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Herkunft

von Saša Stanišić

Monatsbuch 08/21

So haben die Mädels das Buch bewertet:

mit 163 Mädels gelesen
Lieblingsfigur: Großmutter Kristina

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Antworten von Saša Stanišić auf unsere Fragen

Was hat es mit den Nierenbohnen auf sich? Dazu haben wir online nichts gefunden und auch leider niemanden gefunden, der/die mehr wusste. Ist dies ein verbreiteter Aberglaube oder quasi eine Eigenheit der Großmutter?

Nierenbohnen waren anscheinend ein recht gängiges Mittel in Jugoslawien, um die Zukunft vorauszusagen. Es gab viele andere auch, in Erinnerung geblieben ist mir noch der Kaffeesatz. Meine Oma hat oft aus den Bohnen “gelesen”, ich durfte Zeuge sein, mal auch bei ganz fremden Leuten, die zu ihr kamen und um Rat fragten. Sie war eine sachliche Person (im Nachhinein), aber in dieser Sache recht abergläubig. Allerdings glauben viele, die ich dazu befragt habe, dass sie selbst nicht wirklich an die Macht der Voraussage geglaubt hat. Dazu sei sie zu “pfiffig” gewesen.

Es gab viele Fragen zum Ende. Die häufigste war 'Warum dieses Ende?' und auch, wie du auf die Idee gekommen bist.

Ich habe nach einer literarischen Entsprechung meiner Erfahrung gesucht, oft nicht verantwortlich sein zu können für das eigene Schicksal. Wir waren als Geflüchtete in Deutschland auf verschiedene Formen von Güte angewiesen – von Sachspenden bis Rat und Tat und Hilfe auf Ämtern. Unterwegs nach Deutschland brachte uns ein Busfahrer über die Grenze, die unüberwindbar schien. Mein Deutschlehrer nahm sich meiner an und half mir mit meinen Gedichten usw. An sehr wichtigen Kreuzungen und Wegen meines Lebens standen also stets hilfsbereite Menschen und haben “entschieden”, mir und uns beizustehen.
Eines der wichtigsten Themen des Buches ist also dieser Zufall, der auch mit unserer Herkunft eng verknüpft ist und uns alle von Beginn lenkt – wo man geboren wird, in welche Familie etc. Ich wollte das also literarisch simulieren, den Zufall in die Hände der Leser und Leserinnen geben, und das ging eben nur, indem ich die Fäden aus der Hand gab und die Entscheidungen anderen überließ.
Und zum zweiten war dies inhaltlich auch ein erzählender Weg, von meiner Großmutter Abschied zu nehmen. Sie mitzunehmen in eine Geschichte, in der sie selbst zuletzt auch viel unterwegs war, in den Resten ihrer Erinnerung an ihren Mann und an das Dorf, in dem sie als Paar zusammenkamen (so glaubte ich es, die wahre Geschichte ist dann doch etwas sachlicher und banaler).

Auch passend dazu: Bist du wirklich zur Großmutter zurückgefahren?

Ja, bin ich. Aber wir sind dann nur in ihrem Zimmer zu den Drachen – in einer Geschichte …

War es schwer, die eigene Geschichte in 'Herkunft' niederzuschreiben (und damit vermutlich ein Stück weit zu verarbeiten)?

Ich habe einige der Texte darin vor langer Zeit geschrieben, andere schleppte ich mit mir lange als Fragen oder Ideen, Fragen theoretischer Art, Fragen zu Heimat und Herkunft und Zugehörigkeit usw., und Ideen, wie diese Fragen vielleicht auch über meine Person hinaus etwas erzählen könnten über Flucht, Heimatverlust, Rassismus, aber auch Integration, Spracherwerb und letztlich das Miteinander in Deutschland. Schwer war das nicht wirklich, weil es Jahr um Jahr notwendiger wurde, wie so eine große Last, die man mit sich schleppt, und für die man einen Ablageort sucht. Dieser Ort war das Schreiben für mich. Jetzt fühle ich mich wieder leicht.

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