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Papaya am Strand von Jesolo: Tanja Raich über ihren Roman, das Cover, das sie nicht wollte, und ein Ende, das bis zur Geburt reicht

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Podcast · Folge 40

Papaya am Strand von Jesolo: Tanja Raich über ihren Roman, das Cover, das sie nicht wollte, und ein Ende, das bis zur Geburt reicht

Der Livestream zum Abschluss der Leserunde: warum »Jesolo« so heißt, wie der Roman handschriftlich am Strand von Ostia entstand, was die Sonnenschirmreihen bedeuten – und worum es im Nachfolger »Schwerer als das Licht« geht

11. August 2023 · 61 Minuten · Ganze Folge hören ↓

Stand heute

Diese Folge ist die Audioversion des Livestreams, mit dem im August 2022 die Leserunde zu »Jesolo« abgeschlossen wurde; als Podcastfolge ist sie ein Jahr später erschienen. »Schwerer als das Licht« war zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade herausgekommen, das Gewinnspiel aus dem Livestream ist längst beendet. Tanja Raichs Angaben zu ihrem Verlagsjob sind der Stand von 2022. Inzwischen ist von ihr im Residenz Verlag »Die Puppe« erschienen, mit Illustrationen von Hanna Zeckau. Die gedruckten Ausgaben von »Jesolo« und »Schwerer als das Licht« sind bei Thalia derzeit nur gebraucht zu haben – die Links unten führen deshalb zu den E-Books.

Ein Sommerbuch mit sommerlichem Cover, ausgewählt, weil es leicht aussah – und dann macht es mit dem Buchclub „richtig viel“, wie Helen sagt. Im August 2022 haben die Mädels »Jesolo« gelesen, und am Ende der Leserunde schaltet sich die Autorin dazu: Tanja Raich, geboren in Meran, Verlagsfrau in Wien, deren Debüt von einer Frau erzählt, die Kompromiss um Kompromiss eingeht. Es geht um den Ort der Kindheit, der zum Sinnbild fürs Sich-Einreihen wurde, um Coverentwürfe mit Sonnenschirmreihen, die dann doch zu sehr nach Sommerlektüre aussahen, um die Papaya auf der Büchergilde-Ausgabe, die es in Jesolo gar nicht gibt, um ein Notizbuch am Lido di Ostia und um ein Ende, das die Buchclub-Runde gespalten hat. Dazu beantwortet Tanja Raich die Fragen aus der Community: zum Literaturkanon, zu Graphic Novels im Deutschunterricht, zu ihrem gerade erschienenen zweiten Roman »Schwerer als das Licht« – und sie bringt Buchtipps mit, von Megan Hunter bis zu den Debüts aus ihrem eigenen Verlagsprogramm.

Tanja Raich

Schriftstellerin und Verlagsprogrammleiterin, Wien

Tanja Raich wurde 1986 in Meran geboren, hat Germanistik und Geschichte studiert und lebt in Wien. Sie war Programmleiterin für Literatur bei Kremayr & Scheriau, wo sie eine Reihe für Debüts aufgebaut hat, und verantwortete danach Literatur und Kinderbuch bei Leykam. Ihr Debütroman »Jesolo« (Blessing 2019) stand auf der Shortlist des Debütpreises des Österreichischen Buchpreises und wurde ins Italienische und Arabische übersetzt. 2022 folgten der Roman »Schwerer als das Licht« und die Anthologie »Das Paradies ist weiblich«, die sie herausgegeben hat.

Sonnenschirmreihen als Sinnbild

Zuerst die Aussprache, weil Helen mehrere Versionen gehört hat: „Jesolo“, sagt Tanja Raich. Den Ort kennt sie aus der Kindheit, zuletzt war sie mit etwa 14 dort, und was sie daran reizte, sind die Sonnenschirmreihen, die es so nur an der Adria gibt: ein Ort, an den man jedes Jahr fährt, kein Abenteuer, Sich-Einreihen statt Ausscheren – „das ist so das Bild, was ich dann schön fand für den ganzen Roman“. Helen kannte den Ort nicht, war damit im Buchclub aber offenbar eine der wenigen; jemand hatte das Buch sogar mit nach Jesolo genommen. Für das Buchclub-Treffen hatte sie ein Foto als Hintergrund gesucht und genau das gefunden: eine Schirmreihe an der nächsten. So hätte Tanja Raich auch das Cover gewollt – die Entwürfe mit Sonnenschirmen wirkten aber auch auf sie selbst zu sehr nach Sommerlektüre, und am Ende hat sie sich an das Cover gewöhnt, das der Verlag ausgewählt hat. Andere Entwürfe waren schlimmer: ein Meeresfoto mit einer Frau mit ausgebreiteten Armen, zwei kleine Köpfchen in Rosa und Blau. Die Papaya auf der Ausgabe der Büchergilde gefällt ihr sehr, auch wenn sie angemerkt hat, dass eine Papaya mit ihrem Roman nichts zu tun hat und es in Jesolo eher Kokosnuss und Wassermelone gibt; die Wassermelone sah aber nicht so schön aus, und die Papaya ist immerhin ein Fruchtbarkeitssymbol.

Ein Ende bis zur Geburt

Die Idee kam um 2014, als in ihrem Umfeld alle Kinder bekamen und sie ständig gefragt wurde, wie es denn bei ihr aussehe. Irgendwann wollte sie das ausbuchstabieren: Was passiert, wenn eine Frau alle Ansprüche der Gesellschaft erfüllt und einfach Ja sagt? Die klassische Ausbruchsgeschichte fand sie langweilig; literarisch spannender war ihr, warum jemand Kompromiss für Kompromiss eingeht und wie sich das zuspitzt. Dass Andi nicht ausbricht, hat viele im Buchclub frustriert – Helen konnte die Lethargie nachvollziehen, und beim Buchclub-Treffen wurde es so persönlich wie lange nicht. Tanja Raich war Konsequenz wichtig, auch wenn es die Ausbruchsversuche gibt: Der Roman handelt davon, Erwartungen gerecht zu werden, und Frauen sind mit so vielen aufgeladen – wie sie sich anziehen, ob sie arbeiten, ob sie Kinder haben, wann sie schwanger werden –, dass es konsequent zu Ende gedacht genau so aussieht. Sie bekommt viele sehr persönliche Nachrichten von Leserinnen, die sich in Andis Situation wiederfinden; das macht sie oft traurig, weil es zeigt, wie viel Mut das Nein-Sagen kostet. Das Ende war für sie von Anfang an gesetzt: Die Geschichte endet mit der Geburt, was danach kommt, wollte sie nie erzählen. Als Kurzgeschichtenautorin mit Hang zu surrealen Enden fand sie die realistischen Dialogszenen des Romans lange „fad“ – erst das metaphorische Ende, das die Klammer zum Titel und zur Wassermetaphorik schließt, hat sie mit dem Buch versöhnt. Die Traumsequenzen, die Helen manchmal überfordert haben, sind für sie das Element, mit dem sie in die Psyche der Figur eintaucht.

Ein Notizbuch am Lido di Ostia

»Jesolo« ist handschriftlich entstanden. Mit ein paar Kapiteln war Tanja Raich auf Schreibaufenthalt in Rom, wo es so heiß war, dass der Laptop glühte; sie kaufte ein Notizbuch, fuhr an den Lido di Ostia, „wo die Leute liegen wie die Sardinen“, und schrieb am Strand. Sie schreibt Szenen, ohne zu wissen, wie sie enden, manchmal welche von viel später, und ist regelmäßig überrascht, was ihre Figuren dann tun. Helen kennt diesen Satz aus mehreren Livestreams mit Autor*innen und fragt sich jedes Mal, wie das funktioniert.

Das Schreiben ist eigentlich wie Träumen, also es ist tatsächlich so, dass du halt da eintauchst und erst dann, wenn du wirklich loslässt, dann fängt es erst an, Funken zu sprühen und es funktioniert dann.Tanja Raich

Am Ende entsteht trotzdem alles am Laptop: Das Notizbuch klemmt in einer Tablet-Stütze, beim Abtippen redigiert sie schon, dann wird überarbeitet und montiert. Neben dem Verlagsjob braucht sie dafür Ruhe, Langeweile und ein Notizbuch in der Hand. Begonnen hat sie »Jesolo« 2014, abgeschlossen etwa 2018 – und war beim Erscheinen längst im nächsten Buch, was sie entspannt auf Tour gehen ließ. Jetzt, nach zwei Büchern in einem Jahr, kommt „die ganz, ganz lange Pause“; ein »Jesolo 2« über Kindererziehung werde es nicht geben, so etwas lasse sich nicht steuern. Was die Bücher verbindet: eine ausweglose Situation am Anfang, von der aus die Geschichte erst beginnt.

Kanon, Graphic Novels und ein Weltuntergang

Aus der Community kam die Frage, was in den Literaturkanon gehört. Tanja Raich stellt die Frage zurück: Wozu eine Liste von 100 Büchern, die alle gelesen haben müssen? Wichtiger sei, Jugendliche für Literatur zu begeistern, und den Kanon aufzubrechen – mehr Frauen, mehr Perspektiven, mehr Weltliteratur. Ihr eigener Leseplan im Germanistikstudium bestand aus alten weißen Männern, in der Schule aus Böll, Kafka und Grass; Autorinnen standen höchstens auf der freiwilligen Sommerliste, und den »Faust« in verteilten Rollen hat sie als viele verlorene Deutschstunden in Erinnerung. Helen hört im Buchclub oft, dass Leute nach Studium oder Schule jahrelang nicht mehr lesen wollten. Warum nicht Verlagsprogramme unabhängiger Verlage im Unterricht, warum nicht Graphic Novels, fragt Tanja Raich – sie nennt den Comic »Maus«, historische Stoffe bei Reprodukt oder avant, und aus ihrem eigenen Programm bei Kremayr & Scheriau Bücher mit Fotos und Notizzetteln wie Ianina Ilitchevas »183 Tage« oder Petra Piuks Foto-Bild-Roman »Wenn Rot kommt«. Helen ergänzt die »Anna Karenina«, die der Buchclub im digitalen Ferienlager gelesen hat: hoch gelobt, aber bei tausend Seiten Landwirtschaft im Russland des 19. Jahrhunderts verliert man zwischendurch die Lust.

Dann zum gerade erschienenen »Schwerer als das Licht«, dessen Cover Tanja Raich in die Kamera hält (Blätter, keine Federn): ein Weltuntergang, tagebuchartig aus der Ich-Perspektive, in kurzen nummerierten Sequenzen, die sie ausgedruckt, zerschnitten und immer wieder neu gelegt hat – die endgültige Anordnung stammt von ihrer Lektorin –, durchbrochen von vier Rückblenden, die man auch als Menschheitsgeschichte lesen kann. Geschrieben hat sie viel draußen, sieben Wochen davon in Sri Lanka, wo die Sonnenuntergänge aussahen wie Explosionen; manche Szenen hat sie erst geschrieben und dann erlebt, etwa Fischskelette am Strand. Erschienen ist der Roman wie »Jesolo« bei Blessing, nur die Anthologie »Das Paradies ist weiblich« liegt bei Kein & Aber. Ein Exemplar wurde im Livestream verlost – die Preisfrage nach dem ursprünglichen Titel löst Helen in der Folge selbst auf: »Inselfestung«.

Im Livestream wird ein Buchclub-Treffen zu »Jesolo« erwähnt, das vor der Aufnahme stattfand, und Lesungstermine für Herbst 2022; beides ist längst vorbei. Der genaue Aufnahmetag wird in der Folge nicht genannt – im Gespräch ist nur von einem Montag die Rede.

Buchtipps von Megan Hunter bis Leykam

Ein Roman, der Helens Liste noch fehlte, war die Inspiration für »Jesolo« und verbindet beide Bücher: »Vom Ende an« von Megan Hunter, eine Schwangerschaft während einer Apokalypse. Dazu empfiehlt Tanja Raich Valeria Luisellis »Archiv der verlorenen Kinder« und Chimamanda Ngozi Adichies »Blauer Hibiskus«. Aus dem Programm bei Leykam, wo sie zum Zeitpunkt der Aufnahme seit eineinhalb Jahren arbeitete, bringt sie drei Debüts mit: »Der Hausmann« von Wlada Kolosowa, experimentell und leichtfüßig aus Spar-Blog, Flüchtlingstagebuch, Graphic Novel und Chats montiert; »Connect« von Thea Mengeler über eine Sekte, in die die Figur hineinschlittert; und »Luftpolster« von Lena-Marie Biertümpel, ein Roman über einen Heilungsprozess. Den Serientipp »Killing Eve« aus dem Buchclub-Treffen bestätigt sie begeistert – Helen hat die Serie noch nicht gesehen –, und sie legt die kolumbianische Serie »Frontera Verde« nach – letztere eher als Begleitung zu ihrem neuen Roman. Ihre Lesungen mit »Jesolo« sind vorbei; die letzte war in Kairo, wo die arabische Übersetzerin vorlas und der Roman unter einem ganz anderen Titel erschienen ist, und wo sie bei der Diskussion über Ehe und Mutterschaft feststellte, wie ähnlich die Lebensrealitäten sind.

Wenn du »Jesolo« gelesen hast und wissen willst, was die Autorin zum Ende, zum Cover und zu Andi sagt, ist die ganze Folge das Richtige – samt der Frage, was ein Literaturkanon eigentlich soll. Achtung, Spoiler: Wer das Buch noch lesen will, hört besser später.

Die ganze Folge hören

Die Bücher aus der Folge

Tanja Raichs beide Romane, die Anthologie, die sie herausgegeben hat, und die Buchtipps, die sie dem Buchclub mitbringt.

Buchcover »Jesolo« von Tanja Raich

Jesolo

Tanja Raich · Blessing · 224 Seiten

Das Monatsbuch 08/22, um das es in der ganzen Folge geht: eine Frau, die Kompromiss für Kompromiss eingeht – bis zur Geburt.

Als E-Book bei Thalia*

Leserunde nachholenMonatsbuch 08/22

Buchcover »Schwerer als das Licht« von Tanja Raich

Schwerer als das Licht

Tanja Raich · Blessing · 192 Seiten

Ihr zweiter Roman, zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade erschienen: ein Weltuntergang in Tagebuchform, ursprünglich als »Inselfestung« geplant.

Als E-Book bei Thalia*

Buchcover »Das Paradies ist weiblich« herausgegeben von Tanja Raich

Das Paradies ist weiblich

Herausgegeben von Tanja Raich · Kein & Aber · 256 Seiten

Die Anthologie, die im Februar 2022 erschienen ist – das andere Buch, das sie in diesem Jahr veröffentlicht hat.

Bei Thalia ansehen*

Buchcover »Vom Ende an« von Megan Hunter

Vom Ende an

Megan Hunter · übersetzt von Karen Nölle · C.H. Beck · 160 Seiten

Die Inspiration für »Jesolo« und das Bindeglied zu »Schwerer als das Licht«: eine Schwangerschaft während einer Apokalypse.

Bei Thalia ansehen*

Buchcover »Archiv der verlorenen Kinder« von Valeria Luiselli

Archiv der verlorenen Kinder

Valeria Luiselli · übersetzt von Brigitte Jakobeit · Kunstmann · 432 Seiten

Ein Roman, den Tanja Raich schon oft empfohlen hat – und wieder empfiehlt.

Bei Thalia ansehen*

Buchcover »Blauer Hibiskus« von Chimamanda Ngozi Adichie

Blauer Hibiskus

Chimamanda Ngozi Adichie · übersetzt von Judith Schwaab · Fischer Taschenbuch · 336 Seiten

Ihr dritter Tipp aus dem eigenen Lesestapel, „unlängst“ gelesen.

Bei Thalia ansehen*

Buchcover »Der Hausmann« von Wlada Kolosowa

Der Hausmann

Wlada Kolosowa · illustriert von Raúl Soria · Leykam · 320 Seiten

Ein Debüt aus ihrem Programm bei Leykam: Spar-Blog, Flüchtlingstagebuch, Graphic Novel und Chats in einem Roman.

Bei Thalia ansehen*

Buchcover »Connect« von Thea Mengeler

Connect

Thea Mengeler · Leykam · 304 Seiten

Ein Roman über eine Sekte – nach Tanja Raichs Einschätzung viel Diskussionsstoff für einen Buchclub.

Bei Thalia ansehen*

Die mit Sternchen markierten Links sind Affiliate-Links: Kaufst du darüber, erhalten wir eine kleine Provision. Für dich ändert sich am Preis nichts. Die gedruckten Ausgaben von »Jesolo« und »Schwerer als das Licht« sind bei Thalia derzeit nur gebraucht erhältlich, deshalb verlinken wir die E-Books. »Luftpolster« von Lena-Marie Biertümpel, das dritte Leykam-Debüt aus der Folge, ist derzeit nur als E-Book lieferbar.

Häufige Fragen

Warum heißt der Roman »Jesolo«?

Jesolo an der Adria ist ein Ort von Tanja Raichs Kindheit – das letzte Mal war sie mit etwa 14 dort. Was sie an dem Ort reizte, sind die Reihen von Sonnenschirmen, die es so nur dort gibt: ein Ort, an den man jedes Jahr fährt, und damit ein Sinnbild für eine eingeschlafene Beziehung ohne Abenteuer – fürs Sich-Einreihen und Nicht-Ausscheren. Genau so hätte sie sich auch das Cover gewünscht; die Entwürfe mit Sonnenschirmreihen sahen dann aber, wie sie selbst fand, zu sehr nach Sommerlektüre aus.

Wie ist die Idee zu »Jesolo« entstanden?

Um 2014 herum, erzählt Tanja Raich, bekamen in ihrem Umfeld alle Kinder, und sie hörte ständig die Frage, wie es bei ihr mit Kindern und Heiraten aussehe. Irgendwann beschloss sie, ein Buch zu schreiben, das durchbuchstabiert, was passiert, wenn eine Frau alle Ansprüche der Gesellschaft einfach erfüllt und immer Ja sagt. Die klassische Ausbruchsgeschichte – Frau ist unglücklich, verliebt sich neu, trennt sich – fand sie langweilig; spannender war ihr, warum jemand Kompromiss für Kompromiss eingeht. Begonnen hat sie 2014, abgeschlossen etwa 2018, erschienen ist der Roman 2019.

Was hat es mit dem Ende von »Jesolo« auf sich?

Für Tanja Raich war von Anfang an klar, dass sie die Geschichte nur bis zur Geburt erzählen will – nicht, was danach kommt, sondern wie eine unabhängige Frau dorthin gelangt, wo ihre Protagonistin am Ende steht. Sie hat vorher vor allem Kurzgeschichten mit surrealen Enden geschrieben und fand die realistischen Szenen des Romans lange „fad“; erst das metaphorische Ende, das die Klammer zum Titel und zur Wassermetaphorik schließt, hat sie mit dem Buch versöhnt. Dass der Buchclub darüber gestritten hat, ob Andi ausbricht oder nicht, war ihr deshalb recht.

Worum geht es in »Schwerer als das Licht«?

Um einen Weltuntergang, sagt Tanja Raich: tagebuchartig aus der Ich-Perspektive, in kurzen, nummerierten Sequenzen, die sie ausgedruckt, zerschnitten und immer wieder neu arrangiert hat – die endgültige Reihenfolge stammt von ihrer Lektorin. Durchbrochen wird das von vier Rückblenden aus einer anderen Perspektive, die man auch als eine Art Menschheitsgeschichte lesen kann. Geschrieben hat sie unter anderem in Sri Lanka, wo sie abends die Sonnenuntergänge beobachtete. Ursprünglich sollte der Roman »Inselfestung« heißen – das war die Preisfrage des Gewinnspiels im Livestream, und Helen verrät die Lösung in der Folge.

Wer ist Tanja Raich?

Tanja Raich wurde 1986 in Meran geboren und lebt in Wien. Sie hat Germanistik und Geschichte studiert, war Programmleiterin für Literatur bei Kremayr & Scheriau und verantwortete danach Literatur und Kinderbuch bei Leykam. Ihr Debütroman »Jesolo« (Blessing 2019) stand auf der Shortlist des Debütpreises des Österreichischen Buchpreises und wurde ins Italienische und Arabische übersetzt; 2022 erschienen ihr zweiter Roman »Schwerer als das Licht« und die von ihr herausgegebene Anthologie »Das Paradies ist weiblich«.

Die ganze Folge zum Nachlesen

Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme. Die Folge ist der Mitschnitt eines Livestreams; Fragen aus den Kommentaren liest Helen vor. Helens An- und Abmoderation des Podcasts steht nicht hier.

Helen
Hey hey, heute habe ich einen kleinen Schatz für dich gehoben, denn es ist August und genau vor einem Jahr haben wir »Jesolo« von Tanja Raich gelesen und am Ende der Leserunde auch mit ihr gesprochen. Das war ein wirklich tolles Gespräch, das ich dir nicht vorenthalten möchte und wer weiß, vielleicht macht es dir auch Lust auf das Buch. Wir hatten es damals als Sommerbuch ausgewählt, weil es ein schönes sommerliches Cover hat. Man merkt beim Lesen aber schnell, dass es nicht ganz so leicht daherkommt, wie es aussieht. Mich hat das Buch letztes Jahr schon ziemlich bewegt und wir hatten auch am Ende der Leserunde ein unglaublich schönes, sehr intimes Buchclub-Treffen dazu. Aber als Warnung vorweg, du könntest beim Hören gespoilert werden. Also falls du das Buch erst lesen möchtest, speicher dir die Folge und komm einfach später hierher zurück. Ich finde, es lohnt sich auf jeden Fall.

Tanja Raich
Hallo!

Helen
Schön, dass das schon mal geklappt hat, beim letzten Livestream [unverständlich].

Tanja Raich
Ja, du hast die beste Partnerin an deiner Seite. Bei mir geht das immer alles total reibungslos, aber zumindest haben wir diese erste Hürde schon mal genommen.

Helen
Freut mich, dass du dir heute die Zeit für uns nimmst. Kannst du einmal kurz sagen, wie man den Titel richtig ausspricht, weil ich verschiedene Versionen gehört habe?

Tanja Raich
Jesolo.

Helen
Jesolo, okay. Also wir sprechen heute über »Jesolo« und mit Tanja Raich. Bestimmt auch noch über deine anderen Bücher, aber das ja so ein bisschen mitverfolgt, dass wir das Buch, also dieses Buch im August jetzt gelesen haben. Und ja, also ich glaube, ein bisschen hast du es mitverfolgt so in den Kommentaren, aber ich habe jeden Kommentar gelesen.

Tanja Raich
Ja, sehr cool.

Helen
Da habe ich mich eben direkt als Erstes gefragt, wie war das so für dich, das so hautnah mitzuerleben? Ich weiß gar nicht immer, ob ich das so könnte.

Tanja Raich
Ja, ich meine, jetzt ist das Buch schon ein bisschen her, das heißt, man hatte auch schon ein bisschen Abstand gewonnen, weil es ist jetzt 2019 erschienen und ich bin jetzt schon alle Auf und Abs gegangen, deswegen sehe ich es jetzt ein bisschen distanziert und finde es super spannend, wie alle diese Lektüre empfunden haben. Also es deckt sich auch viel mit den Dinge, die ich schon gehört habe. Es waren noch ein paar neue Sachen dabei, aber vielleicht auch detaillierter. Ich habe zum Beispiel auch bei LovelyBooks gab es damals auch eine Leserunde, das war auch so ähnlich. Das ist dann Kapitel für Kapitel durchgesprochen worden und ich finde es immer wieder spannend, was so ein Buch alles auslösen kann. Ich finde es cool.

Helen
Ja, vor allem glaube ich ist der Unterschied so ein bisschen zu Rezensionen, die man liest, dass man halt wirklich auch schon recht früh so irgendwie Vermutungen oder sowas halt mitbekommt. Das finde ich dann auch mal spannend, wie sich das im Laufe des Buches dann doch noch mal verändert und man denkt ach so, ne, okay, es geht doch irgendwie in eine andere Richtung oder so. Aber ja, ich hatte ja schon auch geschrieben, mit mir hat das Buch echt viel gemacht. Ich hätte das gar nicht so gedacht. Wir hatten ja im Grunde gesagt, wir suchen irgendwie was Sommerliches. Ich meine, das war sehr breit gefächert. Perfekt für den Sommer. Aber ich meine zumindest ein sehr schönes, sommerliches Cover. Und es beginnt ja auch im Sommerurlaub. Aber ja, irgendwie abgesehen davon wusste ich nicht so ganz, was mich erwartet. Und mich hat es ganz schon echt umgehauen. Also ich habe gemerkt, boah, das macht richtig viel mit mir. Das löst irgendwie richtig viel aus. Wir hatten ja auch dann unsere Buchclub-Besprechung dazu und habe ich auch gesagt, also ein paar falsche, sage ich mal, Abzweigungen und gefühlt wäre ich genau da gewesen, wo Andi ist und es hat irgendwie echt, hat viel in mir auf jeden Fall ausgelöst. Deswegen ja, ich mag das ja bei Büchern, aber da muss man sich auch irgendwie, muss man, glaube ich, auch in der richtigen Stimmung irgendwie für sein. Die Meinung unter den Post ging ja schon auch auseinander. Ich glaube, viele waren frustriert, dass Andi nicht ausbricht, aber ich konnte es irgendwie nachvollziehen, so ein bisschen diese Lethargie. Aber ja, es war auf jeden Fall ein Buch, das viel für Diskussionen geführt hat, was für einen Buchclub natürlich ideal ist, wenn nicht alle einer Meinung sind.

Tanja Raich
Ich fand das auch übrigens ganz cool zum Schluss dann mit der Lieblingsfigur und also, dass sie auch so über den Titel gesprochen hat, über das Cover, dann eben halt für jedes Kapitel aber eben auch so dieses Ranking nach Figuren. Das ist echt schön, auch für mich zum Anschauen, weil ich immer gespannt, jetzt ist wieder was Neues.

Helen
Ja, voll gut. Das freut mich. Wir hatten jetzt auch das erste Mal, dass quasi niemand als Lieblingscharakter genannt wurde. Es ist oft auch ziemlich eindeutig, oder dass zumindest zwei oben sind, und hier war es ja, glaube ich, jetzt – Andi hatte glaube ich ja noch mit einer Stimme Vorsprung gewonnen, aber so dass niemand, also es gibt immer.

Tanja Raich
Die Schwiegermutter hat niemand gesehen.

Helen
Nee genau, aber auch nicht Georg oder so, also war jetzt anscheinend auch nicht so der Sympathieträger, obwohl man, glaube ich, sich auch in ihn gut hineinversetzen kann, aber ja, dass niemand zumindest so hoch-ranked hatten wir auch noch nicht. Ich hatte ja einige Fragen jetzt schon mal eingesammelt und ich fand eigentlich zum Beginn, ich frag mich dann immer, ob du das auf allen Lesereisen jetzt immer schon beantworten musstest, aber ich fand es auf jeden Fall interessant für den Einstieg, warum der Roman so heißt, wie er heißt. Also hast du da vielleicht einen persönlichen Bezug zu dem Ort?

Tanja Raich
Na ja, also genau. Ich war zwar schon lange nicht mehr in Jesolo, aber das letzte Mal vielleicht mit 14 und das ist ein Ort meiner Kindheit. Also ich hab das geliebt dort. Aber was ich halt cool fand an dem Ort ist, also diese Sonnenschirmreihen, das gibt es ja sonst nicht. Das ist schon sehr speziell an der Adria, speziell in Jesolo. Und das ist halt ein Ort, wo man halt hinfährt jedes Jahr. Und das ist halt so ein Sinnbild für eine Beziehung, die vielleicht eingeschlafen ist für dieses, ja, kein Abenteuer und eben vor allem auch dieses sich einreihen und nicht ausscheren. Das ist so das Bild, was ich dann schön fand für den ganzen Roman.

Helen
Ja, ich kannte den auch nämlich gar nicht, also da hatte ich auch noch gar nichts von gehört, aber das war ich anscheinend auch einer der wenigen, weil viele das ja schon kannten und auch tatsächlich wurde das ja auch mit nach Jesolo genommen, das Buch, was ich ganz schön fand. Und ich habe für das Buchclub-Treffen, wir treffen uns da auf Wonder, ich weiß nicht, ob du das kennst, aber es ist im Grunde auch wie Zoom und Co. Und man kann ein Hintergrundbild auswählen und da versuche ich immer irgendwie was auszuwählen, was zum Buch passt. Und ich hatte dann halt auch gegoogelt und ein Bild gesucht. Und es ist wirklich, wie du sagst, eine Sonnenschirmreihe an der nächsten. Also ehrlich gesagt, sieht das hier, finde ich, viel schöner aus. So verwellig und irgendwie verwaschen. Aber da war das irgendwie recht klar strukturiert in Reihen.

Tanja Raich
So hätte ich auch das Cover eigentlich gewollt. Aber es ist nicht das geworden.

Helen
Wie viel konntest du da mitbestimmen? Gibt es da verschiedene, die du auswählen konntest? Oder konntest du gar nicht rein?

Tanja Raich
Naja, ich hab’s dann akzeptiert. Ich hab mich dann an das Cover gewöhnt. Ich hab mir ganz was anderes vorgestellt. Ich bin halt immer bei Cover und dadurch, dass ich noch einen Verlagsjob hab, bin ich halt immer sehr, so soll das sein. Und am Ende des Tages fand ich es eigentlich gut, aber ich war so, als ich es das erste Mal gesehen habe, aha, okay, [unverständlich]. Können wir machen.

Helen
Mir hat es tatsächlich gut gefallen. Ich bin halt schon sehr Coverkäuferin, muss ich gestehen. Und ich fand das schön, dass man es nicht direkt auf den ersten Blick erkennt. Und zum Beispiel das Bild, was ich rausgesucht hatte zu Jesolo, das hätte mich wahrscheinlich jetzt nicht so angesprochen, denke ich. Aber ich wäre auf jeden Fall gespannt, zu sehen, wie deine Coverinterpretation gewesen wäre.

Tanja Raich
Aber eben, es ist oft besser, die Verlage machen das. Als Autorin hatte ich so eine seltsame Sicht dann und da habe ich mich so eingeschossen auf diese Sonnenschirmreihen. Und als ich die Entwürfe dann gesehen habe, das hat auch nicht funktioniert. Das hat sehr nach Sommerlektüre ausgesehen. Das ist es ja irgendwie, es kann schon Sommerlektüre auch sein, aber es ist nicht so. Ja, aber es gab auch ganz kitschige Cover, also das ein Cover war ganz furchtbar. Das war eine Frau, die alleine, also das ist so ein Meeresfoto, wo man halt sie im Ufer entlang spazieren sieht und dann halt mit so ausgebreiteten Armen, also [unverständlich].

Helen
Und da konntest du dann schon noch ein Veto einlegen und sagen, ne, das mach ich nicht.

Tanja Raich
Ich habe dann alle Entwürfe angefordert. Sie hatten halt dieses Cover dann ausgewählt, aber ich wollte dann den Entscheidungsprozess halt nachvollziehen und auch ein ganz schreckliches Cover war zwei kleine Köpferchen, eins rosa, eins blau, [unverständlich].

Helen
Ja, ich finde die Frage hier jetzt richtig gut. Das hätte ich nämlich sonst vergessen, aber die Ausgabe von der Büchergilde hat ja diese, was ist das, Papaya? Ist das ein Papaya, doch, ne?

Tanja Raich
Ja, das gefällt mir sehr gut, wobei ich auch da kritisiert habe, dass eine Papaya mit meinem Roman nichts zu tun hat. Und habe dann gefragt, ob sie nicht eine Wassermelone ausprobieren könnten. Und die Wassermelone hat aber nicht so schön ausgesehen. Plus ist die Papaya auch Sinnbild für Fruchtbarkeit und das hat dann auch [unverständlich]. Ich finde es wunderschön, aber ich dachte nur, Papaya gibt es in Jesolo halt nicht da, da ist es eher Kokosnuss und Wassermelone.

Helen
Ja, vielleicht ändert sich das ja noch, jetzt, nachdem die das wissen.

Tanja Raich
Kann ich sagen, dass es mittlerweile Papayas gibt.

Helen
Nächstes Jahr dann Papaya am Strand von Jesolo. Was auch in dem Buchclub-Treffen für so unterschiedliche Meinungen und Diskussionen geführt hat, war vor allen Dingen das Ende, dass viele da dachten, ach man, warum ist sie nicht doch irgendwie… Also das ging sehr auseinander. Manche meinten, nee, das hätte jetzt auch nicht so funktioniert, wenn sie plötzlich dann doch irgendwie wie so die Heldin des Romans doch noch irgendwie ausbricht. Manchmal auch gar nicht so klar, was das Ende eigentlich wirklich bedeutet. Ist sie vielleicht doch auch ausgebrochen und wir haben es nicht so richtig gemerkt. Und andere waren eben auch frustriert, weil sie im Grunde in dieser Situation verharrt. Aber ich hatte da halt das Gefühl, so richtig wissen wir das ja nicht. Also könnte ja auch sein, so dass sie noch geht. Also wie ist das so, wenn ich meine, das ist halt ein bisschen her, dass du das geschrieben hast. Aber beim Schreiben führt für dich die Geschichte im Kopf noch also weiter, also wahrscheinlich macht man sich schon noch Gedanken oder wie es nach dem letzten Satz weitergeht oder hast du vielleicht sogar was gestrichen und es wäre eigentlich noch weitergegangen?

Tanja Raich
Nein, für mich war von Anfang an klar, ich möchte eine Geschichte erzählen bis zur Geburt. Und eigentlich, also die Ursprungsidee war eigentlich wirklich, also mich hat es sehr interessiert, eigentlich wie kann es auch zu diesen Depressionen nach der Geburt kommen. Also vielleicht von der Idee her noch düsterer, als es eigentlich am Ende geworden ist, aber mich hat eigentlich das interessiert. Und wie man halt dorthin kommt vielleicht auch. Aber grundsätzlich eben ist es schon eine andere Geschichte geworden, aber ich wollte halt nie die Geschichte nach der Geburt erzählen, sondern immer nur, wie kommt man als unabhängige Frau dazu, Kompromiss für Kompromiss zu akzeptieren und dorthin zu kommen, wo meine Protagonistin schlussendlich gelandet ist. Und ich verstehe dann auch die ganzen Kommentare und so. Aber ich glaube, es ist eine Mischung aus, erstens sind Schablonen auch ein bisschen. Also es ist natürlich eine Sammlung von ganz vielen Dingen, die in so einer Figur drinnen ist, dann gibt es solche Figuren auch ganz real, würde ich sagen. Und auf der anderen Seite soll das Buch, also das würde ich auch rückblickend jetzt sagen, was wirklich funktioniert ist, das macht einen wahnsinnig und vielleicht auch gerade in dem Sinn bestärkt das eine zu sagen, naja, erstens die Entscheidung habe ich so getroffen, ganz bewusst und ich bin happy damit, ich habe jetzt drei Kinder, bin Hausfrau geworden und alles in Ordnung. Oder ich bin abgezweigt aus dem und dem und dem Grund oder nächstes mal sollte ich vielleicht meine Entscheidung irgendwie anders treffen oder so, also irgendwie stärker sein im Nein und so. Also das ist vielleicht, was jetzt mit den Kommentaren noch zusammenhängt oder wie jetzt meine Interpretation auf die Form der Geschichte wäre. Und das Ende war halt für mich, also von meiner Schriftstellerinnen Geschichte ist so, dass ich immer Kurzgeschichten geschrieben habe mit surrealen Enden. Und als ich in diesem Roman geschrieben habe, war das so fad, also ist es einfach so eine Szene nach der anderen und es ist so realistisch halt alles und so viel Dialoge, das ist ganz untypisch für mich. Ich habe eigentlich immer ganz absurde Enden, wo plötzlich jemand verschwindet zum Beispiel. Die alten Geschichten sind auch nur in Literaturzeitschriften veröffentlicht worden. Und irgendwann hatte ich plötzlich dieses Ende und das hat mich versöhnt mit dem Roman. Also einfach was mein Schreiben betrifft, dass ich halt schon sehr gerne so surreale Prinzipien oder Enden habe. Das ist natürlich ein metaphorisches Ende und schließt auch nochmal die Klammer zum Titel, zur Wassermetaphorik, also vielleicht dazu wirklich einen Einblick zu haben. Ich habe halt dann auch tatsächlich diese Wassermetaphorik sehr ausgebaut und viele Träume, eben das erste Kapitel und alles kommt dann immer wieder mit diesem Wasser zusammen und eben auch mit dem Ursprung des Lebens.

Helen
Ja, super spannend. Also ich finde auch immer so spannend, sich dann vorzustellen, wieso auch irgendwie in deinem Kopf und in diesem Schreibprozess überhaupt die Geschichte erst entsteht und wie das tatsächlich von vom Kopf aufs Papier gelangt. Also mag ich immer wieder gerne so ein bisschen wie so ein Blick hinter die Kulissen ansehen. Diese Fragmente – ich mochte die surrealen Traumsequenzen sehr gerne. Ich war bei denen immer ein bisschen überfordert. Das sind immer so Momente, wo ich mich frage, ist mir vielleicht was verschlossen geblieben? Habe ich irgendetwas nicht verstanden, aber das hatte ich eigentlich hauptsächlich bei dem letzten Traum, da war ich nicht so richtig sicher, ob ich das verstanden habe, aber sonst fand ich das, also man hat ja auf jeden Fall gemerkt, es arbeitet extrem in ihr, und vielleicht liegt es auch daran, dass ich selber nicht so sehr viel träume und irgendwie das vielleicht gar nicht so direkt nachvollziehen kann, aber ja, ich glaube, da hat sich vieles eben auch geäußert, was die ja tagsüber nicht so rausgelassen hat. Was sie nicht zugelassen hat, auch an Gefühlen, an negativen Gefühlen vor allen Dingen, denke ich.

Tanja Raich
Ja, natürlich Träume geben mir als Autorin halt auch immer Möglichkeiten, noch mal neue Welten zu öffnen, etwas, was angedeutet ist, noch einmal zu zeigen. Und da könnte man jetzt halt germanistische Analysen dann vielleicht, wenn man will, machen. Aber so war für mich immer ein gutes Element, nochmal in die Psyche der Figur hineinzutauchen.

Helen
Ja, superspannend.

Tanja Raich
Mein nächster Roman sind auch ganz viele Träume, das ist noch surrealer eigentlich von der ganzen Anlage her. Aber was ich halt spannend finde am Schreiben ist, dass ich eigentlich oft, also gerade Jesolo habe ich, also ich habe alles handschriftlich geschrieben, also ich habe eigentlich Jesolo, also ich habe ein paar Kapitel gehabt und war dann auf Schreibaufenthalt in Rom und ich habe dann am Lido di Ostia, wo die Leute liegen wie die Sardinen, habe ich dann super Inspiration wieder gehabt. Also es war so heiß in Rom, ich konnte nicht schreiben, es war der Laptop, also es war wirklich so heiß, dass ich ins Schwitzen gekommen bin und der Laptop so heiß war. Dann habe ich mir ein Notizbuch gekauft und bin dann halt an Lido di Ostia gefahren und habe am Strand geschrieben und es war eigentlich perfekt für den Roman, weil ich dann alles noch einmal ausbauen konnte, was ich dann schon an Szenen hatte. Und es ist aber so, dass ich halt dann einfach handschriftlich immer Szenen geschrieben habe. Ich habe auch manchmal Szenen von irgendwann später geschrieben und was mir so eingefallen ist, ich weiß dann auch gar nicht, also ich fange eine Szene an und weiß nicht, wie sie endet. Weil ich habe manchmal eine ganz naive Idee, wie der Roman oder wie die Szene überhaupt weitergehen soll und [unverständlich] ist meistens ein bisschen kreativer und schlauer als dieser Plan. Ich bin dann immer überrascht von den Figuren, was sie dann schlussendlich machen, weil die machen nie das, was ich eigentlich machen möchte.

Helen
Ich finde das jedes Mal verrückt. Also wir hatten ja hier schon so ein paar Livestreams mit Autor*innen und das ist total häufig vorgekommen und ich denke dann immer so, wie geht das? Also wie funktioniert das? Ich will das auch irgendwie mal erleben, aber ja, wer weiß.

Tanja Raich
Das Schreiben ist eigentlich wie Träumen, also es ist tatsächlich so, dass du halt da eintauchst und erst dann, wenn du wirklich loslässt, dann fängt es erst an, Funken zu sprühen und es funktioniert dann.

Helen
Ja, vielleicht bin ich dann auch eher so, dass ich zu sehr an irgendwie einer Idee festklammere. Ich werde bestimmt irgendwo mal dahin kommen, ich finde das auf jeden Fall total spannend, wenn du das jetzt so erzählst. Merkt man den Szenen an, ob sie am Laptop oder handschriftlich entstehen? Kannst du das beantworten?

Tanja Raich
Ich glaube nicht. Im Prinzip entsteht am Ende doch alles am Laptop. Da wo ich jetzt auch gerade mein Handy eingeklemmt habe, das ist so mein Tablet, also so eine Stütze. Da klemme ich mein Notizbuch rein und tippe dann halt alles ab. Und während ich es abtippe, redigiere ich schon und dann überarbeite ich und überarbeite ich und überarbeite ich Szenen aus und zusammen und dann. Also der nächste Roman war viel komplexer noch im Bauen, aber da habe ich einfach so Szenen zusammengestopselt und manchmal habe ich dann halt neue Szene noch geschrieben, die ich rein montiert habe. Aber ich glaube, dass ich mir handschriftlich einfach leichter tue, überhaupt reinzukommen und überhaupt mal anzufangen, weil ich bin nicht so die Vielschreiberin. Ich habe halt auch Vollzeit, ja eigentlich arbeite ich Teilzeit, aber ich bin dann halt immer lang im Büro, so wie heute auch, bin jetzt hergekommen und hab die Kopfhörer im Büro liegen lassen. Das ist dann halt recht chaotisch. Und mich jetzt da noch hinzusetzen und an einem nächsten Roman zu schreiben, das ist utopisch. Da brauche ich dann schon irgendwie Ruhe und Inspiration, Kopf frei, mir muss langweilig sein, ein Notizbuch in der Hand und dann kann ich eintauchen.

Helen
Ja, aber also dieses Jahr ist ja auch jetzt schon irgendwie viel passiert. Also wer vielleicht auch, also weiß ich gar nicht, ob du da eine Pause einlegst oder ist jetzt eh schon eine Pause gewesen, weil du es ja wahrscheinlich schon vor einer Weile abgegeben hast, aber im Februar ist »Das Paradies ist weiblich« erschienen und erst vor zwei Wochen dein neuer Roman, »Schwerer als das Licht«. Also schon viel auch jetzt passiert dieses Jahr. Aber schreibst du schon an was Neuem?

Tanja Raich
Nein, jetzt kommt die ganz, ganz lange Pause, ganz, ganz, ganz lange. Deswegen ist es gut, wenn es Buchclubs gibt, die dann zum Beispiel in drei Jahren nochmal über das Buch sprechen. Also ich habe Jesolo begonnen 2014 und habe dann so abgeschlossen, ich glaube 2018 ungefähr, also dann mit dem ganzen Lektorat am Ende. Und dann habe ich aber zwischenzeitlich schon das nächste Buch geschrieben, also eigentlich das Ende von Jesolo und der Anfang vom nächsten Roman, die haben sich dann überschnitten. Dann war ich eigentlich immer total glücklich, weil ich wusste, als ich mit Jesolo auf Tour war, ach, das hat mit mir eigentlich gar nichts mehr zu tun und ich bin schon im nächsten, wenn es euch nicht gefällt, ist mir egal, das nächste Buch wird viel geiler und so. Aber jetzt habe ich, jetzt ist es so, wie wenn alle Kinder ausgezogen wären und ich habe nichts mehr. Also ich warte auf die nächste Idee. Genau, ganz seltsam. Oh, das kommt nie wieder was, wer weiß.

Helen
Das stimmt. Also ich würde mich auf jeden Fall freuen, ich mochte die Sprache im Buch halt super gern. Ich kann es gar nicht, also ich bin auf jeden Fall nicht so gut darin, so was zu erklären. Ich kann nur sagen, es hat mir sehr gut gefallen. Ich kann es nicht wirklich an was festmachen, aber irgendwie wie du geschrieben hast, mochte ich auf jeden Fall sehr, sehr gerne. Und ich habe auch schon so ein bisschen eingelesen, was zu »Schwerer als das Licht« geschrieben wurde, weil ich dachte, vielleicht geht es ja in eine ähnliche Richtung, aber glaube ich noch mal ein neues Thema, was du damit…

Tanja Raich
Ganz anders, ganz anders. Weil manche wollten dann eh so [unverständlich], also quasi wie es weitergeht mit dem Kind und so, aber nee, nee, nee, Familie ist jetzt abgeschlossen, jetzt kommt der Weltuntergang. Aber man kann das auch nicht steuern, also ich hab das Gefühl, also beim ersten Buch ist auch so, das brodelt irgendwie, das ist ganz eigenartig, man sammelt da wohl jahrelang schon Stoffe und beobachtet und irgendwann ist es da und es kann ein Roman werden. Aber ich kann nicht hergehen und sagen, ja jetzt würde ich gerne »Jesolo 2« schreiben und da geht es jetzt um Kindererziehung. Das funktioniert nicht. Es wird dann gewollt.

Helen
Spannend. [unverständlich] Auch die Aufzählpassagen sind unglaublich gut. Das hatten wir auch tatsächlich irgendwie letztens schon mal in einem Roman, finde ich irgendwie immer eine ganz spannende Entwicklung. Also ich weiß nicht, es zieht einen glaube ich nochmal mehr rein und das hatte ich hier halt bei »Jesolo« extrem, dass ich, ich hatte das Gefühl, es hat so einen Sog auf mich ausgeübt. Es ist ja auch recht schmal, aber man wird irgendwie so direkt in die Geschichte reingeworfen und ich glaube weil man halt die ganze Zeit wissen möchte, wehrt sie sich noch oder so. Ich weiß auch nicht. Ich fand es perfekt, auch ein kürzeres Buch im Sommer zu lesen und ich glaube, es hat irgendwie auch sehr, sehr gut gepasst.

Tanja Raich
Es ist so viel Arbeit, [unverständlich] Seiten.

Helen
Ja, das knapp zu halten ist wahrscheinlich gar nicht so einfach, nur das nötigste reinzuschreiben. Ich hab gar nicht geguckt, wie umfangreich »Schwerer als das Licht« ist.

Tanja Raich
Genauso wenig. Da hab ich noch länger dran geschrieben. Dann schreiben die Leute, ich hab dein Buch in 4 Stunden gelesen.

Helen
Ach krass.

Tanja Raich
Und du denkst immer so, lasst euch mehr Zeit. Erst mal kommt jetzt nichts. Man kann ja zweimal lesen.

Helen
Ja, ich finde auch, das würde sich hier total eignen, weil einem wahrscheinlich immer wieder nochmal neue, so kleinere Aspekte auch auffallen, die man beim ersten Lesen, gerade auch durch den Sog einfach vielleicht überlesen hat. Und ich glaube, das Beste wäre, wenn man sich erstmal noch mal die Kommentare überall anschaut und dann noch mal reinliest.

Tanja Raich
Vieles fällt einem selber nicht auf, was jemand anderes viel höher auch so bewertet hat.

Helen
Ja, total interessant. Wie ist dir denn die Idee zu Jesolo überhaupt gekommen, damals 2014?

Tanja Raich
Ja, ich glaube, ausgelöst war das schon hauptsächlich, also in meinem Umkreis haben alle Kinder bekommen und ich habe eigentlich ständig diese Frage bekommen, na und wie schaut’s denn aus bei dir mit Kindern und so und heiraten und so weiter und irgendwann ist mir das so auf die Nerven gegangen. Ich glaube, ich schreibe einfach ein Buch, wo ich das so mal ausbuchstabiere, was wäre, wenn ich alle Ansprüche, die die Gesellschaft an eine Frau hat heiraten, Kredit kriegen, also heiraten tun sie dann eh nicht, Kinder kriegen und so weiter und alles was die alle wollen einfach machen, einfach ja sagen, wie schaut das aus, wie geht es dann meiner Figur damit. Ohne Widersprüche, das ist schon noch hart natürlich zum Schreiben, aber das fand ich, weil das kam ja auch in den Kommentaren öfter, mich hat ja nicht diese klassische Ausbruchsgeschichte. Frau ist unglücklich und dann verliebt sie sich manchmal in jemand anderen oder sie bricht halt aus, trennt sich und alles ist Friede, Freude, Eierkuchen. Das war mir halt so einfach und das ist halt echt langweilig eigentlich. Wie spannend, jetzt literarisch gesehen ist so eine Geschichte. Wie kommt sie zu und warum geht sie diese ganzen Kompromisse ein und wie spitzt sich das immer weiter zu?

Helen
Ja, eine der Fragen war tatsächlich auch, warum Andi nicht ausbricht. War das für dich dann auch beim Schreiben so ein bisschen dieser Wunsch, ich würde sie jetzt doch lieber ausbrechen lassen?

Tanja Raich
Ja, es gibt ja immer wieder die Ausbruchsversuche, aber mir war es da auch wichtig konsequent zu bleiben. Und ich glaube, es ist auch oft tatsächlich eine realistische, die wir auch nicht sehen wollen. Also das ist, glaube ich, so eine Mischung aus eben, ich glaube im ganzen Roman geht es ja um Ansprüchen gerecht zu werden und Frauen sind mit so vielen Erwartungen aufgeladen, also angefangen von, es kommt ja auch immer wieder auch vor in Szenen, wie sie sich anziehen, wie sie sich geben, wie sie lachen, wie sie Arbeit, ob sie arbeiten und Kinder haben, ob sie nur Kinder haben, ob sie Hausfrauen sind, ob sie mit 20 schwanger werden oder 40 oder ob sie sich scheiden gelassen haben oder also es ist ja alles ist ein Problem und wenn man das mal konsequent zu Ende denkt, dann schaut es genau so aus.

Helen
Ja, also es war tatsächlich auch wirklich beim Buchclub-Treffen so persönlich, sag ich mal, wie auch schon lange nicht mehr, dass viele auch so ihre Erfahrungen, sag ich mal, mit dem Thema auch geteilt haben und wir haben uns auch so ein bisschen darüber unterhalten, warum ihr Umfeld so ist, wie es ist, also warum zum Beispiel nur gesagt wird, sie soll bessere Laune haben, das wäre schlecht fürs Kind, statt dass mal jemand nachfragt, was eigentlich dahinter steckt, hinter ihrer schlechten Laune. Da hatte ich halt auch gedacht, ich glaube, es bedroht zu sehr auch diesen Zustand bei einem selbst. Wenn ich infrage stelle, warum es ihr mit diesem Happy-Clappy-Alles irgendwie nicht gut geht, was bedeutet das auch für mein Leben und mein Lebensmodell? Das fand ich eigentlich noch mit so am schlimmsten, dass ja sogar Leute wahrnehmen, es geht ja nicht gut, aber es wird irgendwie einfach drüber hinweggegangen und auch da denke ich, ist wahrscheinlich leider sehr realistisch.

Tanja Raich
Ja, ich habe auch sehr viele sehr persönliche Nachrichten bekommen. Also eine hat mir mal geschrieben, dass sie sehr viel weint gerade bei dem Buch. Und sie genau in dieser Situation im Moment ist. Mit so einem kleinen Kind zu Hause und gerade schwanger und alles hat sich genauso zugespitzt. Und ja, ich glaube, das ist auch das, was mich dann schon auch oft traurig gemacht hat, wenn ich dann diese Rückmeldungen bekomme, wie oft das dann halt in der Realität dann passiert und wie viel Mut und wie viel Kraft das von allen Frauen erfordert. Dieses Nein sagen und das für sich einstehen, weil es ist halt viel leichter, ja, irgendwie das einfach so zu akzeptieren und diesen Weg zu gehen. Weil es sind so viele Beispiele mit, gerade wenn man jetzt so eine heterosexuelle Beziehung hernehmen will, Männer, die dann sagen, sie gehen dann in Karenz und wir machen das jetzt gemeinsam. Und wenn es dann konkret wird, wenn es dann wirklich darum geht, Wann gehst du jetzt in Karenz? Na ja, mein Chef lässt mich jetzt doch nicht. Also diese Geschichten höre ich zu Tausenden. Und vieles ist dann immer anders geplant, als es dann in der Realität durchgeführt ist. Aber eben auch vieles ist ja, es geht ja auch viel um Sozialisation und man lernt das Verhalten, eben um dieses Gefallen müssen und eben alles so zu machen, wie es erwartet wird. Und das fängt ja ganz früh an. Ich meine, die meisten von uns in unserer Generation haben halt dann wirklich mit einem Kinderwagen Puppen gespielt und die gefüttert und angezogen und während die Burschen mit dem Traktor gespielt haben, Bauklötze und so weiter. Da fängt es ja schon an.

Helen
Ja, zum Glück muss man ja sagen, dass sich schon ein bisschen was tut, aber ja, auch eher langsam und auch eher ein bisschen schleppend. Ich habe noch eine ganz andere Frage bekommen. Was gehört deiner Meinung nach in den Literaturkanon? Da wäre ich jetzt selber erstmal so ein bisschen überfordert mit der Frage, aber ich dachte, du kannst sie bestimmt beantworten mit dem Verlag.

Tanja Raich
Ich glaube, prinzipiell finde ich es ja so ein Kanon, da ist ja mal die Frage, welchen Rollen soll das überhaupt erfüllen. Also ein Kanon sagt ja nur, da sind die 100 Bücher, die du lesen musst. Aber ist es wirklich notwendig, 100 Bücher mal zu ernennen, die so wichtig sind, dass sie alle gelesen haben müssen? Ich glaube grundsätzlich wäre es schon einmal wichtiger zu sagen, lesen ist wichtig und wir müssen die Jugend für Literatur begeistern. Und wir müssen diesen ganzen Kanon mal ein bisschen aufbrechen und viel mehr Frauen, viel mehr verschiedene Perspektiven, auch viel mehr Weltliteratur mit reinnehmen. Also ich habe halt Germanistik studiert und mein Leseplan waren schon halt alte weiße Männer aus Deutschland. Also es ist da wenig dazwischen gewesen. Es waren die österreichischen Literaten auch wieder Männer, waren ja schon quasi, was sagt man, der Punkrock irgendwie. Ich habe halt damals das klassische Studium und auch an der Schule, wir hatten diese bundesdeutschen Schulbücher und haben halt Heinrich Böll gelesen und also von Kafka und ich weiß nicht mal was, ja, Günter Grass. Also es war wirklich wenig, das einzige, wenn dann mal Frauen auf einer Leseliste waren, waren das dann diese Sommerlisten, die uns die Deutschlehrerin mitgegeben hat für den Urlaub. Sucht euch was aus, das sind tolle Autorinnen. Aber es war halt nicht so. Ja, kann man, wenn man will, muss man aber nicht. Und da frage ich mich, also das ist ja immer noch so, ich habe ja wirklich den Faust gelesen in verteilten Rollen. Ich glaube, ich weiß nicht, wie lang das jetzt dann dauert, wenn man das alles liest, aber das waren sehr, sehr viele Deutschstunden, wo wir wirklich andere Sachen hätten machen können, also näher an unserer Lebensrealität vielleicht auch. So, es gehen halt viele Leute aus der Schule raus und werden nie wieder ein Buch lesen.

Helen
Ja, auch aus dem Studium, glaube ich. Also das ist was, was ich hier im Buchclub oft gehört habe. So, ich habe nach dem Studium jahrelang erst mal überhaupt nicht mehr lesen wollen, also auch viele, die eben Germanistik oder Literatur, irgendwas in die Richtung halt gelesen haben, wo man einfach viel lesen musste. Und ja, also auch Jura-Student*innen. Also ich glaube, es ist halt einfach im Studium ja auch generell eher so, dass man recht viel liest. Aber ja, die das dann dadurch komplett, also die Lust dran verloren haben. Und da denke ich so, das ist echt mega schade. Weil da auch wieder so ein bisschen den Zugang zu zu finden, es ist halt nicht das gängige Mittel heutzutage. Also es ist irgendwie so einfach, sich von Netflix berieseln zu lassen.

Tanja Raich
Ich finde, im Deutschunterricht könnte man sich auch einfach mal mit den Verlagsprogrammen von unabhängigen Verlagen auseinandersetzen in der Schule. Also es gibt so coole Sachen, also wir haben zum Beispiel jetzt einen Roman rausgebracht, wo eine Graphic Novel drin ist. So Sachen gibt es sicher auch in anderen Verlagen oder auch Graphic Novels an sich. Warum begeistert man nicht Jugendlichen mit Graphic Novels und holt sie dann wieder an Bord? Ich meine, man muss ja nicht den ganzen Deutschunterricht Graphic Novels lesen, aber zumindest mal zu zeigen, hey, das ist sehr vielseitig alles. Und die Literatur kann auch richtig cool sein, das kann bewegen, das kann was auslösen. Lesen ist krass und vielleicht noch krasser als Netflix.

Helen
Ja, absolut. Und das ist halt so ein bisschen das, wo ich denke, so eine Liste mit 100 Büchern, die man gelesen haben, ob das jetzt wirklich so sinnvoll ist, weil ich glaube, es hilft auch vielmehr, irgendwie was zu lesen, was mit einem persönlich was macht und was irgendwie einen bewegt oder so und das ist ja so individuell. Also wir haben letztes Jahr im Ferienlager, also wir machen so digitale Ferienlager im Sommer, Anna Karenina gelesen und das war ja glaube ich für viele so dieses Gefühl, oh da will ich unbedingt mitlesen, weil so keine Ahnung, das hört man überall, also ich meine seitdem fällt mir auch auf, wie oft überhaupt darauf Bezug genommen wird, wie oft das erwähnt wird. Aber ich habe zwischendurch schon gedacht, weiß nicht, ob er damit heute noch so durchkommen würde, ob man das nicht irgendwie kürzen würde oder so. Das ist schon…

Tanja Raich
Ja, ich bin immer glücklich, dass es so… Das ist auch viel teurer in der Herstellung.

Helen
Ja, und es wird dann so hoch gelobt, also ja, muss man für sich entscheiden, aber ich glaube gerade bei so irgendwie tausend noch was Seiten verliert man einfach zwischendurch auch mal die Lust, wenn es nur um Landwirtschaft in, keine Ahnung, 19. Jahrhundert in Russland geht. Das ist dann ein bisschen eintönig. Ich würde lieber irgendwie auch sowas lesen, was irgendwie aufrüttelt, was einen bewegt und auch Graphic Novels habe ich in letzter Zeit häufiger gelesen. Also finde ich auch, warum nicht? Warum macht man da nicht mal einen Buchclub in der Schule und liest ein paar Graphic Novels? Ich glaube, das wäre ein guter Einstieg. Hast du da zufällig auch eine Empfehlung auch?

Tanja Raich
Ich habe jetzt die, ich glaube, Liv Strömquist, oder wie heißt sie?

Helen
Habe ich auch immer noch nicht gelesen.

Tanja Raich
Habe ich noch nicht gelesen, aber ich habe es jetzt geschenkt bekommen und das will ich schon länger lesen. Oder eben unseren »Der Hausmann« von Wlada Kolosowa, das ist jetzt gerade erschienen. Ich mochte auch den »Maus«-Comic oder Graphic Novel, das mochte ich auch sehr. Und immer wieder, ich schmökere dann immer auf den Messen, also jetzt gar nicht so was Bestimmtes, aber da gibt es ganz tolle Sachen auch über historische Stoffe, also über die Russische Revolution zum Beispiel, da gibt es so eine Reihe von, Reprodukt, glaube ich, oder avant, die hatten echt coole Sachen, eigentlich könnte man mal so ein historisches Thema, Graphic Novel im Unterricht zum Beispiel, durchnehmen oder gibt es ja…

Helen
Oder wenigstens davon erzählen, denke ich, dass man es überhaupt mal auch mitbekommt. Man könnte sich dem Thema jetzt auch noch mal auf eine andere Art und Weise nähern.

Tanja Raich
Aber nicht nur Graphic Novels, also was jetzt bei Kremayr & Scheriau zum Beispiel habe ich auch Bücher verlegt, die Fotos haben oder die als quasi Kunst mit Notizzetteln, zum Beispiel von Ianina Ilitcheva, »183 Tage«, oder wir haben einen Kaffeehaus-Guide gemacht mit Schwarz-Weiß-Fotos und literarischen Texten oder Bierdeckel-Gedichte von Martin Peichl, auch von der Petra Piuk »Wenn Rot kommt«, das ist auch ein Foto-Bild-Roman, total crazy, man kann das dann, also es gibt halt Nummern, Man kann das halt in verschiedenen Stufen lesen, so wie das Roulettespiel nummeriert. Man kann das durchgängig lesen, wie es angeordnet ist oder halt nochmal von eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Das ist nochmal eine Geschichte, die funktioniert und durch die Bank Fotos hat. Da gibt es wirklich originelle Sachen überall. Das ist jetzt nur das, was ich so gemacht habe, aber bei anderen Verlagen gibt es ja auch super coole Sachen.

Helen
Aber das war jetzt im Leykam Verlag dann alles?

Tanja Raich
Das war Kremayr & Scheriau. Genau, bei Leykam haben wir die graphic novel gemacht. Da tobe ich mich gerade [unverständlich] aus, wie bei den literarischen Titeln.

Helen
Ja, super interessant. Vielleicht noch ein bisschen was zu schwerer als das Licht, weil das ja gerade auch erschienen ist weil du ja auch meintest, wir können hier vielleicht auch eine Ausgabe verlosen an diejenigen, die mitgucken.

Tanja Raich
Ich hab mir auch gar nicht überlegt, was du drauf sagst. Ich zeig dir dann mal [unverständlich].

Helen
Ach, ja, da gibt’s auch verschiedene Cover. Und das Federn?

Tanja Raich
Das sind Blätter.

Helen
Ah, okay. Und bist du zufrieden?

Tanja Raich
Ich bin zufrieden, ja. Aber ich hätte ein Metallikpapier genommen als Umschlag.

Helen
Vielleicht bei der Büchergilde dann.

Tanja Raich
Hoffentlich.

Helen
Ja, magst du da vielleicht noch ein bisschen kurz was zu erzählen und dann müssen wir uns irgendwie überlegen, wie wir das verlosen? Was wir da als Frage vielleicht stellen.

Tanja Raich
Na ja, da geht es um einen Weltuntergang. Also es ist halt jetzt ein bisschen anders als »Jesolo«, weil erstens ist es eigentlich die Tagebuchartig, also es gibt wieder eine Ich-Perspektive, aber es gibt so kurze Sequenzen. Vielleicht was den Schreibprozess betrifft. Bei »Jesolo« hatte ich halt so Szenen, die man halt, ja, die konnte ich halt irgendwie in Kapiteln, das war ja recht klar, man hat eine Schwangerschaft und da gibt es verschiedene Monate. Ich hatte übrigens auch eine Schwangerschafts-App, wo ich dann immer geschaut habe, wie die Entwicklung meines Kindes ist, dass ich halt angelegt hatte für den Roman. Und jetzt war es aber so, dass viele Szenen eigentlich beliebig durch den Roman eigentlich gesetzt werden konnten. Und ich habe dann einmal alles ausgedruckt, alles quasi zugeschnipselt und nochmal aneinander gelegt und immer wieder neu arrangiert, neu arrangiert. Weil das sind alles so kleine in sich geschlossene Szenen, eigentlich Kürzestprosa, die aneinandergereiht ist, mit Nummerierungen. Und das hat meine Lektorin dann auch noch mal gemacht und die hat dann quasi, eigentlich das ist die Version meiner Lektorin schlussendlich. Und ich habe das dann durchbrochen mit Rückblenden, die dann aus einer anderen Perspektive erzählt sind. Und eigentlich erzählt das von einer möglichen Ankunft. Ursprünglich war auch die Idee, dass es verschiedene Ankünfte sind, jetzt ist es eine chronologische Handlung geworden. Es sind im Prinzip vier Rückblenden, die auch sehr metaphorisch sind dazu. Man kann es vielleicht auch als eine Art Menschheitsgeschichte lesen. Aber im Prinzip ist es ähnlich wie »Jesolo«, das ist, was die Bücher miteinander verbindet. Es ist eine ausweglose Situation, [unverständlich].

Helen
Das ist frustrierend oder was war denn so die Idee?

Tanja Raich
Ich mag das eigentlich ganz gern, wenn man einfach so das Ausweglose an den Anfang stellt und dann erst anfängt die Geschichte zu erzählen.

Helen
Ich habe die Frage bekommen, ob das im gleichen Verlag erschienen ist und wenn nein, was Autor*innen dazu bewegt, den Verlag zu wechseln.

Tanja Raich
Nein, das ist beim selben Verlag wie »Jesolo«, bei Blessing. Es war nur »Das Paradies ist weiblich« bei Kein & Aber. Aber es gibt verschiedene Gründe, Verlag zu wechseln, natürlich.

Helen
Es war auf jeden Fall auch noch – ach, wie cool. [unverständlich] zu der Roman-Idee gekommen.

Tanja Raich
Ich hatte großen Spaß daran, den Weltuntergang zu beschreiben.

Helen
Ja, kann ich dir vorstellen.

Tanja Raich
Also was mir halt in dem Moment… Was mir halt sehr gefallen hat am Schreibprozess ist, das ging viel mehr in die Erfindung hinein. Also ich hab dann auch gerade, ich hab in vielen Orten dann auch geschrieben, wo ich halt viel draußen halt immer war und zum Beispiel war ich auch sieben Wochen in Sri Lanka. Abends habe ich dann immer die Sonnenuntergänge eigentlich beobachtet und manchmal hat es so geil ausgesehen, also wirklich wie so eine Explosion oder manchmal einfach wie so ein Strahl, der so runterkommt, so etwas ganz Metaphorisches hat. Der Himmel hat auch immer sehr viel Inspiration gegeben, auch diese Farben und plötzlich ist alles so rot, orange, wo es fast so wirkt, als würde alles brennen. Also es gibt schon viele Dinge, die ich auch so erlebt habe. Und was auch noch spannend war, vielleicht, dass ich zum Beispiel manchmal Situationen, die ich geschrieben habe, dann in der Realität erlebe. Also ich war dann in [unverständlich] am Strand und habe dann Fischskelette am Boden gesehen. Das war genau eine Szene, die ich genau so geschrieben habe.

Helen
Das glaubt mir nachher keiner. Also, wer Lust hat auf den Roman, hat die Chance eine Ausgabe zu gewinnen. Was muss man dafür tun?

Tanja Raich
Ich hab mir irgendwie nichts überlegt. Irgendwas in die Kommentare schreiben. Was wäre der ursprüngliche Titel gewesen? Das ist jetzt aber eine sehr schöne Frage. Man kann es auf Instagram herausfinden, wenn man gut recherchiert.

Helen
Okay, voll die Challenge. Sehr gut. Also bekommt dann die Person, die es richtig rät oder rausfindet. Wenn es mehrere sind, müssen wir es auslosen. Was haben wir jetzt heute Montag? Das geht bis, wie viel Zeit geben wir?

Tanja Raich
Eine Woche.

Helen
So lange für Instagram. Aber wir können ja zumindest sagen, bis irgendwie Freitag oder so. Okay, also bis Freitag oder bis Sonntagabend und dann geben wir es am Montag bekannt. So, so machen wir es. Ihr habt jetzt eine Woche, fast eine Woche Zeit, das herauszufinden. Ich bin voll gespannt und muss es ja immer gleich erst mal ein bisschen recherchieren. Vielen Dank auf jeden Fall, dass du das ermöglichst. Das Gewinnspiel ist inzwischen natürlich leider schon beendet. Aber falls dich die Lösung interessiert, verrate ich sie dir jetzt kurz. Falls sie dich nicht interessiert, geh einfach mal 15 Sekunden vorwärts. Der Roman »Schwerer als das Licht« sollte ursprünglich »Inselfestung« heißen. Bin gespannt, ob du das schon wusstest oder ob das jetzt für dich komplett neu ist. Ich frage am Ende auch immer ganz gerne nach Buchtipps. Ich hab dich jetzt zwischendurch schon mal gefragt, aber und vor allem hast du mir auch welche geschickt, die ich schon geteilt habe bei unserer [unverständlich], da waren die ja auch mit dabei. Hast du so generell als Buchclub für uns Tipps irgendwie oder du wiederholst sie einfach nochmal, die du da genannt hast. Was hat dich in letzter Zeit begeistert? Wo glaubst du, dass das vielleicht auch für uns was wäre?

Tanja Raich
Also einen Roman, der noch gefehlt hat in eurer Liste, der war nämlich Inspiration für »Jesolo« und es ist eigentlich ein Roman, der meine zwei Romane miteinander verbindet, weil es ist ein Roman über eine Schwangerschaft während einer Apokalypse. Und der heißt »Vom Ende an« von Megan Hunter. Ich fand den Roman ganz, ganz großartig. Und auch einen Roman, den ich jetzt schon oft empfohlen habe, aber ich finde den einfach so großartig, ist von Valeria Luiselli »Archiv der verlorenen Kinder«. Unlängst auch »Blauer Hibiskus« von Chimamanda Ngozi Adichie. Ich arbeite seit eineinhalb Jahren jetzt bei Leykam und wir haben dort auch Debütromane, also ich habe bei Kremayr & Scheriau damals diese Debütgeschichte initiiert, also wir hatten dort eine Literaturreihe und bei Leykam haben wir Debüts, aber auch schon etablierte Autorinnen. Und unter anderem dachte ich, was euch vielleicht interessieren könnte, wäre einerseits »Der Hausmann« von Wlada Kolosowa. Es ist auch ein spannender Roman, weil es verschiedene Stränge sind. Da gibt es den Spar-Blog von Dagmar, die Drogen vertickt und da gibt es einen ukrainischen Flüchtling, der Tagebuch führt. Dann gibt es Thea und Tim, die in dem Haus wohnen und Tim schreibt in einer Graphic Novel über den Klimawandel und es gibt dann noch Chats von Thea mit ihrer Arbeitskollegin. Also es hat sehr viele Formen und das ist eine sehr experimentelle, aber leichtfüßig unterhaltsame Lektüre. Dann auch »Connect« von Thea Mengeler, da geht es um eine Sekte, da dachte ich mir, das könnte auch für viel Diskussionsstoff sorgen, weil auch da die Figur hineinschlittert in etwas und vielleicht auch mehr drinbleibt, als es gewünscht ist, vielleicht von den Leser*innen. »Luftpolster« von Lena-Marie Biertümpel, das war jetzt auch ein Debüt über eine junge Frau, die sich in eine Psychiatrie begibt, weil sie mit dem Suizidversuch ihrer Schwester nicht klarkommt. Und eigentlich ist es eine Art Roman über einen Heilungsprozess. Das wären jetzt mal so die Tipps, wo ich mir dachte, das wäre vielleicht für euch speziell jetzt spannend.

Helen
Ja, super cool. Sagst du mir gerade mal den Titel von Megan Hunter, den du als Erstes gesagt hast, das habe ich nicht aufgeschrieben.

Tanja Raich
»Vom Ende an«.

Helen
»Vom Ende an«, teile ich nachher noch.

Tanja Raich
Genau, [unverständlich], das kam auch öfter. Ich finde, [unverständlich] ist eine super Lektüre nach »Jesolo«. Es gibt so viele Parallelen in diesem Buch, dass ich der Autorin geschrieben habe und wir hatten dann voll die nette Konversation auf Instagram und ich habe ihr dann Leseprobe geschickt von Jesolo. Also es war total schöner Austausch, weil sie zieht es halt durch, dass die Protagonistin eben nicht schwanger wird.

