Buecherstapel der Maedels, die lesen.

Die 3 Bücher, die unsere Community gerade am meisten liebt – kostenlos für dich.

Verrate uns dein Lieblingsbuch, und wir schicken dir die aktuelle Top 3 der Mädels 🤝 – dazu drei Herzensbücher von Helen.

Machtmissbrauch in der Schule ist kein Einzelfall

StartseitePodcast › Machtmissbrauch in der Schule

Podcast · Folge 148

Machtmissbrauch in der Schule ist kein Einzelfall

Britta Rotsch hat aufgeschrieben, was ihr Deutschlehrer mit ihr gemacht hat – und recherchiert, warum das Schulsystem solche Fälle immer wieder ermöglicht

4. März 2026 · 58 Minuten · Ganze Folge hören ↓

Hinweis vorab

In dieser Folge und auf dieser Seite geht es um emotionalen Missbrauch, psychische Gewalt und sexuelle Grenzüberschreitungen durch eine Lehrkraft. Das kann belastend sein oder alte Erfahrungen wieder hochholen. Lies und hör nur weiter, wenn du dich stabil genug fühlst – und mach Pausen, wenn es zu viel wird. Anlaufstellen stehen am Ende dieser Seite.

Als Britta Rotsch ihre Geschichte zum ersten Mal ohne Lachen erzählte, in einem Seminar an der Reportageschule, passierte etwas Unerwartetes: Sie wurde ernst genommen. Daraus wurde ein Radiofeature, ein Buch und eine fünfteilige Podcast-Serie – und die Erkenntnis, dass sie mit ihrer Erfahrung alles andere als allein ist.

Britta Rotsch

Britta Rotsch

Journalistin und Autorin, Hörfunk und Print

Jahrgang 1987, lebt in Wien. Sie hat Soziologie, Psychologie und Gender Studies studiert, einen Master in Visueller Soziologie gemacht und die Reportageschule in Reutlingen besucht; derzeit absolviert sie eine psychotherapeutische Ausbildung. Sie arbeitete als Creative Producerin und Regisseurin beim Berliner Podcastlabel Argon und schreibt und produziert heute vor allem zu Gesellschaft, Psychologie, Bildung und Soziales. 2024 erschien ihr Sachbuch »Wenn Lehrer Grenzen überschreiten« bei Rowohlt.

Foto: Matthias Nemmert

Was in dem Buch steht

»Wenn Lehrer Grenzen überschreiten« ist ein erzählerisches Sachbuch mit autobiografischem Anteil. Britta Rotsch hat darin zusammengetragen, was passiert, wenn Lehrkräfte sich an Schülerinnen heranmachen: Sie hat Frauen interviewt und ihre Geschichten erzählen lassen, mit Psychologinnen gesprochen und versucht, Statistiken zu finden.

Der Grund für das Buch war eine Beobachtung, die sich immer wiederholte: Wann immer sie erzählte, was ihr in der Oberstufe passiert ist, hörte sie »Mir ging es ähnlich« oder »Ich kenne da auch diesen einen Lehrer, den wir in der Schule hatten«. Fast jeder konnte eine Geschichte beitragen.

Weil es immer so als Einzelfall dargestellt wird. Es ist aber tatsächlich ein systemisches Versagen im Bildungssystem.Britta Rotsch

Ihre eigene Geschichte, in Kürze: In der zwölften Klasse begann ihr damaliger Deutschlehrer, sich für sie zu interessieren – er nahm sie häufiger dran, brachte Themen ein, die sie interessierten, und schrieb ihr eines Abends eine erste E-Mail mit einem Kompliment und einem Foto. Danach wurden es mehr Mails, und ihr Inhalt verschob sich Schritt für Schritt. Sie war unsicher, hatte kein gutes Verhältnis zu ihren Eltern – und da war plötzlich ein Erwachsener, der ihr Aufmerksamkeit schenkte. Über zwei Jahre ging das. Sie hat die Grenze gezogen: Sie hat sich nie mit ihm getroffen. Panikattacken hatte sie trotzdem.

»Es ist ja nichts passiert«

Genau daran hängt der Satz, den sie immer wieder gehört hat – auch von einem öffentlich-rechtlichen Sender, der ihren Filmvorschlag ablehnte: Es sei ja nichts passiert, weil nichts Körperliches passiert ist. Und es sei ohnehin ein Einzelfall.

Sie ordnet das anders ein. Emotional missbräuchliches Verhalten sei weder juristisch geschützt noch gesellschaftlich anerkannt. Ein Psychotherapeut, der sich mit dem Thema beschäftigt, habe ihr gesagt: Es sei mindestens genauso schlimm, emotionalen Missbrauch zu erleben wie körperlichen, weil die Manipulation so stark ist und man nicht weiß, was da genau passiert. Etwas Körperliches lasse sich wenigstens einordnen – das Emotionale sei verwirrend und schwer zu deuten.

