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Podcast · Folge 59
Warum »Die Sommer« so endet, wie es endet
Ronya Othmann über ihren Debütroman: sechs Jahre Arbeit, ein Dorf, das es so nicht mehr gibt – und ein Schluss, über den die Community gestritten hat
Stand heute
Dieses Gespräch ist die Tonspur eines Instagram-Livestreams vom 25. Februar 2021 – am Ende unserer Leserunde zu »Die Sommer«, zwei Tage vor der Abschlussdiskussion. Als Podcastfolge erschien es drei Jahre später. Alles, was Ronya Othmann über ihre Pläne sagt, ist der Stand von damals. Was seither passiert ist: Im Oktober 2021 erschien ihr Gedichtband »die verbrechen«, 2024 der Roman »Vierundsiebzig«, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, und im Oktober 2025 der Reisebericht »Rückkehr nach Syrien«. Im Mai 2026 hat sie für »Vierundsiebzig« den Bremerhavener Literaturpreis bekommen. Eine Fortsetzung von »Die Sommer« gibt es bis heute nicht.
Im Februar 2021 haben 117 Mädels »Die Sommer« gelesen – und viele von ihnen haben dabei gemerkt, wie wenig sie über die Welt wussten, in der der Roman spielt: ein jesidisches Dorf in Nordostsyrien, die Sommerferien eines Mädchens zwischen zwei Ländern, und dann der Genozid von 2014. Am Ende der Leserunde hat sich Ronya Othmann in den Livestream geschaltet und die Fragen aus der Community beantwortet: wie aus Erzählungen über ein Dorf ein Roman wurde, wie viel von ihr in Leyla steckt, warum das Buch genau dort aufhört, wo es aufhört – und welche Bücher sie empfiehlt, wenn man mehr wissen will.
Ronya Othmann
Schriftstellerin und Journalistin, Leipzig
Ronya Othmann wurde 1993 in München geboren, als Tochter einer deutschen Mutter und eines kurdisch-êzîdischen Vaters, und wuchs bei Freising auf. Sie hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig Literarisches Schreiben studiert und schreibt Lyrik, Prosa und Essays. »Die Sommer« (Hanser, 2020) ist ihr Debütroman, ausgezeichnet mit dem Mara-Cassens-Preis. Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt sie seit 2021 die Kolumne »Import Export«. Sie lebt in Leipzig.
Sechs Jahre für ein Buch, das keins werden sollte
Angefangen hat es 2014 oder 2015, ohne den Plan, einen Roman zu schreiben. Ronya Othmann hatte gerade begonnen, in Leipzig zu studieren – und 2014 ist auch im Buch das entscheidende Jahr. Es zeichnete sich ab, dass die Dörfer, in denen sie ihre eigenen Sommerferien verbracht hatte, so nicht mehr existieren würden. Also fing sie an, Erzählungen zu schreiben. Am Anfang ging es vor allem darum, das Dorf zu beschreiben. Irgendwann tauchte eine Figur auf, zunächst als Katzenbesitzerin in einer Geschichte, die sie wieder verwarf. Dann kamen weitere Erzählungen über diese Figur, und daraus wurde der Roman.
Wie das praktisch aussah, beschreibt sie ohne Beschönigung: Sie schrieb Stückchen, eine Szene im Dorf, dann die nächste, baute die Texte zusammen und hatte zeitweise richtig Chaos. Irgendwann waren es 500 Seiten Text, und sie wusste nicht mehr, wo sie war. Vieles flog wieder raus. Ihr Rat an alle, die selbst schreiben: trotzdem durchziehen, auch wenn es aussichtslos erscheint, viel lesen – und, wenn man sich damit wohlfühlt, mit anderen über den Text sprechen, weil man selbst irgendwann so nah dran ist, dass man nichts mehr sieht.
Ein Jahr vor dem Gespräch wurde das Buch im Lektorat fertig. Das Ende hat sie mit ihrem Lektor noch einmal neu gemacht. Zu den ersten Leser*innen gehörte ihre Schwester, die nur wenig jünger ist und die Dörfer aus denselben Sommern kennt – und beim Lesen immer wieder sagte: Ja, genau so war das.
Das Buch dazu
»Die Sommer« war unser Monatsbuch im Februar 2021, 117 Mädels haben mitgelesen. Auf der Buchseite kannst du die Leserunde nachholen. Dort steht auch, wie die Community das Buch bewertet hat, welche Figur ihr am meisten ans Herz gewachsen ist – die Großmutter –, wo es das Buch und das Hörbuch gibt und welche Bücher dazu passen, wenn dir dieses gefallen hat.
»Die Figur, das bin nicht ich«
Die Frage, wie viel Ronya in Leyla steckt, kommt nach ihrer Erfahrung bei fast jedem Gespräch – und sie beantwortet sie sehr klar. Leyla ist eine literarische Figur, die sie erfunden hat. Aber die Dinge, über die sie schreibt, kennt sie: Auch ihre Großeltern haben in einem jesidischen Dorf in Nordostsyrien gelebt, und die Großmutter im Buch ist von mehreren Großmüttern aus dem Dorf inspiriert, auch von ihrer eigenen. Sie schreibe nichts über etwas, das sie nicht kenne. Aber die Figur, das sei nicht sie.
Zum Schreiben kam sie über Tagebücher: Sie und ihre Schwester führten beide eins, lästerten darin übereinander, lasen heimlich das der anderen – und hatten dann Streit. In der Schule gab es später einen Kurs für kreatives Schreiben bei einer Deutschlehrerin, an die sie sich bis heute gern erinnert; dort sprach sie zum ersten Mal mit anderen über Texte. Und auf Helens Frage, ob ihr Vater wie Leylas Vater im Buch gefragt habe, was man denn mit Germanistik anfangen wolle, antwortet sie trocken: Sie habe gar nicht Germanistik studiert, sondern Literarisches Schreiben.
Wichtiger als die Frage nach dem Autobiografischen ist ihr eine andere: Dass ihr Buch die Geschichte einer Figur erzählt und nicht stellvertretend für alle jesidischen Perspektiven steht. Davon gebe es viel, viel mehr. Und wer das Buch anders liest als sie selbst, hat damit nicht unrecht.
Ich finde jede Lesart berechtigt, und ich finde, dass, wenn man ein Buch geschrieben hat, alle anderen das Recht haben, ihr eigenes Buch daraus zu lesen.Ronya Othmann
Das Ende: Erzählen gegen den Tod
Keine Frage kam in der Community so oft wie die nach dem Schluss – am Abend vor dem Livestream hatte er in der Besprechung des zweiten Teils zu offener Uneinigkeit geführt. Ronya Othmann nennt mehrere Gründe und sagt gleich dazu, sie könnte noch zehn weitere nennen.
Der erste ist ein Erzählprinzip: In der Nacht, bevor Leyla abreist, erzählt sie ihre ganze Geschichte von Anfang an, um den Aufbruch hinauszuzögern. Das Vorbild ist »Tausendundeine Nacht« – erzählen, um den Tod hinauszuschieben. Der zweite Grund liegt in der Figur selbst. Leyla ist, so sieht es die Autorin, eine sehr passive Figur, die sich nicht einmischt, sondern beobachtet. In dieser Passivität konnte sie nicht bleiben. Nach allem, was passiert – die Bilder, der Genozid, die Schwierigkeiten in ihrem eigenen Leben – hält sie es nicht mehr aus, nur zuzusehen, und beschließt zu handeln.
Dahinter steht eine Frage, die Ronya Othmann selbst beschäftigt: Was tut man, wenn ein Genozid geschieht? Ihre Antwort im Gespräch ist deutlich – dann sei militärisches Eingreifen notwendig, anders lasse sich das nicht stoppen. Und sie verweist darauf, dass sich viele Menschen aus jesidischen und kurdischen Familien in Deutschland entschieden haben, in verschiedenen Einheiten zu kämpfen, weil es um das Überleben ihrer Familien ging. Genau das wollte sie im Buch zur Diskussion stellen.
Den Schnitt hat sie bewusst gesetzt. Für sie hört das Buch an dem Punkt auf, an dem Leyla reist; wie es danach weitergeht, ob sie vielleicht umkehrt, weiß sie nach eigener Aussage nicht. Ein zweiter Teil? Denkbar, »irgendwann mal vielleicht« – gerade schreibe sie an anderen Sachen, an Gedichten.
Warum der erste Teil sich anfühlt wie ein Sommer
Manche in der Runde hatten den ersten Teil als chaotisch empfunden und versucht, die Erinnerungen einzelnen Jahreszeiten zuzuordnen. Das, sagt Ronya Othmann, sei so gewollt: Der Anfang soll wirken wie ein Sommer, in dem alles ineinander übergeht und die Erinnerungen assoziativ kommen, so wie man sich eben erinnert. Ab dem Schnitt, dem zweiten Teil, in dem das Dorf bedroht ist, wird das Buch chronologischer.
