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Ein Büchercafé eröffnen, ohne vom Fach zu sein

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Podcast · Folge 85

Ein Büchercafé eröffnen, ohne vom Fach zu sein

Nora Batinić und Helena Gerwin über einen Nachmittag in Florenz, eine Notiz voller Details – und warum sich der Schritt für sie nicht nach Mut angefühlt hat

22. Oktober 2024 · 28 Minuten · Ganze Folge hören ↓

Diese Folge ist eine Ausnahme: Wir haben sie nicht digital aufgenommen, sondern vor Ort – im Kapitel Drei in Hamburg-Altona, bei 30 Grad und einem Eiskaffee. Nora Batinić und Helena Gerwin haben das Büchercafé 2023 eröffnet, ohne vorher je im Buchhandel gearbeitet zu haben. Was daraus geworden ist, fühlt sich weniger nach Laden an als nach einer Altbauwohnung, die jemand mit Büchern eingerichtet hat.

Nora Batinić und Helena Gerwin

Gründerinnen des Büchercafés Kapitel Drei in Hamburg-Altona

Nora Batinić und Helena Gerwin kennen sich seit der Schulzeit in Marburg und haben zusammen in Lüneburg studiert. Beide sind Quereinsteigerinnen ohne Vorerfahrung im Buchhandel: Helena Gerwin hat einen Master in Praktischer Philosophie, Nora Batinić kommt aus Business Development und Key Account Management, dazu Marketing, Start-ups und Gastronomie. Im Frühjahr 2023 gründeten sie das Büchercafé Kapitel Drei in der Hospitalstraße in Hamburg-Altona, Eröffnung war Ende Juni 2023. Zum Konzept gehören neue und gebrauchte Bücher mit einem Schwerpunkt auf feministischer und queerer Literatur, ein kleines veganes Caféangebot, Lesungen und mehrere Buchclubs.

Der Moment in Florenz

Wann die Idee entstanden ist, lässt sich nicht genau sagen – sie schwirrte schon Ewigkeiten in beiden Köpfen herum, in der abstrakten Form, die viele kennen: Irgendwann machen wir zusammen ein Café. Oder einen Buchladen. Oder einen Blumenladen.

Konkret wurde es an einem Ort, den sie benennen können. 2021 saßen die beiden in Florenz in einem Büchercafé, dem Todo Modo, und dachten: Wir wollen einfach jeden Tag an so einem Ort sein. In Deutschland gab es davon damals noch wenige, in Hamburg keins. Zwei Jahre lang haben sie beobachtet, ob es jemand anders macht. 2023 hatte es noch niemand gemacht – und dann haben sie sich, wie sie es nennen, berufen gefühlt.

Eine Notiz, bevor es den Laden gab

Was im Kapitel Drei am meisten auffällt, ist die Detailtiefe: die Karte auf jedem Tisch mit einem Hinweis für Lesende und Conversation Snacks – Fragen, über die man zu zweit ins Gespräch kommt. Auf die Frage, ob das nach und nach gewachsen sei, kommt ein klares Nein: Das meiste war vom Eröffnungstag an so.

Dahinter steckt eine Notiz, die es gab, bevor klar war, dass es dieses Café überhaupt geben würde. Darin stand alles – welche Genres es geben soll, was auf der Speisekarte steht, welches Zitat auf die Tafel kommt. Es gab schon eine Playlist und eine Bücherliste.

Ihre Begründung dafür ist praktischer, als sie klingt: Sie seien beide eher kreative als Zahlenmenschen. Wenn der Raum, die Möbel, die Musik und die Karte schon im Kopf stehen, fällt auch der Zahlenteil leichter. Helen hält im Gespräch dagegen, dass sie den eigenen Ideen-Überschuss eher als Schwäche beschreibt – und nimmt sich vor, ihn künftig mit mehr Stolz zu erzählen.

Die Wutwand, die es nicht gab

Eine Idee aus dieser Notiz hat es nicht in den Laden geschafft, und sie ist zu schön, um sie zu übergehen: Die Bücher sollten ursprünglich nicht nach Genres sortiert werden, sondern danach, wie man sich beim Lesen fühlt. Eine Wutwand, eine Verliebtwand, eine Traurigwand.

Beim Sortieren wurde es zu wild. Manche Bücher ließen sich nicht zuordnen, und beim großen Feminismusregal stellte sich die Frage, ob das jetzt komplett unter Wut soll. Am Ende war es zu kompliziert – und für Besucherinnen vermutlich zu ungreifbar. Ganz weg ist der Gedanke aber nicht: Vorne im ersten Raum gibt es eine Empfehlungswand, die wöchentlich wechselt. Dort ginge eine Wutwand.

