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Podcast · Folge 99
Wenn das Weltgeschehen am Frühstückstisch landet
Kristine Bilkau über ihren Roman »Halbinsel«, zwei Frauen zwischen Erschöpfung und Handlungsfähigkeit – und darüber, was eine geführte Wattwanderung damit zu tun hat
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Diese Folge wurde vom Luchterhand Literaturverlag gesponsert. Auf das Gespräch selbst hatte der Verlag keinen Einfluss – und diese Seite gibt wieder, was in der Folge gesagt wurde.
Der Einstieg ist bei uns immer eine gedankliche Reise: Wo sitzen wir gerade, und welches Getränk hast du uns mitgebracht? Kristine Bilkau nimmt uns mit an die Nordsee, direkt nach einer Wattwanderung: kühler Frühling, blauer Himmel, frischer Wind, wir sind warm angezogen und auf der Hallig Südfall gelandet. Auf der Warft gibt es einen kleinen Hof mit Gastronomie, wir setzen uns nach draußen und bekommen frisch aufgebrühten schwarzen Tee. Aufgenommen haben wir digital.
Kristine Bilkau
Autorin, lebt in Hamburg
Kristine Bilkau wurde 1974 geboren und hat Geschichte und Amerikanistik in Hamburg und New Orleans studiert. Ihr Roman »Nebenan« stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. »Halbinsel«, das Buch, um das es in dieser Folge geht, erschien am 19. März 2025 bei Luchterhand – eine Woche nach dieser Folge wurde es mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet. Zur Nordsee hat sie eine familiäre Bindung: Ihre Mutter ist dort geboren, ihre Großmutter hat dort gelebt, und ihr Urgroßvater hat vor sechzig, siebzig Jahren geführte Wattwanderungen angeboten.
Woraus der Roman entstanden ist
Bevor sie zu schreiben anfängt, vergeht bei ihr eine Zeit – manchmal Jahre –, in der sie Gedanken sammelt, ohne schon eine Struktur zu haben. In diesem Fall war es eine Mischung aus dem breiteren Weltgeschehen: die Klimakrise, die Jahre der Pandemie, die Unruhe in Europa und dann 2022 der Überfall Russlands auf die Ukraine.
Die Frage, die sie daraus mitgenommen hat, ist eine sehr konkrete: Was macht das mit Kindern, Teenagern, jungen Erwachsenen, die in diesem Modus aufwachsen – die das jeden Tag schon vor der Schule nebenbei aufnehmen, übers Radio, über Social Media? Und die Gegenfrage, die sie sich als Mutter eines Teenagers selbst stellt: Was vermitteln wir ihnen, und was verschweigen wir vielleicht auch, um ihnen die Welt als hoffnungsvollen Ort zu verkaufen?
Zwei Frauen, zwei Erschöpfungen
Im Roman stehen sich Annett und ihre Tochter Linn gegenüber. Linn ist Mitte zwanzig, bricht nach einem Zusammenbruch alles rigoros ab und zieht sich komplett zurück – aus allem, was sie sich an eigenem Leben schon erarbeitet hatte. Helen beschreibt, dass sich beim Lesen von Anfang an ein schwermütiges Gefühl eingestellt hat, sie aber trotzdem durch das Buch gerauscht ist; Kapitelüberschriften gibt es keine, nur Markierungen, die den Text unterbrechen wie Gedankensprünge.
Interessant wird es, wo die beiden das Buch unterschiedlich lesen. Kristine Bilkau erzählt, dass Annett als Mutter manchen Lesenden auf die Nerven geht: ständig besorgt, ständig beschützend, statt der Tochter auf Augenhöhe zu begegnen. Helen ging es umgekehrt – sie hat Annett besser verstanden als Linn, weil sie ihren Vater früh verloren hat und sich fragte, ob es ihrer eigenen Mutter ähnlich ging. Und weil sie Linns Antriebslosigkeit aus der eigenen Burnout-Erfahrung kennt, hat gerade die sie eher frustriert.
Die Autorin nimmt das als Kompliment: Lebendige Figuren entstehen, wenn alles nebeneinander stehen kann. Beide Frauen kommen im Lauf des Romans ins Handeln – auch Annett, die sich aus ihrer eigenen kleinen Blase löst, in der sie sich mit Bibliotheksjob und Stellenanzeigen aus ganz Deutschland eingerichtet hatte.
Warum Selbstfürsorge hier politisch ist
Helen bringt ein Buch ins Gespräch, das ihr beim Lesen eingefallen ist: »Radikale Selbstfürsorge. Jetzt!« von Svenja Gräfen – die Idee, dass man sich gerade dann um sich selbst kümmern muss, wenn man sich für etwas aufopfert. Kristine Bilkau stimmt sofort zu, und sie erzählt Linns Weg als genau diese Geschichte: direkt nach dem Abitur Umwelt-Volontärin für Aufforstungsprojekte in Schweden und Rumänien, dann ein Studium in Umweltmanagement, dann eine Stelle in einer Firma, die Aufforstungsprojekte finanziell berät – bis sie sieht, wie sehr dieses Feld von Profitinteressen durchzogen ist. Sie leistet Widerstand, sie prescht vor, sie fährt gegen die Wand.
Der Punkt, auf den die Autorin hinauswill, ist ein systemischer. Man muss das Strukturelle sehen – und erkennen, dass man das allein nicht schafft.
Man kann nicht allein ständig sich verantwortlich für alles fühlen, was in der Welt schlecht läuft. Man muss sich Bündnisse schaffen, man muss sich organisieren, und man muss eben genau auch für sich gut selber sorgen.Kristine Bilkau
Sie hält es für schwierig, alles auf die Einzelnen zu schieben und sich dann gegenseitig zu belauern: Wer fliegt noch in den Urlaub, wer fährt noch Ski. Klar sei es gut, aufgeklärt zu sein und zu wissen, wofür man sein Geld ausgibt. Aber das dürfe nicht alles sein – die Größenordnungen liegen woanders, und der Verantwortungsbereich müsse wieder genauer angeschaut werden.
Aufforstung, Zertifikate und die Frage nach Aufrichtigkeit
Was sie bei der Recherche kolossal interessiert hat, ist die Frage, wie sich Kapital konzentriert und wie Wohltätigkeit inszeniert wird. Ihr Beispiel im Roman ist die Aufforstung: Waldschutz klingt erst einmal einfach nur schön, und alle würden zustimmen. Dahinter läuft aber oft ein hartes Geschäft – Waldgebiete werden im großen Stil gekauft, es gibt CO2-Zertifikate dafür, und mit denen kann ein Unternehmen seinen eigenen Ausstoß klein rechnen und weitermachen wie bisher.
Sie nennt das ein sprechendes Bild für das, was schiefläuft. Und sie führt es zurück auf die Figur: Linn fordert Aufrichtigkeit, sehnt sich nach Aufrichtigkeit – und erschöpft an deren Mangel. In ihrem Berufsfeld, im öffentlichen Diskurs, und sogar im Gespräch mit der eigenen Mutter, die manches schönredet, damit ihre Tochter bitte die zuversichtliche, tatkräftige Tochter bleibt.
Helen hält dagegen, dass sie auch Annett verstehen kann: Man erzählt einem kleinen Kind eben nicht von seiner eigenen Trauer. Genau das, sagt Kristine Bilkau, sei der Konflikt – und sie schreibe das Buch nicht, um darauf einfache Antworten zu geben.
Wie ist das, wenn du ein zehnjähriges Kind am Frühstückstisch sitzen hast und im Radio wird gesagt, die Gletscherschmelze in der Arktis ist unumkehrbar? Und dieser Satz kracht einfach so auf deinen Frühstückstisch.Kristine Bilkau
Gleich geht das Kind in die Schule und du ins Büro. Wie sprichst du in diesen wenigen Minuten darüber, damit ihr beide durch den Tag kommt?
Was über die Jüngeren gesagt wird
Eine Agenda beim Schreiben hat sie nach eigener Aussage nicht – das funktioniere nicht, wenn man wirklich an den Figuren und an der Sprache interessiert ist. Was sich beim Schreiben aber herausgestellt hat, ist eine Frage, über die sie gern mehr sprechen würde: Wie blicken wir eigentlich auf die Jüngeren?
Gesagt werde: Diese Generation sei empfindlich, beschäftige sich zu sehr mit der eigenen Psyche, wolle nicht mehr arbeiten. Dann liest man nach und findet das Gegenteil. Im Vergleich zu früheren Generationen habe die Altersklasse der 20- bis 25-Jährigen noch nie so viel gearbeitet – auch, weil sich viele Studium und Mieten sonst nicht leisten könnten. Und krisenfest seien sie ohnehin: Sie haben eine Pandemie mitgemacht, monatelang allein in Kinder-, Jugend- und WG-Zimmern durchgehalten, in Hörsälen und Klassenzimmern Masken getragen, ohne auszurasten.