An Rückmeldungen hat sie sich dabei durchaus orientiert – manchmal hätten Leute Dinge gesagt, die sie sinnvoll fand. Man müsse abwägen. Über das Cover war sie vor allem erleichtert: Ihre größte Sorge, solange das Buch noch nicht gedruckt war, sei gewesen, dass es hässlich werden könnte.
Leyla, Bernadette, die Mutter und die Tante
Warum reden Leyla und ihre beste Freundin Bernadette eigentlich nie wirklich miteinander? Für Ronya Othmann liegt es nicht an Desinteresse. Bernadette ist loyal, immer auf Leylas Seite. Aber Leyla hat ihre beiden Welten immer streng getrennt – das Dorf der Großeltern, die kurdisch-jesidische Welt, und das Leben in Deutschland, in einem Ort, in dem keine Kurden und keine Jesiden wohnen. Sie will dazugehören. Und sie ist früh mit Dingen konfrontiert, mit denen andere Kinder in der Schule nicht konfrontiert sind: Diktatur, Verfolgung, das Zugehören zu einer bedrohten Minderheit. Vielleicht fehlten ihr die Worte dafür. Die beiden kennen sich ein Leben lang und haben nie eine Sprache dafür gefunden – und Bernadette traut sich nicht zu fragen.
Die Mutter, die vielen in der Runde unsichtbar vorkam, ist für die Autorin eine Figur, die alles zusammenhält – total verlässlich, mit einer eigenen Geschichte im Hintergrund: Sie war zu Saddams Zeiten im Irak und hat dort als Krankenschwester für Ärzte ohne Grenzen gearbeitet, spricht aber nie über diese Zeit. Menschen, die etwas Traumatisches erlebt haben, gehen sehr unterschiedlich damit um, sagt Ronya Othmann – manche sprechen, manche nicht. Und die Tante, die Leyla als Verbündete und Rebellin sieht? Vielleicht hat Leyla viel auf sie projiziert, vielleicht hat der Krieg die Tante verändert, vielleicht beides. Genau das, sagt die Autorin, sei die Frage.
Die Mutter, die schweigt, und der Vater, der erzählt, haben Helen an unser Buch vom Monat davor erinnert: »Ein Lied für die Vermissten« von Pierre Jarawan, das Ronya Othmann ebenfalls gelesen hat. Ob es in der Region eine Tradition des Geschichtenerzählens gibt? Ja, sagt sie: Im Jesidischen wird die Religion mündlich überliefert, und in der kurdischen Literatur gibt es die Epen und die Dengbêj – ein professionalisiertes Erzählen, für das Menschen ausgebildet wurden. Die Kunst liegt darin, mit der Stimme lange durchzuhalten und einen guten Bogen zu schlagen.
Was man tun kann, wenn die Berichterstattung weiterzieht
Auf die Frage nach der deutschen Berichterstattung über die Region antwortet Ronya Othmann differenziert: Es gebe sehr gute Berichte, und sie versuche, alles dazu zu lesen und zu sehen. Das Problem sei, dass punktuell berichtet wird – wenn irgendwo Bomben fallen oder ein Krieg beginnt –, aber nicht kontinuierlich. Der IS sei nicht vom Mars gefallen, es habe Dinge gegeben, die ihm den Weg bereiteten. Über die Jesid*innen wurde 2014 viel berichtet, danach ging die Aufmerksamkeit zurück, dabei sei der Genozid nicht vorbei. So entstehe der Eindruck, ein Kriegszustand sei für die Menschen dort normal. Er sei ein längerer Zustand, sagt sie, aber kein Normalzustand. Und manchmal wünsche sie sich auch Berichte über die guten Dinge und die tollen Menschen in der Region.
Was man konkret tun kann? Vor allem: Aufmerksamkeit. Öffentlichkeit erzeugt Druck – etwa bei Prozessen gegen Täter, von denen noch viele frei herumlaufen – und sorgt dafür, dass die Menschen vor Ort nicht vergessen werden. Dazu spenden, zum Beispiel an Organisationen, die Alphabetisierungskurse für Frauen in den Camps im irakischen Kurdistan anbieten. Politiker*innen anschreiben. Und Briefe an Inhaftierte schreiben, auch wenn es albern klingt – weil es heißt, nicht aufzugeben.
Eine Kiste voller Wörter
Am Ende wird es leichter. Ob sie ein Lieblingswort hat, wollte jemand aus der Community wissen, weil ihre Sätze so oft zitiert worden waren. Ein einzelnes nicht – aber als sie jünger war, hatte sie eine Kiste, in die sie ausgeschnittene Wörter sammelte, die sie toll fand. Die Kiste gibt es noch irgendwo. Heute liebt sie Pflanzennamen: Rotföhre, Blutbuche, Schwarzäugige Susanne. Sie hat ein Herbarium, und neuerdings mag sie auch Hornfels, eine Gesteinsart. Das klinge nerdmäßig, sagt sie, aber es sei wirklich toll.
Gelesen wird bei ihr alles: Essays, Romane, Gedichte, Erzählungen, gern auch Älteres – kurz vor dem Gespräch hatte sie eine Virginia-Woolf-Phase. Sie führt eine eigene Leseliste, lässt sich aber auch von Freundinnen etwas empfehlen – »Der Krieg hat kein weibliches Gesicht« von Swetlana Alexijewitsch hat sie sich ausgeliehen und richtig toll gefunden. Und wenn ihr eine Autorin gefällt, will sie alles von ihr lesen, zuletzt von Annie Ernaux. Ihre Empfehlungen zum Weiterlesen nach »Die Sommer« stehen in der Buchgalerie unten – und aus ihrer Bitte, noch mehr empfehlen zu dürfen, wurde Helens Angebot, eine ganze Leseliste zu schicken.
Wenn du »Die Sommer« gelesen hast und dich das Ende nicht loslässt, hörst du in dieser Folge, warum Ronya Othmann den Schnitt genau dort gesetzt hat – und was sie über Leyla selbst nicht weiß.
Die ganze Folge hören
Die Bücher aus dieser Folge
Das Buch, um das es geht – und die Titel, die Ronya Othmann zum Weiterlesen empfiehlt. Wo wir gemeinsam gelesen haben, kommst du über die Buchseite zur ganzen Leserunde und kannst sie in deinem Tempo nachholen.
Die Sommer
Ronya Othmann · dtv · 288 Seiten
Unser Monatsbuch im Februar 2021 und das Buch, um das sich das ganze Gespräch dreht: Leylas Sommer im Dorf der Großeltern in Nordostsyrien, ihr Leben in Deutschland – und das Jahr 2014.
Leserunde nachholenMonatsbuch Februar 2021
Im Bauch der Königin
Karosh Taha · DuMont · 272 Seiten
Ronya Othmann empfiehlt alle Bücher von Karosh Taha. Dieser Roman stand 2020 auch in unserer Buchauswahl – und hat es damals nicht in die Leserunde geschafft.
Das Schneckenhaus
Mustafa Khalifa · Weidle · 294 Seiten
Ein sehr brutaler Roman, sagt Ronya Othmann, aber ein sehr, sehr guter – über die Haft in einem syrischen Wüstengefängnis. Aus dem Arabischen übersetzt hat ihn Larissa Bender.
Der letzte Granatapfel
Bachtyar Ali · Unionsverlag · 352 Seiten
Der kurdische Autor, dessen Romane Ronya Othmann liebt. Ins Deutsche übertragen haben den Roman Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim.
Mein Name ist Ausländer | Benim Adım Yabancı
Semra Ertan · edition assemblage · 240 Seiten
Die Gedichte, die Ronya Othmann am Ende noch nachschiebt – zweisprachig Deutsch und Türkisch, herausgegeben von Zühal Bilir-Meier und Cana Bilir-Meier.
Der Krieg hat kein weibliches Gesicht
Swetlana Alexijewitsch · Suhrkamp · 359 Seiten
Ausgeliehen und richtig toll gefunden: das Buch, das Ronya Othmann im Jahr vor dem Gespräch gelesen hat. Aus dem Russischen übersetzt von Ganna-Maria Braungardt.
Auch gelesen haben wir »Ein Lied für die Vermissten« von Pierre Jarawan, unser Zusatzbuch im Januar 2021, das im Gespräch vorkommt.
Was Ronya Othmann seither veröffentlicht hat
Im Gespräch sagt sie, sie arbeite gerade an Gedichten. Drei Bücher sind seit dem Livestream erschienen.
die verbrechen
Ronya Othmann · Hanser · 112 Seiten
Ihr Gedichtband, erschienen im Oktober 2021, acht Monate nach diesem Gespräch. Ausgezeichnet mit dem Orphil-Debütpreis.
Vierundsiebzig
Ronya Othmann · Rowohlt Taschenbuch · 512 Seiten
Ihr zweiter Roman über den Genozid an den Jesid*innen 2014 – 2024 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, 2026 mit dem Bremerhavener Literaturpreis ausgezeichnet.
