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Leipzig abseits der Buchmesse

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Podcast · Folge 62

Leipzig abseits der Buchmesse

Lale Kempendorf hat fünf Jahre in Leipzig gelebt und verrät, wo man zwischen zwei Messetagen am besten Kaffee trinkt, stöbert und durchatmet

11. März 2024 · 54 Minuten · Ganze Folge hören ↓

Stand heute

Dieses Gespräch haben wir am 22. Februar 2024 aufgenommen, vier Wochen vor der Leipziger Buchmesse. Lale Kempendorf war damals gerade aus Leipzig weggezogen und im Referendariat; inzwischen gehört sie zu den Buchpreisblogger*innen des Deutschen Buchpreises 2026. Zwei ihrer Tipps haben wir für dich nachgeprüft: Das Museum der bildenden Künste nimmt für seine Dauerausstellung weiterhin keinen Eintritt, und das Buchlager im Westwerk öffnet mittwochs bis freitags von 14 bis 18 Uhr und samstags von 12 bis 16 Uhr. Bei den Cafés lohnt sich vor dem Losgehen ein kurzer Blick ins Netz – in zwei Jahren kann sich dort einiges ändern.

Zur Leipziger Buchmesse kommen Zehntausende in die Stadt, sehen vier Tage lang Messehallen von innen und fahren wieder nach Hause. Lale Kempendorf, die auf Instagram als @laleliest über Bücher schreibt, hat fünf Jahre in Leipzig gewohnt. Wir haben sie gefragt, was sich dazwischen lohnt: welche Straße man einmal entlanggelaufen sein sollte, in welcher Buchhandlung fast nur Indie-Verlage stehen – und wo das Buch einen Euro kostet.

Lale Kempendorf

Lale Kempendorf

Buchbloggerin, @laleliest

Lale Kempendorf schreibt seit 2019 auf Instagram als @laleliest über Bücher und rezensiert dort nach eigener Aussage fast jeden Titel, den sie liest. Sie kommt aus Rostock, hat in Leipzig Sonderpädagogik studiert und war 2021 als Bookstagrammerin beim Fachtag »Digitale Literaturvermittlung« des Literaturrats Mecklenburg-Vorpommern dabei. Beim Freigeister Theater Rostock ist sie Ehrenmitglied. 2026 gehört sie zu den zwanzig Blogger*innen, die für den Deutschen Buchpreis die nominierten Titel besprechen.

Der Westen, in dem sie gewohnt hat

Das Gespräch beginnt dort, wo Lale Kempendorf jahrelang spazieren gegangen ist: am Karl-Heine-Kanal im Leipziger Westen. Osten und Westen seien beide Studi-Gegenden, erzählt sie – im Osten die Bars und Clubs, im Westen der große Park, zu dem am Wochenende alle anderen kommen. Die Karl-Heine-Straße beschreibt sie als Straße mit vielen Cafés und einem alten Kino, sonntags mit Flohmarkt.

Wer vom Hauptbahnhof kommt, ist mit der Straßenbahn in zehn Minuten da. Ihre Café-Route beginnt an der Haltestelle Felsenkeller: Soul Kitchen als Favorit, alles vegan und der Kuchen morgens selbst gebacken; kurz vor dem Kanal das Café Albert, ihr erstes Café nach dem Umzug nach Leipzig; und direkt am Wasser ein kleines, verstecktes Haus mit zusammengewürfelten Stühlen, das inzwischen Café Rosa heißt.

Für Bars und Restaurants schickt sie einen in die Südvorstadt, auf die Karl-Liebknecht-Straße – auf Leipzigerisch die Karli. Und in der Innenstadt steht das Museum der bildenden Künste, das MdbK, dessen Dauerausstellung seit einigen Jahren nichts kostet. Allein wegen der Architektur, sagt sie, müsse man einmal drin gewesen sein.

Buchhandlungen, die mehr sind als ein Laden

Die erste liegt da, wo man ohnehin ankommt: die Buchhandlung Ludwig oben bei den Gleisen im Hauptbahnhof, mit Café und langen Öffnungszeiten. Ein guter Ort, um Wartezeit zu überbrücken, sagt Lale Kempendorf – und ein ruhiger an einem lauten Ort.

Ihr eigentlicher Tipp ist rotorbooks in der Kolonnadenstraße, eine gute Viertelstunde zu Fuß vom Bahnhof. Dort stehen fast ausschließlich Indie-Verlage, dazu Zines von kleinen Künstler*innen; Kaffee gibt es auch, aber wirklich nur Kaffee. Versteckt sei der Laden, sagt sie, und gleichzeitig der erste Anlaufpunkt für jede*n Bloggerin, die nach Leipzig kommt. Dort habe auch das Literaturmagazin Delfi von Fatma Aydemir, Hengameh Yaghoobifarah und weiteren Herausgeber*innen seine erste Lesung gehabt – sie selbst hatte eine Karte und wurde krank.

Dazu kommt die Connewitzer Verlagsbuchhandlung, gut sortiert und deutlich politisch, mit einem zweiten Laden in einer Passage nahe dem Hauptbahnhof. Es gebe eben sehr viele unabhängige Buchhandlungen in dieser Stadt, sagt sie – und genau das findet sie gut.

Es gibt sehr viele unabhängige Buchhandlungen, und das finde ich richtig gut, dass man nicht immer nur zu den großen ausweichen muss.Lale Kempendorf

Ein Euro das Buch

Ihr Geheimtipp steht nicht in Reiseführern: das Buchlager im Westwerk an der Karl-Heine-Straße. Umzugskiste auf Umzugskiste, Regal an Regal, halbthematisch sortiert, fast alles gebraucht – und der Normalpreis liege bei rund einem Euro pro Buch. Wer einen bestimmten älteren Titel sucht, findet ihn dort eigentlich immer, sagt sie; man brauche nur Geduld.

Sie erzählt von einer Frau, die mit dem kompletten Schuber der Twilight-Reihe in Hardcover herauskam und nicht glauben konnte, dass das zusammen vier Euro kostet. Helen kennt das von Bücherschränken: Sie findet dort deshalb so viel, weil sie gar nichts erwartet.

Was Instagram mit dem Bücherkauf macht

Aus dem Stöbern wird ein längeres Gespräch darüber, wie sehr die eigene Timeline die Auswahl steuert. Lale Kempendorf sagt, seit sie einen Buchaccount hat, falle es ihr schwer, deutschsprachige Bücher zu kaufen, die sie nicht schon zehnmal gesehen hat – bei englischsprachigen Titeln dagegen entscheide sie frei nach Klappentext und Cover. Gebrauchtes und Bücherschränke holen sie wieder aus dieser Blase heraus.

Helen geht es umgekehrt: Was sie bei Instagram zu oft gesehen hat, will sie irgendwann nicht mehr lesen. Beide stellen fest, dass sie sich vom Cover leiten lassen, ohne je bewusst darauf geachtet zu haben, was sie daran eigentlich anspricht.

Das Buch, das sie in einer Nacht gelesen hat

Auf die Frage nach dem letzten Buch, das sie jedem in die Hand drücken möchte, kommt Yellowface von Rebecca F. Kuang. Sie hatte es als unkorrigiertes Vorabexemplar vom Verlag bekommen – und dann drei Stunden am Stück gelesen, ohne aufzustehen, und am nächsten Morgen sofort zu Ende.

Worum es geht, erzählt sie in zwei Sätzen: Zwei befreundete Autorinnen, die eine erfolgreich, die andere nicht. Die Erfolgreiche stirbt auf den ersten Seiten, die andere nimmt das fertige Manuskript mit und veröffentlicht es unter ihrem Namen. Daraus werde eine Geschichte darüber, wer welche Geschichten erzählen darf, und eine Abrechnung mit dem Literaturbetrieb – verpackt in etwas, das sich fast wie ein Thriller lese. Ihr Urteil: schon wieder ein Jahreshighlight.

Besonders gefreut hat sie die Gestaltung der deutschen Ausgabe: Unter dem gelben Schutzumschlag steht auf dem Buchdeckel der Titel des Buchs, das die Romanfigur veröffentlicht – mit durchgestrichenem Autorinnennamen.

Dicke Bücher und der richtige Zeitpunkt

Am Tag vor der Aufnahme hatte sie sich ein Buch mit fast tausend Seiten gekauft: Die Liebeslieder von W. E. B. Du Bois. Sie lese selten sehr dicke Bücher, sagt sie – aber wenn, dann würden es am Ende immer ihre Lieblingsbücher.

Helen geht es ähnlich: Sie steht ein bisschen auf Kriegsfuß mit dicken Büchern, hatte aber gerade eins mit über 500 Seiten gelesen, das jahrelang im Regal stand – und dann tagelang nicht mehr weglegen können. Beide landen bei derselben Erkenntnis: Es gibt für jedes Buch einen richtigen Zeitpunkt, und wer sich zwingt, kommt nicht hinein.