Helen hält dagegen, dass das Herziehen über die Jüngeren sich vermutlich durch die Jahrhunderte zieht. Kristine Bilkaus Antwort darauf ist eine Gegenfrage: Wenn es ein Muster ist – was wirkt da eigentlich? Ihre Vermutung: Wer sich Erwartungshaltungen entzieht, hinterfragt gelernte Systeme. Und das ist für Ältere unbequem. Die Abwertung ist dann eine Form von Abwehr.
Wie sie arbeitet
Es gibt einen Schreiballtag, aber er hat Phasen. Zuerst eine freie, in der lose Ideen und Recherche-Schnipsel zusammenkommen – sie beschreibt sich selbst dabei wie einen Magneten, an dem verschiedene Sachen andocken. Dann die Recherche zu den Themen, dann die Figuren. Sie schreibt nicht jeden Tag: manchmal über mehrere Tage oder Wochen, dann wieder eine Recherchepause.
Für »Halbinsel« ist sie immer wieder an die Nordsee gefahren und hat die Wattwanderung selbst gemacht – zu verschiedenen Jahres- und Tageszeiten, um die Unterschiede zu sehen. Irgendwann ist das abgeschlossen, und dann wird geschrieben. Die Überarbeitung entstand in einer Schreibresidenz in Upstate New York, einer kleinen Künstlerresidenz mit rund zehn Leuten, gut zweieinhalb Stunden mit dem Zug den Hudson entlang. Was ihr daran am meisten aufgefallen ist: welche geistigen Kapazitäten frei werden, wenn für ein paar Wochen alle Alltagsentscheidungen wegfallen.
Das Cover
Auf den Vorschlag mit der Künstlerin, deren Bild auf dem Umschlag zu sehen ist, ist der Verlag gekommen. Kristine Bilkau beschreibt, was sie an deren Arbeiten mag: Frauen von hinten oder im Halbprofil, eine gewisse Stille in den Bildern und gleichzeitig eine Spannung – die Figuren haben etwas Verletzbares und zugleich eine Stärke, und man denkt immer, gleich passiert etwas. Auf manchen Bildern gibt es kleine Motive: Schmetterlinge, und auf ihrem Cover Seifenblasen.
Bei ihrem vorherigen Roman lief es umgekehrt: Da hatte sie selbst ein Moodboard zusammengestellt und dem Verlag Vorschläge geschickt; genommen wurde am Ende das Bild einer befreundeten kanadischen Künstlerin, die Interieurs malt – Stoffe, Porzellan, Tapeten, in die sie Brüche einbaut. Bei »Halbinsel« hat sie sich dagegen fallen lassen. Hätte sie ein großes Problem mit einem Cover, könnte sie das sagen und der Verlag würde es nicht machen – es sei ein gemeinsamer Prozess.
Eine Woche vor dem Preis
Zum Zeitpunkt der Aufnahme war »Halbinsel« für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Helen fragt vorsichtig, ob man das vorher erfährt. Die Antwort ist eindeutig: niemand weiß es vorher, auch der Verlag nicht. Alle gehen mit derselben Ungewissheit in den Abend, und in dem Moment, in dem es verkündet wird, erfahren es alle gleichzeitig. Vom Deutschen Buchpreis kennt sie das schon – und beschreibt es als emotional aufreibend, weil man das über Tage auch wieder herunterdimmen muss.
Eine Woche nach dieser Folge, am 27. März 2025, hat »Halbinsel« den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewonnen.
Auf den Satz im Klappentext, sie zähle zu den wichtigen Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur, antwortet sie ohne Koketterie: Das formuliere der Verlag. Wer schreibt oder kreativ arbeitet, kenne eher das Gegenteil – man hat weiterhin mit seinen Zweifeln zu tun und ist eher geneigt zu sagen, ach Quatsch, ich sitze hier nur und versuche, etwas hinzukriegen. Und gleichzeitig ist es natürlich toll, wenn Bücher gelesen und diskutiert werden – auch, weil das die Freiheit für das nächste Buch vergrößert.
Die Bücher aus dem Gespräch
Drei Titel – der Roman, um den es geht, das Buch, das Helen dazu einfällt, und der Vorgänger, den Kristine Bilkau erwähnt.
Halbinsel
Kristine Bilkau
Der Roman, um den es in dieser Folge geht: Annett lebt an der Nordsee, ihre Tochter Linn kommt nach einem Zusammenbruch zurück nach Hause – erst für eine Woche, dann für Monate. Erschienen am 19. März 2025 bei Luchterhand.
Radikale Selbstfürsorge. Jetzt!
Svenja Gräfen
Das Buch, das Helen im Gespräch einbringt: Selbstfürsorge nicht als Wellness, sondern als Bedingung dafür, sich überhaupt engagieren zu können. Kristine Bilkau nennt den Gedanken sehr klug und sehr wichtig.
Nebenan
Kristine Bilkau
Ihr vorheriger Roman, den sie im Gespräch erwähnt – damals hatte sie dem Verlag ein eigenes Moodboard fürs Cover geschickt. Das Buch stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
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Wie eine Wattwanderung geht
Zum Schluss die praktischen Tipps, die Kristine Bilkau von sich aus anbietet. Der wichtigste zuerst: unbedingt eine geführte Wattwanderung machen. So frei und endlos das Watt wirkt – die Flut kommt, es gibt Regeln, und wer die Routen und die Schlicklöcher nicht kennt, kann in Schwierigkeiten geraten.
Ihre konkrete Empfehlung: von Nordstrand aus zur Hallig Südfall. Eine Strecke dauert etwa zweieinhalb Stunden, auf Südfall kann man essen, trinken und sitzen, dann geht es zurück. Unterwegs erfährt man etwas über die versunkene Stadt, denn man geht über das Gelände, auf dem es vor über 600 Jahren eine besiedelte Hafenstadt gab – gemeint ist Rungholt, dessen Mauerreste und Warftumrisse bis heute von Forschungsteams lokalisiert werden.
Was sie selbst noch nie gemacht hat und sehr gern würde: eine Halliglesung, oder eine geführte Wattwanderung kombiniert mit einer Lesung. Helen denkt daraufhin laut darüber nach, wie man so etwas von Bonn aus organisiert – und beendet die Folge mit dem Vorsatz, sich direkt daranzusetzen.
Knapp eine Stunde über ein Buch, das von zwei Frauen erzählt und dabei von uns allen – und über die Frage, wie man mit einem Kind über eine Welt spricht, die einem selbst Sorgen macht.
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Häufige Fragen
Worum geht es in »Halbinsel«?
Um Annett, die an der Nordsee lebt, und ihre Tochter Linn, die Mitte zwanzig nach einem Zusammenbruch nach Hause zurückkehrt – erst für eine Woche, dann für Monate. Der Roman fragt, wie sich das große Weltgeschehen ins persönliche Leben einschreibt und was zwei Generationen einander sagen und verschweigen. Er ist am 19. März 2025 bei Luchterhand erschienen und hat 224 Seiten.
Hat »Halbinsel« einen Preis gewonnen?
Ja. Am 27. März 2025, eine Woche nach dieser Folge, wurde der Roman mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war er nominiert – wer gewinnt, erfährt niemand vorher, auch der Verlag nicht.
Wo spielt der Roman?
An der Nordsee, auf einer Halbinsel im Wattenmeer. Kristine Bilkau hat für das Buch mehrfach dort recherchiert und die Wattwanderung selbst gemacht, zu verschiedenen Jahres- und Tageszeiten. Zur Region hat sie eine familiäre Bindung.
Was ist mit Selbstfürsorge im Roman gemeint?
Nicht Wellness, sondern die Bedingung dafür, sich überhaupt engagieren zu können. Linn prescht jahrelang vor und erschöpft daran. Kristine Bilkaus Punkt ist ein systemischer: Man kann sich nicht allein für alles verantwortlich fühlen, was schiefläuft – man braucht Bündnisse, Organisation und muss für sich selbst sorgen.
Wie bereitet Kristine Bilkau einen Roman vor?
In Phasen. Zuerst eine freie, in der über Monate oder Jahre lose Ideen und Recherche-Schnipsel zusammenkommen. Dann die gezielte Recherche und die Arbeit an den Figuren. Sie schreibt nicht täglich, sondern in Blöcken mit Recherchepausen dazwischen. Die Überarbeitung von »Halbinsel« entstand in einer Schreibresidenz in Upstate New York.
Worauf sollte man bei einer Wattwanderung achten?
Auf eine geführte Wanderung. Das Watt wirkt frei und endlos, aber die Flut kommt, und man muss die Routen und die Schlicklöcher kennen. Ihre Empfehlung ist die Strecke von Nordstrand zur Hallig Südfall: etwa zweieinhalb Stunden pro Richtung, mit Einkehr auf Südfall. Unterwegs geht man über das Gelände des versunkenen Rungholt.
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Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme.