Mutig? Kommt darauf an, wovor man Angst hat

Helen nennt den Schritt mutig – ein eigener Laden, Miete, Inventar, echtes Risiko. Die beiden hatten darüber selbst kurz vorher lange geredet und antworten differenzierter: Mut sei mega individuell.

Mutig ist ja am Ende nur, was zu machen, wovor man ein bisschen Angst hat.Nora & Helena

Und genau die Angst hatten sie vor diesem Schritt nicht. Sie fühlen sich nicht so, als hätten sie etwas überwinden müssen. Umgekehrt gilt für sie: Es würde sie mehr Mut kosten, sich online zu präsentieren, als einen Nine-to-five-Job aufzugeben – also genau das, was Helen jeden Tag tut.

Deren Antwort darauf ist der Satz, an dem das Gespräch kippt und persönlich wird.

Ich bin ein super ängstlicher Mensch, aber ich habe immer gar keine Lust, mich davon so einschränken zu lassen.Helen

Und stolz?

Die Anschlussfrage bringt beide ins Stocken. Stolz sei ein Gefühl, von dem sie sich vorstellen können, dass es da ist – greifen können sie es nicht. Was sie benennen können: Freude, Dankbarkeit, Selbstzufriedenheit. Stolz auf andere Menschen fällt ihnen leichter; da wissen sie, wo das sitzt.

Wir sind wahrscheinlich stolz, aber wissen einfach nicht genau, was das ist.Nora & Helena

Die Stelle endet mit dem, was in diesem Laden naheliegt: dass es dafür vielleicht eine eigene Bücherwand bräuchte. Und mit der Frage, ob es Sachbücher über Stolz gibt, so wie es welche über Wut gibt.

Ein Traum, der keiner mehr ist

Der ehrlichste Teil des Gesprächs ist die Antwort auf die Frage, ob sich der Traum wirklich erfüllt hat. Ja – und gleichzeitig gibt es anstrengende Momente, lange Schichten und viele Fragezeichen, wie in jeder Selbstständigkeit. Man ist im eigenen Lieblingsort eben nicht mehr Gast. Sie wollten, dass es so einen Ort gibt, um jeden Tag dort abzuhängen; jetzt sind sie jeden Tag da, aber nicht als Gäste.

Dass sie beide dazu neigen, Dinge stark zu romantisieren, sehen sie inzwischen als Vorteil: Wer vorher den ganzen Behördenkram sieht, verliert oft die Lust, es überhaupt anzufangen. Daraus wird der Satz, mit dem die Folge eröffnet.

Natürlich ist ein realisierter Traum kein Traum mehr, das realisiert man dann irgendwann. Und dann muss man aber halt, glaube ich […] in diesem Traum weiter sich immer wieder kleine Träume schaffen.Nora & Helena

Immerhin: Dem Lesen und den Büchern seien sie näher als jemals zuvor. Mit einem Haken, den beide kennen – man bekommt ständig mit, was es an tollen neuen Büchern gibt, und hat fast Druck, weiterlesen zu müssen.

Acht Buchclubs, die sie nicht leiten

Geplant waren ein oder zwei Buchclubs, die die beiden selbst anleiten. Geworden sind es acht, quer durch verschiedene Genres – und angeleitet werden sie nicht. Kapitel Drei stellt an zwei Abenden im Monat nach Ladenschluss den Raum; in jedem Club gibt es eine Person, die sich verantwortlich fühlt und mit ihnen kommuniziert.

Zehn bis zwanzig Leute pro Club, was auf den ersten Blick nach viel klingt – aber genau deshalb funktioniert: Es nimmt der einzelnen Person den Druck, jedes Mal dabei sein zu müssen. Ein Gedanke, den wir aus unseren eigenen Leserunden gut kennen. Zum Zeitpunkt der Aufnahme waren alle Clubs voll; wer möchte, kommt auf die Warteliste, und immer wieder öffnen sich Plätze.

Kleine Randnotiz aus dem Gespräch: Helen und die beiden waren vorher schon einmal gemeinsam in einem Artikel der Bild der Frau – Mädels, die lesen. als Buchclub, der online stattfindet, und ein Buchclub in Hamburg als Gegenstück vor Ort. Namentlich genannt wurde Kapitel Drei dort nicht.

