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Podcast · Folge 70
800 Kilometer, um wieder herauszukommen
Dorina Vondersee ging den Jakobsweg allein – ohne Training, in einem Monat. Ein Gespräch über Grenzen, Pausen und die Gespräche unterwegs
Stand heute
Diese Folge ist vom Juni 2024. »Caminocation« gibt es inzwischen auch als Hörbuch (seit Juni 2025), und der Kopfreisen Verlag veröffentlicht weiter. Alles, was im Gespräch über Pläne und Zeiträume gesagt wird, ist der Stand von damals.
Der Einstieg ist bei uns immer eine gedankliche Reise – diesmal setzt uns Dorina Vondersee in eine Tapas-Bar in Santiago de Compostela, mit einem spanischen Rotwein aus der Region. Sie hatte sich selbst bei uns gemeldet, mit dem Argument, im Podcast fehle eine Folge zum Reisen und besonders eine zum Camino. Sie hatte recht.
Dorina Vondersee
Autorin · Lehrerin in Prag
Dorina Vondersee stammt aus Ostholstein an der Ostsee – daher auch ihr Pseudonym. Sie lebt seit vier Jahren in Prag, unterrichtet dort an einer Schule und am Goethe-Institut und gibt zusätzlich Privatunterricht. 2018 ging sie den Camino Francés, 800 Kilometer von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela, allein und ohne vorheriges Training. 2023 folgte der kürzere Camino Português. Ihr Buch »Caminocation« erschien 2023 im Kopfreisen Verlag; zwei weitere Bände sind geplant.
Warum ausgerechnet 800 Kilometer
Dorina Vondersee hatte vom Jakobsweg schon gehört, bevor sie sich dafür entschied – aus dem Kontext der katholischen Kirche, sie ist ein gläubiger Mensch, und aus Hape Kerkelings »Ich bin dann mal weg«. An dem Buch hat sie beeindruckt, dass darin auch die Tiefpunkte vorkommen, nicht nur die Landschaft.
Der Anlass war eine Zeit, in der es ihr über zwei Jahre hinweg sehr schlecht ging – im Buch beschreibt sie das selbst gleich zu Beginn. Was sie brauchte, war kein Urlaub. Für einen Urlaub, sagt sie, hatte sie weder Motivation noch Kraft. Sie brauchte etwas, bei dem sie sich bewegt.
Es war das Bedürfnis: Ich muss mich bewegen, ich muss im Leben weiterkommen.Dorina Vondersee
Sie war Anfang 20, wollte unbedingt allein gehen und hatte so etwas vorher nie gemacht. Ihre Eltern waren dagegen.
Der Körper braucht zehn Tage
Trainiert hatte sie nicht – sie nennt das im Rückblick ihre Naivität. Unsportlich war sie nicht: viel Fahrrad, Judo. Aber Norddeutschland ist flach, und der Weg war körperlich hart.
Es hat rund eine Woche bis zehn Tage gedauert, bis ihr Körper das akzeptiert hat, in klar unterscheidbaren Phasen: erst die äußeren Schmerzen, Blasen und Schultern. Dann die Muskeln. Dann die Knochen. Am dritten oder vierten Tag wollte sie nicht mehr weiter, und sie sagt ausdrücklich, dass sie das nicht beschönigen will – für alle, die denken, den Camino mache man mal eben nebenbei.
Ihr Maß waren rund 30 Kilometer am Tag, weil der Rückflug schon gebucht war. Es gab aber auch Tage weit darüber: einmal, gegen Ende, zwölf Stunden von sechs bis sechs und fast 50 Kilometer – bergab, im Flow, an einem Tag, an dem es ihr emotional wieder sehr gut ging.
Die Kilometerzahlen im Buch sind übrigens nachträglich entstanden: Unterwegs hat sie kaum gezählt. Erst ihr Verleger schlug vor, das zusammenzurechnen – für die Leser*innen, die neben der inneren auch die äußere Reise in Zahlen sehen wollen.
Caminocation: der Titel ist eine Wortneuschöpfung
Camino und Communication. Denn was ihr am meisten gegeben hat, waren die Gespräche unterwegs. Man trifft fremde Menschen, die man danach wahrscheinlich nie wiedersieht – und weil bei einem selbst oder beim anderen gerade viel los ist, redet man sofort über Gott und die Welt. Wenig Smalltalk, und aus dem Smalltalk werden auf einmal große Erkenntnisse.
Die Zeit allein gehörte genauso dazu. Weil man sich bewegt, sagt sie, bewegen sich auch die Gedanken – und anders als zu Hause im Bett ist das nicht bedrückend, sondern etwas, das kommen darf. Ihre größte Lektion aus der Zeit: Dankbarkeit. Für Wasser, für die wenigen Sachen im Rucksack, für einen Körper, der einen so weit trägt.
Das Thema, das bleibt: Pausen
Im Buch fällt auf, wie wenig Raum die Pausen bekommen – und genau daran hängt sich das Gespräch auf. Regeneration ist nötig, um weiterzulaufen, auch im übertragenen Sinn. Beide sind sich einig, dass das gesellschaftlich wenig anerkannt ist, obwohl alle wissen, wie gut es tut.
Ehrlich bleibt sie dabei: Es fällt ihr bis heute schwer. Was hilft, ist rausgehen – in Prag ist das schwieriger als an der Ostsee, aber sie kennt ihre Parks, und ganz in der Nähe liegt das Naturschutzgebiet Divoká Šárka. Dazu Arbeitszeiten, an die sie sich hält: Abends wird es manchmal spät, aber um acht ist Schluss.
