halt so. Oder irgendwo kommt dann noch so ein Spiegelbestseller-Autorin, so ein hässliches, rundes Ding wird dann da noch irgendwo draufgepackt.

Helen
Das dachte ich jetzt auch gerade. Der ist nicht rund, aber der ist ja so oft drauf.

Marieke Heimburger
Also wir haben viele Ideen und es gibt ja zum Glück auch viele freundliche Verlage. Ich habe auch hier zwischendurch mal gesehen, dass sich auch Lektorinnen eingeschaltet haben, die ich kenne. Und darüber freue ich mich. Und wir arbeiten gut zusammen. Auch Verlage, bei denen wir nicht unbedingt draußen draufstehen. Das heißt nicht, dass sie direkt per se übersetzerunfreundlich sind. Aber es wäre für unsere Zufriedenheit, es wäre das.

Helen
Sind ein paar Fragen auch noch eingegangen. Jemand fragt, seht ihr eventuell ein Risiko darin, dass Verlage Übersetzer*innen mittelfristig durch AI-Systeme ersetzen?

Marieke Heimburger
Ich kann die Frage auch umdrehen. Ich habe neulich mit einer Lektorin gesprochen. Die hat eine Übersetzung bekommen. Also, sie hat sich hilfesuchend an mich gewandt, eigentlich, als Vorsitzende dann wiederum, weil sie eine Übersetzung bekommen hat, die eindeutig nicht von einem Menschen übersetzt war. Wie sollte sie damit umgehen? Also seriöse Verlage möchten das nicht. Also es ist ein künstlerischer Prozess und KI kann keine Kunst. Also KI kann total viel und wir können KI benutzen oder AI, also im deutschen KI. Ja, ich habe auch gesagt. Also Artistik, Intelligenz oder eben Kunst, Intelligenz. Und wir können das bestimmt als Hilfsmittel für uns nutzen. Also ich habe es manchmal gemacht bei meinem letzten Projekt, wenn ich irgendwelche Absätze wirklich nicht durchschaut habe und ich so verstehe ich das nicht oder fehlt da was oder so. Und dann habe ich das manchmal bei DeepL eingefüttert, einfach so einen Absatz. Und da kommt schon, gerade jetzt bei der Sprachkombi mit Englisch, also bei Englisch ist das einfach am weitesten entwickelt, kommen schon weitestgehend sinnvolle Sätze erst mal raus. Aber verstanden habe ich die Absätze dann inhaltlich trotzdem immer noch nicht, weil irgendwas eben da schief war oder so. Und es ist kein schöner Text, also ein Mensch kann einfach noch feilen und gestalten und so weiter, was dann die KI nicht kann. Aber wir hören es schon, so wie eben diese Lektorin sich an mich gewandt hat, so hören wir auch aus der Kollegenschaft das Verlage teilweise schon Anfragen rausschicken. Ja, wir wollen ein Buch mit KI übersetzen. Wie viel würde das kosten, das dann von dir überarbeiten zu lassen? Also dass er dann quasi nur noch die nachrangige Instanz wäre. Ja, und da und da. Also die ganz große Frage, die dann da auftaucht, ist halt die nach der Urheberschaft. Also erstens, OK, ist vielleicht einfach ein neues Tätigkeitsfeld. Also man übersetzt nicht und man lektoriert nicht eine Übersetzung, sondern man lektoriert eine künstliche Übersetzung. Aber wer hat dann die Urheberschaft an dem Endergebnis?

Helen
Ja, super spannend auch.