Wann sie liest? Aktuell den ganzen Tag, sagt Lale Kempendorf, weil zwischen Umzug und Referendariat Zeit ist. Sonst im Zug, auf dem Weg zur Arbeit, nachmittags. Auf die oft gestellte Frage, wie man so viel lesen könne, hat sie eine unaufgeregte Antwort: Sie schaut kaum Serien. Helen zieht daraus den praktischen Schluss, dass weniger Streaming das größte Zeitfenster fürs Lesen öffnet.

Buchmesse ohne Fomo

Zum Schluss geht es um die Messe selbst. Lale Kempendorf war im Jahr davor zum ersten Mal als Bloggerin dort und hatte alle vier Tage vollgepackt – Lesung um 13 Uhr, Gespräch um 14 Uhr, Event um 15 Uhr, abends Party. Sie habe erst hinterher gemerkt, wie fertig sie war. Dieses Mal, sagt sie, weiß sie, wohin sie will und was sie nicht mehr sehen muss.

Ein Tipp für alle mit Presseakkreditierung: In Leipzig gibt es einen Pressebereich mit Garderobe, Sesseln und kostenlosem Kaffee – ihr Rückzugsort im Vorjahr. Und ein Gedanke, der bleibt: Wer sich auf der Messe überfordert fühlt, darf auch einfach rausgehen und sich die Stadt ansehen.

Wo man sie findet, beantwortet sie knapp: eigentlich nur bei Instagram. Dazu kommt eine Literatursendung beim Rostocker Lokalsender LOHRO 90.2, die sonntags um 18 Uhr läuft und in der sie ab und zu neue Bücher vorstellt – gemacht von jemandem, den sie noch aus Rostock kennt und der am dortigen Literaturhaus arbeitet.

Ein Gespräch, nach dem man Lust hat, einen Tag früher anzureisen.

Die ganze Folge hören

Die Bücher aus dieser Folge

Das Buch, das Lale Kempendorf in einer Nacht gelesen hat, der Roman derselben Autorin, der sie darauf gebracht hat – und der Tausendseiter, den sie sich am Tag vor unserem Gespräch gekauft hat.

Buchcover »Yellowface« von Rebecca F. Kuang

Yellowface

Rebecca F. Kuang · Eichborn · 384 Seiten

Eine erfolgreiche Autorin stirbt, die weniger erfolgreiche Freundin veröffentlicht deren Manuskript unter eigenem Namen. Ins Deutsche übertragen hat den Roman Jasmin Humburg; er erschien am 29. Februar 2024, gut zwei Wochen nach unserer Aufnahme.

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Buchcover »Babel« von Rebecca F. Kuang

Babel

Rebecca F. Kuang · Eichborn · 736 Seiten

Der Roman derselben Autorin, wegen dem Lale Kempendorf unbedingt auch Yellowface lesen wollte. Übersetzt haben ihn Heide Franck und Alexandra Jordan.

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Buchcover »Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois« von Honorée Fanonne Jeffers

Die Liebeslieder von W.E.B. Du Bois

Honorée Fanonne Jeffers · Piper · 992 Seiten

Der Tausendseiter, den sie sich gekauft hat, ohne im Gespräch auf den Namen der Autorin zu kommen: eine Familiengeschichte über vier Jahrhunderte amerikanischer Vergangenheit. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch und Gesine Schröder.

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Die mit »Bei genialokal ansehen« gekennzeichneten Links sind Affiliate-Links. Kaufst du darüber, bekommen wir eine kleine Provision – für dich ändert sich am Preis nichts. Über genialokal bestellst du bei einer unabhängigen Buchhandlung; auch rotorbooks aus dieser Folge ist dort gelistet.

Häufige Fragen

Welche Cafés empfiehlt Lale Kempendorf in Leipzig?

Drei, alle im Leipziger Westen rund um die Karl-Heine-Straße: Soul Kitchen (vegan, Kuchen morgens selbst gebacken), das Café Albert mit großer Kuchenauswahl und ein kleines Café direkt am Karl-Heine-Kanal, das inzwischen Café Rosa heißt. Die Aufnahme ist von Februar 2024 – bei Cafés lohnt sich vorher ein kurzer Blick ins Netz.

Welche Buchhandlungen soll man in Leipzig besuchen?

rotorbooks in der Kolonnadenstraße für Indie-Verlage und Zines, die Buchhandlung Ludwig oben im Hauptbahnhof mit eigenem Café und die Connewitzer Verlagsbuchhandlung, die einen Laden im Specks Hof im Zentrum und einen zweiten am Peterssteinweg hat.

Wo gibt es in Leipzig gebrauchte Bücher?

Im Buchlager im Westwerk an der Karl-Heine-Straße 87: gebrauchte Bücher in Umzugskisten und Regalen, halbthematisch sortiert, zum Normalpreis von rund einem Euro. Geöffnet ist mittwochs bis freitags von 14 bis 18 Uhr und samstags von 12 bis 16 Uhr.

Kostet das Museum der bildenden Künste Eintritt?

Die Dauerausstellung des MdbK in der Katharinenstraße ist kostenlos; für die Sonderausstellungen wird Eintritt verlangt. Montags ist geschlossen.

Gibt es auf der Leipziger Buchmesse einen Ort zum Durchatmen?

Für Menschen mit Presseakkreditierung gibt es einen Pressebereich mit Garderobe, Sesseln und kostenlosem Kaffee. Lale Kempendorf beschreibt ihn als ihren Rückzugsort auf der Messe.

Welches Buch empfiehlt sie?

Yellowface von Rebecca F. Kuang – ein Roman über eine gestohlene Geschichte, den sie in einer Nacht durchgelesen hat und als Jahreshighlight bezeichnet.

Die ganze Folge zum Nachlesen

Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme. Intro, Outro und der eingesprochene Hinweis auf die Schmökerrunde sind nicht Teil des Gesprächs und stehen deshalb nicht hier.

Helen
Herzlich willkommen, Lale. Ich will mich heute mit dir ein bisschen über Leipzig unterhalten und darüber, was du uns vor Ort empfehlen kannst, wenn wir zur Leipziger Buchmesse fahren. Aber bevor wir damit starten, zwei Fragen an dich: Wo sind wir gerade, und welches Getränk hast du uns mitgebracht?

Lale
Wir sind gerade am Karl-Heine-Kanal in Leipzig. Da habe ich damals in der Nähe gewohnt, und das war immer mein Go-to-Spaziergangsweg — einfach eine total schöne Ecke mit tollen Cafés. Und wo wir beim Thema Cafés sind: Mein Getränk, mit dem ich heute mit dir anstoße, ist ein schöner Cappuccino mit Hafermilch.

Helen
Immer gerne, dann lass uns mal anstoßen. Ich war im letzten Jahr einmal bewusst in Leipzig, für die Arbeit. Ich fand auch alles super schön, habe aber nicht viel gesehen. Deswegen kenne ich die Ecke nicht, in die du uns jetzt entführt hast. Aber zumindest wurde mir vom Leipziger Westen erzählt, weil das, glaube ich, so ein bisschen die Studi-Ecke ist. Stimmt das?

Lale
Ja. Also, ich finde schon, sowohl der Osten als auch der Westen sind voll die Studi-Spots. Im Osten sind eher die cooleren Bars und Clubs und Gegenden, wo man sich mit anderen Menschen treffen kann. Und der Westen war immer eher das Ausflugsziel für alle, die im Osten wohnen. Die haben mich am Wochenende immer alle besucht, weil bei mir der schöne große Park ist. Und die Karl-Heine-Straße — ich weiß nicht, womit man das in anderen Städten vergleichen kann, aber das ist auch so eine Straße mit vielen Cafés und noch so einem alten Kino. Und sonntags ist da immer ein Riesen-Flohmarkt. Das war irgendwie immer so der Spot. Ansonsten wohnen im Westen eher ziemlich viele junge Familien, aber halt auch einige Studierende. Und es ist, glaube ich, auch ein bisschen alternativer — wobei ich jetzt nicht sagen würde, dass es alternativer ist als andere Stadtteile. Aber es ist schon schön zu leben, weil so viel Grün dabei ist.

Helen
Voll schön. Es ist irgendwie witzig, weil ich war ja an der Uni Leipzig, dafür war ich mit der Arbeit da. Und ich fand das richtig süß: Ich hatte Leipzig bisher nicht so richtig auf dem Schirm. Aber wir waren in der Presse- und Marketingabteilung der Uni Leipzig, und die hatten das wirklich drauf, Leipzig als den Standort schlechthin zu verkaufen. Ich war danach überzeugt — hier muss man wohnen, hier ist the place to be. Ich fand das richtig cool, weil ich bisher einfach nicht so richtig davon gehört hatte. Und ich kann mich auch nicht daran erinnern, vorher schon mal bewusst in Leipzig gewesen zu sein. Aber ich freue mich jetzt voll, weil es in ein paar Wochen losgeht — mit der Leipziger Buchmesse wieder, und mit ein paar Tagen mehr Zeit da zu sein.