Ich bin oft über meine körperlichen, aber auch psychischen Grenzen gegangen, und dafür bin ich unglaublich dankbar. Aber übertreiben dürfen wir es eben auch nicht.Dorina Vondersee
Die Nacht am Ende der Welt
Untergekommen ist sie in öffentlichen und kirchlichen Herbergen, den günstigsten: große Schlafsäle, Etagenbetten, keine Privatsphäre, oft ein Programm und Leute, die zu ihr passten. 2018, vor Corona, fand man auch spontan noch immer einen Platz. Nur auf den letzten 100 Kilometern wurde es voll – ab dieser Strecke gibt es die Urkunde, und die schafft man in drei Tagen Kurzurlaub.
Eine Nacht schlief sie ganz draußen, am Strand von Finisterre. Santiago ist nicht das Ende: Von dort sind es noch einmal 100 Kilometer bis zum »Ende der Welt«, und weil sie schneller war als geplant, hat sie die noch mitgenommen. Der Strand, sagt sie, war für sie immer auch zu Hause – sie kommt von der Ostsee, wo man bei jedem Wetter am Wasser ist.
Es war kalt, in der Ferne bellten Hunde, sie war in Sichtweite der Zivilisation. Und es passte zu allem anderen, mit dem sie sich auf diesem Weg herausgefordert hat – angefangen damit, dass sie sich unterwegs selbst die Haare abgeschnitten hat.
Lesen zwischen Straßenbahn und Feierabend
Gelesen wird bei ihr im Pendeln: 45 Minuten Arbeitsweg, ein Buch ist immer dabei, hin wie zurück. Und abends zum Runterkommen – nach Schule, Goethe-Institut und Privatunterricht, den sie braucht, weil das Gehalt für Lehrkräfte in Tschechien niedrig ist.
Angefangen hat es mit Harry Potter. Heute liest sie querbeet und vor allem antiquarisch, viel auf Englisch, weil sie in Prag lebt. E-Books sind nichts für sie. Und wenn ein Buch nicht passt, bricht sie ab – was allerdings selten vorkommt, weil sie meistens denkt: Irgendetwas hat es schon.
Was noch auf der Bucket List steht
Wer einen Camino gegangen ist, sagt sie, will meistens noch mehr gehen. Ganz oben steht der Camino del Norte durch Nordspanien an der Küste, anstrengender als der Francés. Offen ist, ob allein oder mit ihrem Mann, mit dem sie den portugiesischen gegangen ist.
Dazu: Bienen im Innenhof. Und zwei weitere Bücher – die Vorgeschichte und der Band danach, weil »Caminocation« für sie fast das Happy End war und nicht der Anfang.
Ein Hinweis
In dieser Folge geht es auch um eine seelisch schwere Zeit und um Erschöpfung. Das Gespräch ersetzt keine Therapie und keine ärztliche Abklärung. Wenn dich so etwas gerade länger begleitet, sprich bitte mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt oder mit einer Therapeutin darüber.
Wenn du dich fragst, was einen Menschen dazu bringt, 800 Kilometer zu Fuß zu gehen – und was danach davon bleibt –, dann hör rein.
Die ganze Folge hören
Das Buch aus der Folge
Die innere und die äußere Reise, in einem Buch.
Caminocation – Wie ich auf Umwegen mein Glück wiederfand
Dorina Vondersee · Kopfreisen Verlag
Ihr Weg über den Camino Francés, erzählt auf zwei Ebenen: die 800 Kilometer und das, was unterwegs innerlich passiert. Der Titel ist eine Wortneuschöpfung aus Camino und Communication – nach den Gesprächen, die ihr am meisten gegeben haben. Mit Fotos vom Weg.
Bücher, über die wir gesprochen haben
Was den Weg vorbereitet hat – und was gerade auf ihrem Stapel liegt.
Ich bin dann mal weg
Hape Kerkeling · Piper
Das Buch, das bei ihr viel ausgelöst hat – weil darin nicht nur die Landschaft vorkommt, sondern auch die Tiefpunkte.
Der große Trip
Cheryl Strayed · aus dem Amerikanischen von Reiner Pfleiderer · Goldmann
Helens Gegenstück: 1100 Meilen auf dem Pacific Crest Trail. Wir haben es als Vorbereitung auf unsere Wanderungen gelesen – und unterwegs daraus vorgelesen.
Zwischen den Zeilen passiert das Leben
Sarah Weber · Kopfreisen Verlag
Aus demselben Verlag – und der Grund, warum Helen das Programm schon kannte: Mit diesem Buch waren wir gemeinsam auf Borkum.
Fourth Wing – Flammengeküsst
Rebecca Yarros · aus dem Amerikanischen von Michaela Kolodziejcok u. a. · dtv
Ihr aktueller Ausreißer: Eigentlich sei ihre Fantasy-Zeit vorbei, sagt sie – aber Bookstagram made me buy it. Angefangen mit diesem Band, weiter mit »Iron Flame«.
Die mit »Bei Thalia ansehen« gekennzeichneten Links sind Affiliate-Links. Kaufst du darüber, bekommen wir eine kleine Provision – für dich ändert sich am Preis nichts. Im Gespräch nennt Dorina Vondersee außerdem Milan Kundera und Haruki Murakami, ohne einen bestimmten Titel – deshalb stehen die beiden hier ohne Link.
Häufige Fragen
Wie lang ist der Camino Francés?
Rund 800 Kilometer – das ist der Hauptweg des Jakobswegs. Dorina Vondersee ist ihn 2018 in etwa einem Monat gegangen, mit einem Richtwert von rund 30 Kilometern pro Tag; an einzelnen Tagen wurden es weit über 40.
Muss man vorher trainieren?