28 Minuten darüber, wie aus einem Nachmittag in Florenz ein Laden wurde – und darüber, dass Mut und Stolz zwei Gefühle sind, die sich schwerer greifen lassen, als man denkt.

Die ganze Folge hören

Häufige Fragen

Kann man ein Büchercafé eröffnen, ohne vom Fach zu sein?

Nora Batinić und Helena Gerwin haben genau das gemacht: Beide sind Quereinsteigerinnen ohne Vorerfahrung im Buchhandel. Mitgebracht haben sie ein BWL-Studium, einen Master in Praktischer Philosophie und Berufserfahrung aus Marketing, Business Development, Start-ups und Gastronomie.

Wie fing die Idee zum Kapitel Drei an?

Ganz abstrakt und über Jahre. Konkret wurde sie 2021 in Florenz, wo die beiden in einem Büchercafé saßen und feststellten, dass sie jeden Tag an so einem Ort sein wollen. Zwei Jahre haben sie geschaut, ob es in Hamburg jemand anders macht – 2023 haben sie es selbst getan.

Warum sind die Bücher nicht nach Gefühlen sortiert?

Weil es beim Sortieren zu wild wurde. Der ursprüngliche Plan war eine Wutwand, eine Verliebtwand und eine Traurigwand – aber viele Bücher ließen sich nicht zuordnen, und ein ganzes Feminismusregal hätte unter Wut gestanden. Auf der wöchentlich wechselnden Empfehlungswand vorne im Laden geht die Idee weiter.

Fühlt sich der Schritt in die Selbstständigkeit mutig an?

Für die beiden nicht. Ihre Definition: Mutig ist, etwas zu machen, wovor man Angst hat – und diese Angst hatten sie vor dem eigenen Laden nicht. Umgekehrt sagen sie, es würde sie mehr Mut kosten, sich online zu präsentieren, als einen Nine-to-five-Job aufzugeben.

Wie funktionieren die Buchclubs im Kapitel Drei?

Es sind acht Clubs quer durch verschiedene Genres. Kapitel Drei leitet sie nicht an, sondern stellt an zwei Abenden im Monat nach Ladenschluss den Raum; in jedem Club gibt es eine verantwortliche Ansprechperson. Pro Club kommen zehn bis zwanzig Leute zusammen – das nimmt der einzelnen Person den Druck, immer dabei sein zu müssen.

Bleibt beim eigenen Büchercafé noch Zeit zum Lesen?

Mehr als in einem anderen Job, sagen die beiden – man kann sich hinten auch mal eine Stunde hinsetzen. Sie fühlen sich dem Lesen näher als je zuvor, beschreiben aber auch die Kehrseite: Man bekommt ständig mit, was es an neuen Büchern gibt, und hat fast Druck, weiterlesen zu müssen.

Die ganze Folge zum Nachlesen

Automatisch erstellt und nur grob korrigiert – es kann Fehler enthalten. Weil in dieser Folge zwei Gästinnen am Tisch sitzen, sind Nora Batinić und Helena Gerwin nicht einzeln ausgewiesen, sondern gemeinsam gekennzeichnet. Maßgeblich ist die Aufnahme.

Helen
Herzlich willkommen, Helena und Nora. Ich freue mich total, dass ich heute bei euch zu Gast sein darf und wir das mal nicht digital aufnehmen. Aber bevor wir loslegen und über euer wunderschönes Büchercafé sprechen: Wo sind wir gerade, und was habt ihr uns für ein Getränk mitgebracht?

Nora & Helena
Wir sitzen in unserem Büchercafé in Altona, im Kapitel Drei, und wir trinken einen Eiskaffee, weil es irgendwie 30 Grad sind. Ja. Da trinken wir das Nächste.

Helen
Klingt sehr gut. Ich bin hierher gelaufen, mir ist schon ein bisschen warm. Dann würde ich sagen, stoßen wir einmal an. Ihr wurdet mir vorgeschlagen, weil wir überlegt hatten, hier in der Nähe vielleicht ein Community-Event zu machen und ich hatte euch schon bei Instagram gesehen. Hier jetzt live zu sitzen ist aber doch noch mal was anderes. Es ist so liebevoll. Es ist ja Altbau, wie so eine Wohnung mit Flügeltüren. Auf jeden Fall eine wunderschöne Wohnung im Grunde, die ihr mit Büchern eingerichtet habt – und wo man Kaffee und Kuchen bekommt. Das ist echt richtig cool. Wie seid ihr auf die Idee gekommen? Wie ist das entstanden? Und wann ist das entstanden?

