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Hannas Schaukel-Ritual, Strickjacken-Gerda und Püttje: Judith Pinnow über »Die Prophezeiung der Giraffe«

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Podcast · Folge 46

Hannas Schaukel-Ritual, Strickjacken-Gerda und Püttje: Judith Pinnow über »Die Prophezeiung der Giraffe«

Der Livestream zum Buchclub-Monat Oktober 2021 – mit einer Tochter als Ideengeberin, einem Bauwagen im Garten, einer umgedrehten Q&A-Runde und der Frage, warum Hanna keine große Liebe braucht

3. Oktober 2023 · 52 Minuten · Ganze Folge hören ↓

Stand heute

Diese Folge ist die Audiofassung eines Livestreams vom Ende der Leserunde im Oktober 2021; als Podcast erschienen ist sie zwei Jahre später, am 3. Oktober 2023. Der Buchclub hat »Die Prophezeiung der Giraffe« als Monatsbuch 10/21 gelesen – die Leserunde lässt sich hier nachholen. Das nächste Buch, das Helen am Ende ankündigt, war »Blaue Frau« von Antje Rávik Strubel, der Buchpreisgewinner 2021 und Monatsbuch 11/21. Judith Pinnow hat seitdem zwei weitere Romane bei Ullstein veröffentlicht, »Fast bis zum Nordkap« (2022) und »Der Schacherzähler« (2023); auf ihrem Instagram-Profil nennt sie sich außerdem Moderatorin des „Kulturjournals“ bei NDR 1 Radio MV. Ob aus dem Verfilmungswunsch etwas geworden ist, wissen wir nicht. Achtung: Die Folge spoilert, auch das Ende.

Ein Buch, das Helen ohne den Buchclub bestimmt nicht gelesen hätte, sagt sie in der Anmoderation – das Cover hatte sie voreingenommen. Dann wurde es zu einem, an dem sie bis heute keine Schaukel vorbeigehen lässt: Hanna, die Grundschullehrerin aus »Die Prophezeiung der Giraffe«, setzt sich morgens auf die Schaukel, um zu schauen, was der Tag bringt, und aus den Kommentaren im Buchclub wurde der Wunsch, das nachzumachen. Im Livestream am Ende der Leserunde beantwortet Judith Pinnow die gesammelten Fragen der Mädels – und stellt zwischendurch selbst welche: Warum die Sex-Szene nicht allen gepasst hat, zum Beispiel, und ob man sich in einer Leserunde von den Meinungen der anderen freimachen kann. Es wird viel gelacht, es geht um Käsekuchen in Köln, um einen Fiat, der zum Fiesta wird, und um die Frage, wohin man sich wendet, wenn man eine Verfilmung will.

Judith Pinnow

Autorin, Schauspielerin und Moderatorin

Judith Pinnow, geboren 1973 in Tübingen, hat die Schauspielschule in Ulm besucht und am Lee Strasberg Theatre Institute in New York studiert. Als Schauspielerin war sie in Fernsehserien und Filmen zu sehen, bekannt wurde sie als Fernsehmoderatorin von Kinder- und Musiksendungen. Bei FISCHER Krüger erschienen ihre Romane »Läuft da was?«, »Versprich mir, dass es großartig wird«, »Die Phantasie der Schildkröte« und 2018 »Die Prophezeiung der Giraffe«; seit 2020 veröffentlicht sie bei Ullstein, 2023 erschien dort »Der Schacherzähler«. Zur Zeit des Livestreams war sie gerade aus der Gegend um Köln nach Schwerin gezogen – und schrieb nicht mehr im Bauwagen, sondern am Schreibtisch mit Blick in die Bäume.

Vier Bücher, zwei Runden, hundert Mädels

Zum Einstieg erklärt Helen, wie das Buch überhaupt in den Buchclub kam: Jeden Monat stehen vier Bücher zur Auswahl, die Vorschläge kommen von den Mädels, abgestimmt wird in zwei Runden – und diesmal hat »Die Prophezeiung der Giraffe« gewonnen. Am 1. Oktober hat sie abgefragt, wer mitliest: hundert Mädels. Einmal pro Woche wurde über die Abschnitte gesprochen und viel diskutiert, was besonders spannend ist, solange niemand weiß, wie es ausgeht und alle spekulieren. Am Samstag nach dem Livestream steht noch das Buchclub-Treffen an. Judith Pinnow hat das Buch neben sich liegen, falls sie etwas nachschauen muss.

Ein Bauwagen im Garten

Die erste Frage aus dem Buchclub – wie die Idee entstanden ist – findet Judith Pinnow normalerweise schwierig, weil es meistens keine schöne Antwort gibt. Hier gibt es eine: Ihre mittlere Tochter, ihre erste Leserin, der sie oft vorliest und die ehrlich sagt, wenn sie sich langweilt, hat sie inspiriert. Beim Blick aus dem Fenster auf den Bauwagen zwischen den Bäumen, in dem die Autorin damals schrieb, kam die Idee: Da zieht einfach jemand ein, und dann schaut man, was daraus wird. Helen hat in ihrer Ausgabe hinten gelesen, dass Judith Pinnow am liebsten im Bauwagen schreibt – aber dem Instagram-Feed entnommen, dass sie umgezogen ist. Stimmt: Sie lebt inzwischen in Schwerin, in einem neu gebauten Haus, mit großem Büro und Schreibtisch mit Blick in die Bäume; ein Bauwagen wäre dort eher ein Bootshaus. Wenn sie nicht weiterkommt, schreibt sie im Café.

Der Garten im Buch geht nur zum Teil auf den alten Garten in der Nähe von Köln zurück. Das Vorbild war ein früheres Haus, das die Familie „Hexenhäuschen“ nannte: überhaupt nicht isoliert, einfach verglaste Fenster, im Winter kalt – aber mit einem wildromantischen, riesigen Garten, den sie abgeschrieben hat. Helen, die das Buch am Wochenende beendet hatte, hätte nach der Gartenparty am Schluss am liebsten selbst eine gefeiert.

Ein Wohlfühlbuch mit Absicht

Dass der Buchclub das Buch als Wohlfühlbuch empfand, ist für Judith Pinnow das schönste Kompliment – weil es genau die Intention war. Es gibt tolle Bücher, durch deren Seiten man sich quält, nicht weil sie schlecht wären, sondern weil man mit den Figuren leidet. Sie wollte das Gegenteil:

Und ich wollte einfach ein Buch schreiben, in dem man die meiste Zeit sich auf den Seiten richtig wohl fühlt.Judith Pinnow

Dazu hat sie die übliche Dramaturgie umgedreht. Normalerweise fehlt der Hauptfigur am Anfang etwas, das sich am Ende auflöst. Hier ist es eine Frau, die mit ihrem Leben im Reinen ist, in sich rund, bei der alles okay ist – und die durch Ereignisse von außen gestört wird. Helen mochte genau das: Es sind die Menschen um Hanna herum, die ihr vermitteln wollen, dass nicht alles in Ordnung sei, während sie in sich ruht. Helen war vorher skeptisch, weil sie wenig Wohlfühlbücher liest und Kitsch fürchtete, hat Hanna dann aber sofort ins Herz geschlossen und ist gern durch ihren Alltag mitgegangen – das Schaukel-Ritual, der Regenbogen, Strickjacken-Gerda. Eine Zuschauerin schreibt, sie hätte Hanna gern als Freundin.

Ob es Vorbilder für die Figuren gab? Manchmal nimmt Judith Pinnow von einer Freundin nur eine Eigenschaft, etwa deren Sinnlichkeit bei allem, was sie tut; öfter sind es Menschen, die ihr nicht nahestehen, von denen ein paar Charakterzüge oder das Aussehen einfließen. Das Spannende sei, dass die Figuren sich beim Schreiben ein Stück weit selbst bauen und einen überraschen – ein Prozess, den Helen aus anderen Livestreams mit Autor*innen kennt und sich als Laie nicht vorstellen kann. Judith Pinnows Vergleich: das blöde Lied, das man sich unter der Dusche dichtet und bei dem einen die eigenen Sätze überraschen. Am meisten kränkt sie, wenn Leser*innen die Figuren platt oder eindimensional nennen – für sie sind sie rund und lebendig. Im Buchclub hatte das niemand kritisiert; Svenja fanden manche unsympathisch, aber Helen hält dagegen, sie habe Humor, sei zuverlässig und eine tolle Stütze. Unsympathisch sei ohnehin nicht schlimm, sagt die Autorin: Schlimm ist nur eine Figur, die nichts bewegt.