Sie hat es nicht getan und nennt das im Rückblick ihre Naivität. Ihr Körper brauchte rund eine Woche bis zehn Tage, um sich umzustellen – in Phasen: erst Blasen und Schultern, dann die Muskeln, dann die Knochen. Am dritten oder vierten Tag wollte sie nicht mehr weiter.
Findet man unterwegs immer eine Unterkunft?
2018, vor Corona, ja – sie war in öffentlichen und kirchlichen Herbergen unterwegs, den günstigsten, mit großen Schlafsälen und Etagenbetten. Voll wurde es nur auf den letzten 100 Kilometern. Nach ihrer Beobachtung ist der Camino seit Corona wieder deutlich beliebter geworden.
Was bedeutet der Titel »Caminocation«?
Es ist eine Wortneuschöpfung aus Camino und Communication. Sie beschreibt damit die Gespräche zwischen Pilgernden: Man trifft Fremde, die man danach kaum wiedersieht, und redet sofort über Gott und die Welt statt Smalltalk zu machen.
Was ist das »Ende der Welt«?
Finisterre an der galicischen Atlantikküste, noch einmal rund 100 Kilometer hinter Santiago de Compostela. Weil sie schneller war als geplant, ist Dorina Vondersee auch diese Etappe gegangen – und hat dort eine Nacht am Strand unter freiem Himmel verbracht.
Wie geht sie heute mit Pausen um?
Ehrlicherweise: Es fällt ihr weiterhin schwer. Was hilft, ist Rausgehen – in Prag die Parks und das nahe Naturschutzgebiet Divoká Šárka – und feste Arbeitszeiten: Abends wird es manchmal spät, aber um acht ist Schluss.
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Die ganze Folge zum Nachlesen
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Helen
Herzlich willkommen, Dorina. Ich freue mich sehr mit dir heute über das Reisen, über den Jakobsweg, über dein Buch, über das Rausgehen aus der Komfortzone, über alle möglichen Themen zu sprechen. Aber bevor wir damit starten, habe ich zwei Fragen an dich: Wo sind wir gerade und welches Getränk hast du uns mitgebracht?
Dorina Vondersee
Hallo Helen, ich freue mich sehr, hier zu sein. Wir sitzen gerade in einer Tapas-Bar in Santiago de Compostela. Und natürlich trinken wir einen spanischen Rotwein aus der Region.
Helen
Sehr gut. Ich habe dir ja schon gesagt: mit dem Podcast-Cover und der Tapas-Bar passt das perfekt. Perfekte Stimmung für diese Folge, dann würde ich sagen, stoßen wir einmal an. Ich fand es super spannend, wie du dich bei mir gemeldet hast. Ich hatte dein Buch schon gesehen, weil es im Kopfreisen Verlag erschienen ist. Vielleicht sagen wir einmal, wie es heißt: Caminocation. Ihr findet das natürlich auch noch mal in der Folgenbeschreibung. Im Kopfreisen Verlag ist ja auch Sarahs Buch erschienen, mit dem wir auf Borkum waren. Ich hatte das also schon gesehen, aber ehrlich gesagt nicht darüber nachgedacht, dass das etwas für mich sein könnte. Und dann hast du geschrieben, und das hat mich total gekriegt. Ich habe eben nochmal nachgeguckt, weil du geschrieben hattest, im Podcast fehle eine Folge zum Reisen, und besonders eine Camino-Folge. Ich bin sehr reisebegeistert – meine erste Liebe, sage ich mal. Und gleichzeitig reizt mich der Camino gar nicht, ich weiß nicht warum. Der Jakobsweg war nie etwas, wo ich dachte: Das will ich auch unbedingt mal machen. Letztes Jahr haben wir ein paar Wanderungen gemacht – ich weiß nicht, ob du das mitbekommen hast. Da hatten wir ein Buch als Vorbereitung gelesen und auf der Wanderung darüber gesprochen – am Ende gar nicht so viel, aber ich habe auch ein bisschen vorgelesen. Das war vor allem Der große Trip von Cheryl Strayed. Und obwohl das auch ein bisschen krass klang – ich wandere eigentlich gerne, aber beim Pacific Crest Trail dachte ich: weiß ich jetzt nicht. Alles, was ich bisher über den Jakobsweg gehört habe, hat mich nicht so gereizt – deswegen war ich total gespannt darauf, was du erzählst. Und ich finde es vor allen Dingen cool, weil du total begeistert vom Jakobsweg bist – so viel kann man, glaube ich, verraten. Und du möchtest vor allem anderen Mut machen – gar nicht nur, den Jakobsweg zu gehen, sondern generell Träume zu leben. Und das war dein Traum. Magst du einfach mal erzählen, warum ausgerechnet der Jakobsweg? Was hat dich daran so gereizt?