Nora & Helena
So richtig zu pinpointen ist schwierig. Ich glaube, die meisten können nachvollziehen, dass man sagt, irgendwann machen wir zusammen Café. Oder einen Buchladen, einen Flower Shop, keine Ahnung. Diese Idee schwirrt ganz abstrakt schon wirklich Ewigkeiten in unseren Köpfen. Und dann ist das so über die letzten zwei, drei Jahre immer konkreter geworden, immer konkreter und immer konkreter. Bis zu dem Punkt, wo wir dann gesagt haben: Wir schauen mal so ein bisschen nach Immobilien. Vielleicht gibt es ja was in der Nähe und dann sind wir da so reingegangen. Und der eigentlich schlussendliche Moment war in Florenz, wo wir tatsächlich in einem anderen Büchercafé saßen in Todo Modo. Und da dachten wir so, das ist so schön hier. Wir wollen einfach jeden Tag in so einem Ort sein. Wie können wir das machen? Und zu dem Zeitpunkt gab es auch in Deutschland noch relativ wenige. Und vor allem in Hamburg gar keins. Es war 2021, dass wir da saßen. Und haben ein bisschen geguckt, ob es vielleicht jemand macht. Aber 2023 hatte es noch niemand gemacht. Und dann haben wir uns berufen gefühlt.

Helen
Richtig cool. Ich finde das schon ein sehr besonderes Konzept, vor allem auch die Größe. Ich mag generell voll gerne diese Kombi Buchhandlung und Café. Aber das ist dann meistens eher so noch eine kleine Theke dabei. Und vielleicht draußen, ja, vielleicht auch ein bisschen drin, aber nicht in der Größe. Also ich kenne das so nicht. Das finde ich besonders, weil man sich fühlt, als wäre man bei jemandem zu Hause – auch durch die alten Möbel. Und durch die Art, wie ihr das eingerichtet habt, hat es was super Gemütliches. Man kann ja auch zwischendurch stöbern. Und es sind nicht nur neue Bücher, oder?

Nora & Helena
Es sind Second-Hand Bücher und neue Bücher. Die meisten sind neu, vielleicht so 30 zu 70. Das schwankt immer ein bisschen, aber wir haben schon die meisten neuen Bücher und dann halt auch immer wieder Second-Hand Bücher dazwischen, die wir durch Spenden bekommen. Leute spenden uns viel, da müssen wir eher gucken, dass es nicht zu viel wird. Wir haben nicht so mega viel Platz. Aber genau, es war uns auch wichtig, dass es irgendwie beides gibt. Und gerade hier, wo wir sitzen, wo wir bei den Klassikern sind, sind die alten Ausgaben manchmal einfach schöner als die neuen. Und die Location ist echt genauso, wie wir sie uns erträumt hätten. Weil man durch die verschiedenen Räume alles ein bisschen gemütlicher gestalten kann. Und viele Einzelplätze es auch gibt, dass man sich auch mal alleine hinsetzen könnte. Und es macht total viel aus, dass es nicht ein großer Raum ist, in dem man sich nicht so cosy fühlt.

Helen
Das ist echt krass. Und es ist ja auch ein bisschen nach Genres aufgeteilt. Je nachdem, durch welchen Raum.

Nora & Helena
Genau. Früher sagten wir, es war ein Fakt, dass die Bücher danach sortiert sind, wie man sich durch das Buch fühlt.

Helen
Das ist ja cool. Und dass es dann vor allem eine Wutwand gibt und eine Verliebtwand und eine Traurigwand und so was.

Nora & Helena
Aber als wir angefangen haben, das zu sortieren, wurde es zu wild. Und dann gab es welche, wo man es nicht richtig zuordnen konnte. Und dann haben wir ein großes Feminismusregal, wo wir dachten: Okay, stellen wir das jetzt alles zu Wut? Das war irgendwie so kompliziert, und dann dachten wir: Für viele ist das wahrscheinlich sehr ungreifbar. Aber am Anfang war das unser Wunsch. Von vielen solchen Kleinwünschen muss man sich verabschieden, wenn es an die Realität geht. Ja, es ist immer so ein Kompromiss, dass man, also wir stehen ja schon so auf Details und auf nicht alles zugeordnet machen, weil wir auch wollen, dass Leute hier sich so, also hier so suchen und irgendwie Dinge finden und das vielleicht gar nicht alles auf dem ersten Blick zugeordnet scheint, aber man muss natürlich trotz gucken, dass man es von außen versteht.