Die Sex-Szene – Q&A umgedreht

Was im Buchclub tatsächlich nicht so gut ankam, war die Sex-Szene mit Lars, und Helen sagt offen, dass sie ihr beim Lesen der Abschnitte nicht zu Hanna zu passen schien, gegen Ende dann schon eher. Judith Pinnow dreht die Runde um und fragt zurück – sie hatte dasselbe Feedback schon zu »Die Phantasie der Schildkröte« bekommen, wo es nur um eine vorsichtige Annäherung ging. Helens Antwort: zu explizit, überrumpelt, weil sie sonst viel liest, in dem um den heißen Brei geredet wird. Für die Autorin ist es Absicht: Sie liest so etwas gern und schreibt es gern, und sie fand es interessant, dass Hanna nicht die große Liebe passiert, sondern eine erotische Affäre, die sie genießt. Aus den Kommentaren kommt beides: Für manche passte es zu Hanna, kam nur überraschend; andere konnten nicht nachvollziehen, warum sie so auf Lars abfährt; eine Zuschauerin fand die Stelle schlicht anturnend, eine andere meinte, sie hätte eher zu Svenja gepasst – die Rollen seien kurz vertauscht gewesen. Das stimmt, sagt Judith Pinnow: ein Bruch, weil Svenja Hanna mit dem Thema sonst immer getriggert hat. Ein Blog-Account bittet: nicht weglassen. Und Helen findet, dass Hanna die Sache ohnehin ganz gut wegsteckt, ohne in Abhängigkeit zu geraten – eine ziemliche Power-Frau.

Verfilmung, Käsekuchen und Püttje

Eine Verfilmung wünscht sich fast jeder Autor, sagt Judith Pinnow, und bei diesem Buch besonders, weil es für sie eines ihrer bildstärksten ist – der Garten, die Szenen, alles sehr farbig. Geplant ist nichts; man müsste einen Produzenten finden, der fantasievolle Geschichten mag. Der Buchclub ist einstimmig dafür, und ein Blog-Account schlägt vor, Püttje zu fragen. Püttje hat ohnehin gute Chancen auf den Titel Lieblingsfigur, den Helen am Monatsende abfragt. Ihre eigene Frage: Gibt es das Café mit dem Käsekuchen wirklich? Jemand hatte das Café Schmitz in Köln vorgeschlagen. Reale Orte darf man eigentlich nicht nennen, sagt die Autorin, aber ja, das war das absolute Vorbild, und der Kuchen dort war „Hammer“ – Helen plant fürs lange Wochenende eine Fahrt nach Köln.

Ihre Lieblingsstellen: die, in denen Hanna schwimmt und sich vom nicht gerade flinken Menschen an Land in einen schnellen, sportlichen Pinguin verwandelt – und die Beschreibung ihrer dicken Haare, die die Autorin, selbst nicht damit gesegnet, beim Schreiben quasi mitfühlen konnte; sie hat dafür Menschen mit dicken Haaren interviewt. Und die Lehrerin? Judith Pinnow hat ein Semester Grundschulpädagogik studiert und wollte, nach »Der Club der toten Dichter«, selbst Lehrerin werden. Hanna ist eine Mischung aus dem, was befreundete Grundschullehrerinnen erzählen, und ihrer Wunschvorstellung – kein Anspruch auf ein reales Bild. Im Buchclub waren die Meinungen dazu gemischt.

Buchtipps – und die Frage der Autorin an den Buchclub

Autor*innen kann Judith Pinnow keine nennen, aber ein Buch, vor dem sie neidvoll stand: »Was man von hier aus sehen kann« von Mariana Leky, das mit dem Okapi – der Buchclub hat es 2020 gelesen, Helen brauchte damals etwas, um hineinzukommen, und hat dann gelacht und geweint. Das Buch mit dem Fuchs auf dem Cover, das die Autorin außerdem im Kopf hat, identifiziert Helen als »Sieh mich an« von Mareike Krügel – sie hatte es am Vortag in einer anderen Runde als Einzige verteidigt. Zum Schluss holt Judith Pinnow noch eins aus dem Regal: »Sieben Tage am Meer« von Ella Rosen, uneingeschränkt empfohlen, mit dem Hinweis, dass sie die Autorin sehr gut kenne und es sein könne, dass Ella Rosens Schreibstil ihrem sehr ähnele. Mehr sagt sie dazu nicht.

Dann fragt sie den Buchclub: Sie hat einmal erlebt, wie ein Buch von ihr in einer Leserunde zerrissen wurde, mit zwei, drei starken Stimmen, die gegen alle schossen, die es vorsichtig verteidigten. Kann man sich von den Meinungen der anderen freimachen? Helen glaubt, dass es Dynamiken gibt, eher bei den Treffen als in den Kommentaren, und dass ihre Runde sehr kritisch auf Details schaut – »Der Zopf« von Laetitia Colombani etwa, ein Bestseller, den Leute außerhalb der Runde toll finden, kam im Buchclub gar nicht gut weg. Sie selbst hält sich mit ihrer Meinung bewusst zurück, um nicht zu beeinflussen. Aus dem Chat kommt: Beeinflussen lässt man sich eher nicht, aber der Austausch zeigt Perspektiven und kritische Stellen, die einem nicht bewusst waren; und wenn einem ein Buch gefällt, kann es einem niemand schlechtreden. Judith Pinnow beschreibt, wie sehr Rezensionen an der „Autorenseele“ zehren, gerade in der Pandemie ohne Kontakt zu Leser*innen: Wer ein Buch in Grund und Boden zerreißt, hätte auch reinlesen, feststellen, dass es nichts für ihn ist, und weiterleben können.

Fiat, Fiesta und ein Ende ohne große Liebe

Unter dem dritten Abschnitt war jemandem aufgefallen, dass Uli am Ende erst mit einem Fiat losfährt und dann mit einem Fiesta weiterfährt – versteckte Botschaft oder Versehen? „Das spiegelt Ulis innere Zerrissenheit wider“, sagt Judith Pinnow, und dann: Nein, sie sei einfach kein Autofan und habe gehofft, das Lektorat richte es. Man einigt sich darauf, es als Absicht stehen zu lassen. Ernster die Frage nach dem Ende, das nicht das klassische Happy End ist – Helen war erleichtert. Die Autorin wusste von Anfang an, dass Hanna die große Liebe nicht finden wird, weil sie sie nicht braucht: Sie hat ihre Nichten, ihren Bruder, Freunde, sie ist nicht einsam. Die große Liebe sei ein Riesenglück, aber ein Leben sei auch ohne möglich – eine Botschaft, die sie befreiend fand. Auch die Magie, im Klappentext groß angekündigt, hat Helen als „realistische Magie“ im Alltag gemocht.

Besonders gut beschrieben findet Helen Hannas Trauer um ihre Mutter, die auch nach zehn Jahren nicht vorbei ist – und dass das Buch normalisiert, darüber weiter zu reden; das Zitat von Strickjacken-Gerda dazu hatte sie für den zweiten Abschnitt ausgewählt. Judith Pinnow freut das besonders, weil diese Passagen viel Fantasie waren: Sie selbst hat noch niemanden verloren, der ihr nahestand, und konnte nur beobachten. Zum Schreibprozess sagt sie, sie sei eine sehr disziplinierte Schreiberin – mit drei Kindern ist das Zeitfenster begrenzt, also wartet sie nicht auf Inspiration, sondern setzt sich hin. Ob ein Tag gut läuft, hängt vielleicht weniger von der Tagesform ab als von der Stelle im Buch: Auf den Höhepunkt fiebert sie genauso hin wie die Leser*innen, darf aber nicht damit anfangen.

Wie der Fiat zum Fiesta wurde, welchen Arbeitsauftrag der Buchclub für die Verfilmung übernimmt und was die Autorin über dicke Haare recherchiert hat – das hörst du in der ganzen Folge.

Die ganze Folge hören

Die Bücher aus der Folge

Das Monatsbuch, zwei weitere Leserunden, die im Gespräch vorkommen, und der Fuchs auf dem Cover. »Sieben Tage am Meer« von Ella Rosen ist bei unserem Partner derzeit nicht lieferbar.

Buchcover »Die Prophezeiung der Giraffe« von Judith Pinnow

Die Prophezeiung der Giraffe

Judith Pinnow · FISCHER Krüger · 416 Seiten

Das Monatsbuch 10/21: Hanna, die Schaukel, Svenja, Strickjacken-Gerda und Püttje – hundert Mädels haben mitgelesen.

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Leserunde nachholenMonatsbuch 10/21

Buchcover »Was man von hier aus sehen kann« von Mariana Leky

Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky · DuMont · 320 Seiten

Judith Pinnows Tipp – das Buch, vor dem sie „neidvoll“ stand. Der Buchclub hat es im Juni 2020 gelesen.

Bei Thalia ansehen*

Leserunde nachholenMonatsbuch 06/20

Buchcover »Der Zopf« von Laetitia Colombani

Der Zopf

Laetitia Colombani · übersetzt von Claudia Marquardt · Fischer Taschenbuch · 288 Seiten

Helens Beispiel für ein Buch, das außerhalb der Runde alle toll finden – und das im Buchclub nicht gut wegkam.

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Leserunde nachholenMonatsbuch 12/20

Buchcover »Sieh mich an« von Mareike Krügel

Sieh mich an

Mareike Krügel · Piper Taschenbuch · 256 Seiten

Das Buch mit dem Fuchs auf dem Cover – Judith Pinnow hat es gemocht, Helen hat es in einer anderen Runde verteidigt.

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Die mit Sternchen markierten Links sind Affiliate-Links: Kaufst du darüber, erhalten wir eine kleine Provision. Für dich ändert sich am Preis nichts.

Häufige Fragen

Worum geht es in »Die Prophezeiung der Giraffe« von Judith Pinnow?