Helen
Ja, okay. Das habe ich nämlich auch noch nicht gelesen, aber es wurde mir nach dem Buchclub-Treffen vor allen Dingen sehr oft empfohlen. Ja, ich habe jetzt hier jede Menge Buchtipps, die teile ich nachher nochmal. Mir war auch im Nachhinein noch aufgefallen, es war noch ein Serientipp in dem Buchclub-Treffen geteilt, den ich gar nicht mehr [unverständlich] habe. Ich glaube, es hieß »Killing Eve« oder so, das teile ich vielleicht auch.

Tanja Raich
Oh ja, ich liebe diese Serie, die ist großartig.

Helen
Ich auch noch nicht gesehen.

Tanja Raich
Ja, unbedingt. Eine der besten Serien der letzten Jahre, finde ich.

Helen
Also irgendwie ist das an mir vorbeigegangen, aber Serien bin ich auch irgendwie komplett raus. Ich will mich gar nicht mehr so committen auf so etwas Längerfristiges. Ich gucke lieber Filme und weiß, die sind dann auch vorbei. Aber vielleicht probiere ich es.

Tanja Raich
Das ist eher ein Tipp für den nächsten Roman. Da gibt es auch eine Serie, die heißt »La Frontera Verde«. Ich weiß jetzt den deutschen Titel jetzt nicht mehr. Eine kolumbianische Serie, die fand ich großartig. Aber ist jetzt eher nicht für Jesolo.

Helen
Also auf jeden Fall sind wir jetzt so im Herbst-Winter versorgt mit Lesestoff und Filmmaterial. Ich überlege gerade, ob ich jetzt irgendwie noch was vergessen habe. Hast du noch irgendeine Frage? Hat dich irgendwas verwundert in den Kommentaren oder so?

Tanja Raich
Ja, ich finde es immer wirklich spannend, diese Emotionen.

Helen
Ja, oder? Es löst super viel aus. In alle Richtungen eigentlich, ne? Aber ich glaube, ich weiß dann immer nicht, wie lange man auch noch so warten sollte, ob noch Fragen kommen, aber es wirkt so… Jetzt würden auch alle darauf warten, dass sie es in die Kommentare schreiben können.

Tanja Raich
Aber, was mich noch interessieren würde: Ihr hattet ja dann noch ein Treffen, worüber habt ihr da gesprochen und wie ist das dann abgelaufen eigentlich?

Helen
Also es ist immer so ein bisschen unterschiedlich, je nachdem wie groß die Runde ist. Wir waren eine okay große Runde noch, dass wir einfach in einem großen Kreis quasi geblieben sind, weil das finde ich ganz cool an Wonder. Man kann sich sonst auch noch so ein bisschen aufteilen, anders als bei Zoom. Und im Grunde sprechen wir einfach über alles, was uns so ein bisschen bewegt hat. Also man kann dann auch nochmal vielleicht Fragen stellen, wenn irgendwas, also wo man dann vielleicht nochmal wissen möchte, wie habt ihr das so gesehen und so. Aber ich habe so ein bisschen das Gefühl, es ist nochmal ja vielleicht ein bisschen intimer, weil man dann nochmal auch offen sprechen kann und weiß, das bleibt jetzt hier auch in dem Raum. Genau, aber auch rundum über das ganze Buch und über alle Gefühle, die dabei so hoch kamen. Aber es sind halt auch dann nur, sag ich mal, anderthalb Stunden, also das geht halt auch immer ziemlich schnell rum gerade, wenn jeder da irgendwie so Eindrücke teilt. Also über dieses Buch, obwohl es so schmal ist, hätten wir wahrscheinlich noch doppelt so lange sprechen können.

Tanja Raich
Ist immer super spannend auch zu sehen, wenn das einmal so in Gang kommt. Kann ich dich beim nächsten Mal sonst auch mit einladen? Kannst du ja mal mitlesen. Ja, wäre auch spannend, [unverständlich]. Da gibt es viel Diskussionsstoff.

Helen
Kann ich mir gut vorstellen. Achso, genau, und das wollte ich dich noch fragen, weil mit »Jesolo« kann man dich wahrscheinlich nirgends jetzt mehr lesen sehen, denke ich. Aber ja, mit »Schwerer als das Licht«. Wo könnte man dich da vielleicht jetzt demnächst treffen?

Tanja Raich
Also ich habe jetzt auf meinem Instagram-Account, da gibt es so einen Feed mit Terminen und da sind alle Termine, die ich habe. Also, die meisten von euch sind ja in Deutschland, glaube ich, am ehesten dann auf der Frankfurter Buchmesse. Da habe ich zwei Termine. Einen um 13 Uhr beim Literaturbahnhof und um 18:30 Uhr gibt es in der Uniklinik ein Event zum Thema Klimawandel, wo mehrere Leute auf der Bühne sitzen werden.

Helen
Okay, ja cool.

Tanja Raich
Und in Göttingen bin ich noch mit Linus Giese und Mithu Sanyal beim Literaturherbst mit dem »Paradies«.

Helen
Okay.

Tanja Raich
Aber findet ihr alles in den Terminen und kann ich auch noch mal teilen.

Helen
Genau. Sehr gut.

Tanja Raich
Ja.

Helen
Weil ich glaube, das ist auch mal ganz schön, wenn man das Buch gelesen hat, dann dich auch noch mal live vielleicht zu erleben und noch mal ein bisschen mehr mitzubekommen.

Tanja Raich
Ja, das ist jetzt wirklich die letzte Lesung. Mit »Jesolo« hatte ich in Kairo. Das war aber wirklich auch super, weil die arabische Übersetzerin hat dann auf Arabisch gelesen und auch gerade dieses Cocobello war sehr witzig auf Arabisch. Aber da hatten wir dann etwas Spannendes: Bei ihnen ist es dann halt Hurghada, und dann hätte »Jesolo« eigentlich »Hurghada« heißen müssen. Aber auf Arabisch heißt es anders, [unverständlich], aber jetzt bin ich halt schon ein bisschen gaga. Ein Haus, zwei Autos, ein Kind oder so.

Helen
Ah, okay.

Tanja Raich
So heißt das Buch auf Arabisch.

Helen
Witzig, ne?

Tanja Raich
Hätte ja auch gepasst. Mit dem Rosen und dem blauen Koffer. [unverständlich], die Norddeutschen kennen Jesolo natürlich noch nicht.

Helen
Wie waren dort die Rezensionen zu dem arabischen?

Tanja Raich
Ich fand es ganz spannend dort über das Buch zu reden. Also es war auch extrem spannend zu sehen, dass hier eigentlich Lebensrealitäten, die sind ja nicht so viel anders, also gerade wenn man manchmal in so Diskussionen reinkommt, in Ägypten die Frau hat überhaupt nichts zu sagen und so das Typische. Und es ist so weit weg ist das alles nicht. Wir sind da sehr ähnlich beieinander. Wir hatten dann eine sehr spannende Diskussion. Also es waren Autorinnen und Autoren auf der Bühne, die Romane über toxische Beziehungen auch geschrieben haben und sehr oft eigentlich über alle ihre, also es waren sie wahnsinnig persönlich, es waren zwei Autorinnen auf der Bühne, die über ihre Erfahrungen mit Mutterschaft, mit Ehe erzählt haben und wie schwierig es auch ist, sich selbst da hinaus zu manövrieren und sich auch aus dem zu befreien.

Helen
Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass das auch nochmal ganz anders interpretiert wird dann auch.

Tanja Raich
Das waren die Männer im Publikum, die spannende Fragen gestellt haben, würde ich mal sagen. Anders als jetzt zum Beispiel in Deutschland. Frauen sind sehr besondere Wesen, [unverständlich]. Das ist ein Mysterium. Genau, aber es war wirklich witzig, weil es dann so eine lustige Gruppe war und viele Männer im Publikum die Augen gerollt haben, als der die Frage gestellt hat auf die Frauen. Also es war ein super Abend. Und hat viel Diskussionsstoff als auch, wir haben ja auch über »Das Paradies ist weiblich« gesprochen und immer spannend, so etwas, ja.

Helen
Also, aber dann ist das noch gar nicht so lange her, dass du…

Tanja Raich
Ja, das war jetzt im März, also so, das war das Allerletzte.

Helen
Ja, aber jetzt keine Lesung mehr zu »Jesolo«.

Tanja Raich
Nein, im Moment nicht.

Helen
Ja, okay, aber dann würde ich jetzt sagen, weil wir haben jetzt deine Zeit schon ganz schön in Anspruch genommen und du bist wahrscheinlich jetzt auch K.O. Vielen, vielen Dank, dass du dir die Zeit überhaupt genommen hast. Vor allen Dingen auch noch so [unverständlich]. Es war richtig schön mit dir zu quatschen über das Buch und über die anderen Bücher und irgendjemand kann sich dann über »Schwerer als das Licht« freuen. Nächste Woche.

Tanja Raich
Ja, danke euch, also dir auch überhaupt für die Initiative, so einen Buchclub zu machen. Ich finde das echt super und sollte es viel mehr geben, gerade auch für Jugendliche, wie wir vorher gesprochen haben. Und ich fand es wirklich als Autorin ganz großartig da mit euch alle Stimmungen mitzumachen und das auch so mitzuerleben, wie ihr diese Figur vielleicht in den ersten Kapiteln langweilig gefunden habt, aber dann doch noch in die Geschichte reingefunden habt und die ganzen Emotionen, die ihr mit dem Buch durchgemacht habt. Das ist Ich finde es sehr schön, dass hier nicht nur in zwei Stunden ein Buch runter gelesen wird, sondern dass sich wirklich wer damit beschäftigt, weil ich ja daran viele Jahre gearbeitet habe. [unverständlich] Aber es hat sich auch wirklich gelohnt. Also fand ich ganz, ganz besonders auch das Thema. Deswegen vielen Dank dafür. Und auch für die ganze Arbeit – hat ja jemand das Cover nachgezeichnet und mal recherchiert und das waren ja alle irgendwie eingebunden, fand ich wirklich cool. Danke euch nochmal für eure Lektüre und für eure Inputs und ja, ich habe große Freude daran gehabt und auch an den Buchtipps, und da werde ich mich auch bedienen.

Helen
Sehr schön, das freut mich. Ja, wir haben ja jetzt noch mal einige bekommen, die teile ich gleich und ja, dann wünsche ich dir jetzt einen schönen Abend.

Tanja Raich
Ja, euch auch. Danke. Bis dann. Tschüssi.

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