Dorina Vondersee
Vielleicht vorher noch: Ich kann total verstehen, dass es einige überhaupt nicht anspricht, weil es so eine Insider-Gruppe gibt: Wenn Leute darüber sprechen, die es gemacht haben, hört sich das schon ein bisschen übertrieben an. Ich kenne ganz viele Leute, die sagen: Der Camino gibt dir genau das, was du brauchst. Das hatte ich vorher gehört und konnte es mir auch nicht richtig vorstellen. Diese Magie muss man, glaube ich, erlebt haben, um sie wirklich glauben zu können. Deswegen kann ich verstehen, wenn jemand sagt: So lange muss ich nicht wandern. Der Hauptweg, der Camino Francés, ist ja wirklich 800 Kilometer lang. Das ist unglaublich lang. Und wenn man nicht der Wandertyp ist, ist das wahrscheinlich überhaupt nicht motivierend. Und warum der Jakobsweg für mich? Ich hatte davon gehört, bevor ich mich überhaupt dafür entschieden hatte. Ich bin ein Mensch, der sich gerne selbst herausfordert. Deswegen war das eine extreme Challenge: Da ist ein richtig langer Weg. Dazu kam, dass ich ein gläubiger Mensch bin und im Kontext der katholischen Kirche vom Pilgern gehört hatte – das war mir vertraut. Und dann hatte ich natürlich noch Ich bin dann mal weg von Hape Kerkeling gelesen. Stimmt, das erwähnst du am Ende auch. Ich glaube, das hat ziemlich viel gemacht: dass er die Highlights, aber auch die Tiefpunkte seiner Reise beschrieben hat. Und es war so persönlich, dass es nicht nur darum ging, wie die Landschaft aussieht, sondern dass man sich vorstellen konnte, dort zu gehen. Den Film habe ich, glaube ich, auch schon vorher gesehen. Und dann gibt es noch The Way, auch ein ganz berührender, emotionaler Film. Also ich glaube, das waren so Sachen, die ich vorher wusste. Und dann war es so, dass es mir 2018 – und schon zwei Jahre davor – emotional wirklich schlecht ging. Ich kam da nicht raus. Der letzte Tropfen war, glaube ich, wirklich Verzweiflung. Ein Teil von mir wusste: Du musst jetzt raus. Für einen normalen Urlaub hatte ich keine Motivation und keine Kraft – mich irgendwo hinzusetzen und zu warten. Es war das Bedürfnis: Ich muss mich bewegen, ich muss im Leben weiterkommen. Da war so ein Überlebenswille in mir, der gesagt hat: Dann machst du jetzt etwas richtig Großes. Erst war das ein kleiner Gedanke, der dann immer größer wurde. Und wenn ich einmal Feuer gefangen habe, dann kann mich nichts mehr aufhalten. Ich habe im Buch ganz am Anfang beschrieben: Meine Eltern waren total dagegen. Ich war Anfang 20 und wollte unbedingt allein gehen – und so etwas vorher noch nie gemacht. Vorher bin ich immer mit Freunden gereist. Ich reise total gerne. Im Studium hat man ja auch die Zeit dazu, da habe ich schon viele Reisen gemacht – aber so eine noch nie. Aber ein Teil von mir wusste: Das könnte es wirklich sein. Das könnte das sein, wodurch es dir endlich besser geht. Weil ich aktiv wurde, statt in der Haltung zu bleiben: Alles ist schlecht, das Leben ist ungerecht, ich werde nie wieder glücklich. Das war so das Mindset. Da musste ich erst mal rauskommen, und dafür brauchte ich etwas Großes – weil alles andere nicht funktioniert hat.
Helen
Das finde ich total spannend. Ich mag gerade diese Parallele: Uns beiden ging es nicht gut, und wir haben beide unterschiedliche Mittel gefunden, damit umzugehen. Ja. Bei mir war das Ende 2019 – da hatte ich auch das Gefühl, ich brauche etwas, das mir hilft. Bei mir waren es die Bücher und bei dir das Wandern. Und ich finde spannend, dass du sagst: Du hattest keine Kraft für einen Urlaub, aber Kraft für 800 Kilometer. Das ist ja richtig krass. Ich glaube, man spürt intuitiv, was einem hilft und was einem guttut – aber oft gestehen wir es uns nicht zu und erlauben es uns nicht. Ich finde das super inspirierend, weil ich 800 Kilometer ehrlich gesagt gar nicht richtig greifen kann. Das hört sich wahnsinnig viel an – und du bist teilweise fast 50 Kilometer pro Tag gelaufen. Natürlich nicht am Anfang, aber es gab Tage weit über 40 Kilometer. Wenn ich mir eine Wanderstrecke aussuche, hat die insgesamt vielleicht 50 Kilometer. So eine Etappe kann ich mir gar nicht vorstellen. Und dann halt Tag für Tag für Tag. Du hattest, glaube ich, nicht einmal einen richtigen Pausentag – manchmal hast du vielleicht früher aufgehört.
Dorina Vondersee
Nein, ich habe keine Pause gemacht. Weil man irgendwann in dem Flow drin war. Von Anfang an geht das auf gar keinen Fall. Meine Naivität war, dass ich vorher nicht trainiert habe. Ich komme aus Norddeutschland, da ist es flach. Unsportlich war ich nicht – ich bin viel Fahrrad gefahren und habe Judo gemacht. Ich wusste, mein Körper ist relativ zäh. Aber es war trotzdem körperlich wirklich anstrengend. Es hat sicher eine Woche, zehn Tage gedauert, bis mein Körper das überhaupt akzeptiert hat. Es gab verschiedene Stadien: Am Anfang die äußeren Schmerzen, Blasen, und die Schultern taten weh. Dann kam die Muskelphase, dann die Knochenphase.
Helen
Das klingt gar nicht attraktiv, wenn du es so beschreibst.