Rückkehr nach Syrien
Ronya Othmann · Rowohlt · 192 Seiten
Ein Reisebericht, erschienen im Oktober 2025: Wenige Wochen nach dem Sturz Assads reist sie mit ihrem Vater durch Syrien – in das Land, aus dem er einst geflohen ist.
Die mit Sternchen markierten Links sind Affiliate-Links: Kaufst du darüber, erhalten wir eine kleine Provision. Für dich ändert sich am Preis nichts. Das gilt auch für den zweiten Bachtyar-Ali-Roman aus dem Gespräch, »Die Stadt der weißen Musiker«*.
Häufige Fragen
Ist »Die Sommer« autobiografisch?
Nein, sagt Ronya Othmann – und sie sagt es im Gespräch mehrfach: Leyla ist eine erfundene Figur. Was Leyla kennt, kennt die Autorin aber auch: Ihre Großeltern lebten in einem jesidischen Dorf in Nordostsyrien, und die Sommer dort sind ihre eigenen Kindheitserinnerungen. Sie schreibe nichts, was sie nicht kenne – aber die Figur, das sei nicht sie.
Warum endet »Die Sommer« so, wie es endet?
Ronya Othmann nennt zwei Gründe. Erstens das Erzählprinzip aus »Tausendundeiner Nacht«: In der Nacht vor ihrer Abreise erzählt Leyla ihre ganze Geschichte von vorn, um den Aufbruch hinauszuzögern. Zweitens Leylas Passivität: Sie beobachtet das ganze Buch über nur und hält es irgendwann nicht mehr aus, zuzusehen. Den Schnitt hat die Autorin bewusst dort gesetzt. Was nach der Reise passiert, weiß sie nach eigener Aussage selbst nicht.
Gibt es eine Fortsetzung von »Die Sommer«?
Im Gespräch im Februar 2021 sagt Ronya Othmann, ein zweiter Teil sei denkbar, »irgendwann mal vielleicht« – sie schreibe gerade an anderen Sachen. Eine Fortsetzung ist bis heute nicht erschienen. Stattdessen kamen der Gedichtband »die verbrechen« (2021), der Roman »Vierundsiebzig« (2024) und der Reisebericht »Rückkehr nach Syrien« (2025).
Was empfiehlt Ronya Othmann zum Weiterlesen?
Die Romane von Karosh Taha (»Im Bauch der Königin«), »Das Schneckenhaus« von Mustafa Khalifa über die Haft in einem syrischen Gefängnis – sehr brutal, sagt sie, aber sehr gut –, die Romane des kurdischen Autors Bachtyar Ali (»Der letzte Granatapfel«, »Die Stadt der weißen Musiker«), die Gedichte von Semra Ertan und »Der Krieg hat kein weibliches Gesicht« von Swetlana Alexijewitsch. Alle Titel findest du in der Buchgalerie auf dieser Seite.
Kann ich die Leserunde zu »Die Sommer« noch nachholen?
Ja. Auf der Buchseite zu »Die Sommer« kannst du die Leserunde vom Februar 2021 in deinem Tempo nachholen. Dort steht auch, wie die 117 Mädels das Buch bewertet haben und welche Figur ihnen am meisten ans Herz gewachsen ist.
Mehr zu Ronya Othmann und ihren Büchern
Die ganze Folge zum Nachlesen
Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten, auch bei der Zuordnung, wer gerade spricht. Maßgeblich ist die Aufnahme. Das Gespräch ist ein Instagram-Livestream vom 25. Februar 2021; Helens An- und Abmoderation der Podcastfolge und der eingesprochene Hinweis auf die Schmökerrunde sind nicht Teil des Gesprächs und stehen deshalb nicht hier. Namen aus der Community sind durch ihre Rolle ersetzt.
Helen
Vielen Dank, dass du nicht nur die Zeit nimmst, sondern auch beim dritten Anlauf immer noch dabei bist. Da freue ich mich glaube ich darüber für die Mädels sehr, weil ich es jetzt nicht noch mal angekündigt habe. Einmal kurz, wir sprechen über dieses Buch, Die Sommer von Ronya Othmann. Danke, dass du dich dazu geschaltet hast. Ich weiß nicht so genau, inwiefern du das zu diesem Monat so mitbekommst. Ich dachte, ich erzähl’s dir einfach nochmal. Also wir sind ein Buchclub und die Mädels schlagen die Bücher vor und weil das mittlerweile relativ viele sind, lose ich dann aus. Also ist auch so ein Stückchen Glück quasi dabei, dass du in die Buchauswahl gekommen bist und dann wird aber zwischen vier Büchern abgestimmt und da hat Deins dann gewonnen für Februar. Und dann haben wir es am 1. Februar quasi losgelegt zu lesen. Wir haben dann so Abschnitte und haben darüber diskutiert. Aber diese Abschlussdiskussion haben wir dann am Samstag in einem Zoom-Meeting. Da wird es bestimmt auch über diesen Livestream irgendwie gesprochen. 117 Mädels hatten gesagt, sie mitlesen. Ich fragte das immer am Anfang, also am ersten ab. Und ich habe hier eine ganze Liste an Fragen, die ich jetzt vor ein paar Tagen, gestern, ich weiß nicht, sogar in der Story abgefragt hatte. Ja, manche gehen in eine ähnliche Richtung, manche doppeln sich auch. Ja, aber es ist auf jeden Fall einiges dabei und ich bin schon sehr gespannt. Also ich hatte das jetzt auch schon vorher mal gesagt, dass ich zumindest, ich glaube es ging auch anderen so sehr stark gemerkt habe, wie wenig ich eigentlich weiß über fast alle Themen, die im Buch zur Sprache kamen. Aber vielleicht steigen wir ein irgendwie und du erzählst so ein bisschen, wie die Idee zum Buch kam. Also das ist ja jetzt auch dein Debütroman, quasi warum ein Buch und Wie lange hat so dieses ganze, also von der Idee bis zum fertigen gedruckten Buch so gedauert?
Ronya Othmann
Ja, also ich habe, ich glaube 2014, also 2014, 2015 habe ich angefangen, aber nicht mit dem Plan, einen Roman zu schreiben und nicht mit dem Plan, diese Geschichte so, wie sie ist, zu schreiben. Ich habe irgendwie am Literaturinstitut in Leipzig studiert, also angefangen zu studieren und das 2014 ist ja auch in einem Buch ein wichtiger Zeitpunkt und habe halt so gemerkt, dass diese, oder es hat sich abgezeichnet, dass diese Dörfer, an die ich so Sommerferien, Kindheitserinnerungen selber hatte, so nicht mehr existieren werden. In dieser Form und ja und deswegen habe ich dann angefangen Erzählungen zu schreiben und es ging am Anfang eigentlich mehr darum so ich habe einfach so das Dorf beschrieben dann hatte ich so kleine dann hat irgendwann kam die Figur die dann noch eine Katzenbesitzerin war so die Katze also ja irgendwie es gab eine Story mit so einer Katze die ich geschrieben habe wieder verworfen habe und irgendwann Und irgendwann kam diese Figur immer ein bisschen, also ich hab gedacht, ich mach so Erzählungen über diese Figur und dann wurde daraus irgendwann der Roman genommen. Und vor einem Jahr, glaube ich, ungefähr, wurde es dann fertig im Lektorat. Aber vor langer Zeit hab ich nicht an einen Roman gedacht.
Helen
Ja, total spannend. Irgendwie hört man das ja dann häufiger auch, dass das so ein bisschen also sich so entwickelt und die Figuren quasi so wie so zu einem kommen. Ich finde das immer irgendwie ja super spannend. Aber du hast jetzt quasi auch schon so ein bisschen das an ja angesprochen. Du hast gesagt, die Dörfer oder das Dorf in das du gefahren bist. Du wusstest nicht ob das quasi nächstes Jahr dann noch da sein würde. Und das ist eine Frage, die sehr, sehr häufig kam. Ich weiß nicht, die ist glaube ich nicht so beliebt, aber also wie viel autobiografisch ist und also einfach wie viel Ronya in dem Buch steckt.
Ronya Othmann
Ja, das ist eine Frage, die tatsächlich fast jedes Mal kommt. Also ich glaube, man kann sie auf verschiedene Arten beantworten. Also ich bin auf jeden Fall nicht die Figur, also ich bin eine literarische Figur und auf jeden Fall, aber es natürlich die also die Sachen über die ich schreibe die kenne ich auch oder ich kenne auch, ich war auch in diesem, also meine Großeltern haben auch in einem jesidischen Dorf in Nordostsyrien gelebt und so, also das ist, also ich schreibe jetzt nichts über das was ich nicht kenne, aber die Figur, das bin nicht ich.
Helen
Wie waren so die Reaktionen, vielleicht als du erzählt hast, du hast überhaupt vor darüber zu berichten und als es dann auch fertig war, von Familie und auch Freunden?