Helen
Das kenne ich auch. Ich habe auch immer sehr viele Ideen, und dann trifft es auf die Realität. Ja, ja, das ist gut. Obwohl ich gerade denke, ob sich das nicht trotzdem als Ergänzung für die Website eignen würde – zumindest die, die ihr eindeutig zuordnen könnt.

Nora & Helena
Wir haben ganz vorne im ersten Raum eine kleine Empfehlungswand, und da ändern wir die Empfehlungen meistens wöchentlich. Da könnte man natürlich eine Wutwand machen – oder cosy Autumn Reads. Und das versuchen wir auch in unserem Onlineshop abzubilden, dass man sich die nach Hause oder in den Laden bestellen kann.

Helen
Ich finde das voll cool, weil mir bei Mädels, die lesen. auch immer wichtig ist, dass wir einfach darüber sprechen, was man dabei empfunden hat – auch wenn man sich gelangweilt hat, völlig okay. Mir ist das oft viel zu sehr auf so einem hohen Niveau. Ich will mich nicht so fühlen, als müsste ich großartig etwas studiert haben, um mitreden zu können. Ich finde das cool – ich würde sofort diese Wände ansteuern, wenn ihr sie noch mal einführt. Ich fühle mich auch, als wäre ich hier in einen Pinterest-Traum gefallen. Wo habt ihr die Inspiration her?

Nora & Helena
Auf Reisen viel. Und klar, Pinterest ist das beste Tool, was es gibt. Wenn man dann gewisse Möbel sieht, hat man auch schon eine Vision, wie es mal aussehen kann.

Helen
Das ist echt schön, auch mit diesen unverputzten Wänden. Der Flair wird ja auch noch mal anders, wenn andere Menschen da sind. Gerade ist geschlossen, aber es fühlt sich toll an, hier vor allen anderen rein zu dürfen.

Nora & Helena
Wir haben hier auch mal eine Übernachtung gemacht.

Helen
Nein, echt?

Nora & Helena
Wir haben uns auch Teenage Dreams erfüllt.

Helen
Und wie lief das so?

Nora & Helena
Das war ganz süß. Wir kamen abends mit Schlafsäcken an. Und dann haben wir hier nachts gelesen und gespielt. Das ist ja toll. Und dann haben wir morgens hier Kaffee getrunken und in der Sonne gefrühstückt. Cool. Und sind auch gelöst.

Helen
Boah, das ist ja richtig toll. Ich find, das müsst mir noch mal wiederholen. Ja, das ist toll. Was ich mich gefragt habe: Ihr habt gesagt, das war ein Traum, den ihr euch erfüllt habt. Hat sich das denn auch so erfüllt? Oder gab es viele Herausforderungen, als es auf die Realität traf?

Nora & Helena
Es ist ja auch selten, dass sich ein Traum so im Leben erfüllt. Und wir tendieren beide dazu, Dinge sehr stark zu romantisieren. Aber auch nicht nur im Vorhinein, sondern auch während. Aber es ist eigentlich auch gut, finde ich. Im Vorhinein ist das vielleicht ein bisschen schlecht, weil man die negativen Sachen ausblendet. Aber es ist auch gut so: Leute, die vor allem die negativen Sachen sehen, kommen oft gar nicht dazu, es umzusetzen. Wenn man diesen ganzen Behördenkram vorher gesehen hätte, hätte man auch keine Lust mehr gehabt. Es ist ganz gut, dass das erst mit der Zeit kommt. Aber natürlich ist ein realisierter Traum kein Traum mehr, das realisiert man dann irgendwann. Und dann muss man aber halt, glaube ich – und das kriegen wir ganz gut hin – in diesem Traum weiter sich immer wieder kleine Träume schaffen. Wir romantisieren das schon.

Helen
Wie du meintest: Es sind so viele tolle Leute hier. Wenn man einen Blick reinwirft und alle sitzen hier und lesen, ist das schon krass.

Nora & Helena
Aber es gibt auch viele anstrengende Momente, lange Schichten und sehr viele Fragezeichen – wie in jeder Selbstständigkeit, und eigentlich wie in jedem Job. Man ist halt nicht mehr selber zu Gast hier. Wir wollten ja, dass es so was gibt, damit wir da jeden Tag abhängen – jetzt hängen wir jeden Tag da ab, aber eben nicht als Gäste. Ja, genau. Ja und wahrscheinlich

Helen
Und ihr lest wahrscheinlich auch wenig hier, oder?

