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Podcast · Folge 57
Es war so und es war nicht so: Pierre Jarawan über »Ein Lied für die Vermissten«
Über 17.000 Menschen, die im Libanon spurlos verschwunden sind, 350 gelöschte Seiten, ein Cover, das ein Foto ist – und der Weg vom Poetry Slam zum Roman
Stand heute
Dieses Gespräch ist die Tonspur eines Instagram-Livestreams vom 29. Januar 2021, am Ende unserer Zusatz-Leserunde zu »Ein Lied für die Vermissten«. Als Podcastfolge erschien es drei Jahre später. Alles, was Pierre Jarawan über seine Pläne sagt, ist der Stand von damals: Das dritte Buch, von dem er erzählt, dass er erst eine Idee habe, ist inzwischen erschienen – »Frau im Mond« kam im April 2025 im Berlin Verlag heraus und wurde 2025 mit dem Tukan-Preis ausgezeichnet. Die Leipziger Buchmesse, deren Absage er am Abend des Gesprächs gerade erfahren hatte, fand 2021 nicht statt.
Im Dezember 2020 stand »Ein Lied für die Vermissten« in unserer Buchauswahl – und flog ganz am Ende knapp raus. So viele waren traurig darüber, dass Helen das Buch im Januar 2021 als Zusatzbuch parallel mitlas, über 80 Mädels mit ihr, und Pierre Jarawan anbot, live zu kommen. Was er in diesem Gespräch erzählt: wie er in einem Archiv in Beirut auf ein Tabuthema stieß, warum sein zweiter Roman viereinhalb Jahre brauchte und das erste Buch nur acht Monate, was ein Poetry-Slam-Text mit einem Hakawati zu tun hat – und warum er es war, der das Hörbuch eingesprochen hat. Es ist bis heute das Buch, das Helen am häufigsten empfiehlt.
Pierre Jarawan
Schriftsteller, München
Pierre Jarawan wurde 1985 in Amman geboren, als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter, und kam mit drei Jahren nach Deutschland. Er wuchs in Kirchheim unter Teck auf, hatte dort nach eigener Erzählung 2006 oder 2007 seinen ersten Poetry-Slam-Auftritt und wurde 2012 internationaler deutschsprachiger Meister. Sein Debütroman »Am Ende bleiben die Zedern« erschien 2016 im Berlin Verlag und wurde ein Bestseller; 2020 folgte »Ein Lied für die Vermissten«, 2025 »Frau im Mond«. Heute tritt er nicht mehr auf, sondern veranstaltet den Isar Slam in München, wo er lebt.
Das Buch dazu
»Ein Lied für die Vermissten« war im Januar 2021 unser Zusatzbuch – das einzige Mal, dass wir ein Buch parallel zum Monatsbuch gelesen haben. Auf der Buchseite kannst du die Leserunde nachholen und siehst, wo es das Buch und das Hörbuch gibt.
17.000 Menschen, über die niemand spricht
Die Idee kam ihm, als er noch am ersten Roman schrieb. 2015 war Pierre Jarawan zur Recherche in Beirut, las viel und saß in Archiven – und stieß dort auf das Thema der Vermissten: über 17.000 Menschen, die im Bürgerkrieg spurlos verschwunden sind, bis heute. Er kennt das Land seit seiner Kindheit, hat dort Wurzeln, war unzählige Male da. Und hatte davon noch nie gehört. Dass darüber niemand spricht, dass es ein komplettes Tabuthema ist, war ihm völlig unverständlich. In »Am Ende bleiben die Zedern« wird es am Ende kurz angeschnitten; ihm war da schon klar, dass es ein eigenes Buch braucht.
Die Archive im Roman gibt es so nicht – die echten sind kleiner, randständiger und noch unsichtbarer, sagt er. Eine sehr kleine Gruppe von Menschen fährt mit einem Bus über die Dörfer, befragt Zeitzeug*innen und sammelt Dokumente, alles aus eigener Tasche und auf eigene Faust. Der Libanon hat 18 gleichberechtigte Religionsgemeinschaften, das Parlament ist nach Religionen besetzt, und darin sitzen ehemalige Milizionäre, die teilweise selbst für das Verschwinden verantwortlich sind. Deshalb findet keine Aufarbeitung statt. Was ihm von der Recherche geblieben ist: Tageszeitungen aus den achtziger Jahren, in der Mitte Seiten über Seiten mit Vermisstenanzeigen.
Für die Frauen, die auf ihre Männer warten, hat er mit Leuten vom Roten Kreuz im Libanon gesprochen, die Angehörige betreuen. Seit dreißig Jahren, erzählen diese Frauen, gehen sie bei jedem Klopfen zur Tür und bei jedem Klingeln ans Telefon in der Erwartung, dass er es ist. Es gibt keine Gräber und keine Beweise – vermisst, nicht für tot erklärt. Im Roman stehen Originalzitate aus Berichten, die er gelesen und übersetzt hat. Und der Bürgerkrieg selbst kommt kaum vor: Es geht um die Stille danach, um das Schweigen, das dieser Krieg verursacht hat. Nur für eine Passage im dritten Teil, in der Amin sich seinen Freund Jafar im Krieg vorstellt, hat er mit syrischen Geflüchteten gesprochen, die er aus einem Schreibworkshop in München kannte – über verbrannte Turnschuhe im Winter und Eimer im Regen, weil niemand weiß, ob die Toilettenspülung wieder geht.
Acht Monate für das erste Buch, viereinhalb Jahre für das zweite
Beide Romane sind völlig unterschiedlich entstanden, und Pierre Jarawan fand es selbst spannend, sich dabei zu beobachten. »Am Ende bleiben die Zedern« hat er nach zwei Jahren Recherche in acht Monaten geschrieben: Auf einem riesigen A3-Blatt im Wohnzimmer zeichnete er vorher die komplette Struktur auf, drei Zeitebenen, alle 50 Seiten eine größere Wendung, das Ende war klar. Beim zweiten Buch dachte er, so gehe das wieder. Dann dauerte es viereinhalb Jahre, und er löschte insgesamt 350 Seiten.
Was da hineinspielte, beschreibt er offen: Das erste Buch war sehr erfolgreich, er wollte zeigen, dass da noch mehr ist, und spürte eine Erwartungshaltung der Leser*innen. Irgendwann wollte er dem Verlag sagen, sie sollten den Vertrag annullieren, er zahle den Vorschuss zurück. Auch die Lebensläufe, die er beim ersten Roman für jede Figur angelegt hatte, funktionierten nicht mehr; die Figuren musste er sich diesmal heranschreiben. Geplatzt ist der Knoten erst mit dem Prolog – mit dem persischen Märchenanfang »Es war so und es war nicht so«, dem Motto des Romans: Egal, wen du fragst, diese eine Wahrheit wird es nicht geben. Zwischendurch fühlte er sich an die Serie »Lost« erinnert, die er abbrach, als plötzlich ein Eisbär auftauchte: Aus der Nummer kommen die nie wieder raus. Die Fotografie, die Jafar Amin schenkt und die am Ende zentral wird, hat er geschrieben, ohne zu wissen, wohin sie führt.
Spontane Einfälle tippt er übrigens nicht in ein Notizbuch, sondern in die Notizen-App. Und wenn ihm beim Schreiben die Decke auf den Kopf fällt, mietet er sich für zwei Wochen ein kleines Häuschen am Meer in Holland, in Griechenland oder fährt nach Prag: Wer woanders ist, geht bewusster durch die Straßen, und das macht den Geist wacher.
Das erste Buch ist wie ein Selbstläufer, das zweite Buch ist wirklich eine Qual, aber dabei extrem viel zu lernen, auch über mich und über das Schreiben.Pierre Jarawan
Was von ihm im Buch steckt – und was nicht
Die Frage nach dem Autobiografischen kam aus der Community am häufigsten. Seine Antwort: gar nichts, in beiden Büchern nicht – jedenfalls nichts von dem, was die Handlung vorantreibt. Was aus seinem Leben stammt, sind die Gerüche, Bilder und Stimmungen, an die er sich erinnert und die er deshalb sinnlich aufs Papier bringen kann. Und eine Haltung: »Ein Lied für die Vermissten« ist deutlich kritischer gegenüber dem Libanon als der erste Roman, darin erkenne man seinen eigenen Wandel.
Wer seine Biografie liest, könnte einen falschen Eindruck bekommen, sagt er: Seine Eltern sind geflohen, aber er selbst hat den Bürgerkrieg nie erlebt. Seine deutsche Mutter lernte seinen Vater in einem Internat im Libanon kennen, in dem beide arbeiteten; als der Krieg ausbrach, war der Vater 18. Die Familie ging nach Saudi-Arabien und Jordanien, wo Pierre Jarawan geboren wurde, dann nach Deutschland. Alles, was er über den Krieg weiß, weiß er von seiner Mutter – von Kindern, die im Internat in den Keller gingen, wenn bombardiert wurde, von einem abgestürzten Hubschrauber auf dem Schulhof. Sein Vater hat nie darüber gesprochen. Dass er nichts sagt, sagt für Pierre Jarawan mehr als jede Anekdote – und genau dieses Schweigen ist der Kern des Romans. Beim Schreiben wollte er die Figuren manchmal anschreien: Redet doch mal miteinander. Die Probleme seien nicht gravierend, das Schweigen mache sie gravierend – und das gelte für die ganze Gesellschaft dort.
Das Cover ist ein Foto
Helen hatte beim Lesen gerätselt, ob das Bild auf dem Umschlag Jafar zeigen soll oder einen Brunnen. Pierre Jarawan klärt es auf: Wer das Buch ganz aufklappt, sieht ein riesiges Graffiti auf einem zerstörten Haus in Beirut – ein Junge, der auf einer Häuserwand liegt. Es ist keine Nachzeichnung, sondern ein Foto; wer nah herangeht, erkennt die Einschusslöcher in der Fassade. Das Graffiti gab es zu diesem Zeitpunkt noch. Und Beirut selbst, sagt er, laugt einen völlig aus, wenn man da ist, aber im positiven Sinn: Man kommt erschöpft zurück und zugleich bereichert.
Vom Poetry Slam zum Roman – und zu den Hakawati
Seinen ersten Auftritt hatte er 2006 oder 2007, gegen Ende der Schulzeit, bei einem Laien-Slam in einem Club in Kirchheim unter Teck. Freunde hatten ihn überredet – du schreibst doch Gedichte –, und er glaubt bis heute, dass sie eigentlich hofften, er würde sich blamieren. Das Blatt in seiner Hand wackelte, alle sahen es, und nach den ersten Auftritten lag er nachts wach und erlebte jede Minute noch einmal. Dann Stuttgart, dann Einladungen nach Frankfurt, Berlin, Köln: So funktioniert die Szene, die sich selbst Slammily nennt, eine Zirkusfamilie. Heute tritt er nicht mehr auf, sondern veranstaltet in München den Isar Slam im Ampere.
Ob das seine Form des Geschichtenerzählens sei, fragte jemand aus der Community – so wie bei den Hakawati im Buch? Die gibt es wirklich, erklärt er: Hekaya heißt Geschichte, und ein Hakawati ist ein Straßenkünstler, der auf Marktplätzen erzählt, aufhört, am nächsten Tag wiederkommt und an derselben Stelle weitermacht – wie eine Serie, nur mündlich, eine jahrtausendealte Tradition, die es im Nahen Osten bis heute gibt. Der Slam hat sein Schreiben geprägt, aber ein Bühnentext ist für ein hörendes Publikum gemacht, das nur diesen einen Moment hat: pointiert, erfassbar, selten komplex. Ein Roman lässt sich zurückblättern. Und irgendwann, sagt er, will man mehr als fünf Minuten: eine ganze Welt ausschmücken und Figuren dreidimensional machen.