Lale
Ich glaube, das wird dir auch gefallen. Vor allem, wenn man Zeit hat, vor Ort zu sein, dann findet man in jedem Stadtteil und in jeder Straße irgendwas Kleines, Schönes. Und ich verstehe schon, warum die Uni das sagt. Aber ich glaube auch, dass jede Uni von sich behauptet, dass sie die beste ist.

Helen
Aber da waren wirklich alle so: Es ist so toll hier. Es ist auch wirklich schön. Aber du bist jetzt vor Kurzem umgezogen — bist du aus Leipzig weggezogen?

Lale
Genau, ich bin immer noch in Sachsen, aber nicht mehr in Leipzig. Ich habe mein Studium beendet und mache jetzt mein Referendariat. Und dadurch, dass ich an eine Förderschule muss, weil ich Sonderpädagogik studiert habe — und davon gibt es ja nicht mehr so viele, weil die abgebaut werden — ist auch die Anzahl an Schulen in Leipzig extrem gering. Es war klar: Wenn man in Sachsen bleiben möchte und sein Ref in Sonderpädagogik macht, dann kann man sich schon mal darauf einstellen, dass man wegziehen muss. Ich wollte eigentlich nicht, aber ich habe jetzt einen ganz guten Platz bekommen, und auch nicht zu weit weg, sodass es sich lohnt, am Wochenende zu pendeln oder auch mal unter der Woche. Deswegen habe ich den Schritt gewagt, allein in eine neue Stadt zu ziehen, die ganz doll viel kleiner ist als Leipzig. Aber ich habe vor, irgendwann zurückzukommen, wenn alles so läuft, wie ich mir das vorstelle. Ich habe mich in den letzten fünf Jahren auch ein bisschen in Leipzig verliebt.

Helen
Ja, kann ich mir echt vorstellen. Aber du kommst ursprünglich gar nicht aus Leipzig?

Lale
Nee, ich komme eigentlich aus Rostock, also von der Küste. Damals wollte mein Freund nach Leipzig, und ich wollte eigentlich immer in Rostock bleiben. Dann dachte ich, na gut, dann gucke ich es mir mal an — und irgendwie sind dann alle nach Leipzig gezogen. Es gibt einen riesigen Kreis von Rostocker*innen, die alle nach Leipzig gegangen sind. Irgendwie witzig, jeder kennt jeden um drei Ecken. Ich war einmal da und dachte: Ja doch, hier kann ich es mir schon vorstellen. Und dann war es auch auf jeden Fall die richtige Entscheidung.

Helen
Voll schön. Dann bist du auf jeden Fall die Richtige, um uns Leipzig ein bisschen schmackhaft zu machen und zu erzählen, was uns da so erwartet. Du hast ja auch einen Instagram-Account, Lale Unterstrich liest, glaube ich?

Lale
Nee, zusammengeschrieben: laleliest.

Helen
Zusammengeschrieben. Und du teilst da eben auch Buchtipps und was du so liest. Wie lange machst du das schon, und was kann man auf deinem Account erwarten?

Lale
Ich habe vor fast genau fünf Jahren angefangen — ich glaube, es sind mehr als fünf Jahre. Ich poste eigentlich zu 90 Prozent Rezensionen von jedem Buch, das ich lese. Es ist selten vorgekommen, dass ich ein Buch gelesen habe und mir danach dachte: Nee, das rezensiere ich nicht. Angefangen hat es mit ein paar Büchern, die man sich mal gekauft hatte oder die schon länger zu Hause lagen, und mittlerweile sind es natürlich auch viele Rezensionsexemplare — aber immer noch ein großer Teil Bücher, die ich einfach gerne lesen möchte und bei denen ich denke, das interessiert bestimmt auch andere Menschen. Ansonsten poste ich in den Stories auch mal ein bisschen Alltagsausschnitte. Letztes Jahr war das sehr viel: Wie geht es einem beim Staatsexamen? Oder kleine Einblicke aus dem Urlaub. Aber hauptsächlich geht es bei mir schon nur um Bücher.

Helen
Ich finde es auch richtig schön. Das sehen die Zuhörer*innen jetzt natürlich nicht, aber im Hintergrund sieht man auch ein schönes Bücherregal. Du hast sogar den passenden Pulli an, glaube ich?

Lale
Ja, da steht „Read more books“ drauf. Ich habe mich thematisch eingestellt.

Helen
Richtig gut, voll schön. Ich hatte dir ja schon erzählt, wie es zu der Empfehlung kam: Ich hatte gesagt, ich würde gerne zur Leipziger Buchmesse mit jemandem aus Leipzig sprechen, weil wir das für die Frankfurter Buchmesse auch gemacht hatten. Und dann kam aus dem Team die Empfehlung, dass wir dich fragen. Deswegen habe ich mich voll gefreut, dass du gesagt hast: Ja klar, gerne.

Lale
Ich bin immer noch ganz geehrt. Ich finde das immer so: Oh Gott, Leute kennen mich. Das finde ich immer noch ein bisschen verrückt — was durch den Account so wächst und sich ermöglicht, wovon man nie geträumt hätte. Was für andere, die viel größer sind, vielleicht gar nichts so Großes ist. Aber für mich selbst ist das immer so: Jemand möchte mit mir reden, die Person interessiert, was ich mache. Das ist ja total cool.

Helen
Ja, das verstehe ich voll. Ich versuche nämlich, nicht so genau darüber nachzudenken, wie viele zugucken. Weil es eigentlich keine so greifbare Zahl ist. Aber stell dir mal vor, man würde wirklich vor so vielen Menschen stehen.

Lale
Oh mein Gott. Das denke ich mir auch immer.

Helen
Und dadurch vergesse ich dann aber auch manchmal, dass natürlich auch Leute zuschauen, die ich nicht unbedingt kenne. Also das Gefühl kann ich auf jeden Fall nachvollziehen. Ich habe mich auch über die Empfehlung gefreut, weil ich deinen Account noch nicht kannte und ihn super schön finde. Ich mag die Mischung voll gerne — dass es nicht nur Bücher sind, sondern man auch ein bisschen ein Gefühl dafür bekommt, wer bist du so, was machst du eigentlich. Und man bekommt zum Beispiel mit, dass du in Leipzig liest und lebst. Deswegen: Ja, ich mag das gerne.

Lale
Danke.

Helen
Bist du eigentlich bei der nächsten Leipziger Buchmesse auch da?

Lale
Doch, ich hatte letztes Jahr das Glück — da war ich zum ersten Mal als Bloggerin auf einer Buchmesse, und dann auch gleich auf der Leipziger Buchmesse. Ich hatte wirklich alle vier Tage komplett vollgeparkt und war so aufgeregt und so voller Euphorie, das endlich erleben zu können. Und hatte mich auch schon so auf dieses Jahr gefreut. Aber dadurch, dass ich jetzt keine Studentin mehr bin, sondern Vollzeit arbeite und auch noch in einer anderen Stadt Seminare habe, ist es mir dieses Jahr leider nur möglich, am Samstag zu fahren beziehungsweise Samstag und Sonntag — was ja eher die Tage sind, an denen sich die meisten schon wieder verkrümeln, weil es einfach zu voll ist. Aber ich bin ab Donnerstag in Leipzig, dann zwar immer nur abends, versuche aber auch da schon ein bisschen was mitzunehmen. Und Messetag ist dieses Jahr für mich Samstag und Sonntag.

Helen
Verstehe ich. Ich bin bis Sonntag in Leipzig, aber wahrscheinlich werde ich am Sonntag auch nicht mehr auf die Messe gehen. Ich habe noch ganz viel nicht geplant, aber ich muss ja auch wieder zurückfahren, deswegen glaube ich, dass es an dem Tag nicht mehr wird. Aber vielleicht sehen wir uns dann am Samstag.

Lale
Ja, hoffentlich. Ich würde mich freuen.

Helen
Theoretisch hat man ja die Option, wenn man in die Stadt fährt, sich auch ein bisschen was anzuschauen. Und ich finde, in Leipzig lohnt sich das sehr — von dem bisschen, was ich an Eindruck bekommen habe. Ich war zum Beispiel einfach völlig begeistert von diesem Bahnhof.

Lale
Ja, voll, der ist auch riesig.

Helen
Er ist riesig und irgendwie voll beeindruckend. Viel mehr habe ich gar nicht gesehen, die Uni und eine kleine Führung. Aber das fand ich schon schön. Wenn man jetzt aber da ist und ein bisschen Zeit übrig hat — was würdest du empfehlen? Was sind deine Secret Spots, die du mit uns teilen kannst?