Helen
Herzlich willkommen, Kristine Bilkau. Ich freue mich sehr, heute mit dir über dein neues Buch Halbinsel zu sprechen, das tatsächlich auch erst vor so ungefähr zwei drei Stunden beendet habe und mich wahnsinnig darauf freue, darüber zu sprechen. Aber bevor wir damit starten, habe ich zwei Fragen an dich. Wo sind wir gerade und welches Getränk hast du uns mitgebracht?
Kristine Bilkau
Ja, hallo erst mal. Ich freue mich auch total auf das Gespräch. Ja, wo sind wir? Wir sind an der Nordsee und haben gerade eine Wattwanderung hinter uns. Es ist immer noch kühler Frühling, blauer Himmel, frischer Wind. Wir sind warm angezogen und sind auf der Hallig Südfall gelandet. Da gibt es eine Warft und auf dieser Warft gibt es einen kleinen Hof mit Gastronomie und da setzen wir uns draußen an die frische Luft und wir bekommen ja frische aufgebrühten schwarzen Tee serviert und können uns erst mal aufwärmen.
Helen
Richtig gut. Für den schwarzen Tee bin ich sowieso immer zu haben. Bei mir auf jeden Fall auch immer mit Milch und irgendwas, was ist süß.
Kristine Bilkau
Ja, ein bisschen brauner Zucker oder kann.
Helen
Ja genau, diesen Kandis, oh ja. Richtig gut. Würde ich sagen, gießen wir uns beide einmal einen und stoßen damit an. Damit hast du ja eigentlich auch perfekt so die Szenerie beschrieben, obwohl ich es tatsächlich ein bisschen wärmer eingeschätzt hätte, weil dein Buch würde ich sagen ja eher in diesen wärmeren Monaten spielt, aber wahrscheinlich ist das an der Küste auch, vielleicht spürt man das auch nicht immer ganz so doll, vielleicht ist es dann da auch tendenziell was kühler. Ich habe auf jeden Fall zwischendurch bereut, dass ich noch nie eine Wattwanderung gemacht habe, weil das auf jeden Fall sehr, sehr spannend klingt. Aber wir sind quasi mitten in deinem Roman »Halbinsel«, der am 19. März erscheint. Magst du vielleicht einmal erzählen, wie, also wie kam es dazu, dass du das Buch geschrieben hast? Was hat dich inspiriert, von Annett und Linn zu erzählen? Also gab es da irgendwelche realen Ereignisse oder persönlichen Erfahrungen, die dich dazu beeinflusst haben?
Kristine Bilkau
Na ja, es ist meistens so, dass, bevor ich anfange zu schreiben, vergeht so eine gewisse Zeit, also manchmal können das auch Jahre sein, wo ich anfange Gedanken zu sammeln und noch gar nicht so eine Struktur habe oder noch gar nicht genau weiß, was ich damit eigentlich anfangen will. Und in dem Fall war es so eine Mischung aus diesem breiteren Weltgeschehen, also Krisen, mit denen wir zu tun haben, einfach an natürlich die Klimakrise, aber auch zum Beispiel was in den Jahren der Pandemie passiert ist, bis hin, dass wir auch diese Kriegsstimmung schon aufgenommen haben, also diese Unruhe in Europa und dann ja 2022 der Überfall Russlands auf die Ukraine kamen. Also diese verschiedenen Krisenstimmungen, das habe ich aufgenommen und … Hab mich gefragt, was das ganz konkret macht … … Mit jungen Menschen, … … Mit Kindern, Teenagern, … … Jungen Erwachsenen, die … … Die in diesem Modus ja sozusagen … … Aufwachsen, … … Die das immer so en passant … … Jeden Tag schon vor der Schule, … … Durch das Radio, … … Durch Social Media aufnehmen. Also das hat mich beschäftigt und dann … … Hab ich mich, … … Die ja selber zu der älteren Generation gehört, … Also zu der älteren Generation sozusagen. Also ich habe ja auch selber ein Teenager-Kind mich gefragt und wie reagieren wir darauf? Also was vermitteln wir unseren Kindern, unseren Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, wenn wir sie in diese Welt bringen? Was vermitteln wir ihnen und was verschweigen wir ihnen vielleicht auch manchmal, um ihnen die Welt als einen hoffnungsvollen Ort zu verkaufen? Weil wir ihnen ja auch Zuversicht und Anschub geben wollen. Und genau, wie sich diese großen Ereignisse in das persönliche Leben der Figuren einschreibt, das hat mich interessiert zwischen diesen beiden Generationen, zwischen Eltern und Kindern.
Helen
Ich fand da irgendwie auch spannend. Einerseits haben die beiden ja eine irgendwie sehr innige Beziehung. Also sie sind ja auch im Grunde zu zweit, sag ich mal, aufgewachsen. Und also für einen Linn mit ihrer Mutter an der Zeit. Aber es gibt dann doch eben auch viel, worüber die beiden nicht sprechen, was mich dann irgendwie so ein bisschen verwundert hat. Und auf der anderen Seite wahrscheinlich auch nicht so verwunderlich, weil das macht natürlich auch ein Buch immer interessant, wenn Figuren nicht so viel miteinander kommunizieren und man als außenstehende Person sich denkt, redet doch einfach mal da drüber. Aber was ich irgendwie total bemerkenswert fand, es hat sich bei mir, glaube ich, so ein bisschen so ein schwermütiges Gefühl von Anfang an eingestellt. Ich glaube, das lag an verschiedenen Dingen. Und gleichzeitig bin ich aber auch so da durchgerauscht. Wir haben ja kurz vor der Aufnahme schon darüber gesprochen, es gibt keine Kapitelüberschriften. Es wird durch Striche unterteilt, sage ich mal – das ist wahrscheinlich nicht das richtige Wort.
Kristine Bilkau
Markierungen, ja.
Helen
Genau, es wird so ein bisschen unterbrochen und dann gibt es…
Kristine Bilkau
So Pausen einlegen, ja.
Helen
Genau, wie so Gedankensprünge oder es kann es auch sein, dass wir in einem neuen Setting sind. Also es gibt so Unterbrechungen. Aber dadurch hatte ich das Gefühl trotzdem da so durchzurauschen, weil ich mich auch so wahrscheinlich irgendwie ein Stück weit auch damit identifizieren konnte, weil es eben uns alle betrifft und weil ich wissen wollte, wie die beiden so miteinander umgehen und sich annähern. Aber ich fand es spannend, dass ich direkt auch so ein bisschen ein bedrückendes Gefühl hatte und ich habe mich gefragt, hat man das dann auch beim Schreiben, also die Idee, dass dann auch so, dass du vielleicht nach so einem Schreibtag auch stehst und dir denkst, uuh, irgendwie das war, also weißt du, brauchst du dann vielleicht auch so Ablenkung zwischendurch oder würdest du das gar nicht so beschreiben, dass es irgendwie so eine Schwermut mit sich bringt?
Kristine Bilkau
Ich würde sagen, das bedrückende Gefühl habe ich manchmal eher bevor ich schreibe, Also wenn ich mich mit diesen Themen beschäftige und das, was so auf einen einwirkt und das schreiben selbst ist dann manchmal wie so eine Verarbeitung und vor allem, wenn man diese Figuren dann dadurch schickt, also durch diese Konflikte und Dialoge und vielleicht auch Missverständnisse oder das Unausgesprochene. Das ist eine Verarbeitung und vor allem ist es im Roman so finde ich, es gibt ja klar, es gibt das Schwermütige und das Schwierige, also die erschöpfte Tochter vor allem, die mit 25 Jahren ja einmal so kurz an so einem Nullpunkt landet und alles abbricht, ganz rigoros und sich komplett erst mal rauszieht aus allem, was sie sich eigentlich schon so erarbeitet und erschaffen hatte an an eigenem Leben und gleichzeitig ist es aber so, dass diese Figur Sie werden ja auch, Annett und Linn, durch den Roman hindurch ihre Handlungsfähigkeit aber auch entdecken. Und sie kommen ja nach und nach auch zu was und zu einer Verständigung. Und das kommt ja alles auf den Tisch. Und auch Annett finde ich als Mutter, die ja manchmal wirklich einem vielleicht fast so ein bisschen auf den Nerven fällt. Zwischendurch hat man das so, dass man denkt, man, du kümmerst dich so viel um deine Tochter, du fragst ständig was, du willst sie ständig beschützen, aber jetzt hör doch mal auf sie zu beschützen, nimm sie doch mal einfach ernst, sprich doch mal mit ihr auf Augenhöhe. Und all das, aber auch da finde ich, sieht man, dass Annett sich ja total entwickelt und auch gerne Ende des Romans ja ganz schön noch so ein paar Wahrheiten auf den Tisch knallt und da ja so auch auf diese kleine Reise geht und über sich hinaus wächst und das ist dann eher beim schreiben natürlich auch sehr erfüllend und beim Lesen vielleicht auch, also dass diese Schwermut sich ja auch nach und nach in Handlungsfähigkeit umwandelt.