Ronya Othmann
Ja, also ich muss mir überlegen, weil es ist so eine lange Zeit, dass man manchmal, also so sechs Jahre für mich, es war irgendwie, wie so man wird, das wird so Teil von dem eigenen Leben irgendwie, dass man daran schreibt und also das schreiben sowieso und irgendwann fühlt es sich natürlich nach ein paar Jahren auch so an, als würde es niemals fertig werden. Ich hab immer in meinem Kopf schon so gedacht, ah ja, dann bin ich schon so, keine Ahnung, 80 Jahre alt und immer noch so ein Buch, was nie fertig wird. Nee, aber irgendwann, ja, Ja, dann wurde es doch mal fertig. Ich glaube, es gab manchmal Ausschnitte, oder es gibt Menschen, die kennen die Form, wo es noch eine Kurzgeschichte war, und große Teile haben dann erst mal lange niemand zu Gesicht bekommen. Und erst so am Ende halt, ich habe das Ende dann auch nochmal neu gemacht dann mit meinem Lektor zusammen daran gearbeitet im Verlag und dann haben es teilweise auch mal Leuten zum Lesen gegeben, z.B. meiner Schwester, die mir sehr geholfen hat dabei. Und dann waren die Reaktionen, das war interessant, weil es war immer sehr, je nachdem, wem ich, wer das dann gelesen hatte, waren die Reaktionen dann irgendwie so unterschiedlich. Also z.B. meine Schwester, die war dann immer so, weil ich diese Dörfer, Sie ist nur ein bisschen jünger als ich und hat dann auch immer noch so irgendwie so ja, aber das war doch so und so und so und ja, ja, das war genau so stimmt und so und andere. Genau, die haben dann gesagt, dass es irgendwie wie so für sie so eine Welt auch gemacht hat, die sie nicht kannten. Natürlich ist auch immer merkwürdig, wenn man Leute persönlich kennt und dann an einem Buch irgendwie sechs Jahre gearbeitet, wo die auch nicht mehr dachten, dass ich jemals fertig werden würde, dann so mein Buch gelesen haben und dann waren die so ja, ach krass, das hab ich alles nicht… Also so, bevor ich es gelesen habe auch nicht verstanden, obwohl, ja, es waren sehr unterschiedliche Reaktionen, genau.
Helen
Ja, also ich finde halt, dass durch Leylas Erinnerungen wird das halt irgendwie vielleicht so ein bisschen greifbarer und man kann es besser, man kann sich vielleicht besser reinfühlen. Das ist nicht mehr irgendwie eine große Masse an Menschen, sondern irgendwie ist es ein Einzelschicksal. Auch zum Beispiel diese Beschreibung des Vaters. Ich glaube, es ist ja nicht der zweite Teil, sondern ich glaube, der erste Teil endet irgendwie damit. Und das ist ja wirklich sehr, sehr eindrücklich und nimmt einen sehr mit. Und ich glaube dadurch wird es vielleicht, ja, wird es einem irgendwie näher. Man versteht es vielleicht ein bisschen besser, obwohl ich, ich habe auch sehr, sehr viel nebenbei noch gegoogelt, weil ich wirklich ganz oft dachte, darüber weiß ich nichts. Also, aber das finde ich halt ehrlich gesagt spannend. Man, man bekommt dann vielleicht, also man wird neugierig auf ein Thema und möchte dann ja auch mehr dafür zu erfahren und ich glaube dann lernt man es vielleicht auch nochmal, so als Gesamtpaket. Eine Sache, ich hatte nämlich heute diese Folge von 1LIVE Stories gehört, wo du auch Teile vorgelesen hast und da hattest du gesagt, dass das Cover irgendwie wie so eine, ich glaube, eine abfotografierte Videoaufnahme oder sowas zeigt. Das dachte ich, falls die anderen das irgendwie nicht mitbekommen hatten oder so, finde ich ganz spannend, wie auch so ein Cover einfach entsteht.
Ronya Othmann
Ja, das ist mein Buch. Ich hab das Foto. Ich war sehr froh, also ich war sehr froh, dass ich, ich hab immer vorher, also irgendwie vor lange nicht gedacht, dass es wirklich ein Buch wird und dann hab ich, oder mal fertig oder so mal gedruckt ist und dann dachte ich immer, immer wenn ich daran gedacht hätte, Oh nein, was ist, wenn dein Buch hässlich wird?
Helen
Also ich finde es auch richtig schön. Obwohl man vielleicht, also ich hätte dann vielleicht teilweise gar nicht mit diesem ganz krassen Inhalt gerechnet. Es wirkte vielleicht auf den ersten Blick so ein bisschen unschuldiger, als es dann drin war. Ich meine der Einstieg ist, finde ich, unglaublich atmosphärisch und es ist so, als wäre man wirklich im Ort. Du hast ja auch vielleicht gestern, ich glaube du hast die Zeichnung ja gesehen, die jemand aus der Community vom Dorf gemacht hat. Ich fand, man konnte sich wirklich ganz gut vorstellen, auch selber durch diese, ja durch diese Gassen zu gehen und sich vorzustellen, irgendwie, da sind überall Gärten und die Hütten und Hühner und so. Ich weiß nicht, ich hatte wirklich das Gefühl, teilweise im Dorf irgendwie, ich wollte schon sagen mit dir zu sein, aber mit Leyla zu sein. Also wirklich richtig schön. Du hattest eben das Ende angesprochen, das war so was, was viel, auch gerade noch mal gestern irgendwie zu Diskussionen oder irgendwie auch vielleicht Uneinigkeit geführt hat. Also gestern Abend war quasi dann nochmal die Besprechung des zweiten Teils beziehungsweise über das gesamte Buch. Und das war auch was, was ich häufig als Frage bekommen habe. Warum hast du dich für dieses Ende entschieden? Kann man das so beantworten?
Ronya Othmann
Ja, genau, es hat mehrere Gründe. Also genau, zum einen ist es natürlich, das wollte ich auch nochmal dazu sagen, zu dem, was du vorhin gesagt hattest, mit diesen, das sage ich eigentlich immer, aber es ist mir auch wichtig nochmal zu sagen, dass es wie so eine Geschichte von einer Figur ist und so weiter und man erfährt vielleicht aus ihrer Perspektive viel über die Geschichte, aber natürlich ist es nicht stellvertretend für alle jesidischen Perspektiven, es gibt viel, viel mehr Perspektiven darauf auf jeden Fall. Aber genau, für das Ende, zum einen war es für mich so ein bisschen so, dass ich das mochte, das ist wie so, ich hab mir vorgestellt, so die Nacht bevor Leyla abreist, um das so hinaus zu zögern, erzählt sie die ganze Geschichte von sich selber von Anfang an so ein bisschen und es ist so ein bisschen so, aber es ist dann so, ja ich weiß nicht ob das so sehr, ich hatte so dieses Prinzip von Tausendundeiner Nacht, dass man so dieses Erzählprinzip gegen den Tod, um den Tod zu besiegen praktisch, das so lange erzählt, um den Tod hinaus zu zögern. Das hat mir irgendwie gefallen und das war so ein Grund, warum es dann so wurde. Und der andere ist, ich habe mich auch die Frage gestellt, so, also Leyla ist ja auch eine sehr passive Figur, finde ich, die sich nicht so einmischt, sondern alles nur so beobachtet. Sie hätte ja auch rebellischer sein können, aber sie ist ein sehr zurückhaltender Mensch. Ich habe lange überlegt, wozu diese Passivität irgendwann mal… Sie kann ja nicht darin verharren. Ich dachte, dass durch diese verschiedenen Sachen, die da passiert sind, was in ihrem persönlichen Leben dann noch für Schwierigkeiten kommen, dass sie es nicht mehr aushält, zuzusehen, immer diese Bilder und diesen Genozid und so weiter, und dass sie dann denkt, okay, es gibt keinen Ausweg, ich muss handeln, ich muss irgendetwas tun. Und dass es ihre Möglichkeit ist, zu handeln, so ein bisschen aus diesen Passiven auszubrechen und auch dieses nicht mehr länger zusehen zu können und zu wollen. Und die Frage, die mich auch interessiert hat, ist natürlich, ich finde in Deutschland sind wir ja so, ich meine wir sind hier sicher, wir sind ja so, wir sind ja nicht, also jetzt sicher, aber wenn, ich finde halt so die Frage von, ich finde wenn halt so etwas passiert wie ein Genozid kann man nicht zu, also dann ist es nicht, dann ist, finde ich, militärisches Eingreifen notwendig, weil anders kann das nicht gestoppt werden, so zum Beispiel. Das war so ein Punkt, was ich diskutieren wollte. Es hat ganz viele Gründe, ich könnte jetzt noch zehn nennen, aber es war eine Frage, die mich interessiert hat und mich selber beschäftigt hat, weil es natürlich auch viele Menschen aus jesidischen, aus kurdischen Familien, aus Deutschland gibt, die sich dann entschlossen haben, in verschiedensten Einheiten auch zu zu kämpfen, weil es um das Überleben von ihren Familien geht und so weiter. Genau. Und das war so ein Thema, das ich sehr wichtig fand.
