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Podcast · Folge 92
Warum eine bisexuelle Hauptfigur Fehler machen darf
Paula Steiner über ihren Debütroman »Die Welt hat blaue Haare«, das Erwachsenwerden in der fränkischen Kleinstadt – und den eigenen alten Text, den sie darin richtigstellt
Der Einstieg ist bei uns immer eine gedankliche Reise: Wo sitzen wir gerade, und welches Getränk hast du uns mitgebracht? Paula Steiner setzt uns auf den Schweinfurter Marktplatz – dorthin, wo auch ihr Roman spielt – und stoßt passend zu Franken mit einer großen Maß Bier an. Zustande gekommen ist dieses Gespräch über die Community: Katharina aus der Schmökerrunde war bei Paula Steiners Premierenlesung in Schweinfurt und hat gefragt, ob sie sie für den Podcast ansprechen soll.
Paula Steiner
Autorin und freie Journalistin, lebt in Berlin
Paula Steiner ist in Schweinfurt geboren und in einem Dorf in der Nähe aufgewachsen. Sie hat Drehbuch an der Filmuniversität Babelsberg studiert, danach am Literaturinstitut Hildesheim und Sprachkunst in Wien; für die Autor*innenwerkstatt am Literarischen Colloquium Berlin bekam sie ein Stipendium. Veröffentlicht hat sie in Magazinen und Anthologien, unter anderem im Missy Magazine und in der Literaturzeitschrift »Hot Topic«. »Die Welt hat blaue Haare« ist ihr erster Roman und erschien im August 2024 bei Leykam. Sie lebt in Berlin.
Foto: © Michele Pauty
Worum es in »Die Welt hat blaue Haare« geht
Luisa steht kurz vor dem Abi und lebt in Schweinfurt. Sie hat einen Freund, Benno, der in der Geschichte keine große Rolle spielt, weil sie ihn ziemlich langweilig findet – verliebt ist sie in ihre Mitschülerin Dunja. In den Sommerferien fliegt Dunja in das Land, aus dem ihr Vater kommt; benannt wird es nie. Luisa überbrückt die Zeit, indem sie sich eine Geschichte zu Dunja hin schreibt.
Genau da liegt der doppelte Boden des Romans. Was Luisa schreibt, folgt klassischen orientalistischen Erzählmustern – und man nimmt sie als Lesende lange gar nicht als solche wahr. Währenddessen läuft auf der zweiten Erzählebene ihr eigenes Leben weiter: eine schwierige Beziehung zur Mutter, die Suche nach der eigenen Identität, eine Bisexualität, die sie selbst so wahrscheinlich gar nicht benennen würde. Am Ende artet die Geschichte, die sie über Dunja schreibt, aus und fordert Opfer in der echten Welt.
Der Text im Text – und warum er nicht im Papierkorb gelandet ist
Die Geschichte, die Luisa schreibt, hat es wirklich gegeben. Paula Steiner hat sie während ihres Drehbuchstudiums verfasst: ein Drehbuch, das aus genau diesen Erzählmustern bestand, unreflektiert, und das die komplette Institution durchlief, ohne dass jemand das Politische daran kritisiert hätte. Erst in der Autor*innenwerkstatt am Literarischen Colloquium Berlin, für die sie ein Stipendium hatte, wurde sie darauf hingewiesen. Danach hat sie lange gar nicht geschrieben.
Der Roman ist ihr Umgang damit. Statt den Text wegzuwerfen, hat sie ihn eingerahmt und zugespitzt – und geht darin in eine Diskussion mit der Person, die ihn geschrieben hat. Interessant findet sie im Nachgang vor allem eines: Sie war 18, 19 und hätte sich damals schon als feministische, aufgeklärte, politische Frau bezeichnet.
Ich finde es schon interessant, dass gerade auch in aufgeklärten feministischen Kreisen solche Stereotype weiter reproduziert werden – weil es nicht intersektional ist, weil eine Perspektive fehlt.Paula Steiner
Eine Figur, die Fehler machen darf
Queere Figuren gibt es inzwischen mehr, sagt Paula Steiner – aber oft seien es fehlerfreie Figuren, Prototypen, mit denen man sich rundum identifizieren kann. Sie wollte eine bisexuelle Hauptfigur, die moralisch grau ist: die Fehler macht, selbst diskriminierend handelt und manchmal, ihre Worte, eine total blöde Kuh ist. Der Gedanke dahinter ist unbequem und einfach zugleich: Selbst Diskriminierung zu erfahren schützt nicht davor, andere zu diskriminieren.
Bisexualität sollte dabei ausdrücklich nicht das Hauptthema sein, sondern eine Normalität im Buch haben. Luisa findet das für sich heraus, während die Geschichte längst um etwas anderes kreist. Was Paula Steiner sich davon erhofft, formuliert sie sehr konkret: dass irgendwo eine kleine Paula sitzt, das liest und denkt, dass es möglich ist.
Warum die Sexszene bleiben musste
Eine etwas explizitere Sexszene stand von Anfang an auf ihrer Liste – als Gegenentwurf. Sie liest selbst gerne New Adult, findet dort aber meistens sehr heteronormative und oft richtig problematische Beziehungen: Machtgefälle, bei denen es gar nicht auf Konsens hinausläuft. Genau das wollte sie anders erzählen und queeren Sex damit ein Stück weit entstigmatisieren.
Vorgelesen hat sie die Stelle bisher nie. Lust hätte sie, sagt sie im Gespräch – sie weiß nur nicht, in welchem Rahmen das in Schweinfurt passen würde. Daraus entsteht in der Folge eine Idee, die es so noch nicht gibt: eine monatliche Leserei in Berlin, bei der genau solche Szenen gelesen werden.
Von der Kleinstadt aus geschrieben
Dass der Roman in Schweinfurt spielt, war eine bewusste Entscheidung. So viele Bücher spielen in Berlin und anderen großen Städten, sagt sie – und dabei passiert in Kleinstädten genauso viel Coming-of-Age. Ihre größte Sorge war eine andere: dass Leute aus der Gegend die Familie ihrer Hauptfigur für ihre eigene halten. Sie hat deshalb ihre Mutter und ihre Oma das Buch vorher lesen lassen und sich versichern lassen, dass die beiden sich darin nicht wiedererkennen.
Passiert ist es am Ende genau einmal, dass jemand den Roman für autofiktional hielt. Was tatsächlich aus der Wirklichkeit stammt, sind einzelne Sätze: Die problematischen Aussagen, die im Buch beim Grillfest fallen, hat sie so in ihrer Umgebung gehört – auf Familienfesten, im Schulkontext. Die Leute, denen sie sie abgelauscht hat, haben sich darin nicht erkannt.
Vorne im Buch steht eine Triggerwarnung. Erkämpfen musste sie sie nicht – besprochen wurde nur die Formulierung und die Reihenfolge. Wo Content Notes nötig sind und wo sie zum Spoiler werden, findet sie selbst noch heraus; für dieses Buch war ihr wichtig, dass man weiß, worauf man sich einlässt.
Schreiben ist Handwerk, nicht Inspiration
Fünf Jahre hat sie an dem Roman gearbeitet. Lange hat sie auf den Inspirationsmoment gewartet – das Genie-Moment aus dem Deutschunterricht, in dem alles aus einem herausfließt. Heute setzt sie sich hin und schreibt, und ob ein Satz aus der Inspiration kam oder aus dem bloßen Hinsetzen, sieht man dem Ergebnis nicht an. Was sie stattdessen braucht, ist Routine: immer derselbe grüne Tee, die Tageslichtlampe an, derselbe Duft im Raumdiffuser.
Autorin werden wollte sie immer – als Kind hat sie Bücher aus Druckerpapier gebunden und hinten hineingeschrieben, dass es den nächsten Band im »Paula-Buch-Geschäft« gebe. Zu Abi-Zeiten kam der Gedanke dazwischen, sie müsse etwas machen, was mehr mit Menschen zu tun hat, also Drehbuch. Im Studium hat sie dann jede Szene erst in Prosa geschrieben und danach ins Drehbuch übersetzt. Ihre Sorge, in der Filmbranche brauche man zu viel Ellenbogen, hat sich übrigens nicht erledigt: Im Literaturbetrieb sei es ähnlich.
Bei Lesungen ist sie bis heute aufgeregt, am meisten beim Vorlesen selbst. Ob es gut wird, hängt für sie stark an der Moderation – bei ihrer Premiere in Schweinfurt hat eine BookTokerin moderiert, und sie hat sich gehalten gefühlt. Eine Lesung, die sie selbst moderiert hat, hat sie deutlich mehr Kraft gekostet.
Wenn du wissen willst, wie es sich anfühlt, einen eigenen alten Text nicht wegzuwerfen, sondern ihn in einem Roman zur Rede zu stellen, dann hör dir diese Folge an.
Die Bücher aus dieser Folge
Zwei Titel kommen im Gespräch vor – der Roman selbst und ein Buch, über das die beiden ins Genre-Gespräch kommen.
Die Welt hat blaue Haare
Paula Steiner
Der Roman, um den es in dieser Folge geht: Luisa steht kurz vor dem Abi in Schweinfurt und schreibt sich eine Geschichte zu ihrer Mitschülerin Dunja hin – bis die Geschichte Opfer in der echten Welt fordert. Erschienen im August 2024 bei Leykam.
Felix Ever After
Kacen Callender
Das zweite Buch im Gespräch: Helen hat es gelesen und mochte es, Paula Steiner kennt das Cover. Aus dem Englischen von Maike Hallmann, erschienen bei LYX.
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Häufige Fragen zu dieser Folge
Worum geht es in »Die Welt hat blaue Haare«?
Luisa steht kurz vor dem Abi in Schweinfurt und ist in ihre Mitschülerin Dunja verliebt. Während Dunja in den Sommerferien verreist, schreibt Luisa sich eine Geschichte zu ihr hin – und verfängt sich dabei in orientalistischen Erzählmustern. Der Roman erzählt auf zwei Ebenen: diese Geschichte und Luisas eigenes Leben.
Ist das Buch autobiografisch?
Nein. Paula Steiner kommt aus Schweinfurt und ist selbst bisexuell, viele Erfahrungen im Buch hat sie auch gemacht – die Handlung und die Figuren sind aber erfunden. Ihre Mutter und ihre Oma haben das Manuskript vorher gelesen, damit sichergestellt war, dass sie sich darin nicht wiedererkennen.
Ab welchem Alter ist der Roman geeignet?
Er ist als All-Age-Buch angelegt. Geschrieben hat Paula Steiner ihn ursprünglich mit einer sehr jungen Zielgruppe im Kopf; gelesen wird er nach ihrer Erfahrung eher von Erwachsenen. Vorne im Buch steht eine Triggerwarnung, damit man weiß, worauf man sich einlässt.
Wie explizit ist die Sexszene?
Sie ist bewusst etwas expliziter geschrieben. Der Grund ist ein inhaltlicher: Paula Steiner wollte queeren Sex entstigmatisieren und dem entgegensetzen, was ihr in vielen New-Adult-Büchern begegnet – heteronormative Beziehungen mit Machtgefällen, in denen Konsens keine Rolle spielt.
Woher kommt die Geschichte im Buch?
Aus einem Drehbuch, das Paula Steiner mit 18, 19 im Studium geschrieben hat und das von genau den Erzählmustern lebte, die der Roman offenlegt. Erst in der Autor*innenwerkstatt am Literarischen Colloquium Berlin wurde sie darauf hingewiesen. Statt den Text wegzuwerfen, hat sie ihn im Roman eingerahmt.
Schreibt Paula Steiner ein weiteres Buch?
Ja. Zum Zeitpunkt der Folge arbeitet sie bereits an einem neuen Projekt – nach fünf Jahren an ihrem Debüt. Parallel schreibt sie ihre Masterarbeit.
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Transkript der Folge
Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme.
Helen
Herzlich willkommen, Paula. Ich freue mich sehr heute mit dir über, ja wahrscheinlich hauptsächlich dein Buch, aber irgendwie auch einfach ein bisschen wie es dazu gekommen ist zu sprechen. Aber bevor wir damit starten, habe ich zwei Fragen an dich. Wo sind wir gerade und welches Getränk hast du uns mitgebracht?
Paula
Wir sind auf dem Schweinfurter Marktplatz und wir stoßen mit einer großen Maß Bier an, passend zu Franken.
Helen
Richtig gut. Da sind wir direkt schon im Setting vom Buch, dann würde ich sagen, stoßen wir einmal damit an. Ich finde das richtig witzig. Ich glaube, als ich das Buch, also dein Buch heißt »Die Welt hat blaue Haare«, als ich das das erste Mal gesehen habe, glaube ich wegen der Haare, habe ich halt auch gedacht, dass das eigentlich Rauch ist und nicht Haare. Aber es ergibt schon Sinn – ich finde nur, man muss einen zweiten Blick darauf werfen, um es zu verstehen, weil ich hätte es auch total logisch gefunden, wenn das Lila nicht hier die Haare gewesen wäre.
Paula
Ja, oder auch wenn es blau gewesen wäre.
Helen
Ja, stimmt. Ja, ja klar.
Paula
Es wurde mir schon das Feedback gegeben, dass es interessant ist, dass es nicht blau ist, sondern dass eben nicht drauf ist, was draufsteht.
Helen
Ja, aber ich finde, also ich finde auch, es sind so die Haare ein bisschen. Also Rauch und vielleicht auch so Gedankenwelt. Voll, richtig cool. Ich hab eben auch noch mal so gedacht, weil das ist so wie ein Statement-Piece dieses Buch. Also wir verlinken natürlich in den Show Notes dazu, dann könnt ihr euch mal anschauen, für die, die es jetzt noch nicht gesehen haben. Aber ich finde es wirklich so, das sticht so ins Auge. Und dann hab ich eben so gedacht, wie stolz bist du auf dein Buch?
Paula
Ähm, also ich bin immer noch, obwohl das jetzt schon mehr als zwei Monate draußen ist, fühle ich mich immer noch ein bisschen als würde ich mir das so einbilden. Also ich hab als ich klein war, immer Bücher selbst gebunden aus Druckerpapier. Also ich hab ganz viel ausgedruckt und dann irgendwie so selbst beschrieben und dann so getan, als würde ich die in einem Buchhandel verkaufen. Und da stand dann auch hinten drin die nächste Reihe oder das nächste Buch dieser Reihe gibt es dann im Paula-Buch-Geschäft. und »Geschäft« war auch falsch geschrieben. Und es fühlt sich immer noch ein bisschen so an, als wäre das eins von diesen selbstgebastelten Büchern manchmal, als wäre das so ein Hirngespins. Deswegen, also mir fällt es oft schwer, stolz zu sein, aber wenn ich so… Ja? irgendwie schon, aber wenn ich so in einem Buch laden bin und vor allem gar nicht damit rechne, dass es da liegt, sondern irgendwo hingehe, weil ich mir einfach selbst ein Buch kaufen will Und dann sehe ich das, dann bin ich schon immer so, oh mein Gott, das ist so toll. Und ich versuche dann auch immer heimlich, irgendwie so Selfies zu machen. Weil das ist schon auch ein bisschen peinlich. Deswegen, ja.
Helen
Hey, ich find's voll cool und vor allem, ich find es… Also, das ist eigentlich auch ein Buch, ehrlich gesagt, muss man sich einfach mal bestellen oder in der Buchhandlung angucken, weil ich find es halt wirklich cool gemacht. Also weil diese, wenn man es aufschlägt, wird das Cover irgendwie so weiter getragen. Das finde ich irgendwie total cool. Also ich finde es auf jeden Fall allein schon, wie es aussieht und natürlich auch nur so alles andere. Kannst du einfach super stolz auf sein. Ist ja voll cool auch einfach. Vielleicht sollten wir so ein bisschen die Backstory erzählen. Weil ich glaube, es hatten wir so auch noch nicht. Katharina aus der Schmökerrunde, also aus der Community, hatte mir irgendwie geschrieben. Sie meinte, sie sei am nächsten Tag bei Paulas Lesung – ob sie sie mal für den Podcast anfragen solle. Und ich war erst ein bisschen verhalten, weil ich unsicher war, wie das bei dir ankommt. Aber ich dachte so, okay, ja, wahrscheinlich. Also, Fragen kann man ja immer. Ich hab mich so gefreut. Wie kam das bei dir an?
Paula
Ich habe mich richtig gefreut. Das war bei meiner Premierenlesung in Schweinfurt, in der Stadt, in der auch die Geschichte spielt. Und ich hatte immer wieder bei der Lesung auch so betont, dass ich das Buch schon auch so mit einer so sehr jungen Zielgruppe im Kopf beschrieben hatte. Also dann auch immer so ein bisschen so in eine Jugendbuchrichtung gehen sollte, anfangs. Und ich hatte schon die ganze Zeit auch, also weil ich glaube so die Audience bei Lesungen ist ja sowieso meistens irgendwie bisschen älter und dann ich hatte die ganze Zeit schon so gesehen, ah da hinten da sitzen zwei so voll junge Personen und dann kam sie am Ende auf mich zu und hat mich gefragt und ich habe mich so richtig doll gefreut.
Helen
Oh, schön. Ich dachte auch also ich meine versuchen können wir das Mir auch auf jeden Fall. Ich meine, mehr als nein sagen kannst du ja auch nicht. Also, so was soll schief laufen. Aber ich fand es irgendwie in der witzige Herangehensweise. Ja, vor. Kommst du denn selbst? Also, weil sie lebt zumindest in der Nähe von Schweinfurt oder vielleicht sogar wirklich auch in Schweinfurt, ich weiß nicht mehr so genau. Kommst du auch daher?
Paula
Genau. Also, ich bin in so einem Dorf in der Nähe von Schweinfurt zwar aufgewachsen, aber bin in Schweinfurt zur Schule gegangen. Und genau deswegen ist auch das Setting so gewählt. Weil ich mich natürlich mit wahrscheinlich nichts besser auskenne als eine junge, bisexuelle Person oder Frau in Schweinfurt zu sein. Mhm. Ja. Ja, ich hab es im Gegensatz zu Luisa schon geschafft. Wobei, ich bin grade auch wieder in Schweinfurt. Ich sitze in dem Büro von meiner Mama. Ja.
Helen
Ja, total krass. Also, das fand ich halt auch irgendwie … Ich glaub, das ist natürlich auch immer irgendwie so ein bisschen cool, wenn man aus dem Ort kommt, wo dann das Buch spielt und so. Das kann ich auch schon total daraufvollziehen. Ich stell mir grad so vor, ich bin in Loma aufgewachsen. Und wenn das halt … Manchmal gibt es ja so lokale Krimis oder so, die dann aber auch so ein bisschen weird aussehen oder so, die man vielleicht jetzt nicht in die Hand nimmt. Aber so, das Buch sieht halt auch voll cool aus. Und dann spielt es in der Stadt, in der man lebt, kann ich mir auch richtig vorstellen, dass das voll gut ankommt. Hast du irgendwie Feedback so aus der Gegend, vielleicht auch von alten Schulfreundinnen oder so bekommen?
Paula
Also ich hatte so ein paar Nachrichten auf Instagram bekommen von Leuten, die ich teilweise gar nicht kannte und teilweise so mir nicht mehr sicherer bzw. so entfernt vielleicht kannte. Oder zumindest gemeinsame Followerinnen da waren, die mir geschrieben hatten, hey, ich habe es in der Buchhandlung gesehen, ich bin auch aus Schweinfurt und es hatten sich eigentlich alle voll gefreut. Und das war auch so ein bisschen mein Wunsch, weil ich… Genau, also ich hab irgendwie gedacht, dass es schon auch ein cooles Gefühl, wenn ein Buch mal in so einer Kleinstadt spielt. Ich meine auch selbst, wenn man Schweinfurt nicht kennt, ich hab das Gefühl, dass so viele Bücher in Berlin in so anderen coolen Städten spielen und irgendwie so … so Kleinstädte dann manchmal so hinten runterfallen, obwohl da ja genau so viel Coming-of-Age passiert quasi. Also …
Helen
Ja, voll. Ja, und ich hab eigentlich das Gefühl, an wenn ist es auch so richtig Provinz, als Gegensatz zu der Großstadt und nicht irgendwie so viel dazwischen. Das ist total spannend. Ist es denn aber auch dir passiert, also ich meine, das schreibst du hier am Anfang, ach nee, du schreibst nicht spezifisch zu dir, aber es steht am Anfang, Alle in diesem Buch auftretenden Personen und Handlungen sind frei erfunden, jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen oder Begebenheiten wäre rein zufällig. Aber passiert das, dass Leute dich darin sehen und meinen, es ist deine Geschichte, gerade weil es auch in Schweinfurt spielt?
Paula
Das war, glaube ich, mit die größte Sorge, die ich hatte. Und weil ich ja auch von Anfang an vor hatte, ich will eine Lesung in Schweinfurt, und ich will das Buch, soweit ich das kann, auch in Schweinfurt bewerben, damit es Leute dort lesen. Und meine größte Angst war eigentlich, oder eine meiner größten Sorgen war von Anfang an, dass Leute eben denken könnten, es würde um mich gehen oder noch schlimmer, dass Leute annehmen würden. Es würde sich bei Luisas Familie, also der Familie von meiner Hauptfigur, es würde sich dabei um meine Familie handeln. Schweinfurt ist – wie wahrscheinlich viele Kleinstädte und vor allem kleinere Städte in Bayern – schon auch eine Gossip Town. Es wird schon viel geredet. Und ich glaube auch selten miteinander geredet oder über Dinge gesprochen. Ähm … Und ich hatte schon so die große Sorge, dass Leute da meine Familie reinlesen. Ja. Deswegen habe ich vorher meine Mama und meine Oma das Buch lesen lassen und mir quasi auch noch mal so versichern lassen. So, wir sehen uns da selbst nicht drin. Und das kann so veröffentlicht werden. Und es ist dann letztlich eigentlich nur ein einziges Mal passiert, dass … dass eine Person einfach angenommen hat, das sei autofiktional. Und ich hatte dann aber in dem Moment, wo ich darauf angesprochen wurde, hatte ich das Gefühl, ich konnte das ganz gut von mir abkapseln. Ich meinte dann so, nee, steht ja Fiktion drauf, steht ja Roman drauf. Und es hat nichts mit mir zu tun. Natürlich hat es im weitesten Sinne mit mir zu tun – ich komme aus Schweinfurt, bin selbst bisexuell und habe viele Erfahrungen, die in dem Buch sind, auch selbst gemacht. Aber es ist trotzdem erfunden. Also es ist dann viel weniger passiert, als ich mich gesorgt hatte, dass es passiert, dass Leute denken, das seien echte Personen.
Helen
Ja, das kann ich auch echt nachvollziehen. Das Thema kam schon ein paar Mal auf – vielleicht war es im Livestream mit Ruth Maria Thomas, die dann meinte, dass das aber ja immer auch … Also, man kann ja auch nur über Dinge schreiben, die man irgendwie zumindest sich vorstellen kann. Es fließt ja immer etwas von der Autorin in ein Buch. Genau, aber es ist halt nicht deine Story.
Paula
Voll, genau, ja. Ich hatte auch … Also, ich hatte auch so eine Sorge, Weil ich glaube, ich hab die meiste Zeit meines Lebens einfach ganz viel zugehört. Und viel auch so wie mitgeschrieben quasi oder mir gemerkt. Und viele von diesen problematischen Aussagen, also die bei dem Grillfest irgendwie getätigt werden von dem Onkel oder so, sind Aussagen, die Leute in meiner Umgebung – auf Familienfesten oder im Schulkontext – tatsächlich so gesagt haben. Also diese Leute haben es aber gar nicht gemerkt. Also ich finde so lustigerweise die Leute, denen ich diese problematischen Aussagen aus dem Mund gezogen und aufgeschrieben habe, sind gar nicht darauf gekommen. Also finde ich auch interessant, dass man dann quasi so sich selbst dann soweit dann doch nicht erkennt.
Helen
Ja. Wenn es um Kritik geht. Voll spannend eigentlich, weil oft sagt man ja auch, wenn man zum Beispiel sich an etwas stört, ist das oft irgendwie auch so ein bisschen vielleicht so so ein etwas, was einen vielleicht auch an einem selber stört, also wenn ich das jetzt irgendwo lese oder so, aber vielleicht auch nicht auf alle Bereiche bezogen. Aber das fand ich zum Beispiel auch spannend: so eine Triggerwarnung vorne drin. Das ist ja leider immer noch nicht so üblich – ist das etwas, was du dir erkämpfen musstest oder war das gesetzt, dass das reinkommen würde?
Paula
Also ich musste mir das zum Glück gar nicht erkämpfen. Wir hatten nur quasi über die Formulierungen so besprochen, wie genau und in welche Reihenfolge und wo es steht. Aber es war nie quasi die Frage, ob es raus sollte oder so. Und ich hab das Gefühl, dass ich immer noch auch überlege, inwiefern so Content Notes wichtig sind, wann sie auch weglassen kann. Also weil mir fehlt Es fehlt zum Beispiel super oft im Kino, bei Kinofilmen. Da gibt es nie eine Content Note – es gibt eine Epilepsie-Warnung. Zum Glück immerhin. Aber da fehlt es total. Und gleichzeitig habe ich neulich so eine Content Note gelesen in einem Buch vorne drin mit Tod. Und dann habe ich auch gedacht, das finde ich irgendwie auch voll interessant. Weil ich mir dann überlegt habe, ist das denn was, wovor man sich irgendwie, wenn man auf der Welt ist, Ich weiß nicht, ob du verstehst, was ich meine – man kann sich davor ja eigentlich gar nicht schützen. Genau, aber jetzt in dem Fall, ich bin quasi immer noch in dem Prozess herauszufinden, inwiefern Content Notes wichtig sind, irgendwie und in welchen Zusammenhängen sie auch weggelassen werden können und wie genau die formuliert sind. Aber in dem Buch jetzt war es mir irgendwie wichtig und genau damit man einfach weiß worauf man sich einlässt und nicht unnötige Verletzungen so provoziert werden müssen.
Helen
Ja, weil sie sich vor allen Dingen auch auf die Aussagen bezieht. Und ich glaube es ist zumindest vielleicht notwendig irgendwie um in Kontext zu setzen, dass das nicht okay ist, was gesagt wird. Ich bin da auch noch nicht sicher – vielleicht kommen wir irgendwann mal zu einem Ergebnis, vielleicht auch nicht. Aber solche Warnungen können natürlich auch ein gewisser Spoiler sein, wenn du vorher weißt, es geht hier um Tod. Also, da geht es ja vielleicht schon auch anders da rein in das Buch. Aber ich glaube, ich finde es immer irgendwie besser, wenn man selber so entscheiden kann, ob man das, ne, ob einen das jetzt total mitnimmt. Und hier ist es jetzt noch mal etwas anderes, weil es ja um diese Aussagen geht irgendwie. Wir hatten auch mal ein Buch, in dem vorne vermerkt war, dass es hinten eine Triggerwarnung gibt. Und dann kann man halt entscheiden, wie man damit umgeht. Wenn ihr denkt, es gibt wenig, was euch aus der Bahn wirft, dann kann man es auch vielleicht einfach nicht lesen. Aber wenn man sich da Sorgen macht, kann man das als Entscheidungsgrundlage nehmen.
Paula
Ich freue mich auch immer, wenn es drin ist. Ich habe das Gefühl, das ist ganz oft bei New-Adult-Büchern so: Hinten steht es, mit dem Hinweis, dass es Spoiler enthalten kann. Ich freu mich immer, ehrlich gesagt, weil ich das Gefühl hab, ich bin auch so eine Mood-Readerin irgendwie. Ich freue mich immer, wenn ich mich vorher ein bisschen darauf einstellen kann, was jetzt wohl passiert. Manchmal brauche ich einfach etwas, bei dem nichts Schweres passiert.
Helen
Total. Was ich grade … Ich habe im ersten Moment an Mut gedacht – Mutlesen. Damit hab ich mich so identifiziert. Weil ich glaube … Ich hab das Ganze aus einem Burnout heraus angefangen. Ich hab überhaupt wegen meinem Burnout angefangen zu lesen. Ich habe nicht zu Wohlfühlbüchern gegriffen, warum auch immer. Ich hab eher ähnliche Bücher ausgewählt, wie wir das jetzt auch bei Mädels, die lesen. machen, wo es oft harte Themen sind. Und für mich war das schon so ein bisschen wie Mut lesen. Weil ich dann oft … ja, irgendwie mit Dingen konfrontiert wurde, mit denen ich mich dann erst mal irgendwie auseinandersetzen musste oder vielleicht auch wirklich Ängste bei mir hochkamen. Deswegen bin ich manchmal bei Triggerwarnungen auch unsicher. Mir hat das geholfen, aber ich hatte zu der Zeit auch Therapie und konnte das damit einordnen. Also ich war ja auch, ich wurde quasi dabei begleitet. Ich fand es voll spannend, dass du Mood-Readerin meintest – ich hatte es direkt ganz anders interpretiert. Ich bin immer noch eher eher Mutleserin.
Paula
Ja, ich glaube, ich bin beides – Mood-Readerin und Mut-Leserin. Also ich habe so das Gefühl, weil ich ein richtiger Stubenhocker bin. Also ich liebe einfach so drin sein und lesen. Das ist glaube ich schon mein größtes Hobby irgendwie. Und ich habe neulich darüber mit einer Freundin gesprochen, dass ich das Gefühl habe, das ist so meine adventurous Seite. Also wenn ich dann mal so was Aufregendes möchte oder was Erleben möchte, dann such ich mir ein Buch aus, das nicht so meinem normalen Genre entspricht. Dann bin ich manchmal auch Mutleserin.
Helen
Und kommst dir so richtig mutig vor. Ich erlebe das selbst so. Ich finde das so perfekt an Büchern, dass man im Grunde Abenteuer erleben kann und dabei auf dem Sofa liegt. Was liest du so für gewöhnlich gerne?
Paula
Also ich versuche schon irgendwie viel so deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu lesen, weil es mich einfach interessiert. Und das sind dann auch die Bücher, die ich meistens mir kaufe, weil es dann irgendwie von Freundinnen oder irgendwie bekannten Leuten im weitesten Sinne ist. Und ich versuche auch immer, die Bücher zu unterstützen. Und wenn ich aber so ganz ehrlich quasi mit mir bin, dann kann ich von so Gegenwartsliteratur nicht so viele lesen. Also ich versuche es immer so abzuwechseln. Also ich lese dann irgendwie ein Buch, das dann irgendwie literarisch anspruchsvoller ist und auch wichtigere Themen vielleicht bespricht und dann lese ich auch immer mal wieder so ein Unterhaltungsliteratur einfach. Ich lese ganz viel New Adult. Wobei ich schon versuche, dass es immer … Also, ich versuche schon Bücher zu lesen, die immer irgendwie … auch eine politische Relevanz haben. Bücher, die sich selbst als unpolitisch labeln, gibt es meiner Meinung nach ohnehin nicht. Also, ich versuche schon, dass es immer eine Relevanz hat. Aber ab und zu brauche ich dann schon auch so … einfach Unterhaltungsliteratur. Wenn man nur auf meinen Instagram-Feed schauen würde, würde man denken, ich lese nur so hochliterarische Gegenwartsliteratur, aber eigentlich lese ich heimlich dann doch zum Einschlafen, immer mal wieder so, New Adult.
Helen
Ja. Ich find's voll spannend, weil das echt so ein Genre … Ich habe es einmal probiert – wir hatten mal so ein Buch in der Auswahl, es hatte nicht gewonnen, und dann dachte ich, probiere ich es einfach. Ich hab's in der als Hörbuch gehört. Ich fand es super befremdlich. Ich fand dieses Super-Explizite voll komisch, weil ich so dachte, ich glaube, es ist so ein starker Kontrast in den Büchern, die ich sonst lese, wird wahrscheinlich alles immer nur so super entfernt angedeutet. Und ich dachte so, hey, warum, ich brauch das, glaube ich, gar nicht so explizit und warum dreht sich es auch die ganze Zeit nur darum? Das fand ich dann so ein bisschen weird, aber wahrscheinlich müsste ich einfach mal verschiedene Sachen ausprobieren. Wo ich gerade so denke: »Felix Ever After« – kennst du das? Ob das nicht auch in das Genre fällt? Das habe ich auch gelesen.
Paula
Das mochte ich zum Beispiel.
Helen
Also ich habe das Cover so vor Augen, aber ich habe das nicht gelesen. Ich frage mich, ob das auch da hineinfallen würde – ob ich vielleicht doch New Adult gelesen habe.
Paula
Ja, ich weiß auch nicht ganz, wie sich dieses Genre so bestimmt. Also ich habe nur das Gefühl, es ist wichtig, dass es spicy ist.
Helen
Ja, okay. Ja, irgendwie weiß ich nicht. Vielleicht muss man sich da einfach dran gewöhnen. Ja. Ja.
Paula
Also ich wollte das auch irgendwie bei »Die Welt hat blaue Haare«. Wollte ich schon auch so eine explizite oder ein bisschen explizitere Sexszene drin haben, weil ich das gerne lese – und dann sind das meistens sehr heteronormative und ganz oft auch richtig problematische Beziehungen in ganz vielen New-Adult-Büchern, in denen es mit diesen Machtgefällen eigentlich gar nicht auf Konsens hinausläuft. Das finde ich befremdlich, und deshalb fand ich die Idee schön, das anders reinzustreuen. Ja, ja irgendwie so.
Helen
Ja, voll gut. Ja. Weil ich meine im Grunde denke ich schon, dass ja wahrscheinlich viele Bücher das auch durchaus vertragen. Also ich muss auch sagen, ich mag zum Beispiel schon, wenn es so irgendwie vielleicht eine Liebesgeschichte, obwohl ja, weiß ich nicht, ich habe gerade Sorge, so keine Ahnung, weil das klingt dann auch direkt Das ist schon so kitschig. Aber wenn es irgendwie um eine Beziehung geht, das mag ich irgendwie schon. Aber ja, ich finde es gut, wenn du das so ein bisschen … mit reinstreust. Was ich eben irgendwie total interessant fand, weil wenn man sich deine, diese Biografie ist ja irgendwie hier so ein bisschen weiter hinten, aber wenn man die durchliest, hat man ja auf jeden Fall das Gefühl, du hattest irgendwie vielleicht den Plan auch in die Richtung Autorin zu gehen. zumindest klingt das alles so sehr stimmig und so als jetzt aufeinander aufgebaut. Und jetzt hast du ja eben sogar gesagt, dass du als Kind schon quasi selber Bücher gebastelt hast. Also ist das einfach so was, war dir immer schon klar, dass du in die Richtung gehen willst?
Paula
Also ich glaube eigentlich schon. Also ich wollte immer Autorin werden. Das stand auch in den Freundebüchern von damals unter »Traumberuf«: Autorin. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Und dann hatte ich so zu Abi-Zeiten, hab ich das Gefühl gehabt, ich muss irgendwas machen, was mehr mit Menschen zu tun hat. Ich muss aus mir rauskommen, ich muss irgendwas Cooleres machen. Dann dachte ich, vielleicht kann ich ja dann Drehbuchautorin werden. Und für einen Film schreiben, das ist irgendwie cooler. Und hab dann aber in meinem Drehbuchstudium alle, also alle Szenen, die später dann so Drehbuchszene waren, habe ich vorher in Prosa geschrieben. Also habe ich vorher irgendwie dann doch quasi Geschichten, so Kurzgeschichten geschrieben und dann als Drehbuch, also zu einem Drehbuch übersetzt und habe dann im Laufe dieses Studiums halt auch gemerkt, okay, das ist eigentlich das, was ich machen möchte. Also das ist so viel mehr mein kreativer Ausdruck oder was auch immer. Ich hab mich da nie so richtig gesehen, jetzt in dieser Filmbranche. Und ich dachte auch, dass ich nicht dafür geeignet wäre, weil man so sehr Ellenbogen braucht und sich so gut messen muss und viel pitchen muss und viel networken muss. Und ich dachte, das ist sowieso nichts für mich. Aber turns out: Im Literaturbetrieb ist es dann doch ähnlich. Man muss auch ganz viel networken und pitchen und Ellenbogen haben. Was ich auch traurig finde ein bisschen. Also ich wünsche mir so mehr Solidarität auch so unter Autorinnen und so viel mehr. Hast du nicht das Gefühl? So etwas kriegt man als Leserin wahrscheinlich nicht so mit.
Helen
Ja, also doch es gibt, finde ich schon auch voll oft so solidarische Bewegungen zwischen Autorinnen.
Paula
aber ich hab das Gefühl, dass halt auch noch voll wenig darüber gesprochen wird irgendwie so über Vorschüsse oder irgendwie wie man überhaupt einen Verlag findet und wie man Texte gut präsentieren kann. Also ich hab das Gefühl, da könnten wir uns alle irgendwie doch noch viel mehr austauschen.
Helen
Ja voll. Aber das ist ja generell so ein Thema: Geld, und irgendwie auch Macht. Ich weiß nicht, ich finde schon, es wird mehr, aber trotzdem irgendwie immer noch so ein bisschen ein Tabuthema und halt gerade einfach bei Frauen auch. Wenn du jetzt offen über deinen Vorschuss sprichst, ist es wahrscheinlich schon danach auch Thema. Könnte ich mir schon immer noch vorstellen. Aber ich habe mir auch noch nie so darüber Gedanken gemacht.
Paula
Zufälligerweise hatte ich jetzt vor dieser Aufnahme auch eine andere Podcastaufnahme und da ging es auch um Auktionen von Manuskripten und exorbitante Vorschüsse. Das fand ich krass. Wenn man ein Buch liest, mache ich mir wenig Gedanken über all das, was vorher passiert. Es ist schon eine eigene Welt.
Helen
Ja voll. Und eine, in der man dann doch auch oft Ellenbogen braucht – ein bisschen wie in der Filmbranche.
Paula
Aber ich bin trotzdem froh, dass ich dann quasi meinen eigentlichen Wunsch, Autorin zu werden auch umsetzen konnte. Zumindest finde ich es immer noch strange zu sagen: Ich bin Autorin. Also, ich denke, ich hab jetzt ein Buch geschrieben, aber ich finde so Autorin, das klingt so … Das klingt viel erwachsener, als ich mich fühle. Ja.
Helen
Aber also du willst weiter schreiben, denk ich, oder?
Paula
Ja, auf jeden Fall. Also ich schreibe gerade schon an einem neuen Projekt und ich bin auch echt froh. Also ich vermisse ganz oft so Luisa, meine Hauptfigur und irgendwie diese Welt und mich früh hinzusetzen und gedanklich an denselben Ort zurückzukehren. Das fehlt mir manchmal. Und gleichzeitig bin ich aber auch wirklich einfach froh, dass ich jetzt endlich an etwas Neuem schreiben kann – ich habe fünf Jahre daran gearbeitet. Und irgendwie neue Figuren kennenlernen darf. Das fühlt sich richtig befreiend und gut an. Und ich will auf jeden Fall weiter schreiben.
Helen
Ja, cool.
Paula
Gleichzeitig ist es natürlich auch immer eine Zeitfrage: Wann kann ich überhaupt schreiben? Gerade schreibe ich meine Masterarbeit, danach werde ich auch Lohnarbeit machen müssen – und mich um einen kleinen Hund kümmern.
Helen
Ist das der, der auf deinem Autorinnenfoto zu sehen ist?
Paula
Leider nicht auf dem Cover. Ich hatte das meiner Verlegerin tatsächlich vorgeschlagen. Aber ich glaube, es ist gut, dass es nicht geklappt hat – von mir aus wären überall Hunde drauf, und so viel hat das mit dem Buch dann ja auch nicht zu tun.
Helen
Ja, das kann ich mir vorstellen. Man muss ja wahrscheinlich schon halt auch irgendwie so in die Stimmung kommen. Da kann man ja nicht wahrscheinlich so, nur weil man gerade fünf Minuten frei hat, oder?
Paula
Also ich dachte auch immer, dass ich so diesen Inspirationsmoment brauche Ich glaube, deswegen habe ich auch so lange gebraucht, weil ich immer auf diesen Inspirationsmoment gewartet habe. Wie man es aus dem Deutschunterricht früher kennt, so das Genie-Moment, wo dann alles aus einem rausfließt. Mittlerweile hab ich das Gefühl, so schreiben ist für mich eigentlich auch so eine Art Handwerk einfach. Ich setze mich mittlerweile, wenn ich die Zeit dafür finden kann, dann setze ich mich an meinen Laptop und schreibe einfach. Und ich habe das Gefühl: Ob es jetzt aus der Inspiration kam oder daraus, dass ich mich einfach hinsetze und aufschreibe, was ich mir für die Figur überlegt habe – am Ende zählt das Ergebnis. Das eine ist nicht besser als das andere. Also, ich kann natürlich nicht schreiben, wenn ich keine Idee hab vorher, aber … Mittlerweile fühlt es sich schon einfach an, wie so Handwerk und eine Arbeit. Ich warte nicht mehr auf diesen Inspirationsmoment, sondern der kommt dann so im Schreiben.
Helen
Verspannend, ja.
Paula
Ja. Aber ich finde, es braucht auch viel Routine. Also jedenfalls in meinem Fall. Ich muss ganz viel vorbereiten: immer denselben grünen Tee, die Tageslichtlampe an, denselben Duft im Raumdiffuser. Das muss alles vorbereitet sein. Also da bin ich schon so ein bisschen so extra irgendwie.
Helen
Das finde ich richtig cool. Aber wie war das jetzt bei den Lesungen? Also, wie hast du das empfunden?
Paula
Also ich hatte noch nicht so viele Lesungen. Und deswegen ist es auch immer noch super mega aufregend vorher. Und ich hab das Gefühl, es kommt für mich auch voll auf die Moderation an. Also meine Premiere in Schweinfurt hat zum Beispiel eine BookTokerin moderiert, und da habe ich mich total gehalten gefühlt. Da kann ich mein Schüchternsein ablegen, wenn dann noch eine andere Person, der ich irgendwie vertraue und die mich so ein bisschen führt, dabei ist. Bei einer Lesung habe ich mich quasi selbst moderiert. Das fand ich schon sehr schwierig. Da war ich dann auch sehr erschöpft danach.
Helen
Ja, das glaube ich.
Paula
Das hat echt Ressourcen aufgebraucht. Aber gleichzeitig denke ich, ich versuche mir immer, in Erinnerung zu rufen, dass es voll das Privileg ist, dass ich das überhaupt machen darf. Dass ich meinem Traum nachgehen kann und mit Leuten darüber sprechen kann. Das ist irgendwie auch so toll und so viel wert. Ich versuche mir, das in Erinnerung zu rufen, wenn ich sehr aufgeregt bin oder denke, oh Gott, das packe ich nicht. Ich wär viel lieber zu Hause. Ja.
Helen
Das ist dann nicht Mutlesen, sondern Mut sammeln. Also ich kann das voll nachvollziehen. Ich glaube, ja, das ist wirklich wie so ein Mut sammeln, oder? Vielleicht durch vergangene Erfahrungen, aber auch, dass man sich in dem Moment selbst hebt und sagt, das schaff ich schon. Ich glaube, es ist auch einfach normal, wenn es dir so geht. Kann ich total nachvollziehen. Ich hatte zum ersten Mal selbst eine Lesung moderiert und war auch super aufgeregt, aber das war mit Melanie Raabe und ich fand es super spannend, weil sie zu mir meinte, dass sie mehr Lesungen selbst moderiert, als dass eine Moderation vor Ort ist. Und das war mir überhaupt nicht bewusst, weil ich anscheinend immer auf Lesungen bin, wo jemand das moderiert. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass ich es schon mal anders erlebt hätte. Und ich war richtig perplex und dachte: Wie machst du das? Wie geht das?
Paula
Ich find's auch super schwierig. Gerade wenn man sich das so vorstellt. Klappentexte schreiben meistens die Autor*innen selbst. Mein Klappentext wurde zwar noch ein bisschen bearbeitet, aber im Grunde habe ich den selbst geschrieben und da kringle ich mich schon auch, wenn ich so dann so aufzähle, was ich alles gemacht habe. Ich denke mir dann: Oh Gott, peinlich. Kann das nicht jemand anderes schreiben? Aber sich bei der eigenen Lesung selbst anzumoderieren und zu sagen: Ja, ich habe das und das gemacht – das ist noch mal ein anderes Level. Ja. Das ist schon unangenehm, finde ich.
Helen
Ja. Aber ich finde, du darfst dich doch viel mehr auch zeigen und feiern und so.
Paula
Ja, ich arbeite daran.
Helen
Wahrscheinlich trägt es auch so ein bisschen dazu bei, dass du dann so nach und nach dich damit vielleicht auch wohl fühlst. Aber auf der anderen Seite denke ich so, man muss sich auch nicht mit einem wohlfühlen. Wenn du eher schüchtern bist, bist du eben schüchtern. Ist auch völlig in Ordnung.
Paula
Ich glaube, die Erfahrung, also ich glaube, je mehr Erfahrung ich auch sammeln darf, dass mehr da vielleicht auch so eine Routine reinkommen. Vielleicht moderiere ich mich irgendwann mit superkrassem Selbstbewusstsein selbst an und sage: Ich brauche gar keine Moderation.
Helen
Ja, voll. Ja, es war schon ein echt schönes Erlebnis, mit so einer Person das zu teilen, irgendwie die Premiere.
Paula
Ja. Ja, ich weiß nicht, einfach so Gesprächspartner inzuhaben. Genau, weil es dann halt auch mehr ein Gespräch ist. Also …
Helen
Ich bin manchmal auch immer noch sehr aufgeregt, wenn ich so Livestreams mache. Mittlerweile kommt es wirklich ein bisschen auf den Tag an. Ich kann mittlerweile auch schon Livestreams machen, ohne aufgeregt zu sein. Aber es gibt einfach diese Tage. Meistens ist es so: Wenn die ersten Worte gewechselt sind, werde ich ganz ruhig. ich bin ja trotzdem immer noch live. Aber das vereinfacht es. Am Anfang fand ich es richtig schwierig, solche Livestreams alleine zu machen, weil ich dann schon auch dazu neige, mich in so eine Nervosität so hinzusteigern. Also dann je mehr ich rede, desto schneller werde ich und kriege weniger Luft und werde immer aufgeregter und so. Und ich finde so ein Gesprächspartner, eine Gesprächspartnerin, das kann es vielleicht so ein bisschen wie so auffangen. Einfach dadurch, dass die andere Person zwischendurch redet, kann ich mich kurz zentrieren und wieder Luft holen. Ja, geht mir auch so. Und man ist ja dann auch so beschäftigt, damit der anderen Person zuzuhören. Man kann gar nicht so viel nachdenken, finde ich. Voll.
Paula
Am aufgeregtesten bin ich bei den Lesestellen. Weil ich da das Gefühl habe, da lege ich mich so offen. Oder nicht mich – vor allem das Buch. Ich habe das Gefühl, das ist ganz zart. und so, als würde ich mich so total offenbaren. Ich meine, es kann ja jede Person dieses Buch kaufen und lesen. Insofern bin ich ohnehin offenbart. Aber wenn ich es dann so laut vorlese, das ist schon nochmal so ein anderes Level.
Helen
Da bin ich sehr gespannt. Ja. Weil du dann das Gefühl hast, du bekommst direkt die Reaktion vielleicht auch oder?
Paula
Ja, vielleicht. Und irgendwie hab ich das Gefühl, dass ich mich dann in dem Moment des Lesens ja auch mit dem Text noch mal so neu verbinden. Weil ich es ja jedes Mal ein bisschen anders lese, gar nicht beabsichtigt, sondern einfach, weil es sich anders anfühlt, weil es ein anderer Tag ist. Und da merke ich dann irgendwie vielleicht auch wieder diese Verbundenheit und so erinnern mich daran, wie ich das geschrieben habe oder wie es vielleicht geklungen hat vor dem Lektorat. Der Lektoratsprozess hat letztlich gar nicht so viel verändert, aber ich erinnere mich dann schon immer noch zurück, wie es so klang, als ich es das erste Mal geschrieben hab. Das fühlt sich irgendwie alles schon auch sehr verletzlich an. Und man bekommt dabei eine direkte Reaktion. Also, wenn Leser in das Buch zu Hause haben, dann kriege ich ja nicht mit, was sie denken, während sie das lesen und ob sie bei der Sexszene möglicherweise cringen. Da hatte ich auch total Angst davor.
Helen
Liest du die Stelle auch?
Paula
Ich habe sie noch nie gelesen, aber ich hätte total Lust, sie mal zu lesen. Weil eigentlich finde ich das so… Ich mag die Vorstellung. Es ist ja noch mal etwas ganz anderes. Aber ich weiß nicht, ich finde das so eine schöne Vorstellung, auch eben so … queeren Sex zu entstigmatisieren und irgendwie auch so zu … irgendwie mehr zu einem Thema zu machen und da offener drüber zu reden. Und auch über Unsicherheiten, die ja Luisa hat. Ja, ich hatte richtig Lust, das mal vorzulesen. Aber ich weiß nicht, in welchem Kontext das in Schweinfurt passend wäre.
Helen
Was nicht so passend? Ist das etwas, was man vorher abstimmen muss? Weiß ich gar nicht so genau.
Paula
Weiß ich gar nicht.
Helen
Wenn du allein liest, kannst du das doch entscheiden.
Paula
Eigentlich schon. Ja, eigentlich schon. Ich meine, es kommt vielleicht auch echt so ein bisschen auf die Audience an. Also… Und es kommt natürlich auch drauf an, ob ich mutig genug bin. Aber vielleicht soll ich das einfach mal machen.
Helen
Ich habe mich jetzt gerade gefragt, aber es ist natürlich super ungeplant. Also wenn du Lust hast, kannst du das natürlich auch hier jetzt vorlesen, weil dann kriegt man natürlich auch direkt einen Eindruck. Und du denkst jetzt nur: Was habe ich getan? Du musst nicht.
Paula
Ich glaube, ich glaube, das geht nicht. Ich muss vorher, glaube ich, einen Shot trinken oder so und dann eine halbe Stunde meditieren und meinen Hund in eine bestimmte Richtung streicheln, damit ich mich so zentrieren kann.
Helen
Okay, dann machen wir es so. Wenn jetzt jemand zuhört, der eine Lesung mit Paula Steiner ausrichten möchte: Sie wäre sehr offen dafür, auch diese Stelle zu lesen.
Paula
Also ich finde es eigentlich ganz cool und ich glaube, ich meine, warum nicht?
Helen
Ja. Meldet euch. Es wäre eigentlich eine interessante Idee, so ein, vielleicht gibt es es auch irgendwo, aber so ein Lesungsformat zu machen, bei dem einfach immer so spicy Szenen vorgelesen werden.
Paula
Es gibt ja diese Literaturzeitschrift »Hot Topic«, und die haben auch Lesungen – aber immer nur zum Erscheinen des Hefts. Eine monatliche Leserei, bei der spicy Szenen vorgelesen werden, fände ich schon mega interessant. Man sagt ja immer: Wenn du etwas vermisst, was es noch nicht gibt, musst du es selber machen. Also: demnächst eine spicy Leserei in Berlin. Das wäre cool. Ja, mal gucken.
Helen
Das ist ja auch wirklich schon so was. Ich muss mich mal informieren. Mir ist zumindest noch nichts in der Art untergekommen – meldet euch also gerne, wenn ihr etwas kennt, wo Paula andocken kann.
Paula
Ja, gerne.
Helen
Aber vielleicht magst du trotzdem einfach mal, weil wir haben noch überhaupt nicht so wirklich über den Inhalt gesprochen. Einfach mal erzählen, warum sollte man das gelesen haben, worum geht's und ja, was erwartet einen, wenn man die Welt hat blaue Haare aufschlägt neben diesem richtig coolen fortgeführten Cover?
Paula
Es geht um Luisa. Sie ist kurz vor dem Abi und lebt in Schweinfurt Sie hat eigentlich einen Freund, der heißt Benno und spielt gar keine so große Rolle in der Geschichte, weil sie ihn ganz schön langweilig findet – und eigentlich in ihre Mitschülerin Dunja verliebt ist und während der Sommerferien fliegt Dunja zurück in das Land, aus dem ihr Vater kommt. Das Land wird nicht weiter benannt. Luisa träumt sich schreibend eine Geschichte zu ihrem Crush Dunja hin und verfängt sich dabei in ganz klassischen orientalistischen Erzählmustern, die man für einen großen Teil der Geschichte zuerst gar nicht als solche wahrnimmt – außer man liest sehr aufmerksam. Und ja, im Laufe der Geschichte schreibt sich Luisa immer tiefer in diese Erzählmuster und ihre Lebensrealität, die die zweite Erzählebene bildet, nimmt immer mehr Fahrt auf. Sie hat zum Beispiel eine sehr schwierige Beziehung zu ihrer Mutter. Sie kämpft mit ihrer Identitätsfindung, mit ihrer möglichen Bisexualität, obwohl sie das selber wahrscheinlich gar nicht als solche benennen würde. Und letztlich artet ihre Geschichte über Dunja aus und fordert Opfer in der echten Welt.
Helen
Wie es hinten auf dem Klappentext steht.
Paula
Genau und ich verrate vielleicht nicht, wie die Geschichte ausgeht, weil sonst …
Helen
Dann kann man es noch lesen.
Paula
Genau, dann kann man es noch lesen.
Helen
Ja, genau.
Paula
Ich glaube, man sollte das Buch lesen, um so… Was ich mir beim Schreiben immer gewünscht habe, war, dass ich es schaffe, ein Buch zu schreiben, dass ich selbst gerne lesen würde. Und Themen, die mir ganz oft fehlen – in der Gegenwartsliteratur ist das zum Beispiel Bisexualität. In allen Lebensbereichen sind wir, glaube ich, total unterrepräsentiert und stigmatisiert und werden irgendwie nicht ernst genommen. Und ich mochte die Idee, es nicht zum Hauptthema der Geschichte zu machen.
Helen
Genau, dass es aber auch so eine Normalität hat, so, ne?
Paula
Ja, genau. Also es ist so… Luisa findet das für sich heraus. Und ich mochte es sehr, dass es so ein Buch gibt, das sich um Bisexualität, das sich mit Bisexualität beschäftigt. Und dann eben Kleinstadt. Es sind ein bisschen so Small-Town-Tropes. Ähm … Und es ist ein bisschen spicy. Und es ist … Also, ich hab jetzt ehrlich gesagt nicht so die krasse New Adult, deswegen. Ich bin auch nicht die beste Ansprechpartnerin dafür. Es macht einfach auch Spaß zu lesen.
Helen
Das freut mich.
Paula
Es ist auf jeden Fall nur ein Zehntel von dem Stil. Aber es ist ja auch nicht so lange. Also das Buch ist nicht so dick wie ganz viele von den New-Adult-Büchernn. Und dann geht es natürlich auch um internalisierten Orientalismus. Es war mir ein Anliegen, in der Geschichte diese verinnerlichten Erzählmuster, die ich auch ganz stark hatte, hoffentlich aufzudecken. Es gibt ja auch immer mehr queere Charaktere. Aber ich habe das Gefühl, dass das ganz oft fehlerfreie Figuren sind. Oder Prototypen, mit denen man sich total identifizieren kann und die total sympathisch sind. Und ich mochte auch die Vorstellung, so eine queere Figur zu haben, eine bissexuelle Figur, die ein bisschen moralisch grau ist. die so Fehler macht und auch selbst diskriminierend handelt und manchmal auch eine total blöde Kuh ist. Also, weil ich finde, es ist so ein bisschen mehr real irgendwie. Selbst Diskriminierungserfahrungen zu machen schützt ja nicht davor, andere Leute zu diskriminieren. Das wäre sehr schön und einfach, wenn es so wäre. Deswegen ist es aber auch interessant, eine Figur zu schreiben, die so ambivalent ist, die nicht sympathisch ist.
Helen
Die man trotzdem versteht.
Paula
Ja, genau, in dem man sich trotzdem hineinversetzen kann, auch wenn es nicht irgendwie die eigene Realität ist.
Helen
Hattest du das Gefühl, dir damit etwas von der Seele geschrieben zu haben oder war es eher ein Projekt, bei dem du dachtest: Wow, so eine Story will ich erzählen. Also, wie hat sich das so … beim Schreiben und vor allem dann beim Abgeben angefühlt?
Paula
Ähm, also, wenn es um dieses queere Coming-of-Age geht, das war schon was, was ich mir total von der Seele schreiben wollte. Und auch einfach so ein bisschen … Also, weil zu dem Zeitpunkt, als ich so alt war wie Luisa, Wenn ich zurückdenke, war ich damals offensichtlich schon bisexuell – ich hatte das aber nie als das benannt und mich damit gar nicht auseinandergesetzt. Und das wollte ich mir schon von der Seele schreiben und ein bisschen erkunden, wie wäre es denn gelaufen, hätte ich das damals schon für mich erkennen können. Und aber wenn es so um diese Geschichte die Luisa schreibt, die so von diesen orientalistischen Erzählmuster geprägt, es geht, das habe ich mir nicht von der Seele geschrieben. Ich hatte während meines Drehbuchstudiums ein Drehbuch geschrieben, das quasi nur diese Geschichte war, die sie schreibt die total problematisch war und die ich gar nicht reflektiert habe Das ging durch die komplette Institution, und es wurde nie Kritik daran geübt, was das Politische anging Erst bei der Autor*innenwerkstatt am LCB, für die ich ein Stipendium hatte und da waren ganz viele junge AutorInnen und wir haben über Texte gesprochen und da wurde ich tatsächlich erst so darauf hingewiesen, dass diese Geschichte, die ich schreibe, total problematisch ist. Und dann habe ich ganz lange nicht geschrieben und ich glaube, das war dann mein Versuch, mit diesem einen Text umzugehen, der ja schon existierte, den ich so aber natürlich nicht veröffentlichen wollte, indem ich ihn einrahme und natürlich auch zuspitze. Dieser Text, der von Luisa geschrieben ist, war also nichts, was ich mir von der Seele geschrieben habe, sondern etwas, das ich vor vielen Jahren geschrieben und dann wiederverwertet habe. Und richtigstellen, quasi. Ja, also auf eine Weise oder zumindest vielleicht nicht mal richtig stellen, sondern eher in eine Diskussion mit der Person zu gehen, die das geschrieben hat und so reflektieren, woher so eine Geschichte überhaupt kommt. Auch im Nachgang finde ich es interessant: Ich war 18, 19, als ich das geschrieben habe, und hätte mich damals schon als feministische, aufgeklärte, politische Frau gesehen. Und ich finde es schon interessant, dass gerade auch in aufgeklärten feministischen Kreisen solche Stereotype weiter reproduziert werden – weil es nicht intersektional ist, weil eine Perspektive fehlt, weil ich mich nur auf meine eigenen Diskriminierungserfahrungen berufen habe und es hat jegliche Weitsicht gefehlt und das ist bei Luisa, bei der Protagonistin, total der Fall und irgendwie das fand ich einfach interessant und ich glaube deswegen war es mir auch in Anliegen diesen Text, den ich da produziert habe, nicht wegzuschmeißen, sondern in Austausch mit mir selbst und mit Luisa und mit Luisas Umwelt zu gehen Wo kommt dieser Text her, und wieso hat sie diese Erzählmuster so internalisiert?
Helen
Ja voll interessant. Ich habe auch gerade so gedacht, Wenn man in einer Kleinstadt aufwächst, ist ja vielleicht alles noch mal ein bisschen anders, als wenn man in Berlin aufwächst. Und du sagst ja, du warst damals höchstwahrscheinlich schon bisexuell, hast es aber nicht benannt und vielleicht auch nicht erkannt. War das ein bisschen der Wunsch – dass es helfen kann, wenn man so ein Buch liest, das das als normal erzählt, und sich dann vielleicht Gedanken darüber macht, wie man selbst dazu steht? Kann ein Buch das leisten?
Paula
Doch, ich glaube auf jeden Fall. Ich weiß nicht, ob mein Buch das kann. Ich hoffe, dass es mein Buch kann. Ich lese immer noch wahnsinnig viel und wahnsinnig gerne, und Bücher berühren mich mehr als alles andere. Aber die Bücher, die ich als Teenagerin gelesen habe – Ich glaube, ich werde nie mehr an den Punkt kommen, wo mich Sachen, die ich lese, so sehr prägen und so sehr auch erziehen irgendwie auf eine Weise oder Richtung lenken und mir so viel beibringen. Also Bücher bringen mir immer noch ganz viel bei und ich liebe Lesen und so. Aber Bücher, die ich zum ersten Mal mit 14, 15 gelesen habe, das ist einfach ein ganz anderes Gefühl, finde ich. Ich habe total verinnerlicht, was da drinstand, davon geträumt, es allen meinen Freundinnen ausgeliehen und selbst darüber geschrieben. Und deswegen: Hätte ich zu dem Zeitpunkt eine Protagonistin in irgendeinem Buch gehabt, die bisexuell gewesen wäre, dann wäre ich vielleicht auch früher darauf gekommen. So nach dem Motto: Wenn das im Buch geht, dann geht das bei mir ja auch. Es gab damals mit Sicherheit schon Bücher mit queeren Charakteren. Aber wahrscheinlich waren sie nicht so salonfähig – und ich habe sie einfach nicht gelesen. Ich hatte diese Bücher nicht. Ich habe das Gefühl, dass »Die Welt hat blaue Haare« eher von Erwachsenen gelesen wird. Und das wollte ich ja auch. Ich dachte an ein All-Age-Buch, für jede Person, die es liest. Aber es ist schon dieser Wunsch da, wenn da irgendwo eine kleine Paula sitzt, die das liest und dann denkt: Ah, es ist möglich, bisexuell zu sein. Das wäre schon schön.
Helen
Dann von mir an dieser Stelle: gerne selber lesen, aber auch super gerne verschenken. Ich finde, es ist auch ein richtig gutes Geschenk. Es hat so ein Glitzerfeuer vorne drauf. Sieht einfach cool aus.
Paula
Ja, ich finde auch, ich war ja von dem Cover gar nicht so sehr angetan, als ich es nur als PDF hatte. Und das ist so wild. Aber ich habe von vielen anderen Autor*innen gehört, dass es sich befremdlich anfühlt, sobald etwas Eigenes von fremden Händen neu gedacht wird. Ich war total befremdet. Nicht, dass ich das Cover blöd fand, aber ich war einfach total befremdet und konnte mich damit gar nicht, ich konnte es einfach nicht sehen. Und als es dann gedruckt bei mir zu Hause ankam, dachte ich: Oh mein Gott, Gott sei Dank. Da hat sich der Verlag durchgesetzt und gesagt: Das ist ein gutes Cover, das lassen wir so, vertrau uns, weil ich finde, gedruckt sieht das schon richtig cool aus.
Helen
Das sieht richtig cool aus, ja. Damit kann man sich auf jeden Fall zeigen – in der Schule, in der S-Bahn oder im Bus. Man muss keinen Umschlag drummachen, damit niemand sieht, dass man Twilight zum vierzigsten Mal liest.
Paula
Nee, das ist ein Buch, das man mit Stolz irgendwie durch die Gegend tragen kann.
Helen
Es ist wirklich schön geworden. Ist auch einfach ein tolles Buch. Wir haben es noch mal verlinkt – schaut gerne mal rein: »Die Welt hat blaue Haare« von Paula Steiner. Ich würde sagen, wir trinken hier jetzt unser Bier aus. Und verabschieden uns an dieser Stelle von den Mädels.
Paula
Es hat richtig viel Spaß gemacht. Danke dir.
Helen
Und ich auch. Danke dir. Das war ein richtig schönes Gespräch.




