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Wenn eine Psychologin einen Psycho-Thriller schreibt

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Podcast · Folge 93

Wenn eine Psychologin einen Psycho-Thriller schreibt

Sarah Bestgen über ihren Debütroman »Happy End«, psychologische Gutachten als Vorarbeit für Romanfiguren – und darüber, warum sie einen Thriller ihren Kindern gewidmet hat

11. Januar 2025 · 36 Minuten · Ganze Folge hören ↓

Der Einstieg ist bei uns immer eine gedankliche Reise: Wo sitzen wir gerade, und welches Getränk hast du uns mitgebracht? Sarah Bestgen nimmt uns mit in die Drei Besen nach Hogsmeade – das Dorf bei Hogwarts –, weil sie Harry Potter traditionell im Winter und um Weihnachten liest. Vor uns steht Butterbier. Es ist die erste Thriller-Folge in diesem Podcast, und Helen sagt gleich zu Beginn, dass sie das Genre bisher eher ausgeklammert hatte. Aufgenommen haben wir digital.

Porträt von Sarah Bestgen

Sarah Bestgen

Psychologin und Autorin, lebt im Rheinland

Sarah Bestgen, Jahrgang 1990, hat Psychologie in Köln und Bonn studiert und in verschiedenen Bereichen gearbeitet – in der klinischen Psychologie, in der Rechtspsychologie und heute in der Personalberatung, wo sie Führungskräfte auf ihre Eignung begutachtet. »Happy End«, ihr erster Roman, ist in der Elternzeit ihres Sohnes entstanden und bei Bastei Lübbe erschienen. Sie lebt mit ihrer Familie im Rheinland und arbeitet zum Zeitpunkt dieser Folge am zweiten Buch.

Worum es in »Happy End« geht

Isa ist Anfang dreißig und hat sich mit ihrem Mann Mark in einem Kölner Vorort ein Familienleben aufgebaut. Der Roman beginnt an einem gewöhnlichen Morgen: Isa ist im Waschkeller, kommt wieder nach oben ins Wohnzimmer – und ihr vier Monate alter Sohn Ben, der eben noch auf der Krabbeldecke lag, ist weg. Eine Sonderkommission der Kölner Kriminalpolizei ermittelt unter Hochdruck, aber es gibt keine Spuren, und im Umfeld haben alle ein Alibi.

Das ist aber nur die Ausgangslage. Denn Ben taucht wieder auf: acht Monate später, an einer Tankstelle, wohlgenährt und inzwischen etwa ein Jahr alt. Wo er war und warum er zurück ist, weiß niemand. Sarah Bestgen fasst das im Gespräch so zusammen: Nach dem Happy End beginnt der eigentliche Albtraum.

Die Frage, die den ganzen Roman ausgelöst hat

Die Idee kam ihr in einer sehr alltäglichen Situation. Sie hatte ihren kleinen Sohn für ein paar Minuten allein im Haus gelassen, während sie etwas anderes erledigte – und dachte: Was wäre eigentlich, wenn er jetzt nicht mehr da wäre? Gleich hinterher kam der zweite Gedanke, der daraus einen Roman gemacht hat.

Erkennen Eltern ihre Kinder immer, zu jedem Zeitpunkt, auch wenn sie acht Monate verschwunden waren?Sarah Bestgen

Was sie daran als Psychologin gereizt hat: Zwischen vier Monaten und einem Jahr verändert sich ein Kind massiv, in der Optik wie in der Persönlichkeit. Isa bekommt einen Säugling weg und ein Kleinkind zurück, ist überglücklich – und entwickelt trotzdem ein Gefühl der Bedrohung. Die Frage, die das Buch trägt, ist deshalb nicht nur, wo Ben war, sondern ob Isa sich selbst noch trauen kann: Liegt es an ihrem Trauma, liegt es an Ben, liegt es am Umfeld?

Ein verschwundenes Kind, sagt sie, gibt es in Filmen und Büchern häufiger. Dass es zurückkommt, kannte sie so gut wie gar nicht.

Warum ein Thriller den eigenen Kindern gewidmet ist

Vorne im Buch steht die Widmung »Für meine Kinder, die mir alles bedeuten«. Helen fragt nach, weil das erst mal wie ein Widerspruch klingt. Die Antwort hat zwei Teile. Der eine liegt in der Geschichte selbst: Sie handelt von der Liebe einer Mutter zu ihrem Kind, und Isa wird über diese Liebe im Lauf des Romans zur Heldin. Der andere ist die Entstehung – das Buch ist in der Elternzeit ihres Sohnes geschrieben, und die Geburt war der Auslöser für die Idee.

Ein Buch zu schreiben war länger ihr Lebenstraum, ums Veröffentlichen ging es dabei erst mal gar nicht. Angefangen hatte sie schon öfter, war aber nie über zehn Seiten hinausgekommen – mal fehlte die Zeit, mal der Drive, mal hat eine Idee emotional nicht genug getragen. Diesmal war beides da: eine Idee, die sie selbst nicht mehr losgelassen hat, und bewusst freigeschaufelte Zeit. Geschrieben hat sie, wenn ihr Sohn mittags schlief.

Und ja, sagt sie, beim Schreiben sei sie sehr nah an einer Situation gewesen, in die man sich eigentlich gar nicht hineindenken will. Gleichzeitig habe genau das eine Distanz geschaffen: Als Autorin hatte sie die Kontrolle über die Geschichte, anders als ihre Figur.

Was die Psychologin ins Schreiben mitbringt

Ihr Handwerk stammt nicht aus Schreibworkshops – besucht hat sie keine. Es stammt aus dem Beruf: Psychologische Gutachten zu schreiben ist über die Jahre ihr Steckenpferd geworden, im Familienrecht, zum Waffenrecht, zu Eignung für Führungspositionen, zu Störungsbildern. Sich schriftlich sehr genau mit Menschen auseinanderzusetzen, war für sie die Brücke zum Romanschreiben.

Im Roman hat das eine sichtbare Folge: Sie hat sich zu jeder Figur ein kurzes Profil geschrieben – nicht nur zu Isa und Mark, sondern auch zu jeder Nebenfigur. Was motiviert diese Person, mit welchen Schwierigkeiten ist sie konfrontiert, welche Reise macht sie? Jede Figur soll eine eigene kleine Heldenreise haben, damit keine schablonenhaft bleibt. Helen findet, das wäre selbst ein tolles Hintergrundmaterial für Leser*innen: die psychologischen Gutachten zu den Figuren.

Auch die Stoffe kommen aus dem Beruf. Im Buch gibt es eine Psychiatrie-Episode – und Sarah Bestgen hat selbst in der Psychiatrie gearbeitet.