Dorina Vondersee
Am dritten oder vierten Tag wollte ich wirklich nicht mehr weiter. Und es tat weh – das möchte ich nicht beschönigen. Für alle, die jetzt denken: Ach, den Camino, den mache ich auch mal eben. Das Wetter war wirklich gut, die Bedingungen drumherum kein Problem. Aber der Körper – das war hart. Trotzdem ist die Gefahr, dass man 800 Kilometer als einen ganzen Berg sieht. Das ist wirklich anstrengend und zu viel. Aber wie man so schön sagt: Es ist immer nur Schritt für Schritt. Letztendlich habe ich in den Tag gelebt. Am Anfang wusste ich gar nicht, wie das werden würde. Und Santiago schien unglaublich weit weg. Ich habe immer nur geschaut: Wo kann ich jetzt Pause machen? Ich wusste ungefähr, dass ich um die 30 Kilometer pro Tag gehen wollte, weil ich meinen Rückflug schon gebucht hatte. Und dann die Tage mit fast 50 Kilometern – das war ganz am Ende, an einem Tag, an dem es mir emotional wieder sehr gut ging und ich so befreit war. Es ging die ganze Zeit bergab, ich konnte wirklich laufen, was letztlich auch gefährlich war. Da bin ich zwölf Stunden gewandert, von sechs bis sechs, weil ich gar nicht aufhören wollte. Es war dieser Flow-Zustand: Alles war toll, und mein Körper hat gesagt, genau das will ich jetzt. Auf dem Camino habe ich kaum Kilometer gezählt. Das kam erst fürs Buch dazu – mein Verleger meinte, das wäre interessant zum Einschätzen, für die Leute, die auch die Faktenseite sehen wollen. Mir ging es ja darum, die innere und die äußere Reise zu beschreiben. Dann haben wir das zusammengezählt, und da kamen solche Zahlen raus. Letztendlich war es aber wirklich: einen Fuß vor den anderen setzen. Und sicher habe ich an einigen Tagen übertrieben, weil es mir schwerfällt, auf meinen Körper zu hören. Ich bin jemand, der dann immer noch mehr will – meistens gehe ich mehr mit dem Herzen und dem Kopf als mit dem, was der Körper sagt. Es hat mich auf jeden Fall stärker gemacht. Ich bin oft über meine körperlichen, aber auch psychischen Grenzen gegangen, und dafür bin ich unglaublich dankbar.
Helen
Da gehen mir mehrere Sachen durch den Kopf. Einerseits: Du beschreibst, dass du immer wieder Menschen triffst und teilweise Strecken mit ihnen gehst. Aber warst du sonst wirklich mit deinen Gedanken allein? Mein Impuls wäre, mir einen Podcast anzumachen oder ein Hörbuch – aber das ist wahrscheinlich nicht im Sinne des Erfinders.
Dorina Vondersee
Sicher soll man das tun, wenn es hilft und man sich dabei entspannt. Ich habe beides genossen. Es gab solche und solche Strecken. Gerade zum Ende gab es viele Pilger, die ich ein bisschen vermieden habe. Man muss ja nicht mit Leuten gehen – dann macht man eben eine Pause, bis es wieder frei ist. Am Anfang waren es eher wenige, weil den ganzen Weg nur wenige gehen. Und dann kann man schauen, ob man mit den Leuten interagieren möchte oder nicht. Die Menschen, die ich getroffen habe, waren wirklich berührend, und ich hatte so tolle Gespräche. Deswegen habe ich das Buch auch Caminocation genannt – das ist letztlich das, was mir am meisten gegeben hat: diese Gespräche. Es ist eine Wortneuschöpfung aus Camino und Communication, weil ich glaube, dass die Kommunikation wirklich zwischen den Pilgern ganz, ganz besonders ist. Man trifft ganz fremde Leute, die man danach wahrscheinlich kaum wiedersieht. Und dann öffnet man sich – oder der andere öffnet sich zuerst. Weil bei einem selbst oder beim anderen gerade so viel los ist, redet man wirklich über Gott und die Welt. Wenig Smalltalk – und aus Smalltalk entstehen auf einmal krasse Erkenntnisse. Das habe ich unglaublich genossen. Ich bin ein sozialer Mensch, und es war einfach toll, mit Menschen zu gehen und nicht allein zu sein – und dabei ein bisschen die Schmerzen zu vergessen. In den Momenten, in denen ich allein war, hat man manchmal auch ziemlich viel mit sich selbst zu kämpfen. Aber auch die Momente müssen sein. Ich bin überzeugt, dass der Camino für mich genau das war: Zeit mit mir selbst zu verbringen. Das hatte ich vorher nicht gemacht, und ich mache es auch jetzt selten. Aber das sind wertvolle Momente, in denen man sich selbst besser kennenlernt und sich mit Dingen auseinandersetzt, die man sonst wegschiebt. Oder sich gar nicht damit beschäftigen möchte. All der Ballast, der sonst da ist – vielleicht aber auch einfach Träume. Es können ganz tolle Sachen sein, die in dieser Zeit kommen, wenn man im Nirgendwo läuft – es geht ja teilweise durch die wildeste Natur. Und wenn man dort allein ist, ist das wunderbar: Weil man sich bewegt, bewegen sich auch die Gedanken. Ich habe das Gefühl, man lebt viel mehr im Moment – und denkt gleichzeitig ganz viel nach. Und das ist gar nicht schlimm – anders als wenn man zu Hause im Bett sitzt und da rauswill, so wie es mir vorher ging. Dort, in einer entspannten Atmosphäre, kommen die Gedanken einfach, wenn man bereit ist. Das habe ich sehr genossen: über die Vergangenheit nachzudenken, über die Zukunft, Träume, Ängste – und mir noch mal klar zu werden, was mir wichtig ist, was ich vom Leben will, wofür ich dankbar bin. Die größte Lektion war, glaube ich, die Dankbarkeit: für die kleinen Dinge wie Wasser, für den Rucksack, der zwar manchmal schwer war, für die wenigen Sachen, die man hat, für den Körper, der einen so weit trägt, für die Menschen um einen herum, für gutes Wetter. Ich hatte sehr viel Glück mit dem Wetter, ich bin gar nicht nass geworden, und das weiß ich wirklich zu schätzen.
Helen
Das glaube ich sofort. Was ich im Buch super spannend fand – und wo ich auch das Gefühl hatte, dass du dem nicht so viel Raum gegeben hast, und das kenne ich auch, obwohl ich schon einen Burnout hatte, – es ging öfter darum, dass Pausen zur Regeneration wichtig sind: dass du die Pause brauchst, um weiterlaufen zu können. Auch im übertragenen Sinne. Und ich glaube, dass das gesellschaftlich nicht so anerkannt ist – obwohl wir eigentlich alle wissen, wie gut es uns tut. Ich habe das durch die Therapie ganz viel auch gelernt. Also wenn der Therapeut dann manchmal auch zu mir gesagt, ich meine Sie wissen ja, dass Sie sich zwingen können, das können Sie ja dann immer noch machen. Aber probieren Sie doch mal einen neuen Ansatz und machen Sie auch mal eine Pause. Und ich weiß, dass ich danach auch produktiver und sowas bin. Aber es ist immer noch nicht mein erster Impuls, selbst wenn ich erschöpft bin, eine Pause zu machen. Und du sagst ja auch, dass du über deine Grenzen gegangen bist – aber in einigen Momenten hast du gemerkt: Ich brauche die Pause, sonst kann ich nicht weitermachen. Hast du das für dein weiteres Leben mitnehmen können, oder ist das im Alltagstrubel wieder verschwunden?
Dorina Vondersee
Ich weiß, was du meinst. Und ehrlich gesagt geht es mir immer noch so: Es fällt einem schwer, und man muss sich selbst daran erinnern. Es ist wahrscheinlich ein gesellschaftliches Problem. Sicher hat es damit zu tun, wenn man viel Energie hat und sie umsetzen muss, oder wie man aufgezogen wurde – da spielen ganz viele Faktoren eine Rolle. Deswegen ist es so wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen und wahrzunehmen: Wie geht es mir gerade? Mir hilft seit dem Camino vor allem das Rausgehen. Hier in Prag ist das nicht so einfach wie sonst, aber ich weiß genau, welche Parks ich mag – und ganz in der Nähe gibt es sogar ein Naturschutzgebiet, die Divoká Šárka. Rauszugehen hilft mir wirklich, durchzuatmen und mir klar zu werden: Ich bräuchte eine Pause. Und an den Wochenenden nehme ich mir vor, nichts zu tun oder nur Sachen, die mir Spaß machen – und wirklich zwischen Arbeit und Freizeit zu unterscheiden. Ich halte mich auch an meine Arbeitszeiten: Abends wird es manchmal spät, aber um acht ist Schluss. Es gibt als Lehrerin einfach verrückte Tage, das lässt sich nicht vermeiden. Auf dem Camino habe ich auf jeden Fall gemerkt, wo meine Grenzen sind. Natürlich war es ein tolles Gefühl, sie zu verschieben und zu überwinden. Das gibt sehr viel Selbstvertrauen. Ich erinnere mich an ganz viele Momente, in denen ich dachte: Ich kann alles schaffen, ich habe den Camino geschafft. Aber übertreiben dürfen wir es eben auch nicht.
Helen
Das finde ich richtig cool – nothing’s gonna stop me now. Vielleicht noch kurz zur Erklärung, weil wir das am Anfang nicht gesagt haben: Du lebst jetzt in Prag, und zwar seit vier Jahren.
Dorina Vondersee
Genau. Und das auch nur dank dem Camino – der hat mein Leben wirklich verändert. Ich will nicht zu viel spoilern, aber der Camino hat mich nach Prag geführt. Wäre ich nicht den Camino gegangen, wäre ich jetzt wahrscheinlich in Norddeutschland. Oder ganz woanders, man weiß es nicht. Aber ich bin sehr glücklich, dass ich jetzt hier bin, und denke: Das sollte genau so sein. Richtig cool.
Helen
Ich war einmal in Prag, aber das ist schon sehr lange her. Ich erinnere mich nur grob, dass es eine schöne Stadt ist. In meinem Kopf verschmilzt es mit Budapest – dann habe ich Budapest vor Augen, aber das ist ja eine andere Stadt. Ich will auf jeden Fall noch mal nach Prag. Dann klopfe ich bei dir an.
Dorina Vondersee
Auf jeden Fall.
Helen
Was ich auch richtig beeindruckend fand: 800 Kilometer in einem Monat ist an sich schon beeindruckend – aber ich fand es so krass, dass du Richtung Ende eine Nacht komplett draußen geschlafen hast. Ich habe mich sowieso gefragt: Gibt es da einfach immer wieder Unterkünfte, sodass du komplett flexibel entscheiden kannst, wo du Pause machst? Es wirkt ein bisschen so. Und in einer Nacht entscheidest du dich: Ich möchte hier draußen bleiben, ich möchte damit verbunden bleiben. Und es ist ja auch super kalt, am nächsten Morgen alles nass vom Tau. Und das ist ja vor allem auch im Kopf, wo man sich Sorgen macht, was alles passieren könnte – weil du das ja allein gemacht hast. Das fand ich unglaublich beeindruckend. Wie war diese Nacht?
Dorina Vondersee
Vielleicht noch zu den Unterkünften: Das war ja vor Corona, 2018, also schon vor einiger Zeit – jetzt fünfeinhalb Jahre. Da war es so, dass man so lange gehen konnte, wie man wollte, und immer eine Unterkunft gefunden hat – zumal ich immer in öffentlichen oder kirchlichen Herbergen war, weil das die günstigsten sind. Meistens gab es dort auch ein cooles Programm, und die Leute passten zu mir. Privatsphäre hatte ich dadurch keine, aber daran gewöhnt man sich. Ich erinnere mich an diese riesigen Schlafsäle mit den Etagenbetten. Ich habe beides ausprobiert, ob es oben oder unten besser ist. Sagen kann ich das nicht so richtig: Oben ist es manchmal wackelig, unten denkt man, was gleich auf einen runterfällt. Und es war natürlich immer ein Gewusel – Leute gingen nachts auf Toilette oder schnarchten. Die Unterkünfte waren für mich ziemlich gut. Außer an einem Tag, da habe ich es nicht mehr geschafft – das war auch fast am Ende. Auf den letzten 100 Kilometern wurde es voll, weil das viele Menschen machen, die einmal den Camino gegangen sein wollen. Für 100 Kilometer bekommt man ja schon eine Urkunde, und das schafft man in drei Tagen im Kurzurlaub. Da wurde es ein bisschen touristischer. Und ich habe gehört, dass der Camino nach Corona immer beliebter wird: In der Corona-Zeit waren viele Herbergen zu, inzwischen gibt es viel mehr Pilgernde als davor, und jedes Jahr mehr. Es wird also enger. Ich bin letztes Jahr noch einmal den Camino Português gegangen – ein kürzerer, 250 Kilometer, weil ich nur zehn Tage hatte. Da war es sehr leer, weil ich im Februar gegangen bin. Ich dachte, so kalt wird es nicht, es ist ja Portugal – nachts wurde es dann doch kalt. Aber das ist eine andere Geschichte, die wird auch noch geschrieben. Zu der Nacht: Das war in Finisterre, am Ende der Welt. Das war ein Move, den ich wohl aus Übermut gemacht habe, weil ich diese pure Freiheit gespürt habe. Ich dachte, ich brauche am Ende noch mal ein richtig krasses Highlight, um mich noch einmal herauszufordern oder mehr zu feiern – um mir zu beweisen, dass ich wirklich alles machen kann. Und warum nicht draußen am Strand schlafen? Vielleicht wollte ich auch allein sein – da waren viele Faktoren dabei. Der Gedanke ist wieder gewachsen, und dann konnte ich nicht mehr anders. Das war diese Verlockung: Mach es doch einfach. Und ich wusste von vornherein, dass es nicht die erste Nacht ist, in der ich nicht schlafe. Es wurde kalt, man hat in der Ferne Hunde bellen gehört – ich war in Sichtweite der Zivilisation. Aber der Strand war für mich immer auch zu Hause. Ich komme von der Ostsee aus Ostholstein, und wir waren bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit am Strand. Die Wellen haben mich wirklich beruhigt. Und Finisterre war für mich magisch, weil es da wirklich zu Ende geht. Normalerweise geht man nach Santiago – und dann gibt es noch das Ende der Welt, noch mal 100 Kilometer. Weil ich schneller war als geplant, habe ich gesagt: Das nehme ich auf jeden Fall noch mit – und bin weiter nach Finisterre gegangen. Und da zu sitzen, mit dem schönsten Sonnenuntergang, den ich bis heute gesehen habe – da wurde mir klar: Jetzt muss noch mal etwas Großes passieren. Und dann habe ich es einfach gemacht. Das passt zum ganzen Paket, weil ich auf diesem Weg mich selbst wiedergefunden habe. Es waren so viele Aktionen, mit denen ich mich selbst herausgefordert habe. Angefangen hat es damit, dass ich mir selbst die Haare abgeschnitten habe. Das waren Sachen, bei denen ich gesagt habe: Du bist da, wir schaffen das, du bist frei. Und mir das selbst zu zeigen, war total wichtig.
Helen
Sehr beeindruckend. Du sprichst im Buch auch davon – ich glaube, gegenüber anderen Pilgernden –, dass du gerne liest. Und wir sind ja eine lesende Community. Wie sieht das bei dir im Alltag aus – du hast ja gesagt, dass Tage auch mal bis acht gehen. Wann liest du, und was liest du?
Dorina Vondersee
Eine gute Frage – aber die schwerste überhaupt. Wann, ist ganz klar: Ich lese eigentlich immer. Morgens schaffe ich es meistens nicht, weil ich früh aufstehen und zur Arbeit pendeln muss. Mein Arbeitsweg dauert 45 Minuten, und da lese ich in der Straßenbahn und in der Metro. Ein Buch ist immer dabei, das passt perfekt – auf dem Rückweg natürlich wieder. Nachmittags habe ich meistens noch Unterricht – ich unterrichte in der Schule und am Goethe-Institut und habe noch Privatschüler*innen. Das muss ich leider so sagen: Das Gehalt für Lehrkräfte ist hier in Tschechien so schlecht, dass ich über meine Vollzeitstelle hinaus arbeiten muss. Und deswegen lese ich abends zum Runterkommen wieder. Das war schon immer so, seit ich in der Schule lesen gelernt habe – angefangen hat es, glaube ich, mit Harry Potter. Eine ganz große Faszination – wie viele Nächte ich schon zu lange gelesen habe. Am Wochenende fängt es im Bett an: Ich wache früh auf und freue mich schon auf das nächste Buch. Ich lese wirklich viel und super gerne. Wenn andere beim Warten am Handy sind, habe ich einfach ein Buch dabei. Und es sind noch keine E-Books. Manchmal denke ich, das wäre praktisch, aber ich bin noch bei Second-Hand-Büchern – deswegen lese ich jetzt auch viel auf Englisch, weil ich in Prag bin. Und was mir gerade in die Finger fällt, lese ich. Ich lese total querbeet, weil ich neugierig bin und offen für alles. Wenn mir ein Buch nicht gefällt, höre ich auch auf. Ich teste viel – vorgekommen ist das aber nicht oft, weil ich meistens denke: Irgendetwas hat das Buch schon. Ich schaue gerade, was bei mir im Regal steht. Für meine tschechische Community: Da steht natürlich auch Milan Kundera – wirklich cool, philosophisch, mit krassen Charakteren, kann ich sehr empfehlen. Und Murakami, wenn wir über krasse Charaktere sprechen – kann sehr traurig sein, aber das mag ich. Im Moment lese ich Iron Flame, obwohl meine Fantasy-Zeit eigentlich vorbei ist – als Teenagerin habe ich nur Fantasy gesuchtet. Aber was soll ich sagen: Bookstagram made me buy it. Ich habe mit Fourth Wing angefangen, jetzt Iron Flame, und es gefällt mir ziemlich gut. Daneben liegen aber auch wieder ganz andere Sachen auf einem Stapel. Ich lese gerne Liebesromane, weil ich ein romantischer und sehr emotionaler Mensch bin – eigentlich alles, was mich emotional kriegt. Und ich lese auch gerne historische Romane. Die Liste ist wirklich lang. Ich habe ein großes Bücherregal und gehe total gerne in Bibliotheken – am Goethe-Institut gibt es auch deutsche Literatur. Die Klassiker mag ich auch sehr gerne, und das sage ich nicht nur meinen Schüler*innen. Mir gefällt einfach die Vielfalt, sonst würde es langweilig. Richtig cool.
Helen
Wenn das mal kein flammendes Plädoyer fürs Lesen ist. Richtig cool. Das wäre eigentlich ein perfektes Abschlusswort. Ich wollte dich noch fragen, was jetzt auf deiner Bucket List steht – jetzt, wo du diesen einen großen Traum abgehakt hast.
Dorina Vondersee
Wenn man einen Camino gegangen ist, möchte man meistens noch mehr gehen. Der kürzere, der Camino Português, hat mir auch gefallen – aber ich möchte auch wieder einen langen gehen. Man muss nur schauen, wie das machbar ist. Das wäre der Camino del Norte, der etwas anstrengender sein soll und wirklich durch Nordspanien an der Küste entlanggeht.
Helen
Das klingt gut. Ich dachte mir auch: Das muss sein.
Dorina Vondersee
Im Moment ist es noch nicht so gut planbar, und ich überlege auch: Gehe ich mit meinem Mann, mit dem ich schon den portugiesischen gegangen bin, oder gehe ich allein? Wann und wie? Das ist noch in Planung, steht aber auf jeden Fall auf der Bucket List – und ich habe im April Geburtstag, nächsten Dienstag. Wenn die Folge rauskommt, war der also längst, und dann wird es Zeit für ein Bucket-List-Update. Meine Bucket List ist wirklich lang, da stehen noch einige verrückte Abenteuer drauf. Ich habe deine Folge mit den 34 Dingen gehört und dachte: Das ist das Beste. Und dann gibt es 29 Dinge, die auf jeden Fall noch gemacht werden. Es ist so wichtig, immer neue Träume zu haben. Wir planen zum Beispiel für den Sommer – und schon für dieses Wochenende –, uns in unserem Innenhof Bienen zuzulegen. Das wird, glaube ich, das nächste größere Projekt: ein paar Bienen. Wir haben auch ein kleines Grundstück außerhalb, das ist unser Hobby, um wieder aus Prag rauszukommen. Im Sommer sind die Temperaturen hier wirklich unangenehm – und die Touristen natürlich, aber schön, dass ihr alle kommt. Es gibt auf jeden Fall noch so viel, was wir erreichen wollen. Es ist wirklich eine lange Bucket List, und ich freue mich drauf. Cool.
Helen
Und diese Bucket List – die 29 Dinge, die du mit 29 machen möchtest – findet man bei Instagram? Ja. Dann erzähl noch mal kurz: Wo findet man dich, wo findet man dein Buch, wie heißt es, und was ist noch in Planung?
Dorina Vondersee
Sehr gerne. Auf Instagram bin ich unter Dorina Vondersee, alles in einem Wort als Handle. Bei Facebook bin ich auch unter Dorina Vondersee, da ist die Community aber nicht so groß. Das ist mein Pseudonym, unter dem ich mich wohlfühle, weil ich von der Ostsee komme. Ansonsten müsst ihr auf jeden Fall mein Buch lesen: Caminocation – Wie ich auf Umwegen mein Glück wiederfand. In jeder Buchhandlung, in Deutschland einfach über Nacht bestellbar. Danke an meinen lieben Verlag, den Kopfreisen Verlag, der das möglich gemacht hat. Was noch in Planung ist: Ich habe schon immer geschrieben, aber jetzt, wo ich auch veröffentlicht habe, möchte ich die Vorgeschichte noch veröffentlichen – weil das jetzt fast das Happy End war. Es wird auch noch einen nachfolgenden Band geben, eine Trilogie wollte ich daraus machen, weil das Leben die schönsten Geschichten erzählt. Es wird also etwas Autobiografisches aus meinem Studium geben, wo ich viel gereist bin. Seid gespannt – und wie gesagt auch die Geschichte danach. Es wird alles nur noch aufregender und spannender. Der Camino war, glaube ich, erst der Anfang. Richtig spannend.
Helen
Wir behalten das im Blick. Ich finde es cool, dass du den Reiseaspekt mal in den Podcast gebracht hast – der kommt hier noch ein bisschen zu kurz, merke ich gerade. Und wer weiß, vielleicht können wir die eine oder andere noch für den Jakobsweg begeistern. Sagt uns Bescheid, wenn ihr nach der Folge denkt: Das will ich auch unbedingt machen.
Dorina Vondersee
Ich danke dir sehr für das Gespräch. Und ich danke dir, dass du mich angeschrieben und so sympathisch gepitcht hast – das hat mir sehr gut gefallen.
Helen
Dann würde ich sagen: Wir trinken unseren Rotwein zu Ende und genießen vielleicht sogar noch ein paar Tapas.
Dorina Vondersee
Oh ja. Vielen Dank, Helen – und danke an alle fürs Zuhören.