Nora & Helena
Das würde ich gar nicht sagen, das geht schon. Man kann sich da hinten auch mal eine Stunde hinsetzen und lesen. Ja cool. Man muss halt immer ein Auge darauf haben, ob jemand kommt. Aber es ist definitiv mehr als in einem anderen Nine-to-five-Job. Und nach der Arbeit ist das natürlich auch so. Ich glaube, wir sind dem Lesen und den Büchern schon näher als jemals zuvor. Ja, cool. Falsche. Es ist ja auch gefährlich: Man kriegt die ganze Zeit mit, was es an tollen neuen Büchern gibt. Man hat fast schon Druck, dass man weiterlesen muss. Und man hat einfach Zugang dazu – man muss nicht erst irgendwo hingehen oder es sich kaufen. Ja, das ist echt cool.

Helen
Wahrscheinlich werden jetzt beim Zuhören auch viele Träume geweckt, dass Leute denken: Oh, das will ich auch. Wie hattet ihr euch denn kennengelernt? Also woher?

Nora & Helena
Wir kennen uns schon ganz lange, seit der Schule – so sechste, siebte Klasse.

Helen
Seid ihr hier in Hamburg aufgewachsen?

Nora & Helena
Nee, wir sind in Marburg aufgewachsen, also in Hessen. Und dann zum Studieren weg, nach Lüneburg, zusammen. Wir haben dort zusammen gewohnt. Wir kennen uns jetzt schon länger, als wir uns nicht kannten. Wir haben dann kurz Sachen getrennt gemacht – eine ist nach Kiel gezogen und hat weiter studiert, die andere hat gearbeitet. Und am Ende vom Master haben wir uns quasi wieder zusammengetan. Ach, und dann habt ihr direkt das hier? Ach, cool.

Helen
Ich finde das auch voll mutig. Mir wird auch manchmal gesagt, ich wäre mutig, und in gewissen Teilen würde ich vielleicht zustimmen. Aber ich denke, etwas online zu machen, ist irgendwie viel weniger Risiko. Ihr habt hier ja etwas angemietet, ihr habt Inventar – das ist einfach ein anderes Risiko, das ihr eingeht. Das finde ich schon mutig. Fühl dir euch mutig?

Nora & Helena
Da haben wir neulich echt lange drüber geredet. Also, ich finde, es ist immer so schwierig, weil Mut so mega individuell ist. Also wenn du sagst, Leute sagen dir, du bist mutig, aber du siehst es vielleicht manchmal gar nicht so, weil online ist ja auch was anderes. Also mutig ist ja am Ende nur, was zu machen, wovor man ein bisschen Angst hat.

Helen
Ja, gut, das stimmt. Und ich habe ständig Angst.

Nora & Helena
Ich glaube, wir hatten nie wirklich die Angst davor, was wir gerade machen. Deshalb würde ich auch nicht unbedingt sagen, dass das Mut ist. Ich fühle mich nicht so, als hätte ich etwas überwinden müssen, um das zu machen. Ich glaube, wenn man Mut jetzt irgendwie an Risiken gestmacht oder vor allem finanziellen Risiken, Ich würde das dann mehr Mood kosten, mich online zu präsentieren. Ich würde es mir nicht mehr kosten, eine Büro und ein Nine-to-five-Job. Und so nehmen muss ich eigentlich, ich bleibe jetzt hier.

Helen
Ja, das finde ich total nachvollziehbar, dass das mit dieser Angst eher einhergeht – und die ist ja wirklich individuell. Hab ich irgendwie noch nie so drüber nachgedacht. Ich bin ein super ängstlicher Mensch, aber ich habe immer gar keine Lust, mich davon so einschränken zu lassen. Ich denke immer so: Nee, ich mach das jetzt trotzdem.

Nora & Helena
Aber so hab ich das selber, ehrlich gesagt, nicht gesehen. Ich finde tendenziell sowieso eher Sachen bei anderen mutig. Ja, alle anderen sind mutiger. Aber man müsste sich das eigentlich häufiger selbst zugestehen.

Helen
Seid ihr auch stolz auf euch?

Nora & Helena
Das ist auch so ein großes Thema. Stolz ist für mich auch ein Gefühl, von dem ich mir vorstellen kann, dass es da ist – aber ich weiß nicht genau, was das ist. Ich freue mich darüber, dass es so ist und ich bin dankbar dafür. Und Stolz kann ich irgendwie nicht greifen.