Lale
Also ich glaube, am Wochenende würde ich die Innenstadt fast ein bisschen meiden, weil es dann doch immer sehr voll ist. Und ich finde, das ist auch immer so ein großer Vergleich, wenn man aus einer kleinen Stadt kommt wie ich und dann in Leipzig ist: So voll ist es sonst immer nur an einem Samstag. Und jetzt ist es aber auch unter der Woche voll, weil natürlich Tagestourist*innen da sind und andere Leute, die ihre Dinge zu erledigen haben. Trotzdem ist die Innenstadt auch schön anzuschauen, von den Gebäuden her. Und da gibt es diesen Auerbachs Keller, wo Faust so eine Art Denkmal bekommen hat. Für ganz tolle Deutsch-Enthusiast*innen ist das bestimmt total gut. Aber ich finde auch für die Buchinteressierten: Wenn man am Hauptbahnhof ist, da gibt es direkt eine Buchhandlung, die heißt Buchhandlung Ludwig. Die ist im Bahnhof direkt oben bei den Gleisen. Und die ist so schön, weil sie noch diesen alten Leipzig-Bahnhof-Charme hat — das wurde vorher irgendwie anders genutzt, dementsprechend ist die Architektur total toll. Und die hat auch ewig lange auf. Ich habe neulich erfahren, die haben, glaube ich, auch sonntags geöffnet und samstags bis 23 Uhr oder so. Da kann man immer ein bisschen Ruhe finden an so einem stressigen Ort wie einem Bahnhof. Und ansonsten habe ich ja schon vom Westen erzählt: Der Leipziger Westen ist vom Hauptbahnhof auch nur zehn Minuten Straßenbahnfahrt entfernt. Generell ist man auch schnell überall. Es sind super viele Parks, ganz viele kleine Cafés, ein Spaziergang am Karl-Heine-Kanal. Oder wenn man Lust hat auf ein paar Bars und vielleicht auch fancy Restaurants, dann kann ich immer die Südvorstadt empfehlen. Das ist eine ganz lange Straße, die heißt Karl-Liebknecht-Straße — auf Leipzigerisch die Karli. Da sind auch so viele kleine, süße Läden, die regionale Künstler*innen-Sachen verkaufen. Finde ich immer ganz schön, ich kann da auch nie hingehen, ohne was zu kaufen. Das ist immer einen Besuch wert. Und vor allem hoffe ich ja, dass im März auch schönes Wetter ist, wenn die Buchmesse ist, dass man auch schon draußen in der Sonne sitzen kann.

Helen
Oh ja, das wäre schön.

Lale
Und was sich in Leipzig auch verändert hat, wie ich gehört habe: dass alle öffentlichen Museen für ihre Dauerausstellungen keinen Eintritt mehr nehmen. Das heißt, man kann kostenlos ins Museum gehen, wenn man Lust hat. Und in der Stadt direkt ist das Museum der bildenden Künste, das MdbK. Ich bin auch ein bisschen Kunstfan und mag das gerne. Und das ist allein von der Architektur so krass und eindrucksvoll. Da muss man mal gewesen sein, das lohnt sich richtig. Das sind so meine Tipps, die mir auf die Schnelle einfallen. Natürlich noch das Literaturhaus — da gibt es auch immer tolle Lesungen, das kann man sich auch mal anschauen.

Helen
Also gibt es auf jeden Fall einiges, was man neben dem Messestress noch anschauen kann, vor allem um ein bisschen aufzutanken. Für mich war die Frankfurter Buchmesse der erste Buchmessebesuch überhaupt. Und ich meine, ich war theoretisch darauf vorbereitet worden, aber ich habe es einfach unterschätzt. Ich dachte noch so: Mittwoch und Donnerstag und auch noch Freitag, ja, passt schon, das ist eigentlich alles ganz ruhig. Und ich war völlig erschlagen. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass es plötzlich so viel voller ist. Da habe ich auch ein bisschen gemerkt, dass ich an meine Grenzen komme. Und hatte auch das Gefühl, es gibt nirgends mehr so einen Rückzugsort, wo man weniger Menschen um sich hat. Dann finde ich es irgendwie cool, wenn man einfach sagt: Ach ja, passt für heute, ich schaue mir vielleicht einfach irgendwas anderes in Leipzig an und genieße, dass mal weniger Menschen um mich herum sind.

Lale
Aber für die Leipziger Buchmesse — ich weiß nicht, das gibt es bestimmt in Frankfurt auch, aber ich war noch nie in Frankfurt auf der Buchmesse: In Leipzig gibt es einen Pressebereich, was jetzt natürlich nur die Menschen betrifft, die eine Akkreditierung haben. Aber das war ein Traum, weil man da seine Jacke abgeben kann, seine Sachen abgeben kann. Da gibt es Kaffee kostenlos und, ich glaube, auch Tee. Und ein paar Sessel. Letztes Jahr war das unser Rückzugsort. Je nachdem, in welcher Halle man gerade ist, ist das schon ein ordentlicher Lauf dahin und zurück. Aber dafür, dass man weiß, man bekommt die Stille und den Kaffee und kann mal in Ruhe auf Toilette gehen, ohne lange anzustehen — das ist schon richtig gut. Also vielleicht zum Merken für alle. Ich wusste auch nicht, dass es das gibt, eine Freundin hatte mir das erzählt, und dann war das irgendwie mein Go-to-Spot.

Helen
Voll gut. Weil du eben auch noch mal den Kanal genannt hast — den Karl-Heine-Kanal: Wo würde man denn da den Cappuccino mit Hafermilch am besten holen?

Lale
Wenn man mit der Straßenbahnlinie 3 Richtung Knautkleeberg fährt, dann ist eine Haltestelle Felsenkeller. Da war letztes Jahr die Voland-&-Quist-Party, die war auch total super vom Verlag gemacht. Wenn man da aussteigt, ist man quasi mitten auf der Karl-Heine-Straße, und da gibt es wirklich Café an Café. Mein Favorit ist Soul Kitchen.

Helen
Das klingt gut.

Lale
Da gibt es auch immer richtig leckeren Kuchen, morgens selbst gebacken, dann kann man auch frühstücken und, ich glaube, auch warm essen — also nicht nur Frühstück. Und alles vegan. Das kann ich sehr empfehlen. Kurz bevor man zum Kanal kommt, ist noch das Café Albert. Das war mein erstes Café, als ich nach Leipzig gezogen bin, und das hat sich auch ein bisschen ins Herz geschlichen. Die haben eine riesige Kuchenauswahl, und auch richtig lecker. Und wenn man direkt am Kanal spazieren geht, kommt man noch an einem ganz klein versteckten Café vorbei. Das hat neulich die Besitzerin gewechselt, ich glaube, es heißt jetzt Café Rosa. Ich bin nicht hundertprozentig sicher. Aber das hat so richtig viel Charme, weil es in so einem Haus mit drin ist und direkt am Wasser gebaut ist, und so bunt durchmischte Stühle und Tische. Es sieht alles zusammengewürfelt aus, aber ist dadurch ganz toll süß. Genau, das war immer so meine Café-Route.

Helen
Voll gut. Ich liebe Cafés einfach. Ich habe letzten Sommer gedacht — das ist eigentlich nicht neu, aber ich glaube, es ist schon so ein bisschen eine eigene Kategorie, weil ich so gerne Buchhandlungen mit Cafés mag. Und dann dachte ich wieder: So häufig gibt es das irgendwie doch wieder nicht. Fällt dir dazu was in Leipzig ein? Oder was ist deine Lieblingsbuchhandlung, abgesehen von der im Bahnhof?