Marieke Heimburger
Natürlich wird es immer weiterentwickelt, aber das Schöne an Kunst ist ja auch, dass sie ständig Regelverstöße begeht. Also darum geht es ja eben immer, was Neues zu machen und so weiter und soweit ich weiß, ist KI dafür nicht geeignet. Aber je formalisierter ein Text, also wenn ich jetzt zum Beispiel, ich sage ja gerade, ich mache manchmal auch Übersetzungen von, also ermächtigte Übersetzungen, wenn ich also zum Beispiel irgendwie ein Ausbildungszeugnis übersetze oder so, dann das kann ich da, kann ich ziemlich weit kommen mit KI als Hilfsmittel. Also das erspart mir tatsächlich das einzelne Nachschlagen von Wörtern und Begriffen. Dann ist es dann wirklich, also geballte Wörterbuchkompetenz. Und meine Aufgabe als ermächtigte Übersetzerin ist dann eben, das jetzt alles genau zu lesen und zu vergleichen mit dem Original und zu prüfen, dass das auch eben wirklich im deutschen Kontext das bedeutet, was es in dem englischen oder dänischen Kontext dort bedeutet. Der Mensch ist ja natürlich auch nicht fehlerfrei, wissen wir ja, aber der Mensch muss es trotzdem prüfen, dass es seine Richtigkeit hat.

Helen
Ja, und du hast ja auch gerade angesprochen, du übersetzt ja nicht nur aus dem Englischen, wo es wahrscheinlich wirklich am weitesten entwickelt ist. Aber ich denke gerade so in der Sprache wie Dänisch. Du übersetzt ja auch aus dem Dänischen. Na ja, da wird es wahrscheinlich einfach auch noch eine Weile dauern, dass diese Systeme wirklich so weit sind.

Marieke Heimburger
Ja, aber die Dänen sind ja den Deutschen in Sachen Digitalisierung sehr weit voraus. Aber trotzdem, du hast recht, also oder lass es uns ein bisschen auf die Spitze treiben. Also, wer interessiert sich und wird die KI entwickeln für die Sprachkombi Kisuaheli und Hindi? Ja, also wir, wenn wir über KI reden, sind wir meistens auch sehr eurozentristisch unterwegs oder sehr westlich. Oder ganz anders mit Chinesisch oder also eben wo es ein ganz anderes Zeichensystem gibt und so, wage ich mir gar nicht vorzustellen. Also es ist kein Teufelswerk, das überhaupt nicht, also aber ich glaube nicht, wenn wir von richtiger Literatur sprechen und so ein Buch jetzt auch eben wirklich wie »Überwintern«, das sehe ich nicht so bald, dass das von Computern einfach so maschinell gemacht werden kann.

Helen
Ja und ich denke immer eigentlich, wenn es auch so um Stimmungen geht, was auf jeden Fall schwieriger ist. Du hast von Kulturräumen, glaube ich, gesprochen bei deinem Studium.

Marieke Heimburger
Ja, Kulturraumstudien hieß das. Genau. Und auch das gilt es ja zu beachten. Also wenn ich für Kiepenheuer & Witsch einen Roman übersetze, einer amerikanischen Autorin, es ist eine Romanbiografie einer Österreicherin, aber halt geschrieben natürlich für ein amerikanisches Publikum erstmal. Also und übrigens Österreicherin in den 30ern letztes Jahrhundert. Also da merkt man dann eben, dass die Autorin dem amerikanischen Publikum immer diverse Dinge noch erklären muss. Klar, die wissen auch nicht alles über die USA in den 30er Jahren oder so. Aber eben Dinge erklären muss, die du einer Leserin in Deutschland nicht erklären musst. Nicht in der Penetranz sag ich jetzt mal. Und darum Da muss dann ich auch eingreifen und eventuell mal was ein bisschen zurückschrauben oder so, weil das halt auf Deutsch einfach too much wäre dann oder umgekehrt. Dann merke ich, die Zielgruppe braucht hier mehr Information, als es im Original hergibt und so was. Und so was zum Beispiel, weiß ich nicht, ob KI das jetzt kann oder können wird, das so was einzuschätzen. Wobei natürlich die Einschätzung auch meine persönliche ist.

Helen
Ja.

Marieke Heimburger
Wiederum immer in Absprache mit einem Lektorat und so weiter, aber ja, so ist es. Also es ist ein persönliches Kunstwerk.