Warum er das Hörbuch selbst spricht
Mitentscheiden dürfe man das selten. Bei »Am Ende bleiben die Zedern« hatte Hörbuch Hamburg einen Schauspieler genommen und gekürzt – und das Hörbuch verkaufte sich nicht so gut wie der Roman. Den zweiten wollte der Verlag deshalb gar nicht mehr; die Lizenz war frei, seine Agentur brachte sie bei Steinbach unter, und dort durfte er selbst lesen, ungekürzt. Fünf Tage zu je acht Stunden im Studio, hinter der Scheibe, der Regisseur auf der anderen Seite – und Mikrofone so fein, dass man sein Magengrummeln hörte. Ein Stimmtraining hatte er nie. Aber seine Lesestimme ist eine andere als seine Sprechstimme, wie ein Schalter, das komme von den Jahren auf der Bühne.
Zum Schluss liest er den Prolog vor – und die Community ist sich einig, er könnte den ganzen Abend so weitermachen. Im Transkript unten steht diese Passage aus urheberrechtlichen Gründen nicht im Wortlaut; in der Folge kannst du sie hören.
Figuren, die Gutes wollen und Schlechtes anrichten
Eine Lieblingsfigur hat er nicht. Den Raupenzüchter Abbas mag er sehr, weil er etwas Märchenhaftes hat. Und die Großmutter war ihm wichtig: eine komplexe Frau mit einer tiefen Wunde, die alles tut, um ihrem Enkel diese Wunde zu ersparen – und genau damit die Katastrophe und das Schweigen auslöst. Jemanden zu zeichnen, der Schlechtes tut, ohne schlecht zu sein, war die Herausforderung, die ihm am meisten Spaß gemacht hat. Auch Jafar war ursprünglich eine Nebenfigur; der Zeichner vom Flohmarkt sollte die Hauptfigur werden, in der dritten Person erzählt. Beim Schreiben merkte er, dass es über den einen nicht viel zu erzählen gab und über den anderen sehr viel. Unperfekte Figuren, die nach Gutem streben und dabei viel anstellen, interessieren ihn am meisten.
Helen hatte im Vorstellungsvideo erzählt, dass sie ihn im Literaturhaus Bonn mit einer Schulklasse gesehen hatte – ein Ersatz für die abgesagte Lesung, denn in Schulen durfte man im Frühjahr 2020 noch lesen. Der Roman war am 2. März 2020 erschienen, mit einer Premiere im Literaturhaus München; wenige Tage später wurde die Buchmesse abgesagt, und mit ihr 60 geplante Lesungen. Dass das Buch nicht völlig unterging, sagt er, lag an den Blogger*innen – und an Leserunden wie dieser. Am Abend des Gesprächs war gerade die Absage der Leipziger Buchmesse 2021 bekannt geworden.
Was Pierre Jarawan liest
Weil man auf Instagram kaum daran vorbeikam, hatte er zuletzt »Zugvögel« von Charlotte McConaghy gelesen und mochte es sehr: ein Buch, bei dem man nebenbei etwas lernt und gut unterhalten wird. Gerade las er »Das Verschwinden der Erde« von Julia Phillips, ein Debüt aus Amerika über zwei verschwundene Mädchen auf Kamtschatka – kein Krimi, sondern ein Panorama dieser Gesellschaft, in dem sich jedes Kapitel einer anderen Frau widmet.
Zum Schreiben gebracht hat ihn vor allem englischsprachige Literatur: John Irvings »Das Hotel New Hampshire« nennt er eines seiner absoluten Lieblingsbücher, dazu Philip Roth, Margaret Atwood – Autor*innen, die eine Geschichte erzählen und dabei eine Epoche mit erzählen. Genau das sei in seine beiden Bücher eingeflossen. Im deutschen Feuilleton, findet er, gilt es fast als verpönt, eine Geschichte zu erzählen; je weniger Handlung, desto besser. Das ist nicht sein Erzählen, aber er kann solche Bücher genießen: »Was man sät« von Marieke Lucas Rijneveld nennt er eine Zumutung im besten Sinne – extrem hart, fast ohne Handlung, aber so direkt, dass er den Respekt davor genießt, so viel auf 200 Seiten unterzubringen.
Rijneveld hatte 2020 für dieses Buch den International Booker Prize bekommen – als jüngste Person bis dahin, wie Pierre Jarawan im Gespräch sagt. Die Ausgabe in der Buchgalerie trägt den Namen Marieke Lucas Rijneveld; der Verlag führt die Person heute als Lucas Rijneveld.
Wenn du »Ein Lied für die Vermissten« gelesen hast, hörst du in dieser Folge, was hinter dem Schweigen im Buch steckt – und wie es klingt, wenn der Autor selbst den Prolog liest.
Die ganze Folge hören
Die Bücher aus dieser Folge
Die beiden Romane, um die es geht – und die Titel, die Pierre Jarawan als Leser empfiehlt. Wo wir gemeinsam gelesen haben, kommst du über die Buchseite zur ganzen Leserunde.
Ein Lied für die Vermissten
Pierre Jarawan · Piper · 464 Seiten
Unser Zusatzbuch im Januar 2021 und das Buch, um das sich das ganze Gespräch dreht: Amin, seine Großmutter, sein Freund Jafar – und die Vermissten des libanesischen Bürgerkriegs.
Leserunde nachholenZusatzbuch Januar 2021
Am Ende bleiben die Zedern
Pierre Jarawan · Piper · 448 Seiten
Sein Debüt, in acht Monaten geschrieben und mit einem A3-Blatt geplant. Helen wollte es nach dem Gespräch unbedingt noch lesen – und in die Auswahl nehmen.
Zugvögel
Charlotte McConaghy · S. Fischer · 416 Seiten
Hat er kurz vor dem Gespräch gelesen, weil man auf Instagram kaum daran vorbeikam – und sehr gemocht. Aus dem Englischen übersetzt von Tanja Handels.
Das Verschwinden der Erde
Julia Phillips · dtv · 376 Seiten
Das Buch, das er während des Gesprächs gerade las: ein Panorama der Gesellschaft auf Kamtschatka, Kapitel für Kapitel eine andere Frau. Aus dem Englischen von Pociao und Roberto de Hollanda.
Das Hotel New Hampshire
John Irving · Diogenes · 608 Seiten
Eines seiner absoluten Lieblingsbücher und ein Grund, warum er selbst zu schreiben anfing. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Hans Hermann.
Was man sät
Marieke Lucas Rijneveld · Suhrkamp · 316 Seiten
Eine Zumutung im besten Sinne, sagt er: extrem hart, fast ohne Handlung, aber sprachlich so direkt, dass er es bewundert. Aus dem Niederländischen übersetzt von Helga van Beuningen.
Was Pierre Jarawan seither veröffentlicht hat
Im Gespräch sagt er, er habe für ein drittes Buch erst eine Idee. Vier Jahre später ist es erschienen.
Frau im Mond
Pierre Jarawan · Berlin Verlag · 496 Seiten
Sein dritter Roman, erschienen im April 2025: eine Geschichte zwischen Beirut und Kanada, von der Lebanese Rocket Society bis zur Explosion im Hafen von Beirut. 2025 mit dem Tukan-Preis ausgezeichnet.
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Häufige Fragen
Worum geht es in »Ein Lied für die Vermissten«?
Um Amin, der mit seiner Großmutter aus Deutschland in den Libanon zurückkehrt, um seine Freundschaft mit Jafar – und um das Schweigen nach dem Bürgerkrieg. Pierre Jarawan sagt im Gespräch, der Krieg selbst komme im Roman kaum vor; es gehe um die Stille danach. Hintergrund sind die mehr als 17.000 Menschen, die im libanesischen Bürgerkrieg spurlos verschwunden sind und über die im Land bis heute kaum jemand spricht.
Ist »Ein Lied für die Vermissten« autobiografisch?
Nein, sagt Pierre Jarawan – alles, was die Handlung vorantreibt, ist Fiktion, in beiden Romanen. Was aus seinem Leben stammt, sind die Gerüche, Bilder und Stimmungen: Er erzählt aus einer Welt, die er seit seiner Kindheit kennt. Sein Vater ist Libanese, seine Mutter Deutsche; er selbst wurde 1985 in Amman geboren und kam mit drei Jahren nach Deutschland.
Wie lange hat Pierre Jarawan an dem Buch geschrieben?
Viereinhalb Jahre – und er hat dabei insgesamt 350 Seiten gelöscht. Sein Debüt »Am Ende bleiben die Zedern« hatte er nach zwei Jahren Recherche in acht Monaten geschrieben, mit einem auf einem A3-Blatt vorgezeichneten Plan. Beim zweiten Buch funktionierte nichts davon; den Knoten löste erst der Prolog mit dem Satz »Es war so und es war nicht so«.
Wer spricht das Hörbuch?
Pierre Jarawan selbst, ungekürzt. Bei »Am Ende bleiben die Zedern« hatte der Hörbuchverlag einen Schauspieler genommen und gekürzt; für den zweiten Roman war die Lizenz frei, und seine Agentur brachte das Hörbuch bei Steinbach unter. Eingesprochen hat er es in fünf Tagen zu je acht Stunden im Studio.
Welche Bücher empfiehlt Pierre Jarawan?
»Zugvögel« von Charlotte McConaghy und »Das Verschwinden der Erde« von Julia Phillips, die er zum Zeitpunkt des Gesprächs gerade las. Geprägt haben ihn die großen amerikanischen Erzähler*innen, allen voran John Irvings »Das Hotel New Hampshire«. Und »Was man sät« von Marieke Lucas Rijneveld nennt er eine Zumutung im besten Sinne. Alle Titel stehen in der Buchgalerie auf dieser Seite.
Kann ich die Leserunde zu »Ein Lied für die Vermissten« noch nachholen?
Ja. Das Buch war im Januar 2021 unser Zusatzbuch – das einzige, das wir je parallel zum Monatsbuch gelesen haben. Auf der Buchseite kannst du die Leserunde in deinem Tempo nachholen.
Mehr zu Pierre Jarawan
Die ganze Folge zum Nachlesen
Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme. Das Gespräch ist ein Instagram-Livestream vom 29. Januar 2021; Helens An- und Abmoderation der Podcastfolge und der eingesprochene Hinweis auf die Schmökerrunde sind nicht Teil des Gesprächs und stehen deshalb nicht hier. Der vorgelesene Prolog des Romans fehlt aus urheberrechtlichen Gründen. Namen aus der Community sind durch ihre Rolle ersetzt.
Helen
Hallo.
Pierre Jarawan
Hi, grüß dich.
Helen
Ich bin irgendwie immer super erleichtert, wenn der Schritt schon mal getan ist, wenn es schon mal geklappt hat. Das ging jetzt auch so schnell, dass ich noch gar nicht gesagt habe, worüber wir heute reden. Das mache ich mal gerade. Ich habe das Buch nämlich hier. Jetzt passt es nicht mehr so gut in den Bildausschnitt, aber wir sprechen heute über »Ein Lied für die Vermissten« von dir.
Pierre Jarawan
Ja, guten Abend.
Helen
Schön, dass du dir heute die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten.
Pierre Jarawan
Ja, danke.
Helen
Obwohl ich hatte dir das, glaube ich, erklärt, wie so grundsätzlich der Ablauf ist. Du hattest diese Auswahlrunde ja auch schon so ein bisschen mitverfolgt. Aber vielleicht für die, die das nicht mitbekommen haben. Wir hatten Ende Dezember wieder wie jeden Monat vier Bücher in der Auswahl. Eins davon war dein Buch. Und dann ist das leider ganz am Ende ganz knapp rausgeflogen. Und da waren super viele ganz traurig drüber und hatten mir dann auch geschrieben, dass sie das total schade finden und ja, du hast es netterweise angeboten, dass wir trotzdem darüber reden können. Und ich glaube, über 80 hatten dann auch gesagt, dass sie mitlesen und haben mir auch reichlich Fragen vor ein paar Tagen geschickt. Also ich hoffe, du hast so ein bisschen Zeit mitgebracht.