Emotion statt Blut – und die Frage nach den Vorbildern

Ihr erklärtes Ziel als Autorin ist, Gefühlstiefe ins Spannungsgenre zu holen. Viele Bücher jagen von einem Plottwist zum nächsten; sie wollte, dass man ganz nah an Isa dran ist und ihre Reise mitgeht. Blutiges Abschlachten findet sie selbst nicht schön, auch wenn sie zwischendurch gerne Horror und härtere Thriller liest.

Als Vorbilder nennt sie Stephen King, Sebastian Fitzek und Romy Hausmann. Bei King fasziniert sie die Atmosphäre und das Schreiben aus dem Bauch heraus – das einzige Buch übers Schreiben, das sie gelesen hat, ist seins. Bei Romy Hausmann die Nähe zu den Emotionen und die Botschaft hinter dem Thrill. Eine ihrer Lieblingsautorinnen ist außerdem Tess Gerritsen, deren Thriller sehr medizinisch und dadurch durchaus blutig sind.

Auf Helens Frage, ob Frauen anders schreiben als Männer, bleibt sie vorsichtig: verallgemeinern lasse sich das nicht. Ihre persönliche Hypothese – und sie nennt sie ausdrücklich so – ist, dass Frauen etwas mehr auf die Figuren und die Emotionalität schauen und Männer etwas mehr auf die Handlung. Daraus, sagt sie, könnte man mal eine spannende psychologische Studie machen.

Was hinter den Kulissen entschieden wird

Der Teil des Gesprächs, den Helen selbst so noch aus keinem Autor*innengespräch kannte: wie strategisch geplant wird. Beim zweiten Buch läuft es anders als beim ersten – es gibt eine Handlungsübersicht und ein Exposé, der Verlag kauft die Handlung ein, bevor geschrieben wird. Ob eine Reihe oder ein Stand-alone entsteht, wird gemeinsam mit Verlag und Literaturagentur entschieden. »Happy End« ist ein Stand-alone; eine Fortsetzung ist nicht geplant, ausschließen will sie sie aber nicht – zum ermittelnden Kriminalhauptkommissar kam aus dem Publikum schon die Frage nach einer weiteren Geschichte.

Dahinter steht der Begriff der Autorinnenmarke, der, wie sie betont, nicht von ihr kommt: Leser*innen interessieren sich zunehmend für die Person hinter den Geschichten, und ein plötzlicher Genrewechsel kann die eigene Leserschaft verlieren. Deshalb wird ein Wechsel oft mit Pseudonym gemacht. Schreiben sei etwas Künstlerisches und Emotionales, sagt sie – aber drumherum läuft eine Maschinerie aus Verlag, Agentur und allen Beteiligten.

Was Helen selbst am Thriller-Lesen schwerfällt und was sie daran gereizt hat, erzählt sie in dieser Folge ganz offen – inklusive der Beobachtung, dass sie das Wort »Thriller« nicht gerne ausspricht. Sarah Bestgen übrigens auch nicht.

Wenn du wissen willst, wie aus einer Angst, die alle Eltern kennen, ein ganzer Roman wird – und was eine Psychologin beim Schreiben anders macht –, hör dir diese Folge an.

Die Bücher aus dieser Folge

Ein Titel steht im Mittelpunkt, zwei kommen im Gespräch als Vorbilder dazu.

Buchcover »Happy End« von Sarah Bestgen

Happy End

Sarah Bestgen

Der Thriller, um den es in dieser Folge geht: Isas vier Monate alter Sohn Ben verschwindet aus dem Wohnzimmer – und taucht acht Monate später an einer Tankstelle wieder auf. Erschienen bei Bastei Lübbe, Untertitel: »Dein größtes Glück. Dein dunkelster Albtraum«.

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Buchcover »Das Leben und das Schreiben« von Stephen King

Das Leben und das Schreiben

Stephen King

Das einzige Buch übers Schreiben, das Sarah Bestgen gelesen hat – im Gespräch nennt sie es »fast eine Biografie«. Aus dem Englischen von Andrea Fischer, im Original »On Writing«.

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Buchcover »Liebes Kind« von Romy Hausmann

Liebes Kind

Romy Hausmann

Ihre dritte Nennung neben Stephen King und Sebastian Fitzek: Romy Hausmann schreibe sehr nah an den Emotionen. Die Netflix-Serie zum Buch wurde im November 2024 mit dem International Emmy ausgezeichnet.

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Häufige Fragen zu dieser Folge

Worum geht es in »Happy End«?

Isas vier Monate alter Sohn Ben verschwindet spurlos aus dem Wohnzimmer und taucht acht Monate später an einer Tankstelle wieder auf. Der Thriller beginnt dort, wo die Suche endet: bei der Frage, ob Isa in dem zurückgekehrten Kind wirklich ihren Sohn erkennt.

Ist das Buch sehr brutal?

Nein. Sarah Bestgen sagt im Gespräch ausdrücklich, dass blutiges Abschlachten nicht ihr Stil ist – ihr geht es um Gefühlstiefe. Die Spannung entsteht über die Emotionen der Hauptfigur, nicht über Gewaltszenen.

Muss ich Thriller mögen, um die Folge zu hören?

Nein. Es ist die erste Thriller-Folge in unserem Podcast, und Helen hatte das Genre vorher eher ausgeklammert. Es geht viel um Handwerk, Figurenarbeit und die Frage, wie ein Beruf das Schreiben prägt.

Warum hat Sarah Bestgen den Thriller ihren Kindern gewidmet?

Weil die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind das Herz der Geschichte ist – und weil das Buch in der Elternzeit ihres Sohnes entstanden ist. Die Geburt war der Auslöser für die Idee.

Was hat ihr Beruf als Psychologin mit dem Schreiben zu tun?

Sie schreibt beruflich psychologische Gutachten – im Familienrecht, zum Waffenrecht, zu Eignungsfragen und Störungsbildern. Für den Roman hat sie zu jeder Figur ein kurzes Profil angelegt: Motivation, Herausforderung, eigene kleine Heldenreise. Außerdem hat sie selbst in der Psychiatrie gearbeitet, was in eine Episode des Buchs einfließt.

Gibt es eine Fortsetzung?

Geplant ist keine – »Happy End« ist als Stand-alone angelegt. Ausschließen will Sarah Bestgen eine weitere Geschichte aber nicht; zum ermittelnden Kriminalhauptkommissar kam aus der Leserschaft bereits die Frage danach. Zum Zeitpunkt der Folge arbeitet sie am zweiten Buch.

Transkript der Folge

Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten. Maßgeblich ist die Aufnahme.