Helen
Ich weiß auch nicht so genau, wie sich Stolz anfühlt – vielleicht muss man das mal ein bisschen zulassen. Stolz auf andere ist einfacher, da weiß ich, wo das sitzt. Bei mir selbst kann ich das irgendwie nicht so greifen.

Nora & Helena
Wir brauchen vielleicht eine Stolz-Bücherwand. Ich hab noch nie etwas gelesen, wo ich das Gefühl hatte, an dieses Gefühl heranzukommen.

Helen
Was ist da genau das Gefühl? Eben hast du gesagt: Selbstzufriedenheit, Dankbarkeit, Selbstbewusstsein.

Nora & Helena
Ich kann mir auch vorstellen, dass wir das – wir sind wahrscheinlich stolz, aber wissen einfach nicht genau, was das ist.

Helen
Also, ihr könnt auf jeden Fall stolz auf euch sein. Ja. Dann sind wir es jetzt. Wir sind jetzt stolz. Und ich bin gespannt, ob ihr Bücher dazu findet. Vielleicht gibt es ja auch Sachbücher dazu, so wie es Wutbücher gibt. Ich wollte noch hier drauf eingehen, weil ich eben auf dem Tisch, an dem wir sitzen, entdeckt, das hier so ein… ich will es irgendwie nicht Blattpapier nennen, aber hier liegt etwas aus. Ein etwas dickes Blattpapier.

Nora & Helena
Ah, die Karte. Oh mein Gott, das ist alles so süß.

Helen
Auf der Vorderseite war mir aufgefallen, dass da ein Hinweis für mich als Leserin steht. Und dann auch Conversation Snacks, wie man über das Buch sprechen könnte. Mit welcher Buchfigur kannst du dich identifizieren und warum? Warum lesen wir so gerne? Ich liebe das total. Ich finde, es ist eigentlich auch so ein Buchclub-Café. Ihr habt ja eure eigenen Buchclubs, aber auch einfach, man kann hier voll gut hinkommen und dann über Bücher quatschen. Das machen auch viele andere Buchclubs. Das ist voll schön. Das ist echt cool. Und die Rückseite, die ihr mir gezeigt habt, ist ja noch cooler: Da gibt es Kategorien, unter denen dann die Getränke und die Kuchen stehen. Ich finde das richtig, richtig schön. So viel Liebe zum Detail. Ist das nach und nach entstanden? Also dass ihr dann immer dachtet, oh lasst uns das noch hinzufügen. Also…

Nora & Helena
Nein. Die Sachen, wie sie hier sind, sind alle von Eröffnungstag an so. Es sind natürlich hier und da noch Sachen dazugekommen. Aber zum Beispiel die Karte, die du gerade gezeigt hast, ist eigentlich von Anfang an so gewesen. Aber der Prozess dahin war halt, dass wir, bevor wir überhaupt wussten, dass wir dieses Café eröffnen, eine Notiz hatten mit all den kleinen Details, die wir hatten. Ja, ja, ja. Das waren die ersten Dinge, die wir so überlegt haben. Ja, ja. Da gab es auch schon eine Playlist, die quasi im Hintergrund läuft. Und eine Buchliste. In dieser Notiz war wirklich alles: von welche Genres wollen wir machen, über was steht auf der Speisekarte, bis zu welches Zitat schreiben wir auf die Tafel. Das sind tolle Prioritäten.

Helen
Ich frage mich, ob man damit nicht auch ein bisschen visualisiert und manifestiert – es ist ja in dem Moment noch nicht greifbar, war aber in eurem Kopf schon so klar, dass ihr genau wusstet, wonach ihr sucht.

Nora & Helena
Es macht auf jeden Fall viel einfacher. Wir sind beide eher kreative als Zahlenmenschen. Und für uns ist so was viel motivierender und viel greifbarer. Und wenn wir schon die Playlist haben und wissen, wie der Raum aussieht, welche Möbel drin stehen und was auf der Speisekarte steht, dann fällt uns auch der Zahlenpart viel leichter.

Helen
Das fühle ich sehr. Und ich finde es voll cool, dass ihr das mit einem gewissen Stolz sagt. Ich bin immer eher so, dass ich denke: Ich kann halt nicht so gut mit Zahlen, ich bin ein bisschen chaotisch im Kopf. Aber ich werde das jetzt auch einfach mit mehr Stolz präsentieren. Weil ich auch immer denke: Ich habe total viele Ideen, und dann will ich erst mal gar keine Realität – die kann das voll kaputt machen. Dann will ich gar nicht wissen, ob man das finanziell umsetzen kann.