Helen
Ja, glaube ich ganz gut, dass du es nochmal aufklärst, weil da war gestern auch Uneinigkeit, ob Leyla denn überhaupt jetzt tatsächlich. Also ich bin auch tatsächlich, ehrlich gesagt, mit einem anderen Gefühl aus dem Buch rausgegangen. Aber ja, ich habe eben noch so eine Last-Minute-Frage bekommen, finde ich eigentlich ganz spannend, weil ich vermute mal, man kommt gar nicht quasi drumrum, dass du auch irgendwie eine Vorstellung davon hast, was, was mit Leyla danach passiert, also was mit Leyla so, wie es mit Leyla weitergeht, oder? Oder ändert das für dich dann auch irgendwie die Geschichte?
Ronya Othmann
Ja, obwohl ich noch was dazu sagen muss, wenn du das anders liest: Ich finde jede Lesart berechtigt und ich finde, dass, wenn man ein Buch geschrieben hat, alle anderen das Recht haben, ihr eigenes Buch daraus zu lesen. Ich weiß, ich habe es auch bewusst da den Cut gesetzt. Ja, also ein anderes Ende ist auch möglich. Also für mich hört es dann auf, also für mich hört es an dem Punkt wo sie reist. Aber nach der Reise habe ich keine Vorstellung, wie es weitergeht. Ob sie dann nochmal umkehrt oder so. Ja. Ja.
Helen
Und also wäre das für dich denkbar, quasi eine Fortsetzung dazu irgendwie zu schreiben?
Ronya Othmann
Ja, also eigentlich könnte man einen zweiten Teil schreiben, ja, irgendwann mal vielleicht.
Helen
Irgendwann, ja.
Ronya Othmann
Ja, ich schreib jetzt so andere Sachen noch, deswegen.
Helen
Ja, das war auch eine Frage, woran du jetzt gerade denn so schreibst. Gibt’s irgendwie da schon konkrete, ich meine, du schreibst, glaube ich, generell viel, aber irgendwas in Richtung Buch vielleicht?
Ronya Othmann
Also ich arbeite gerade an Gedichten, also ich wechsle immer so ab, ich schreibe dann immer Prosa, dann Gedichte, dann irgendwelche anderen Sachen.
Helen
Ja, ich hatte, ich überlege gerade, wie die Seite heißt, Lyrikline oder so, glaube ich auch, geteilt. Da muss man eben einfach noch mal da vorbeischauen, wenn man jetzt Nachschub haben will. Ich überlege gerade, ob es noch was gab zu dem Ende, weil da waren tatsächlich relativ viele Fragen. Ich glaube gerade nicht, sonst müssten wir da nochmal hin zurückkommen. Du hattest das eben mit den… Du hattest gesagt, dass das natürlich nur eine Perspektive ist. Und es gab eine Frage, ob du vielleicht Empfehlungen hast, wenn man jetzt mehr in die Richtung lesen oder sehen oder irgendwie will. Es gibt natürlich einiges, was auch schon innerhalb des Buchs ja irgendwie angesprochen wurde, und das habe ich immer rausgesucht und geteilt. Aber wenn man jetzt zum Beispiel vielleicht noch ein Buch über die Thematik oder so lesen will, hast du da Empfehlungen?
Ronya Othmann
Da gibt es total viel, je nachdem über welche Thematik und nicht. Es gibt, und ob man Romane lesen will oder ob man Filme, also es gibt ja auch viele Dokumentar, also zahlreiche Dokumentarfilme, es gibt auf jeden Fall, ja, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Helen
Vielleicht irgendwie so das Buch, was du irgendwie als nächstes empfehlen würdest oder so?
Ronya Othmann
Ich hab ein Buch, also ich hab mehrere, ich teile ja auch mal so alles, was ich lese, auf meinem Instagram. Da ist sehr viel, zum Beispiel wenn man sich für Syrien unter Assad interessiert, zum Beispiel das Buch von, ja, das sowieso. »Im Bauch der Königin«, alle Bücher von Karosh Taha.
Helen
Das war tatsächlich letztes Jahr auch in der Auswahl und es hat es leider nicht geschafft. Ja, aber das empfehle ich dann auch nochmal. Oder alle von ihr meintest du, oder?
Ronya Othmann
Sowieso alle von ihr. Es gibt, nee, genau, aber auf meinem Instagram hab ich irgendwie, wenn man sich zum Beispiel, wenn man Sachbücher oder über Islamismus irgendwas liest, teile ich das oder jetzt überlege ich gerade von Mustafa Khalifa, fand ich einen sehr guten Roman, »Das Schneckenhaus«, es ist aber ein sehr brutaler Roman, ja, aber es ist ein sehr, sehr guter. Bachtyar Ali, es ist ein kurdischer Autor, der schreibt tolle Romane. Ich liebe diese Romane. Es gibt, ja, man kann…
Helen
Sagst du mir noch mal gerade den Namen?
Ronya Othmann
Bachtyar Ali. Dieses, »Der letzte Granatapfel« heißt eins, dann »Die Stadt der weißen Musiker«, genau. Von Karosh Taha die Bücher.
Helen
Und man kann sonst einfach bei dir auch auf dem Instagram-Profil, da teilst du ja auch ziemlich regelmäßig neue Buchtipps. Ja, ich weiß nicht, ob das jetzt dazu passt. Ich finde, ich kann das immer nicht so gut mit den Übergängen. Aber was so deine Meinung zu der… Also weil es jetzt eben darum ging, wenn man sich jetzt weiter über diesen Konflikt oder über Kurdistan oder Syrien oder sonst was informieren möchte, möchte, ob du da ein Buch oder Filmtipps hast. Aber in dem Rahmen wurde auch die Frage gestellt, wie so deine Meinung zu der deutschen Berichterstattung über die Region, über den Konflikt ist.
Ronya Othmann
Also es gibt sehr gute Berichterstattung. Also ich lese auch eigentlich immer sehr, ich versuche mal alles dazu zu lesen oder alles dazu zu hören und wenn irgendwie ein Film ist, in den Mediatheken und so weiter mir das anzuschauen auch. Ich finde grundsätzlich so ein Problem ist in der Berichterstattung in Deutschland, also gerade, weil man, also es ist ja so ein Phänomen, dass so ein bisschen die Auslandsstudios und so weiter, dass es ja ein bisschen so runtergekürzt wird und oft, was ich so empfinde, ist, dass es Leute zum Beispiel, was ist, also zum Beispiel, dass es zu dem Genozid gekommen ist, hat sich ja angekündigt, es gab Dinge, die davor passiert sind, der IS ist nicht aus dem Nichts gekommen oder vom Mars heruntergefallen, sondern er ist entstanden durch bestimmte, es gibt verschiedene Dinge, die ihm den Weg bereitet haben sozusagen. Und ich finde das Problem ist in Deutschland oft, dass wenn irgendwo Bomben runterfallen oder irgendein Krieg beginnt oder irgendwas Heftiges passiert, dann wird so punktuell berichtet. Aber eigentlich so was die ganzen Jahre passiert oder was im Hintergrund, also kontinuierlich passiert, wird dann nicht so berichtet. Oder zum Beispiel über Jesid*innen hat man 2014 sehr viel berichtet und dann ging die Berichterstattung zurück. Aber gleichzeitig passieren ja immer noch weiterhin Dinge und der Genozid ist noch nicht vorbei zum Beispiel und ich finde das ist ein Problem was dann oft so sorgt, dass man nicht mehr durchblickt irgendwie. Natürlich zum Beispiel der Krieg in Syrien, der Krieg im Irak, die Situation in der Türkei, jetzt noch Armenien, Aserbaidschan. Das ist natürlich total, wenn man sich nicht ständig damit beschäftigt wirkt es total unübersichtlich und es ist ja auch irgendwie unübersichtlich. Aber ich glaube das Problem ist halt, dass es vielleicht zu wenig Berichterstattung gibt und zu wenig kontinuierlich. Und auch manchmal wünsche ich mir auch natürlich nicht nur die Krisen, sondern auch es passieren ja auch gute Sachen manchmal hin und wieder auch. Und es gibt sehr tolle Menschen auch in der Region.
Helen
Ich hatte das irgendwie glaube ich am Anfang des Monats, da hatten wir glaube ich gerade angefangen oder so auch irgendwie bei Instagram oder so gesehen, dass dann jemand meinte, man muss ja eigentlich nur mal in die Mediatheken gehen und irgendwie, weiß ich nicht, nach Osten oder einzelne Länder suchen und sich anschauen, was für Titel dann kommen. Das sind ja selten irgendwie positive Dokumentationen oder so. Also da wird ja, es wird dann halt immer die Krise gezeigt, was ich auch wichtig finde. Bei mir hat das jetzt zum Beispiel geholfen, weil ich erst mal überhaupt den Zusammenhang verstehen musste. Aber dadurch behält man das, also das wird immer so verknüpft. Also es ist dann auch einfach immer nur noch irgendwie Krieg und nichts anderes darüber hinaus.