Helen
Ich mag aber auch total gerne, dass du es als Kunstwerk beschreibst. Gibt dem Ganzen ja nochmal eine ganz andere Wertigkeit und ich glaube, wenn man das auch so im Hinterkopf behält, dann, ja, versteht man vielleicht auch viel eher, worum es dir geht, worum es deinen Kolleginnen geht und trägt vielleicht auch einfach dazu bei, dass wir es nochmal mehr vor Augen immer haben. Ich finde es eine richtig schöne Vorstellung, dass es einfach ein Kunstwerk ist, mag ich sehr. Ich habe hier eine Frage gespeichert von mir, die bei der unten jetzt schon auf irgendetwas anders beantwortet wurde, aber gibt es irgendwo Informationen, welche Bücher welche ÜbersetzerInnen übersetzt hat? Bin ich so ganz sicher, wie das gemeint ist? Also weil im Buch, ich weiß nicht ob da irgendwie eine Übersichtseite oder so mit gemeint ist?

Marieke Heimburger
Also ich meine, alles was ich übersetzt habe, könnt ihr auf meiner Website finden. Und ansonsten, also in der deutschen Nationalbibliothek dnb.de kann man natürlich oder bei allen digitalen Plattformen, die Bücher zum Verkauf anbieten, kann man natürlich auch mal sein Glück versuchen und nach…

Helen
Vielleicht könnte man bei einer Übersetzerin quasi gucken, was hat die Person übersetzt.

Marieke Heimburger
Ich weiß nicht, ob wir die Frage richtig verstanden haben tatsächlich.

Helen
Ich weiß auch nicht, aber sonst soll ich einfach noch mal umformulieren, falls wir es falsch beantwortet haben. Es gab auf jeden Fall auch noch einiges an Kommentaren zu den KI-Geschichten. Das ist aber wirklich keine Frage. Nur Meinungen. Nee, okay. Also es gibt unterschiedliche Meinungen, scheinbar zu sein, was auch hier in den Kommentaren polarisiert. Okay, vielleicht gerade ich gucke gerade nochmal in meinen Notizen. Kann ich die ganze Frage irgendwie nachträglich sehen? Ich glaube nachträglich nicht. Ich kann mal vorlesen, was da noch so war. Ich muss mich hier so rüber beugen. Das ist schon nicht so weit weg von mir. Einmal irgendwie toxische Vibes. Dann, sorry, damit unterschätzt ihr AI-Systeme. Dann seriöse Verlage nutzen, KI, Autor überarbeitet danach noch, klappt gut. Und dann, also ich arbeite in anderen Bereichen als Buch, als Übersetzerin mit Hilfe von KI bzw. MTPE und da kommt der größte Käse bei rum und ich verlange immer Aufschlag, wenn ich das verarbeiten soll. Ich glaube, das waren die Kommentare dazu.

Marieke Heimburger
Ich habe ja auch immer wieder gesagt, soweit ich weiß.

Helen
Ja klar.

Marieke Heimburger
Ich weiß nicht, ich bin da nicht tief drin.

Helen
Ich kenne mich da auch gar nicht mit aus. Ich hatte im Vorfeld noch die Frage bekommen, was hast du aus dem Übersetzungsprozess, und ich denke, das bezieht sich auf Überwintern, mitgenommen. Eine sehr offene Frage aber vielleicht. Ist dir dazu was in den Sinn gekommen, was du mitgenommen hast?

Marieke Heimburger
Auf jeden Fall. Ich war nämlich heute morgen winterbaden.

Helen
Ach, schön. Hast du alles ausprobiert?