Um die Grundschullehrerin Hanna, die mit ihrem Leben im Reinen ist – bis eine Reihe merkwürdiger Ereignisse beginnt: eine Unbekannte zieht in einen Wohnwagen in ihrem Garten, eine Giraffe frisst an ihrer Kugelrobinie, und ihre beste Freundin Svenja ist sicher, dass das etwas bedeuten muss. Judith Pinnow erzählt in der Folge, dass sie die übliche Romandramaturgie bewusst umgedreht hat: Statt einer Figur, der am Anfang etwas fehlt, steht eine Frau im Mittelpunkt, die in sich rund ist und deren Zustand von außen gestört wird. Der Roman ist 2018 bei FISCHER Krüger erschienen.

Wie ist die Idee zu dem Roman entstanden?

Durch Judith Pinnows mittlere Tochter, ihre erste Leserin, der sie oft vorliest. Beim gemeinsamen Blick aus dem Fenster auf den Bauwagen im Garten – in dem die Autorin damals schrieb – hatte das Kind die Idee, dass dort einfach jemand einzieht. Der Garten im Buch geht dagegen auf ein früheres, unisoliertes altes Haus mit wildromantischem Garten zurück, das die Familie „Hexenhäuschen“ nannte.

Was hat Judith Pinnow mit dem Buch beabsichtigt?

Ein Buch, bei dem es einem beim Lesen gut geht – die Autorin sagt in der Folge, „Wohlfühlbuch“ sei genau das Kompliment, das sie sich gewünscht habe. Sie wollte nicht, dass man sich durch die Seiten quält und mit den Figuren leidet, sondern dass man sich die meiste Zeit auf den Seiten wohlfühlt. Dazu gehört für sie auch das Ende: Hanna findet die große Liebe nicht, weil sie sie nicht braucht – sie hat ihre Nichten, ihren Bruder und Freunde.

Welche Bücher empfiehlt Judith Pinnow in der Folge?

»Was man von hier aus sehen kann« von Mariana Leky, das sie sprachlich so fasziniert hat, dass sie „neidvoll davor stand“ – der Buchclub hat es im Juni 2020 gelesen. »Sieh mich an« von Mareike Krügel, das Helen kurz zuvor in einer anderen Runde verteidigt hatte. Und »Sieben Tage am Meer« von Ella Rosen, mit dem Hinweis, dass sie die Autorin sehr gut kenne und es sein könne, dass deren Schreibstil ihrem sehr ähnele – mehr sagt sie dazu nicht.

Wer ist Judith Pinnow?

Geboren 1973 in Tübingen, Ausbildung an der Schauspielschule Ulm und am Lee Strasberg Theatre Institute in New York; als Schauspielerin in Fernsehserien und Filmen zu sehen, bekannt geworden als Moderatorin von Kinder- und Musiksendungen. Bei FISCHER Krüger erschienen »Läuft da was?«, »Versprich mir, dass es großartig wird«, »Die Phantasie der Schildkröte« und 2018 »Die Prophezeiung der Giraffe«; danach bei Ullstein »Rendezvous in zehn Jahren« (2020), »Dein Herz in tausend Worten« (2021), »Fast bis zum Nordkap« (2022) und »Der Schacherzähler« (2023). Zur Zeit des Livestreams war sie gerade von der Gegend um Köln nach Schwerin gezogen.

Die ganze Folge zum Nachlesen

Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme. Helens An- und Abmoderation des Podcasts und der eingesprochene Hinweis auf die Schmökerrunde stehen nicht hier. Kommentare aus dem Livestream, die Helen vorliest, sind ohne die Namen der Kommentierenden wiedergegeben.

Helen
Hey hey, das ist heute wieder eine Folge, in der wir einen Livestream für dich neu aufbereitet haben. Auch dieser Livestream liegt schon eine ganze Weile zurück. Es geht um die Prophezeiung der Giraffe von Judith Pinnow und dafür haben wir auch mit ihr selber gesprochen. Das war aber im Oktober 2021, also das ist wirklich schon eine Weile her. Ich habe dieses Buch aber in wirklich richtig guter Erinnerung, auch den Livestream. Also bei dem Livestream habe ich extrem viel gelacht, ich fand sie ultrawitzig. Aber bei dem Buch glaube ich geht es nicht nur mir so. Also ich hoffe auch bei dem Livestream. Aber ich glaube vor allen Dingen bei dem Buch, ich kann im Grunde an keiner Schaukel mehr vorbeigehen, ohne an dieses Buch zu denken. Ich bin immer auch so ein bisschen geneigt, mich auf die Schaukel zu setzen, das zu filmen und wieder in der Story zu teilen. Zu sagen, wisst ihr noch? Habt ihr auch dieses Ritual wie Hanna? Es war irgendwie ein richtig süßes Buch, vor allen Dingen ein Buch. Gut, das ist jetzt nicht so selten, aber hier würde ich ganz besonders sagen, ein Buch, das ich ohne den Buchclub bestimmt nicht gelesen hätte. Also, ich war relativ voreingenommen aufgrund des Covers. Ich habe nicht gedacht, dass das was für mich ist. Und ich hätte auch ehrlich gesagt nicht gedacht, dass wir so viel Diskussionspotenzial über diesen Buch sehen. Aber es hat einfach mega Spaß gemacht. Und ja, vielleicht hast du nach diesem Gespräch auch Lust auf das Buch. Dann kannst du die Leserunde nachholen. Geh dafür einfach über den Link in den Show Notes und ja, dann kannst du dich dafür eintragen und bekommst die ganze Übersicht zugeschickt, weil wie gesagt, du müsstest eine Weile zurückscrollen bei Mädels, die lesen. Ja, ich wünsche dir auf jeden Fall jetzt viel Spaß mit der Folge, aber wie immer der Hinweis, du könntest gespoilert werden, weil wir natürlich immer am Ende, also in der Regel am Ende der Leserunde über das Buch sprechen und dann auch wirklich übers komplette Buch. Das heißt also, wenn du nicht gespoilert werden möchtest und das Buch erst lesen möchtest, dann speichere dir die Folge und komm einfach hierhin wieder zurück. Falls du aber jetzt weiterhörst, wünsche dir ganz viel Spaß, weil es lohnt sich. Hallihu. Juhu. Ich hab gerade schon gesagt, wir sprechen heute über die Prophezeiung der Giraffe.

Judith Pinnow
Haben wir. Perfekt.

Helen
Ich finde, das leuchtet halt auch so schön, ne?

Judith Pinnow
Ich habe gedacht, ich lege es mir hier mal hin, falls ich was nachgucken muss.

Helen
Ich habe auch so überlegt, wie gut du dich dann [unverständlich] auch noch an die Fragen, also an die Antworten auf die Fragen erinnern kannst. Aber wir probieren es einfach mal. Ich weiß gar nicht, ob ich dir das so im Detail erklärt habe, aber wir haben das ja auf jeden Fall im Oktober im Buchclub gelesen. Es werden immer vier Bücher zur Auswahl gestellt. Die Vorschläge kommen auch aus dem Buchclub von den Mädels und dann stimmen wir in zwei Stunden, zwei Runden ab. Genau und dann hat das Buch gewonnen. Ich habe am 1. Oktober abgefragt, es haben 100 Mädels mitgelesen. Ich habe das ein bisschen wahrscheinlich auch gesehen. Es wurde einmal in der Woche über die Abschnitte gesprochen, viel diskutiert. Ja, ich fand es total spannend zu lesen, was alle so über die Abschnitte gedacht haben. Oder vor allem, wenn sie nicht wissen, wie das Buch endet, was sie spekulieren, was noch kommt oder was sie ja hoffen oder was hoffen, was nicht passiert. Das war total spannend. Ja, also man geht halt dann schon ja auch sehr ins Detail. Viel wird irgendwie nochmal rausgepickt und besprochen, was man sonst vielleicht auch eher überlesen hätte. Ich finde das eigentlich immer ganz lustig. Wir haben am Samstag dann auch nochmal unser Buchclub-Treffen. Da wird bestimmt auch nochmal einiges besprochen, auch bestimmt einiges, was du jetzt heute hier uns erzählst. Ja, aber auf jeden Fall vielen, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, hier unsere Fragen zu beantworten. Das ist doch immer schon nochmal was anderes, immer ein spannender Einblick. Deswegen vielen Dank. Ich finde es eigentlich immer ganz spannend und das wurde auch so in der Art gefragt zu Beginn. Also so wie ist das Buch oder die Idee zum Buch entstanden? Was hat dich dazu inspiriert?

Judith Pinnow
Die Frage finde ich normalerweise immer total schwierig, weil es meistens keine schöne Antwort gibt. Aber bei diesem Buch gibt es tatsächlich eine schöne Antwort. Zu der Idee hat mich mein Mittelkind inspiriert, die Lili. Und zwar habe ich so eine Geschichte gesucht und ich finde das immer das Allerschwerigste am Bücherschreiben, diese Grundgeschichte am Anfang zu finden. Damit oft schwer. Das ist dann so ein wochenlanger Prozess und Lili ist so meine Leserin, meine Erste, der ich ganz oft Dinge vorlese und die mir dann auch direkte Feedback gibt und sagt, nee, jetzt hab ich mich aber gelangweilt oder na, mach mal so oder nein, da muss immer die Kassen passieren. Und dann habe ich das so mit ihr besprochen und dann sagte sie, sie fände es total spannend, wenn es dich vorstellt, dass plötzlich im Garten jemand in einem Wohnwagen oder in einem Bauwagen lebt. Ich hatte nämlich in unserem alten Haus einen Bauwagen im Garten, in dem ich geschrieben habe. Wir haben da so raus durchs Fenster und guckten auf diesen Bauwagen, der zwischen den Bäumen stand und dann hatte sie diese Idee, da zieht einfach jemand ein und dann guckt mal, was draus wird. Das war eigentlich die Grundidee.