Dazu kommt ihre juristische Lage: Sie war damals bereits volljährig, es gab nichts Körperliches. Strafrechtlich ist da wenig zu machen.

Was Grooming ist

Ein Begriff, der im Buch eine zentrale Rolle spielt, und den sie im Gespräch erklärt: Grooming ist das Herangehen Erwachsener an Schutzbefohlene. Das kann in der Schule passieren, aber genauso über Online-Chats. Über das geschriebene Wort wird Vertrauen und Nähe aufgebaut – so weit, dass das Kind oder die Jugendliche abhängig wird, vielleicht sogar erpressbar, und in einen Loyalitätskonflikt gerät, in dem kaum noch zu erkennen ist, dass gerade ein Übergriff geschieht. Das Ziel dahinter ist der sexuelle Übergriff: Man tastet sich heran und schaut, wie weit man gehen kann.

Ob eine Grenze gezogen wird oder nicht, ändert daran wenig, sagt sie – es geschieht so oder so etwas, weil diese Person eine Lücke füllt. Wer in einem stabilen, unterstützenden Umfeld lebt, sei weniger angreifbar; wer gerade in der Pubertät steckt, sich von den Eltern löst und ein neues Vorbild sucht, umso mehr.

Und noch etwas räumt sie ab: Es gehe nicht nur um Sexualität. Sehr oft gehe es um Macht und um den eigenen Selbstwert, der kompensiert wird – bei Menschen, die nicht auf Augenhöhe sind, sondern zu einem hochschauen.

Warum die Recherche so mühsam war

Ihre Geschichte aufzuschreiben, sei ihr vergleichsweise leicht gefallen. Schwierig war etwas anderes: Zahlen zu finden. Auf Bundeslandebene hieß es, das gebe es hier nicht, das sei zu klein, das sei ein Einzelfall, dazu habe man keine Zahlen – fragen Sie doch bei der Kriminalstatistik. Und dort war es auch schwierig.

Sie führt das auf etwas Grundsätzliches zurück: Alle wollen die Augen davor verschließen. Eltern glauben ihre Kinder in guten Händen, Lehrkräfte glauben, einen guten Job zu machen. Wird das brüchig, will es niemand hören. Also heißt es: gibt es nicht, und wenn, dann Einzelfall.

Bei ihrer Recherche für die Podcast-Serie ist sie darauf gestoßen, wie viel unter den Teppich gekehrt wird – und dass Lehrkräfte, wenn etwas herauskommt, teils einfach an eine andere Schule versetzt werden und dort weiterarbeiten.

Was hilft

Auf die Frage, was man präventiv tun kann, verweist sie auf Studien: Kinder, die früh sexuell aufgeklärt werden und wissen, wie Dinge laufen, geraten seltener in solche Situationen. Dazu Aufklärung in der Schule und regelmäßige Workshops – es gibt kostenlose Angebote, die an Schulen kommen und darüber sprechen, was missbräuchlich ist und wo Grenzen liegen. Und schlicht: darüber reden. Das verändere auch das Bewusstsein im Kollegium.

Ein Bekannter von ihr, selbst Lehrer, habe nach dem Buch gesagt, er gehe jetzt mit einem anderen Blick durch die Schule.

Dem Narrativ, das sie am häufigsten hört – es sei eben Liebe gewesen, da könne man nichts machen –, widerspricht sie deutlich. Eine Psychotherapeutin habe ihr erklärt: Auch wenn Gefühle entstehen, sind das viele kleine Entscheidungen, die dazu führen. Und selbst dann habe man als erwachsene Lehrkraft immer noch die Wahl, sich Supervision zu holen, Abstand herzustellen, zu gehen. »Die Wahl hast du ja als erwachsene Person. Du bist ja nicht irgendwie willenlos.«

Ein weiterer Punkt, der ihr wichtig ist: die Rolle der Popkultur. Filme und Serien normalisieren Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und lassen sie romantisch aussehen – im Gespräch kommen »Ungeküsst«, »Dawson’s Creek« und »Maxton Hall« vor. Und in solchen Erzählungen ist es am Ende oft die Schülerin, deren Zukunft platzt.

Genau das ist auch ein Grund, warum viele nichts sagen: Sie können nicht einschätzen, ob sie selbst in Gefahr sind. Sie sind von der Lehrkraft abhängig – über Noten, über Versetzungen, über Empfehlungen.