Lale
Also erst mal die im Bahnhof, die hat auch ein Café mit drin, richtig gut — gerade auch, wenn man noch Zeit überbrücken muss, um wieder heimzufahren. Ich glaube, es ist auch irgendeine Kette, aber es ist halt süß, man kann da schön sitzen und auch schön Leute beobachten. Und der Thalia in Leipzig in der Innenstadt, der hat jetzt auch ganz oben ein neues Café, wo man auch draußen sitzen kann. Das ist auch ganz wild, das ist aber auch richtig schön, da war ich neulich mal. Und dann die Buchhandlung, bei der ich den Namen vergessen habe — die hat so einen besonderen Namen, vielleicht komme ich noch drauf. Das ist rotorbooks. Die führt fast ausschließlich Indie-Verlage und auch wirklich kleine Künstler*innen, die ihre Zines verkaufen. Und da bekommt man auch Kaffee, aber wirklich nur Kaffee. Die hat auch so ein kleines Sofa mit drin. Und die ist, finde ich, so richtig versteckt. Und irgendwie kennen sie ganz wenig Leute, habe ich immer das Gefühl — oder alle kennen nur die. Ich kenne auch viele Blogger*innen, die nach Leipzig kommen, und das Erste, was sie machen, ist zu rotorbooks zu gehen. Es ist wahrscheinlich in irgendeiner Szene auf jeden Fall voll das Ding. Genau: Kolonnadenstraße, so heißt die Straße. Und es ist vom Hauptbahnhof eine gute Viertelstunde zu Fuß, also kann man einen schönen Spaziergang hinmachen. Und wenn man eher in Südosten unterwegs ist, so in Connewitz, das ist auch ein Ableger, glaube ich, von der Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Und die sind auch richtig gut sortiert und auch voll politisch. Alles, was man, wenn man auch gerne Sachbücher liest — dann ist man da auf jeden Fall an einer richtigen Adresse. Die haben auch einen Sitz in Leipzig in irgendeiner Passage, auch relativ dicht am Hauptbahnhof. Es gibt sehr viele unabhängige Buchhandlungen, und das finde ich richtig gut, dass man nicht immer nur zu den großen ausweichen muss, sondern je nachdem, was man gerne liest, auch die Möglichkeit hat, andere Stores zu unterstützen.

Helen
Voll, klingt richtig gut. Auch gerade mit dieser — rotorbooks, hast du gesagt?

Lale
Rotor, also rotorbooks. Genau. Mit der Buchhandlung: Es steht ja bald auch der Indiebookday wieder an, dann kann man da sehr gut stöbern und ein bisschen schauen, was man so findet. Die machen auch coole Lesungen. Ich glaube, als Hengameh und Fatma Aydemir und die dritte Person — die fällt mir gerade nicht ein — das Delfi-Magazin gelauncht haben, hatten die, glaube ich, die erste Lesung bei rotorbooks. Und da hatte ich eine Karte für und war dann krank. Das habe ich mir bis heute nicht verziehen. Aber die machen halt auch echt coole Sachen. Und ich glaube, letztes Jahr bei der Buchmesse hatten die auch eine Lesung mit Eva Tepest und Hengameh, und das war auch randvoll ausverkauft, und schon mit „Oh bitte, Leute, reserviert nicht mehr, weil wir sind voll“. Also die machen echt coole Sachen.

Helen
Cool. Ich überlege gerade, wie wir das am besten nachher sammeln — vielleicht packe ich das alles in die Folgenbeschreibung.

Lale
Ich kann dir auch noch mal eine Liste schicken.

Helen
Ja, so gerne.

Lale
Kein Problem.

Helen
Bevor ich es mit den falschen Suchbegriffen suche.

Lale
Ja, mache ich gerne.

Helen
Ja, danke dir. Aber ich finde das richtig toll, gerade von jemandem, der schon länger einfach da ist und ein bisschen tiefer reinstöbern konnte. Ich liebe solche Tipps. Also danke auf jeden Fall.

Lale
Es gibt noch einen absoluten Geheimtipp.

Helen
Immer gerne.

Lale
Sie haben nur komische Öffnungszeiten, die stimmen auch immer nicht im Internet, da muss man ein bisschen Glück haben. Aber am Wochenende haben die eigentlich immer auf. Und zwar ist das auch auf der Karl-Heine-Straße, das ist, glaube ich, das Westwerk. Und da drin ist auch ein großer Konsum, da gibt es mehrere Geschäfte. Und da an der Seitenstraße ist das Buchlager. Das ist wirklich Umzugskiste auf Umzugskiste und Regal an Regal, so halbthematisch sortiert, und nur gebrauchte Bücher — alles, was Leute mal abgegeben haben, aber auch ein paar neuere Sachen, die dann aber trotzdem reduziert sind. Der Normalpreis ist so ein Euro das Buch.

Helen
Ich wollte gerade fragen, ob du auch manchmal gebrauchte Bücher irgendwo kaufst. So was sehe ich gefühlt oft woanders und finde solche Läden selber nicht unbedingt. Also klar, okay, in Bonn gibt es dann so einen Oxfam-Shop. Ich wohne in Bad Godesberg in Bonn, und da gibt es einen Gebrauchtwarenladen, die haben auch unten im Keller eine mega Buchauswahl. Aber ich finde, das muss man eben schon wissen, das findet man nicht so ohne Weiteres. Aber ich habe gerade gedacht, dass das eigentlich auch ein bisschen nach Leipzig passen würde.

Lale
Ja, das ginge auch richtig gut.

Helen
Da muss ich unbedingt mal checken, ob die offen haben, während ich da bin.

Lale
Ja, auf jeden Fall. Also ich glaube, samstags haben sie eigentlich immer auf. Und ich war noch neulich, als ich mal da war — da kam eine Frau raus und hatte den ganzen Schuber von der Twilight-Reihe, auch so Hardcover und so, also wirklich so jeder Teenie-Traum. Und die war so schockiert, als die Verkäuferin meinte: Ja, vier Euro. Für vier Bücher. Und die konnte es gar nicht glauben, und ich dachte, das ist so cool. Vor allem, wenn man bestimmte Bücher sucht, die schon ein bisschen älter sind — man findet die da eigentlich immer. Man braucht zwar auch ein bisschen Geduld, aber vor allem Leute, die gerne Thriller lesen: Da bin ich mittlerweile raus, aber da ist so viel, und auch teilweise sechsmal das gleiche Buch, weil alle das damals gelesen haben. Oder auch Historisches und sogar ein paar englische Bücher. Also die sind wirklich hammer.

Helen
Das finde ich echt gut. Ich bin ja auch so Fan von Bücherschränken. Und ich finde immer, das ist halt nichts, wenn du einen ganz bestimmten Titel suchst — da kann man trotzdem mal Glück haben. Aber ich liebe es, wenn man sich einfach darauf einlässt und guckt, was man so findet. Ich finde immer richtig gute Sachen in Bücherschränken. Und kriege dann immer die Frage — bei uns stehen nur so blöde. Kann natürlich auch sein. Aber ich glaube, es liegt eher daran, dass ich gar nichts erwarte und einfach ein bisschen stöbere.

Lale
Ich liebe so was, voll gut. Ich merke aber auch, dass, seit ich bei Instagram bin und einen Buchaccount habe, mir manchmal fast fehlt — dass es mir richtig schwerfällt, selber Bücher zu kaufen, die keiner kennt, mal so vorab gesagt. Weil ich gefühlt jedes Buch schon mal bei Instagram gesehen habe oder bei Leuten, denen ich gerne folge, denen ich blind vertraue. Und gehe quasi in die Buchhandlung und denke: Ah ja, das soll gut sein, und das soll gut sein, ach, und das hatte die Person vorgestellt — na ja, dann nehme ich eins von denen. Und diese Läden oder so was wie Bücherschränke oder das Buchlager, die sorgen irgendwie ein bisschen dafür, dass ich mich mal anderweitig umschaue. Oder dass man so denkt: Ah, davon hatte meine Mama mal erzählt, das fand sie vielleicht mal ganz nett, oder das hat irgendwer mal erwähnt. Dadurch, dass es halt nicht nur Neuerscheinungen gibt, kommt man mal ein bisschen aus seiner Wabe raus und stöbert.

Helen
Ja, ich finde es gerade voll spannend, dass du das sagst. Weil ich glaube, ich habe tatsächlich oft eher, wenn ich es bei Instagram gesehen habe — vor allem, wenn ich es häufig gesehen habe — dann, ich weiß auch nicht, woran das liegt, aber da bin ich ganz schnell nicht mehr so heiß drauf.

Lale
Ich kenne das auch. Aber natürlich hilft so eine gewisse Vertrautheit, dass man vielleicht eher zu dem einen als zu dem anderen Buch greift.

Helen
Aber ich habe gerade überlegt: Bücher, die ich irgendwo mitnehme, die ich nicht kannte — ich schätze, für den ersten Eindruck ist es dann wahrscheinlich das Cover oder der Titel, um es überhaupt in die Hand zu nehmen. Und dann, wenn ich beim Klappentext denke, das hört sich gut an. Ich liebe es immer, wenn es irgendwie um Frauen geht und am besten noch, wenn es eine wahre Geschichte ist. Und dann ist mir auch echt egal, ob das noch niemand sonst gelesen hat, den ich kenne. Aber ich glaube, ich habe auch noch nie bewusst darauf geachtet. Ich habe überlegt: Wonach schaue ich eigentlich? Keine Ahnung, ich kann es gar nicht sagen. Ich glaube, ich lasse mich echt immer noch vom Cover leiten, ob mir das Cover gefällt.