Helen
Ja, witzig. Also, hier in der Ausgabe steht das ja auch hinten, dass du am liebsten in deinem Bauwagen schreibst. Aber du bist umgezogen, habe ich deinem Instagram-Feed entnommen. Und da hast du jetzt keinen Bauwagen dann, oder?

Judith Pinnow
Nein, ich habe keinen Bauwagen. Ich bin jetzt im schönen Norden und bin hier sehr glücklich. Nach Schwerin gezogen und haben uns ein Haus gebaut. Ich hab jetzt hier einen, ich nütze ja auch gerade, relativ großen Büro, Schrägstrich, Gästzimmer und da gibt es einen schönen großen Schreibtisch und ich gucke in die Bäume. Deswegen habe ich momentan keinen Bauwagen und ich glaube auch, es wäre hier in Schwerin eher ein Bootshaus als ein Bauwagen.

Helen
Ja, aber dann ist jetzt quasi das Arbeitszimmer das, wo du am meisten schreibst oder gibt es da für einen festen Ort, vielleicht sogar Außerhaus?

Judith Pinnow
Also manchmal tut es gut, das Haus zu verlassen. Also wenn man so das Gefühl hat, oder wenn ich das Gefühl habe, ich komme gerade gar nicht weiter oder ich sehe nur noch immer nur noch meine Küche, dann muss ich mal raus und setze mich in ein Café und schreibe. Das funktioniert ziemlich gut. Gut. Wir haben nebenan noch eine Baustelle und [unverständlich]. Und deswegen schreibe ich momentan noch die meiste Zeit tatsächlich am Schreibtisch.

Helen
Okay, also ein bisschen habe ich dann irgendwie direkt Hannas Schreibtisch, also was sie sich am Ende noch so umbaut in dem Zimmer so vor Augen. Ich glaube der Garten generell oder auch so das Haus hat viele sehr begeistert. Die Frage war auch, ob es dafür eine Vorlage gab, also war vielleicht sogar der alte Garten in der Nähe von Köln war das doch dann auch oder war der vielleicht Inspiration für den Garten von Hanna?

Judith Pinnow
In Teilen, aber eigentlich kommt diese Gartenidee von dem Garten vom Hexenhäuschen, [unverständlich]. Also wir haben das Hexenhäuschen genannt, das war so ein altes Haus, überhaupt nicht isoliert, die Fenster waren nur einfach verglast und es war im Winter total kalt, aber es hatte einen ganz wildromantischen Riesengroßengarten und an den habe ich tatsächlich abgeschrieben.

Helen
Ja, richtig schön. Ich hatte jetzt glaube ich am Wochenende das Buch beendet und dachte so, oh jetzt eine Gartenparty. Jetzt ist natürlich das Wetter nicht mehr ganz so, aber die fand ich richtig schön am Ende. Hätte ich auch total Lust drauf. Ich finde das auch irgendwie so schön, dass da im Grunde nichts richtig nach Plan läuft, aber alles gut passt, also alles gut zusammenspielt. Ich glaube, wo wir uns alle darauf geeinigt haben, ist, dass es irgendwie so ein Wohlfühlbuch ist, dass man das einfach, also dass es einem einfach ein gutes Gefühl gibt, wenn man es liest. Aber jemand hatte gefragt, ob du vielleicht, also hattest du eine bestimmte Intention mit dem Buch, also was wolltest du etwas bewirken oder was wolltest du damit bewirken?

Judith Pinnow
Also ich habe mich über dieses Wohlfühlbuch unheimlich wohl gefühlt. Über das Kompliment dieses Wohlfühlbuch habe ich mich gefreut und ich habe mich auch sehr wohl gefühlt, weil es war tatsächlich meine Intention zu sagen, ich möchte ein Buch schreiben, bei dem es dir gut geht, wenn du es willst. Also es gibt ganz ganz tolle Bücher, da quältst du dich durch die Seiten, also nicht weil es schlecht geschrieben ist oder weil die Geschichte schlecht ist.

Helen
Du leidest, ja?

Judith Pinnow
Du leidest mit den Protagonisten. [unverständlich] Und ich wollte einfach ein Buch schreiben, in dem man die meiste Zeit sich auf den Seiten richtig wohl fühlt. Und man es gerne liest und einfach denkt, hallo, schön. Das war der Plan.

Helen
Würde ich sagen, dass dir das total gelungen ist. Ich war vorher skeptisch, weil ich, glaube ich, wenig Wohlfühlbücher lese. Und dann irgendwie Sorge hatte, dass es mir vielleicht irgendwie zu kitschig wäre, aber ich fand das, also ich habe Hanna sofort ins Herz geschlossen und ich fand klar auch das Haus und den Garten toll, aber ich mochte irgendwie, dass, also ich mochte sie einfach so. Ich habe irgendwie extrem gerne, ja sie begleitet durch ihren Alltag, fand ich richtig schön und würde ich sagen, ist dir sehr gut gelungen ein Wohlfühlbuch zu schreiben.

Judith Pinnow
Also ich war auch der Plan, dass ich, normalerweise ist es ja so, es gibt eine Protagonistin oder Protagonistin, noch mehrere, und der macht eine Entwicklung durch. Und am Anfang fehlt ihm irgendwas, am Anfang hat er irgendwas und dann am Ende des Buches löst sich das auf. Und ich habe gedacht, wie ist es, wenn man es mal anders rumgeht? Man erzählt die Geschichte von einer Frau, die total zu gut mit ihrem Leben ist, in sich rund ist, alles ist bei ihr okay und die wird durch bestimmte Ereignisse sozusagen in diesem [unverständlich] Zustand gestört. Und das fand ich spannend zu gucken. Wie ist dann die Entwicklung sozusagen anders?

Helen
Ja, finde ich total spannend, weil das sind ja wirklich eher die Personen um sie herum, die ihr irgendwie vermitteln wollen. Es wäre vielleicht nicht alles in Ordnung. Und ich mochte total, dass das Hanna so in sich ruht. Hier hat es ja gerade auch jemand geschrieben, das Schaukelritual. Also da habe ich direkt gedacht, ich wünsche, ich hatte hier irgendwo direkt Schaukel in der Nähe und könnte das so einführen. Richtig klasse. Also das kannte ich halt auch so noch nicht. Man liest ja schon häufiger vielleicht, dass jemand eine Strategie hat, um Gedanken zu sortieren, aber sich morgens auf die Schaukel zu setzen, um erstmal irgendwie zu schauen, was erwartet mich heute, mochte ich total gerne und ja eben so Momente wie dann der Regenbogen oder ich mochte auch Strickjacken-Gerda sehr gerne und hier hatte jemand geschrieben Hanna als Freundin hätte sie gerne und da würde ich auf jeden Fall zustimmen. Ich fand ich fand das irgendwie also man man wollte auch immer so ein bisschen eintauchen in das richtig schön. Für die Figuren war die Frage, ob es dafür Vorbilder gab, aber das ist wahrscheinlich immer so eine Frage. Ich weiß nicht, ob die unbeliebt ist, aber wahrscheinlich kommt die nicht so selten. Ob es Menschen in deinem Leben gibt, die irgendwie vielleicht Vorlage für Figuren im im Buch waren.

Judith Pinnow
Ich finde das eine ganz kluge Frage eigentlich, weil man fragt sich ja, also wie kommt diese Figur zustande oder was ist die Substanz einer Figur? Das kann unheimlich unterschiedlich sein, also manchmal ist es nur, ich habe von einer Freundin mal sozusagen ihre Sinnlichkeit genommen, sie hat sowas ganz Sinnliches, egal was sie tut. Also wenn sie ein Apfel isst, dann will sie hier zugucken. Und wenn sie hinkriegt, dann hängst du so an ihren Lippen. Die hat so eine ganz feine, schöne Art in allem. Das habe ich tatsächlich auch mal für eine Figur benutzt. Weil, diesen Buch jetzt, ich gar nicht. Also lustigerweise sind es oft Leute, die mir nicht so nahe sind, die dann in Figuren abgebildet werden, was weiß ich, mit irgendeinem älteren Typen, der mal unter uns geboten hat oder so. Dann nimmst du ein paar Charaktereigenschaften oder Aussehme raus. Aber was spannend ist, die Figuren bauen sich ein Stück weit selber beim Schreiben. Also du fängst irgendwie an und dann überraschen sie dich manchmal. Und dann denkst du an, das ist ja spannend, das wusste ich ja gar nicht, dass sie das und das mag oder dass sie da und da mit Problemen hat dann werden sie immer dichter und das ist ein sehr schöner Prozess. Also ich muss sagen, dass es mich auch am meisten kränkt, wenn Menschen, wenn Leser sagen, sie sind mit den Figuren nicht warm geworden, oder sie sind platt oder eindimensional, dann denke ich mir, wo finde ich die? Ich mag die eigentlich, für mich sind die rund und lebendig.