Die Podcast-Serie

Ein Jahr lang hat sie im Team weiterrecherchiert, bildungskritischer als im Buch. Daraus wurde »Die Lieblingsschülerin«, eine fünfteilige Serie für den Deutschlandfunk, erschienen am 26. Februar 2026. Das Team hat drei Betroffene begleitet und ihre Geschichten rekonstruiert, Kontakt zu Lehrkräften und Schuldirektionen aufgenommen, weitere Betroffene gefunden und am Ende auch die Täter konfrontiert.

Wer mit dem Thema anfangen will, dem empfiehlt sie beides – im Buch kommen andere Fälle vor als im Podcast, und beleuchtet werden auch andere Aspekte: etwa Lehrkräfte, die etwas unternehmen wollten und dann selbst gehen mussten, oder die Frage, welche Folgen Betroffene noch Jahrzehnte später tragen.

Britta Rotsch schreibt jede Person zurück, die sich bei ihr meldet – viele erzählen ihr zum ersten Mal davon. Sie sagt selbst deutlich dazu, dass sie keine ausgebildete Psychotherapeutin ist. Aber es helfe, sich mit jemandem auszutauschen, der dasselbe erlebt hat.

Die ganze Folge hören

Von dieser Folge gibt es bewusst kein Transkript auf der Website. Das Gespräch ist als Folge zum Hören da – ein durchsuchbares Wortprotokoll wäre etwas anderes.

Das Buch zur Folge

Worüber wir gesprochen haben.

Buchcover »Wenn Lehrer Grenzen überschreiten« von Britta Rotsch

Wenn Lehrer Grenzen überschreiten

Britta Rotsch

Über Machtmissbrauch in der Schule – ihr Sachbuch, um das sich die Folge dreht.

Bei Thalia ansehen *

*Mit Sternchen markierte Links sind Affiliate-Links: Kaufst du darüber, erhalten wir eine kleine Provision. Für dich ändert sich am Preis nichts.

Häufige Fragen

Was ist Grooming?

Das gezielte Herangehen Erwachsener an Schutzbefohlene – in der Schule ebenso wie über Online-Chats. Über Nachrichten wird Vertrauen und Nähe aufgebaut, bis eine Abhängigkeit entsteht und die Betroffenen in einem Loyalitätskonflikt stecken. Das Ziel dahinter ist der sexuelle Übergriff; herangetastet wird sich Schritt für Schritt.

Ist emotionaler Missbrauch weniger schlimm als körperlicher?

Nein. Ein Psychotherapeut, mit dem Britta Rotsch gesprochen hat, sagt, emotionaler Missbrauch sei mindestens genauso schwerwiegend – gerade weil die Manipulation so stark und die Situation für Betroffene so schwer einzuordnen ist. Juristisch und gesellschaftlich wird er allerdings deutlich seltener als solcher anerkannt.

Was können Schulen und Eltern präventiv tun?

Studien zeigen, dass früh und gut sexuell aufgeklärte Kinder seltener in solche Situationen geraten. Dazu kommen regelmäßige Workshops an Schulen – es gibt kostenlose Angebote –, in denen besprochen wird, was missbräuchlich ist und wo Grenzen liegen. Und das Gespräch im Kollegium: Wo das Thema benannt wird, verändert sich der Blick.

Warum sagen Betroffene oft nichts?

Weil sie nicht einschätzen können, was gerade passiert und ob sie selbst in Gefahr sind. Sie sind von der Lehrkraft abhängig – über Noten, Versetzung und Empfehlungen – und stehen oft in einem Loyalitätskonflikt. Dazu kommt, dass die Situation von außen als Liebesgeschichte gedeutet wird.

Wo finde ich mehr von Britta Rotsch zum Thema?

Neben ihrem Buch gibt es die fünfteilige Podcast-Serie »Die Lieblingsschülerin« (Deutschlandfunk, erschienen am 26. Februar 2026) und das Deutschlandfunk-Feature »Der rosa Elefant im Klassenraum«. Auf ihrer Website brittarotsch.com sind ihre Projekte gesammelt.

Wenn du Unterstützung brauchst

Wenn dich das Thema persönlich betrifft, musst du damit nicht allein bleiben. Diese Stellen helfen kostenlos und anonym weiter:

  • Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530 – kostenfrei und anonym, montags, mittwochs und freitags von 9 bis 14 Uhr, dienstags und donnerstags von 15 bis 20 Uhr.
  • hilfe-portal-missbrauch.de – das zentrale Bundesportal mit Hilfsangeboten in deiner Nähe.

Auch mit einer vertrauten Person zu sprechen kann ein erster Schritt sein.

Alle 153 Folgen im Archiv

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner