Wie du (wieder) mehr liest: die Gewohnheit, die bleibt


Du möchtest mehr lesen – schaffst es aber nicht, wirklich dranzubleiben? Das liegt fast nie an dir und fast immer an der Methode.
Eine Lesegewohnheit entsteht nämlich nicht über Nacht, sondern durch kleine, tägliche Schritte. Und sie braucht Zeit: Im Schnitt dauert es rund 66 Tage, bis ein neues Verhalten sitzt.
In diesem Artikel zeigen wir dir die 66-Tage-Methode – wie aus dem Vorsatz „mehr lesen“ eine Gewohnheit wird, die bleibt. Ohne Druck. Und ohne auf den 1. Januar zu warten.
Der gute Vorsatz „mehr lesen“ – und warum er so oft scheitert
Fast jede*r von uns hat sich schon einmal vorgenommen, mehr zu lesen. Der Vorsatz selbst ist überhaupt nicht das Problem – im Gegenteil, er ist ein wunderschöner. Das Problem ist die Art, wie wir ihn angehen.
Meistens stolpern wir über drei Dinge:
- Wir verlassen uns auf Motivation und Willenskraft – beide sind launisch.
- Wir setzen die Latte zu hoch: „ab jetzt ein Buch pro Woche“.
- Wir knüpfen den Start an ein bestimmtes Datum, das dann doch verstreicht.
Dass Vorsätze verpuffen, ist dabei völlig normal. Der Psychologe John Norcross hat über Jahre untersucht, was aus guten Neujahrsvorsätzen wird. Sein Ergebnis ist ernüchternd und tröstlich zugleich: Nach etwa einem Monat sind noch rund zwei Drittel der Menschen dran, nach sechs Monaten nur noch weniger als die Hälfte.
Der Grund ist nicht Faulheit oder fehlende Disziplin. Es ist schlicht so, dass ein guter Vorsatz allein noch keine Struktur ist. Und genau da setzen wir an – nicht, um dir jede Entscheidung abzunehmen, sondern um dir das Dranbleiben leichter zu machen.
Die 66-Tage-Erkenntnis: wie lange es wirklich dauert
Vielleicht hast du schon gehört, dass eine neue Gewohnheit nach 21 Tagen sitzt. Das klingt gut – ist aber leider ein Mythos.
Die Verhaltensforscherin Phillippa Lally hat 2010 am University College London untersucht, wie lange es tatsächlich dauert, bis ein neues Verhalten automatisch abläuft. Das Ergebnis: im Schnitt etwa 66 Tage – mit einer großen Spanne von 18 bis 254 Tagen, je nach Mensch und Gewohnheit. Lally selbst betont, dass die 66 keine magische Zahl ist, sondern ein Durchschnitt. (Wobei wir zugeben müssen: Als bekennende Schnapszahlen-Liebhaber*innen hätten wir uns keine schönere Zahl aussuchen können.)
Für dich heißt das vor allem eins: Sei geduldig mit dir. Wenn eine Lesegewohnheit nach zwei Wochen noch wackelig ist, machst du nichts falsch. Du bist einfach mittendrin.
Und wann fängst du am besten an? Nicht am 1. Januar. „Mehr lesen“ ist der Klassiker unter den Neujahrsvorsätzen – und genau das ist die Falle: Wir verschieben den Start auf das nächste symbolische Datum. Auf den 1. Januar, den Monatsersten, den nächsten Montag. Damit verschenken wir aber nur Zeit. Für eine Gewohnheit zählt nicht das Datum, sondern die Wiederholung. Der beste Tag, um anzufangen, ist deshalb immer der heutige.
„Ich mache“ statt „Ich lasse“: formuliere deinen Vorsatz positiv
Wie du deinen Vorsatz formulierst, macht einen überraschend großen Unterschied. Eine große schwedische Studie mit über tausend Teilnehmenden (Oscarsson und Kolleg*innen, 2020) hat zwei Arten von Zielen verglichen:
- Annäherungsziele – du willst etwas Neues tun: „Ich lese jeden Abend.“
- Vermeidungsziele – du willst etwas weglassen: „Ich höre auf, so viel zu scrollen.“
Das Ergebnis war deutlich: Die „Ich mache“-Gruppe war am Ende klar erfolgreicher. Ein positiv formuliertes Ziel gibt dir eine Richtung, auf die du zugehen kannst – statt nur etwas, das du dir verkneifen sollst.