Marieke Heimburger
Nein, ich musste nicht alles ausprobieren, weil einiges davon kannte ich ja tatsächlich schon. Das war ja auch einer der Gründe, weshalb die Lektorin auf mich gekommen war. Also unter anderem war ja auch eine dänische Winterbaderin dann eben vorkommt und überhaupt einiges ja in Skandinavien so Anknüpfungspunkte hat und ich ja in Dänemark lebe und genau und ich hatte also seit Jahren nehme ich Anlauf zur Winterbaderin zu werden und immer wieder diese Taktik versucht im Sommer anfangen und dann einfach dabei bleiben. Ja und das war ja dann Anfang 21 mitten im Übersetzen war, war ja alles geschlossen. Die Umkleiden waren geschlossen und man durfte sich nicht treffen und so weiter. Jedenfalls nicht in größeren Gruppen. Ich folge schon seit längerer Zeit einer Winterbadegruppe hier bei mir in der Nähe auf Facebook und plötzlich dachte ich, ist ja sonst nix los. Jetzt mach ich das. Und dann bin ich vor zwei Jahren im Januar tatsächlich, also nix mit recht langsam zu akklimatisieren oder so, sondern wirklich dann buchstäblich ins kalte Wasser gesprungen. Und ja, also das mach ich jetzt tatsächlich mit einer gewissen Regelmäßigkeit.

Helen
Ich hatte das glaube ich bei dir in den Stories gesehen. Kann das sein? Irgendwie Weihnachten oder Neujahr oder so?

Marieke Heimburger
Also an Silvester war ich baden und heute sozusagen, außer der Reihe mal, heute war so schönes Wetter. Und dann so, was war heute? Wasser 5 Grad, nee Wasser 7 Grad, Luft 5 Grad. Und ansonsten habe ich aber auch mitgenommen schon also diesen zyklischen Gedanken, doch mehr, ja oder auch und auch dieses, auch mir das noch mehr eingestehen, dass ich Ruhephasen brauche und sowas. Abgesehen davon fand ich auch teilweise wirklich interessante Facts da drin. Also was mich fasziniert hat war, dass mit den Schlafphasen, also dass die Menschen offenbar früher sowieso in zwei Runden geschlafen haben und mitten in der Nacht irgendwie ein paar Stunden auf waren, bevor es eben elektrisches Licht gab und also nicht nur das man das jetzt herausgefunden hat, sondern auch die Tatsache, dass das ja ewig lang überhaupt kein Thema war, weil es ja nirgendswo aufgeschrieben ist im Grunde. Also die Menschen haben ja nicht aufgeschrieben, ja heute Nacht habe ich von bis geschlafen und dann habe ich von bis geschlafen, sondern dass das so in mühevoller Kleinarbeit anhand von literarischen Texten eigentlich hergeleitet. Also genau solche Sachen habe ich mir gemerkt und finde ich toll. Und das zum Beispiel, also allein dieses mit dem Schlaf, der zweigeteilt ist, also ich schlafe eigentlich wirklich sehr gut und schlafe durch und so, aber wenn ich mal nachts aufwache, dann denke ich mir, mal gucken, was jetzt passiert, ob ich wach bleibe oder ob ich, und wenn ja, dann stehe ich einfach auf und mache irgendwas und so, ist völlig in Ordnung, ist es kein Drama und so. Eine gewisse Gelassenheit vielleicht habe ich mitgenommen aus dem Buch.

Helen
Ja, daran arbeite ich noch. Also ich schlafe sehr viel besser. Ich hatte ja auch dann die Frage aufgeworfen, schlaft ihr auch schlecht oder wer schläft schlecht? Bei mir ist das besser geworden. Aber ich hadere sehr damit, wenn ich da nicht schlafen kann, konnte ich nämlich heute Nacht dann auch wieder ab 4 Uhr nicht. Dann denke ich halt schnell so, jetzt habe ich nicht mehr so viel Zeit zu schlafen. Und so, auch wenn ich weiß, dass das natürlich kontraproduktiv ist. Aber das fand ich auch irgendwie generell schön, wie sie sich ja mit ihrem Winter eben auseinandergesetzt hat. Also dafür Strategien irgendwie versucht hat zu finden, fand ich richtig schön. Ich bin allerdings auch noch nicht ganz ganz fertig, aber…

Marieke Heimburger
Und auch überhaupt diese Metapher einfach, der Winter auch persönlich über den Tag.

Helen
Total.