Helen
Ja, ich weiß gar nicht, wahrscheinlich liest du sonst so Rezensionen, weil jetzt warst du ja immer sehr nah dran an allem, was wir beschrieben haben. Das war wahrscheinlich sonst auch nicht so intensiv dann. Aber ich glaube, es hatte niemand die Charaktere kritisiert. Es gab eher so Sachen wie die Sex-Szenen, die kamen irgendwie nicht so gut an. Da muss ich auch sagen, für mich hat das auch nicht so ganz reingepasst. Also gegen Ende dann irgendwie schon wieder mehr. Das ist das, wenn man zwischendurch die Abschnitte bespricht. Dann ist man ja noch so mitten im Buch und ich finde, zum Ende hin hat hat es schon Sinn ergeben. Aber ich glaube, die Charaktere. Eher so, dass man sagt, ich glaube, Svenja wurde als irgendwie zu, Ich weiß gar nicht mehr. Nicht oberflächlich, aber ich glaube, irgendwie unsympathisch beschrieben, aber sie hatte ja schon, also sie hatte zum Beispiel Humor, sie war super zuverlässig, sie war eine tolle Stütze, deswegen, also eindimensional würde ich auf keinen Fall sagen.

Judith Pinnow
Aber ich finde auch, wenn eine Figur unsympathisch ist, ist das gar nicht schlimm.

Helen
Ja.

Judith Pinnow
Also für mich als Autorin nicht, weil dann bewegt sie ja irgendwas im Leser. Am schlimmsten ist, wenn eine Figur nicht bewegt, wenn sie gar nichts anstößt, dann ist sie eindimensional. Aber das mit den Sex-Szenen muss ich dich fragen und muss ich tatsächlich auch mal alle fragen, die zugucken. Also traut euch ruhig, was zu schreiben. Das Feedback habe ich nämlich schon schon mal bei einem gekommen, und zwar bei »Die Phantasie der Schildkröte«. Da, weil man da eigentlich kaum von Sex-Themen sprechen kann, aber es ist so eine ganz vorsichtige Annäherung der Hauptdarstellerin. Aber um einfach nachzudenken, warum passt es für euch nicht mit Hanna und dem Sex? Erklärt es mal.

Helen
Ja, gute Frage. Jetzt wird das hier so das Q&A umgedreht. Also ich hatte irgendwie das Gefühl, dass das nicht so sehr zu ihr passte. Ich weiß gar nicht, ob ich dabei bleiben würde, aber so das war glaube ich mein erstes Gefühl und ich glaube es war mir einfach zu explizit. Ich habe das Gefühl, ich lese sonst viel, wo irgendwie einfach um den heißen Brei herum geredet wird oder wo das eher so eine Nebenrolle spielt und ich glaube es hat mich einfach überrumpelt. Ich überlege gerade ob ich…

Judith Pinnow
Das ist eine gute Erklärung, weil das war auch ein Plan von mir. Also ich als Leserin, für mich ist es oft [unverständlich]. Ja, aber halt! Ich brauche ein Buch dahin, ich brauche irgendwas. Also da vielleicht schließe ich zu sehr von mir auf andere. Ich möchte jetzt nicht alles wissen, aber ein bisschen möchte ich es schon erzählen. Also ich finde das schön. Ich lese das gern und ich schreibe das auch gern.

Helen
Ja, aber das finde ich ist ja auch die Hauptsache. Hier sind jetzt schon Reaktionen auf deine Frage gekommen.

Judith Pinnow
Ja, sehr gut.

Helen
Ich versuch das hier mal vorzulesen. Eine Zuschauerin sagt, für mich passte es tatsächlich zu ihr. Es kam nur überraschend und plötzlich. Eine andere schreibt, man konnte nicht so gut nachvollziehen, warum sie so extrem auf Lars abfährt, dass sie sofort mit ihm schlafen will.

Judith Pinnow
Ja, verstehe ich.

Helen
Jemand schreibt, für mich hat es gepasst. War zwar überrascht, aber die Stelle hat mich angeturnt, muss ich sagen. Und noch jemand schreibt, vielleicht weil Svenja sie in dem Thema immer bedrängt hat. Es hat mehr zu Svenja gepasst. Ja gut, das stimmt irgendwie, finde ich auch. Also da waren so ein bisschen mal kurz die Rollen irgendwie auch vertauscht. Sonst war Svenja die, die so sehr explizit war und Hanna findet ja schon vieles auch, glaube ich, unangenehm oder peinlich, was Svenja dann vielleicht so sagt. Und in dem im Moment war Hanna so forsch.

Judith Pinnow
Das stimmt, das ist tatsächlich ein Bruch, weil Svenja sie damit ja auch immer so getriggert hat, so wann hattest du denn das letzte Mal Sex und so und sie war immer so, oh bitte können wir einfach über was anderes sprechen. Das war aber der Teil, den ich eigentlich total interessant fand, weil ich dachte, hey, alle kommen mit der großen Liebe und was ist, wenn ihr einfach jemanden passiert, mit dem sie eine erotische Affäre hat, das genießt sie. [unverständlich] Also bringt sie das vom Kurs ab oder weckt das eine Sehnsucht in Liebe? Ich weiß am Anfang nicht unbedingt, was alles passiert. Deswegen ist es auch immer ein bisschen ein Experiment, die Geschichte zu schreiben. Und da kann man natürlich auch viel Wege gehen, weil ich finde das schon spannend, wenn jetzt die Mehrheit sagt, [unverständlich].

Helen
Ich hätte es nicht gebraucht als Leserin, dann würde ich mir das vielleicht für das nächste Buch mitnehmen.

Judith Pinnow
Dann würde ich vielleicht speziell was machen.

Helen
Ja, es haben schon ja manche gesagt, dass der Bruch auch gut tut in dem Moment. Deswegen, ich weiß nicht. Also ich glaube, das ist auch nicht, wenn Figuren so Ecken und Kanten haben und einen auch überraschen und irgendwie etwas tun, womit man jetzt nicht gerechnet hat. Jemand schreibt, ich hatte den Eindruck, Hanna [unverständlich], damit meint sie vielleicht, die erotische Szene. Ach ja, ich fand sowieso, Hanna war eine ziemliche Power-Frau. Es hat sie ja nachher schon geknickt, zu erfahren, dass Lars irgendwie das mit vielen Frauen macht. Aber sie hat es irgendwie ja schon ganz gut weggesteckt. Sie ist auch nicht in so eine emotionale Abhängigkeit dadurch geraten. Ein Blog-Account sagt, bitte nicht weglassen. Ja, genau.

Judith Pinnow
Nee, da würde ich auch sagen, hör auf dein Bauchgefühl, dann wird das rund.

Helen
Ich finde das halt spannend. Wir haben ja hier schon ein paar Livestreams mit Autor*innen gehabt und das habe ich jetzt schon öfter mal gehört, dass so Charaktere sich im Schreibprozess entwickeln entwickeln und irgendwie man da so überrascht wird. Und das ist so was für mich als Laie. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, wie das funktioniert und finde es immer total spannend zu hören, dass man selbst als Autor oder Autorin von den eigenen Charakteren dann überrascht wird. Aber ja, also du bist nicht die Erste, die das sagt. Ich würde es irgendwie gerne auch selber mal erleben.

Judith Pinnow
Ich glaube, das kann man vergleichen mit, wenn man, also, kennt ihr doch bestimmt, oder bin ich die Einzige, wenn ich sage, du dichtest dir so ein blödes Lied? Also, du machst irgendwas, du bist in der Dusche und dann fängst du an zu singen und singst, keine Ahnung, jetzt hopp ich hier, was mache ich nur? Und dann überrascht du dich ja beim Singen manchmal auch selber mit Sätzen oder mit Dingen, die dir einfallen. So ein bisschen ist das in dem Schreibprozess, kann man das glaube ich vergleichen.

Helen
Ja irgendwie total spannend. Ich denke immer so, das müsste ich irgendwie mal ausprobieren, aber ich weiß gar nicht, wo ich anfangen würde. Aber es reizt mich auf jeden Fall, weil ich finde das ja Ja, total interessant, wie sich das, also wie das so ein Selbstläufer vielleicht auch wird. Richtig schön. Hier hatte noch jemand gefragt, ob vielleicht auch eine Verfilmung geplant ist, fände ich auch interessant, auch wie es dann umgesetzt würde. Weißt du da irgendwas?

Judith Pinnow
Also eine Verfilmung wünscht sich ja eigentlich jeder Autor oder zumindest die meisten, fände ich auch, eigentlich bei jedem hohen Traum, aber bei diesem habe ich auch tatsächlich gedacht, weil es ist eins der stärksten Bilderbücher, die ich jetzt mal geschrieben habe. Also dieser Garten, diese ganze Szene, das ist alles so, also in meiner Fantasie sehr farbig, sehr lebendig. Es ist überhaupt nicht geplant, also wüsste ich nicht, aber ich könnte es gerne jedem empfehlen.