Noch kraftvoller wird es, wenn du dein Ziel mit deiner Identität verbindest. Der Autor James Clear beschreibt in seinem Bestseller Atomic Habits* (auf Deutsch „Die 1%-Methode“), dass Gewohnheiten dann am besten halten, wenn sie zu unserem Selbstbild passen.
Der Satz lautet also nicht „Ich sollte mehr lesen“, sondern: „Ich bin jemand, die/der liest.“ Das ist keine Angeberei, sondern eine kleine, freundliche Entscheidung darüber, wer du sein möchtest. Und jedes Mal, wenn du zum Buch greifst, bestätigst du sie.
Lies, worauf du gerade Lust hast
Ganz am Anfang machen viele denselben Fehler: Sie nehmen sich Bücher vor, von denen sie glauben, sie müssten sie lesen. Die großen Klassiker, „100 Bücher, die man gelesen haben sollte“-Listen oder den Roman, der seit zwei Jahren halb gelesen auf dem Nachttisch liegt. Verständlich – aber es macht den Anfang unnötig schwer.
Das Wichtigste in dieser Phase ist deshalb: Lies das, worauf du in genau diesem Moment Lust hast. Ein leichter Liebesroman, ein Krimi, ein Comic, ein Sachbuch – Hauptsache, du greifst morgen wieder gern danach. Damit machst du dir das (Lese-)Leben so viel leichter.
Und ja: Hörbücher zählen genauso. Und wenn ein Buch dich einfach nicht packt, darfst du es auch abbrechen – das Leben ist zu kurz für Bücher, die sich wie Pflicht anfühlen.
Und wenn die erste Hürde einmal genommen ist, wird es richtig schön, auch mal über den Tellerrand zu schauen und zu Büchern zu greifen, die du sonst nie gewählt hättest. „Das hätte ich allein nie gelesen – und war begeistert“ ist eines der Feedbacks, die wir am häufigsten hören. Genau dafür ist Mädels, die lesen. wie gemacht: Gemeinsam entdeckt es sich leichter.
Habit Stacking: häng das Lesen an etwas, das du sowieso tust
Eine der einfachsten Methoden, damit eine Gewohnheit hält, heißt Habit Stacking – ebenfalls von James Clear geprägt. Die Idee: Statt dir eine ganz neue Zeit im Tag freizuschaufeln, koppelst du das Lesen an eine feste Routine, die es in deinem Alltag schon gibt. Der bestehende Ablauf wird zum Auslöser – und du musst dich gar nicht mehr aktiv erinnern.
Ein paar Beispiele, die sich gut andocken lassen:
- Beim Kaffee: Bevor du das Handy in die Hand nimmst, liest du ein paar Seiten – die Tasse in Reichweite.
- Vor dem Schlafengehen: Das Buch übernimmt den Platz, an dem sonst der Feed durchgescrollt wird.
- Auf dem Weg zur Arbeit: In Bus oder Bahn ein paar Seiten – oder ein Hörbuch, wenn du selbst fährst.
- Im Wartezimmer oder in der Mittagspause: Aus Wartezeit wird Lesezeit.
Besonders schön ist das Lesen vor dem Schlafengehen – und falls du dabei sofort wegnickst: perfekt. Dann hat dein Körper die Ruhe offensichtlich gebraucht, und das ist genau richtig so. Anders als das Scrollen oder die nächste Folge auf Netflix bringt ein Buch dich eher runter, statt dich wachzuhalten. Der Sleep Foundation zufolge unterstützt Lesen vor dem Einschlafen den Schlaf – ohne das blaue Bildschirmlicht, das ihn stört. So erholt Lesen am Abend oft nachhaltiger als der Feierabend vor dem Bildschirm.