Helen
Ja, ich hatte sogar zwischendurch gedacht, oh, wird das jetzt irgendwie so eine Art Krimi, wenn sie versucht, dieses Rätsel so ein bisschen zu lösen. Und ich finde es total spannend, dass du grad sagst, man ist dann vielleicht frustriert bei Annetts Geschichte. Das hatte ich irgendwie gar nicht so sehr. Ich habe beim Lesen tatsächlich sehr oft gedacht, oh ich glaube als nächstes gebe ich das vielleicht meiner Mutter. Und ich habe glaube ich eher Verständnis auch für sie gehabt. Also ich konnte irgendwie total gut nachvollziehen, warum es ihr so geht. Also was vielleicht weiß ich nicht, ob es daran liegt. Ich habe meinen Vater auch relativ, also nicht so früh wie Linn verloren, aber auch früh verloren. Und ich glaube irgendwie konnte ich dann, also ich hatte dann das Gefühl, vielleicht ging es meiner Mutter ähnlich oder so. Ich weiß nicht genau ob es daran vielleicht lag. Aber vielleicht war mir dadurch dann Linn irgendwie vielleicht ein bisschen näher und dann hat mich vielleicht eher das frustriert, weil das mir so ähnlich war. Ich hatte auch einen Burnout und dieses Antriebslose irgendwie so, das konnte ich nachvollziehen. Ich glaube dadurch hat sie mich vielleicht sogar ein bisschen eher frustriert und ich konnte irgendwie mehr Verständnis für die Mutter. Auf jeden Fall finde ich eigentlich total spannend, dass sie vielleicht auch unterschiedlich bewerten.
Kristine Bilkau
Ja, das finde ich auch total gut, das finde ich auch total spannend. Und ich glaube, man erschafft auch lebendige Figuren, wenn ja alles nebeneinander sein kann. Also dass man auch Linn verstehen kann, aber genau auch dieses sich so hängen lassen und auch sich so zu verschließen und zu verkriechen, dass einem das ja auch missfällt und dass man denkt, ja, aber so kommst du doch gar nicht. Nee, genau. So kommst du doch nicht weiter. Das ist, ich kenne diese Phasen, aber auch, dass man irgendwie gelähmt da sitzt und einfach kein Fünkchen Energie gerade übrig hat, um all diese ganzen kleinen und großen Herausforderungen, die sich so um einen herum aufbauen, jetzt einfach anzupacken. Ja.
Helen
Was ich gerade auch so denke, ich glaube, wir sind am Anfang des Romans auch irgendwie mehr so in Annetts Kopf, also in ihrer Gedankenwelt. Und ich mochte da total gerne den Einsatz, wo sie meinten, das kam später, wurde das nochmal aufgegriffen, dass man sich so viel ausdenken kann in einer Minute. Wie erschauen sich das doch? Also, der Satz war ein bisschen schöner formuliert, aber wie das doch irgendwie sein kann. Und das fand ich total spannend, was alles in Annetts Kopf los ist, wie viel sie sich ausmalt. Und auch da dachte ich, also, ich glaube, ich fand es auch so faszinierend, weil ich bin selber keine Mutter. Und irgendwie kann ich aber total gut mir vorstellen, wie das ist, wenn man, und wahrscheinlich auch irgendwie gar nicht mir gut vorstellen, wie das ist, wenn man sich so ständig auch Sorgen macht um das eigene Kind und was sie sich für Sachen ausmalt. Also sie hat ja im Grunde in dem Sinne eine sehr blühende Fantasie. Und gegen Ende würde ich gerade sagen, geht es wahrscheinlich mehr. Das meinst du ja auch, es wird mehr auf den Tisch gebracht. Also es geht vielleicht dann wirklich mehr aus ihrem Kopf heraus. Also sie verschließt sich vielleicht dann weniger.
Kristine Bilkau
Ja und sie erlebt ja jetzt auch dann mehr. Also sie handelt. Sie kommt von dieser eigenen kleinen Blase irgendwie, in die sie sich so zurückgezogen hatte. Denn es ist ja tatsächlich so, also die Tochter hat den Zusammenbruch und steht eben an diesem Burnout-Nullpunkt. Aber was ist mit der Mutter? Bei der ist ja auch einiges gerade nicht. Also die hat sich ja auch so ein bisschen aus dem Leben zurückgezogen, macht ihren Bibliotheksjob, hat mehrere gescheiterte Liebesgeschichten hinter sich, guckt sich online, Stellenanzeigen für Bibliotheks-Jobs irgendwie in ganz Deutschland, aber sogar im Ausland an, also träumt sich da in diesen Stellen an, zeigen immer so ein bisschen weg, ohne aber wirklich was zu verändern. Also auch bei ihr hat man das Gefühl, da könnte ruhig mal ein bisschen mehr Bewegung reinkommen und das passiert dann genau und dann kommt sie nach und nach ins Handeln und hat ja auch Begegnungen mit verschiedenen Menschen. Und ja, kommt ja so aus sich heraus und entwickelt sich dann auch noch mal ein Stück weit.
Helen
Ja, aber so eine kleine Liebesgeschichte am Rande. Ja, stimmt. Ich hatte sogar fast so ein bisschen das Gefühl, dass es für sie vielleicht auch wichtig war, dass Linn noch mal nach Hause kam und dass sie diese Zeit zusammen hatten.
Kristine Bilkau
Ja, würde ich auch sagen.
Helen
Ich musste irgendwie auch, ich weiß nicht, ob du das Buch kennst, es gibt »Radikale Selbstfürsorge. Jetzt!« von Svenja Gräfen. Da geht es im Grunde darum, wenn man sich so viel, also wenn man zum Beispiel aktivistisch unterwegs ist, wenn man sich so viel aufopfert, dass man eben auch ganz viel für sich tun muss, um nicht auszubrennen. Und da musste ich irgendwie so dran denken, meinst du, Also würdest du dem zustimmen, dass diese Balance brauchen, dass das vielleicht manchmal auch fehlt, dass wir uns dann zu sehr auch mit dem, was alles nicht gut läuft, beschäftigen?
Kristine Bilkau
Absolut, das finde ich ist eine total interessante, wichtige Frage, also die auch im Roman immer wieder sich durch das Ganze durchzieht, denn das ist ja im Prinzip die Geschichte von Linn. Also Linn geht nach dem Abitur sofort raus und arbeitet als Umwelt-Volontärin für Aufforstungsprojekte in Schweden, in Rumänien. Also sie geht sofort in diese Aktivität und dann fängt sie an zu studieren und studiert Umweltmanagement. Also sie versucht sozusagen dieses Engagement in einem Berufskonzept um zu Form, also dass sie das sogar eben zu ihrem Lebensinhalt oder zu ihrem Beruf machen kann. Und dann findet sie tatsächlich eine gute Aufgabe in einer Firma, die Aufforstungsprojekte finanziell berät und diese Projektentwicklung begleitet. Und dann sieht sie, wie durchzogen von Profitinteressen und Unaufrichtigkeiten, also von Lügen, von eben finanziellen Interessen und auch von sozialen Ungerechtigkeiten dieses ganze Feld durchzogen ist. Und sie fängt ja an Widerstand zu leisten. Das merkt man ja im Laufe des Romans sieht man, aha, das hat was mit Widerstand zu tun gehabt, was da vor sich gegangen ist. Das ist nicht einfach nur so, das hat alles so seine Geschichte. Und ja, ich würde genau das sagen. Sie ist vorgeprescht, sie hat das jahrelang gemacht und sie kommt an so einen Erschöpfungspunkt. Und sie reflektiert das aber nicht richtig. Sie ist da so richtig reingeraten, also richtig gegen die Wand gefahren und macht aber vielleicht eben instinktiv genau das Richtige, indem sie sich erst mal wieder zu Hause einigelt und Kraft schöpft. Aber das begreift sie noch nicht so ganz und die Mutter begreift das auch nicht. Das muss so nach und nach erkannt werden. Und deswegen, ja, ich glaube, das ist wichtig, weil nämlich auch genau das ist nämlich dieser dieser Gedanke, der da wichtig ist, finde ich. Das sind ja Strukturen, das sind ja Systeme, gegen die da gearbeitet werden muss, also gegen die da ein einzelner Mensch wie Linn oder auch wir alle, die wir uns vielleicht engagieren, gegenarbeiten und das Systemische zu sehen, also das Strukturelle zu sehen, das ist unglaublich wichtig und es ist glaube ich auch wichtig zu erkennen, dass man das alleine nicht schaffen kann. Man kann nicht alleine ständig sich auch verantwortlich für alles fühlen, was in der Welt schlecht läuft. Man muss sich Bündnisse schaffen, man muss sich organisieren und man muss eben genau auch für sich gut selber sorgen. Denn genau diese ganze Last auf den Schultern von Einzelnen, also auch Stichwort Eigenverantwortung oder das wird zum Beispiel auch dieses gegenseitige Klimashaming, Konsumshaming. Das ist eine schwierige Sache, finde ich. Weil einerseits klar, jeder muss seinen Beitrag leisten. Und es ist gut, wenn wir aufgeklärt sind und wissen, wofür wir unser Geld ausgeben und wie wir Ressourcen sparen können. Aber das darf halt nicht alles sein. Es darf nicht sein, dass wir das alles sozusagen nur auf die Individuen schieben und uns dann sozusagen auch gegenseitig belauern. Wer fliegt denn noch in Urlaub oder wer fährt denn in den Skiurlaub oder, oder, oder? Das sind ja große systemische Fragen. Genau, also, weil wenn ein Milliardär aufhören würde, seinen Privatjet zu benutzen, dann würden damit so viele Emissionen gespart. Das könnten wir als Einzelnen niemals schaffen, sozusagen. Also, der Verantwortungsbereich muss wieder genauer angeguckt werden, finde ich. Deswegen finde ich das Konzept von Radikaler Selbstfürsorge, um auch aktiv bleiben zu können. Das finde ich sehr klug, sehr wichtig.
Helen
Also, wäre das vielleicht das Buch, was wir dann Linn in die Hand drücken würden, jetzt, damit sie, wenn sie wieder neuen Schwung bekommt, mehr vielleicht auf sich acht gibt. War das etwas, wozu du recherchiert hast, oder ist es einfach etwas, das man ohnehin aufschnappt und einfließen lässt? Also wie bereitest du dich dann auch vor, wenn du schreibst? Oder wie sieht auch so dein Schreib? Gibt's einen Schreiballtag bei dir?
Kristine Bilkau
Ja, den gibt es auf jeden Fall. Es gibt, wenn man diesen ganzen Bogen betrachtet, unter dem der Romane entsteht, gibt es verschiedene Phasen. Es gibt erstmal so eine etwas freie Phase, wo verschiedene lose Ideen und Gedanken und Recherche Schnipsel gesammelt werden. Ich erst mal so ein bisschen gucke, was interessiert mich? Also, ich bin vielleicht selber ein bisschen wie so ein Magnet. Das dockt irgendwie verschiedene Sachen, docken so an. Und ich nehme alles an und dann fange ich so nach und nach, darüber nachzudenken und auch zu gucken, was interessiert mich. Und das können … Einerseits sind das dann Themen, wo ich dann auch in die Recherche gehen muss, um zu wissen, womit habe ich es dazu tun. Was ist das? Das interessiert mich dann eben auch, das möchte ich dann auch. Und dann sind das aber auch vor allem die Figuren. Und wenn man das dann ein bisschen aus der Distanz betrachtet, würde man sagen, ja, das sind die Figuren und dann immer die Frage, wie sich das große Ganze, also das Weltgeschehen, globale Entwicklungen, wirtschaftliche Entwicklungen, Entscheidungen, politische Versäumnisse, also wie sich all das auf die einzelne Figur, auf den einzelnen Menschen auswirkt. Denn das ist ja so. Wir sind ja nicht unberührt davon, sondern im Gegenteil, das hat ja immer alles Auswirkungen auf unser eigenes persönliches Leben, was irgendwo anders entschieden wird oder gemacht wird. Und in dem Fall war es so, dass mich zum Beispiel sehr interessiert hat. Die Frage, wie sich Kapital konzentriert, eben auf wenige Milliardäre oder große Investmentfonds oder Holdings und wie dann diese Frage der Wohltätigkeit so inszeniert wird. Also man sieht ja, dass eben viele große Firmen oder auch einzelne superreiche Stiftungen haben und wohltätig engagiert sind. Und das ist ja einerseits natürlich, könnte man sagen, das ist gesellschaftliche Verantwortung, die Sie übernehmen. Das ist natürlich gut und wichtig, dass das passiert. Und dieser große Bereich der Philanthropie ist das ja aber auch inzwischen immer kritischer zu betrachten. Da werden ja eben Gelder in Projekte oder Stiftungen fließen dann ein, die also wo, wo, das sind ja Gelder, die dann vielleicht in den Staatskassen fehlen, weil dann eben zum Beispiel durch verschiedene Steuermodelle weniger Steuern gezahlt werden oder durch Wohltätigkeit können Steuerabschreibungen passieren. Also es ist ja so eine Frage der Gerechtigkeit und wenn man dann zum Beispiel eben auf diese Waldthematik. Bei mir ist das ja die Aufforstung der Waldbau, Waldgebiete, die gekauft werden im großen Stil und für die es dann CO2-Zertifikate gibt. Also mit denen dann eine Firma oder eben eine ganze Holding oder vielleicht auch ein Milliardär, seine Emissionen, seinen Kohlenstoffdioxid-Ausstoß, klein rechnen kann. Und das hat mich kolossal interessiert, weil ich finde, das ist so ein sprechendes Bild für das, was teilweise schiefläuft. Dass du einerseits Aufforstung und Waldschutz, das klingt einfach erstmal schön. Das ist toll. Da würde jeder zustimmen und sagen, ja, das ist so toll, der Wald muss geschützt werden. Dass dann aber dahinter manchmal oft einfach ein hartes Geschäft läuft, dass Waldschutz in CO2-Zertifikate eben umgewandelt wird und mit diesen Zertifikaten eigentlich eher die Unternehmen dann geschützt werden, dass sie so weitermachen können, wie bisher, dass sie weiter ihre Emissionen ausstoßen können oder diese Zertifikate für immer weiter steigende Preise dann verkauft werden und dass das überhaupt nichts mit Wohltätigkeit zu tun hat oder nur zu einem sehr kleinen Teil. Das fand ich war so ein entsprechendes Bild darüber, dass es gerade wenn es um Klimaschutz und Wirtschaft und wer welchen Beitrag leisten muss, wirklich wirklich echt an Aufrichtigkeit fehlt. Und auch im politischen Diskurs es fehlt an Aufrichtigkeit und da komme ich wieder dann zu Linn, zu der jungen 25-jährigen Frau, die in diesem Bereich arbeitet zurück. Die fordert Aufrichtigkeit, die sehnt sich nach Aufrichtigkeit und die erschöpft darin, daran an diesem Mangel. Und dieser Aufrichtigkeit fehlt in ihrem Berufsfeld, sie fehlt im öffentlichen Diskurs, aber sie fehlt sogar im privaten Bereich, im Gespräch mit der eigenen Mutter, die eben manche Probleme nicht sehen kann oder manches auch ein bisschen schön redet, damit ihre Tochter soll bitte schön weiterhin diese zuversichtliche, tatkräftige Tochter bleiben, die soll keine Krise haben. Es kommt immer wieder auf diese Frage der Aufrichtigkeit zurück.
Helen
Ja, und gleichzeitig denke ich da auch, ich konnte es aber auch so nachvollziehen, dass sie auch sagte, ich kann ja nicht so einem kleinen Kind irgendwie so mein, wie heißt es, ihr schwarzes Meer oder ihren schwarzen See.
Kristine Bilkau
Die Trauer um den verstorbenen Vater. Ja. Absolut. Das ist genau das Ding. Das ist der Konflikt. Und ich hab da … Ich schreibe das Buch auch nicht, um da einfache Antworten zu geben, sondern genau das ist die Frage. Wie bringt man ein Kind in diese Welt? Wie spricht man mit seinem Kind über diese Welt? Wie ist das, wenn du ein zehnjähriges Kind am Frühstückstisch sitzen hast und das Radio läuft und im Radio wird gesagt, die Gletscherschmelze an der Arktis ist unumkehrbar? Und dieser Satz kracht einfach so auf deinen Frühstückstisch. Und du weißt, das Kind hat es jetzt gehört oder du hoffst, das Kind hat es vielleicht nicht gehört oder hat es noch nicht verstanden. Und du weißt gleich gehst du vielleicht ins Büro und dein Kind geht in die Schule. Das heißt, wie kannst du jetzt in diesen wenigen Minuten darüber sprechen, um diesen Tag erst mal zu retten, dass ihr beide den Tag gehen könnt? Genau, darauf gibt es keine einfachen Antworten.
Helen
Ist dann auch so ein Wunsch, dafür Aufmerksamkeit zu schaffen und vielleicht dafür zu sorgen, dass mir Menschen darüber sprechen? Oder hast du dann gar nicht so direkt eine Agenda dahinter, sondern es interessiert dich einfach und du willst das auch für dich so ein bisschen verarbeiten, wenn du darüber schreibst?
Kristine Bilkau
Ja, ich würde nicht sagen, dass ich eine Agenda habe beim Schreiben, weil das glaube ich funktioniert nicht richtig, wenn man wirklich einfach an den Figuren und an der Geschichte und auch so an der Sprache, also an den sprachlichen Möglichkeiten interessiert ist, dann kann man keine Agenda haben, da muss man irgendwie immer offen und fließend sein und immer ganz nah eben am Geschehen und an den Figuren bleiben, die ja eben voller Widersprüche auch sind und diese Widersprüche sind ja auch das, was uns menschlich macht. Das ist es ja. Und da so eine immer wieder zu versuchen, an den Kern zu kommen und beim Erzählen so wahrhaftig wie möglich zu bleiben, das könnte dann die Agenda sein sozusagen beim Schreiben. Und trotzdem ist es aber so, dass ich finde, dass sich Fragen herausstellen, die durchaus wichtig sind und die also wo ich mich tatsächlich freuen würde, wenn wir darüber mehr sprechen würden. Und zum Beispiel war das, war das bei Halbinsel jetzt die Frage, wie blicken wir eigentlich auf die Jüngeren? Also wie sprich die Gesellschaft über jüngere Menschen. Für Teenager, junge Erwachsene ist es eigentlich fair, wie wir über jüngere sprechen und teilweise über jüngere geurteilt wird. Das ist mir dann nach und nach mehr und mehr aufgefallen. Dass so vieles über diese Generation von Linn oder auch die Jüngerin gesagt wird, zum Beispiel, diese Generation ist so empfindlich, diese Generation beschäftigt sich so stark mit ihrer eigenen Psyche. Diese Generation will gar nicht mehr arbeiten, die wollen keine Leistung mehr bringen, also was nicht alles so gesagt wird über diese Generation und dann liest du und findest heraus, nee, eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Im Vergleich zur anderen Generation hat die Altersklasse der 20- bis 25-Jährigen noch nie so viel gearbeitet wie heute. Teilweise weil sie wahrscheinlich alle, Falls sie studieren ohne Arbeit gar nicht mehr sich dieses Studium und diese Mietpreise, die die WG-Preise oder Wohnheimpreise leisten können. Oder eben zum Beispiel diese Generation ist so weich und empfindlich und sie ist nicht mehr krisenfest und was alles gesagt wird. Und man guckt sich an, womit die heute 20 bis 25-Jährigen oder auch 15-Jährigen eigentlich umgehen mussten. Die haben alle eine Pandemie mitgemacht. Die haben alle allein in ihren Kinderzimmern und in ihren Jugendzimmern oder WG-Zimmern gesessen und mehrere Monate durchgehalten. Die haben teilweise alle über Monate und Wochen brav in Hörsälen und Klassenzimmern Masken getragen, ohne auszurasten, ohne Querdenker zu werden, ohne sich auf die Straße zu stellen und rumzuschreien. Ich würde sagen, diese Generation ist sehr, sehr krisenfest. Ist ganz anders. Und nur weil man vielleicht auch gleichzeitig reflektiert damit sich umgeht und vielleicht auch mehr auf seine psychische Gesundheit achtet, heißt das ja nicht, dass man nicht Krisenfest ist. Was soll das überhaupt heißen? Also, was werden wir über das sprechen oder da mal einiges hinterfragen, was so in der öffentlichen politischen Debatte einfach so verbreitet wird? Das fände ich natürlich schon schön. Ja.
Helen
Oh ja, also da ging mir auch super viel beim Lesen durch den Kopf. Ich finde es auch, also weil das ist tatsächlich etwas, worüber ich auch noch nicht ganz so viel nachgedacht hatte, weil für mich war die Pandemie irgendwie, weil es genau mit dem Burnout kam, irgendwie auch so ein bisschen eine Auszeit einfach. Also es hat sich für mich auch wie mal so kurz Luft holen angefühlt, Aber natürlich ist das für die Kinder und Jugendlichen und jungen Studierenden und so ganz anders auch noch mal gewesen. Und das hat mir das Buch auch noch mal so vor Augen geführt, wie krass das auch einfach sein muss, wie anders das ist, zu dem wie ich aufgewachsen bin. Aber ich glaube, dieses irgendwie die Jugend oder die Jüngeren verurten ist irgendwie ehrlich gesagt so ein Standardding. Ich glaube, das zieht sich durch die Jahrhunderte. Oder ist es nicht einfach immer schon so gewesen, dass man über die die Jüngeren herzieht und sagt, die sind irgendwie faul und die wollen nicht oder so. Jetzt finde ich eigentlich ein bisschen verrückt, dass das einfach bleibt.
Kristine Bilkau
Ja, es kann sein, dass das wirklich so sich wiederholen ist. Muster ist absolut. Und da könnte man dann ja gleich mal fragen, warum ist das so? Ist vielleicht interessant zu fragen. Okay, wenn wir dieses Muster haben zwischen den Generationen, was Was wirkt denn da eigentlich? Was passiert denn da? Und da habe ich mich gefragt. Ich meine, die Jüngeren, wenn die sich zum Beispiel bestimmte Erwartungshaltungen entziehen, dann sind sie ja auch tendenziell eher diejenigen, die eben Systeme hinterfragen, also die gelernte Arbeitssysteme hinterfragen. Und das ist ja dann eben für Ältere gerne mal unbequem.
Helen
Das fordert dann ja auch eine Änderung ein.
Kristine Bilkau
Ja, das ist eine Form von Abwehr. Also wenn man so will, ist das eine Form von Abwertung, um das, was sie einfordern oder was sie anders machen möchten, möglichst schnell wieder abzuwehren.
Helen
Ja, man muss sich da vielleicht weniger damit beschäftigen. Genauso wie wenn Linn das nicht laut ausspricht, muss man sich damit auch nicht beschäftigen, was sie zu sagen hat. Weil sie sagt ja auch, dass was, also das was sie in ihrer Rede vorbereitet hat, ist also irgendwie nicht vielleicht als bekannt, aber so die Fakten sind da und sie hat ja nichts Neues herausgefunden im Grunde. Du hast ja als als wie nennt man das als Ort, als Handlungsort diese Halbinsel auch tatsächlich ausgewählt. Ich war am Anfang gar nicht sicher, ob das ein fiktiver Ort ist, aber Ich habe mich so ein bisschen reingegoogelt. Es scheint mir zumindest so grob die Gegend zu geben. Ich weiß nicht, ob es den Ort, ob du da tatsächlich einen festen Ort vor Augen hattest. Aber ich fand es dann am Ende total spannend zu sehen, dass du jetzt nicht zum Beispiel, also vielleicht warst du auch zusätzlich noch in der Gegend und hast da ein bisschen geschrieben, aber du warst ja auch in New York für ein Stipendium zum Schreiben. Wie war das dann so? Also hast du dann schon quasi dein … Dein … … Idee mit eingepackt und es ist egal, wo du das schreibst oder brauchtest du auch tatsächlich so die örtliche Neon bist auch mal ans … … In die Nähe von Husum gefahren und hast da geschrieben. Ja, also bevor ich …
Kristine Bilkau
Bevor ich schreibe und auch … … Manchmal noch währenddessen, wenn ich dann … Also ich schreibe ja auch nicht jeden Tag, ich schreibe dann manchmal vielleicht über mehrere Tage oder Wochen und dann mache ich vielleicht wieder eine Recherche Pause. Bin ich immer wieder an die Nordsee gefahren. Also ich habe auch diese, ich habe auch diese Wattwanderung gemacht, auch zu mehreren, also zu verschiedenen Jahreszeiten, zu verschiedenen Tageszeiten, um diese Unterschiede zu sehen. Und ja, ich habe sowieso dadurch, dass ich oft in Norddeutschland unterwegs bin und auch teilweise, also Teile meiner Familie von dort kommen, habe ich eh eine enge Bindung. Es ist vertrautes Terrain für mich. Und auch, dass das Wasser oder die Nordsee ist bei uns in der Familie immer sehr selbstverständlich und vertraut gewesen. Also meine Mutter ist an der Nordsee geboren. Meine Großmutter hat da gelebt. Also ich habe da auch meine Kindheitssommer oft verbracht oder wenn ich in den Ferien mal wieder so ein paar Wochen sozusagen irgendwo hin verfrachtet werden musste, war das immer meine Oma an der Nordsee. Und auch meine Urgroßeltern, die ich nie kennengelernt habe, aber von denen weiß ich, dass die an der Nordsee gelebt haben und mein Urgroßvater tatsächlich vor 60, 70 Jahren geführte Wattwanderungen gemacht hat. Also der hat das sozusagen, das war Teil seines Berufs, die haben bei sich zu Hause tatsächlich Nordsee-Urlauber untergebracht und dann hat er diese Wanderung Angeboten auch. Ja, genau. Also das war irgendwie, das steckt einfach in mir.
Helen
Aber irgendwann ist es genug.
Kristine Bilkau
Genau, irgendwann ist das auch abgeschlossen. Dann schreibe ich und als ich zum Beispiel diese Schreibresidenz in New York hatte, was nicht New York City war übrigens, sondern Upstate New York. Das ist eine kleine Künstlerresidenz, wo immer so zehn Leute untergebracht sind, ungefähr zweieinhalb Stunden mit dem Zug entlang des Hudson River fährt man. Und das ist eine total schöne Einrichtung, wo man eben wirklich mehrere Wochen untergebracht ist und nur arbeiten kann. Also man kann spazieren gehen, man kann arbeiten, man kann sich untereinander austauschen und da stand der Text aber schon. Also da gab es schon, den Text gab es schon und da war ich dann in der Überarbeitungsphase und das hat dem Text aber sehr, sehr gut getan. Also ich war diese Erfahrung mal für mehrere Wochen komplett aus dem Alltag raus zu sein, also auch keine Entscheidung zu treffen. Was koche ich denn? Was muss ich noch einkaufen? Jetzt kommt das Kind aus der Schule, jetzt müssen wir noch über die Mathearbeit sprechen. Also all das ist halt wirklich für eine Weile komplett aus deinem Leben raus und was da für geistige Kapazitäten sich noch freisetzen, das fand ich schon eine interessante Erfahrung.
Helen
Kann ich mir echt gut vorstellen, wie oft ist das auch so, dass so ein Tapetenwechsel nochmal ganz neue Ideen irgendwie mit sich bringt und ich finde es irgendwie auch total so was überhaupt man zu hören, dass diese ganzen Programme so gibt. Es hört sich auf jeden Fall irgendwie ziemlich cool an. Eine Sache war mir auch noch durch den Kopf gegangen. Ich finde immer total spannend, dass stand bei mir jetzt hinten erst. Ich musste da so ein bisschen nach suchen, aber ich finde das Cover von »Halbinsel« auch extrem schön und das ist ja auch eine Künstlerin, die also hatte ich den Eindruck, deren Figuren immer nur von hinten zu sehen sind. Das ist ja nichts wahrscheinlich, wo du irgendwie ein Mitsprache recht hast, aber wie fandest du das, als du das gesehen hast, war das irgendwie das, was du dir auch so vorgestellt hast beim Schreiben? Oder hat man überhaupt, hast du ein Cover im Kopf, wenn du schreibst?
Kristine Bilkau
Ja, gute Frage. Manchmal ja, manchmal nein. Also in dem Fall war das so dadurch, dass wir uns an der Nordsee befinden und auch dieses Watt eine Rolle spielt. Klar hatte ich natürlich automatisch Landschaften vor Augen, wusste aber eigentlich auch schon, dass das vielleicht zu eindimensional gedacht ist, dass es vielleicht auch gar nicht so spannend ist, so was aufs Cover zu heben. Und der Verlag war es dann, der auf die Künstlerin gekommen ist, dass die Künstlerin, die diese Frauenporträts malt, die ich auch wirklich total schön finde. Also ich mag ihre Kunst wirklich gerne. Also ich finde es wirklich interessant, dass sie diese Frauen immer so von hinten oder vom Halbprofil so schräg malt und dass es so eine gewisse Stille in den Bildern gibt und gleichzeitig aber auch eine gewisse Spannung, weil man weiß, die Figuren haben sowas Verletzbares, aber auch irgendwie eine gewisse Stärke und gleich passiert was, denkt man immer. Gleich tun sie irgendwas. Manchmal gibt es ja auch kleine Motive noch auf dem Bild. Irgendwas, ich glaube, auf manchen sind es Schmetterlinge, auf meinem sind es Seifenblasen. Es hat so was Ambivalentes, finde ich. Das irritiert so ein bisschen. Und ja, also, als ich die Vorschläge, es gab mehrere Vorschläge mit mehreren verschiedenen Bildern von ihr und die Vorschläge waren alle schön tatsächlich. Also es war gar nicht so leicht. Und bei meinem Verlag ist es so, wenn ich jetzt zum Beispiel ganz große Probleme mit einem Cover hätte. Also wenn ich wirklich sagen würde, nee, das sehe ich nicht. Da finde ich mich auch gar nicht wieder. Dann könnte ich das auch sagen. Also dann würden Sie das nicht machen. Das ist schon so ein gemeinsamer Prozess. Und also bei meinem letzten Roman, »Nebenan«, da hatte ich vorher so eine Art Moodboard zusammengestellt. Also da hatte ich mir selber Kunstwerke und verschiedene Motive zusammengesucht und denen das geschickt und da war das Cover von einer befreundeten Künstlerin, einer Kanadierin, die Interiors malt, wo es um Häuslichkeit und auch so eine vermeintliche Frauendomäne geht, also sie malt viel Stoffe, Porzellan, Tapeten und da baut sie aber diese Brüche ein und da hatte ich Vorschläge gemacht und da wurde das zum Beispiel, haben sie ein Bild von ihr genommen. Das ist ja auch cool. Und hier war es aber so irgendwie ging es mir diesmal so, dass ich mich da so ein bisschen fallen lassen habe. Also ich hatte auch das Gefühl, ich würde das, ich lasse das dem Verlag jetzt erstmal zu gucken und dadurch, dass sie dann mit den Bildern von ihr gearbeitet haben, wusste ich dann aber, das kann nur gut werden. Das passt. Da kann ich mich drauf verlassen.
Helen
Total interessant auch mal so ein bisschen hinter die Kulissen gucken zu können. Also weil oft bekomme ich ja auch eher so gespiegelter, hat man nicht so viel Mitsprache recht in der Regel. Deswegen irgendwie total interessant. Also ich finde es auf jeden Fall super schön. Danach hätte ich auf jeden Fall auch in der Buchhandlung gegriffen, wenn es mir nicht jetzt zugeschickt worden wäre. Das gefällt mir richtig, richtig gut. Und auch bei der Künstlerin werde ich noch mal vorbeischauen. Eine Sache, die mir noch so unter den Nägeln brennt, aber ich weiß gar nicht so ganz genau, wie der Ablauf da ist, aber du bist ja jetzt mit dem Roman auch nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Ist das so, dass man das alle erst an dem Tag auch erfahren oder weißt irgendwie das schon, weil ich frage mich so ein bisschen, wie fühlt sich das so für dich jetzt an? Also bist du sehr angespannt deswegen oder bist du sowieso angespannt, weil das Buch nächste Woche erscheint und es gerade irgendwie eine aufregende Phase ist? Also wie ist das so?
Kristine Bilkau
Ja, es ist wirklich interessant. Also Also wer den Preis bekommt, das weiß niemand. Also das ist, wenn du das meinst. Also wer …
Helen
Manchmal ist das ja so, dass man das selber vorher erfährt. Deswegen will ich dich jetzt nicht so … Ich wollte dich nicht in eine blöde Lage jetzt bringen.
Kristine Bilkau
Da kann ich aber tatsächlich klar darauf antworten, dass erfährt niemand vorher. Das weiß niemand vorher. Wir gehen da alle rein mit dieser absoluten Ungewissheit. Also auch der Verlag weiß das vorher nicht. Also in dem Moment, wo es verkündet wird, erfahren es dann alle tatsächlich.
Helen
Oh, also wirklich sehr aufregend.
Kristine Bilkau
Ja, genau. Das heißt, genau, man sitzt dann da und einmal habe ich das jetzt ja schon erlebt, eben beim Deutschen Buchpreis, wie das ist. Da war es genauso, da auf der Shortlist zu sein, heißt du gehst in diese Verleihung, in diesen Abend, der Verleihung setzt dich dahin und weißt gar nicht, was auf dich zukommt. Und das ist emotional schon immer so ein bisschen aufreibend. Ich glaube, da muss man auch Mittel und Wege für sich finden, dass man das auch ein bisschen runterdimmt wieder, weil das ist ja auch tagelang zu anstrengend. Ja, ich auch. Deswegen ist es tatsächlich interessanterweise beides. Also, ich … Einerseits bin ich natürlich aufgeregt, auch genau, weil das Buch jetzt nächste Woche erscheint und … Wie wird das wohl aufgenommen werden? Finde ich mich in den Feedbacks, also auch in den Rezensionen finde ich mich da wieder, habe ich das Gefühl, das Buch wurde so gelesen, wie ich es geschrieben habe oder kommt da vielleicht was ganz anderes Überraschendes um die Ecke. Da ist so viel, was ich alles jetzt einfach nur noch wahrnehmen und aufnehmen kann. Das Buch ist geschrieben, mein Teil ist erfüllt, ich kann jetzt nichts mehr machen. Ich muss das alles loslassen und muss das jetzt so mit mir geschehen lassen. Und gleichzeitig bin ich ja einfach hier und mach weiter und im Augenblick passiert ja gar nicht so viel. Also die Buchmesse steht ja auch erst bevor und in Hamburg sind gerade Ferien. Wir sind hier,
Helen
Ja, ja. Das ist so ein bisschen die Ruhe vor dem Sturm.
Kristine Bilkau
Ja, genau. Es ist einerseits so eine Ruhe und der alltägliche Ablauf und gleichzeitig brodelt es vielleicht so im Untergrund dann immer. Mhm. Ja.
Helen
Aber auf jeden Fall kann man ja schon herzlichen Glückwunsch sagen, weil das ist natürlich trotzdem total toll. Also ich hoffe auch, egal wie das ausgeht, dass du das so für dich feiern und genießen kannst, weil es ist halt total toll, dass ich mich gefragt habe, Hier wurde auch hinten geschrieben, du zählst zu den wichtigen Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur, was natürlich stimmt und was aber auch irgendwie so total… Also ich frag mich, wenn man so was über sich selber liest, setze ich das manchmal auch unter Druck oder gibt dir das eher die Freiheit dich? Also wie so etwas, was du vielleicht einfach schon abgehakt hast und jetzt kannst du dich austoben oder denkst du an manchmal, Oh Gott, irgendwie alle erwarten irgendwas von mir.
Kristine Bilkau
Ja, hinten in der Bio genau, das ist so formuliert. Das macht natürlich dann der Verlag. Weil. Ich selber. Ich glaube, ich weiß nicht andere, die schreiben oder überhaupt auch andere, die kreativ sind und irgendwie so was. Von sich preisgeben und veröffentlichen kennen das Gefühl vielleicht auch, dass man ja weiterhin immer mit seinen Zweifeln zu tun hat, mit dem Hadern mit dem, was man tut und eher geneigt ist zu sagen, ach Quatsch, ich bin gar nicht wichtig. Ich sitze ja nur hier irgendwie und versuche, was hinzukriegen. Und gleichzeitig ist es natürlich toll, wenn die Bücher gelesen werden und wenn sie diskutiert werden und wenn sie berühren und was erreichen und sicher ist es auch so, dass das dann natürlich die Freiheit, was kann ich im nächsten Buch machen, wie sehr vertraut der Verlag mir auch mit meinen nächsten Ideen auf jeden verstärkt, ja, auf jeden Fall. Und sicher auch Preise, also Nominierungen, das ist dann manchmal so ein bisschen aufregend und anstrengend und gleichzeitig ist es genau, was du sagst, ist natürlich total toll. Es ist toll für das Buch und auch toll für das, was dann kommt, für das nächste, was dann irgendwann vielleicht entwickelt und geschrieben wird.
Helen
Ja und hier in dem Fall denke ich auch einfach toll für das Thema, das dann eben auch Aufmerksamkeit bekommt. Mich hast du auf jeden Fall sehr mit diesem Buch berührt. Ich fand es, ja ich weiß nicht, fand es so, ich fand es einerseits inspirierend, ich dachte so, war ein bisschen mehr wie Linn sein vielleicht, aber ich fand es auch so spannend irgendwie gerade diese Gedanken vielleicht auch von Annett besser nachvollziehen zu können, so wie es mir dann ja ging. Und ich bin total gespannt auch darauf, was sich da noch so draus entwickelt. Ich würde auf jeden Fall sagen… Dass wir vielleicht unseren Schwarz-Tee jetzt hier zu Ende trinken. Ich könnte mir allerdings irgendwie total gut vorstellen, mit diesem Buch zusammen vielleicht so eine Wattwanderung mit den Mädels oder so zu machen. Also ich bin gespannt, was sich daraus noch so entwickelt.
Kristine Bilkau
Also, falls das noch jemand für sich mitnehmen möchte, man kann ganz tolle Wattwanderungen machen. Also man sollte immer, ich kann ja so ein paar kurz noch ein paar Tipps, die man so mitnehmen kann, wenn ihr wollt, also man sollte auf jeden Fall eine geführte Wattwanderung machen. Denn so easy und frei das so wirkt, irgendwie das Wad, irgendwie endlos, man sieht das mehr auch nicht und man denkt, ah, ich habe hier jetzt alle, allen Raum, alle Zeit der Welt, das stimmt nicht. Die Flut kommt und man muss sich da wirklich an Regeln halten. Und deswegen ist es gut, eine geführte Wattwanderung zu machen mit jemandem, der sich da auskennt, der auch die Routen kennt, der auch weiß, wo die Schlicklöcher sind, weil das passiert alles dann auch doch manchmal bei Leuten, die alleine unterwegs sind. Und man kann zum Beispiel ganz toll, wenn man die Möglichkeit hat, von Nordstrand starten. Da gibt es Wattwanderungen, das kann man über Google erfahren, Wattwandern, Nordstrand und dann zur Hallig Südfall. Da ist man also eine Route ist zweieinhalb Stunden, das ist schon, da hat man schon richtig was erlebt und dann ist man auf Südfall und dann hat man da Zeit, dann kann man Essen trinken, da ein bisschen sitzen und dann geht es auf den Rückweg und das ist eine richtig erfüllende Erfahrung, man hat richtig viel erlebt und erfahren auch und man bekommt dann auch während der Wanderung ein bisschen was erzählt, also man bekommt dann zum Beispiel auch was erzählt über die versunkten Stadt, weil man geht über das Gelände, in der es eben vor über 600 Jahren tatsächlich besiedelt das Gebiet gegeben hat, also eine Hafenstadt. Über dieses Gelände geht man rüber. Also da finden auch tatsächlich noch Forschung statt. Also es gibt immer noch Forschungsteams, die immer noch gucken, die Mauerreste oder auch die Umrisse der Warften, all das immer noch versuchen zu lokalisieren und da geht man rüber, da erfährt man auch ein bisschen was. Ist sehr, sehr spannend.
Helen
Richtig spannend. Irgendwie bei solchen Sachen denke ich dann immer so, wie cool wäre das auch mit dir jetzt zusammen da in der Gegend zu sein und du erzählst noch so ein bisschen was darüber. Hast du vielleicht eine Lesung in der Ecke? Also kann man dich da irgendwo auch vielleicht tatsächlich in der Gegend treffen?
Kristine Bilkau
Ja, ich werde eine Lesung in Heide haben. Das kann ich vielleicht, also ich muss noch mal nachgucken, wann die ist, das weiß ich jetzt gerade aus dem Kopf nicht, aber wenn ihr wollt, kann ich euch das schreiben und ihr könnt das vielleicht ins Verzeichnis setzen.
Helen
Ich würde sagen, dass wir vielleicht generell, ich glaube, bei Luchterhand gibt es eine Übersicht der Lesungstermine, wenn ich mich nicht irre, das würde vielleicht generell verlinken.
Kristine Bilkau
Genau, das könnt ihr machen. Ich glaube, es sind nicht immer alle Termine so aktuell drin, also die, wo gerade noch verhandelt wird oder geguckt wird nach dem Datum, die stehen dann noch nicht drin. Aber es gibt auf jeden Fall eine in Heide, das ist ja in der Nähe der Nordsee. Es gibt aber auch eine in Kiel im Literaturhaus Schleswig-Holstein, das ist dann auch der Ostsee-Seite, aber es gibt eine in Flensburg.
Helen
Genau, ich kann mir vorstellen, dass in Norddeutschland auch noch ein bisschen was dazukommt.
Kristine Bilkau
Ja und also was ich noch nie gemacht habe und was ich natürlich total lieben würde ist eine Halliglesung oder eben zum Beispiel eine geführte Wattwanderung kombiniert mit einer Lesung. Also, Grüße an alle da draußen, die sowas irgendwie möglich machen könnten oder sich damit auskennen. Also ich bin jederzeit offen dafür.
Helen
Und das wäre richtig cool. Ich denke auch gerade, wie kriegt das von Bonn aus jetzt organisiert?
Kristine Bilkau
Ja, ich meine ja, da könnten wir natürlich mal vielleicht irgendwie mit Watt-Ranger oder Watt-Rangerin sprechen, die sich da auskennen. Wer weiß? Also genau, das klingt sehr interessant. Ich wäre dabei.
Helen
Richtig cool. Auch sowieso total schön irgendwie. Ich liebe, dass jedes Mal, wenn man so ein bisschen das Gefühl hat, man darf mal hinter die Kulissen blicken und kriegt man so einen Einblick. Ich fand es total schön, einfach auch von dir noch so ein bisschen mehr zu erfahren, zu erfahren, wie die Geschichte entstanden ist. Mir hat es total viel Spaß gemacht. Ich hoffe, dass ganz viel das Buch sich jetzt direkt auch schon, also jetzt geht es ja gar nicht mehr ums Vorbestellen, wenn die Folge rausgeht, sondern sich das Buch direkt schnappen und darin genauso versinken wie vielleicht im Watt, wenn man an der falschen Stelle gelandet ist. Und ja, ich bin mal gespannt. Vielleicht habe ich das am 27. Zumindest bin ich bei der Buchmesse, aber ich weiß gar nicht, ob man da hin kann. Aber ich werde es auf jeden Fall gespannt verfolgen und drücke dir ganz, ganz, ganz doll die Daumen. Und ja, ich glaube, ich setze mich jetzt mal direkt da dran und überlege, wie wir so eine Wattwanderung organisieren können.
Kristine Bilkau
Ja, sehr gut. Ja, also vielen, vielen Dank für das schöne Gespräch. Mir hat es auch total Spaß gemacht und ich freue mich, falls wir uns in Leipzig sehen.
Helen
Ja, ich versuche das hinzubekommen. Genau. Oder auch woanders in Leipzig. Also wir sind da ja alle ein paar Tage unterwegs vielleicht. Ja. Wir trinken jetzt unseren Tee zu Ende und genießen noch so ein bisschen die Aussicht, bevor wir wieder zurückmüssen. Genau. Und träumen noch ein bisschen vom Watt. Ja, genau.