Helen
Ja, ich wollte gerade fragen, [unverständlich]. Das würde ich sehr gerne sehen. Also wohin müssen wir uns wenden?

Judith Pinnow
Ich weiß es nicht, irgendein guter Produzent, der gerne fantasievolle Geschichten erfüllt.

Helen
Überhaupt kein Problem, das kriegen wir hin.

Judith Pinnow
Na dann.

Helen
Ich hatte das ja auch schon unter einem Post, ich glaube unter dem zweiten geschrieben, dass ich extrem gerne wissen würde, wo dieses Schmitz ist, wo man Käsekuchen holen kann. Und dann hatte jemand das Café Schmitz in Köln vorgeschlagen und ich hatte das Gefühl, du hast gesagt, dass das ein richtiger Tipp ist. Also gibt es das Käsekuchen-Café?

Judith Pinnow
Ja, das war sehr schlau kombiniert. Es war tatsächlich, also genau, wer das kennt, der findet das auch wieder, ist immer so ein Problem. Man darf eigentlich keine realen Orte, Cafés, Restaurants oder so nennen. Da kann man große Probleme bekommen, deswegen…

Helen
Okay, wir wissen es nicht.

Judith Pinnow
Aber es war absolutes Vorbild. Die haben oder hatten, ich weiß nicht, ob sie immer noch haben, aber die haben so ein gutes Kuchen. Hammer!

Helen
Okay, es erwartet uns ja jetzt ein langes Wochenende. Das ist eine super Gelegenheit, mal wieder nach Köln zu fahren und Käsekuchen zu essen.

Judith Pinnow
Absolut!

Helen
Ich finde das hier genial. Ein Blog-Account hat geschrieben, sag das mal Püttje mit der Verfilmung. Ich glaube, Püttje hat auch viele sehr begeistert und ich frage am Ende immer ab, wer der Lieblingscharakter wäre und ich glaube, dass Püttje gute Chancen auf den ersten Platz hat. Wir haben noch einige Kommentare, ich glaube alle zu der Verfilmung, alle sind dafür. Also wir machen eine Kombination aus Püttje fragen und irgendwie schauen, ob wir hier Kontakte haben. Ja guck, und hier mögen noch zwei Püttje. Ja, nee, das könnte ich mir richtig gut vorstellen. Der Post kommt dann Sonntag, ist der letzte Tag des Monats. Und ich könnte mir vorstellen, dass Püttje als Lieblingscharakter ausgewählt wird. Hattest du eine Lieblingsstelle im Buch, die du besonders schön fandst zu schreiben oder die du im Nachhinein besonders gerne magst?

Judith Pinnow
Boah, was eine schwere Frage. Ich habe eine Stelle, die irgendwie, also ich mochte die Stellen gerne, in denen Hanna schwimmt und sich praktisch in so einen Pinguin verwandelt. Also so war das immer in meiner Vorstellung, dass sie im echten Leben jetzt nicht die flinkeste, eleganteste ist, aber sobald sie im Wasser ist, das ist wie so ein kleiner Pinguin da unten eintaucht, dann wird sie eine ganz schnelle und tolle und sportliche Gestalt. Das hat mir total gefallen, diese Verwandlung, diese Vorstellung. Ach und was ich auch sehr mochte, die Beschreibung von ihren dicken Haaren, weil ihr seht, bin ich nicht unbedingt mit dicken Haaren gesegnet und beim Schreiben konnte ich dann immer ein paar Spannungen mit dicker Haare haben. Also so hat sich das angefühlt. Ich habe mir das in die Haare eingeführt und dachte so, ja so ist das, wenn du so eine Matte auf den Kopf passt und das so schwer ist und so und voluminös. Die Stellen mochte ich auch sehr.

Helen
Ja, das hatte auch jemand kommentiert, dass sie das sehr gut nachempfinden kann, also selber dicker Haare hat und das auch irgendwie, gerade im Sommer, als anstrengend empfindet.

Judith Pinnow
Ich habe Leute auch interviewt, die dicke Haare haben, weil ich kann es tatsächlich überhaupt nicht nachempfinden.

Helen
Ich auch nicht. Ich habe ja mal Recherche betrieben. Wie man das dann so macht. Ich muss mal gerade hier meine Notizen gucken. Ich bräuchte auch wahrscheinlich irgendwie so eine Interview-Ausbildung. Ich schaffe die Übergänge noch nicht so.

Judith Pinnow
Ich finde, du machst das sehr gut.

Helen
Danke schön. Es gab die Frage, woher du weißt oder ob das vielleicht, vielleicht war das auch Recherche, wie Lehrer so drauf sind, weil das ja doch auch, also auf jeden Fall ein Thema ist. Gab es ja viele Kommentare dazu, also da wurden Klischees bedient wie Lehrer arbeiten oder was Lehrer denken. Ich habe zwischendurch gedacht, ob du vielleicht auch als Lehrerin gearbeitet hast, aber das habe ich dann nicht gefunden, deswegen vielleicht war das Teil der Recherche.

Judith Pinnow
Also ich habe tatsächlich ein Semester Grundschulpädagogik studiert. Ich hatte mal vor, auch Grundschullehrerin zu werden. Und zwar aus einer großen Liebe zu Kindern heraus. Also so ganz naiv, »Der Club der toten Dichter« gesehen und gedacht, boah, wirst du Lehrerin. Ja, vielleicht ist es ganz gut, dass es nicht passiert ist. Ich weiß nicht, ob ich so eine gute Lehrerin geworden wäre, aber ich kenne ein paar sehr gute Grundschullehrerinnen. Und wenn die erzählen von ihrem Beruf und von den Kindern und dann so ein Leuchten in den Augen haben, also das macht mir immer so ein schönes Gefühl, weil ich denke, es gibt doch noch vereinzelt Lehrer wie Hanna, die man sich wünscht. Also es ist eine Mischung aus dem, was ich so von Freundinnen mitbekomme, aber ganz klar auch meine Wunschvorstellung, wie denn eine Grundschullehrerin sein sollte. Also ich hätte nicht den Anspruch, ein möglichst reales Bild abzubilden.

Helen
Ja, aber da waren die Meinungen, glaube ich, relativ gemischt. Es gab welche, die gesagt haben, ja, genau so ist es. Und genauso, aber auch welche, die gesagt haben, das stimmt alles gar nicht. Deswegen, das ist wahrscheinlich wie in jedem Beruf. Es gibt irgendwie solche und solche. Ach, hier wird aber jetzt geschrieben, du hast es sehr gut beschrieben. Also, passt das, denke ich. Ich habe gerade auf die Uhr geguckt und dachte, kann das sein, dass wir schon eine Stunde sprechen.

Judith Pinnow
Mir ist das überhaupt nicht so vorgekommen.

Helen
Total verrückt. Ich muss gerade noch schauen, dass ich nichts Wichtiges hier vergesse. Aber was ich immer ganz gerne mag und in der Art wurde es auch gefragt. Also hier wurde gefragt, welche Autorin du gerne liest und ob es Bücher gibt, die dich inspirieren. Aber ich frage eigentlich am Ende immer ganz gerne, ob du für uns als Buchclub Buchtipps hast. Also machen wir vielleicht so eine Kombination aus allen Fragen.

Judith Pinnow
Also ich hatte die Frage gelesen, [unverständlich]. Ich kann mir keine Autoren nennen. Ich bin ja ganz schlimm. Also es gibt ein Buch, das hat ja garantiert alle schon gelesen, das ist jetzt keine Buchempfehlung, aber das hat mich unglaublich fasziniert. Und ich musste tatsächlich auch sagen, Also ich stand so neidvoll davor und dachte, das kann ich nicht, das ist einfach total toll. Und dies ich weiß die Autoren schon nicht mehr, aber es heißt, »Was man von hier aus sehen kann«.

Helen
Oh, das haben wir tatsächlich hier gelesen, ja.

Judith Pinnow
Mit dem Okapi, heißt das so?

Helen
Ja, Okapi, glaube ich.

Judith Pinnow
Ja, das fand ich so faszinierend. Wie das geschrieben war und [unverständlich], das ist wunder, wunderschön.

Helen
Ja, das mochte ich auch extrem gerne. Das haben wir letztes Jahr, irgendwann Anfang des Jahres, gelesen. Da war ich auch sehr skeptisch und ich habe irgendwie auch echt ein bisschen gebraucht, um reinzukommen. Aber danach, ich habe dann gelacht und geweint. Wirklich, das war so eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Ich habe gerade gesehen, hier hat jemand geschrieben, es ist erst eine halbe Stunde, das ist so typisch. Weil ich normalerweise zur vollen Stunde anfange, dachte ich so, wie kann das sein, dass jetzt einfach eine Stunde rum ist, aber wir reden erst eine halbe Stunde, also alles gut. Sorry, sowas passiert mir sehr regelmäßig, deswegen ist es gut, wenn jemand drauf achtet. Aber »Was man von hier aus sehen kann« ist dann schon mal ein Buchtipp. Du hattest jetzt gerade gesagt, ein Buch mit einem Fuchs drauf und ich habe gerade bis gestern erst in einem anderen Buchclub darüber gesprochen, da dachte ich so, ob du das vielleicht meinst, »Sieh mich an« von Mareike Krügel.