Ronya Othmann
Ja und das Problem, was auch dann manchmal passiert, glaube ich, ist, dass man, dass man so denkt oder dass Leute denken, das ist, ah ja, die Menschen kennen das nicht anders, also das ist ein Normalzustand und das ist aber kein Normalzustand auch für, also für die Menschen ist das, also zum Beispiel dauerhaft in Kriegsgebieten wohnen, Es ist natürlich ein längerer Zustand, aber es ist kein Normalzustand. So und das ist, glaube ich, der Eindruck, was so manchmal entsteht. Irgendwie. Ja, das wäre das dann irgendwie okay. Oder könnte man das dann besser aushalten?
Helen
Spannend. Das passt vielleicht auf die Frage, dass jemand meinte, was wir machen können. Außer jetzt darauf aufmerksam zu machen und zu sagen, lese das Buch, das ist wirklich wertvoll und schau dir vielleicht noch dieses und jenes an. Gibt es irgendwas, was man tatsächlich konkret machen kann?
Ronya Othmann
Uff, also wichtig ist tatsächlich auch immer, also wirklich, ja man kann ganz viele Sachen sagen, auf jeden Fall die Aufmerksamkeit, weil zum Beispiel, also ich meine, gerade findet ein Prozess, also es ist gerade ein Urteil gesprochen worden in einem Prozess gegen einen IS-Täter und gleichzeitig ein Folterer vom Assad-Regime. Und ich finde es wichtig, es laufen noch mehr von diesen Tätern frei herum und ich finde es wichtig, Also Öffentlichkeit bringt in dem Fall auf jeden Fall immer noch so einen Druck und so auch, dass man Menschen nicht vergisst, die unter diesen Dingen, die unter diesen Dingen leiden, auch vor Ort. Also ich finde auf jeden Fall eine Öffentlichkeit und sich weiterhin zu informieren, sich dafür zu interessieren und das nicht als Normalzustand hinzunehmen, finde ich wichtig. Natürlich gibt es auch zahlreiche Organisationen, wo man spenden kann, die zum Beispiel in den Alphabetisierungskurse für Frauen in den Camps, zum Beispiel in Kurdistan, in Irak irgendwie organisieren solche Dinge. Was kann man noch tun? Wichtig ist auch, ich meine Politiker*innen irgendwie, kann man natürlich immer anschreiben und so weiter und sie darauf aufmerksam machen. Und ich weiß zum Beispiel auch in Fällen von Inhaftierten, dass diese Briefe schreiben, was ja manchmal albern klingt, aber für so zum Beispiel Inhaftierte, ja in Syrien bringt es vielleicht gerade nicht so viel, aber trotzdem, dass man immer wieder Druck ausübt und nicht aufgibt und so weiter. Aber es ist so: Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit.
Helen
Ich finde halt auf jeden Fall, dass es ein guter Einstieg ist, weil man einfach gut mitfühlen kann und vielleicht das auch nicht nur bei mir dann ausgelöst wird, dass man noch mehr erfahren will. Wir hatten ja auch vorher schon mal ein paar mal so Gespräche mit Autor*innen und ich glaube viele finden halt spannend, wie das überhaupt funktioniert, quasi ein Buch zu schreiben. Also du hattest diese Idee und wie entsteht, also gibt es irgendwie Techniken, die du angewandt hast, um das, was in deinem Kopf herumschwirrt, also außer natürlich die Tasten zu hauen, aber irgendwie das zu einem Gesamtkonstrukt irgendwie zu bauen, dann kannst du da vielleicht angehenden Schriftsteller*innen irgendwie Tipps geben.
Ronya Othmann
Leute arbeiten unterschiedlich. Es gibt, also das ist wichtig, es gibt keinen richtig und falsch. Man muss selber leider rausfinden. Es gibt Leute, die haben, ich kenne Leute, die haben alles im Kopf und schreiben es dann runter. Aber so war es bei mir nicht. Ich hatte immer so ein bisschen so Stückchen geschrieben, irgendwie eine Szene im Dorf und dann war das wie so eine Erzählung. Dann kamen dann immer mehr Texte zusammen. Das habe ich dann zusammengebaut und ich habe das Gefühl, ich hatte zeitweise richtig Chaos. Das war auch mal ein bisschen länger. Irgendwann dachte ich, ich finde mich gar nicht mehr zurecht. Das waren einfach nur 500 Seiten Text, die ich irgendwann hatte. Ich wusste gar nicht mehr, wo ich bin, was das war. Das war alles. Ja, und was ich noch wollte, und es war dann irgendwie viel, dann hab ich es wieder raus. Also wichtig ist, glaube ich, trotz des Chaos, man muss es irgendwie so durchziehen, glaube ich. Auch wenn es aussichtslos irgendwie erscheint. Und es dauert einfach lange. Was sonst insgesamt, ich glaube viel Lesen, hilft immer. Und wenn man sich gut damit fühlt, mit anderen Menschen darüber sprechen. Weil irgendwann ist der Text ja so, ich weiß nicht, vom Schreiben, da ist man so nah dran, dass man gar nichts mehr sieht. Und da ist manchmal das Menschen irgendwie so sagen, ja, aber da ist irgendwie, da ist doch irgendwas. So ein roter Faden, schau mal da.
Helen
Weil du das ja auch jetzt sagst so mit dem Chaos, ich glaube manche haben den ersten Teil ein bisschen so empfunden. Und also ich vermute, das war ja auch gewollt, das sind ja, also an einem Punkt schreibst du ja auch, dass Leyla quasi wie so Erinnerungen, die zu ihr kommen und sie selber ja auch nicht so richtig sortieren kann oder nicht zuordnen kann. Und mir hat es total gut gefallen, ich hatte so das Gefühl, auch selber ein bisschen in Erinnerungen zu schwelgen, aber es gab viele, die gesagt haben, dadurch haben sie den ersten Teil gar nicht so richtig verstanden und haben immer versucht, irgendwie auch vielleicht die Jahreszeiten zuzuordnen, was ja dann auch schwer ist. Also das kann man vielleicht bei einzelnen Punkten, aber vieles ist ja wirklich einfach halt Leylas Erinnerung. Aber ich stelle mir dann so vor, wenn man das vielleicht jemandem gibt und dann die Rückmeldung kommt, das ist aber jetzt furchtbar chaotisch, dass man dann trotzdem dabei bleibt und sagt, ja, aber ich habe es genauso mir vorgestellt und ich lasse das jetzt so. Ist das eine Schwierigkeit oder orientiert man sich an dem, was man an Feedback dann auch vielleicht bekommt?
Ronya Othmann
Also es kommt drauf an, so manche Sachen habe ich schon mich voll daran orientiert. Also dadurch, dass am Anfang wie so ein Chaos ist, ist für mich so, ich wollte so, dass es wie so ein Sommer wirkt, weil alles so ineinander übergeht und Also diese Erinnerungen irgendwie so assoziativ da so reingeht, wie man sich manchmal erinnert. Und dann ab diesem Cut, dem zweiten Teil, ab dem, wo das Dorf bedroht ist und so weiter, da ist es dann chronologischer. Genau. Und es gibt so manchmal natürlich, also man muss dann abwägen. Also manchmal haben auch Leute Sachen gesagt, die ich sinnvoll fand.
Helen
Ja, das kann ich mir vorstellen. Also ich glaube, man muss vielleicht schon so ein Gefühl dafür haben, was man erreichen will oder so und dann das Verteidigen. Ja. Ich wäre wahrscheinlich tendenziell der Kandidat, der viel zu viel selbst denken würde, wenn ich so Feedback zum Buch bekomme. Es gibt so ein paar Fragen, die eher dich auch betreffen. Ich weiß nicht, ob ich dich jetzt noch mal nach Buchtipps frage. Ich frage eigentlich immer am Ende nochmal, ob du einen Tipp für uns hast. Du hast uns jetzt einige auch schon genannt. Also feel free, wenn du noch mehr hast. Gerne. Aber es gab so die Frage, was ist so dein Lieblingsgenre zum Beispiel?
Ronya Othmann
Mein Lieblingsgenre?
Helen
Was du gerne liest.
Ronya Othmann
Ich lese Essays gerne, ich lese Romane gerne, also ich lese Gedichte, eigentlich alles Mögliche, Erzählungen.
Helen
Also quasi quer wie was die so…
Ronya Othmann
Genau, genau. Und ich lese auch gern ältere Sachen. Ich habe vor kurzem so eine Virginia-Woolf-Phase gehabt. Und genau, und dann lese ich irgendwie alles. Also eigentlich… Ja, ich habe aber eine Leseliste für mich selber, was ich lesen will.
Helen
Und hältst du das dann auch ein oder lässt du dich zum Beispiel auch, es gibt ja doch ziemlich viel hier Buchcontent auf, lässt du dich dann auch in sowas inspirieren oder?
Ronya Othmann
Ja, manchmal sagen auch Freundinnen, zum Beispiel [Titel unverständlich] fand ich sehr cool. Das haben dann zwei Leute gesagt, dass ich es unbedingt lesen soll, dann habe ich es gelesen. Swetlana Alexijewitsch zum Beispiel, »Der Krieg hat kein weibliches Gesicht«. Das habe ich letztes Jahr gelesen. Das wurde mir ausgeliehen und das fand ich auch richtig toll. Also, ja, eigentlich alles Mögliche. Ja, und genau, manchmal auch, also ich lese dann auch von einem Autor oder Autorin, dann immer so will ich so alles lesen. Annie Ernaux habe ich auch ganz gern gelesen. Es ist eine französische Autorin, die sehr, sehr, es ist alles ein bisschen so, vielleicht kann man sagen, autofiktional und aber irgendwie so ganz, eine ganz schöne Sprache und so. Ich mag das sehr gerne.
Helen
Genau, da habe ich gerade noch eine Frage, wer dich für die Figur der Großmutter inspiriert hat.
Ronya Othmann
Ja, unter anderem, also einige Großmütter im Dorf, aber auch meine eigene Großmutter.
Helen
Und also deine Großeltern hast du dann auch tatsächlich immer in dem Dorf quasi auch besucht. Also das ist schon eine Parallele.
Ronya Othmann
Ja, ja, ja.
Helen
Okay, ja. Es wurde gesagt, weil du so toll mit Sprache umgehen kannst, jemand aus der Community hatte diese Zitate quasi bei Instagram dann so geteilt, ob du ein Lieblingswort hast?
Ronya Othmann
Ne, ich weiß nicht. Ich glaube, ich habe mal so eine, da war ich so Teenager, nicht Teenager, aber da war ich so, das ist ein bisschen nerd-mäßig, ich habe komische Sachen gemacht. Ich habe mal so eine Kiste gehabt, da habe ich ganz viele Wörter, die ich irgendwie toll fand oder auch die irgendwie so, ich liebe ja, also ich liebe, doch, doch, doch, ich mag schon ein paar, also ich liebe ja, ich Ich habe zum Beispiel auch ein Herbarium. Ich liebe einfach Pflanzen. Rotföhren, Blutbuchen, es ist ein wunderschöner Name. Und neuerdings auch Hornfels ist zum Beispiel so eine bestimmte Gesteinsart. Also das lese ich dann, das finde ich richtig toll. Ja, so ein bisschen so nerdmäßig vielleicht und da hab ich in so einer Kiste immer, ich hab so ein bisschen ausgeschnitten und dann die Wörter, die ich toll fand, hab ich dann gesammelt für mich, da hab ich noch irgendwo diese Kiste. Also irgendwie so, ja. Ich empfehle auch die Gedichte von Semra Ertan. Es fällt mir gerade ein, dass ich jetzt noch viel mehr Sachen empfehlen könnte.
Helen
Du kannst uns auch gerne eine Leseliste schicken.
Ronya Othmann
Genau, aber von Pflanzennamen. Es klingt wirklich nerdmäßig, aber es ist wirklich toll. Schwarzäugige Susanne ist eine Blume zum Beispiel, Rotföhre, also ich könnte wirklich ewig lang damit beschäftigen.
Helen
Cool, also das ist auch mal was anderes irgendwie. Ich glaube vielleicht kenne ich mich in dem Bereich auch einfach gar nicht genug aus, aber die klingen auf jeden Fall gut. Ich habe gerade gesehen, dass mir hier in diesem Frage-Ding etwas aufgeploppt ist. Wie bist du, ach das kann ich wahrscheinlich anticken. Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Ronya Othmann
Wie ich zum Schreiben gekommen bin? Also eigentlich, also ich hab, okay, oh Gott, also meine Schwester und ich, wir haben beide Tagebuch geschrieben. Und wir haben gegenseitig immer über uns gelästert in den Tagebüchern. Und genau und also wir haben gegenseitig immer gelästert und in den Tagebüchern und dann und dann haben wir heimlich also immer gegenseitig die Tagebücher gelesen und dann hatten wir Streit. Also ich glaube ich habe mit Tagebüchern angefangen und dann habe ich war ich bei einem also ich eine eine sehr sehr tolle Deutschlehrerin von mir die eigentlich ich weiß nicht ob sie sie gerade zuschaut, aber sie ist auch auf Instagram. Eine sehr tolle, also Deutschlehrerin hat ein kreatives Schreibenkurs gemacht in der Schule und da habe ich, ja da habe ich auch, da habe ich dann ganz viel geschrieben und das erste Mal mit anderen Leuten über Texte gesprochen und das war, ja.
Helen
Und dann ist dir das, also ist so quasi einfach geblieben diese Leidenschaft zum Schreiben und du wusstest dann auch schon, ich glaube das habe ich auch heute in dem Podcast, dass du relativ früh dann auch schon wusstest, dass du das auf jeden Fall quasi später aufmachen willst. War denn da dann auch die Reaktion von Leylas Vater, so was will man denn mit Germanistik anfangen irgendwie? Irgendwie so in der Art sagt er es, glaube ich.
Ronya Othmann
Ja, aber ich habe nicht Germanistik studiert. Ich habe Literarisches Schreiben studiert in Leipzig.
Helen
Ich schreibe hier gerade noch dieses Buch mit, das hier empfohlen wurde. Semra Ertan, »Mein Name ist Ausländer«.
Ronya Othmann
Ja, das hat Cana unter anderem rausgegeben.
Helen
Ah, ok. Habe ich aufgeschrieben. Und dann ist die Figur Leyla reine Fiktion? Oder hast du selbst Dinge erlebt, die sie erlebt hat? Oder gibt es eine reale Nähe?
Ronya Othmann
Ja, das wollen immer Leute wissen. Also ich würde sagen, ja, aber ich glaube, anders, also ich kann nicht anders darauf antworten, außer, also ich will jetzt nicht ins, also irgendwie, natürlich ist es eine Figur, die habe ich erfunden, aber sie hat Dinge, sie kennt auf jeden Fall Dinge, die ich auch kenne. Aber natürlich, also ich bin nicht Leyla. Ich glaube, das ist, ich glaube alle Autoren, also alle, die irgendwie schreiben oder, also ich glaube, dass man immer irgendwie, also man muss ja irgendwo her seine, das nehmen, wo man schreibt und es setzt sich aus Fiktionen, je nachdem was für ein Text man schreibt, auch Fiktionen, irgendwas anders, was man über irgendwas gehört hat. Also es kommt natürlich aus dem eigenen Kopf, aber es ist nicht so, ja, also es ist natürlich Fiktion.
Helen
Das muss man wahrscheinlich relativ häufig betonen. Ach so, nein, eine vielleicht noch, eine letzte, ich weiß nicht, wie viel Zeit, weil wir jetzt schon fast eine Stunde hier dran sind. Aber es gab die Frage, ich glaube, dass die Frage vielleicht auch so ein bisschen in die Richtung geht, ob das etwas war, was du selber vielleicht auch erfahren hast, aber warum konnten Bernadette und Leyla eigentlich nicht wirklich miteinander sprechen oder es war immer irgendwie auch so vielleicht eher an einer oberflächlicherem Ebene.
Ronya Othmann
Ja, ich würde sagen, es ist ein bisschen auf jeden Fall, er hat vielleicht mehrere Gründe. Also es gibt ja irgendwann so eine Stelle, wo Bernadette sagt, dass sie oder dass die Leyla, dass sie so immer, also dass sie immer auf, dass Bernadette immer auf Leylas Seite ist, egal ob sie, also sie ist einfach sehr sehr sehr loyal. Ich glaube, sie ist eine sehr sehr gute Freundin. Ich glaube aber, dass Leyla immer sehr stark, also so sehe ich es, immer sehr stark so getrennt hat. So das Dorf, bei ihren Großeltern, die kurdisch-jesidische Welt, in der sie ist und das Leben in Deutschland irgendwie, in der Schule und so weiter. Sie will dazugehören. Sie ist, also sie ist in einem Ort aufgewachsen, wo keine Kurden, keine Jesiden wohnen. Und sie jetzt immer sehr stark getrennt ein bisschen und hat glaube ich vielleicht, ich weiß nicht, sie hat Bernadette irgendwie nicht so davon erzählt, vielleicht weil sie dachte, dass sie das nicht versteht oder dass oder Angst hat vielleicht auch, dass sie es nicht verstehen könnte oder dass sie es irgendwie komisch oder was weiß ich und auch weil Leyla ja auch früh mit Dingen konfrontiert war, mit denen andere Kinder in der Schule ja nicht konfrontiert sind, also Diktatur, Verfolgung, wie es ist, von einer zu einer Minderheit, einer sehr bedrohten Minderheit zu gehören und so weiter. Da kommt ja ganz viel zusammen und das glaube ich vielleicht war irgendwas zu schwierig oder sie hatte nicht Worte dafür und später, als dann dieses traumatische, also als dann ihre Familie bedroht ist und als der Genozid beginnt und der Krieg, glaube ich, dass sie dann irgendwie dann Sie kennen sich ja ein Leben lang, sie hat nie wirklich erzählt und sie haben nie irgendwie eine Sprache dafür gehabt. Und Bernadette traut sich vielleicht auch nicht zu fragen und denkt vielleicht, sie wird erzählen, wenn sie erzählen will.