Lale
Das kenne ich auch. Ich merke, dass ich bei deutschen Büchern schon eher so bin: Oh ja, das und das und das habe ich gesehen. Aber bei englischen habe ich das gar nicht, weil ich nur wenigen Leuten folge, die viele englische Bücher lesen. Dadurch gucke ich da dann immer wirklich nach: Okay, Klappentext, Cover sieht auch ganz süß aus, kostet nicht unendlich viel Geld für ein schlecht gebundenes Buch. Bei den Englischen kaufe ich auch so blind, sage ich mal. Aber bei den deutschen fällt es mir wirklich schwer mittlerweile.

Helen
Ist ja irgendwie auch spannend, ne?

Lale
Ich finde es auch lustig: Oh mein Gott, Instagram beeinflusst unser Konsumverhalten.

Helen
Ja, völlig. Da muss ich mal drauf achten, aber ich glaube wirklich, ich bin eine ganz furchtbare Cover-Guckerin. Und ich könnte jetzt gerade auch gar nicht sagen, was mich anspricht. Ich glaube, so knallige Farben mag ich, und vielleicht Blumen. Es gibt ganz schlimme Cover mit Blumen — aber also so schöne Blumen.

Lale
Ich glaube, ich bin auch eher so: Ich weiß, was ich gar nicht in die Hand nehmen würde. Was vielleicht auch bedeutet: Es ist das Cover, und der Rest ist egal.

Helen
Ja, vielleicht ist es auch das. Ich finde es interessant. Eine interessante Studie, die man mal machen müsste. Wir hatten uns in einer Podcast-Folge schon mal darüber unterhalten, wie Cover von Büchern aufgebaut sind. Da hatte ich mir auch schon gesagt, wir müssten eigentlich noch mal viel mehr darauf achten, wenn wir in Buchhandlungen gehen. Aber das vergesse ich dann natürlich doch wieder. Jetzt denke ich wieder, ich muss mehr darauf achten, wonach ich gehe. Das ist viel auch einfach intuitiv — aber mal ein bisschen mehr darauf achten: Was spricht mich spontan an, und wo denke ich direkt: Nee, das ist nichts für mich.

Lale
Ja, voll. Ich finde das irgendwie faszinierend, was da auch Werbung wahrscheinlich mit uns macht. Weil, so wie du das gerade sagst, bei bestimmten Covern — das ist so eine bestimmte Art, die sieht man dann auch an vielen Büchern, und da weiß ich einfach, also ich kann es natürlich nicht wissen, aber ich denke: Das wird mir auf keinen Fall gefallen, das ist nichts für mich. Und dann frage ich mich: Das könnte ja total klasse für mich sein. Also, woher will ich das jetzt wissen? Aber dafür finde ich dann manchmal auch den Buchclub einfach gut, weil da oft Bücher ausgewählt werden, bei denen ich denke: Ach nee, das hätte ich jetzt nicht unbedingt genommen. Da werde ich dann zum Glück auch immer wieder eines Besseren belehrt und merke: Mag ich doch.

Helen
Ja, nicht zu schnell urteilen. Da muss ich auch noch ein bisschen an mir arbeiten.

Lale
Na ja, aber auf der anderen Seite ist es ja auch super, wenn man weiß, was einem gefällt.

Helen
Das stimmt auf jeden Fall.

Helen
Was ist denn so das letzte Buch, das dich so begeistert hat, wo du dachtest: Oh mein Gott, das möchte ich jedem in die Hand drücken? Hattest du das in letzter Zeit?

Lale
Ja, und zwar habe ich gerade „Yellowface“ gelesen.

Helen
Oh, ich habe das gestern in der Buchhandlung mit einem richtig schönen Buchschnitt gesehen und dachte: Oh, das habe ich bei Instagram gesehen.

Lale
Genau, und das kommt, glaube ich, erst am Mittwoch — am 29. kommt es auf Deutsch raus, aber auf Englisch gibt es das schon. Und ich habe das schon im Oktober, also nach der Frankfurter Buchmesse, vom Verlag als unkorrigiertes Vorabexemplar bekommen, weil ich so war: Ich muss dieses Buch lesen. Ich fand „Babel“ von der Autorin so gut und hatte schon englische Reviews gesehen. Und dann, weil ich dazu jetzt auch noch eine Sendung mache mit dem lokalen Radiosender in Rostock, wo ich ab und zu mal mit dabei bin —

Helen
Das ist ja cool.

Lale
— habe ich das jetzt ein bisschen schneller gelesen, damit wir das gleich vorstellen können. Und ich war so: Okay, ich lese mal rein. Und es war wirklich drei Stunden komplett durch. Ich konnte es nicht weglegen, ich war nicht auf Toilette, ich habe nichts getrunken, ich habe nichts gegessen, und musste dann irgendwann ins Bett und habe morgens aufgewacht und direkt zu Ende gelesen, weil es so krass war. Ich kann jetzt wahrscheinlich darüber reden, weil das ja erst später ausgestrahlt wird.

Helen
Ja genau, kommt nach dem Veröffentlichen.

Lale
Da geht es um zwei Autorinnen: Die eine ist total erfolgreich und die andere nicht. Die sind mehr oder weniger befreundet, und sie verbringen einen Abend zusammen. Die erfolgreiche Autorin verschluckt sich am Essen und stirbt — also das passiert in den ersten paar Seiten. Und die weniger erfolgreiche nimmt sich das fertige Manuskript von ihrem nächsten Buch mit und veröffentlicht das unter ihrem Namen. Und das ist so die Handlung. Und darum geht es dann: Fällt das auf? Wer darf eigentlich was für Geschichten erzählen — weil das dann wieder in diesem asiatisch gelesenen Kontext ist. Ich glaube, die Autorin ist Chinesin, ich bin mir nicht ganz sicher, ich hoffe, ich erzähle hier keinen Quatsch. Aber das baut sie halt auch wieder mit ein: Darf eigentlich eine weiße Person eine chinesische Geschichte erzählen? Und auch Kritik am Literaturbetrieb generell und am Verlagswesen. Das war so krass, wie man Gesellschaftskritik in so einem fast schon Thriller einbauen kann. Ich fand es richtig doll gut. Beim Ende haben mir vielleicht noch ein paar Sachen gefehlt, aber trotzdem war das für mich so: Okay, das ist jetzt schon wieder ein Jahreshighlight für mich.

Helen
Voll gut, das klingt richtig gut. Und da ist auch der Vorteil: Ich habe es nicht so häufig bei Instagram gesehen, dass ich dann denke, ich will es nicht mehr lesen. Aber vor allem, weil die Ausgabe auch so schön aussah, dachte ich, das würde mich reizen. Wahrscheinlich war es dann wirklich die englische Ausgabe, weil es war mir sogar an der Kasse noch aufgefallen — es war ein Hugendubel, glaube ich, genau. Und die hatten an der Kasse verschiedene Lesezeichen, die quasi Vorschauen auf bestimmte Bücher sind, was ich auch schon sehr schlau fand. Und eins davon war eben das Buch. Ich weiß gar nicht, heißt das auf Deutsch genauso?

Lale
Ja, das heißt auch „Yellowface“.

Helen
Und da stand dann irgendwie: erscheint am 29. Und ich wusste, das stand nicht heute. Und ich dachte: Hey, das habe ich doch eben gesehen. Aber wahrscheinlich war es dann wirklich die englische Ausgabe. Die werden das ja nicht schon vor Veröffentlichung in der Buchhandlung haben.

Lale
Manche haben es jetzt noch mal nachgedruckt. Ich habe auch gesehen, Eichborn hat jetzt auch Bloggerpakete dazu rausgeschickt. Und ich habe ja noch dieses wabbelige Vorabding, aber das reicht mir auch voll. Und das Hardcover, das die dazu gemacht haben, hat auch so einen Farbschnitt mit einer Tintenfeder.

Helen
Ja, so war das nämlich. Ach so, vielleicht haben die es doch schon in der Buchhandlung.

Lale
Ja, macht das. Weil das Coole bei dem Hardcover ist — ich fand es so cool gelöst, das hatte ich gestern erst gesehen: Die haben quasi das gelbe Cover als Schutzumschlag mit „Yellowface“. Und wenn du den Schutzumschlag aufmachst, hat der Buchdeckel den Titel von dem Buch, das die Figur veröffentlicht. Und dann ist der echte Autorinnenname durchgestrichen, und der Name der Protagonistin steht darunter. Es ist so clever, und ich denke: Hey Leute, ihr denkt euch mittlerweile so coole Sachen aus, der Hammer.

Helen
Das ist richtig gut. Okay, ich schaue nachher mal.

Lale
Ja, schreib mal.

Helen
Weil mich das schon ein bisschen gereizt hatte. Ich versuche dann immer zu widerstehen. Ich habe stattdessen — oder vielmehr mein Freund — ein Bilderbuch für Kinder gekauft, für uns allerdings. Da habe ich mal ein Auge zugedrückt, weil ich denke, das ist was anderes. Aber ich habe eigentlich schon viel zu viele ungelesene Romane im Regal stehen. Aber vielleicht drücke ich doch noch mal ein Auge zu.

Lale
Ich habe gestern auch erst wieder wirklich ein Tausend-Seiten-Buch gekauft, wo ich mir denke: Wann? Na klar, habe ich die Zeit, absolut.

Helen
Und welches war das?

Lale
„Die Liebeslieder von W. E. B. Du Bois“ oder so. Das ist vor einem Jahr oder anderthalb Jahren rausgekommen. Ich lese sehr selten sehr dicke Bücher, aber wenn ich das mache, sind das am Ende immer meine Lieblingsbücher. Und die Bloggerin, die das vorgestellt hat, ist auch so jemand, der ich blind vertraue. Und sie meinte, das war wieder eines ihrer absoluten Highlights. Und die hat auch die anderen Dicken gelesen, die ich gerne mag. Und dann weiß ich: Okay, das wird, glaube ich, für mich wieder so eins. Man muss sich nur trauen, es endlich anzufangen, weil es so dick ist. Aber dann hat man es doch in drei Tagen durch, weil es so gut ist. Ich weiß gerade gar nicht, wer das geschrieben hat. Das ist auf jeden Fall auch so eine Geschichte in Amerika und auch historisch, und ich glaube auch aus einer Perspektive von einer schwarzen Frau und auch Own-Voice-Stil. Und das soll aber so einen besonderen Stil haben, deswegen bin ich mal gespannt, wann ich das lese. Aber ich habe auf jeden Fall voll Lust drauf gehabt, und es war jetzt gut als Taschenbuch.

Helen
Ich finde manchmal, wenn man es dann in der Buchhandlung so entdeckt, ist das wie ein Zeichen.

Lale
Ja, das dachte ich auch. Man kann sich das selber halt schönreden.

Helen
Na klar. Ich stehe ja immer ein bisschen auf Kriegsfuß mit dicken Büchern, ich weiß nicht. Ich habe auch schon öfter gemerkt: Es ist toll, wenn so eine Geschichte einfach Raum hat, wenn die sich entfalten kann. Ich glaube, ich brauche dieses Erfolgserlebnis häufiger, dann greife ich eher zu den Dünnen. Aber letzte Woche — ich meine, es ist nicht so ein Tausend-Seiten-Wälzer, aber es waren über 500 — das stand jetzt auch schon einige Jahre bei mir im Regal. Es hat mich auch sehr viel Überwindung gekostet. Aber wie du sagst: Es war mir so spannend, dass ich tagelang nicht mehr aufgehört habe zu lesen. Ich würde mich dann manchmal einfach öfter mal wagen. Aber ich finde es so schwer, wenn ich schon sehe, dass es so umfangreich ist, dann denke ich: Das schaffe ich niemals.

Lale
Ich habe auch noch zwei Bücher, die habe ich 2022, also jetzt schon fast zwei Jahre, na, anderthalb Jahre, im Regal stehen. Die habe ich zum Geburtstag bekommen. Ich glaube, es war von der, die „Ein wenig Leben“ geschrieben hat, das Neuere, und von Nino Haratischwili — das ist auch eine ganz tolle Autorin, die aber auch nur so dicke Bücher schreibt — auch das Neueste. Und ich habe mir, seit ich die habe, vorgenommen: Okay, jetzt habe ich frei, jetzt lese ich die. Und dann habe ich es natürlich wieder nicht gemacht. Und jetzt dachte ich: Gut, jetzt ziehe ich um, habe noch ein paar Wochen frei, und wenn ich eh allein zu Hause bin, dann wage ich mich an die dicken Bücher. Stattdessen habe ich sieben dünne gelesen. Also ich weiß voll, was du meinst. Aber man muss, glaube ich, einfach anfangen, und dann geht das auch. Aber es fällt mir selber auch total schwer, und dann denke ich: Nee, vielleicht ist es jetzt auch einfach gar nicht die Zeit für das Buch.

Helen
Ja, davon bin ich auch überzeugt. Ich habe es damals auch einfach so random aus dem Regal genommen und angefangen und war so: Oh mein Gott, das brauche ich jetzt.

Lale
Und vielleicht sagt mein Kopf mir jetzt schon: Nee, warte noch ab, bis du das endlich anfängst.

Helen
Ja, ich denke auch. Ich glaube sowieso, dass es immer den richtigen Zeitpunkt gibt. Und ich merke das manchmal auch: Dann fange ich was an und tue mich irgendwie schwer, ich komme nicht richtig rein. Ich finde es relativ leicht, so ein Buch wegzulegen — ich schaffe es nicht so leicht, generell zu sagen, ich nehme das jetzt gar nicht mehr in die Hand, aber ich lege es zumindest erst mal beiseite. Ich glaube, mein Freund denkt manchmal schon: Was ist mit ihr los? Weil dann bin ich im Arbeitszimmer vor dem Bücherregal und ziehe die ganze Zeit Bücher raus, lese kurz mal hinten rein und stelle sie wieder zurück. Und dann sagt er auch so: Du suchst hier gefühlt seit Stunden, du musst jetzt mal was anderes machen. Aber es kommt der Punkt, dann habe ich das richtige in der Hand und weiß auch: Das passt jetzt, darauf habe ich jetzt Lust. Und dann rausche ich da so durch. Ich glaube, es ist halt immer: Wenn ich versuche, mich zu irgendwas zu zwingen, dann ist das so zähflüssig.

Lale
Man braucht einfach die richtige Stimmung dafür.

Helen
Absolut. Wann liest du denn eigentlich — eher so abends, oder einfach immer, wenn du eine freie Minute hast?

Lale
Also aktuell lese ich eigentlich, wenn ich allein bin, den ganzen Tag, einfach weil ich noch nichts zu tun habe. Wenn ich denke: Okay, was mache ich jetzt? Na ja, dann lese ich jetzt einfach ein bisschen. In der Zeit, als ich mein Examen geschrieben habe, habe ich abends immer gelesen, wenn ich noch Lust hatte, irgendwas anderes zu lesen als Sachen für das Examen. Und sonst ist eigentlich mein Go-to-Lesespot immer im Zug. Jetzt würde ich nicht sagen, dass ich jede Woche total viel Zug fahre — aber wenn, dann lese ich auf jeden Fall im Zug, oder auf dem Weg zur Arbeit, oder nachmittags, wenn ich nach Hause komme, ein bisschen. Also nicht jede freie Minute. Ich kriege auch oft die Frage: Wie kann man so viel lesen? Und ich denke immer: Meine Bildschirmzeit ist trotzdem noch extrem hoch und mir auch ein bisschen unangenehm, aber ich schaffe es irgendwie trotzdem noch zu lesen. Ich glaube, weil ich wenig so Netflixabende mache. Ich glaube, dass ich stattdessen einfach lese, und dadurch passt das ganz gut. Aber ich bin jetzt auch gespannt, wie sich das verändert, wenn ich ins Ref gehe, weil alle sagen, es ist noch mal anstrengender und so viel zu tun. Also vielleicht lese ich jetzt den Rest des Jahres auch nur noch zwei Bücher, aber das wäre auch okay.

Helen
Ja, voll. Ich merke das auch. Ich habe mir seit Neuestem wieder einen Netflix-Account zugelegt, weil ich habe so eine Serien- und Filmliste. Mittlerweile ist es verrückt, dass ich mir dann eher vornehmen muss: jetzt mal einen Film oder eine Serie. Und gerne einen Film zu gucken — bei einer Serie finde ich es volles Commitment. Wenn ich sehe, das sind mehrere Staffeln, drei Staffeln, dann fange ich nicht an.

Lale
Ja, denke ich. Das ist wie so ein Tausend-Seiten-Buch: Wann soll ich das schaffen?

Helen
Aber ich habe jetzt einfach immer wieder mal einen Film geguckt, oder was ich im Moment ganz gerne mag, sind so Miniserien. Da kommt man dann auch relativ schnell durch. Aber ich merke dann schon: An den Abenden bin ich dann völlig gefesselt von irgendeinem Film oder irgendeiner Serie, da lese ich dann auch nicht. Also ich glaube wirklich, wenn man ein bisschen mehr lesen möchte, ist das wahrscheinlich der größte Gamechanger, dass man eben weniger Netflix guckt. Dann werden da wahrscheinlich relativ große Zeitfenster frei, die man mit einem Buch verbringen könnte. Oder wenn man einfach sagt: Keine Ahnung, man geht immer um zehn ins Bett, das ist so die Ins-Bett-geh-Zeit — dann gehe ich ab jetzt um neun ins Bett und mache vielleicht eine halbe Stunde ein bisschen Instagram, aber den Rest lese ich einfach.