Judith Pinnow
Ja, genau.

Helen
Das mach ich total gerne. Hat dir das gefallen?

Judith Pinnow
Ja, das hat mir total gut gefallen.

Helen
Ich bin froh, dass du das sagst, weil gestern in der Runde irgendwie war niemand so richtig überzeugt und ich war die Einzige, die es immer wieder verteidigt hat, aber das hat mir gerade auch so sprachlich irgendwie richtig gut gefallen. Also es hat, finde ich jetzt nicht so ein Wohlfühlbuch, aber auf jeden Fall schön. Und bei »Was man von hier aus sehen kann«, das würde ich wirklich sagen ist so ein Wohlfühlbuch. Man schließt auch da die Charaktere wirklich ins Herz, das schreibe ich mir beide mal auf.

Judith Pinnow
Was ich euch gerne mal fragen würde als Buchclub, ich hatte einmal, zum Glück bis jetzt erst ein einziges Mal, mal ein Erlebnis in einer Leserunde. Und ich kann jetzt nicht mal sagen, auf welcher Plattform das war, dass ein Buch von mir fürchterlich zerrissen wurde. Und ich hatte das Gefühl, das nimmt so eine Dynamik an. Also da waren dann so zwei, drei starke Schreiberinnen dabei und die gingen dann an und sagten, das ist ja unmöglich und schossen dann auch immer gegen alle, die so vorsichtig versucht habe zu sagen, ich fand es eigentlich ganz schön. Könnt ihr euch von den Meinungen der anderen frei machen? Also wenn du jetzt zum Beispiel sagst, das Buch fanden alle anderen nicht so toll, aber ich hab es so verteidigt, also wird man nicht auch beeinflusst von den Meinungen der anderen, wenn man gemeinsam liest?

Helen
Bestimmt. Und es gibt auf jeden Fall Bücher, die mir spontan einfallen würden, wo sich so eine Dynamik entwickelt hat. Also ich glaube weniger in den Kommentaren als so bei dem Buchclub-Treffen am Ende des Monats. Also ich habe am Anfang zum Beispiel auch gar nicht so meine eigene Meinung geteilt, weil ich immer Sorge hatte, dass ich damit andere beeinflusse. Aber ich glaube, ich glaube, das ist wenig. Also ich versuche es auch, ja ich weiß nicht, ich halte es jetzt nicht allgemein, aber ich versuche jetzt auch noch nicht zu sehr in eine Richtung zu gehen und ich glaube, das können auch alle, also können trotzdem noch ihre eigene Meinung drunter schreiben. [Helens eingesprochener Hinweis auf die Schmökerrunde – hier nicht im Wortlaut.] Also da gab es jetzt tatsächlich auch schon in der Zwischenzeit Kommentare zu. Mich beeinflusst das nicht, aber der Austausch ist mir wichtig, weil es macht Spaß. In der Auswahl der Bücherwahl ja bei der Bewertung eines Buches nicht. Auch spannend, das war mir auch noch nicht so bewusst. Aber sagen würde, also wir hatten schon zu treffen, weil man pickt ja wirklich Details häufig raus und da gab es Treffen, da hat sich das dann immer mehr in so eine Richtung gespitzt, dass wir am Ende noch mal so sagen mussten, ja aber eigentlich hat uns das Buch doch gefallen, jetzt haben wir lauter irgendwie negative Sachen aufgezählt, dann fühlt sich das in Summe irgendwie so negativ an. Aber ja, ich finde es irgendwie spannend, vielleicht frag ich das beim nächsten Mal ab, ob die anderen das Gefühl haben, das beeinflusst sehr. Ich versuche halt immer die Balance zu halten, aber wäre natürlich interessant, ob es auch gelingt. Aber also es ist auf jeden Fall vorgekommen, zum Beispiel das Buch »Der Zopf« von Laetitia Colombani ist ja auch, glaube ich, Spiegel-Bestseller, also irgendwie ein sehr bekanntes Buch, das haben wir letztes Jahr im Dezember gelesen. Und wenn man jemanden fragt, der nicht in der Leserunde war, höre ich ganz häufig, dass die das Buch ganz toll fanden und es kam irgendwie in dieser Leserunde überhaupt nicht gut weg und deswegen denke ich schon, dass sich vielleicht schon so Tendenzen entwickeln können. Aber vielleicht liegt es eben auch daran, dass man so kritisch guckt auf so ein Buch. Wir gucken uns ja echt viele Details auch an. Ich weiß es nicht.

Judith Pinnow
Vielleicht auch mal sozusagen interessant ist, weil du vorhin auch gefragt hast, ob ich denn Rezensionen lese. Ich kenne eigentlich nur Autoren, die sehr [unverständlich], also gerade in Zeiten von Corona, in denen man so wenig Kontakt zu lesen hat, ist es sehr wichtig, was ihr denkt. Und wir sind auch sehr, sehr geknickt, [unverständlich]. Bei so ein paar Rezensionen, zum Glück sind die total vereinzelt, aber weiß ich nicht, da denke ich manchmal vor, da würde ich gerne mal mit demjenigen besprechen, weil wenn man ein Buch so im Grund und Boden zerreißt, frage ich mich tatsächlich schon auch, wann hast du denn zu Ende gelesen? Lies doch rein, stell fest, das ist nichts für dich und mach mit deinem Leben weiter, so heißt das. Also, mal so, für die Autorenseele ist das manchmal nicht so einfach.

Helen
Das glaube ich sofort. Also ich glaube, ich könnte es nicht lesen. Also ich finde das auch hier gar nicht so leicht, also weil dadurch, dass man, also es ist ja kein riesiger Account, aber dadurch, dass Leute einen sehen, kriegt man ja auch ständig Meinungen irgendwie präsentiert, nachdem man richtig gefragt hat und manchmal bin ich da schon überfordert irgendwie. Also ich glaube, ich würde es wahrscheinlich gar nicht lesen wollen. Hier gibt es noch mehrere Meldungen zu, ob uns das beeinflusst. Also Eine Zuschauerin schreibt, ja, mir geht es auch so, beeinflussen lasse ich mich da eher nicht. Aber der Austausch, ja, der ist super. Zum Beispiel auch wenn vielleicht auch kritischere Stellen dabei sind, die einem gar nicht so bewusst waren. Also das würde ich auf jeden Fall auch sagen. Man hat nach ein paar Monaten hier wahrscheinlich einen sehr geschulten Blick und achtet auf viele Details. Und dann hier die Diskussion beeinflusst mich insofern, als ich eine andere Perspektive aufgezeigt bekomme und Szenen dann neu lese. Aber wenn mir ein Buch gefällt, kann man es mir nicht schlechtreden. Ja, ich würde vermuten, dass das für die meisten gilt. Was ich halt gemerkt habe, also selbst, und das geht wohl auch einigen anderen so, selbst wenn man das Buch vielleicht gar nicht so besonders fand oder so, es bleibt einem extrem gut in Erinnerung, dass man dadurch, dass man sich hier so ausgetauscht hat. Und also ich habe eigentlich alle Bücher, die wir hier gelesen haben, selbst also selbst auch so »Der Zopf«, was mich so irgendwie inhaltlich nicht so überzeugt hatte, alle so in guter Erinnerung, weil es halt wirklich tolle Treffen waren und also tolle Gespräche. Deswegen also es hat wahrscheinlich immer irgendwie auch Schattenseiten, aber ich glaube so in alles in allem ist das schon schön, sich mit anderen austauschen zu können. Weil, wann hat man das schon, dass plötzlich alle mit einem zusammenlesen?

Judith Pinnow
Das stimmt, das ist schön.

Helen
Es gab eine Frage, also es gab zwei Fragen im Grunde zum Ende. Einmal, das wurde schon unter dem dritten Abschnitt geteilt und ich dachte so, hey, das ist mir gar nicht aufgefallen, da sind über den Details. Aber wahrscheinlich, weil ich dann darauf hingewiesen wurde, hatte ich es dann direkt gesehen. Und ich wurde gebeten, dich zu fragen, ob das Absicht war. Und zwar fährt Uli am Ende erst irgendwie mit einem Fiat los und dann mit einem Fiesta weiter. Und ich glaube, da wurde vermutet, dass das vielleicht eine versteckte Botschaft ist oder so. Oder einfach vielleicht ein Versehen.

Judith Pinnow
Ich sage es einfach, ja, ja. Ja, ja, ja. Das spiegelt nämlich Ulis innere Zerrissenheit wider. Klar. Nein, das liegt einfach daran, dass ich überhaupt kein Autofan bin und keine Ahnung habe und hoffe, dass die Lektoren das richten. Aber das hat sie wohl nicht.

Helen
Okay, gut. Aber ich finde es irgendwie, wir können das ja einfach so stehen lassen, dass es beabsichtigt war und wir den tieferen Sinn darin selber lesen müssen.

Judith Pinnow
Unbedingt.

Helen
Aber noch zu dem Ende-Ende. Da wurde gefragt, warum du dich für dieses Ende entschieden hast, also für Hanna und Svenja und nicht genau andersherum. Ich muss an der Stelle sagen, ich war echt erleichtert, dass das nicht so das klassische Happy End war. Aber da sind dir ja bestimmt auch einige Sachen durch den Kopf gegangen, als du das Ende geschrieben hast.

Judith Pinnow
Also ich wusste tatsächlich schon am Anfang, dass Hanna die große Liebe nicht finden wird, weil sie sie gar nicht braucht. Und das fand ich so eine befreiende Botschaft tatsächlich auch mal, [unverständlich], dieses Ewige, die große Liebe – und die ist toll, das ist ein Riesenglück und schön, wenn man sie hat, aber es ist auch ein Leben ohne möglich. Und das fand ich irgendwie so wichtig, mal diesen Aspekt auch loszuwerden und Hanna auch so rund sein zu lassen. Weil, der geht es total gut da alleine in dem großen Haus. Die hat ihre Nichten, die hat den Bruder, die hat Freunde, die ist nicht einsam und sie braucht dazu gar keinen Mann an ihrer Seite.

Helen
Ja, das mochte ich auch wirklich sehr. Und auch, also da gab es auch geteilte Meinung zu der Magie im Buch, weil im Klappentext wird die ja so angekündigt, aber auch da war ich richtig froh, dass das so eine Magie im Alltag ist, die man ja vielleicht auch selber erleben kann, also so eine realistische Magie, möchte ich es mal nennen. Ich fand das irgendwie total schöne Aspekte im Buch. Ach, da fällt mir auch tatsächlich ein, was mir sehr gut getan hat zu lesen, war von Hannas Trauer und Verlust ihrer Mutter. Ich habe selbst auch meinen Vater, also noch früher auch als Hanna, verloren. Und ich konnte mich in ganz vielen ihrer Gedanken so wiederfinden. Ich fand das extrem schön beschrieben, muss ich sagen.

Judith Pinnow
Das ist aber schön, weil das tatsächlich auch viel Fantasie war. Ich habe mich da reingefühlt. Das ist mir zum Glück noch nie in meinem Leben so gegangen. Ich habe noch niemanden verloren, der mir so nahestand. Ich habe nur beobachten können. Wenn ich mir vorstelle, wie es wäre, oder wenn ich Freunde angucke, denen so etwas passiert ist, ist, dann sehe ich sowas oder stelle mir vor, dass du uns damit umgehst. Wenn du jetzt sagst, dass du dich da wiedergefunden hast, dann, oh toll, also schön.

Helen
Ja, ich hatte für den zweiten Abschnitt, glaube ich, war das auch das Zitat ja ausgewählt, weil ich das einfach so schön fand. Jetzt muss ich gerade selber überlegen, das sagt die Strickjacken Gerda. Ich glaube, zu dem Zeitpunkt weiß man dann eben auch schon, dass sie Gerda heißt, dass es jeden Tag wehtut, aber man sich an das Gefühl gewöhnt oder so. Vielleicht ein bisschen schöner gesagt. Aber das hat mir extrem gut gefallen und ich finde, das spiegelt das irgendwie gut wieder. Also, dass einen das immer so begleitet. Und auch, was ich halt häufig merke, man hat so selber das Gefühl, man sollte vielleicht nicht mehr darüber reden, Man sollte irgendwie drüber hinwegkommen und das geht Hanna ja auch nach zehn Jahren noch nicht so und das, ich finde es wird irgendwie so schön normalisiert. Also hat mir sehr gut gefallen.

Judith Pinnow
Schön.

Helen
Vielleicht habe ich sogar die Fragen abgehakt. Achso, doch eine Sache noch zum Schreibprozess. Vielleicht ist das auch was, was auch für andere Bücher gilt. Ob das sehr geradlinig läuft oder ob du da irgendwie vielleicht bestimmte Phasen hast beim Schreiben. Weißt du, wie ich das meine?

Judith Pinnow
Nein.

Helen
Die blaue Phase und die chaotische Phase. Nee, also hier wurde von einem Hin und Her geschrieben. Ich denke, ob man dann vielleicht Phasen hat, wo man irgendwie durchpowert und nächtelang schreibt. Und dann, also so stelle ich mir jetzt vor, weil ich die Frage ja nur weitergebe, aber dass man dann vielleicht eine Phase hat, wo einem nichts einfällt und das Buch dann, weiß ich nicht, ein Jahr ruht oder so, gibt’s bestimmt alles. Wie ist das bei dir so?

Judith Pinnow
Also ich bin so ein sehr disziplinierter Schreiber, kann ich glaube ich sagen. Dadurch, dass ich ja drei Kinder habe, ist das Zeitfenster relativ begrenzt. Also früher war es noch begrenzter, als ich kleiner war. Inzwischen ist es größer geworden, aber du hast halt nicht den ganzen Tag Zeit, auf die Inspiration zu warten, also setze ich mich einfach hin und schreibe. Das funktioniert auch immer. Also es gibt Tage, an denen läuft es besser und Tage, an denen läuft es schlechter, aber ich kann mir tatsächlich vornehmen, ich schreibe jetzt und dann kann ich das. Funktioniert nicht so wie Spülmaschine ausräumen, aber es geht tatsächlich. Also man kann sich da vielleicht daraufhin trainieren und ich weiß auch gar nicht, ob die Tage, an denen es mir leicht wird zu schreiben, wirklich was mit der Tagesform oder vielleicht mit der Stelle des Buches zu tun haben. Also weil man ja auch als Autorin so, ach du fieberst ja darauf hin, auf den Höhepunkt oder auf das, was passieren soll. Und da kannst du ja nicht mit anfangen. So, also ich muss da ja genau gewarten wie der Leser. Und da gibt es eben schönere Teile und Teile, wo ich denke, jetzt, komm doch mal dahin.

Helen
Ja, witzig. Also das kann ich mir irgendwie richtig gut vorstellen, dass man die ganze Zeit schon denkt, ich würde eigentlich die Stelle gerne schreiben, aber damit dann halt warten muss, habe ich irgendwie noch nicht so drüber nachgedacht, aber lustig, dass du das sagst. Kann ich sehr gut nachempfinden. Ja, aber also ich glaube tatsächlich, dass wir damit durch die Fragen durch sind. Die Buchtipps habe ich ja vorhin abgefragt, also außer du möchtest noch welche an der Stelle teilen. Ich habe mir »Was man von hier aus sehen kann« und »Sieh mich an«, glaube ich, notiert. Also von Mareike Krügel, das mit dem Fuchs auf dem Cover.

Judith Pinnow
Genau, ich kann euch tatsächlich noch ein bisschen, ich muss mal einmal kurz den Rahmen verlassen. Sekunde. So, jetzt. Dieses Buch, Sieben Tage am Meer von Ella Rosen, kann ich uneingeschränkt empfehlen. Das solltest du lesen. Ich muss allerdings dazu sagen, ich kenne die Autorin sehr gut. Also es könnte sein, dass Ella Rosen im Schreibstil mir sehr ähnelt. Mehr kann ich dazu nicht sagen, aber das ist ein gutes Buch.

Helen
Okay, ja cool. Das kenne ich überhaupt nicht. Ich finde es immer irgendwie spannend. Bücher wiederholen sich ja natürlich, weil viele sie gerne mögen. Das finde ich sehr, sehr, sehr schön, nach dem wir mal was Neues. Aber ich glaube damit sind wir wahrscheinlich jetzt am Ende angekommen. Wir haben auf jeden Fall einen Arbeitsauftrag, Püttje fragen und irgendwie das in die Wege leiten, dass die Prophezeiung der Giraffe verfilmt wird.

Judith Pinnow
Jawoll. [unverständlich] Ich finde das so schön.

Helen
Das ist wirklich ein super schön gemachtes Cover, also ich bin auch ganz verliebt. Sehr, sehr schön. Ja, vielen, vielen Dank, dass du dir die Zeit heute genommen hast und dich unseren Fragen gestellt hast. Ich finde es auch sehr spannend, dass du uns auch Fragen gestellt hast. Das kam unvorbereitet, aber ich glaube, wir haben geliefert.

Judith Pinnow
Absolut. Ja, herzlichen Dank, dass ihr mein Buch gelesen habt und dass ihr so liebevoll kommentiert habt. Ich hab’s sehr gerne gelesen, mich total gefreut und dass das Wohlfühlbuch gelungen ist, das ist sehr schön. Ja, ich würde mich freuen, wenn ihr auch noch mal ein anderes Buch von mir liest. Und ich werde immer mal reingucken, was ihr gerade so lest. Vielleicht inspiriert mich das dann ja auch.

Helen
Ja, super gerne. Du bist immer herzlich eingeladen. Wir lesen jetzt als nächstes den Buchpreisgewinner. Also, sofern alle irgendwie es geschafft haben, das Buch zu besorgen, weil das ist natürlich jetzt erstmal überall ausverkauft. Aber ich frage schon bald wieder nach neuen Buchtipps und da können gerne alle Bücher von Judith Pinnow vorgeschlagen werden. Und dann sehen wir uns ja vielleicht hier an der Stelle auch nochmal wieder. Ich würde mich auf jeden Fall freuen, weil es hat extrem viel Spaß gemacht. Danke, dass du uns ein bisschen so einen Einblick gegeben hast hinter die Kulissen der Giraffe. Schönen Abend noch.

Judith Pinnow
Ja dir auch. Ich danke dir. Tschüss.

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