Und wenn du magst, machst du es wie Rory Gilmore: Die hatte für alle Fälle immer mindestens ein Buch dabei – am liebsten sogar eins pro Stimmung. Man weiß ja nie, wann sich die nächste Wartezeit (oder Stimmung) auftut.
Fang klein an – bei uns sind das zehn Seiten am Tag. Zehn Seiten klingen machbar, und das sind sie auch: Im Schnitt liest man rund ein bis anderthalb Minuten pro Seite, macht also etwa zehn bis fünfzehn Minuten. Nach diesen zehn Seiten pro Tag richten wir bei Mädels, die lesen. sogar die Länge unserer Leserunden aus. Zehn Seiten, die du wirklich jeden Tag schaffst, bringen dich weiter als hundert, die du dir vornimmst und dann doch nicht liest.
Und mach es dir schön: eine Kerze an, ein Tee in Reichweite, die Lieblingsdecke über den Knien. Das Lesen ein bisschen zu romantisieren – es zu einem kleinen, liebevollen Ritual zu machen – ist kein Kitsch, sondern ein Trick. Denn was sich schön anfühlt, wiederholen wir ganz von allein.

Miss das Gefühl, nicht die Seitenzahl
Die zehn Seiten sind dabei eher eine liebevolle Einladung als eine Messlatte. Denn sobald wir anfangen, Seiten zu zählen und zu vergleichen, wird aus dem Lesen schnell wieder eine To-do-Liste. Und genau das wollen wir vermeiden.
Ähnlich ist es beim Bücherzählen: Viele messen ihren Fortschritt an der Anzahl gelesener Bücher – dabei sagt die noch weniger aus als die Seitenzahl. Zwischen einem 120-Seiten-Büchlein und einem 900-Seiten-Roman liegen schließlich Welten.
Viel tragfähiger ist eine andere Frage: Wie hat sich das Lesen gerade angefühlt? Dieses gute Gefühl ist der eigentliche Motor – es sorgt dafür, dass du morgen wieder zum Buch greifst.
Und es braucht dafür erstaunlich wenig: Eine Studie der University of Sussex zeigte schon 2009, dass bereits sechs Minuten Lesen genügen, um den Stresspegel deutlich zu senken – um bis zu 68 %. Lesen ist also weniger Leistung als Selbstfürsorge. Ein „schlechter“ Lesetag mit nur zwei Seiten ist deshalb kein Rückschritt. Du hast es probiert – und das zählt.
Und wenn im Alltag kaum Zeit für dich bleibt?
Gerade wenn Kinder, Familie oder ein voller Job den Tag bestimmen, fühlt sich Zeit für sich selbst schnell wie Luxus an – manchmal sogar ein bisschen egoistisch. Das ist absolut verständlich. Und trotzdem darfst du dir diese kleinen Momente nehmen: Lesen ist kein Luxus, sondern eine der leisesten Formen der Selbstfürsorge.
Es muss sich dabei nicht nach noch einer Aufgabe anfühlen. Ein Hörbuch beim Kochen, beim Wäschelegen oder beim Spaziergang mit dem Kinderwagen. Fünf Seiten, während die Kinder spielen. Oder ihr macht es sogar zusammen – auch das Kind mit seinem Bilderbuch neben dir zählt. Es geht nicht darum, noch mehr zu schaffen, sondern darum, dir zwischendurch etwas zurückzugeben.
Wenn du nachlässt, darfst du einfach weitermachen
Es wird Phasen geben, in denen das Lesen liegen bleibt – nach einem Monat, nach einem halben Jahr, mitten in einer stressigen Zeit. Das ist, wie die Zahlen von Norcross zeigen, keine persönliche Schwäche. Es ist schlicht das, was bei den allermeisten Menschen passiert.
Was wirklich zählt, ist etwas, das die Autorin Mimi Bouchard in ihrem Buch Activate Your Future Self* „Bounce Back Rate“ nennt: nicht, ob du mal rausfällst, sondern wie schnell du wieder zurückfindest. Ein ausgelassener Tag oder eine ausgelassene Woche ist kein gebrochener Vorsatz – und schon gar kein Grund, alles hinzuwerfen.
Du darfst einfach morgen weiterlesen. Genau diese Erlaubnis, immer wieder anzufangen, trägt eine Gewohnheit langfristig. Und du musst dafür nicht auf den nächsten Monatsersten warten.
Gemeinsam bleibt man dran
So sehr das Lesen ein stiller, eigener Moment ist – beim Dranbleiben hilft Gesellschaft enorm. Feste Termine, ein gemeinsamer Leseabschnitt, der Austausch über eine Geschichte: All das gibt deiner Lesegewohnheit einen Rahmen, den du nicht jeden Tag neu aus dir selbst schöpfen musst.
Genau dafür gibt es unsere Mitgliedschaft. Wir lesen gemeinsam, in einem entspannten Tempo und mit festen Terminen – und die geben dir ganz nebenbei die Struktur, die eine Gewohnheit braucht.
Und keine Sorge: Die zehn Seiten am Tag sind bei uns kein Muss. Wer unter der Woche wenig Zeit hat, holt am Wochenende nach – und die Leseabschnitte sind kein Zwang, sondern eine Orientierung, die vielen guttut. Bei uns gilt sowieso immer: alles kann, nichts muss.
Und wenn du erst einmal stöbern möchtest, welche Bücher uns bisher begleitet haben, findest du sie alle unter Was wir lesen.
Häufige Fragen rund ums Lesen als Gewohnheit
Wie lange dauert es, eine Lesegewohnheit zu etablieren?
Im Schnitt etwa 66 Tage. Das ergab eine Studie von Phillippa Lally (2010), in der die Spanne allerdings groß war: Bei manchen Menschen saß die Gewohnheit schon nach 18 Tagen, bei anderen erst nach 254. Plane also lieber ein paar Monate ein als ein paar Wochen – und werte es nicht als Scheitern, wenn es bei dir länger dauert.
Stimmt es, dass man nur 21 Tage braucht?
Nein, das ist ein weit verbreiteter Mythos. Die 21-Tage-Regel geht auf eine Fehlinterpretation älterer Beobachtungen zurück. Die aktuelle Forschung zeigt einen deutlich längeren und individuelleren Zeitraum – im Durchschnitt rund 66 Tage.
Muss ich auf Januar, den Monatsersten oder Montag warten?
Nein. Das sind zwar beliebte Startdaten – „mehr lesen“ ist ein Klassiker unter den Neujahrsvorsätzen –, aber für eine Gewohnheit zählt die Wiederholung, nicht das Datum. Der beste Tag zum Anfangen ist heute.
Wie schaffe ich es, jeden Tag zu lesen?
Am leichtesten, indem du das Lesen an eine feste Alltagsroutine koppelst (Habit Stacking) – zum Beispiel an den Kaffee am Morgen oder an den Moment vor dem Einschlafen. Fang klein an (bei uns sind das zehn Seiten am Tag) und miss deinen Erfolg am guten Gefühl statt an der Seitenzahl.
Was mache ich, wenn ich meinen Vorsatz gebrochen habe?
Einfach weitermachen. Ein ausgelassener Tag oder eine ausgelassene Woche ist völlig normal und kein Grund, den Vorsatz ganz aufzugeben. Entscheidend ist nicht, ob du mal rausfällst, sondern wie schnell du wieder zurückfindest.
Unsere Quellen
Phillippa Lally u. a. (2010), „How are habits formed“, European Journal of Social Psychology · John C. Norcross u. a. (2002), „Auld Lang Syne“, Journal of Clinical Psychology · Martin Oscarsson u. a. (2020), „A large-scale experiment on New Year’s resolutions“, PLOS ONE · David Lewis / Mindlab, University of Sussex (2009), Studie zum Stressabbau durch Lesen · Sleep Foundation, „Reading Before Bed“ · Marc Brysbaert (2019), „How many words do we read per minute?“, Journal of Memory and Language (Lesegeschwindigkeit) · James Clear, „Die 1%-Methode“ (Atomic Habits). Der Begriff „Bounce Back Rate“ stammt von Mimi Bouchard.
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