Lale
Ich finde, die größte Überwindung ist einfach immer, sich das Buch in die Hand zu nehmen. Aber sobald man das aufmacht und eine Seite liest — und es jetzt keine extrem langweilige Biografie eines alten weißen Mannes ist, sondern ein Buch, das einen wirklich interessiert — dann merkt man ja von ganz allein, dass man das gerade gar nicht weglegen möchte. Und selbst wenn es nur zehn Minuten am Tag sind, irgendwie kommt man trotzdem dazu.

Helen
Ja, und dann hat man halt manchmal diese Bücher, da braucht einen niemand zu überreden, da kann man dann nicht mehr aufhören.

Lale
Voll, absolut. Man muss halt nur jede Person für sich finden.

Helen
Aber ich glaube, es geht schneller, als man selber denkt, diese eben zu finden. Einfach ein bisschen mehr aufs Bauchgefühl hören: Habe ich da jetzt Lust drauf? Und dann mal reinlesen — und eben auch bereit sein zu sagen: Nee, das ist jetzt doch gerade nicht. Vielleicht ist eine andere Zeit dafür besser.

Helen
Voll spannend. Ich finde das richtig schön. Ich freue mich jetzt irgendwie auch wieder voll auf Leipzig. Das ist ja nicht mehr so lange hin — ich glaube, von jetzt, wo wir sprechen, noch ein Monat.

Lale
Genau.

Helen
Und ich bin voll gespannt, weil das ist das erste Mal für mich mit der Leipziger Buchmesse. Wie sich das unterscheidet, bin ich gespannt. Aber ich freue mich vor allem einfach auf Leipzig, Leipzig zu erkunden.

Lale
Ja, da bin ich auch. Also ich finde es jetzt auch so schön, nach Leipzig zu kommen, aber nicht mehr dort zu wohnen — und trotzdem kenne ich mich aus. Ich bin jetzt auch gespannt, wie diesmal die Buchmesse für mich wird, wo ich nicht mehr fest dort lebe, aber trotzdem noch einschätzen kann: Okay, welche Straßenbahn wird am vollsten sein?

Helen
Voll gut. Oder sich halt schon ein bisschen auskennt, was man vielleicht anders machen möchte als das Jahr davor. Das ist irgendwie auch gut zu wissen — nicht mehr ganz blind da reinzulaufen. Also ich war abnormal nervös vor der Frankfurter Buchmesse. Ich konnte es mir selber auch gar nicht so richtig erklären. Ich glaube, ich hatte mich auch einfach so reingesteigert zu dem Zeitpunkt.

Lale
Ich auch.

Helen
Weil ich nicht wusste, was mich erwartet. Bei der Leipziger bin ich jetzt gar nicht so nervös. Ich glaube, es hilft, dass ich ein Gefühl für Leipzig schon habe — dass ich ungefähr weiß, was Leipzig für eine Stadt ist, und dass ich ungefähr weiß, was eine Buchmesse überhaupt ist. Aber es ist natürlich trotzdem immer ein bisschen — wenn man was Neues ausprobiert, ist es immer wieder aufregend.

Lale
Voll. Und ich finde auch gerade so beim letzten Jahr Buchmesse, meiner ersten als Bloggerin: Ich war so, oh, ich will alles erleben, ich freue mich, alle zu sehen, ich kenne die Leute alle nur vom Schreiben und jetzt endlich mal echt. Und oh, 13 Uhr ist die Lesung, 14 Uhr habe ich das Gespräch, 15 Uhr das Event, und abends ist noch Party und Essen gehen und keine Ahnung. Das war so zu viel. Ich habe den Tag über gar nicht gemerkt, wie fertig ich bin, und habe mich dann trotzdem abends noch zu irgendwelchen Essensbesuchen geschleppt und war jeden Tag irgendwie nicht vor null Uhr im Bett. Und am nächsten Tag gleich wieder auf die Messe. Und das war einfach, weil ich gar nicht wusste, was mich erwartet — und das Fomo hatte, irgendwo nicht dabei zu sein. Jetzt finde ich es fast ganz schön zu wissen: Ich bin zwar den absolut stressigsten Tag da, aber ich weiß schon, wo ich hin will und was ich nicht mehr sehen muss. Ich muss mir nicht mehr alles angucken, ich kann einfach nur dahin gehen, wo ich weiß, da hat es mir letztes Jahr gefallen, und das alles ein bisschen reduzieren und nicht so viele Verabredungen machen. Aber es wird trotzdem okay sein. Diese Euphorie ist ein bisschen weg, aber trotzdem ist die Vorfreude da, all die Leute dann auch mal wiederzusehen.

Helen
Ja, das ist halt irgendwie auch ein bisschen verrückt bei Instagram, dass man sich gefühlt kennt, sich aber im echten Leben noch gar nicht getroffen hat. Und wir hatten es jetzt häufiger mal bei diesen „Mädels, die lesen.“-Treffen, dass alle gesagt haben: Ich habe eigentlich das Gefühl, wir kennen uns schon, aber wir sind uns nie begegnet.

Lale
Ich habe auch eine Bloggerin, die kenne ich wirklich seit Tag eins, wir haben etwa zeitgleich angefangen. Ich weiß gar nicht, wie lange ihr Account da schon war, aber ich glaube, mit der hatte ich wirklich die ganze Zeit über den meisten Kontakt. Und sie geht immer nur in Frankfurt zur Messe und ich immer nur in Leipzig, dadurch haben wir uns nie getroffen, weil wir auch nicht dicht beieinander wohnen. Und sie ist dieses Jahr das erste Mal seit Langem wieder in Leipzig. Und es ist so: Oh mein Gott, ich treffe eine Person, die ich eigentlich nicht kenne, aber mit der ich seit fünf Jahren durch Stories, Beiträge, Nachrichten und Kommentare täglich in Kontakt bin. Das wird so verrückt, allein schon, wenn man sie sieht. Und bei mir ist ja immer so: Man sieht mich nicht so oft auf meinem Account. Ich hatte das letztes Jahr voll oft: Hey, du bist ja voll groß. Ja, Überraschung. Dinge, an die man gar nicht denkt, die einen dann aber total überraschen. Das sind schon wieder so Punkte, wo ich total aufgeregt bin, weil es dann doch wieder so viel Neues mit sich bringt.

Helen
Ja, kann ich voll verstehen. Oh, voll schön, ich freue mich jetzt schon. Erzähl mal, wo man dich so findet. Kann man zum Beispiel diese Radiosendung mit dir irgendwo anhören? Was ist das genau? Oder wo findet man dich sonst im Internet, wenn man Kontakt mit dir aufnehmen will?

Lale
Also meistens findet man mich, glaube ich, auch nur auf Instagram, weil so viele andere Sachen mache ich gar nicht. Und das mit dem Radiosender, das ist LOHRO 90.2. Kann man auch online hören, wenn man nicht den Senderempfang in Rostock hat. Es gibt in Rostock ein Literaturhaus, die auch Veranstaltungen machen — und einer, der dort arbeitet, hat eine eigene Literatursendung in dem Rostocker Sender. Die kommt immer sonntags um 18 Uhr und hat auch immer Gäste, die irgendwas mit Büchern zu tun haben, oder es werden Bücher vorgestellt oder von Lesungen auf der Messe berichtet. Und wir kennen uns noch aus Rostock, dadurch fragt er immer mal wieder: Ja, hast du gerade was gelesen, was du Lust hättest, in der Sendung vorzustellen? Es ist schon eher unregelmäßig, weil man ja auch Zeit finden muss, aber immer wenn ich in Rostock bin, nehmen wir eigentlich vor Ort irgendwas auf. Und da machen wir meistens so vielleicht 20-Minuten-Beiträge zu irgendwelchen neu erschienenen Büchern oder zu irgendwas, was einen in letzter Zeit bewegt hat, mit ein paar Side-Infos zu den Autor*innen oder den Orten, an denen das spielt. Und natürlich mit guter Musik, weil es ja Radio ist.

Helen
Ja, richtig.

Lale
Wenn man sie nicht live hört, kann man die, glaube ich, auch immer den Mittwoch danach nachhören, da werden die immer hochgeladen. Aber wer Genaueres wissen möchte, kann mir auch einfach schreiben. Oder LOHRO bei Instagram folgen.

Helen
Richtig gut. Cool. Das hat richtig viel Spaß gemacht. Vielen, vielen Dank für die Insider-Tipps aus Leipzig.

Lale
Super gerne. Ich freue mich schon, wenn wir uns dann an der Messe am Samstag vielleicht über den Weg laufen.

Helen
Oder vielleicht ist es einfacher, wenn wir gezielt was ausmachen.

Lale
Ja, das machen wir.

Helen
Genau, und jetzt würde ich sagen, laufen wir hier noch ein bisschen weiter, trinken unseren Kaffee aus und verabschieden uns an der Stelle.

Lale
Tschüss.

Helen
Tschüss.

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