Pierre Jarawan
Ich gehe nirgendwo hin. Ich freue mich drauf. Also freut mich auch, dass so viele Interesse hatten und gelesen haben.
Helen
Ja. Ich hatte auch schon von ein paar gehört, dass sie ganz begeistert waren von dem Hörbuch, was du ja auch selber eingesprochen hast. Habe ich heute auch mal so ein bisschen reingehört. Ich fand es dann fast ein bisschen schade, dass ich mir das nicht angehört hatte, weil ich habe jetzt bei ganz vielen Begriffen, glaube ich, die falsche Ausdrucksweise im Kopf, weil ich das halt irgendwie, also zum Beispiel hatte ich immer gedacht, es wäre eher Amin und du sagst Amin. Also solche Sachen, da dachte ich, es wäre eigentlich dann schön gewesen, das direkt vielleicht so begleitend dabei zu haben. Aber ja, vielleicht starten wir einfach mal. Ich habe halt, wie gesagt, sehr, sehr viele verschiedene Fragen bekommen. Viele haben sich aber auch gedoppelt. Vielleicht ist es ein ganz guter Einstieg, wenn du so ein bisschen erzählst, wie dir die Idee zum Buch gekommen ist.
Pierre Jarawan
Ja, also die Idee ist gekommen, als ich eigentlich noch »Am Ende bleiben die Zedern« geschrieben habe. Das war 2015 und ich war dann in Beirut zu recherchen und habe da viel gelesen, aber auch in so Archiven. Das kommt dir jetzt vielleicht bekannt vor, wenn du das Buch gelesen hast, und da bin ich eben gestolpert über das Thema der Vermissten. Ich meine, ich kenne das Land seit meiner Kindheit, habe da Wurzeln, und bin so oft da gewesen, aber ich war irgendwie schockiert, dass ich davon noch nie gehört hatte, dass eben über 17.500 Menschen fehlen, spurlos verschwunden sind bis heute, und da niemand drüber spricht. Und für mich war in dem Moment klar, also ich hab zwar noch am ersten Roman geschrieben, aber für mich war eben klar, das ist ein eigenes Buch. Und es wird dann am Ende bei den Zedern das Thema ganz kurz mal angeschnitten, aber mir war da schon klar, dass damit ist es nicht getan, sondern ich möchte da einen eigenen Roman dazu schreiben, weil das ein komplettes Tabuthema im Libanon ist. Und das war mir völlig unverständlich.
Helen
Ich habe jetzt gerade nur ganz kurz gesehen, dass es hier jetzt irgendwie was Neues gibt. Das ist noch nicht vom letzten Live. Hier kann man jetzt so eine Frage schon direkt rein. Ich glaube, die kann ich dann sogar teilen oder irgendwie so. Aber auf jeden Fall nochmal der Hinweis, dass ihr natürlich Fragen hier unten reinstellen könnt. Ich versuche, das im Blick zu behalten. Du hattest jetzt gerade auch schon gesagt, dass du ein bisschen Wurzeln im Libanon hast. Dein Vater, glaube ich, kommt da her. Die Frage war häufiger gekommen, ich weiß nicht, das ist glaube ich nicht so eine beliebte Frage an Autoren, aber viele wollten wissen, wie viel autobiografisches im Buch steckt.
Pierre Jarawan
Das ist natürlich immer super schwer zu beantworten, aber ich sage es vielleicht so: In »Am Ende bleiben die Zedern« deutlich mehr von mir als dieses Buch. Wenig biografisches, also gar nichts biografisches, beide Bücher nicht. Es ist nicht so, dass wie in »Am Ende bleiben die Zedern« ein Vater verschwindet und ein Sohn auf die Suche nach ihm geht. Das ist natürlich nicht meine Geschichte. Alles, was die Handlung vorantreibt, was die Figuren prägt und so weiter, hat nicht mit mir zu tun. Ich erzähle natürlich aus einer erlebten Welt heraus. Das heißt, wenn du der Eindruck hast, das Buch ist voller Gerüche oder Bilder oder Stimmungen, dann kann ich die beschreiben, weil ich sie erlebt habe. Das heißt, das sind Gerüche an die ich mich erinnere und deswegen kann ich sie halt auch sinnlich irgendwie aufs Papier bringen und das überträgt sich dann. Also das sind die biografischen Erlebnisse. All das, was die Handlung vorantreibt, ist Fiktion. Alles, was das Buch vielleicht lebendig macht oder erlebbar macht, im Sinne von Geräuschen, Gerüchen usw., das ist der biografische Anteil. Natürlich aber auch das Emotionale, eine Verbitterung vielleicht, in »Ein Lied für die Vermissten«. Das Buch ist deutlich kritischer, auch gegenüber dem Libanon als das erste Buch. Also auch da ist so eine Entwicklung, glaube ich, die man gut beobachten kann, egal in welcher Reihenfolge man die Bücher liest, glaube ich, erkennt man auch meine persönliche Entwicklung und auch meinen Wandel, meinen Wandel im Standpunkt, was meinen Blick auf das Land angeht.
Helen
Total spannend, weil ich will das erste Buch auf jeden Fall noch lesen. Eben hatten wir auch schon ein paar Mails geschrieben, ob wir das nicht irgendwie jetzt demnächst mal in die Auswahl mit reinnehmen konnten und so. Ich hatte dieses Gefühl, was du jetzt gerade so beschrieben hast, dass man sich so, also als wäre man vor Ort, hatte ich vor allen Dingen bei diesen Beschreibungen vom Haus in den Bergen, irgendwie. Da habe ich dann ganz oft gedacht, ob du wirklich vielleicht in so einem, also dir so ein Haus gesucht hast, um zu schreiben zum Beispiel oder also so, ich weiß nicht, ich hatte wirklich das Gefühl, da zu sein. Richtig gut.
Pierre Jarawan
Danke. Dieses Haus gibt es so nicht. Also ich habe das oft gemacht, wenn mir hier die Decke auf den Kopf fällt oder gefallen ist beim Schreiben, dass ich dann weggegangen bin, mir was gesucht habe, aber dann so Airbnb oder doch nicht. Ich habe ja immer so in Holland so ein kleines Häuschen am Meer gemietet, zu schreiben, oder in Griechenland oder in Prag war ich mal da. Ich nehme mir das einfach die Freiheit, dann irgendwie zwei Wochen mal, ich brauche hier nichts außer den Laptop, dann ein paar Recherchebücher, dann gehe ich woanders hin und das bringt oft sehr viel, dieses einfach nur woanders zu sein und da wo du bist, gehst du auch viel bewusster durch die Straßen, du erlebst viel bewusster als wenn du jetzt in deine bekannten Wege zu Hause gehst, wo die Abläufe ja sehr automatisch sind und das macht den Geist irgendwie wacher, das hilft auch beim Schreiben, aber dieses Haus per se, gibt es so nicht, aber es könnte es geben. Also die Landschaft in den Bergen ist tatsächlich sehr, sehr eindrucksvoll, was überrascht auch viele, dass es dann überhaupt Berge hat. Sehr hohe sogar, die das ganze Jahr mit Schnee bedeckt sind.
Helen
Das hatte ich heute doch gelesen, ja.
Pierre Jarawan
Und ja, die Landschaft ist sehr beeindruckend.
Helen
Ja, vielleicht dann auch für alle, die zuschauen nochmal, also das ist jetzt nicht so sehr die Landschaft, die man sieht, aber Beirut, wie du sagst, ich sag irgendwie auch eher Beirut, aber wahrscheinlich. Dann so eine sehr eingedeutschte Version. Da hattest du ja richtig schöne Bilder auch, in den Highlights ist das, glaube ich. In der Story mal, ich bin ganz sicher, ich hatte das.
Pierre Jarawan
Ja, also wenn ich Lesungen mache, zeige ich immer ganz viele Fotos aus dem Libanon. Also ich lese natürlich auch, aber eigentlich sind meine Lesungen viel mehr in so einer Präsentation über den Nahen Osten und den Libanon und verknüpft das so mit dem Buch. Ja, also es ist halt, wie ich schon gesagt habe, landschaftlich eindrucksvoll, aber auch bei Beirut diese Zerrissenheit, diese Zerstörung, die man immer noch gleichzeitig wieder aufbauen, jetzt wieder durch diese Explosion letztes Jahr zerstört worden. Also es ist einfach eine Stadt, die laugt einen völlig völlig aus, wenn man da ist, aber im positiven Sinn. Also man ist völlig erschöpft, wenn man zurückkommt, aber irgendwie auch total bereichert.
Helen
Kann ich mir gut vorstellen. Was ich zu dem Highlight, ich glaube das war nach der Explosion, Explosionen, was du in den Highlights gespeichert hattest oder zu dem Buch, ich bin gerade nicht mehr ganz sicher, da durch dein Profil geklickt. Da hat sich auch gesehen, dass dieses Bild hier quasi, was man hier so erkennen kann, ja auch von einem Graffiti oder Street Art in Beirut ein bisschen abgekupfert ist. Und das fand ich total spannend, weil ich mag so Street Art immer super gerne. Und weil ich mich beim Lesen halt auch ganz oft gefragt habe, ob das jetzt Jafar ist, wahrscheinlich. Also soll das vielleicht irgendwie sein oder?
Pierre Jarawan
Wenn du es mal aufklappst, kannst du das Buch mal ganz aufklappen in die Kamera, dann sieht man, das ist das Graffiti. Wir haben dieses Graffiti nicht abgekupfert oder genommen, sondern das ist das Foto eines Graffitis und du siehst eben diesen Jungen auf so einer Häuserwand liegen. Und das ist ein riesiges Graffiti auf so einem zerstörten Haus in Beirut. Und man muss schon sehr nah rangehen, um auch die Einschusslöcher dann in diesem Haus zu sehen. Und es ist tatsächlich ein Foto eines Hauses in Beirut, dieses Buchcover. Und das macht es mich nochmal so ein bisschen besonders.
Helen
Ja, also vielleicht, ich weiß nicht, ob ich eine Story teilen kann in meiner Story, aber sonst probiere ich das nachher dann mal. Weil ich hatte irgendwie, also ich…
Pierre Jarawan
Sonst schicke ich dir das Foto.
Helen
Ja, super gerne. Weil ich hatte beim Lesen dann öfter mal gedacht, ob das irgendwie so eine Art Brunnen oder sowas sein soll, aber also hier so dieser Bogen, aber dann hat es sich mir erschlossen.
Pierre Jarawan
Ja, ist ziemlich eindrucksvoll.
Helen
Ja, gibt es das denn jetzt dann auch noch oder?
Pierre Jarawan
Ja.
Helen
Also zumindest als du zuletzt da warst. Der Roman, ich weiß nicht, ich habe sonst immer eine Vorliebe gegenüber eher so kürzeren Büchern. Ich glaube, ich brauche manchmal das Erfolgserlebnis nur auf beendet zu haben. Aber hier habe ich ganz oft gedacht, wie toll das ist, wie viel Raum die Geschichte hat, sich so zu entfalten, weil es ja wirklich erst, also vieles sich erst nach und nach wirklich ergibt oder sich dem Leser zumindest erschließt. Ich bin auch jemand, ich vergesse viel. Ich habe heute das Hörbuch nochmal angefangen und dachte, das wird ja am Anfang schon sehr klar gesagt, dass jemand aus Kanada angerufen hat. Das hatte ich am Ende schon fast so, das hat gar nicht mehr so im Kopf. Und hier hatte dann auch jemand gefragt, wie schreibt man sowas? War das quasi von Anfang an so geplant oder schreibt man erst das chronologisch und macht es nachher irgendwie wie so ein Puzzle irgendwie durcheinander? Also wie genau funktioniert das?