Marieke Heimburger
Also mich hat das sehr angesprochen, wie gesagt. Und dann kann ich ja auch schon, das ist ja nicht geheim. Also ich sitze jetzt aktuell am nächsten Buch von Katherine May. Ja, und deswegen also das ist und ich hab das schon seit einem halben Jahr auf meinem Rechner. Das ist also schon seit einem halben Jahr überhaupt. Es ist fertig. Ja, also deswegen hat sich ja vorhin gesagt, die Autorin ist schon längst woanders mit ihrem. Also im Moment wird glaube ich dieses mit überwintern noch sehr. Es klingt so negativ. Ich meine es nicht negativ, aber eben ausgeschlachtet. Also es wird verwertet auf alle möglichen entdenklichen Weisen. Und das ist sehr oft gut so. Und dann erscheint im Frühjahr das nächste Buch von mir auf Englisch und im Herbst dann eben auf Deutsch.

Helen
Spannend. Damit wir auf jeden Fall ein Auge drauf haben. Und dann sehen wir ja vielleicht auch, ob da dein Name schon auf dem Cover zu sehen ist.

Marieke Heimburger
Ne, ich hab’s gerade versucht, kann ich jetzt schon verraten, dass du nicht draufstehst, ich habe es gerade versucht, bei der Vertragsverhandlung noch in den Vertrag aufnehmen zu lassen und habe eine ausführliche, freundliche Antwort aus der Vertragsabteilung bekommen, dass das nicht in den Vertrag aufgenommen wird.

Helen
Da muss man ein bisschen Druck machen.

Marieke Heimburger
Genau. Ich meine, es geht ja auch. Wenn Harry Rowohlt draufsteht, dann verkauft sich es ja zum Beispiel ganz gut. Vielleicht verkauft sich es ja auch irgendwann gut sein Marieke Heimburger. Wer weiß das schon?

Helen
Ja, dream big, würde ich sagen.

Marieke Heimburger
Also warum denn nicht?

Helen
Ja, voll. Nee, finde ich richtig gut. Wir werden unser Bestes versuchen. Vielleicht können wir da… Ich meine, es sind jetzt auch immerhin irgendwie über 5000 Menschen, wenn da jeder irgendwie vielleicht eine E-Mail schreibt oder so. Dann kann da ja auch was passieren. Ich habe gemerkt, dass wir irgendwie schon relativ lange quatschen, deswegen gucke ich nochmal schnell, dass ich keine Frage vergesse. Ich habe auf jeden Fall noch eine Abschlussfrage. Diesmal habe ich dich ja vorgewarnt. Aber ich glaube, das war es an Fragen in den Kommentaren. Und ich glaube auch von dem, was wir hier hatten. Dann sehe ich immer gerne am Ende, weil wir ja ein Buchklub sind und jetzt haben wir gar nicht so darüber gesprochen, ob du auch abgesehen vom Übersetzen irgendwie viel liest. Aber ich hoffe einfach mal, dass du gerne und viel liest und vielleicht etwas hast, was dich in letzter Zeit total begeistert hat und was du gerne empfehlen würdest.

Marieke Heimburger
Also, noch kurze Anmerkung. Man sagt, übersetzen ist die genaueste Art des Lesens. Und darum, während ich also an Übersetzungen arbeite, lese ich relativ wenig.

Helen
Ah ja, das kenne ich fast.