Helen
Ich weiß nicht, manche haben gesagt, dass sie es als Desinteresse verstanden haben.
Ronya Othmann
Für mich war es nicht unbedingt Desinteresse.
Helen
Von Seiten Bernadettes.
Ronya Othmann
Genau, genau, ja.
Helen
Ja, man merkt ja zumindest ab einem Punkt, dass Leyla ihr das irgendwie vorwirft, dass ihr erwartet, warum hat sie jetzt nicht angerufen, obwohl sie in den Nachrichten waren. Das fand ich ganz spannend. Aber wahrscheinlich stimmt es, sie hat sie halt auch nicht richtig eingelassen in diesen Teil ihrer Welt. Ja, also das fand ich sowieso spannend. Es waren ja sehr viele Figuren beteiligt und manchmal fand ich es schwer, den Überblick zu behalten. Ich finde es gab einen Kern oder wiederkehrende Figuren, wo schon auch erkennbar waren, die haben noch mal eine größere oder eine richtigere Rolle. Aber es gab ja schon sehr viele beteiligte Personen. Da fällt mir ein, das wurde gestern Abend noch gesagt, ob du damit was ausdrücken wolltest, dass manche einen Namen haben und manche eben einfach nur der Nachbar oder sowas sind. Also soll das irgendwie vielleicht auch ausdrücken, dass manche eben distanzierter zu Leyla sind?
Ronya Othmann
Ja, ja.
Helen
Achso, hier ist noch die Frage, warum die Mutter im Buch so unsichtbar ist. Oder zumindest ja nicht so präsent irgendwie. Also irgendwie ist sie ja schon präsent. Sie ist ja irgendwie immer da. Aber sie spielt nicht die wichtige Rolle. Für Leyla wirkt zumindest so, würde ich jetzt interpretieren, wie der Vater.
Ronya Othmann
Ja, also weil es ein bisschen so die Geschichte von der Großmutter, also so ein bisschen die Großmutter, die die Geschichten erzählt, ein bisschen der Großvater ist ja auch ziemlich im Hintergrund, also der Großvater ist auch nicht so, aber die Großmutter ist wichtig und der Vater, weil er die Geschichten erzählt und Leyla weil sie also diese beiden Geschichten irgendwie also daraus ja auch bisschen so die für sie so wichtig sind und die Mutter ist für mich so eine Figur die ist total verlässlich irgendwie also das finde ich eigentlich auch ein guter Charakter so die ist so ein bisschen die so das die so alle zusammenhält, so ein bisschen, habe ich das Gefühl. Also sie ist, für mich ist bei ihr auch so eine Geschichte im Hintergrund irgendwie, aber ich weiß nicht, also das auch, wenn ihr das Buch anders gelesen habt, dann ist es legitim so. Aber für mich, also das ist auch komisch, ich weiß immer nicht, wenn ich über das Buch rede, was ich so selber so sage, weil es ist ja nur so, wieso ich das sehe, und man kann das ja auch anders sehen, Aber für mich ist die Mutter auch, es ist ja so die Geschichte, dass sie ja mit, sie ja schon in Kurdistan war, zu Saddams Zeiten, im Irak und da halt für Ärzte ohne Grenzen als Krankenschwester gearbeitet hat und nie über diese Zeit gesprochen hat. Und für mich ist sie auch in diese Geschichte so eingewebt eigentlich. Für mich ist sie eine Figur, die auch etwas Traumatisches erlebt hat. Aber Leute, die etwas Traumatisches erlebt haben, die gehen damit sehr unterschiedlich um. Manche sprechen, manche sprechen nicht.
Helen
Das kommt mir irgendwie auch so ein bisschen bekannt vor. Wir hatten im letzten Monat »Ein Lied für die Vermissten« gelesen. Und weil du das ja auch jetzt du sagst der Vater so der Geschichten erzähle, habe ich mich irgendwie gerade gefragt, ob es so diese Geschichten erzählt, Traditionen, ich habe leider den richtigen Begriff dafür gerade vergessen, aber ob es das in Syrien oder in der Region auch dann gibt?
Ronya Othmann
Ja, »Ein Lied für die Vermissten« habe ich auch gelesen. Ja, also es gibt auf jeden Fall, also zum Beispiel ist ja, im Jesidischen wird es ja mündlich übertragen, die Religion. Es gibt aber auch so eine kurdische Literaturtradition, wo es auch mündlich, also Epen und so weiter, das gibt es nicht nur in der kurdischen, aber dass es mündlich übertragen wird und später dann vielleicht auch aufgeschrieben wurde von Leuten. Dengbêj auch kurdisch. Ich finde, zu Dengbêj habe ich eine Zeit lang so gelesen, wie so professionalisiert wurde. Das ist nicht nur, man sieht es in jedem Fall, natürlich gibt es auch, die Tante erzählt Geschichten oder die, keine Ahnung, irgendwer erzählt in der Geschichte und erzählt die zum Beispiel, also der Vater von Leyla kann ja auch sehr gut erzählen, irgendwie erzählt er nicht nur, sondern es ist ja auch wichtig, wie sie erzählt. Erzählt sie sehr, ja er kann gut erzählen. Und das ist auch wie so professionalisiert wurde, dieses Geschichten erzählen und das ist ja auch in vielen Fällen ja nicht so ist, dass irgendwer so vor dem am Feuer sitzt und irgendwas so erzählt, sondern dass es wirklich Leute auch ausgebildet waren und das ist ja voll die Kunst ist irgendwie so einerseits mit der Stimme lange durchzuhalten und andererseits auch einen guten Bogen zu machen. Genau.
Helen
Ist da noch eine Frage da? Ah ja, die Tante. Genau.
Ronya Othmann
Ja, das würde ich auch schon sagen. Weil Leyla dachte, sie ist so eine Verbündete, ist so eine unabhängige Frau und so eine Rebellin und hat total viel auf sie vielleicht projiziert und dann gemerkt natürlich, dass ihre Tante ihr eigenes Leben hat, wie Leyla auch ihr eigenes Leben hat. Und ist so die Frage so, hat sich die Tante verändert oder hat Leyla total viel auf sie einfach projiziert. Und wenn man auch, genau und natürlich der Krieg hat die Tante ja auch verändert zum Beispiel. Und sie haben sich lange nicht gesehen und dass die Frage so, Leyla hat ihr Leben dann verändert und das, was Leyla erlebt hat, hat sie verändert und was die Tante erlebt hat, wiederum sie verändern, ist da vielleicht so ein Bruch? Genau das ist so die Frage.
Helen
Ja, das ist so spannend. Ich glaube, das gibt auch noch mal sehr viele Anknüpfungspunkte, worüber wir dann am Samstag gut sprechen können. Die verschiedenen Deutungen und so. Man bringt ja auch immer irgendwie was eigenes mit in der Geschichte. Ja, ich auch, das finde ich immer sehr, sehr spannend. Aber ich vermute mal fast, dass wir jetzt wahrscheinlich besser auch mal zu einem Ende kommen sollten. Ach so, hier die Geschichte mit den versteckten Zigaretten in der Gartenmauer. Ja, das mache ich irgendwie auch. Ich habe mich auch dann direkt gefragt, wo sind die denn dann hin? Wer hat die genommen? Wer hat die gefunden? Also es war sowieso viel auch, wo man irgendwie schnell drübergelesen hat und dann aber doch nochmal irgendwie drüber nachgedacht hat. Also, ja, also ich hab super gerne gelesen und mich hat es halt einfach sehr, sehr dazu angeregt, noch viel mehr darüber hinauszulesen und viel mehr mich zu informieren. Und du hast uns ja jetzt auch jede Menge Lesestoff noch gegeben, die wir uns anschauen können. Ich hoffe halt, dass ich das alles auch richtig geschrieben habe. Ich muss es dann erstmal probieren. Aber ja, ich danke dir sehr, dass du dir die Zeit genommen hast. Es ist immer irgendwie schon nochmal was anderes, wenn man dann vielleicht nochmal so ein bisschen Hintergrundinfos erfährt. Und ja, sehr, sehr spannend. Wir lesen dann sehr gerne auf, wenn es irgendwie eine Fortsetzung oder ein ganz neues Buch von dir gibt.
Ronya Othmann
Ja, danke euch. Ich fand es auch immer spannend, weil auch ganz viele irgendwie was zu dem Text geschrieben haben. Ich finde es auch immer cool zu sehen, wie andere den Text lesen. Danke euch und einen schönen Abend!
Helen
Danke ebenso! Und viel Spaß noch!
Ronya Othmann
Danke schön! Bis dann!
Helen
Bis dann, ciao!