Pierre Jarawan
Ja, das war für mich super spannend, mich selbst dabei zu beobachten, weil beide Bücher völlig unterschiedlich entstanden sind. Also »Am Ende bleiben die Zedern« habe ich wirklich in acht Monaten geschrieben und das hat auch 450 Seiten. Da habe ich zwar zwei Jahre recherchiert vorher und da hatte ich, jetzt gerade nicht in meinem Büro, sondern im Wohnzimmer, da habe ich so ein riesiges A3-Blatt genommen und habe mir dann die komplette Struktur, bevor ich angefangen habe zu schreiben, aufgemalt, drei Zeitebenen. Und da war mir schon sehr klar, ich habe mir immer gesagt, ich möchte so alle 50 Seiten irgendwie eine größere Wendung haben, dass es einfach unterhaltsam oder spannend zum Lesen bleibt. Und habe dann wirklich so Marker gesetzt, in so eine Zeitleiste und gemeint, bis dahin soll das passieren, dann kommt die erste Wendung, dann soll es weitergehen und auf Seite 100 ungefähr die weitere Wendung und dass die Geschichte immer angetrieben wird. Also das war sehr klar gebaut von mir und das Ende war mir auch völlig klar. Und als ich mich hingesetzt habe, um »Ein Lied für die Vermissten« zu schreiben, dachte ich, ja, ich habe ja schon mal einen Roman geschrieben, acht Monate dauert das so ungefähr. Und dann habe ich angefangen und es hat viereinhalb Jahre gedauert und ich habe 350 Seiten gelöscht. Das war ein völlig anderer Prozess und das hat mich am Anfang auch völlig überwältigt aus der Bahn geworfen, weil ich dachte, ich kann nicht mehr schreiben, was ist hier los, wo ist die Fähigkeit hin irgendwie, aber da hat viel eine Rolle gespielt. Ich meine, »Am Ende bleiben die Zedern« war sehr erfolgreich, was mich natürlich erst mal völlig überrascht hat. Das heißt, ich hatte eine gewisse Erwartungshaltung an mich selbst, ich wollte noch ein besseres Buch schreiben, ich wollte zeigen, dass ich dazu gelernt habe, dass ich nicht sozusagen dass ich das selbe Buch nochmal schreibe, sondern zeige, dass da mehr ist noch. Dann auch immer so ein bisschen so eine Erwartungshaltung von Leser*innen mitgespürt. Also so ganz viel Druck am Anfang, den du machst. Und musste ganz lange suchen, diese Stimme. Und geplatzt ist der Knoten erst mit dem Prolog, dieses – ich lese den später noch vor – Jeki bud, jeki nabud, also dieses »es war so und es war nicht so«, weil mir da klar war. Das ist eigentlich das Motto dieses Romans. Es war so und es war nicht so. Egal, wenn du fragst, diese eine Wahrheit wird es nicht geben. Und wir haben es mit einem Erzähler zu tun, der eigentlich ständig auf der Suche ist nach etwas, was er als Kind nicht verstanden hat. Und jetzt als Erwachsener versucht er, sich dem anzunähern. Und er schreibt oder erzählt gegen ein Schweigen an, dass ihn bis heute begleitet. Und ja, und es war wirklich schwierig. Also ich hatte dann teilweise so richtige Schwindelanfälle am Schreibtisch beim Schreiben. Ich dachte, ich schaff das nie, es wird niemals fertig. Ich sag dem Verlag, wir müssen den Vertrag annullieren, zahl den Vorschuss zurück, aber ich schaff das nicht. Ich hab auch einen super Lektor, und viel ausprobiert und viel löschen müssen und merken, ich bin falsch abgebogen, neu probieren, bis ich diesen Sound gefunden hatte, den das Buch hat, diese Stimmung und jetzt um den Bogen zu schlagen, ich musste wirklich selbst suchen, so wie Amin irgendwie sucht, musste ich auch suchen und mir war ganz lange nicht klar, ich weiß nicht ob ihr Lost gesehen habt, diese Serie damals, mit den Gestrandeten auf der Insel, und ich hab die auch nicht fertig geschaut, ich hab irgendwann aufgehört, als da plötzlich schon Eisbär aufgetaucht ist, weil ich dachte, aus der Nummer kommen die nie wieder raus, die das geschrieben haben, das ist so abstrus, und so hab ich mich zwischendurch an meinem eigenen Roman gefühlt, weil ich dachte, ich baue das jetzt einfach mal so, keine Ahnung, wo das hinführt, wie ich das auflösen soll. Diese Fotografie zum Beispiel, die Jafar Amin schenkt mit dieser Botschaft, die am Ende ganz zentral wird. Ich habe ganz lange gebraucht, ich habe das einfach geschrieben, ohne zu wissen, wo es hingeht, aber erst am Ende gemerkt, genau so muss es sein, genau so muss es aufgelöst werden. Deswegen war es super spannend, das für mich zu sehen. Das erste Buch ist wie ein Selbstläufer, das zweite Buch ist wirklich eine Qual, aber dabei extrem viel zu lernen, auch über mich und über das Schreiben. Das Löschen einfach dazugehört, dass das erste Buch wahrscheinlich eher die Ausnahme war und die meisten Romane so entstehen wie der zweite. Dass du löschen musst, dass du suchen musst, herausfinden musst. Und deswegen bin ich viel zuversichtlicher, was ein drittes Buch angeht. Die harte Schule habe ich jetzt durchgemacht.
Helen
Gut, dass du es ansprechst. Die Frage war auch, woran du gerade arbeitest, ob es ein drittes Buch oder wann es vielleicht ein drittes Buch geben wird.
Pierre Jarawan
Ja, das ist natürlich in meinem Fall. Ich bin jetzt kein Sebastian Fitzek, der irgendwie ein ganzes Rechercheteam hinter sich hat und nur noch schreibt und vier Lesungen im Jahr macht und dann ausgesorgt hat, sondern ich recherchiere immer sehr viel und gerne. Das braucht immer Zeit und ich muss nämlich jetzt auch erstmal, also ich schreibe jetzt noch nicht, ich habe eine Idee, aber ich schreibe jetzt noch nicht konkret, auch weil meine Frau und ich Nachwuchs erwarten gerade.
Helen
Oh, schön.
Pierre Jarawan
Und das ist ziemlich trubelig und irgendwie bin ich auch so ein bisschen enttäuscht, aber noch von dem Jahr. Also ich meine, das Buch ist im März 2020 erschienen, am 2. März, und ich hatte eine ganz tolle Premiere in München, Literaturhaus, da hatte ich [unverständlich], das war großartig. Und dann so zwei, drei Tage später Buchmesse abgesagt. Ich hatte 60 Lesungen geplant, abgesagt und so und das hat irgendwie ewig gedauert, bis ich mir da, also bis ich mich da nicht mehr drüber geärgert habe. Weil du halt wie gesagt vier Jahre lang arbeitest und gibst alles eigentlich für dieses Buch und bist auch mit dem Ergebnis dann so zufrieden und dann passiert sowas unvorhergesehenes und auch so kurzfristig, dass man einfach nicht mehr reagieren kann. Deswegen freue ich mich auch über solche Leserunden wie eure, weil das natürlich sehr viel hilft. Wie gesagt, wenn viele lesen, auf einmal sprechen und darüber reden, macht das das Buch sichtbar zur gleichen Zeit und sowas hilft extrem. Also überhaupt waren es die Bloggerinnen und Blogger, die dafür gesorgt haben, dass das Buch nicht völlig untergeht, weil natürlich hatte die Presse dann kaum noch Fokus auf Romane. Im Frühjahr 2020 wurden so die vier, fünf Romane durchgehend gesprochen, die auch für den Leipziger Buchpreis nominiert waren. Die waren ständig in den Zeitungen und alle anderen sind so relativ hinten übergekippt und ohne Instagram oder halt die Blogs wären da viele Autor*innen ziemlich unsichtbar geblieben.
Helen
Ja, das glaube ich dir sofort. Ich hatte das auch dann irgendwie jetzt die Tage halt erst gesehen, dass das wirklich so knapp davor war und dass der dann auch ob die, weil du hattest ja auch viele Termine schon in den Stories dann geteilt, ob die dann überhaupt stattgefunden haben. Also ich hatte das glaube ich in diesem, manchmal bin ich nicht sicher, was ich da gesagt habe und was ich wieder rausgeschnitten habe. Aber ich habe glaube ich in diesem Vorstellungsvideo auch gesagt, dass ich das mit im Literaturhaus Bonn gesehen hatte, wo du mit einer Schulklasse irgendwie über das Buch gesprochen hast. Aber das war wahrscheinlich eher ein Ersatz für den eigentlichen Termin im Literaturhaus, oder?
Pierre Jarawan
Genau, ich weiß nicht, ob die Lesung vielleicht sogar in der Schule gewesen wäre, dann wäre es natürlich größer gewesen. Aber ja, genauso. Das ist ja auch das Abstruse, dass ich dann in der, also alle Lesungen wurden abgesagt, in Schulen durfte man dann noch lesen, weil Schulen noch offen hatten. Das war so ein abstrues, aber okay, ich war natürlich schon froh um alles, was ich noch machen konnte.
Helen
Ja klar, also ich glaube, ich spreche für alle, die hier mitgelesen haben, uns hat es super beeindruckt. Ich fand vor allem so sprachlich, ich war extrem beeindruckt. Ich musste am Anfang hatte ich ein paar, also so paar Seiten, wo ich mich wirklich darauf einlassen musste und auch erst mal nochmal irgendwie zurückgehen musste, weil das schon nochmal irgendwie jetzt was anderes irgendwie einfach war und vor allen Dingen ich halt auch noch nie im Libanon war und das irgendwie, also war irgendwie viel Neues, übrigens ich würde da super gerne mal hin, da werde ich dann auf jeden Fall deine ganzen Bilder, die du dazu geteilt hast, mir auch nochmal anschauen, wenn das irgendwann wieder möglich ist. Aber also ich habe so ein bisschen gebraucht, um mich gefühlt hineinversetzen zu können in diese Geschichte und dann war ich aber wie berauscht und ich fand es hat mich irgendwie mitgerissen und ich glaube da bin ich nicht die Einzige, der es so ging. Deswegen werden bestimmt auch viele das weiter erzählen, dass das ein tolles Buch ist. Und vielleicht lesen wir dann auch noch dein erstes Buch. Jetzt habe ich hier so ein bisschen den Überblick verloren, vor allen Dingen habe ich jetzt ganz wenig hier reingeguckt. Achso, mit den Archiven hatte hier jemand gefragt, ob die heute noch so wie im Buch, ne, sind die Archive heute noch so wie im Buch geschildert? Und ich hatte mich auch gefragt, wie viel Zeit du in den Archiven verbracht hast.
Pierre Jarawan
Ja, die Archive sind nicht ganz so wie ich sie beschrieben habe. Sie sind kleiner, randständiger auch und noch unsichtbarer eigentlich. Das ist so eine sehr kleine Gruppe von Menschen, die tingeln da tatsächlich mit einem Bus über die Dörfer und fragen, ob sie noch Dokumente haben von früher, also möglichst halt die Zeitzeugen befragen und die irgendwie alles sammeln, weil der Libanon ist so komplex. Also du hast 18 Religionsgemeinschaften, die alle gleichberechtigt sind. Das Parlament ist mit Religionen besetzt, die ehemaligen Milizionäre, die im Bürgerkriegsverbrechen begangen haben, sitzen im Parlament und es findet keine Aufarbeitung statt und auch eben sozusagen das Thema der Vermissten wird nicht aufgearbeitet, weil die Leute, die im Parlament sitzen, teilweise für dieses Verschwinden verantwortlich sind. Dementsprechend haben es solche Archivare oder solche Leute, die sich für das Erinnern einsetzen. Das ist natürlich schwer, es ist nicht so, dass sie verfolgt würden oder dass das gefährlich für sie ist, aber sie werden natürlich keine finanzielle Unterstützung haben, die machen das alles aus eigener Tasche und auf eigene Faust und so ist das eben sehr klein. Und ich war da eben 2015, ich hab da, kann ich dir auch mal schicken, noch so Fotos. Von so Tageszeitungen, das ist sehr eindrucksvoll eben, also du schlägst dann so Tageszeitungen aus den 80er Jahren auf und die sind Seiten über Seiten vermissten Anzeigen drin, ja das sind ja tagesaktuelle Zeitungen, die haben natürlich auch Nachrichten, aber so in der Mitte dann einfach vermissten Anzeigen, vermissten Anzeigen, vermissten Anzeigen, das ist schon krass gewesen und überhaupt diese Recherche war auch einfach angestrengend, weil du liest natürlich von Massengräbern, du liest von irgendwelchen Erschießungen und so und du willst das ja auch nicht ausschlachten, also du willst ja nicht ein Unterhaltungsroman schreiben sozusagen auf der Basis dieses Themas, sondern du willst ja auch dem Thema gerecht werden und dabei irgendwie trotzdem spannend sein und unterhaltsam sein, aber ohne irgendwie das als Effekt zu nutzen. Und ja, auch deswegen hat es wahrscheinlich so lange gedauert.
Helen
Ja, ich finde das beeindruckend, dass daraus überhaupt so eine komplexe Geschichte entstanden weil ich mich das beim Lesen manchmal dann frage, also nicht nur bei deinem Buch, auch bei anderen, dass ich so denke, wie schafft man das? Und wenn du dann so beschreibst, das ist quasi so aus dir rausgeflossen. Ich mein, klar, du wusstest am Anfang vielleicht auch noch nicht, wo es hingeht, aber ich finde das trotzdem immer so wie so ein kleines Wunder. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Also ich stelle mir das dann so vor, ich sitze am Laptop und denke so, wow, jetzt habe ich irgendwie eine Geschichte, da kommt irgendwie erst mal gar nichts. Aber ja, ich finde das ist hier sehr gut gelungen.
Pierre Jarawan
Danke, bei mir kommt auch erstmal gar nichts. Das geht dann auch allen Schreiben so. Es ist auch wirklich schwer zu erklären, es gibt zwar auch Schreibwerkstätten und so hin und wieder, natürlich gibt es gewisse Techniken oder Mechanismen, die man anwenden kann, um zu schreiben, aber ganz viel ist wirklich auch Zufall. Und das überrascht mich immer wieder, ich frage mich ganz oft, hätte ich diese Szene morgen geschrieben, statt heute, Wo wäre das Buch dann hingegangen? Der Moment ist nicht planbar, wenn dir so eine spontane Idee kommt. Du kannst schon viel planen, aber diese spontanen Ideen, also so könnte ich es machen, das wäre morgen oder gestern nicht passiert und deswegen ist ganz auf dem Moment auch entscheidend.
Helen
Und hast du dann immer irgendwie so Stift und Buch bei dir oder?
Pierre Jarawan
Ja, das ist so die romantische Vorstellung von Schriftsteller. Ich tippe das alles in die Notiz.
Helen
Okay, also Evernote immer geöffnet oder? Ja, du hattest das jetzt gerade mit diesen Schreib-Workshops, ich hatte das auch bei dir auf der Website gesehen. Ich fühle mich gerade wie so ein Stalker, ich habe alles durchgeforstet hier. Aber da hattest du auch, ich glaube es gab Lehrer-Fortbildung und so. Und mir hat auch jemand am Anfang, als ich das erste Mal irgendwie angekündigt hatte, auch direkt eine geschrieben, ach wie lustig. Er hat in unserer Klasse, glaube ich, auch Poetry Slam oder sowas angeboten. Und eine auch, die meinte, ach mein Freund, der geht total gerne zu Poetry Slams und daher kenne ich ihn schon und so, also, ja, finde ich super spannend. Ich meine, das war für mich auch tatsächlich so ein Cliffhanger, also ich dachte, oh, weil ich gehe super gerne zu Poetry Slams. Ich finde das halt auch das einfach total faszinierend, wie da so Geschichten entstehen und vor allem, wie Menschen so super selbstbewusst auf der Bühne stehen können. Ich kann mir das für mich irgendwie einfach nicht vorstellen, wie man auch so eine Rede, also das wirkt immer wie so eine flüssige Geschichte. Das ist ja schon nochmal anders, als wenn jemand eine Rede hält, also so ein Poetry Slam. Das ist irgendwie, weiß ich nicht, das finde ich halt total beeindruckend. Wie bist du da drangekommen? Hast du das irgendwie einfach so, weiß ich nicht, zu Schulzeiten gemacht oder?
Pierre Jarawan
Ja, gegen Ende der Schulzeit. Also ich habe 2006, 2007 meinen ersten Auftritt gehabt. Ich habe in Kirchheim unter Teck aufgewachsen, das ist eine Kleinstadt bei Stuttgart. Wohne ja seit 2011 in München, aber vorher eben da aufgewachsen. Und da gab es einen Poetry Slam in so einem Club und haben dann keine Profis veranstaltet, einfach Leute, die das mal ausprobieren wollten. Und dann musste man sich dann auch bewerben, wenn man mitmachen wollte. Das war sehr abstrus. Also Freunde haben zu mir gesagt, hey, du schreibst doch Gedichte, mach doch da mal mit. Und ich wusste gar nicht, was das ist, und hab das noch nie gehört, noch nie gesehen. Und ich bin einfach hin und hab dann da mitgemacht. Und insgesamt glaube ich immer noch, dass diese Kumpels gehofft hatten, die würden mich da blamieren, und mich deswegen überredet hatten, mitzumachen. Das hat dann aber Spaß gemacht und dann habe ich erst kapiert, okay, das ist ja ein deutschlandweites Phänomen, kann man ja fast schon sagen, das gibt es ja auch in Stuttgart zum Beispiel. Und dann bin ich da hingefahren und dann da aufgetreten und da waren dann sozusagen, das war ein Slam, den gab es damals schon viele Jahre und da waren dann solche Größen, die da aufgetreten sind. Und ab da ging es sehr schnell und so funktioniert diese Szene eigentlich auch. Das heißt, du trittst irgendwo auf, Profis oder Leute, die dir das schon lange machen, sehen dich da. Diese Leute sind meistens selbst Veranstalter in ihren Städten und dann laden die sich ein. Und das heißt, du trittst in Stuttgart auf und gehst nach Hause, hast aber eine Einladung nach Frankfurt, nach Berlin, nach Köln oder so und dann fährst du da hin und dann triffst du Leute aus Hamburg, Frankfurt oder wo auch immer und dann wirst du dahin eingeladen und ich veranstalte jetzt nur noch, also ich trete gar nicht mehr auf, sondern mache in München den Isar Slam hier im Ampere und aber so war das eben früher auch, also das heißt, wenn ich irgendwo aufgetreten bin, und man hat mir gefallen, dann habe ich die nach München eingeladen und so ist diese Slam-Szene, nennt man ja auch Slammily, weil sie so wie so eine Zirkusfamilie ist.
Helen
Also wenn Corona irgendwann mal wieder vorbei ist, wird es auch den Isar Slam wieder geben?
Pierre Jarawan
Ja, also natürlich.
Helen
Vielleicht bin ich aber irgendwann nochmal in München.
Pierre Jarawan
Ja, gerne, dann sag du es halt.
Helen
Ja, dann teile ich auch nochmal die Termine. Ich glaube, dass ich finde, es passt irgendwie zu Buchlesenden. Es ist halt nochmal so eine ganz andere Form von Text. Also ich finde, das muss man mal erlebt haben. Ich habe auch eben tatsächlich, wirklich leider nicht ganz bis zum Ende geschafft, nochmal bei YouTube, wie gesagt Hashtag Stalker bei YouTube geguckt nach deinen Poetry-Slam-Texten. Das war aber, glaube ich, ganz gut, weil ich dann erstmal eine Weile gelacht habe. Das war irgendwie der Verlobungs-Text, weil das so ein bisschen gegen meine Nervosität dann auch geholfen hat. Ich frage mich immer, wie man das so… Also bist du vor so Auftritten noch nervös oder eigentlich gar nicht mehr?
Pierre Jarawan
Inzwischen gar nicht mehr. Das ist aber, weil du es vorhin gesagt hast, der erste Auftritt war die Hölle. Du kennst es vielleicht, wenn man so ein Blatt hat und das wackelt dann so auf der Bühne und du merkst, dass es wackelt und es ist unglaublich peinlich, dass dein Blatt wackelt. Alle sehen, dass dein Blatt wackelt. Und es wird immer schlimmer, weil die Aufregung natürlich steigt. Also die ersten Auftritte waren natürlich schlimmer und wenn ich einen Auftritt gemacht hatte, konnte ich danach, ich musste dann die ganze Nacht noch wach liegen und diesen Auftritt so Minute für Minute nochmal nach erleben und so. Das ist lange vorbei. Also da bin ich natürlich gar nicht mehr aufgeregt. Freue mich da einfach drüber und drauf.
Helen
Also ich merke, dass es auch tatsächlich mit jedem Instagram Live wird so ein bisschen besser, aber kurz vorher denke ich immer so, ich hoffe, das geht auf gar keinen Fall schief. Hier hat gerade jemand gefragt, ob du das Hörbuch selbst sprichst. Ja, kann ich auch sehr empfehlen. Ich bin noch nicht so weit im Hörbuch, aber ich fand es richtig angenehm. Du hast eine sehr angenehme Hörbuchstimme. Da hat ja auch jemand gefragt, ob man da als Autor mitbestimmen oder also Mitspracherecht hat. Also jetzt hast du es halt selber gesprochen. Da wurdest du ja wahrscheinlich irgendwie gefragt. Also darf man das, darf man mitentscheiden?
Pierre Jarawan
Selten. Also es ist so, »Am Ende bleiben die Zedern« jetzt auch als Hörbuch. Das ist bei Hörbuch Hamburg erschienen, ist ein großer Hörbuchverlag. Und da hatte ich keine Chance, das durfte ich nicht machen, sondern die nehmen dann Schauspieler. Es hat ein Schauspieler gesprochen, das ist auch gekürzt, das Hörbuch. Und das hat sich dann aber auch nicht ganz so gut verkauft. Das Hörbuch, der Roman ja schon, aber das Hörbuch nicht so. Und die wollten dann, »Ein Lied für die Vermissten« eben deswegen auch nicht mehr als Hörbuch machen. Weil die denken natürlich dann auch wirtschaftlich und sagen, okay, das erste hat sich nicht gut verkauft, das zweite nehmen wir nicht. Also war die Lizenz frei und dann hatten meine Agentur das eben bei einem anderen Hörbuchverlag untergebracht, nämlich Steinbach. Und da durfte ich dann. Also es ist dann einfach unterschiedlich anders. Und das ist auch ungekürzt und das war auch echt super spannend. Also wir mussten das in fünf Tagen lesen im Studio, also acht Stunden jeden Tag und das war einerseits super anstrengend, aber das war auch irgendwie faszinierend. Du sitzt dann so wie du es im Film kennst, eigentlich hinter so einer Scheibe vor so einem Mikrofon. Der Regisseur sitzt auf der anderen Seite und wenn dann so die Mikrofone sind so fein, dass man sogar deinen Magen grummeln hört, wenn du halt irgendwann Hunger bekommst und dann sagt, okay, ich will eine Pause machen, ich hab die ganze Zeit deine Magengeräusche auf dem Hörbuch. Dann muss man mit, dann muss man essen und dann musst du dann weiterlesen und so. Das ist echt spannend gewesen.
Helen
Ja krass. Mal so einen Blick hinter die Kulissen. Ich glaube, ich könnte das dann deswegen irgendwie wahrscheinlich nicht machen, weil ich andauernd irgendwie, also ich habe jetzt, das klingt als hätte ich es dir gerade gekauft, ich habe seit einem Jahr ein Podcastmikro und habe jetzt aber vor kurzem mal gedacht, ich nehme jetzt mal was auf und das ist auch super hellhörig, da hört man irgendwie jedes kleinste Geräusch und ich weiß nicht, ich komme immer aus Versehen irgendwie überall gegen, die würden mich wahrscheinlich hassen in so einem Studio. Hier wurde gefragt, ob du ein Stimmtraining vor dem Einsprechen des Hörbuchs bekommen hast?
Pierre Jarawan
Nein, nein. Also meine Lesestimme ist aber schon ein bisschen anders als meine Sprechstimme. Also komisch, aber es ist einfach so so, weiß nicht, wie so ein Schalter, dann klingt es ja einfach ein bisschen anders. Aber das kommt, glaube ich, hier von den Jahren auf der Bühne. Wir haben ja gerade über die Slam-Jahre gesprochen. Wenn du dich halt selbst verstärkt über den Mikrofon hörst, dann hörst du, das ist ja oft schon mal der erste Schritt, das ist für viele erst mal befremdlich. Also wenn hier allein schon Sprachnachrichten, wenn man Sprachnachrichten verschickt und man hört die sich an, findet man das oft komisch. Aber zu wissen, wie man eigentlich für andere klingt und das dann sozusagen damit dann zu spielen lernen, das ist, das braucht einfach Zeit. Also ich hab jetzt nie ein Stimmtraining, aber ich glaube auch bei meiner Stimme gäbe es noch viel rauszuholen, wenn ich es mal machen würde.
Helen
Zu den Poetry-Slam-Jahren hat auch jemand hier empfohlen, ein kleines ABC des Träumens. Ich habe mir das mal auch aufgeschrieben. Ich habe das auch gesehen, das war, glaube ich, nur ein, zwei weiter unten. Dann teile ich das nachher auch noch mal in der Story. Wenn ich mal gerade hier so gucken wollte, habe hier so viele Fragen. Ach so, aber vielleicht zum Thema Poetry-Slam noch, weil jemand gefragt hatte, ob das quasi deine Form des Geschichten erzählen soll, das ja im Buch »Ein Lied für die Vermissten« um das Geschichten erzählen, um die Geschichtenerzähler. Sind das dann die Hakawati? Also so heißen die dann auch oder ist das quasi nur die Form, das Erzählen?
Pierre Jarawan
Die heißen so, also Hakawati, das sind also Hekaya bedeutet Geschichte und Wati das Beherrschen einer Straßenkunst und Hakawati ist der Straßenkünstler, der eine Geschichte erzählt. Und das sind sozusagen die, die wirklich, die Tradition ist ja tausende Jahre alt, so das Erzählen, dass man auch so aus Tausendundeiner Nacht irgendwie ein bisschen romantisiert kennt, aber das mündliche Erzählen von Geschichten, und das gibt es im Nahen Osten nach wie vor, das heißt Leute gehen, also diese Hakawati stehen auf Marktplätzen zum Beispiel, da schauen sie Leute um die und die erzählen Geschichten und irgendwann hören die auf und gehen und morgen kommen die wieder und erzählen am selben Punkt weiter und das ist wie so eine Serie, so eine Abendserie, dann nur eben als Geschichten erzählen und eben mündlich. Also das sind keine Schriftsteller, die schreiben diese Geschichten nicht, sondern die erzählen. Und das hat mich schon auch geprägt natürlich, dieses Schreiben, auch wenn man sagen muss, dass so ein Bühnentext natürlich ganz anders ist als so ein Roman. Also so ein Bühnentext schreibst du für ein hörendes Publikum, das eigentlich auch nur nur diesen einen Moment habe, alles aufzufassen. Und deswegen sind die auch selten super komplex, das muss man ehrlicherweise auch sagen, aus diesem Grund. Die müssen pointiert sein, die müssen irgendwie erfassbar sein. Und ein Roman, da kannst du zurückblättern. Du kannst sagen, wenn du das endet, dich überrascht, kannst du zurückblättern und sagen, wo war denn da dieser Hinweis darauf, ob ich das denn übersehen oder warum bin ich da nicht drauf reingefallen. Zum Beispiel das kannst du nachlesen, bei einem Bühnentext eben nicht. Und das ist der Unterschied und ja, das ist auf jeden Fall spannend, das beides mal auszuprobieren.
Helen
Ja, glaube ich. Also würdest du schon irgendwie sagen, ist das so deine Form des Geschichtenerzählens dann vor allen Dingen zum Einstieg gewesen?
Pierre Jarawan
Genau, ich würde das »gewesen« auf jeden Fall hinzufügen, weil ich es auch nicht mehr so aktiv mache. Also irgendwann, wenn du es halt jahrelang machst, dann hast du es halt auch gesehen und erlebt und es ist auch eine tolle Zeit gewesen, die mich sehr weitergebracht hat. Aber irgendwann erschöpft sich diese Kurzform einfach, weil dieses Zeitlimit dann auch fünf, sechs Minuten. Und irgendwann möchtest du mehr erzählen, irgendwann möchtest du so eine ganze Welt ausschmücken und du möchtest Figuren Tiefe geben und sie lebendig machen und sie dreidimensional machen. Und das geht in fünf Minuten auf der Bühne.
Helen
Ja, und da fand ich jetzt das halt im Buch einfach klasse, dadurch dass das einfach auch mal ein paar mehr Seiten hatte. Also ich fand wirklich, es wurde dadurch so rund, die Geschichte hatte wirklich den Raum irgendwie, die sie brauchte. Ich war, wie man vielleicht merkt, sehr, sehr angetan von dem Buch. Jetzt schaue ich mal gerade. Also hier war noch die Frage, dass, ich weiß nicht, ob das nur auf die Archive abzielt, aber hier war die Frage, welche Quellen du für die detaillierten Einblicke hattest. Also waren das nur die Archive, oder ist das vielleicht auch irgendwie Geschichten von, ich weiß nicht, Verwandten oder irgendwas, was du mit hast einfließen lassen?
Pierre Jarawan
Verschiedenes. Also es gibt ja, glaube ich, für die, die es gelesen haben oder noch lesen, es gibt ganz am Ende des Romans ein Quellenverzeichnis, wo ich das angegeben habe, das ist sehr lang, weil es sehr viele Quellen waren. Also das Archiv war das eine. Man findet auf YouTube zum Beispiel auch Dokumentationen. Man findet. Ich habe mit, also für unterschiedliche Aspekte der Geschichte mit unterschiedlichen Menschen gesprochen. Ich habe mit zum Beispiel Leuten vom Roten Kreuz im Libanon gesprochen, die die Angehörigen von Vermissten betreuen und die dann eben solche Sachen mir erzählt haben, wie, also diese Frauen, das sind ja meistens Frauen, ja, weil meistens Männer verschwunden sind. Das heißt, Frauen, die dann erzählen, seit 30 Jahren sieht mein Leben so aus, immer wenn es an die Türe klopft, gehe ich hin in der Erwartung, wenn ich jetzt aufmache, steht er da, er kommt wieder, er steht dahinter. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, seit 30 Jahren, jeden Tag, gehe ich ans Telefon, in der Erwartung, wenn ich jetzt abhebe, ruft er an. Und das ist im Grunde lebenslange Folter, weil sie im Grunde ihres Herzens wissen, dass diese Männer nicht mehr zurückkommen werden. Aber es gibt keine Gräber, es gibt keine Beweise, die sind eben vermisst und nicht für tot erklärt. Ja, aber tot. Oder erwiesenermaßen tot. Und deswegen, Hoffnung ist einfach was sehr Abstraktes. Und solange du keinen Beweis hast, dass die Person, die du liebst, gestorben ist, ist, klammerst du dich an die abwegigsten Theorien, warum sie seit 30 Jahren nicht nach Hause kommt. Und das ist eben ein Thema gewesen und also diese Gespräche, dann habe ich eben, der Bürgerkrieg kommt ja im Roman eigentlich gar nicht vor, sondern es geht ja um die Stille nach dem Krieg, also um das Schweigen, das dieser Krieg verursacht. Aber es gibt am Ende im dritten Teil so eine kleine Passage, die imaginiert ist von Amin über seinen Freund Jafar, wo er sich seinen Freund im Bürgerkrieg vorstellt. Und um das zu beschreiben, habe ich mit syrischen Geflüchteten gesprochen, die natürlich – du kannst mit denen genauso sprechen und weißt, wie Bürgerkrieg in Beirut gewesen sein muss, alle auch interessante Sachen, die die erzählen. Dass im Winter haben sie dann Turnschuhe verbrannt, wenn die Heizung nicht ging, oder dass sie, wenn es regnet, alles nach draußen stellt, um Wasser aufzufangen, weil du weißt nicht, ob die Toilettenspülung wieder funktioniert. So Sachen, die einfach dann so details sind, die ein Buch viel Tiefe geben. Und auch Bücher natürlich. Viel Fachliteratur, die man so lesen kann. Im Buch gibt es auch Stellen, also Originalzitate von diesen Frauen, die ich in so Reports gelesen habe und dann übersetzt habe.
Helen
Also eine sehr tiefe Recherche, die war da nötig? Wahrscheinlich auch eine, die stellenweise sehr nahegeht, wo man das schwerer noch…
Pierre Jarawan
Ja, genau, also das geht ja sozusagen auch dir als Unbeteiligte, also erst mal als Leserin, ja sozusagen als Thema nahe und das ist bei mir ja genauso. Aber dazu kommt eben, dass das halt in einem Land passiert, das mir viel bedeutet oder passiert ist. Und das macht mich dann halt auch noch wütend zusätzlich, dass das sozusagen sich nichts ändert, da nicht aufgearbeitet wird. Und also es war schon schwierig manchmal.
Helen
Ja, das glaube ich. Aber ich denke irgendwie vielleicht ist das so ein kleiner, also schon auch was, womit du Einfluss haben kannst. Also wo vielleicht dann, also wir jetzt zumindest vielleicht sensibilisiert sind und überhaupt erst mal um das Thema Wissen. Es hilft da auch schon.
Pierre Jarawan
Also es gibt ja auch dieses Zitat im Buch, das Erzählen kann nichts von dem, was verloren ist, zurückholen, aber es kann das Verlorene erfahrbar machen, heißt es ja an einer Stelle. Und genau das ist es. Also diese Menschen kommen natürlich nicht zurück, nur weil ich ein Buch über sie schreibe, aber viele Menschen in Deutschland erfahren plötzlich von denen. Und das ist auch schon viel wert. Und nicht nur in Deutschland, das Buch ist ja auch übersetzt oder wird übersetzt in andere Sprachen und dementsprechend ist diese Erfahrbarkeit vielleicht schon mal der erste Schritt, aus dem man was wachsen kann.
Helen
Jemand hatte auch im Vorfeld gefragt, ob das Buch eigentlich auch im Libanon veröffentlicht wurde oder wird.
Pierre Jarawan
Ja, also das Buch ist auf Französisch und Englisch zum Beispiel erschienen, also »Am Ende bleiben die Zedern« und »Ein Lied für die Vermissten« erscheint in Frankreich in zwei Monaten und auf Englisch im nächsten Jahr, die haben sich wegen der Pandemie verschoben. Und dann die zwei Sprachen, die übrigens auch die Libanesen lesen. Französisch ist der zweite Amtssprache und Englisch sprechen auch viele, das heißt, das sind die beiden Sprachen, in denen »Am Ende bleiben die Zedern«, dort gelesen wird und »Ein Lied für die Vermissten« wird jetzt erst erscheinen in anderen Sprachen.
Helen
Okay, hier steht, wie findest du die Menschen, mit denen du für so eine Buchrecherche dann sprichst?
Pierre Jarawan
Ja, unterschiedlich. Also zum Beispiel zu diesen syrischen Geflüchteten, die kannte ich vorher schon, weil ich mal einen Schreibworkshop für Geflüchtete gegeben habe hier in München, wo die so ein bisschen ihre Geschichten erzählt haben und so. Und da ist der Kontakt nie abgerissen danach. Und als ich dann an dem Punkt war, wo ich dachte, es wäre mal gut mit so jemandem zu reden, habe ich einfach gefragt. Und dann haben wir uns getroffen und dann haben die so erzählt und bei den Leuten vom Roten Kreuz einfach eine E-Mail geschrieben, ehrlich gesagt, und dann um Telefonat gebeten oder auch, als ich dort war. Man muss da so ein bisschen einfach so die Scheu ablegen und sich trauen, also so ein bisschen wie Journalist agieren. Man hat ein Interesse an einer Sache. Man kann ja auch begründen, was man tut. In dem Fall konnte ich ja auch meinen ersten Roman verweisen und sagen. Ich habe ein Buch geschrieben, schreibe gerade am zweiten, würden sie mit mir sprechen. Einfach. Und die meisten sind natürlich dann bereit dafür.
Helen
Ja, also das ist ja sowas, was ich jetzt auch immer mehr merke, wenn man sich einfach mal traut. Es funktioniert ja ganz häufig auch. Ich glaube, häufig hält einen eher zurück, dass man denkt, man kann auch jetzt nicht fragen.
Pierre Jarawan
Ja, genau.
Helen
Ich sehe jetzt auch gerade schon, dass wir schon viel vorhaben. Unglaublich. Ich weiß nicht, wie es bei dir oder bei dir ist. Also ich kann jetzt nicht mehr nachlesen. Also du wolltest ja auf jeden Fall gleich noch einen Teil vorlesen. Eine Frage, die ich auf jeden Fall stellen möchte, du hast es jetzt eben von Fachliteratur gesprochen, aber wir als Buchclub sind natürlich immer an Buchtipps generell interessiert. Hast du irgendwas, was dich vielleicht nachhaltig beeindruckt hat? Muss jetzt auch gar nichts irgendwie, also muss nicht in die gleiche Richtung gehen, einfach was dich als Leser interessiert hat oder beeindruckt hat.
Pierre Jarawan
Ja, natürlich super viel. Also ich lese, ich bin genauso Leser wie ja alle, das heißt genauso lesebegeistert auch und dann gibt es eben Bücher, die mich mehr begeistern oder weniger. Also zum Beispiel, weil man ja kaum drum herum kam hier auf Instagram, habe ich auch »Zugvögel« gelesen zuletzt.
Helen
Das habe ich noch nicht gelesen.
Pierre Jarawan
Das hat mir total gut gefallen. Das ist eben auch so ein Buch, wo man was lernt nebenbei, gut unterhalten wird. Und das fand ich sehr gut. Dann lese ich gerade »Das Verschwinden der Erde«, das erst vor ein paar Tagen erschienen ist. Auch das ist von einer Autorin ein Debüt aus Amerika, wo so zwei Mädels verschwinden, das spielt in Kamtschatka, also sowieso in Russland, so eine Halbinsel, und dann ist es eigentlich kein Kriminalfall in dem Sinne, also keine Kriminalgeschichte, sondern so eine Untersuchung, so ein Panorama dieser Gesellschaft dort, also jedes Kapitel widmet sich an einer anderen Frauenfigur dort. Das ist auch gut, aber ganz anders, und ansonsten, was ich eben viel gelesen habe Früher, was mich auch so zum Schreiben gebracht hat, war ehrlich gesagt eher amerikanische oder englischsprachige Literatur. Mehr noch als deutsche, und ich habe da Nachholbedarf und hole das jetzt auch sehr gerne nach, in den letzten Jahren schon, dass ich sehr viel die Bücher deutschsprachiger Kolleg*innen lese, weil man trifft sich ja dann irgendwann auch und kennt sich. Aber was mich wirklich früher so zum Schreiben gebracht hat, war John Irving zum Beispiel »Das Hotel New Hampshire« ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher, weil amerikanische Autor*innen das machen, was man in meine beiden Bücher irgendwie mit reingeflossen ist, nämlich das Erzählen einer Geschichte und das Mit-Erzählen von Geschichte, also Historie. Es gibt immer so ein Panorama von einer Zeit, ja, Philip Roth, Margaret Atwood oder wer, wer auch immer man liest, Man erfährt immer auch das über die Epoche und das merkst du, hast du natürlich in »Ein Lied für die Vermissten« gemerkt, das merkst du auch in »Am Ende bleiben die Zedern«, wo 30 Jahre libanesische Geschichte erzählt werden und das ist typisch englisch- oder amerikanischsprachige Literatur würde ich sagen. Es ist auch was, was, also in Deutschland ist es ja, zum Beispiel wenn man die Buchkritiken im Feuilleton anschaut, man kann den Eindruck bekommen, es ist ja fast schon verpönt, eine Geschichte zu erzählen. Manchmal je weniger Handlung, desto besser. Aber das ist nicht mein Erzählen. Ich mag das auch nicht mein Lesen unbedingt. Ich kann solche Bücher genießen. Zum Beispiel »Was man sät« habe ich kürzlich gelesen, wo wir schon über Buchtipps sprechen.
Helen
Ich schreibe hier einfach mal fleißig mit.
Pierre Jarawan
Das ist eine holländische Autorin, das ist jetzt die jüngste Autorin, die den Booker Prize bekommen hat, also den renommierten englischsprachigen Preis. Und das Buch ist eine Zumutung, im besten Sinne aber, weil es wirklich eine Qual ist, das zu lesen. Es geht um so ein Mädchen, die wächst in einer total gläubigen, fast schon Sektengemeinschaft oder zumindest ultra religiös irgendwo in der holländischen Provinz auf und hat so ein Kaninchen und der Vater will das Kaninchen an Weihnachten schlachten und sie betet dann zu Gott, er möge lieber ihren Bruder nehmen, nicht ihr Kaninchen, und dann bricht der Bruder im Eis ein und stirbt. Und dieser Tod, sozusagen, liegt dann wie so ein Schatten auf der Familie. Und dieses Buch ist einfach extrem hart und hat eigentlich keine Handlung. Es passiert eigentlich gar nichts. Aber dafür ist es super direkt und es ist nichts, was ich je schreiben könnte und schreiben wollte. Völlig handlungsarm. Aber trotzdem kann ich solche Bücher mögen und genießen, weil ich mich an der Sprache freue oder auch überhaupt einfach an dem Respekt davor, dass jemand das kann, weil ich kann das nicht irgendwie auf 200 Seiten, zumindest bislang nicht, auf 200 Seiten so viel unterzubringen. Und so lese ich eben kreuz und quer irgendwie ganz viel. Aber ich würde sagen, was mich so mit am meisten geprägt hat, ist so Klassisches. Das sind so die großen Amerikaner.
Helen
Spannend. Ich glaube, dass wir das meiste angesprochen haben. Ein Kommentar nur war, dass das diese Zeitsprünge und verschiedene, also ja, verschiedene Geschichten, die so ineinander greifen, dass das an einen Basar erinnern würde oder an den Souk. Und ja, sie fand das irgendwie halt einfach super schön, kann ich auch nur bestätigen. Aber ich glaube, so an Fragen: Ich hoffe jetzt halt, dass ich nichts Wichtiges vergessen habe, aber ich glaube, das meiste haben wir, wenn du magst. Ich würde mich total freuen, wenn du noch was, du habest gesagt, den Prolog, der ist ja noch kurz irgendwie.
Pierre Jarawan
Ja, genau, der ist schön kurz und gibt vielleicht aber auch so ein ganz gutes Bild davon, wie das Buch klingt, so für die, die es noch nicht gelesen haben. [Pierre Jarawan liest den Prolog des Romans vor – er steht aus urheberrechtlichen Gründen nicht im Wortlaut hier.] So, das ist, so fängt das an.
Helen
Ich habe hier schon ganz viele begeisterte Stimmen darunter gelesen. Jemand hatte gesagt, du könntest den ganzen Abend vorlesen. Ich kann an der Stelle nochmal sehr das Hörbuch empfehlen. Werde ich mir im Nachgang auch noch zu Ende anhören, weil ich das eine ganz schöne Ergänzung finde zu dem Buch, das ich jetzt schon gelesen habe. Irgendwie einfach von dir zu hören, wie man es richtig ausspricht. Und ich habe jetzt, glaube ich, auch wirklich diesen Unterschied vielleicht in der Stimme so wahrgenommen, weil du eben meintest, du hast so eine Redestimme und eine Vorlesestimme. Und also, ich weiß nicht, du kannst das sehr gut. Ich finde, falls es noch mal so eine Neuauflage von »Am Ende bleiben die Zedern« gibt, sollten sie dich als Vorleser nehmen.
Pierre Jarawan
Da ist was machen.
Helen
Also, ich habe, gibt ganz viel Zuspruch für das Vorlesen, ich glaube hier war jetzt keine Frage mehr dabei, also auf jeden Fall ganz viele Empfehlungen für das Hörbuch und ich will nicht vergessen haben, aber ich will dich auch nicht zu lange hier irgendwie
Pierre Jarawan
Ich habe nichts vor.
Helen
Na dann. Ach so, vielleicht eine Frage noch, damit könnten wir ja ablesen, ob du eine Lieblingsfigur zum Schreiben hattest oder irgendwie eine, die dir am wichtigsten war, vielleicht auch richtig zu porträtieren oder also wachsen die einem dann sehr ins Herz oder bleiben die auf Distanz?
Pierre Jarawan
Ich muss diese Figuren auch erst schreiben. Ich mag den Raupenzüchter sehr, also Abbas, weil er so was Märchenhaftes hat. Es gibt auch in »Am Ende bleiben die Zedern« so märchenhafte Elemente. Es war einfach interessant, weil das kann ich ja noch erzählen. Ich habe ja vorhin erzählt, dass ich beim Schreiben 350 Seiten gelöscht habe, insgesamt, also nicht jetzt am Stück, sondern so die Summe der Seiten, die ich irgendwann löschen musste, weil sie nicht gepasst hatten, ist 350. Und ganz am Anfang, die ersten 30, 40 Seiten, habe ich, die waren völlig anders, auch die Ursprungsidee war ein bisschen anders. Das heißt, es war nicht in der Ich-Perspektive geschrieben, sondern personal erzählt. Da war eigentlich der Zeichner vom Flohmarkt zum Beispiel, der auch eine wichtige Rolle hat, auch wenn er eine Randfigur ist, der war eine Hauptfigur von der ursprünglichen Idee und dann habe ich geschrieben in der dritten Person über diesen Junge, der da schon Comics zeichnet und so weiter. Und irgendwann habe ich gemerkt, okay, über den gibt es nicht so viel zu erzählen. Ich habe mir auch gewünscht, ich habe auch gedacht, das sei eine Hauptfigur, aber es ist keine. Es muss eine Nebenfigur sein. Und Jafar, der eigentlich eine Nebenfigur war, wurde immer wichtiger beim Schreiben. Und so ist das für mich super spannend zu sehen. Das sind wirklich wie Menschen, die man kennenlernen muss, denen man sich so nähern muss und dann merkt man, über den gibt es viel zu erfahren, viel Spannendes zu erfahren, über den anderen nicht allzu sehr, oder das, was ich schon über ihn weiß, reicht mir. Und so habe ich keine wirkliche Lieblingsfigur. Ich fand auch die Großmutter war mir ganz wichtig, weil sie natürlich eine sehr komplexe Frau ist, die Gutes will, aber durch dieses Gutes-Wollen Schlechtes auslöst. Ich wollte dass man ihr das am Ende vorwerfen kann. Und sie ist ja keine böse Figur. Sie hat einfach eine sehr tiefe Wunde und tut alles dafür, um ihren Enkel diese Wunde zu ersparen. Aber genau das ist das, wo sie die Fehler zu machen beginnt, also in diesem Verhindernwollen. Das löst eigentlich die Katastrophe aus und das Schweigen und so weiter. Und das fand ich schwierig, aber das war auch eine Herausforderung, die Spaß gemacht hat, jemanden zu zeichnen, der verletzt ist, der Schlechtes tut, ohne schlecht zu sein und auch ohne es zu wollen. Und ja, das war anspruchsvoll und es hat auch Spaß gemacht.
Helen
Ich fand es richtig schön, irgendwie so zu sehen, wie die Großmutter halt aufblüht. Also, man spürt ja natürlich, was das für eine Belastung für Amin ist, so lange sie noch in Deutschland leben. Aber man versteht sie ja auch aus der Sicht der Großmutter, was das für sie bedeutet in diesem fremden Land, wo sie die Sprache ja auch nicht spricht, bis auf ein paar Lieblingswörter. Und irgendwie dann zu sehen, dass sie total aufblüht und dieses Café eröffnet fand richtig richtig schön zu sehen. Ich finde es irgendwie spannend, dass du sagst, das hört sich fast schon so wie also so was an, was irgendwie nicht direkt so aus dir heraus, sondern eher was so auf dich zukommt, diese Entwicklung, dass dann irgendwie du spürst, das ist dann doch vielleicht keine Hauptfigur, sondern eher. Also das finde ich irgendwie so total spannend, weil man ja immer meint, du hast das ja geschrieben, du kannst das ja beeinflussen, aber das hört sich schon fast eher an wie etwas, was die Figuren mit dir vielleicht irgendwie machen. Ja. Das finde ich sehr, sehr spannend.
Pierre Jarawan
Ja, ich war davon auch am meisten überrascht, weil ich das nicht kannte von »Am Ende bleiben die Zedern«. Da habe ich Lebensläufe gemacht vorher, wirklich so, das ist Figur A, geboren am, in, das sind ihre Hobbys, das ist ja so wirklich so ein Lebenslauf und das hat überhaupt nicht funktioniert beim zweiten. Also nichts, was sich beim ersten bewährt hat, hat beim zweiten geklappt und das hat mich total überrascht. Das war einfach völlig anders. Ich habe mich wirklich nähern müssen, mich da irgendwie heranschreiben müssen an diese Figuren und irgendwie allen gerecht zu werden als eigenständige Figur mit eigenen Geschichten, eigenen Fehlern. Alle diese Figuren haben Fehler, auch viele Fehler. Mich faszinieren unperfekte Figuren, aber in ihrer Unperfektion immer nach gutem Streben dabei viel Schlechtes anstellen, aber immer mit dem richtigen Sinn. Das trifft auch auf [unverständlich] zu, das trifft selbst auf Jafar zu, der das ja auch also unbeabsichtigt quasi oder auch weil er nichts dafür kann, einfach ist wie er ist. Das interessiert mich am meisten eigentlich an Figuren, die ja nicht glatt sind, sondern die sich wandeln und die die Aufs und Abs erleben, mit denen man irgendwie auch mitfühlen kann.
Helen
Ja, ich finde, gerade an Jafar hat man, also finde ich, verstanden, was die Auswirkungen für die Kindergeneration oder so, die während des Bürgerkriegs aufwachsen, überhaupt bedeuten. Ich finde daran wurde das so greifbar, wenn man, wenn man irgendwie liest, dass Jafar nur weil dieses Radio läuft, sich quasi in die Ecke verzieht und der eigentlich sonst immer so selbstbewusst ist. Also ja, es hat mir sehr viel, sehr viel näher gebracht. Also, dass ich überhaupt vielleicht auch erstmal darüber nachgedacht habe, aber auch gleichzeitig es direkt schon verstehen konnte, also.
Pierre Jarawan
Mir geht das auch so, weil, also wenn man mal meine Biografie liest, dann könnte auch ein falscher Eindruck entstehen. Zum Beispiel, meine Eltern sind ja geflüchtet, aber ich habe ja nie Bürgerkrieg erlebt, sondern meine Eltern. Und meine Mutter ist ja Deutsche, die hat meinen Vater in Libanon kennengelernt. Die haben damals in so einem Internat zusammengearbeitet. Meine Mutter, also das ist eine lange Geschichte dieser Schule, die aber von dem Deutschen gegründet wurde, deswegen gehen immer wieder Deutsche aus Deutschland hin, um so eine Zeit lang zu arbeiten und auch viele Libanesen und so haben die sich dort kennengelernt, er als Libanese, sie als Deutsche. Damals war es schon ein Krieg. Als sie hin ist, aber es war auf Beirut begrenzt, ‒ das eskalierte nach und nach ‒ hat mein Vater zum Beispiel nie mit mir oder mit uns über den Krieg gesprochen. Als der Krieg ausgebrochen ist, war mein Vater 18. Alles, was ich über den Krieg weiß, weiß ich von meiner Mutter, die das mit einer ganz anderen Distanz erzählen kann. Vielleicht einfach, weil sie weiß, ich war dort für eine gewisse Zeit und als es zu viel wurde, sind wir gegangen. Aber für meinen Vater ist es ein Heimatverlust gewesen, der hat alles hinter sich gelassen, um mit meiner Mutter zunächst nach Saudi-Arabien und Jordanien zu gehen, wo ich dann geboren bin, und dann eben nach Deutschland. Aber der hat alles hinter sich gelassen, weil meine Mutter ja einfach nur zurückgekommen ist. Und die hat dann eben auch erzählt, die sind dann teilweise mit Kindern im Internat, also mit Kindern dann in den Keller gegangen, wenn Bombardierungen waren. Am nächsten Tag auf den Schulhof, da lag ein Hubschrauber auf dem Schulhof, abgestürzt. Also eigentlich Sachen, die man sich gar nicht vorstellen kann. Und eben, also ich finde, es sagt eben auch sehr, dass ich glaube, es sagt sehr viel, dass mein Vater nichts sagt. Also das sagt mehr als solche Anekdoten meine Mutter. Und deswegen war es eben auch für mich so, mich dem zu nähern, weil auch ich kann keine Kindheit im Bürgerkrieg erklären oder beschreiben, kann sie beschreiben auf eine Art schon, aber nicht aus Erfahrung, sondern aus anderen Beschreibungen zusammensetzen.
Helen
Aber dann ist ja zumindest das Thema Schweigen irgendwie um das Thema herum schon bekannt gewesen und konnte vielleicht deswegen auch die Großmutter oder vielleicht dann eher Amin irgendwie schon besser irgendwie zumindest sich reinfühlen.
Pierre Jarawan
Ja, genau, das ist ja genau das. Man will diese Figuren, ich habe beim Schreiben sogar auch, man will sie ja manchmal sogar anschreien. Jetzt redet doch mal miteinander. Probleme sind keine gravierenden Probleme, das Schweigen macht sie gravierend und das macht sie immer schlimmer. Und diese Unfähigkeit zur Sprache zu finden, das ist ja das eigentlich Tragische. Diese Unfähigkeit sich mitzuteilen oder auch andere sich mitteilen zu lassen und zuzuhören. Und das ist aufs ganze Land übertragbar, diese ganze Gesellschaft dort übertragbar. Aber eben auch viele Figuren, die man eigentlich mal rütteln will und sagen, nichts von dem was passiert hätte passieren müssen, hättet ihr miteinander gesprochen.
Helen
Sehr, sehr spannend. Irgendwie halt auch einfach spannend, das dann nochmal so von dir zu hören. Ich finde, es ergibt nochmal so ein runderes Bild. Das finde ich das faszinierende an so einem Instagram Live, dass man halt die Person hinter dem Buch auch mal so ein bisschen erlebt und auch ein Stück weit ja kennenlernt durch das, was du dann erzählst. Das finde ich sehr, sehr spannend. Also wirklich richtig schön, dass du dir die Zeit heute genommen hast. Ich schätze, dass wir jetzt wahrscheinlich langsam schon mal zu einem Ende kommen sollten. Aber alles, was wir irgendwie angesprochen haben, teile ich nochmal im Nachgang. Und wenn du mir dann irgendwie diese Fotos vielleicht schicken könntest oder so, das wäre auf jeden Fall sehr schön. Deine Buchtipps habe ich, also ich glaube, also außer du hast eine Frage.
Pierre Jarawan
Also nee, eine Frage nicht wirklich, aber ich möchte auch nochmal natürlich Danke sagen, weil es, wie ich am Anfang erzählt habe, eine schöne Möglichkeit zur Sichtbarkeit oder zur Sichtbarmachung ist und dass es, was ihr tut, extrem viel Wert hat, auch für die Verlage, speziell aber für die Autor*innen und dass das also viel bedeutet und wirklich gerade speziell in dieser Zeit ein wichtiger Bestandteil ist, nicht nur für mein Buch jetzt, das es schwer hatte in diesem Jahr, sondern für alle Bücher, die es schwer hatten und auch jetzt die Buchmesse Leipzig wurde heute abgesagt. Das heißt, alle Bücher, die jetzt kommen im März und so weiter, werden es auch schwer haben, ihre Plätze und Sichtbarkeit zu finden. Und dementsprechend kann man wirklich nur froh sein, dass es Plattformen wie deine oder eure gibt, dass es Gruppen wie eure gibt, die lesen, die ihre Lesebegeisterung teilen und auch mitteilen. Weil das ist es ja, wenn ihr ein Buch lest und nicht darüber sprecht, dann erfahren es andere ja auch nicht. Sondern es geht ja genau darum, dass ihr bereit seid, eure Begeisterung auch mitzuteilen. Vielen Dank dafür.
Helen
Super gerne. Also das hat wirklich viel Spaß gemacht und ich werde dieses Buch auf jeden Fall noch ein paar Mal empfehlen. Und ich hatte auch eben schon gesehen, dass das auch schon in den Kommentaren stand, dass einige das schon weiter empfohlen haben.
Pierre Jarawan
Danke schön.
Helen
Das hört hiermit heute nicht auf.
Pierre Jarawan
Das freut mich.
Helen
Dann sage ich noch mal final Danke, wünsche dir alles Gute, jetzt vor allem für diese spannende Zeit, die jetzt kommt. Wir sind glaube ich alle sehr froh, dass du dich bei dem Buch nicht hast unterkriegen lassen und wir freuen uns, wenn du das dritte Projekt vielleicht dann irgendwann angehst und werden das dann auch wieder mit in die Auswahl nehmen. Und falls wir einen, nee jetzt hab ich den Titel vergessen, »Am Ende bleiben die Zedern« noch lesen, frage ich einfach noch mal an.
Pierre Jarawan
Okay, super. Vielen Dank euch. Dann noch einen schönen Abend.
Helen
Gleichfalls, danke.
Pierre Jarawan
Tschüss. Tschüss.