Marieke Heimburger
Ich habe 21 tatsächlich mal angefangen, oder nee, 20 habe ich schon angefangen aufzuschreiben. Einfach nur als Liste erst, wie viele Bücher. Und dann war ich eigentlich ganz erstaunt, dass ich doch immerhin ungefähr 25 Bücher noch lese nebenbei. Also, das kann sich dann doch sehen lassen irgendwie. Und dann habe ich eben gestern Abend auf diese Listen geguckt und gedacht, was könnte ich denn dann jetzt als Buchtipp euch mit auf den Weg geben? Und jetzt, also tatsächlich habe ich 2022 keins gehabt. Also es waren viele gute Bücher, aber nicht so, wo ich total geflasht war. Darum muss ich jetzt noch ein Jahr weiter zurückgehen. 2021. Und da habe ich jetzt mir erlaubt zwei Bücher mitzubringen, nämlich ein Sachbuch und einen Roman. Und als Roman möchte ich euch sehr ans Herz legen. Bernardine Evaristo, »Mädchen, Frau, etc.« in der großartigen Übersetzung von Tanja Handels. Ich war nämlich z.B. auch skeptisch. Also das ist ein Buch, was ich mir selber gekauft habe. Ich kann mir ja auch viele Bücher tatsächlich schicken lassen, aber das habe ich selber in der Buchhandlung erworben. Und ich war ein bisschen skeptisch, ob ich damit zurechtkommen würde, dass es keine Punkte gibt und keine Großbuchstaben an den den Satz anfängen und sehr viele Zeilenumbrüche. Und ich weiß, also ich habe das Buch zum Beispiel dann einer Freundin zum Geburtstag geschenkt, weil ich fand es so großartig. Diese Freundin ist Deutschlehrerin und hat mir jetzt irgendwie vor ein paar Monaten gesagt, Marieke, es ging gar nicht.

Helen
Ja, ich finde es immer wieder spannend, weil sowas wird hier auch gerne aufgegriffen. Wir hätten das auf jeden Fall bei »Normale Menschen« von Sally Rooney, dass darüber gesprochen wurde, dass da irgendwie, glaube ich, keine die wörtliche Rede nicht direkt so erkennbar war oder sowas. Also ich muss immer sagen, ich merke es selber gar nicht bis, dass jemand in den Kommentaren erwähnt, aber ich habe das auf Englisch gelesen. »Girl, Woman, Other« ist es hier dann, glaube ich. Und es ist auf jeden Fall ein bisschen spezieller, aber hat mir auch wahnsinnig gut gefallen. Und wie gesagt, ich dachte auch, es würde mich mich stören und ich konnte mich darauf einlassen, aber so.

Marieke Heimburger
Und als Sachbuch von 2021…

Helen
Oh ja, das habe ich immer noch nicht gelesen.

Marieke Heimburger
… war »Frauen Literatur« von Nicole Seifert. Also ich bin ja nun sowieso wirklich auch schon seit dem Studium einigermaßen frauenbewegt unterwegs, also war Studentische Frauenbeauftragte an an der Uni in Düsseldorf und so. Deswegen fange ich da jetzt nicht bei null an, wenn ich so ein Buch lese. Aber ich finde es toll, es ist so informativ, es ist so sachlich und gleichzeitig irgendwie gut zu lesen, unterhaltsam und einfach ein Gewinn, finde ich. Ohne polemisch zu sein oder toxisch, wie vorhin. Ich bin ein bisschen schockiert, dass jemand mich als toxisch bezeichnet oder meine Art zu bezeichnen.

Helen
Ich glaube, das ging um das Thema. Also ich glaube nicht, dass es um deine Aussage ging, sondern also wahrscheinlich schon um den Inhalt deiner Aussage, aber nicht, dass du toxisch wärst.

Marieke Heimburger
Ist ja in Ordnung. Also ich bin ja jetzt weiß ja nicht, wer da alles da draußen sitzt und wem ich vielleicht auch die Füße trete oder so. Aber genau. Aber das sind meine beiden Empfehlungen für euch.

Helen
Total klasse. Super, danke schön. Habe ich mir notiert, werde ich gleich noch mal teilen. Genau, gerade sehe ich mal einen Kommentar. Nicole Seifert schreibt auch gerade ein neues Buch.

Marieke Heimburger
Ja, da freue ich mich auch schon drauf.

Helen
Sehr gut.

Marieke Heimburger
Über die übersehenden Frauen der Gruppe 47.

Helen
Ah, okay. Ich glaube ich habe die Fragen gestellt, die ich hier mitgebracht habe. Da hast du noch irgendwelche Fragen. Oder wolltest du irgendwas ergänzen, was ich vergessen habe?

Marieke Heimburger
Ich müsste jetzt aufpassen, dass ich mir von dir erklären lasse, wie so ein Buchclub funktioniert.