Helen
Herzlich willkommen, Sarah! Ich freue mich sehr, heute mit dir über deinen Thriller und über dein Autorinnendasein zu sprechen. Aber bevor wir damit starten, wie immer zwei Fragen an dich: Wo sind wir gerade, und welches Getränk hast du uns mitgebracht?

Sarah
Ja, also wir sind gerade in den Drei Besen in Hogsmeade, also in dem Dorf, in der Nähe von Hogwarts von Harry Potter. Das sind wir deshalb, weil ich das traditionell immer im Winter und um Weihnachten rumlese und ja, mich da gerade mit dir zusammen sehe und wir trinken ein Butterbier.

Helen
Das finde ich irgendwie richtig gut. Ich wüsste tatsächlich gerne mal, wie das eigentlich schmeckt und denke gerade, das kann man bestimmt irgendwo ausprobieren. Es gibt bestimmt bei Pinterest Rezepte dafür. Aber es klingt gut, ich bin in der Stimmung, stoßen wir mit an. Wir haben gerade schon, bevor ich auf Aufnehmen gedrückt habe, ein bisschen überlegt, wie ist diese Connection zustande gekommen, weil ich finde es irgendwie witzig. Wir haben eine gemeinsame Bekannte, die mich angeschrieben hat: Helen, wäre das nicht was, könntest du … Also ich glaube, sie hatte nicht den Podcast direkt genannt. Das war dann meine Idee, aber irgendwie ob das nicht irgendwie auch was für Mädels, die lesen. wäre, weil sie dich kennt, weil du das Buch gerade rausgebracht hast. Und ich habe mir es so angeschaut und dachte, im Podcast hatten wir noch nichts zu… Vielleicht auch deswegen, weil ich echt hasse, dieses Wort auszusprechen, aber zu thrillern. Vielleicht habe ich es deswegen einfach bisher ausgeklammert. Aber ich dachte, es ist ja voll spannend, weil das ein psychologischer Thriller ist, würde ich sagen. Du bist auch Psychologin und dann dachte ich, okay, das können wir auf jeden Fall mal ausprobieren. Ich hatte eben schon gesagt, ich hatte ein bisschen Angst, es zu lesen, weil ich hab dein Instagram-Account gesehen. Und ich hab dann die ganze Zeit gedacht, irgendwas ganz Gruseliges passiert bestimmt mit diesem Kind oder so. Das hat vielleicht übernatürliche Fähigkeiten oder sowas. Und war die ganze Zeit in so Hab-Acht-Stellung. Aber ich glaube, es ist auch so, weil man richtig geschickt reingezogen wird und ich fand es super, super spannend. Vielleicht magst du mal erzählen, was ist das für ein Buch, was du da geschrieben hast und worum geht's da?

Sarah
Ja, das mache ich gerne. Und schön, dass es dir gefallen hat. Ja, es ist, wie du es schon gesagt hast, das Wort spreche ich auch immer nicht gerne aus, ein Thriller. Ein Psychothriller, würde ich auch sagen, weil er einfach psychologisch aufgebaut ist aufgrund meines Berufs. Es geht um Isa. Das ist die Protagonistin, die ist Anfang 30 und die hat sich mit ihrem Mann Mark in einem Kölner Vorort so ein idyllisches Familienleben aufgebaut. Da startet die Geschichte auch. Wir bekommen mit, wie so eine Szene am Morgen beschrieben wird, wie Isa ihren Haushalt macht, so die typischen Sachen, die man versucht mit einem kleinen Baby nebenher noch irgendwie unterzubringen. Und dann ist es aber so, dass der kleine Ben, ist vier Monate alt, spurlos verschwindet aus dieser ganz alltäglichen Szene heraus. Also Isa ist im Waschkeller, sie wäscht ihre Wäsche, sie kommt wieder nach oben ins Wohnzimmer und ihr kleiner Sohn Ben, der da auf der Krabbeldecke gelegen hat, ist plötzlich verschwunden. Das ist natürlich ein absoluter Horror, ein Albtraum und ich glaube eine Angst, die Eltern, aber bestimmt auch Nicht-Eltern gut nachempfinden können. Es wird dann eine Sonderkommission der Kölner Kriminalpolizei gebildet, es wird natürlich unter Hochdruck ermittelt, aber es gibt einfach keine Spuren. Also der kleine Ben ist spurlos verschwunden, alle im Umfeld scheinen das perfekte Alibi zu haben. Ja und das Baby ist weg und das ist so die Ausgangssituation, mit der die Geschichte startet. Aber du hast es ja gelesen, und es steht auch schon im Klappentext: Das ist nicht die eigentliche Geschichte, denn Ben taucht wieder auf und zwar acht Monate später unter genauso mysteriösen Umständen. An einer Tankstelle wird er aufgegriffen. Er ist jetzt etwa ein Jahr alt und jetzt sind die Eltern natürlich vollkommen durcheinander. Sie sind wahnsinnig erleichtert. Isa ist wahnsinnig erleichtert. Sie hat ihr Kind zurück. Damit hat keiner mehr gerechnet. Sie hat die Hoffnung natürlich nie aufgegeben. Aber nach wie vor tappt die Polizei total im Dunkeln. Das Kind ist jetzt wieder da. Das kann sich keiner erklären. Aber wo es gewesen ist, wo war der kleine Ben? Man hat sich scheinbar gut um ihn gekümmert, er ist wohlgenährt, es geht ihm gut. Warum ist er wieder aufgetaucht? Das sind alles so Fragen, auf die niemand eine Antwort hat. Und da setzt die Geschichte eigentlich ein. Also nach dem Happy End beginnt der eigentliche Albtraum. Und das war auch so die Frage, die mich als Psychologin da sehr fasziniert hat, als ich auf die Idee der Geschichte kam. Erkennen Eltern ihre Kinder immer, zu jedem Zeitpunkt, auch wenn sie acht Monate verschwunden waren, vor allen Dingen in einer Zeit, in der sich Kinder stark verändern. Also so von der Persönlichkeit als auch von der Optik. Von vier Monaten hin zu einem Jahr passiert ja wahnsinnig viel. Und ja, Isa ist überglücklich und entwickelt bald aber ein Gefühl der Bedrohung. Also sie versucht so, die verlorene Zeit aufzuholen, versucht da irgendwie dran anzuknüpfen. Sie hat einen Säugling verloren, jetzt hat sie ein einjähriges Kind zurück. Sie könnte überglücklich sein, merkt aber bald, dass irgendwas nicht stimmt. Und sie fragt sich, ob das an ihr selber liegt, ob ihr Trauma so stark ist, weil ihr Baby verschwunden ist oder ob es vielleicht auch an Ben liegt oder am Umfeld. Das sind dann so die Fragen, mit denen sich die Geschichte beschäftigt.

Helen
Ja, und im Klappentext steht ja auch, dass es eben um diese Beziehung, Mutter zu ihrem Kind und so geht. Das war auch so was, wo ich dann dachte, ja, packt mich das dann überhaupt auch so, weil es auch gerade um diese Urängste, sag ich mal, dann von einer Mutter geht. Aber also ich denke, also ich hab manchmal gedacht, ich glaube, gerade wenn ich vielleicht ein Kind hätte, könnte ich es nicht lesen. Ich war so, oh mein Gott, also ich konnte mich total in diesen Albtraum hinein denken. Aber was ich auf jeden Fall sagen kann, auch als Nicht-Mutter, ich fand es super spannend. Also ich glaube einfach, diese Gefühle sind unglaublich gut beschrieben, diese Ängste, die sie hat, die Unsicherheit. Also für alle, die vielleicht denken, das wäre nichts für sie: Ich fand es echt ein bisschen krass. Und ich habe glaube ich die ganze Zeit auch noch auf irgendwas gewartet, ich war so krass angespannt. Ich frage mich, ob das daran liegt, dass ich sonst nicht so viele Thriller lese. Aber ich glaube, es ist auch, weil es so krass auf die Gefühlsebene geht. Wir haben mit Melanie Raabe hier ja schon zweimal gesprochen und sie sagt auch, so sie will nicht, dass jemand irgendwie abgeschlachtet wird oder so, das findet sie selber auch nicht schön und so. Und ich habe so das Gefühl, dadurch geht man vielleicht wirklich auf eine andere Ebene. Ich weiß nicht, es geht wahrscheinlich so an Urängste.

Sarah
Ja, das ist total schön, dass du das so formulierst, weil das ist so irgendwie mein erklärtes Ziel als Autorin, so ein bisschen meine Mission. Also blutiges Abschlachten finde ich auch nicht schön. Ich lese zwar auch gerne Horror und auch mal härtere Thriller zwischendurch, aber das ist jetzt nicht so mein eigener Stil. Und ich habe schon länger irgendwie überlegt. Es gibt so viele tolle Bücher natürlich im Spannungsbereich, aber viele auch, wo man von einem zum nächsten Plottwist gejagt wird, wo es halt hauptsächlich um die Spannung geht. Und da passieren auch spannende Dinge, das ist auch spannend. Aber ich habe mich so gefragt, ob man diese Emotionalität nicht eigentlich total gut in dem Genre unterbringen kann. Und habe das dann in meinem ersten Buch »Happy End« versucht, so umzusetzen. Also diese Gefühls-Tiefe habe ich versucht, da wirklich reinzubringen, dass man ganz nah an Isa dran ist, dass man mitleidet, mitfühlt, sich auch mitfreut, also dass man möglichst so dicht dran ist, dass man die Reise, die sie geht, auch emotional miterlebt, so wie das eben möglich ist beim Lesen.

Helen
Ja. Fand ich auf jeden Fall. Und was ich irgendwie auch gerade dachte, wo du das beschrieben hast, ist das Buch tatsächlich eigentlich an sich relativ ruhig. Also, würde ich jetzt mal sagen, es verdichtet sich natürlich, aber es ist schon tendenziell ruhig, aber ich glaube, was wirklich durchklingt, ist das Bedrohliche, was man so spürt zwischen den Zeilen. Was ich, glaube ich, vorne drin gesehen habe, aber auch bei dir bei Instagram, ist, dass du es deinen Kindern gewidmet hast. Für meine Kinder, die mir alles bedeuten. Bei Instagram hast du das auch noch mal erklärt. Ich fand das schon krass. Vielleicht kannst du das noch mal ein bisschen aufgreifen. Warum hast du einen Thriller für deine Kinder geschrieben? Das scheint erst mal wirklich ein Widerspruch zu sein.

Sarah
Das stimmt. Ich glaube, so richtig versteht man das dann, wenn man die Geschichte liest. Deswegen kann ich jetzt nicht spoilern, aber die Geschichte handelt ja von der Liebe einer Mutter zu ihren Kindern und handelt auch so von der Verbundenheit. Und Isa wird ja ganz stark in diese ganz schlimme Situation reingeworfen, wo sie sowieso das Wichtigste ihres Lebens verliert und kämpft darum, den kleinen Ben wiederzufinden. Als sie ihn wiedergefunden hat, tauchen ja auch ganz viele starke Selbstzweifel auf und es beschäftigt sich ja dann eigentlich sehr viel mit der Frage, hat sie ihr Kind vor sich, erkennt sie das, ist sie paranoid, ist sie nicht paranoid? Da ist ja so viel was in ihr abläuft und wo sie aber immer weiter kämpft, weil sie ihr Kind einfach so sehr liebt und sozusagen dann ja auch zur Heldin wird so im Laufe der Geschichte und deswegen passt das für mich ganz gut.

Helen
Deswegen habe ich da auch viel irgendwie so mitempfunden, was Isa empfindet, ohne dass ich jemals in so einer Situation war, Gott sei Dank, aber konnte mich da so ganz gut rein denken, wie man das halt kann, wenn man's noch nicht erlebt hat.

Sarah
Das ist zum einen der Grund, dass ich es meinen Kindern gewidmet habe, weil das so ein bisschen das Herz der Geschichte ist, diese Liebe, die ich da selber auch spüre. Und zum anderen habe ich es in der Elternzeit von meinem kleinen Sohn geschrieben. Das war schon immer so mein Lebenstraum, mal ein Buch zu schreiben. Es ging da gar nicht ums Veröffentlichen. Das kam alles später unerwarteterweise und hat mich total gefreut. Aber der Plan war eigentlich nur einmal ein Buch zu schreiben. Und diese Geschichte kam mir dann so in den Sinn durch die Geburt von meinem kleinen Sohn und durch das Auseinandersetzen so mit der Liebe und den Ängsten, die da auch automatisch irgendwie mit hochkommen. Und deshalb waren meine Kinder da so ein bisschen auch der Schlüssel, dass ich diesen Lebenstraum endlich verwirklicht habe und eine Geschichte gefunden habe, die sich auch so getragen hat, dass ich ein ganzes Buch dazu schreiben konnte. Also ich hatte schon häufiger Ideen, aber die haben nicht für eine ganze Geschichte gereicht. Die haben vielleicht auch nicht genug für mich emotional getragen und das war jetzt bei dieser Idee und bei dieser Geschichte anders. Ich habe mir die Zeit genommen und bin auch was das angeht, total dankbar, dass ich das endlich gemacht habe.

Helen
Ja, auch richtig cool. Und war das dann so, dass du halt wirklich am Anfang nur die Idee hattest und irgendwie, wie man das so oft hört, dann hat sich es irgendwie so von selber entwickelt. Also du wusstest vielleicht noch gar nicht genau, wie es am Ende aussieht oder wie es so dein Schreibst. Wusstest du schon die gesamte Story?

Sarah
Das ist eine total spannende Frage und für mich immer ein bisschen witzig, weil ich noch gar nicht so die feste Routine habe. Ich sitze ja gerade am zweiten Buch und erprobe mich da selbst noch. Bei »Happy End« war es aber so, dass ich die Idee hatte. Also ich hatte den Gedanken, wie sich das wohl anfühlen muss, wenn das eigene Kind verschwindet, auch in so einer alltäglichen Situation, wo ich meinen kleinen Sohn zurückgelassen habe, also im Haus, während ich noch andere Dinge erledigt habe, für ein paar Minuten. Und dann kam der Gedankenblitz, was wäre eigentlich, wenn er jetzt nicht mehr da wäre, so, das war so diese Ausgangssituation. Und gleich darauf kam der Gedanke hinterher, was wäre eigentlich, wenn er wieder auftauchen würde, Monate später, wüsste ich dann, welches Kind ich vor mir habe? Also wäre ich da ganz sicher in meinem Gefühl und über diese Frage, weil also ein verschwundenes Kind, das hat man ja häufiger in Film, Fernsehen, Büchern, aber dass es wiederkommt, soweit ich weiß, fast noch gar nicht oder vielleicht in ein, zwei anderen Geschichten und das fand ich dann so faszinierend. Das heißt, am Anfang gab es eigentlich nur diese Was-wäre-wenn-Ausgangssituation, und da habe ich dann weiter darüber nachgedacht, wie ich das zusammenbauen könnte, wie könnte die Geschichte sein, wie könnte die Auflösung sein, was steckt hinter allem. Also dann musste ich schon so ein Gerüst drumherum bauen. Es ist ja auch bei einem Thriller schon wichtig, glaube ich, gerade in dem Genre nicht einfach drauf loszuschreiben, sondern man muss sich ja vorher auch ein bisschen was überlegen, Was sind Wendepunkte? Was sind falsche Fährten? Wen webt man wie ein? Aber ich würde sagen, das merke ich jetzt auch beim zweiten Buch, dass ich nicht jemand bin, der total viel vorplanen kann. Also ich habe das zweite Buch, das läuft natürlich dann anders. Dann hat man eine Handlungsübersicht, ein Exposé, das kriegt der Verlag und kauft es ein. Das heißt, man verkauft ja die Handlung, bevor man anfängt zu schreiben. Das heißt, man muss auf jeden Fall planen und plotten. Das mache ich auch, das ist auch wichtig. Aber ich kann dann nicht so auf Detail-Ebene gehen wie vielleicht andere Autorinnen und Autoren. Also ich muss da schon auch anfangen zu schreiben, um die Geschichte zu fühlen, vor allen Dingen um mich in die Figuren einzufühlen. Ich habe da schon ein recht klares Bild vorher, aber über das Schreiben erfühle ich dann auch, was logisch wäre. Also was würde die Figur jetzt als Nächstes machen? Was ergibt da Sinn? Und das ist dann also so ein Mix aus Vorplanen und beim Schreiben überlegen, was passt und was, wie könnte es weitergehen? Manchmal ist man schon so ein bisschen im Flow, dass man dann schreibt und schreibt und plötzlich passieren dann Dinge, die man jetzt nicht geplant hat. Da muss man natürlich auch gucken, wie man am Ende das Ganze wieder rund kriegt.

Helen
Ja irgendwie finde ich das voll spannend. War dir klar, dass du in diesem Genre schreiben willst oder war wirklich erstmal nur die Idee? Weil ich meine, keine Ahnung, ich meine die Idee ist auch krass, aber hätte auch ein Roman oder so was wahrscheinlich sein können.

Sarah
Das war mir schon klar, weil ich selber total gerne Spannungsliteratur lese. Und weil ich als Psychologin auch eine totale Faszination habe, so für menschliche Extreme, also so psychische Abgründe in alle Richtungen. Ich habe ja auch schon in vielen verschiedenen Bereichen der Psychologie gearbeitet, habe mich im Studium auch mit forensischer Psychologie befasst. Und da ist schon so eine gewisse Nähe und Faszination auch für den Menschen als solches und für alles, was der Mensch eigentlich empfinden oder tun kann. Und dann sind natürlich als Psychologin auch gerade so die Fragen spannend, was macht einen Menschen böse? Also, was bringt einen Menschen dazu? Zum Mord beispielsweise. Kann jeder dazu gebracht werden? Das werfe ich jetzt einfach so rein. Aber es sind auch Fragen, die ich total spannend finde. Straftäter-Biografien zum Beispiel. Aber eben nicht nur die bösen Facetten, sondern generell alles Extreme. Alle Extreme, die mit den Menschen zu tun haben. Damit beschäftige ich mich als Psychologin generell gerne. Ich finde alle Bereiche der Psychologie total spannend. Deshalb lag für mich auch das Spannungsgenre nahe. Weil es da einfach viele spannende Fragen gibt, auch rund um den Menschen, wie man da irgendwie gut verpacken kann.

Helen
Ja, das stimmt natürlich. Was ich mich gerade frage, wenn ich jetzt so mir vorstelle, ich schreibe diese Geschichte, die, also die, die ich natürlich irgendwie fasziniert, aber die ja schon auch aus so einer eigenen Angst entstanden ist. Also ich weiß nicht, ob ich da nicht sogar noch mehr Ängste entwickelt hätte, wenn ich mich da so einmal so richtig so ein Deep Dive reinmache. Hattest du zwischendurch noch mehr Angst um deine Kinder? Oder konntest du es damit vielleicht auch ein bisschen von dir fernhalten?

Sarah
Ja, genau. Also, ich glaube, beides stimmt ein bisschen. Also, zum einen, weil es mir ja wichtig war, dass die Figuren authentisch sind und die Emotionen möglichst gut rüberkommen, musste ich mich natürlich maximal reinfühlen in eine Situation, in die man sich eigentlich gar nicht reindenken oder reinfühlen will. Also überhaupt nicht. Und dann ist man natürlich selber irgendwie sehr verwundbar und sehr nah dran, an dem, was man eigentlich am liebsten so wegschieben möchte. Das schon. Und gleichzeitig ist schreiben ja auch immer so ein bisschen wie eine Therapie. Also man hat ja die Geschichte dann unter Kontrolle. Also im Gegensatz zu Isa, der Protagonistin, der das passiert und die da von einer schlimmen Tragödie in den nächsten Horror reingeschmissen wird und die ganze Zeit irgendwie versucht, damit zurechtzukommen, konnte ich als Autorin ein bisschen die Kontrolle behalten – was heißt ein bisschen. Ich konnte die Kontrolle übernehmen und die Geschichte stricken und überlegen, wie es weitergeht und Isa da durchführen. Und dadurch kann man glaube ich schon sagen, dass ich auch wieder eine Distanz dazu aufgebaut habe und ja Herr der Lage war sozusagen, was wiederum, irgendein Autor hat mal gesagt, vielleicht war sogar Sebastian Fitzek, dass das auch immer so ein bisschen Therapie ist, weil man sich mit seinen eigenen Ängsten auseinandersetzt und aber selber entscheiden kann, wie die Geschichten ausgehen. Ja.

Helen
Ja, schlau. Weil ich sage immer so ein bisschen so, dass Lesen meine Therapie ist. Aber so, also meine Therapeutin selber hat auch gesagt, so, es würde mir vielleicht helfen, es auch zu schreiben. Aber ich habe ganz lange gedacht, dafür fühle ich mich gar nicht bereit. So, als würde ich die Büchse der Pandora öffnen und da käme ganz viel raus. Aber ich kann es auf jeden Fall total nachvollziehen. Ich wüsste, glaube ich, immer einfach nicht, worüber ich so schreiben soll. Aber das, ich weiß nicht, ich finde das schon cool, weil man hat ja manchmal so Ideen. Hast du so einen Schreib-Workshop oder sowas in der Richtung gemacht, der dir dann so Techniken beigebracht hat? Oder hast du einfach wirklich einfach mal angefangen und geschaut, wie es so läuft?

Sarah
Also ich habe generell in meinem Leben immer total gern geschrieben. Aber noch keinen Roman, also noch kein ganzes Buch. Das hier ist tatsächlich das erste. Ich habe es schon häufiger mal angefangen. Ich hatte eine Idee und habe mich dran gesetzt. Und dann bin ich aber über die ersten zehn Seiten eigentlich nicht hinausgekommen. Weil ich dann für mich irgendwie nicht so den Drive hatte, die Zeit nicht hatte, irgendwie die Idee wieder losgelassen habe. Beruflich ist das anders – das ist jetzt nicht eins zu eins übertragbar, aber es spielt doch eine Rolle. Da habe ich mich sehr schnell spezialisiert. Also ich habe in verschiedenen Bereichen gearbeitet: in der klinischen Psychologie, in der Rechtspsychologie, jetzt aktuell in der Personalpsychologie, auch schon in anderen Bereichen und da ist es immer irgendwie zu meinem Steckenpferd geworden, psychologische Gutachten zu schreiben. Also Gutachten über Personen, aber dann zu ganz verschiedenen Themen. Also ob es jetzt ein rechtspsychologisches Gutachten war im Familienrecht oder irgendwas zum Thema Waffenrecht oder ob es jetzt ein Personalgutachten ist, wo es darum geht, ob eine Person für eine Führungsposition geeignet ist oder ein klinisches Gutachten, woher verschiedene Störungsbilder kommen. Und darüber habe ich mich schriftlich schon sehr viel immer mit Menschen auseinandergesetzt. Und das habe ich so ein bisschen übertragen, auch aufs Bücherschreiben: dass es mir total wichtig war, die Figuren auch so auszuarbeiten. Also ich habe jetzt keine psychologischen Gutachten über sie verfasst. Das wäre allerdings eine sehr spannende Sache. Aber ich bin da schon sehr nah rangegangen und habe mir so über die Motivationen und die Gefühle der Figuren sehr viele Gedanken gemacht. Ich glaube, das war schon eine kleine Brücke für mich. Und dann ist es aber so, also ich habe keine Workshops besucht zum Thema Romane schreiben. Ich habe mal, ich glaube, es ist fast eine Biografie, von Stephen King gelesen, weil der ja ein Bauchschreiber ist, wenn man das so sagt. Das heißt, der schreibt aus dem Bauch heraus, glaube ich, zumindest. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie das Buch heißt – über das Leben und das Schreiben oder so. Ich habe das mal verschenkt. Und das fand ich total spannend, einfach darüber nachzudenken. Ich glaube, dass das auch sehr unterschiedlich gemacht wird. Also es gibt Autoren, die planen total viel. Die planen die ganze Geschichte, weiß ich nicht, fast schon in Buchumfang vor und schreiben dann. Und dann gibt es Autoren wie Stephen King, die haben eine Ausgangsidee, fangen an zu schreiben und gucken, wo sie enden. Und Stephen King ist ja ein Meister darin, eine krasse Atmosphäre zu schaffen. Man ist da ja wirklich plastisch und stark in seinen Welten drin. Die Enden sind ja nicht immer ganz so logisch angeschlossen, also wie die Geschichte endet, was dann vielleicht auch am Bauchschreiben liegt, weil er das im Laufe der Geschichte so entwickelt. Aber das ist total faszinierend. Ich glaube, da muss jede und jeder den eigenen Weg finden. Bei mir ist es so ein Zwischending. Und der Unterschied, weshalb ich sonst nie über zehn Seiten hinausgekommen bin und diesmal eine ganze Geschichte daraus entstanden ist, das ist die Idee als solche, weil die mich so fasziniert hat. Dann habe ich mir bewusst die Zeit genommen in der Elternzeit und gesagt, das war immer dein Lebenstraum. Ich habe mich dann immer, wenn mein Sohn mittags schlief, hingesetzt und weitergeschrieben. Ich habe mich da einfach mal durchgebissen. Die Geschichte hat es aber für mich auch hergegeben. Da ist auch der Knoten geplatzt. Also, ich sitze ja auch gerade am zweiten Buch. Ich habe jetzt nicht mehr das Problem, dass ich über den Anfang nicht hinausbekommen würde, weil ich so ein bisschen für mich rausgefunden habe, was für mich funktioniert, damit ich bis zum Schluss komme und da ist eine ganze Geschichte entstanden. Aber ich stelle da auch noch viel im Prozess um. Also auch jetzt, wo ich schreibe und dann überlege, was funktioniert, dann habe ich tausend Seiten Dokumente, wo ich dann irgendwelche Planungen mache und irgendwelche Post-its und ich glaube, da muss man sich auch noch so ein bisschen reinfinden.

Helen
Ja voll. Aber irgendwie denke ich gerade so, wenn du so einen Newsletter hast oder so was bei Instagram, dann wäre das eigentlich ein mega witziges Hintergrundwissen: die psychologischen Gutachten für die Figuren. Das fände ich eigentlich richtig gut. Ich hatte dir ja gesagt, dass ich auch Fragen eingesammelt habe. Also: Wie beeinflusst dein Beruf deinen Schreibprozess und vor allem deine Charaktergestaltung? Das war die eine Frage. Ich weiß nicht, so ein bisschen bist du jetzt schon drauf eingegangen, aber gibt es da vielleicht noch was, was du ergänzen möchtest?

Sarah
Ja, genau. Also zum einen, dass ich da so eine psychologische Tiefe für die einzelnen Figuren reinbringe. Das war mir auch nicht nur für Isa und Mark wichtig, die Hauptfiguren, sondern für alle anderen. Also für jede kleine Randfigur war es mir wichtig. Ich habe mir dann schon so kurze Profile geschrieben, wo ich darüber nachgedacht habe, was motiviert die Person und welche Reise macht sie in der Geschichte. Jede einzelne Figur in »Happy End«, auch wenn es eine Nebenfigur ist, macht eine Reise für sich. Das heißt, ich habe mir überlegt, mit welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen ist die Person konfrontiert, weil ich finde, das entspricht auch dem Leben. Wir alle haben eigene Herausforderungen zu bewältigen, entweder innere oder auch äußere. Und dann habe ich überlegt, wie beeinflusst die Geschichte die Figur, und was muss die Figur für sich machen, welche Stärke muss sie dazugewinnen, um so eine kleine Heldenreise zu machen sozusagen. Das habe ich mir für alle Figuren überlegt, weil mir das wichtig war, dass die nicht schablonenhaft werden, sondern dass man sich da irgendwie gut reinfühlen kann, vielleicht sogar identifizieren an der einen oder anderen Stelle. Ich glaube, das ist der größte Anknüpfungspunkt für mich zu meinem Job als Psychologin und natürlich die Themen. Ich habe so ein paar Sachen verarbeitet in der Geschichte, die ich so auch schon erlebt habe. Ich habe zum Beispiel eine Psychiatrie-Episode drin. Da habe ich natürlich Erinnerungen daran, wie das war, als ich in der Psychiatrie gearbeitet habe. Ich will jetzt nicht zu viel vorwegnehmen, aber da kann ich natürlich ein bisschen was erzählen aus meinen verschiedenen Stationen als Psychologin. Das lasse ich dann auch ganz praktisch sozusagen einfließen.

Helen
Ja, klar. Damit bist du wahrscheinlich schon näher dran, als wahrscheinlich viele andere Autorinnen in dem Genre. Du kennst dich dabei auch noch mal anders aus. Eine Frage war, wer ist dein Vorbild unter den großen Thriller-Autorinnen und -Autoren? Du hast auf jeden Fall Stephen King genannt und Fitzek.

Sarah
Ja, richtig. Stephen King und Fitzek auf jeden Fall Romy Hausmann.

Helen
Romy Hausmann habe ich, glaube ich, immer noch nicht gelesen. Bin ich gerade gar nicht so ganz sicher. Ist das mit diesem Kind, »Liebes Kind« oder irgendwas?

Sarah
Genau, was jetzt auch bei Netflix läuft und, glaube ich, den International Emmy gewonnen hat. Genau. Also kann ich nur empfehlen. Ich liebe Romys Schreibstil, weil ich finde, dass sie auch sehr nah an den Emotionen dran ist. Also ihre Geschichten haben so eine Tiefe, abseits von Thrill, Blut und Spannung, und so eine Botschaft. Also deswegen lese ich total gerne auch Romy Hausmann.

Helen
Ja. Cool, ja. Hast du das Gefühl, dass da vielleicht Frauen auch anders schreiben als Männer oder kann man das nicht so verallgemeinern?

Sarah
Ich glaube, grundsätzlich kann man es nicht verallgemeinern. Es ist so eine persönliche Hypothese. Ich glaube schon, dass Frauen ein bisschen emotionaler schreiben. Und Männer – das ist wie gesagt nur ein ganz persönlicher Eindruck – vielleicht dann doch etwas mehr handlungsorientiert. Das wäre jetzt so eine Hypothese, da könnte man mal eine spannende psychologische Studie machen. Also dass Frauen mehr auf die Figuren fokussieren und Männer vielleicht im Spannungsgenre mehr auf die Handlung auch und da vielleicht dann auch krasser verschiedene Handlungsstränge verweben oder verschiedene Ereignisse, Plottwists und so weiter. Und Frauen vielleicht so ein bisschen doch mehr auf die Emotionalität achten. Zum Beispiel Melanie Raabe hattest du eben angesprochen, die weiß ich auch total zu schätzen. Die Bücher, die sie schreibt, die sind ja dann auch eher mit mehr Gefühl und Tiefgang. Aber so richtig verallgemeinern kann man es auf keinen Fall. Eine meiner Lieblingsautorinnen ist zum Beispiel auch Tess Gerritsen, schreibt ja auch Thriller und Krimis, und die sind sehr medizinisch und dadurch auch blutig und das finde ich dann auch total spannend. Also da würde ich jetzt gar nicht so sehr sagen, dass sie auf die emotionalere Schiene geht. Und Sebastian Fitzek transportiert ja auch Botschaften und tiefergehende Themen in seinen Geschichten. Also das ist, glaube ich – verallgemeinern kann man es nicht, aber wahrscheinlich ist es schon so ein bisschen so übrigens auch bei den Leserinnen und Lesern. Also »Happy End« lesen auf jeden Fall Männer wie Frauen, das habe ich festgestellt, aber ich würde mal behaupten, dass der überwiegende Teil vielleicht Frauen sind bei der Art der Story. Und Männer sich vielleicht dann eher noch mal eine andere Geschichte aussuchen.

Helen
Ja, irgendwie spannend. Ich dachte eben auch, wäre das für dich eine Option, weil irgendwie frage ich mich das natürlich jetzt schon, wie sehr hat das alles auch Ben geprägt? Was würde im Erwachsenenalter aus ihm, wie geht's ihm irgendwie? Also wäre das für dich auch eine Option irgendwann noch mal so eine spätere Story zu schreiben?

Sarah
Also geplant ist das jetzt nicht, weil man ja auch mit dem Verlag und der Agentur viel so strategische Entscheidungen trifft. Beispielsweise: Schreibt man eine Reihe, kommen da Folgebände, oder ist es ein Stand-alone und wir haben uns jetzt erstmal darauf verständigt, dass es Einzelbücher sind, also zumindest »Happy End«, ein Stand-alone ist. Es ist kein weiteres geplant, aber ich kann mir schon vorstellen, wenn sich dann die Möglichkeit ergibt und auch die entsprechende Idee. Ich müsste natürlich erst mal im Spannungsgenre bleiben, das ist ja auch wichtig, um sich da eine Autorinnenmarke aufzubauen, da schon mal darüber nachzudenken. Also ich weiß zum Beispiel auch aus einigen Rezensionen und Rückmeldungen von Leserinnen und Lesern, dass auch der Kriminalhauptkommissar sehr gut angekommen ist, den mochten anscheinend einige und da kam auch schon die Frage, ob es da nicht mal noch eine weitere Geschichte geben könnte, wo er irgendwie involviert ist und so was kann ich mir schon vorstellen. Aktuell ist das nicht geplant, aber ausschließen würde ich es auch nicht.

Helen
Ja, stimmt. Ich finde es irgendwie auch so total spannend, dass… Ich frag mich, ob das am Genre liegt, aber dass du natürlich auch schon viel strategischer planst. Das kenne ich so noch gar nicht aus Gesprächen mit Autorinnen und Autoren. Vielleicht sind die Gespräche nie darauf gekommen, aber ich könnte mir auch vorstellen, dass es vielleicht auch nochmal anders ist in deinem Genre, dass man das vielleicht auch schon anders angeht. Also wägt ihr dann so gemeinsam ab, welche Richtung willst du einschlagen, was könnte sinnvoll sein, was könnte gut funktionieren?

Sarah
Ja, also ich glaube in dem Moment, wo man mit einem Verlag zusammenarbeitet, ist das immer eine grundsätzliche Überlegung. Also wird darüber schon nachgedacht. Dieser Begriff Autoren- oder Autorinnenmarke, der kommt auch nicht von mir. Also es ist schon so, dass man heutzutage, glaube ich, einen starken Fokus auf die Autorinnen und Autoren als Person legt, dass die auch was verkörpern und auch so ein bisschen eine Mission haben, mit der man sich vielleicht identifizieren kann. Und die Menschen interessieren sich auch immer stärker für die Autorin oder den Autor hinter den Geschichten. Und da macht es schon Sinn, wenn es jetzt nicht total in ganz verschiedene Richtungen geht, weil wenn ich jetzt zum Beispiel mit »Happy End« Thriller-Leserinnen und -Leser angesprochen habe und die freuen sich auch auf nächste Bücher und dann schreibe ich beispielsweise eine Liebesgeschichte, dann habe ich die gegebenenfalls auch teilweise wieder verloren und spreche wieder eine ganz andere Zielgruppe an. Schreiben ist natürlich etwas Künstlerisches und etwas Emotionales und etwas, was auch viel, zumindest bei mir, so aus dem Gefühl heraus passiert, aber drumherum ist ja eine wahnsinnige Maschinerie durch den Verlag, durch alle Personen, die da beteiligt sind, durch die Literaturagentur, die ich habe. Und da werden sich auf jeden Fall auch viele strategische Gedanken gemacht. Und was auch über alle Genres hinweg eigentlich gleich ist, dass man eher versucht, erst mal in einem Genre zu schreiben und sich einen Namen zu machen. Und wenn man dann einen Genrewechsel wagt, dann meistens mit, oder oft mit Pseudonym, um die Leserinnen und Leser nicht zu verwirren, wenn dann plötzlich irgendwie doch eine ganz andere Sparte bedient wird. Manche Autorinnen und Autoren wie zum Beispiel Sebastian Fitzek, der hat ja auch so humoristische Bücher geschrieben. Ich glaube, der hat natürlich so eine große Fanbase, das kann er sich auch einfach gut erlauben, dann mal einen Vorstoß in andere Bereiche zu wagen und das ist glaube ich für einen Autor oder eine Autorin auch einfach spannend, mal was anderes zu machen. Ja, aber meistens wird dann mit Pseudonym gearbeitet.

Helen
Boah, spannend. Also ich glaube auch gerade zu diesen ganzen Hintergründen, was man so als Leser oder Leserin normalerweise nicht mitbekommt, ist auch einfach natürlich total interessant. So, als würde man mal ein bisschen hinter den Vorhang gucken. Deswegen danke fürs Teilhabenlassen. Wenn jetzt die Zuhörerinnen das Buch lesen möchten: »Happy End« von Sarah Bestgen. »Dein größtes Glück. Dein dunkelster Albtraum« steht vorne drauf. Wo finden sie dich und wo finden sie das Buch?

Sarah
Mich findet man bei Instagram und Facebook unter Sarah Bestgen, also unter meinem Namen. Ich habe jetzt noch keine eigene Homepage, ich bin aktuell eher über Social Media aktiv und weil man da eh so viel teilen kann, deswegen habe ich das jetzt noch nicht ins Auge gefasst, werde aber bestimmt noch dazu kommen, eine Homepage zu machen oder basteln zu lassen. »Happy End« findet man eigentlich in allen Buchläden oder über alle gängigen Online-Buchhändler auch, wenn man es jetzt stationär im Handel nicht kriegt. Es ist natürlich immer gut, den örtlichen Buchhandel zu unterstützen und sich das dann sonst da zu bestellen, wenn es jetzt nicht im Laden liegt, aber man kriegt es ansonsten auch online eigentlich über alle Kanäle. Und wenn man gar nicht selber suchen möchte, dann findet man es auf jeden Fall über die Lübbe-Webseite direkt per Klick, ja, also Lübbe als Verlag.

Helen
Ja, sehr gut. Wir verlinken es auch noch mal in den Show Notes. Aber ja, ich fand es mega cool, mich gemeinsam mit dir noch mal in so ein neues Genre vorzuwagen. Ich finde spannende Sachen immer auch total geeignet, wenn ich merke, ich rutsche so ein bisschen in so eine Leseflaute, die durch alles Mögliche ausgelöst werden kann. Aber manchmal ist auch so, ich fange ein Buch an, das packt mich nicht richtig und dann greife ich halt nicht dazu, weil ich es nicht weglegen kann. Und in so einem Moment finde ich etwas Spannendes richtig gut und spannend ist »Happy End« halt total. Deswegen, falls ihr eine Leseflaute überwinden wollt oder eben einfach Lust auf was wirklich Spannendes habt, kann ich »Happy End« sehr empfehlen. Danke dir für deine Zeit und ja, wir drücken die Daumen, dass das ein Mega-Erfolg wird und freuen uns schon aufs Nächste.

Sarah
Ja, danke Helen. Danke schön, dass ich hier mit dir diese Podcastaufnahme machen durfte. Hat mir auch sehr viel Spaß gemacht.

Helen
Ja, ich würde sagen, wir trinken unser Butterbier jetzt zu Ende und quatschen noch ein bisschen darüber, dass du dir unbedingt auf jeden Fall deine Domain sichern musst. Das habe ich gerade direkt gedacht, wenn du noch keine Website hast. Bis dann. Tschüss.

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