Nora & Helena
Das ist bei uns fast ein Hobby: irgendwo zu sitzen und uns etwas auszuträumen.

Helen
Das finde ich sehr inspirierend. Wir haben schon viele Projekte in Gedanken durchgespielt – das hier ist das erste, das wir wirklich umgesetzt haben. Das ist echt witzig. Als ich hier eben auch einmal so durchgelaufen bin, hab ich euch auch gesagt, ich glaube, wir waren zusammen in diesem Bild-der-Frau-Artikel. Ich glaube, saßen die vielleicht sogar hier. Das war ja schon ein relativ großformatisches Bild. Ich habe eben schon gesagt: Voll schade, dass sie euch aber nicht namentlich erwähnt haben. Aber es wurde ja zumindest gesagt ein Buchclub in Hamburg. Also irgendwie, da treffen sich welche tatsächlich vor Ort. Das war quasi der Kontrast zu Mädels, die lesen., wo alles online ist. Und ihr habt ja ganz viele verschiedene Buchclubs. Also leitet ihr die an oder machen die jetzt auf eigene Faust?

Nora & Helena
Wir dachten am Anfang, wir leiten die an und machen ein oder zwei. Aber dann war die Nachfrage so groß, dass es jetzt acht sind. Da sind wirklich so verschiedene Genres. Und wir leiten die nicht an. Wir sind Teilnehmerinnen in manchen und stellen den Raum an zwei Tagen im Monat nach Öffnungszeiten zur Verfügung, also abends. Sie können sich hier treffen und über das Buch sprechen, das sie im nächsten Monat haben. In den Buchclubs gibt es immer eine Person, die sich verantwortlich fühlt und die mit uns kommuniziert. Das ist, glaube ich, wichtig.

Helen
Und wie viele sind da so drin? Von 10 bis 20, würde ich mal sagen. Ach krass, ja. Ist schon auch eine größere Runde. Aber das macht es wahrscheinlich auch nicht immer.

Nora & Helena
Genau, das wollte ich gerade sagen, weil es so ein bisschen den Druck auf der einzelnen Person reduziert, immer dabei zu sein. Cool. Voll gut.

Helen
Also wenn man hier in der Nähe wohnt, kann man einfach mal vorbeikommen. Gerade sind die alle voll, aber das wechselt natürlich.

Nora & Helena
Dann kann man auf die Warteliste. Und immer wieder, wenn Leute abspringen oder nicht mehr so regelmäßig kommen, öffnen die Clubs wieder. Auf der Website stehen auch die Mailadressen von den einzelnen Ansprechpartnerinnen.

Helen
Richtig schön. Habe ich irgendetwas nicht entdeckt oder vergessen, was es noch zu erwähnen gilt? Ihr habt ja auch Veranstaltungen hier. Was ist da gerade in Planung?

Nora & Helena
Wir machen gerade ein bisschen sommerliche Pause. Anfang September haben wir ein bisschen was, und ab Oktober starten wir wieder richtig rein mit Lesungen. Wir lieben den Herbst. Herbst und Bücher ist einfach cool. Ich glaube von der Stimmung würde das auch richtig gut passen. Wir haben auch immer eine Herbst-Winter-Karte mit ein paar Specials. Also das wird dann ganz toll. Und dann gibt es natürlich viele Lesungen. Wir haben schon ein bisschen was in Planung, Poesieabende. Und vielleicht noch mal eine Reading Party – ja, im Herbst gibt es eine Reading Party. Genau, dass man wirklich abends mit Drinks hier sitzen und lesen kann. Wir haben auf jeden Fall genug Ideen.

Helen
Und das erfährt man am besten bei Instagram?

Nora & Helena
Ja, Instagram – und auf der Website stehen die Termine auch. Sehr gut.

Helen
Ja, für alle, die nicht so bei Instagram unterwegs sind. Ja, cool. Das klingt irgendwie richtig schön. Ich will auf jeden Fall noch mal zu den normalen Öffnungszeiten vorbeikommen, mit ein bisschen mehr Zeit. Es hat mich echt gefreut, dass das so spontan noch hier vor Ort geklappt hat und wir uns nicht nur digital gesehen haben – das ist doch ein anderes Feeling. Deswegen danke. Danke auch für den Eiskaffee, der übrigens sehr lecker ist – kann ich nur empfehlen. Dann würde ich sagen, trinken wir den jetzt zu Ende – und ich kann nur sagen: Kommt unbedingt vorbei, das ist wunderschön hier.

Nora & Helena
Danke dir. Das hat Spaß gemacht.

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