Helen
Dann sitzen wir ja morgen noch hier. Nee, nee. Also ich finde es total spannend, mal ein bisschen mehr einen Einblick zu kriegen, in was so jemand wie du dann macht in der Freizeit. Ja.

Marieke Heimburger
Ich habe ja auch ein bisschen die Leserunde verfolgt und mal geguckt, was so an Kommentaren kam. Ich kann es übrigens auch total verstehen, weil in der letzten Leserunde waren einige kritische Anmerkungen. Zum Beispiel das Stonehenge-Kapitel hat mich auch fast rausgehauen. Also, ja, es kann zwischendurch erratisch wirken und so weiter. Aber ich finde, dass es am Ende dann eben ein großes, rundes Ganzes ist. Aber ganz ehrlich, ich bin auch niemand, der sich zwingt, ein Buch fertig zu lesen.

Helen
Ja, das übe ich auch noch.

Marieke Heimburger
Gerade jetzt an Silvester, am 1. Januar bin ich an einem Buch, an einem Punkt gewesen und es hat eigentlich alle Voraussetzungen so grundsätzlich erfüllt. Aber es war dann trotzdem irgendwie, wo ich dann gesagt habe, Nee, ich glaube, ich lege das jetzt wirklich zur Seite. Ich möchte das nicht weiterlesen. Ja, es ist völlig in Ordnung, wenn man…

Helen
Ja, ich sage das auch immer, dass das in Ordnung ist. Ich meine das auch so, aber ich finde das selber immer gar nicht so leicht. Ich unterbreche häufig auch wahrscheinlich schon dauerhaft, aber irgendwie fällt es mir schwer, so offiziell zu sagen, nein, das Buch lege ich nicht mehr weiter. Also in meinem Hinterkopf ist das dann irgendwie doch noch da.

Marieke Heimburger
Hier kommt schon wieder eine Menge Dankes, weiss nicht, Grüße, sage ich mal.

Helen
Also auch nochmal von mir. Danke, dass du dir über eine Stunde jetzt schon Zeit genommen hast für unsere Fragen. Ich finde das immer wahnsinnig spannend, weil das fühlt sich an, als dürfte man mal so hinter die Kulissen gucken. Das hat man ja sonst selten so die Gelegenheit. Deswegen vielen, vielen Dank. Und ich gelobe auf jeden Fall Besserung für das, was ich hier so, wo ich so Einfluss drauf hab. Da hab ich ja auch allein schon durch unser Gespräch gesehen, da ist noch viel Luft nach oben. Ja, und vielleicht kann das auch schon ein Mini-Bisschen dazu beitragen, dass es mehr Sichtbarkeit bekommt.

Marieke Heimburger
Aber ich möchte auch mal mich bedanken für die Einladung, für die Anfrage und für die gute Atmosphäre. Ich hab mich sehr wohl gefühlt bei dir und Ich wünsche dir auch weiter alles Gute mit deinem Buchklub und viele tolle Bücher und Kontakte und Austausch und so. Jetzt begegnen wir uns dann irgendwann mal auf einer Buchmesse.

Helen
Bestimmt. Ich bin erst mal grundsätzlich auf jeder Buchmesse Leipzig und Frankfurt dieses Jahr dabei. Das wäre dann meine Premiere irgendwie, weil ich das ja noch nicht und bin da schon im Gedanke total aufgeregt. Aber ich will es eigentlich, also dieses Jahr, sich das mal wagen.

Marieke Heimburger
Ja, dann sehen wir uns dort.

Helen
Ja, genau, dann sehen wir uns dort. Ich wünsche dir jetzt auf jeden Fall einen schönen Abend. Viel Spaß beim nächsten Winterbaden.

Marieke Heimburger
Danke.

Helen
Und ich sage erst mal so, bis bald. Wir hören ja noch ein bisschen was oder lesen noch ein bisschen was zu dir. Ich glaube, am 15., 18. Januar irgendwie sowas rum. Wir kommen noch mal Infos zu dir.

Marieke Heimburger
Super. Also, alles Gute.

Helen
Ja, tschüss!

Alle 153 Folgen im Archiv

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner